Contact Festival 2017 – Rückblick und Festival-Kritik

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Dieses Jahr gab es gar keine Club-Nacht für mich. Da muss man doch was machen. Aber Nacht und so? Geht das denn nicht auch ein klein wenig anders? Schließlich bin ich 37. In dem Alter wird man beim Ecstasy kaufen schon von seinem jugendlichen Dealern gesiezt. Also warum nicht auf das verhasste Contact-Festival, bei dem ich vor ein paar Jahren einmal war. Damals gab es ein paar ordentliche Defizite in der Organisation. Es war aber auch nicht alles schlecht. Wenn es damals wie gestern nur nicht so kalt gewesen wäre… Dezember bleibt halt leider auch Dezember.

Es ist kein Geheimnis, dass ich von dem Echelon-Veranstalter nicht viel halte. Miese Preispolitik. Abzock-System „Getränkemarken“, welches man dieses mal „Token“ genannt hat, nur das Prinzip bliebt das gleiche. Außerdem konnte man die Becher nicht überall zurückgeben (nur gegen neu gefüllt austauschen) und die übrigen Marken  auch nicht da zurückgeben wo man sie gekauft hatte – sondern irgendwo ganz woanders. Die Token waren auch nicht beschriftet wie viel der einzelne Wert war (Klasse Idee halbe Tokens mit drauf zu machen, die an der einen Bar als volle akzeptiert wurden, woanders nicht) und man hatte im Prinzip überhaupt keinen wirklichen Überblick was man noch für Möglichkeiten hatte und wann man neue holen musste. Klar kam ich/wir schon gut angetrunken an. Doch sollte ein System auch für die Berauschten Sinn machen: Denn wir sind eure Kunden.

Die Schließfächer anstelle einer normalen Garderobe empfand ich als eine gute Idee. Der Raum war schön beheizt und man konnte immer ran wenn man wollte. Nur. 8 Euro für ein Schließfach? Da passten auch nicht „locker“ drei Jacken rein, wie man noch auf Facebook getönt hatte. Es ist Winter verdammt! Da passte gerade mal eine Winterjacke rein, und ein Pulli! Zu den 8 Euro kamen auch noch 5 Euro Schlüsselpfand. Dieser Pfand war das Einzige was Sinn machte…

Ne. Dass dieser Veranstalter uns tief in die Taschen greifen würde war zu erwarten.

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Die Idee mit den kostenfreien Decken zum über die Schultern legen fand ich gut. Hätten ein paar mehr sein können. Und. Was sagt es über ein Festival aus, bei dem man Decken braucht um nicht zu erfrieren? So oft sind wir dann auch nicht zwischen den Hallen gependelt. Im Kesselhaus drüben waren wir einmal. Und in diesem neu gebauten (schönen Glaskasten) auch. Optisch waren die Aufbauten okay bis hübsch. Leicht spacig. Es gab endlich auch einen kleinen Chillout-Bereich. Zum Hinsitzen. Das war angenehm. Und so manch einer nutzte die Sitzgelegenheiten. Um unter den Decken. Verschmitzt lächelnd. Drogen zu nehmen.

Über die Anlage im Zenith-Bereich wurde schon so viel gelästert: Zu Recht.

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Aber ich war ja mit Freunden da. Um Freunde-Sachen zu machen. Das funktionierte sehr gut und wir hatten Spaß an uns. Ganz besonders auf der Hinfahrt. Im Laufe des Tages flaute das ab. Der ganze Alkohol und … Machten es anstrengend. Derselbe Level ist selten zu halten. Schön aber das gleiche Niveau überhaupt mal gehabt zu haben. Jeder hat so seine Wünsche an die Nacht. Jeder seine Erwartungshaltung. Die Schnittpunkte verwischen manchmal und man muss sich mit weniger zufrieden geben.

Wir waren ja auch schon mittags aufgebrochen um gegen 15 Uhr 30 Rodhad zu hören. Der war mir aber zu dröhnend bassig. Nichts wofür man jetzt unbedingt früh anreisen musste. Hat man den gehypten Mann von vor zwei Jahren auch mal gehört. War ordentlich. Nicht mehr.

Ebenso wie bei Reinier Zonneveld. Drüben. Im Kesselhaus. Da war die Stimmung viel komprimierter, geballter. Hier hatte die Crowd auch schon zu der frühen Tageszeit Bock. Die Hände waren schon oben und… Na ja. Mehr ist von einer Crowd 2017 nicht zu erwarten. Also Hände oben, ein wenig Geschrei: Gute Sache.

