Menschenkenntnis

Eben. Gerade. Stand ich am Fließband. Bei der Kasse. Beim Rewe. Drei Kunden vor mir war ein älterer Mann. Verschlissene Schildmütze. No-Name-Trainingsjacke. Alkoholiker-Gesicht; definitiv eine Alkoholiker-Nase. Der wollte sich zusätzlich zu seinen Besorgungen Zigaretten kaufen, hatte irgendwas mit einem Gutschein durcheinander gebracht und nun zu wenig Geld. Immer wieder zog er ein paar Cent aus seinen Taschen und der picklige Azubi an der Kasse zählte sie. Es reichte wieder nicht. Es mutete wie ein Spiel an, bei dem nicht klar war wer zuerst aufgab. Der Kunde oder das materialisierte Gesicht des Rewe-Unternehmens. Das zog sich ungelogen ein paar Minuten so hin und ich dachte mir: Wollen wir doch mal nicht so sein. Ich entschuldigte mich und reichte dem Jungen an der Kasse mit der Marco Reus Frisur 2 Euro. Der fehlende Betrag. Mir wurde von dem Alten zugenickt. Er sah mich nur aus dem Augenwinkel an. Der Jüngling lächelte erleichtert auf. Eine Minute später war ich an der Reihe und der junge Marco Reus bedankte sich noch einmal für das Geld. Worauf ich nur ehrlich sagen konnte: Ich hatte auch schon mal zu wenig Geld dabei. Da lachte Marco nur. So in Gedanken: „Das DABEI war hier nicht das Problem.“ Aber gar nicht böse.

Ich gehe dann also da so raus und da lädt der Mann mit der Alkoholiker-Nase sein Zeug in den Kofferraum seines alten Autos und ich denke mir so: „Warum eigentlich nicht?“ Gehe rüber und frage ihn freundlich, ob ich nicht auch eine Zigarette haben könnte. Und er sieht mich an und sagt: „Nein.“ Steigt in sein Auto und fährt davon.

Die Abwesenheit von Licht

Außerordentliche Dinge ausprobieren zu können, ist ein Privileg. Dabei muss man gar nicht auf den Mond reisen, mit 1000 Frauen schlafen oder von mir aus mit einem Sumo-Meister ringen können. Das Außergewöhnliche entsteht da und dort, wo man normalerweise nicht ist.

Als „Pokemon Go“ erschien, nahm ich mir die nächsten drei Wochen frei. In meinem Beruf geht das. Es gibt noch Jobs, bei denen sich Leute herumdrücken können und nicht jeder Arbeitnehmer wie ein gehetztes Tier durch eine Koppel aus Stein und Glas gehetzt wird. Freundin habe ich keine. Weshalb also nicht einmal etwas „besonderes“ ausprobieren. Nach Thailand fahren kann ja jeder.

Ich wohne in einem Dorf, das fast nur aus der dort angesiedelten christlichen Behinderteneinrichtung besteht (die immerhin fast 1000 vom Leben Benachteiligter Unterkunft gibt). Dort gibt es noch vereinzelte Geschäfte, solche Verschläge, die es schon immer gab, in einem Dorf, in dem gerade einmal ein 25 Quadratmeter großer Lebensmittelladen vorhanden ist (ein kleiner Edeka), nur kaum Sinn ergeben, Geschäfte wie „Schmidts Schusterei“, „Klaras Brautmoden“ und „Donderers Tischlerei“. Noch nie habe ich Leute in diese Geschäfte ein- und ausgehen sehen. Dennoch „florieren sie“, wenn man sich nach ihnen erkundigt.

In diesem Dorf gibt es überraschend viele Pokemons. Nicht nur Land-Pokemons, einfach viele. Und als dieses inzwischen Weltbekannte Spiel herauskam, war es mir am Anfang außerordentlich peinlich mit Anfang 30 an der Straßenecke neben einer behinderten Lehrgruppe zu stehen und virtuelle Viecher zu fangen, obwohl die geistige Behinderten oder die bezahlten Vertreter der Behindertenindustrie sicherlich schon einmal verrückteres gesehen haben.

