Inszenierte Würde

Neben lächerlichen Mittelalter-Erzählungen lese ich dieses Wochenende die „Vogue“. Es war gar nicht so leicht das Magazin bei mir im Kaff zu besorgen. Mit Mode habe ich nicht viel zu tun und lebte in meinen Jugendjahren bis Ende 20 in totaler Verachtung gegenüber dieser aufgesetzten Scheinwelt, die die Menschen nur gleich machen will – und da der Mensch an sich nun einmal eher hässlich (oder versteckt schön) ist, eher Komplexe ausgelöst werden, als Wirklichkeit dargestellt.

Die Mode-Interviews der SPEX gefielen mir komischerweise sehr und nun habe ich mir also versuchsweise die „Vogue“ gekauft, die – was die meisten Männer nicht wissen – zu 90 Prozent aus Werbeanzeigen  der bekanntesten und dadurch besten Mode-Labels besteht (Prada, Chanel, Ralph Lauren, Gucci, Dior und wie sie alle heißen). Da wird viel geblättert und geschaut, wenn man den Sinn danach und die Augen dafür besitzt.

Doch  die zwei, drei Interviews fand ich sehr gut, mit Santigold (Musikerin), Schweighöfer & Florian David Fitz (Schauspieler) und Nicolas Ghesquiére (Modeschöpfer für Louis Vuitton). Unter der Woche blätterte ich auch durch das Gegenstück zur Vogue, den „Playboy“, und obwohl ich dort die Interviews ansonsten sehr mag, waren die mit Til Schweiger und Ben Stiller (beide Schauspieler) einfach nur doof und belanglos (wie man sich nun einmal Interviews mit Schweiger und Stiller vorstellt…)

 

Natürlich habe ich auch jetzt nichts für Haute Couture übrig, das ist mir viel zu abgehoben, doch ich verstehe langsam den Gedanken dahinter, die Idee dieser Scheinwelt, die man nur nicht zu ernst nehmen darf – was die Menschen leider machen, seien es die Kunden oder die Schöpfer. Denn für mein Befinden ist ein negativer Nebeneffekt des Feminismus (den ich ansonsten gut heiße – wenn es denn bedeutet, gleiche Rechte und Möglichkeiten für beide Geschlechter), dass es immer weniger „Damen“  und „Herren“ gibt. Die Geschlechter vermischen sich und manchmal kann man vom Gestus der Sprache und des Verhaltens kaum mehr zwischen Mann und Frau unterscheiden. Das ist natürlich eine Errungenschaft, doch diese vernichtet leider auch dieses typisch weibliche oder männliche, dass in unserer Zeit heruntergeschraubt wird auf den Begriff der „Tussi“ (weiblich) und des „Proleten“ (männlich). Wobei man doch durchaus sehr weiblich oder sehr typisch männlich sein kann, ohne wie eine Nutte oder ein Hafenarbeiter herumzulaufen, zu denken, oder zu fühlen. Ich vermisse das Intellektuelle Auftreten beider Geschlechter, auch in dem Stil wie man sich kleidet. Dieser ganzheitlichen Komposition, wie man sich gibt, aber auch handelt. Denn auch wenn der Hipster (gibt’s den außerhalb Berlins überhaupt noch? Das ist so 2012…) natürlich sehr Stilbewusst aussieht, lässt er meistens einen gewissen Grad von Männlichkeit in seinen Fähigkeiten wie in seiner Bildung vermissen (da kann der Bart noch so lang und gepflegt sein). Und auch bei den Frauen hat man mehr das Gefühl eines Entweder/Oders.

Von Würde in Stil und Sprache ganz zu schweigen.