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Kölsch wollte ich unbedingt hören. „Opa“ ist ein Mörderbrett und wurde nach einer Stunde von dem Mann mit Hut auch herausgehauen. Dass der Act aus Dänemark (nein, nicht aus Köln) mehr ist als ein One-Hit-Wonder bewies das darum herum aufgebaute Set. Ich fand es sehr tanzbar und es machte mir sehr viel Spaß. Es war mit das beste Set an diesem Tag. Ich war frisch und unverbraucht. Es war Zeit den Schuh fliegen zu lassen. Neben dem alten Rein/Raus-Spielchen: Rauchen und Token kaufen.

Weil meine Leute ein wenig lädiert und ich eh schon im Reiseleiter-Modus war, schob ich sie im Laufe des Tages von Bühne zu Bühne. Das ging ganz gut, weil noch nicht sooo viel los war. Ein wenig nervig war das Aufgepasse auf seine Leute zwar schon. Gehört aber halt dazu wo Gläser gekreuzt werden.

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Wir (na ja, vielleicht mehr ich) tanzten und hörten (eher die anderen) bei Uros Umek zu. Den Umek hatte ich auf meinem letzten Contact gerne gehört und auch diesmal enttäuscht er mich nicht. Sein Sound war schon immer treibender und flippiger als der normale Techno-Kram. Nicht ganz so kühl, nicht ganz so bolzig, schön 4 to the Floor mit einer leichten Prise musikalischer Gewürzmischung. Nicht das beste Set des Slowenen. War aber okay.

Süß war das back to back Set von Adam Beyer und Ida Engberg neben an. Das Schweden-Pärchen. Das war natürlich schön Bass und Rhythmus orientiert. Ein wenig holzig, ein wenig doof: Wunderbar 😀 Nicht der höchste Schwierigkeitsgrad für den Körper. Genau richtig schön zum Grinsen und Mitbouncen.

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Leider werden die Leute die auf Techno-Veranstaltungen gehen immer fauler. Man darf die gar nicht auf der Tanzfläche beobachten. Das ist eine Entwicklung die ich schon seit Jahren kopfschüttelnd kommentiere. Gestern waren die Leute aber schon extrem faul. Vielleicht. Liegt es aber auch an den Drogen. Die werden immer stärker, immer konzentrierter. So dass man gar nicht mehr die Energie hat wie ein Irrer zu dancen. Schade. Denn gerade so was musste man beim Set von Klaudia Gawlas machen. Sonst macht die Frau doch gar keinen Sinn!

Es macht immer Spaß mit ihr. Mit ihrer harten Form von Techno. Die Art von Techno, die mich vor 18, 19 Jahren zu der Musik brachte. Trotzdem (und gerade deswegen): Nach all den Jahren empfinde ich den Sound als ein wenig öde. Das kenne ich schon in- und auswendig und habe ich gerade in den Nuller Jahren viel besser gehört. Überhaupt und sowieso hat mich das musikalische Programm des Contacts daran erinnert, wie sehr ich mit dieser Art von Musik durch bin. Ja, ich liebe den ganzen Scheiß. Ja, we never stop living this way. Trotzdem muss man doch auch nicht beim immer gleichen Geknüppel stehen bleiben. Es gibt so viele verschiedene Formen von Techno (ich verwende den Begriff immer noch wie jemand aus dem Jahre 2000), von elektronischer Musik, dass ich mich mehr nach Abwechslung sehne. Die auf dem Contact nicht gegeben war. Klar ist es auch geil ein straightes Techno-Event im Jahre 2017 zu haben (es gibt ja immer noch genug davon, zum Beispiel die Time Warp in Mannheim), ich find´s dann halt ein wenig fad. Deswegen war´s das auch für uns und diese Party.

Hat Spaß gemacht. Nur mehr im Nachhinein als wirklich in der Zeit als wir da waren.

 

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Gorillaz live – die Humanz-Welt-Tour in München, es war der 11.11.2017

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Als das erste Gorillaz-Album erschien war mir das ganze Projekt zu affig (haha). Der neue Albarn-Sound war seiner Zeit sehr neu und hip, was selbst ich in meiner damaligen spätjugendlichen Lebensphase anerkannte. Die Band erschuf damals mit ihrem Stil-Mix etwas einmaliges, etwas Neues. Nur. Fleming war damals so auf Techno, das so eine Kommerz-Pop-Band bei ihm nicht wirklich punkten konnte. Und dann wurde da auch noch gerappt: Ging gar nicht. Gestern, 16 Lebensjahre nach dem Erscheinen des nach der Band selbst betitelten ersten Albums, sah die Sache anders aus. Gorillaz? Sollte man sich mal anhören. Ganz schlecht sind die ja nicht. Wenn auch, okay, immer noch zu poppig. Aber Mister Damon Albarn auf der Bühne hat man nicht alle Tage. Und nicht zuletzt: Meine Freundin ist großer Gorillaz-Fan.

