Der weltbeste Irgendwas

Einmal wäre er gerne „der Beste“ gewesen, in irgendetwas. Der Beste in der Schule. Der beste Autofahrer. Der klügste Redner. Der schönste Auftrumpfer. Der geistreichste Vermittler. Gewinner der Weltmeisterschaft im Brotschmieren. Verteidiger des Titels als bester Filmkenner. Europameister im Schuheaussuchen. Eine Legende in Taktik. Weitsicht. Linguistik. Drogenkonsum. Ganz egal was. Auf welchem Feld. Auf welcher Ebene. Er wollte einfach nur einmal anerkannt werden. Bewundert. Geachtet. Nur für 5 Minuten. Eine Stunde. Eine Woche. Einen halben Tag. Nicht für immer also. Er wollte nur einmal gesehen werden. Von der Welt. Der Familie. Den Frauen. Hätte so gerne einmal eine Hand auf seiner Schulter ruhen gespürt. Achtsames Schulterklopfen. Respektvoller Blick.

 

Es war keine Schande und auch kein Joch für ihn nur Mittelmaß zu sein, denn das Mittelmaß gehört dazu zum Leben im Jahre 2015. Nein. Das war nicht sein Problem. Aber gerne einmal würde er heraus strahlen aus dem Nichts, wie ein kleiner Stern am überwältigenden Firmament, der kurz aufblitzt und aufflackert und nachdem die Menschen den Kopf drehen, verwundert, wenn auch nicht aufgeschreckt. Er wollte keinen Warholschen 15 Minütigen Ruhm von dem er als C-Promi sein Restleben lang zehren könnte, wie ein One-Hit-Wonder, dass man insgeheim verlacht und dessen Hit man dann doch mit summt. Nein. Er wollte es nur für sich. Ein Moment der Lebendigkeit die seine bloße Existenz wenigstens vor ihm rechtfertigen könnte. Und voller lauter Wut verlachte er die Amerikaner, die dem Klischee nach ihre Kinder damit belügen, dass sie „etwas ganz Besonderes“ seien, was nicht der Wahrheit entspricht und wodurch arrogante Idioten konditioniert werden, in Wahrheit jedoch war er traurig, dass in ihn niemals jemals auch nur einen Funken Hoffnung gesetzt hatte. Keine Mutter. Kein Vater. Kein Geschwister. Kein Lehrer. Kein Freund…

Man mag das Selbstmitleid nennen. Und vielleicht war es das auch, selbst wenn er sich das niemals eingestehen würde. Unter dem bitteren Mantel des Selbstmitleids schlummerte jedoch auch ein Traum, eine Phantasmagorie, von einem besseren, sinnvolleren Leben. Meistens kam er auf solche Gedanken nach einer Drogennacht. Nach dem ersten Schlaf. In den Stunden. Wenn der Körper irgendwann einfach einmal umkippt da die Chemie im Körper ihre Andock und Wirkungsstellen verloren hat. Wenn er also frisch verwirrt aufwachte und sich fühlte wie ein kleines bisschen Niemand, und doch noch keine wirkliche Depression in sich finden konnte. Beim Rückschritt in die normale Welt, weg, aus dem Mikrokosmos des Rausches. Bevor der Entzug einsetzen könnte.

Gerne wäre er wieder WER gewesen. Jemand. Der er scheinbar niemals gewesen war. Vielleicht in seinen Träumen. In den Verwirrungen seines Daseins. So als ob ein gewisses Ding in ihm Schlummern würde, ein Ur-Ding, welches in jedem von uns eingemauert ist, nur er konnte es hin und wieder spüren, ja, fast greifen, die Berufung, die an ihm nagte und doch niemals hervordringen konnte, wie ein Seefahrer, der drei Leben in sich spürt: Das Leben auf der See, das Leben in der Fremde und der Langweiler, den man aus der Heimat kennt und dem man nichts anderes zugesteht als dieses eine, letzte und ewige Leben, dass er schon vorher und immer geführt hatte, ganz gleich was er auf See und der Fremde auch geworden war. Denn man lässt die Menschen immer nur so sein, wie man sie kennt. Niemals, wie sie sind.

 

(Das war ein Text-Versuch aus dem Sommer für einen neuen Roman für den ich einfach zu faul bin, ihn wirklich zu schreiben…)

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Die verlassene Familie

„Tagsüber sind die Politiker in Heidenau. Nachts die Nazis.“ So ähnlich  hatte ich das gestern gelesen gehabt, irgendwo im Netz,  auf dem Smartphone, wo alle Informationen wie Fast-Food-Brei ineinander verschwinden, da ich sie dort eher in der Intensität von Werbespots wahrnehme, als wirkliche Nachrichten. Ich denke daran während ich die Gesichter der Familie meines Schwagers in einer kurzen Tisch-rund-um-Kamerafahrt abtaste. Sind diese Bauern/Proleten auch so drauf? Oder sind das meine Vorurteile?

Es ist Kindergeburtstag. Mein kleiner Neffe Timmi hat Geburtstag, er ist 7 Jahre alt geworden. Timmi hat strohblondes Haar und ein heiteres Gemüt. Natürlich trägt er ein FC Bayern-Trikot. Wir sind in Bayern.

Würde ich Timmi danach fragen, weshalb er Bayern-Fan ist, würde er das Gleiche sagen, wie Millionen Kinder auf der ganzen Welt: „Weil mein Papa das auch ist.“  Ich blicke in die Gesichter am Tisch, denke noch einmal kurz an „Heidenau“ und da ist noch einmal der Satz, verbunden und dabei doch zusammenhanglos, ohne Pathos: Weil mein Papa das auch ist…

Mein Vater ist schon vor einer Weile weg. Der Kindergeburtstag läuft schon seit 4 Stunden. Ich bin spät dran. Mein Schwager Thomas, der Vater von Timmi, hat mir ein Stück Torte hingestellt, die selbst angeschnitten noch aussieht wie ein Fußball, die ich esse und dazu brav lobe. Schwager Thomas meint darauf: „Den hat Claudia ausgesucht.“

Claudia… Meine Schwester. Seine Frau.