 

Weiterhin ist die Mode-Industrie immer sexistisch. Der Punkt ist aber, dass sie das schon immer sein wollte. Sie ist eine Traumwelt, eine Kunstwelt, die immer nur als Vorbild dienen kann, nie als wirkliche Realität, auch wenn die sogenannten Superreichen glauben mit ihrem Geld diese Attitüde kaufen zu können – Träume lassen sich aber nicht nachkaufen. Sie lassen sich nur inszenieren und jede Inszenierung ist nur Abbild von etwas, was in Wahrheit nur im Kopf passiert. Diese Mode-Welt ist für mich eine Inszenierung einer Meditation von Würde; es geht darum wie man Würde darstellen würde, nicht wie man sie erreicht (denn man kann leicht Würdevoll sein ohne jemals teure Kleidung, Make-Up oder Autos zu fahren, nur, von außen ist es dann nicht zu erkennen, und der Umkehrschluss liegt eh auf der Hand: Du kannst dich noch so mit vielen Markenklamotten eindecken und jede Form von Würde vermissen lassen).

Die Mode-Welt ist die einzige Utopie einer „besseren Menschheit“, von der uns vorgespielt wird, an ihr teilnehmen zu können.

„James Bond“ ist der Prototyp dieser Welt, der immer gut aussehende Mann der im richtigen Moment immer zupacken kann – auch wenn er nicht gerade sehr vergeistigt daher kommt (na ja, wir als Publikum müssen uns ja noch mit ihm identifizieren können 😉 ).

 

Das kann man als abgehoben, blöde und vor allem überflüssig empfinden. Das ist legitim. Ebenso legitim ist es aber auch, dass einem dieses prollige Wir-sind-Alle-gleich-Getue auf die Nerven geht; ja, natürlich sind alle Menschen gleich! Jeder Mensch ist genauso kostbar wie der andere – jeder! Aber es ist dennoch legitim sich geschmackvoll zu verhalten und einige Stil-Regeln zu beachten, um sich ein wenig individueller zu fühlen. Und das Merkwürdige ist, dass sich in unserer Gesellschaft JEDER für unglaublich individuell hält (kommt mir jetzt ja nicht damit, dass jeder Mensch ein Individuum ist, darum geht es hier nicht), sich aber fast alle gleich verhalten und kleiden (gerade die Hipster und Tussis). Niemand will als zu abgehoben oder arrogant herüberkommen, so als ob das etwas Schlimmes wäre! Nein. Ich empfinde es als viel schlimmer wenn die Menschen sich sehr gewöhnlich und „natürlich“ geben und dann leider auch so denken, denn das sind dann diese Leute, die keine anderen Meinung zulassen und glauben mit ihrer ungebildeten Bauernschläue den wirren Gutmenschen und „abgehobenen Individualisten“ einen entscheidenden Schritt voraus zu sein, da denen ihre Bildung im Weg steht.

 

Aber nein, das ist für mich kein Grund ein Jackett für 2000 Euro zu kaufen oder Schuhe für 500, nur um mich so zu fühlen als wäre ich etwas „Besseres“. Nein. Es geht darum ein wenig in einer Traumwelt zu leben und nicht nur dumpf vor sich her, in dem man nicht nur simple Funktionalkleidung von „H & M“ oder sonst wo trägt, von der jeder weiß wie die hergestellt wird, sie aber billig und damit plötzlich gut ist.

Es geht darum Stil zu haben. Und die einzige Form von zur Schau getragenem Stil ist für mich die Kunst-Welt der Mode.   Es geht um Attitüde an sich. Nicht um Schuhe, Hosen,  oder Blusen/Hemden… Es geht um Würde. Auch wenn der Kontext dieser Form von Würde leider nur auf das Äußere begrenzt wird. Schöner wäre es, wenn es in Wahrheit um zur Schau getragenen Intellektualität gehen würde – doch davon sind wir leider weit entfernt und deswegen wir meine Vorstellung von Mode meine eigene, kleine Traumwelt bleiben. Für immer.  Und weil es nur ein Traum ist, laufe ich als modisches Desaster herum…

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Ich wäre gerne schwul.