 

Ins Münchner Zenith fahre ich nicht nur gefühlt alle paar Monate. Die Besonderheit gestern war, dass wir  fast pünktlich zur Öffnung der Halle dort waren, um 18:30 Uhr. Trotzdem war da schon eine extrem lange Menschen/Fan-Schlange vor dem Eingang. „Das wird nichts mehr“, meinte ich betreten zu meiner Freundin und meinte damit, dass wir zu spät ankamen um noch einen Stempel zu bekommen um noch vor dem ersten Wellenbrecher direkt vor der Bühne stehen zu können, wo die Sicht auf die Bühne am besten ist. Im klammen München regnete es stark zu dem eisigen Wind, der wütend und bitter unsere Schirme auf links toste. Schlamm vom aufgewühlten Schotterpark-Platz des Zenith-Geländes klebte an unseren eiligen Schuhen. Doch. Oh Wunder. Wir ergatterten einen der erhofften limitierten Plätze vor der Bühne. Ab zum Merchandise-Stand.

Ich bin noch nie auf das Merch in einem Blog-Eintrag eingegangen, da ich aber bei Justice in Köln kein Shirt in meiner Größe bekommen habe und z.B. bei „the kills“ die Qualität der Shirts derart billig war, dass selbst die Sklaven-Kinder aus den Sweatshops in Kambodscha empört die Augen verdreht hätten, will ich auch mal erklären dass die Gorillaz-Produkte von erstklassiger Quanti- und Qualität waren. Zumindest vor dem Waschen…

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Vorband war Little Simz. Klarer Fall von überhaupt-nicht-meine-Musik. Das interessierte die Kleine die aussieht wie die von „Chewing gum“ gleich mal überhaupt nicht und walzte mit ihren Hip-Hop-Tunes nicht nur mich platt und zerrte dadurch meine Arme nach oben. Selten habe ich eine Vorband erlebt die a) so gut beim Publikum ankam und die b) sich so viel Mühe gab um die faule Crowd – die einen Haufen Geld dafür ausgegeben hat, um eine ganz andere Band zu hören – von ihrer Musik zu überzeugen. Und das machte richtig Fun. Es wurde am eigenen Körper gezeigt, dass es auch geil sein kann ein Publikum an die Hand zu nehmen.

Punkt 20 Uhr Little Simz. Punkt 21 Uhr: Gorillaz.

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Die Gorillaz kommen gerade von einer Tour durch Amerika nach Europa. Da muss sich fast die Frage stellen, ob die Band überhaupt noch richtig Bock hat auf Tour-Alltag und Live-Dates. Manche Bands spulen die Konzerte einfach nur noch ab. Die Gorillaz (zum Glück) nicht. Die hatten richtig Bock.

Es ging von der ersten Minute an richtig ab. Jetzt fragt mich nur nicht wie die Lieder im einzelnen hießen, aber es war wurde den ganzen Abend viele Sachen von der neuen, eigentlich gar nicht so umwerfenden Platte, gespielt. Doch es bewahrheitete sich wieder einmal, dass in Live-Situationen der Sound ganz anders klingt – und rockt. Bereits nach einer halben Stunde war ich total nass geschwitzt und feierte Songs ab, die ich entweder gar nicht kannte oder nur kaum; und Lieder wie „Andromeda“, die auf Platte eher melancholisch klingen, wurden zu Party-Bestien aufgeblasen. Von „We´ve got the power“  und der wahnsinnig geil live gesungenen Disco-Nummer „Strobelite“ ganz zu schweigen.

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Ich hatte mir zuvor natürlich mal ein Live-Konzert der Band angesehen und die fand ich eigentlich eher so: „Na ja“… Aber Titeln die auf Youtube eher die Luft ausgingen wie „Sex Murder Party“ waren in dem in Echt-Moment ein Hands-Up-Muss, bei dem plötzlich einer der zahlreichen Gastsänger sich in der Menge euphorisch an dir vorbei sangen.

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Auf der Bühne waren ständig 10 Leute am Arbeiten, was man hörte und fühlte. Aber man hörte und sah auch, wie viel Spaß dieser Haufen da oben hatte. Die feierten permanent sich und das Publikum ab und waren genau dass, was man von so einer Band erwarten kann: Euphorische Profis. Fast alle der Gastsänger waren am Start und so war es kein Wehrmutstropfen, wenn einmal ein Sänger nur über die Videoleinwand eingespielt wurde. Profis bei der Arbeit zuzusehen macht richtig Spaß, wenn es ihnen Spaß macht.