Wie man es sich vorstellen kann ist an einem Ort wie diesem, einem gigantischen Reha- und Versorgungszentrum mit zigtausenden Quadratmeter voll Grünanlagen nachts überhaupt nichts los. Ein Eldorado für Vergewaltiger, wenn es hier irgendjemand gebe, den man vergewaltigen könnte. Früher zog ich immer einen Vergleich mit der Motorcity in Wolfsburg. Oder die „Warsteiner-World“, in Warstein. Gigantische Industrie- und Lebenskomplexe, in denen in der Nacht nicht nur tote Hose ist, sondern Hosen vor Langeweile gleich mit sterben würden. Jetzt, nach drei Wochen, würde ich diesen Vergleich nicht mehr ziehen.

 

Also nahm ich mir drei Wochen frei, ging schwer einkaufen und legte meinen Lebensrhythmus so, dass ich erst um 6 Uhr abends aufstand und erst in der Früh ins Bett ging. Denn das Außergewöhnliche für mich war nicht nur in friedlicher Ruhe Pokemons zu sammeln, nein, es ging mir darum ein paar Wochen gar keine Menschen mehr sehen zu müssen. Nicht Frau Bosch von gegenüber, die mir immer wieder gerne eine Gurke aus ihrem Garten schenkt. Keine Arbeitskollegen, keine Postboten, keine Freunde und erst Recht nicht meine Ex-Freundin.

Niemand.

 

Können sie sich vorstellen 3 Wochen lang wirklich GAR niemanden zu treffen?

 

Und plötzlich fühlt man sich doch wie auf dem Mond.

 

Die Nacht ist ja nicht leer, nur weil die Vielzahl der Personen, die unser Leben bestimmen, am  Schlafen ist. Zwar gibt es hier keine nächtlichen Putzabteilungen oder Überwachungsdienste (wozu auch? In Baden-Württemberg geht alles seinen strukturierten Gang und man kann auch am Tag saubermachen; Ordnung und sie zu schaffen ist hier nicht peinlich), es sind die Tiere, die die Herrschaft in der Nacht übernehmen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr das Tierreich die Welt der Menschen immer noch bevölkert, einfach nur weil  keiner hinsieht. Schon oft musste ich, dumm, starr, unaufmerksam für die echte Welt, im letzten Moment von meiner Pokemon-Jagd zur Seite springen, um nicht einen echten Igel oder Frosch zu zertreten. Unter den Augen von verschiedenen Katzen und Katern, die wie Könige mittig und faul auf der Straßen liegen und mich träge beobachteten.

 

„Pokemon Go“ wurde nach ein paar Nächten langweilig. Dennoch machte ich weiter. Weiterhin ging ich nach draußen. Es war die Menschenleere die mich anzog. Es ist leicht sich in der Wohnung einzusperren und die Welt nicht hineinzulassen. Wohl aber durch die Welt zulaufen und kaum jemanden zu treffen (ein Auto- oder Fahrradfahrer, ein Betrunkener, oder Beides), keinem Mensch-Tier in die Augen sehen zu müssen, das hatte schon etwas…

Auf der einen Seite wurde mir Mitte der zweiten Woche ein wenig mulmig. Es macht mich aber auch süchtig. Diese Stille. Diese Freiheit. Diese Einsamkeit. Ich fühlte mich wie ein Forscher auf der dunklen Seite des Mondes, während der Rest der Menschen auf der hellen Seite herum krakelt und sich für die Meister des Universums hält, ignorant dafür, was es sonst noch zu erforschen und zu fürchten gibt. Ich fühlte mich wie in einer Parallelwelt, die ich „Freiheit“ nannte. „Ich mache drei Wochen Urlaub in Freiheit“, sagte ich mir. Und ich erschrak dabei ein wenig vor dem Klang meiner eigenen Stimme.

