Absolution – 19 – Die Frauen und das Monster

Pauls Augen erkennen  durch den von Pacos Lust zur Seite geschobenen Lendenschurz, dass dieser ähnlich denkt wie er. Mit aufrechter Brust und großer Erektion gehen die Mannknaben um den Wasserfall herum nach unten zu den Frauen. Auf dem Weg dorthin  zeigt sich, dass in Wahrheit nur zwei der fünf Frauen blond sind. Ihr Sonnenhaar hatte die anderen Frauen nur überstrahlt, die rote, brünette und schwarze Haare tragen. Die ganze pornotypische Farbpalette. Mit einem kreischenden Aufschrei der Überraschung zollen die Frauen den beiden Jägern Respekt. Selten. Fühlte sich Paul so männlich wie in diesem Moment. Wie er mit nackter, harter Pracht den Frauen entgegen schreitet, während die Damen sich wie kleine Häschen hinter Bäumen und Büschen, und sogar in das Gewässer am Fuße des Wasserfalls flüchten. Von Paul nimmt ein unanständiges, ungeheures Gefühl der Macht Besitz, zu dem im  Vergleich das Erlegen des Dschungelschweins eine lächerliche Lappalie war. Nur Eine. Eine bleibt stolz stehen. Nur mit ihren Händen versucht sie ihre üppige Scham zu verdecken. Ihr Blick beeindruckt Paul. Er ist stark und gerade aus. Sie identifiziert die Männer als das, was sie erachtet. Als Eindringlinge die hier nichts verloren haben.  Diese da ist kein Häschen. Sie ist ein Tiger.

„Gramon!“ schreit sie. „Verteidige uns!“

Kaum hat die Herrin gesprochen, tritt ein vierarmiger Riese aus den Büschen hervor, der mit dem Rücken zu der Szene unter einem Baum gestanden hatte, so als ob er sich von der Nacktbaderei züchtig abgewendet hätte. Seine Haut ist bräunlich. Aus seinem Mund starren trockene Fangzähne. Die Muskeln seiner Oberarme sind dicker als die Oberschenkel Pacos und Pauls zusammen. Dazu misst er eine Kopfhöhe mehr als Paul. Sein Körper ist definiert wie die eines „Mister Universum“.  Die Bestie schnauft wild – und lächelt. Ein Monster mit Verstand. Mit eiskalten Augen. Er sieht aus wie ein verdammter Endgegner aus „Mortal Kombat“. „Gramon“ scheint kein Tier zu sein. Er ist viel mehr als das.  Der Anblick dieses Wesens ist für Paul so überraschend und erschreckend, dass ihn das Gefühl überkommt, dass sich der Raum um die Bestie zu krümmen scheint: Das kann doch jetzt nicht wahr sein… Ihr Lendenschurze senken sich. Sie umklammern ihre plumpen Speere. Paco. Nickt ihm zu. Es ist ein Moment vollkommener Klarheit. Niemand. Nicht die Frauen. Nicht die Jäger. Noch das Monster. Sagt etwas. Die Karten liegen auf dem Tisch. Worte können nichts mehr ändern.

„What the fuck…“, murmelte der reale Paul in seiner Mietswohnung vor sich hin.  Was ist denn HIER los? Unvermittelt versuchte er das Spiel, den Film mit seinen Händen  zu stoppen, doch da war kein Joypad der seine Befehle entgegennahm. Die Hände gehen ins Leere. Das Alles. War nur in seinem Kopf. Aber… „Was zum…“

Paul war total perplex. SOLCHE Visionen hatte er noch nie gehabt… Vielleicht… Lag es… An der Dosis… Wahrscheinlich war er nur zu NÜCHTERN. Die Wirkung des Speeds musste nachgelassen haben. Wie sonst könnte aus seinem geilen Film so ein Fantasy-Quark geworden sein? Und er MOCHTE NICHT einmal Herr der Ringe… Fantasy ist doch die überhaupt  dümmste Form von Unterhaltung. Er wälzte seinen mit kaltem Schweiß überzogenem Körper von seiner Sitzgelegenheit hinab, hinüber zu seinem Wohnzimmertisch, wo das wie nach einer Explosion verteilte Pep  auf dem Glastisch lag. Seine Finger drehten ein gelbes Stück Notizpapier zu einer Röhre. Danach zog er einen dicke Prügel, eine grobkörnige Line, von dem Bild seiner Nichten und Neffen, das unter der Glasplatte seines Tisches lag. Die beiden Kinder lächeln ihr eingefrorenes Lächeln. Er stürze ein Glas stilles Wasser hinterher. Wie er merkte, dass die Hälfte der Droge aus seiner Nase bröselte, hielt er sich den Riechkolben zu und sog mit Lungengewalt die trockene Chemie so tief und fest in sich hinein, wie er nur konnte. Ein kurzes Würgen (das so heftig war, dass er aufstehen musste und dann bis auf sein T-Shirt nackt im Raum stand) und ein Glas Wasser später, war auch dieses Problem gelöst. Es konnte weiter gehen.

Und es war schon weiter gegangen.