Ich hatte einmal so eine Situation auf dem Southside-Festival, damals, bei den Foo Fighters. Er schüttete wie aus Kübeln und die Menge feierte die Band richtig ab. Die spulten professionell ihr Programm ab: Blieben aber menschlich kalt und distanziert. Gestern sah man nur einen bis über beide Ohren grinsenden Damon Albarn der nach ein paar Songs schon komplett durchgeschwitzt war und die Menge weiter nach vorne sang und schrie.

Hier. An dieser Stelle. Kann man auch mal das Münchner Publikum loben: Oft seid ihr ein bisschen lame. Gestern aber. Brüder und Schwestern. Habt ihr einen guten Feierjob erledigt.

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Die Bands mit den unzähligen Hits spielten überraschend wenige davon. „Stylo“, „Feel good Inc“, „Clint Eastwood“. Burner wie „Dare“ oder „Dirty Harry“ fehlten leider im Programm, das mit 1,5 Stunden auch nicht überragend lang war. Mir reichte es nach dem Set aber auch. Ich hatte anderthalb Stunden mehr Spaß gehabt als bei manchen Konzerten die 2 Stunden dauern, wo 30 Minuten überflüssig waren. Tatsächlich war ich nicht auf wenigen Konzerten und dieser Gorillaz-Gig war einer der besten Live-Auftritte die ich jemals erleben durfte. Gerne mehr. Gerne mal wieder.  Und dann bitte mehr von Zebra Katz 😀

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Absolution – 2 – Tanzen auf Ecstasy

Paul, um den es hier gehen soll, tanzte bald schon wieder alleine auf der stickigen Tanzfläche des „Ultraschalls“.  Nicht wirklich „alleine“. Die Tanzfläche war voll und wenn man nicht achtgab, konnte man sehr schnell die Person neben sich anrempeln und in ihrem Tanz stören. Es waren noch nicht die Jahre der überfüllten, geradezu überrannten Tanzflächen. Noch akzeptierte man den Raum den der Nächste benötigte um sich zu entfalten. Noch trampelte niemand auf der Moral dessen mit den gleichen Rechten herum. Paul tanzte nur für sich. Dafür war er nach München gereist. Er hatte das mit seinen Freunden getan und ja, dieses Feierreisen war hauptsächlich ein Freundschaftsding. Dennoch waren es genau solche Momente wie diese hier, die ihn immer wieder in die Clubs der großen, großen Stadt zogen. Paul liebte es zu Tanzen. Paul liebte diese Form von Freiheit. Wenn keiner etwas von dir will und die Musik dich in eine andere Welt saugt. Dass war Pauls Urlaub. Seine Freiheit. Seine Liebe. Für ihn waren diese Geschehnisse vorhin – die Umarmung mit Katha, die Bildung des magischen Kreises – nur Episoden der Nacht. Schönes Beiwerk. Tatsächlich aber war er nur zum Tanzen hierhergekommen. Darum ging es.

 

Katha hatte ihn noch angelacht. Dann war sie in dem falschen Nebel verschwunden, der wie eine Wand auf der Tanzfläche lag. Rein faktisch sah Paul gar nichts. Da war nur der Sound. Und der dicke, dicke Nebel. Hin und wieder blitzte etwas. Ein Arm flog vorbei. Eine wüste Gestalt… Irgendwo… Wäre er noch fähig zu Assoziieren, hätte er an Carpenters „Der Nebel“ denken können. Oder an ein schottisches Hochmoor. „American Werewolf“. Oder so. Die Optik war auf jeden Fall sehr spuky. Aber das war ihm natürlich total egal. Das Ecstasy schob ihn brutal voran. Und er fand es schön gerade Katha bei sich gehabt zu haben. Die süße, schöne, kleine Katha. Mit ihrem ehrlich schönem Lachen. Und den gelockten Haaren. Eine Frau, ein Mädchen mit 20 Jahren. Das aus ihrem Herzen heraus strahlen konnte. Und nein. Das konnte nicht nur die Wirkung des Ecstasys sein. Die  so genannten „Teile“ machen Dinge ja nicht schöner, sondern nur offensichtlicher… Er könnte gar nicht sagen, ob das stimmte… Auf alle, alle, alle, alle Fälle ging es ihm sehr gut. Ihm ging es leuchtend… Blendend. Wunderbar.