So ein Statement ist natürlich eine Provokation. Dabei will ich weder an homosexuellen Handlungen teilhaben, noch will ich mich von meiner Art her so geben; dass muss man dazu sagen, denn der Wunsch schwul sein zu wollen ist heutzutage ebenso eine anrüchige Aussage, wie in den 60ger Jahre in den USA zu meinen, man wäre gerne Kommunist. Natürlich schlägt mir jetzt für so ein Statement kein blanker Hass entgegen (wir sind doch so super tolerant aufgeklärt), doch für mich als Mann ist es natürlich ein Gebot diese Aussage sofort zu entkräften und zu relativieren. Nicht dass man mich WIRKLICH für schwul hält… Das wäre ja furchtbar, oder?…
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Als schreibender und kreativer Mensch denke ich mich hin und wieder in andere Rollen hinein. Das empfinde ich als durchweg normal, denn wer sich auf nichts einlässt, der kann nichts entdecken und auch nichts erleben.
Heute saß ich in luftiger Höhe auf einem Stahlträger (wie in dem berühmten Arbeiterbild, nur nicht ganz so hoch), ging meiner Arbeit nach und hörte dabei wieder einmal das Hörbuch „Flugbegleiter“ von Thomas Meineke.

In diesem (Hör)Buch geht es um einen heterosexuellen Mann, der im Frauenkontext lebt und arbeitet, androgyne Züge besitzt und auch ausführlich über die Homosexualität in seinem (Arbeits)Alltag und im Pop-Bereich (ganz Meineke) philosophiert, und das in eindeutiger Sprache und passenden Jargon. Für mich hat es immer einen besonderen Touch in meinem eindeutig heterosexuell geprägten Arbeitsleben dieses Hörbuch zu hören (oder auch andere von Meineke wie „Lookalikes“), da die Worte an sich schon eine Provokation auf den hier sehr „männlichen“ Arbeitsalltag sind. Das finde ich witzig, da ich das Ganze überhaupt nicht verklemmt sehe. Wobei ich die Anderen durchaus manchmal als sehr homophob empfinde.

Da sitze ich also sehr männlich herum, arbeite, und höre mir dieses Hörbuch an. Und ich denke nach, über meine Identität. Über die Identität der Männer an sich. Ich bin ein Mann. Ich war ein Mann. Ich werde immer Mann bleiben. Irgendwie fühlt sich der Gedanken langweilig an.
Ich hab in der Richtung nie viel ausprobiert (in der frühen Jugend einmal) und ich hatte auch nie das Gefühl etwas verpasst zu haben. Männer sind für mich nicht anziehend und total unerotisch. Aber, wie gesagt, aus schreibender Sicht (und ich sage absichtlich nicht aus „schriftstellerischer“) ist das für mich – ich kann es nicht erklären – durchaus interessant.
Vielleicht liegt es daran, dass ich in meinem Leben nie eine Metamorphose durchgemacht habe. Ich war immer das was ich bin. Natürlich gab es die Jugend und die LSD-Zeit (die zeitlich sehr nahe beieinander lagen), in der ich mich sehr klar definiert und erforscht habe, aber eines war immer klar: Frauen ziehen mich an. Keine Männer. Ich musste also nie meine Sexualität definieren oder suchen. Meine Identität war schon immer für mich klar. Und wie ich da jetzt so saß und grübelte, kam es mir schon verdammt fad vor, ein Mann zu sein.
Das Geschlecht wird gern mit der Identität verglichen und ich hatte nie eine Identitätssuche… Warum finde ich diesen Gedanken auf mich projiziert so deprimierend? Und warum (viel interessanter) haben andere Männer so sehr Angst davor diesen Gedanken zu haben oder danach zu forschen?