Der Kampf gegen die Bestie ist im vollen Gange.  Die gute Nachricht ist: Die Bestie blutet bereits. Der untere, rechte Arm hängt schwer zerfetzt herab. Auch der obere linke ist schwer in Mitleidschaft gezogen. Noch besser. Der obere linke Arm behindert den sich darunter befindlichen Arm. Das sieht gut aus. Die Jungs schlagen sich wacker. Die schlechte Nachricht ist: Auch Paco und Paul haben mit Verletzungen zu kämpfen. Sie…

Der reale Paul auf seinem Sessel in seiner Wohnung sagt sich: Momentchen Mal. Muss das denn hier weitergehen? Könnte er denn nicht einfach in ein anderes, in ein erotischeres Abenteuer abtauchen? Was soll dieser ganze Unsinn? Dennoch wollte er wissen, wie es weiter geht… Und immerhin gab es dort auch noch die Frauen… Mal sehen wohin ihn das noch führen würde… Er könnte ja einfach ein neues Filmchen starten und sich damit von dieser Geschichte befreien. Sowie er aber seinen durch die Drogen polternden Herzschlag an seiner Kehle spürte, wusste er, dass er wissen musste, wie die Geschichte ausging.

Wieder tauchte er in sich hinab.

Fast trifft ihn das Beil aus der rechten Klaue am Kopf. So gerade noch, mit mehr Glück als Verstand konnte er noch abtauchen. Ein Reflex, der ihm das Leben rettet. Wo kommt überhaupt das Beil her? Paco nutzt den Angriff dazu, um „Gramon“ in den Rücken zu fallen. Mit aller Kraft stößt er seinen Speer so hart und tief in dessen Rücken, dass die Frauen aufkreischen. Das hat gesessen! Auch „Gramon“ stöhnt auf. Die Bestie bäumt sich schmerzverzerrt auf, nicht aber ohne noch dem auf dem Boden liegenden Paul einen Tritt gegen den Hals zu versetzen. Ob dies von der Bestie nun geplant war oder nicht ist Paul egal. Eine brutal schmerzende Sekunde lang glaubt er, dass der Vierarmige ihm den Kehlkopf zertrümmert hat. Die Schmerzen lassen Paul fast ersticken.

„Gramon“ wirbelt herum und packt Paco blitzschnell mit seinem gesunden linken Arm. Mit dieser Wendigkeit und Geschwindigkeit hatte Paco nicht gerechnet. Nie hätte er gedacht, dass das Monster ihn nach dieser Attacke noch so schnell und leicht erwischen könnte. Er ist  unvorsichtig gewesen. Und er ist sich darüber im Klaren, dass er damit sein Leben verwirkt hat. „Gramon“ hebt das Beil mit seiner rechten, gesunden Hand. Nun ist es an Paul seinen alten Freund zu retten. Nur er ist noch dazu in der Lage einzugreifen, seinem Freund zur Seite zu stehen. Ebenso wie er es schon in tausenden Filmen gesehen hat. Der Hauptdarsteller ist in einer schier ausweglosen Situation. Er ist an ein Auto gekettet, dass auf einen Abhang zurast. Er führt einen Kampf gegen eine Übermacht, die er nicht gewinnen kann. Oder aber ein Gewehrlauf ist auf ihn gerichtet: Der Abzug wurde schon betätigt. Die Kugel fliegt dampfend in Zeitlupe aus der Mündung. Im Hintergrund hören wir einen dumpfen Knall. Doch da ist der tapfere Freund mit dem „niemand mehr gerechnet hat“, der den Held in letzter Sekunde rettet und alles wieder ins Lot bringt. Nur. Der Tritt gegen den Hals hat Paul nicht nur weites gehend kampfunfähig gemacht, sondern ihn auch noch zu weit vom „Gramon“ und seinem Freund Paco  fortgeschleudert, als dass er noch eingreifen könnte. So lässt „Gramon“ mit aller Kraft sein Beil auf seinen Freund Paco fallen und trifft ihn tief in die linke Schulter. Paco brüllt vor Schmerzen auf, während die Bestie das Beil unter einer Blutfontäne schon wieder aus seinem Freund heraus reißt. Pacos glorreicher linker Arm, mit der Hand, mit der Paul und er eins Bruderschaft geschlossen hatten, fällt samt Schulterblatt unbedacht zu Boden. Lapidar, geräuschlos, wie ein Kissen, dass von einem Sofa fällt. Der nächste Beilhieb trifft Paco mitten im Schädel, womit das Schreien endgültig beendet ist. Die Frauen: Jubilieren. Das Beil bleibt in Pacos Kopf stecken. So als ob sein Freund versuchen würde, wenigstens damit ein paar Sekunden für Paul zu ergaunern. Paul. Kann nicht glauben was gerade passiert ist. Und doch schafft er es auf die Beine zu kommen. Seinen Speer zu nehmen. Und das Monster damit im Hals zu treffen. Ein Glücksstoß. Nicht mehr. Und auch nicht weniger. „Gramon“ bricht in sich zusammen, als sich die Schlagader öffnet. Paul geht auf die Knie. Neben ihm sackt die Bestie in sich zusammen.

Wie konnte das nur passieren?

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