 

Als er begann im hellen, dicken Wolkennebel im Keller des Ultraschalls zu tanzen, wunderte er sich fast, wie leicht sich die gerade so schweren Arme fühlten, wie angenehm zart er sie zum harten Beat um seinen Körper gleiten lassen konnte. Er fühlte sich wie eine schwebende Sternschnuppe. Ein elektrisch geladenes Teilchen… Teilchen… Haha. Dabei musste er schmunzeln… Ohne auch nur eine Sekunde mit dem Getanzte innezuhalten. Ein Sonnenteilchen voller Glück. Und ja. Ihm war klar wie klischeehaft druff das schon wieder klang. Aber das war er. Ein Wesen voller Glück. Voller Energie. Jenseits von Gut und Böse. Ein Schmetterling. Ein Engel. Von sich selbst. Und von der Welt. Völlig losgelöst.

 

Er tanzte.

 

Der Nebel wurde mal mehr, mal weniger. Und bei dem Versuch die gekachelte Tanzfläche der alten Industrieanlage zu ein wenig zu durchlaufen. Verlief er sich… Auf diesen 30 Quadratmetern. Irrte er umher. Sah und trag niemanden. Was vollkommen unmöglich war. Und dabei war es doch auch ganz egal. So gut war das Gute. So schön war das… Schöne… Er würde gerne jetzt… Katha in die Arme nehmen. Gar nicht mehr. Nur einander festhalten. Und glücklich sein. Jenseits von Sex. Jenseits von allen Versprechen. Jenseits von Bindungen oder Zeit. Einfach nur hier, und jetzt. Und gut.

Er blieb stehen. Und tanzte weiter.

Nichts destotrotz zauberte es Paul ein Lächeln auf seine Lippen, als er neben sich Chris wahrnahm. Chris schien ihn – möglicherweise – schon eine Weile zu beobachten. Ob der Zeitraum in diesem Moment eine halbe oder gar fünf Minuten ausmachte, spielte in diesem Zustand keine Rolle. Pauls Verwunderung war kurz und sofort verflogen. Er mochte Chris. Auf Droge sowieso noch mehr als ohnehin. Was kein Grund für Paul war das Tanzen einzustellen. Sein Körper machte einfach weiter und wenn Chris Lust dazu verspüren würde, würde er mitmachen. Chris aber stand einfach nur da und rauchte seine Zigarette. Paul konnte und wollte auch gar nicht wirklich erkennen, was für ein Gesicht der Chris da zog. Es spielte auch gar keine Rolle. Die Musik, die Bewegung und die Droge bereiteten ihm genug Vergnügen um einfach weiter zu machen. Und als der im Untergrund weltberühmte DJ eine noch aufpeitschendere Platte spielte, musste Paul Chris einfach angrinsen. Dazu beschleunigte er seine Bewegungen. Chris grinste ihn aufmunternd an. Bis. Bis Chris sich zu ihm vorneüberbeugte und leicht nass in sein Ohr brüllte: „Lass mal hochgehen!“. Ohne zu Zögern nickte Paul seinem Freund zu. Er war inzwischen so drauf, dass jede Aktion eine gute Aktion zu sein schien. Das zweite Ecstasy-Tablettchen mit dem Misubishi-Symbol zu essen war ihm in dem Moment vor 20 Minuten wie eine blöde Idee vorgekommen – natürlich hatte er es trotzdem gemacht. Hatte die von einem dunklen Drogenimperium selbst gestanzte Tablette aus Chris verschwitzter schmutziger Hand in seinen Mund genommen. Sie hinunter gespült.

„Hochgehen“ war eindeutig ein Ausdruck dafür um an die große Bar zu gehen.

„Solomun“ auf der Prater-Insel in München, es war der 4.6.2017

So eine Party ist wie die bezahlte Version eines Flash-Mobs: Menschen die sich größtenteils nicht kennen kommen für ein paar Stunden zusammen um etwas Außergewöhnliches zu erleben. Dabei wird dann nicht nur die große gemeinsame Geschichte der Nacht erzählt, die ewig gleiche und immer wieder andere Version dieser „Abfahrt“, die vor Generationen begann und die einfach nicht zur Ruhe kommen will, viel mehr sind da die vielen kleinen persönlichen Geschichten, die jede/r einzelne als subjektives und liebenswertes Wesen in so eine Veranstaltung mit einbringt. Der Eine, der schon eine Nacht durchgemacht hat und ziemlich ausgepowert ist, die andere, die einen dramatischen Streit mit ihrer Familie wegen Nichtigkeiten hat, der Nächste, der voller Stress ist, deswegen nicht abschalten kann und wie ein Klotz herumsteht, ein getrenntes Paar, das vielleicht keine Drogen mehr zusammen nehmen sollte, was an solchen Tagen in Problemen mündet, dann die Damen, die lieber nichts über sich Preis geben, während Geschwister von alten Freunden über deren Erkrankungen erzählen. Jeder Einzelne hat seine Story zu erzählen, weshalb er an diesem Tag auf der Prater-Insel so war wie er war, warum er die Dinge so anging wie er sie behandel musste und warum er Teil dieser Menge war, die an diesem Tag zusammen gekommen war, um´- wir wissen es – eigentlich etwas Schönes zu erleben.