 

Paradoxerweise verflog meine Angst vor der Dunkelheit nicht vollständig. Zwar wurde es besser, nur hin und wieder hatte ich das Gefühl, verfolgt oder beobachtet zu werden. Ich erklärte mir das so, dass mein Verstand etwas kompensieren wollte. Da ich nun einmal NICHT mehr ständig von Leuten umgeben war, suchte mein Verstand einen Ausgleich und BILDETE sich ein, dass da jemand sei. Lange ignorierte ich den Impuls darauf auch körperlich zu reagieren, dann drehte ich mich doch um, schlagartig, und suchte mit meinen Menschenaugen die Dunkelheit ab. Aber da war nichts. Nur dann, wenn ich in die Dunkelheit hinein starrte… Ich weiß nicht… Es erklärt sich wohl am Leichtesten mit Nietzsches Parabel von dem Abgrund,  der, wenn ein Mensch lange genug hinunter starrt, in den Menschen zurückstarrt.

Mit der Dunkelheit ist es genauso.

Nur kann man vor einem Abgrund davon laufen. Die Dunkelheit verfolgt dich. Es ist sogar egal ob du dich in ein Haus rettest, eine Sparkassen-Filiale z.B. oder in dein eigenen Wohnort, wo dir jeder Winkel bekannt und von dir eingerichtet und damit ausgeleuchtet wurde: Die Dunkelheit ist immer da. Sie geht nicht weg, selbst wenn du das Licht anknipst. Die Dunkelheit. Die Finsternis. Ist wie ein Nebel, der nur kurz nicht zu sehen ist, doch nie verschwindet.

 

An meinem letzten Abend, einem Samstag, zwang ich mich – es war eine Mutprobe – hinaus auf das Feld zugehen. Es gibt zwar eine Straße, zwei Kilometer entfernt, die die beiden Nachbardörfer verbindet, ich aber wollte den Feldweg nehmen, der auf verschlungenen Pfaden die gleiche Richtung einschlägt, jedoch auch in verschiedene Himmelsrichtungen auswuchert, am über zwei Meter hohen Mais vorbei. Vor bis zur Mitte, wo der hölzerne Jesus steht, vor dem ich schon als Kind Angst hatte. Dieser blutende Mann aus Holz machte mir schon immer Angst. Der Schmutz der Witterung machte seine Gesichtszüge nur noch realer. Und der Erlöser hatte von seinem Schrecken nichts eingebüßt. Dem war ich mir sicher. So ging ich also, nachdem ich den Ort drei Wochen lang extra wegen ihm gemieden hatte, absichtlich nach draußen. Ich wollte keine Angst mehr vor der Dunkelheit haben. Und als ich dann schließlich dort war, war es ein wenig freaky, es war aber auch nicht schlimm. Dort oben das Mondlicht. Die Sterne. Hier unten das Symbol des aufgehängten Toten, der nicht wirklich tot ist. Der wieder kommt…  Und ein paar Kilometer entfernt die Lichter der Dörfer. Links und rechts von mir. Dazwischen viel Nichts.

Ich wendete mich wieder um und wollte zurückgehen, hörte aber von irgendwoher vom Feld, Leute lachen. Sicherlich waren es irgendwelche Jugendliche, die in einem Bauwagen, an einem kleinen See oder sonst wo unter freien Himmel, am Feiern waren. Als ich jung, im selben Alter war hatten wir das auch getan. Und Mann, das war gar keine schlechte Zeit gewesen. Ich entschloss, zur Feier der Nacht. Da einfach einmal vorbei zu gehen. Ich hatte es überstanden. Warum nicht einen Rum-Cola aus einem schlecht gespülten Plastikbecher trinken. Vielleicht hatten die auch einen Joint. Irgendwie würde man sich schon einig werden. Ich sehnte mich plötzlich nach menschlicher Gesellschaft. Sogar nach der von der zurückgebliebenen Landjugend.

Also wieder los. An hohen Mais-Quadern vorbei, immer den Geräuschen nach. Weiter. Vorwärts ins Nichts. Das Holz-Jesus-Erlebnis steckte halb bewusst, halb unterbewusst in meinen Knochen, und meine Nerven waren doch mehr angespannt, als ich es mir eingestehen wollte. Das Gefühl nahm zu.