Es stimmt nun einmal: Unsere Gesellschaft (Mode, Musik, Design usw. usf.) wird und wurde in hohen Maße von den Homosexuellen geprägt. Deswegen sehe ich sie nicht als die besseren Männer an, aber ich spreche ihnen (unbewusst, ja unterbewusst) einen kreativen Touch zu, dem den normalen Mann natürlich nicht abgeht (das wäre Unsinn), aber hier (bei uns) auf eine viel plumpere Art daherkommt. Es geht ja immer auch um Attitüde, gerade in der heutigen Zeit.

Ich komme nun einmal aus dem Dance-Aspekt und es ist (das kann man nicht verleugnen) eine Bewegung, die ihren Ursprung im Homosexuellen Bereich hat. In Amerika ist das sogar immer noch so. Wir sind Kinder einer homosexuellen Kultur, was das angeht. Deswegen habe ich Respekt vor den Vätern der Bewegung, auch wenn ich nicht so bin wie sie, auch nicht so sein will, aber von meiner Art zu Feiern her bin ich natürlich von dieser Kultur beeinflusst worden, denn ich feiere eben NICHT wie meine Vorväter – was natürlich auch etwas mit Pop an sich zu tun hat. Doch dieser Disco/Dance-Pop ist eindeutig homosexuell geprägt. Und die Gesellschaft hat das nicht nur angenommen, sondern übernommen. Auch die Technik- und Designverliebtheit unserer Zeit (z.B. Apple). Und das ist nicht nur „gut so“, das ist Normalität. Und das is gut so.

Möglich das die Angst der Heteros auch etwas mit dem drohenden Identitätsverlust zu tun hat; sie mussten nie suchen oder sich zur Wehr setzen, weswegen sie sich angegriffen vorkommen, wenn eine „andere Lebensform“ auf sie trifft, denn sie mussten sich nie anpassen, Konzessionen oder Kompromisse machen, weswegen sie sich oft wie 5 Jährige in Abwehrhaltung benehmen und sich bedroht fühlen. Manchmal könnte man meinen als gäbe es eine Grenzlinie zwischen Homos und Heteros und dass manche Heteros in Angst davor leben, von den Homos auf die anderen Seite geschuppst zu werden, worauf sie dann sofort schwul werden würden – sie würden also „schwul gemacht“; was für eine surreale und bescheuerte Vorstellung. Allein die Reflexion über die Möglichkeit der eigenen, potentiellen Homosexualität gilt als Sakrileg. Wieso? Kann man denn nicht einfach sagen: Ich habe darüber nachgedacht, und es wäre nichts für mich?

Ich werde in meinem Leben keine Metamorphose mehr durchleben. Ich bin ein Mann und werde immer ein Mann bleiben. Würde ich meine Identität wirklich verändern wollen, wäre es meine einzige Möglichkeit, schwul zu werden. Nur das würde meine Identität verändern. Ich kann keine Frau mehr werden. Kein Tier. Kein Fels. Kein Gott. Als Mann bleibt mir nur diese eine, einzige Möglichkeit. Und vielleicht verstehen deswegen Männer diese Möglichkeit als Bedrohung.
Selbstverständlich werde ich als Mann reifen. Werde altern, vielleicht heiraten, Kinder bekommen. Aber ich werde immer ich bleiben. Immer ein Kerl – mit allen Vorteilen, Klischees und dem Korsett dieses Daseins. Und wenn ich so darüber nachdenke – nur heute, nur an diesem Tag – stelle ich es mir als verdammt langweilig vor, immer der Gleiche zu bleiben. Immer derselbe Kerl. Der kann von mir aus auch mal auf dem höchsten Berg der Welt stehen. Oder zu Korallen tauchen. Der kann (wie gesagt) auch Kinder haben. Oder mehrere Frauen gleichzeitig. In verschiedenen Ländern. Aber dieser Kerl wird immer der gleiche Kerl sein. Und deswegen wäre ich gerne schwul. Nur ein bisschen. Damit ich die Welt etwas anders sehen, nein erleben könnte. Der Welt wäre deswegen nicht größer, aber Facettenreicher.