Im Endeffekt werden diese Geschichten von den Unterhaltungschefs an den Platten/CD-Spielern oben tüchtig platt gewalzt. Das ist die Therapie die DJs anbieten: Leute tüchtig und glücklich platt walzen, so dass jeder die gleiche Jetzt-Geschichte mit seinem Tanznachbarn teilen kann, ohne an seine eigene denken zu müssen und ohne den Typen neben sich zu kennen. Die Soundgewaltigen oben an den Reglern sind große Gleichmacher die nicht nach den „Warums“ und Gründen fragen, sondern eine Möglichkeit des Gemeinsamenmiteinanders anbieten, bei dem man nur ein wenig mit dem Hintern wackeln oder die Arme heben muss, um dazuzugehören. Wenn man denn so will. Wenn man es überhaupt kann.

Dieses „Nicht-Können“ war gestern nicht nur ein Teil der Perspektive die jeder selbst mitbrachte. Es lag auch am Veranstalter, denn es waren einfach viel zu viele Menschen im Häuserhof der Prater-Insel. Ich weiß gar nicht wie oft und in wie vielen Texten ich schon darüber gemotzt habe, dass zu viele Karten verkauft werden und man auf Tanz-Events nicht mehr (hoppla) tanzen kann. Das führt sie ad absurdum. Leider sind Veranstaltungen, Großveranstaltungen im besonderen, ja gar keine Freundschaftshappenings wie man es gern hätte, nein, es geht natürlich nur ums Geld und umso mehr Leute man durch den Fleischwolf des Einlasses presst, desto mehr Geld kommt hinten heraus. Da sind die Party-Veranstalter (und ich bin seit 20 Jahren eigentlich ein Fan von „World League“ die dieses Event mitten in München auf die Beine gestellt haben) auch nicht anders als Fußball-Vereine, die zwar ihr Geld mit den Fans machen, ihnen aber auch jedes Mal wieder verdeutlichen, wer in der stärkeren Position ist und welches Bild man nach außen abliefern will. „Mitspracherecht“ findet nur in den Kommentar-Spalten statt und die werden vom Social-Media-Team eh nur überflogen. Ich verplapper mich:

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(Das Bild ist noch vom frühen Nachmittag)

Also, es war viel zu voll zum Tanzen, so voll, dass man nicht einmal ganz hinten bei den Würstchen noch einen ruhigen Platz gehabt hätte, wo man mehr machen konnte als „hands-up“ und mit den Schultern zu pendeln. Da war der Sound aber eh schon wieder zu leise.  Das ist schon sehr schwach. Noch trauriger aber waren die Getränke-Preise:  5 Euro für ein Becks. Für ein einzelnes Becks! Da bekommt man im Supermarkt schon nen ganzen Six-Pack oder wahlweise eine Flasche Wodka. Und bei den Temperaturen die wir gestern hatten, war das sogar noch eine größere Frechheit. Das Wasser war schließlich nicht besonders viel billiger.

An sich ist die Prater-Insel keine schlechte Location, wenn auch nicht so grün und chillig wie man sich eine Insel inmitten der Isar vielleicht vorstellt. Nicht schlecht unten mit der Strandbar/Biergarten-Atmosphäre, es hilft nur nicht viel wenn man für 100 Meter Fußweg fast 10 Minuten braucht, weil jeder irgendwo hin will oder auf sein Recht des Tanzes besteht: 1000 oder 500 Leute weniger, dafür ein höherer Eintrittspreis wäre ein gute Option gewesen.

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Die meisten Menschen waren dennoch gut drauf. Seien es die Verkäufer in vorderster Front an den Theken, die Security, die Toiletten-Menschen oder (am Wichtigsten) das Publikum. Überall entspannte Gesichter, luftig Kleidung und es war die Stimmung zu spüren, dass die Leute „Bock“ hatten. Ja. Es ging ein guter Vibe umher der auch von den DJs ordentlich angefeuert wurde.

Der DJ Linus machte draußen den Anfang und machte es einem leicht sich gut ein zu wippen. Nachtmittagsatmosphäre. Sonnenbrille im Gesicht. Die Regenjacke in der Tasche hatte man schnell vergessen.