Überall schien es plötzlich zu Rascheln, zu Fiepsen, der Mais zu knacken. Horrorfilme aus meiner Kindheit kamen mir in den Sinn. „Kinder des Korns“, so ein Stephen Kind Mais-Horror-Sekten-Film. Oder „Kinder des Zorns“? Auf alle Fälle war der Mais mit Blut befleckt und die Kinder hatten mit stumpfen Sicheln jeden über dreißig…. An „Signs“ musste ich denken. Und das ich Angst hätte, einfach so in die Reihen der Maisstauden zu treten. Der Mais kam mir vor wie ein Labyrinth der  Angst. Nicht das ich mich dort verlaufen oder verloren gehen könnte. Nein. In meiner lebhaften Fantasie würde ich dort vor lauter Enge und Leere ersticken.

Endlich war der Mais hinter mir. Ich traute mich nicht ihm nachzusehen. Mais kann wie Abgründe und Finsternis sein… Glauben sie es mir.

Ich ging an dunklen, leeren Felder-Parzellen vorbei, hinüber zu einem Gebüsch und ich wurde mir langsam unsicher, ob ich überhaupt in die richtige Richtung laufe. Sicherlich schallt die Party über das ganze Tal hinweg, in dem ich mich befand. Hallte umher. Aber. So falsch konnte ich nun auch nicht liegen. Und. Umkehren durch den Mais war keine Option. Nicht wenn es nicht sein müsste. Also weiter. Immer weiter, weiter durch die Dunkelheit, sich selbst dazu zwingend, nicht über Tiere und Tollwut nachzudenken; Tollwut ist in Mitteleuropa schon seit Jahrzehnte ausgestorben, ist aber auch eine verrückte Krankheit, quasi DIE Geisteskrankheit an sich, die spät oder lange nach einem Biss ausbrechen kann, unweigerlich zum Tode führt und Menschen absolut verrückt aber auch extrem ruhig macht, verbunden mit dem Drang andere Menschen zu BEIßEN! Um sie mit der Krankheit anzustehen! Wahrscheinlich kommen daher die Horrorgeschichte über ZOMBIES! Lebende Totgeweihte, die andere Menschen beißen. Und wer weiß woher die Behinderungen in meinem Heimatdorf denn in Wahrheit kommen! Und wenn ein entlaufender Beißer von dort, hier und jetzt… usw. usf.; es klappte also nur bedingt mit dem Ignorieren von zu viel Gedanken.

Ich lief  und lief. Hinaus in die Nacht. In die Dunkelheit. Nachdem ich wochenlang keinen wirklichen Menschen gesehen, geschweige denn GESPROCHEN hätte, um (Ironie, Ironie) jetzt auf eine Party zu gehen, die ich – was total abstrus war – ums Verrecken nicht finden konnte. Nein. Ja. Ich stand mitten auf einem Feld und hier war nur ein großes Baum. Eine Kastanie. Der einzige Baum den ich erkenne. Riesig groß und gigantisch im Mondlicht. Wie Kino-Regisseure den Baum des Lebens zeigen würden. Und noch immer die Stimmen und das Gelächter der Party. Aber hier war nichts.

Noch ein paar Schritte. Nur um den Baum herum. Und auf der anderen Seite des Baumes. Da fand ich etwas. Keinen Baumwagen. Keinen See und auch keine Leute. Da stand einfach, einfach so am Boden im feuchten Gras, ein silberner alter Kassettenrekorder aus den 80ger Jahren, einfach so im Gras, aus dem – voll aufgedreht – die Partygeräusche herauskamen. Eine Aufzeichnung, von viel Zugeproste, Lachen. Und Tara. Panik schnellte in mir hoch, noch höher als ich es mir jemals, Maisfeld hin, Tollwut her, hätte vorstellen können.

Der Kassettenrekorder war SO laut und die Party klang so echt und… Um mich herum… Wie echt, alles…  Als würde ich schon längst vor einer Bar stehen… So klar und real… Und ich dachte mir: „Ausschalten. Einfach nur ausschalten! Wer weiß wer dieses Dinge hier hin und wozu….“ Und dann machte es ZACK! Wie es bei alten Kassettenrekordern der Fall ist. Der „Play“-Knopf schnellte in die Höhe und es kehrte Grabesstille ein.

 

Als ich mich ängstlich umsah erwartete ich eine Horde von Menschen, Hunderte von ihnen hinter mir zu sehen, die grinsend auf mich zeigten: Und mich dann auslachten.