Die ihn vor ein paar Wochen verlassen hat – die Kinder hat sie bei ihm zurückgelassen. Seine Familie sieht ihn mitleidig an. Der Moment schwebt eine Sekunde über der Szene. Stillstand. Einige Blicke heben sich auf ihn. Andere wenden sich in Gedanken ab. Münder werden geöffnet. Doch keiner sagt etwas. Und ich nur so um die Situation zu retten: „Ich finde die Torte TROTZDEM gut.“ Erleichtertes Auflachen um mich herum; die Doppeldeutige Aussage wurde als guter Witz anerkannt.

Meine Schwester hat einen „Neuen“, und den „Alten“ mit den Kindern zurückgelassen. Harte Geschichte. Heftige Geschichte. Nicht mal jetzt am Geburtstag ihres Jüngsten ist sie da. Kein Bisschen, womit ich meine, dass sie bis auf diese kurze Episode überhaupt gar keine Erwähnung an diesem Nachmittag gefunden hat. Wenigstens nicht als ich dort war.

Die Wahrheit, ist einfach: Sie hat die Kinder nie gewollt. Und ihn nie wirklich geliebt. Vielleicht dachte sie es. Aber wer sie gut kennt, so wie ich, der weiß, dass sie in Wahrheit immer nur sich selbst geliebt hat. Davor habe ich auf eine komische Art sehr viel Respekt, bei all meiner Abgestoßenheit vor ihrem Tabu-Bruch die Kinder zu verlassen, denn ich kann leichter alle anderen lieben, als mich selbst.

Sie wollte ja nie wie unsere Mutter werden, und nun, wie ich den verlassenen Timmi mit seinem Muffin im Mund da so ansehe, hatte sie ihm genau das angetan, was unsere Mutter…

Mein kleiner Scherz hat – wenn auch nicht für mich – im Raum etwas ausgelöst. Die Stimmung ist lebhafter geworden. Wohl weil die Familie meines Schwagers meiner Antwort auf die Torte als moralische Verortung meinerseits in der Frage der zerbrochenen Ehe interpretiert. Es wird mehr Bier geöffnet, euphorischer angestoßen und herzlicher Gelacht als zuvor. Da bellt auch schon der Hund weil der Pizza-Lieferant  gleich klingt, und schon werden die Party-Pizza-Stücke überall hin verteilt (auch ich bekomme sofort eines, als „Nachspeise zur Torte“, wie mir zugezwinkert wird) und mampfend Späßchen gemacht. Die Esserei hebt noch einmal die gute Laune und schon werden die Witze derber, anzüglicher und die jungen Mädchen in der Runde werden dar ob zum Erröten gebracht. Klarer Schnaps wird eingeschenkt. „Zum Verdauen“ – als wäre der Verdauungsvorgang ohne Schnaps gar nicht vorstellbar.

Selbst mich steckt diese überraschend gute Atmosphäre an, und ich proste den Hinterwäldlern zu, während sie ihre Phrasen heraushauen. Ich vergessen momentan meine Abneigung gegen diese Menschen, die nur darauf beruht, dass wir unterschiedliche Charakter sind, und nicht weil irgendjemand besser oder schlechter wäre, und lasse mich vom Moment und vom Bier treiben, auch in den Bewusstsein, noch mit dem Auto nachhause fahren zu müssen, um dort dann (bald) meine Ruhe zu haben.

Die Kinder sind glücklich.

Auch Timmi, der vergnügt auf seinem neuen Smartphone die Bilder die er von uns geschossen hat, mittels einer App in groteske Monster verwandelt. Alles super. Heile Welt. So viel Spaß hatten wir in dieser Gemeinschaft, so zusammengewürfelt, noch nie.

Da wird mir klar, WIESO wir so gut drauf sind: Weil die Familie meines Schwagers endlich einmal befreit auftrumpfen kann. Weil. Meine Schwester. Claudia. Die Mutter von Timmi. Nicht mehr da ist. Diese Feier ist für sie eine Erleichterung. Ein Triumph über meine Schwester. Die für sie die böse Hexe ist. Die Oberhexe. Die Schlampe. Die Hure… Ja. Sie sind glücklich weil sie nicht mehr da ist. Sie sind froh über ihre Abwesenheit. Denn das ist wahre Freude in solchen Kreisen, an solchen Orten, in solchen Zeiten: Die Abwesenheit von Dingen, die uns zusetzen, die wir nicht leiden können, die uns stören. Endlich kann der ganze Hass in Form von Freude nach außen ausbrechen, den sie solange und dermaßen bitterlich zurückgehalten haben. Die böse Hexe ist tot und hat am Ende gezeigt (wie in allen gerechten Märchen), weshalb sie von allen so gehasst wurde. Wie konnte sie nur? Wie kann sie nur? Was ist sie nur für ein Mensch? Ohne sich auch nur eine Sekunde lang die Frage zu stellen, was man selbst für ein Mensch ist, und warum andere Menschen sich so verhalten, wie sie es tun.

Am Ende haben sie doch gewonnen. Die ehrenvollen, braven Einwohner aus diesem 600 Seelen-Kaff.

Jetzt wo.

Sie weg ist.

Wird Alles besser.

Es sind nur 200 Kilometer von hier bis nach Heidenau. Und es ist tiefste Nacht.