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Dann der unermüdliche DJ Hell. Der einfach nicht aufhören mag. Der so oft schon tot gesagt wurde. Und dann schließlich doch nicht nur wieder relevant ist, sondern gleich die Party rettet. Die einhellige Meinung bei uns: Der Helmut hat den Tag gerockt. Das liegt natürlich nicht nur daran dass sein Stil uns alten Säcken viel mehr zu sagt. Es liegt auch daran, dass seine kickende, ein wenige dunkle Art von EBM die in diesem Jahr spielt, einfach gut nach vorne geht. Und wer „Dead End Thrills“ im Patrice Bäumel Remix spielt, der macht nie etwas verkehrt.

Die Männer feierten ihn. Die Frauen liebten ihn. Und alle waren zufrieden. Das Problem wurde dann nur (wie oben erwähnt) dass dann immer noch mehr und noch mehr Leute kamen, die befriedigt werden wollten.

Bei Solomun, dem  Namensgeber der Veranstaltung, waren wir so in unsere persönlichen kleinen Geschichten vertieft, dass wir nicht besonders viel von ihm mitbekamen. Von Teile-Schubphasen und Liebes-Dramen einmal abgesehen hätte ich auch wirklich nicht gewusst wo und wie ich seinen Sound auch genießen oder gar feiern hätte können: Da war kein Platz um sich in der Musik zu verstecken. Dafür die „rote Karte“ World League.

Doch so geil fand ich sein Set eh nicht. Es war schon klar dass er mehr seinen Sound spielen würde, der ruhiger und mit weniger, kleineren Höhepunkten an die Sache heran gehen würde als der Hell. Das Brachiale ist nicht seine Sache. Ganz so austauschbar hätte es dann aber doch auch nicht sein müssen. Das kann er besser. Wobei ich auch ziemlich froh bin dass er nicht so legendär war. Zum letzten Mal: Wo und an welchem Fleck hätte ich seinen Sound auch feiern sollen?

Irgendwie erschien mir der Solomun gedanklich schon auf seinem nächsten Gig auf Ibiza.

Um 22 Uhr war dann schlagartig Schluss. Es ging hinein in die verschwitzten, schlecht belüfteten Räumlichkeiten der Prater-Insel, bei der man vor Hitze schon mal umkippen konnte. Irgendwie war es dort nett und furchtbar zu gleich – wir sind dann demnächst auch gefahren.

Was bleibt von so einem Tag? Von so einer Nacht? Nichts. Alles. Keine Ahnung. Normales Leben. Die Leute gehen zurück zu ihrem Alltag und zu ihren Problemen. Die eine freut sich ein Loch ins Knie, der andere ist total fertig und irgendwie wollen alle nur schlafen um das zu verarbeiten, was sie sich wieder einmal zugemutet haben: Den Versuch für ein paar Stunden das Glück in der Menge zu finden. Mehr oder weniger erfolgreich.

„the xx“ live in München, es war der 24.02.2017

„The xx“ ist eine der wichtigsten Bands einer ganzen Generation. Nicht meiner Generation. Für die bin ich im Prinzip ein wenig zu alt und ich habe vor ein paar Jahren nur einmal bei ihnen hineingehört, weil sie so ultra angesagt waren. Das Konzept war damals ganz klar: Minimalistische Rock/Indie-Musik über die Liebe, die sich auf den Wechselgesang zwischen Mann und Frau stützt. Er (Simon) mit einer coolen, kalten Stimme (rauchig ohne rauchig zu sein) und sie (Romy), mit einer  reduzierten und doch umwerfend Stadion füllenden Stimme. Das erste Album: Welterfolg. Nach dem zweiten, dass fast schon zu sehr nach dem ersten klang, hätte man sie auch schon wieder in ihrer Schublade vergessen können. Wäre dann nicht das Solo-Album ihres Drummers/Keyboarders erschienen (Jamie), auf dem er mehr als geschickt, richtig bahnbrechend Musik sampelte und loopte, obwohl die gesamte elektronische Musik der letzten Jahren aus nichts anderem bestand: Jamie machte das auf seine Art einfach besser als andere, machte es zu einem ungewohnten und doch catchy Musikerlebnis. Nun also, beim dritten Album und bei der Tour dazu, haben sich diese musikalischen Ebenen vermischt und aus dem melancholischen, hingehauchten Indie-Trio ist eine Indie-Pop-Band geworden. Mit ganz viel Soul.

Da stand ich dann also, noch übelst erkältet, vollgestopft mit chemischen Hilfsmitteln. Hätte meine Freundin nicht Geburtstag gehabt, wäre ich vernünftigerweise lieber im Bett geblieben. Dann hätte ich aber auch was verpasst.