Sorgen-Nazi

(Ja, ich weiß, den Titel hatte ich schon einmal…)

Von Wurst bekommt man Krebs. Auch von Pommes. Sogar Wasser kann Krebserregend sein, wenn du es aus Kunststoffflaschen trinkst. Deine Kleidung enthält Krebserregende Stoffe. Dein Jogi Löw Deodorant auch. Und von dem Feinstaub in den Straßen wollen wir mal gar nicht sprechen.

(Außer vielleicht ganz kurz: Wieso regt sich die ganze Welt nur darüber auf, dass VW über die Schadstoffwerte ihrer Autos gelogen hat und nicht über das wirkliche Problem, nämlich das ihre Autos mehr Schadstoffe ausstoßen und somit dich und mich, den ganz Planeten, krank machen? Alle sprechen von dem Schaden an Vertrauen gegenüber der deutschen (Auto)Industrie, von dem direkten Schaden den allen Nicht-VW-Kunden, Nicht-VW-Aktionären und Nicht-VW-Mitarbeiter angetan wird, spricht kein Mensch – das ist der wahre Skandal. Schließlich sprechen wir hier über den zu dem Zeitpunkt des Skandals größten Autobauer der Welt!)

Krebs. Darum geht es. Und verdammt noch mal, man kann es doch gar nicht mehr anders sagen: Das ganze Leben ist Krebserregend.

Krebs ist wirklich kein Thema mit dem wir uns gerne auseinandersetzen. An die eigene Sterblichkeit erinnert zu werden ist immer ein kleinwenig Scheiße. Auch wenn wir inzwischen wissen dass es im Prinzip sehr normal ist wenn sich Zellen irgendwann einmal nicht mehr so verhalten, wie es vom großen Unbekannten geplant war. Der Mensch an sich ist nicht dafür designt worden um 100 Jahre alt zu werden – trotzdem wird er es. Auch wenn sich die Menschen selbst nicht darüber im Klaren sind, weshalb dies geschieht. Um dem im Besonderen und doch für Alle nahezukommen, versucht die Menschheit mit ihrer sogenannten „Wissenschaft“ die Gefahrenquellen des Daseins theoretisch zu vermindern, wo wir bei der „guten“ Ernährung, dem Sport und der perfekten Umwelt wären.

Der Mensch hat sich selbst eine Umwelt geschaffen, die auf den ersten Blick sehr Menschenfreundlich ist, denn angenehmer als jetzt kann der Mensch höchsten in der Zukunft leben. Das Problem ist nur das Zuviel an Menschen, was aus dem Menschenfreundlichen Raum einen Menschenfeindlichen macht. Die Hölle sind mal wieder die anderen, und so verschmutzen wir uns gegenseitig. Das hat auch viel damit zu tun, dass die Menschen unterschiedlich darin sind, ihre im Prinzip gleichen Bedürfnisse zu genießen.

Der Mensch will zufrieden und glücklich sein. Das ist seine Geschichte und es geht in jedem Film, in jedem Buch und in der Politiksendung in Wahrheit einzig und allein darum. Dem persönlichen Glück. Von sonst wem.

Dieses persönliche Glück ist für viele Menschen unterschiedlich, auch wenn es sich unter Sammelbegriffe zusammenfassen lassen könnte: Der Partner. Die Kinder. Der Urlaub. Die Party. Das I-Phone. Der Feierabend. Sportliche Erfolge. Lob. Freiheit. Wobei es für manche Menschen auch ein ordentliches Glück sein kann, gequält zu werden. Es kann fast ALLES sein.

Jeder dieser Glückszustände ist wieder mit Gefahren verbunden. Ganz automatisch. Lebendig sein ist immer ein Risiko und jede Form von Glück beinhaltet auch eine gewisse Form von Sorglosigkeit. Wer gerne faulenzt wird zu dick, wie auch der, der gerne isst. Wer gerne taucht, der kann ertrinken; wer gerne schnell fährt, kann kollidieren; wer gerne liest, kann den Bezug zur Wirklichkeit verlieren (was oft schlimmer werden kann, als zu sterben); Schleckermäulchen wird ihr Zuckerkonsum zum Verhängnis; wer gerne Raucht, kann daran sterben; usw. usf. Ja, wir wussten es (wie mit dem Fleisch, den Pommes und dem Wasser aus der Kunststoffflaschen) schon vorher: ALLES kann dich umbringen.

Ich nahm früher gerne Drogen. Und die machen einen wirklich kaputt. Sie machen dich aber auch sehr frei, wenn auch nur für einen begrenzten Augenblick. Sie machen auch dumm, asozial, unglücklich und zerstören deinen Körper. Und sie machen dich dennoch eine Weile sehr glücklich. Ich kann mich eines Tages nicht darüber beschweren, wenn ich davon Bluthochdruck oder gleich Krebs bekomme. Auch wenn ich mich dann natürlich dennoch darüber beschweren WERDE. Aber es war meine Sache und ich habe immer gewusst und es auch häufig gesagt, dass ich eines Tages die Rechnung dafür begleichen muss. Wenn die Zeitgerade lange genug ist, hat man halt irgendwann einmal Pech gehabt.

Andere Leute fahren gerne in den Urlaub. Das macht sie glücklich. Sie wollen ebenfalls ihr Bewusstsein erweitern und die Welt sehen. Strände aus Sand oder Eis entlang gehen, die ich niemals sehen werde. Sie wollen auf Bergen stehen, an reißenden Wasserfällen. Ans Ende der Welt fliegen. Und fremde Kultur kennen lernen… Klingt doch viel romantischer als Drogen zu nehmen und dicht in der Ecke zu liegen, oder? Auch wenn wir tolerante Menschen sind die zugeben müssen, dass jeder sein eigenes Glück erfahren soll. Dennoch halten wir es für besser, wenn ein Mensch auf Reisen geht als sich z.B. mit MDMA niederzuballern. Obwohl die reisenden Leute mit dem Flugzeug abstürzen, am Sandstrand verdursten, in der Arktis erfrieren, von Bergen stürzen oder von fremden Kulturen getötet werden können. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür nicht sehr hoch ist. Pech kann aber auch hier jeder haben.

Es ist wie mit dem Drogen: Jeder hat ein eigenes Karma.

Das Leben bringt uns um. So oder so. Und doch wollen wir anderen Menschen erzählen, was besser für sie ist. Wir wollen ihnen vorschreiben, was für ein Leben sie leben sollen – alleine aus egoistischen Gründen: Aus der Liebe zu ihnen heraus. Wir wollen, das dem geliebten Menschen kein Unheil geschieht, damit wir länger mit ihm zusammen sein können. Dabei sagt uns unsere Vernunft, dass wir dem anderen nicht vorschreiben können, wie er glücklich zu sein hat. Dennoch wollen wir ihn darin beeinflussen.

Für uns selbst aber blenden wir die Gefahrenquellen einfach aus. Für uns ist eine Reise ein Abenteuer, keine Gefahr. Der Drogenkonsum ein großer Spaß und kein selbstzerstörerischer Irrsinn. Da wir unterschiedlichen Formen wählen, glücklich zu werden.

Auf den Gedanken kam ich durch das Lottmann-Buch „Endlich Kokain“. Das Ich vorbehaltlos empfehlen kann.

In dem Buch geht es um einen dicken, jedoch gar nicht so alten Mann, dem die Ärzte aufgrund seiner Fettleibigkeit prognostiziert haben, dass es bald sterben könnte, und in ein paar Jahren sicher sterben wird. Der Mann (Stephan Braum)  wurde von seiner Frau verlassen und war bisher nicht sehr glücklich in seinem bürgerlichen Leben, bis er schließlich den Rat bekam, Kokain zu nehmen, um dadurch abzunehmen. Fortan konsumiert  Braum und steigt bei seinem Versuch abzunehmen immer tiefer ab in einen Drogensumpf, der ihm aber – oh ha – all die Wünsche erfüllt, die er sich früher nicht erfüllen konnte. Plötzlich hat er Sex mit jungen hübschen Frauen (auch wenn sie alle verrückt sind) und Freunde (auch wenn alle Drogensüchtig sind oder es waren) und findet genau die Lebensfreude, die er bisher vermisst hat. Der Kniff ist (ich bin noch nicht durch mit dem Buch) durchaus der, dass Braum zwar eine totale Wesensveränderung durchlebt und ein Opfer seines Konsums wird, er aber durch das Kokain genau das bekommt, wovon er immer geträumt hat.