ERWARTET hatten wir eine Bühnen-Show, so wie „the xx“ auf Platte klingen. Lethargische Performance ohne große Gesten, ein Dahinblubbern der Melancholie. Und obwohl die Band natürlich ihre zu erwartenden Lieder spielte, klangen sie ganz anders.

Das hat zum einen mit dem Schall zu tun. Musik beschleunigt immer ein paar Umdrehungen, wenn man ihr live ausgesetzt wird. Die Boxen sind so etwas wie Brandbeschleuniger. Zum anderen will und wollte die Band auch poppiger klingen, weswegen die Beats sehr geschickt eingesetzt wurden und die Samples zu Überleitungen wurden; das war wirklich sehr geschickt gemacht; den „Jamie xx“, den muss man sich auch mal solo anhören. Und ganz wichtig: Romys Stimme klingt live einfach nur phantastisch. Ich würde jetzt gerne ein Video hier anhängen, doch der Live-Effekt geht in der Konserve leider absolut verloren. Am besten finde ich noch den Vergleich, wenn man seine eigene Stimme auf Tonband aufnimmt und sich sie dann anhört:  Es klingt ungewohnt, ein wenig metallisch. Und so ist es auch mit Romys Stimme auf Band, denn live und in echt ist sie einfach nur: Hammer. Und dass im Münchner Zenith, dass nicht gerade für seine besonders gute Klang-Akustik bekannt ist.

 

„The xx“ gelten als sehr schüchterne, introvertierte Band. Doch ich weiß nicht was dabei alles Show ist.  Schließlich treten sie bei ihrer Tour jeden Abend vor 6000 Leuten auf. Und kommen trotzdem noch total süß und eingeschüchtert rüber, richtig zum Knuddeln. Wobei es schon ein wenig seltsam ist wenn ein Mensch mit einer Hammerstimme die Menge umhaut und dann kaum ein Wort herausbringt, wenn es darum geht drei Sätze zu sagen… Sei es darum. Es war irgendwie ein sehr intimer Abend bei welchem man der Band ihr Image voll abkaufte.

 

Bühnenshow technisch war ich beeindruckt. Zwar war es jetzt kein absolutes Big-Player-Aufgebot was die Lichtfraktion dort oben bot, doch der geschickte Einsatz der Spiegel und der Disco-mäßig drehenden Säulen machte schon ein angenehm geiles Top-of-the-pops-Erlebnis daraus, ohne kitschig oder zu gewollt zu erscheinen. Und gerade als der große Deckenspiegel herunterfuhr und man mal sehen konnte was Jamie oben alles für Maschinen und Drums stehen hatte, aus denen er seinen Sound heraus arbeitete – anders konnte man das konzentrierte Treiben dort oben nicht deuten – machte das einiges her.

Los ging es mit „Say something loving“ und danach kam sofort ihr größter Hit und Durchbruch: „Crystalised“. Bei der 90 Minütigen Show wurde fast das komplette neue Album gespielt, auch viele alte Sachen, wobei von denen einige unter den Tisch fielen (z.B. „heart skipped a beat“), was mich überhaupt nicht störte. Das Set war einfach so dermaßen rund und gut, das mir nichts fehlte… Damit hatte ich nicht gerechnet. Und dass die Band so mega nett und familiär auftrat… Da die verletzliche Romy, oben der Handwerker Jamie. Und auf der anderen Seite der Bühne Simon, der Ruderer, der mit seinem Bass versuchte das Selbstbewusstsein der Band aufzurühren.

Natürlich wurde auch das bekannteste Intro aller Zeiten gespielt:

Schluss war dann mit „Angels“, dass gerade eben nicht perfekt auf die Bühne gebracht wurde; ein kurzer, überhaupt gar nicht peinlicher, doch intimer Moment  des Verspielens, der zu einer kurzen Unterbrechung und einer lächelnden Improvisation führte, brachte Band und Publikum endgültig zusammen. Schön.

Gar nicht schön war dagegen die Vorband. Irgendein Frickler der elektronischen Musik, der da oben sehr gekonnt an seinen Geräten herum schraubte aber nur urlangweilige „Musik“ seinen Geräten entlockte, die vom Langeweilefaktor zu einigen SPEX-CDs gepasst hätte. Das vergessen wir ganz schnell…

 

Nicht so schnell vergessen werden wir den Auftritt der Band „the xx“. Am bezeichnenden ist wohl, dass wir uns am Tag danach Musik von der Band anhörten, was nach den meisten Konzerten für mich nicht möglich ist. Normal ist man zu gesättigt mit Musik. „the xx“ haben Hunger gemacht.