Braum ist dabei selbstverständlich ein Sonderfall, denn er hat wirklich nichts zu verlieren, da er ein Todgesagter ist und nichts mehr zu bedauern hat. Das eigentlich Verwunderliche ist die Tatsache, dass er nicht stirbt. Alles andere ist ein Bonus.

Ich bin gespannt wie das Buch ausgeht. Wobei ich hoffe, dass es am Ende keines dieser typischen „Am-Ende-bereue-ich-Alles“-Bücher wird.

Denn Sterben müssen wir am Ende sowieso. Und wir sollten uns nicht von irgendwelchen Sorgen-Nazis einreden lassen, wovor wir uns zu fürchten haben, um länger zu leben. Länger, aber nicht glücklicher.

Firmenphilosophie (Guerilla)

„Du bist ja ein Linker“, sagte mein Vater zu mir. Das war damals im Zug gewesen, als wir nach Stuttgart fuhren. Ich war kein Kind mehr, fühlte mich aber in weiten Strecken noch so – ich mit 15 fühlte sich damals viel kindlicher an, als heutige 15 Jährige auf mich wirken, ich war wohl das, was man einen geistigen Spätzünder nennt, am liebsten hätte ich wohl mein Leben lang nur mit Action-Figuren gespielt – und natürlich war ich schon oft mit dem Zug gefahren. Dennoch hatte ich vorher die Frage gestellt: „Wer fährt eigentlich schon in der ersten Klasse?“

Vater: „Leute die das Geld dazu haben. Und natürlich Firmenreisende. Die bekommen das von ihrem Unternehmen bezahlt.“

Ich: „Mhm. Ich dachte die bekommen Mietwagen oder so.“

„Das natürlich auch. Die Firma kann in gewissen Fällen sehr viel für einen guten Arbeiter springen lassen. Oft werden solche Kunden dann sogar von Fluggesellschaften oder so bevorzugt, weil sie wissen, dass es dort mehr Geld zu holen gibt als bei Otto-Normalverbraucher.“
Ich: „Verstehe ich nicht.“

„Was gibt es denn daran nicht zu verstehen?“

„Tja. Ich meine. Kunden sind doch wohl Beide. Der normale Otto und der, der auf Firmenkosten reist. Warum werden dann die Firmentypen bevorzugt? Ist Ottos Wert und Geld denn weniger wert?“
„Da geht es nur um das Geld. Firmen haben nun einmal mehr Geld als Privatleute. Deswegen hoffieren sie die.“

„Ja… Aber ohne das Geld was die normalen Ottos in die Firmen stecken, also wenn die was kaufen oder irgendwas in Auftrag geben, haben diese Firmen doch gar kein Geld. Am Anfang steht doch immer der kleine Mann. Wieso wird der dann nachteilig behandelt?“

„Na weil der nicht so viel zahlen kann wie eine große Firma. Deswegen hat man zum Beispiel vor Bosch und Siemens mehr Respekt als vor einem Herr Schmidt.“
„Aber ohne den Herren Schmidt der die Produkte von Bosch kauft, gibt es Bosch doch gar nicht! Wieso haben die dann weniger Respekt vor dem Herr Schmidt? Mit dem fängt doch alles an und hört alles auf! Menschen gibt es schließlich auch ohne Firmen, aber die Firmen nicht ohne die Menschen.“

„Oh je… Mein Sohn ist ein Linker.“

„Bin ich das?“

War ich das?

Das mit DEM Linken habe ich damals nicht verstanden. Dafür war ich zu jung. Und auch Jahre später zerbrach ich mir den Kopf darüber, ob mein Vater, wenn er eben kein Linker ist, ein Rechter sei; Nazis sind jetzt ja auch nicht gerade dafür bekannt große Kapitalisten zu sein… Nein. Ja. Ich bin im Prinzip genau das, was mein Vater auch schon damals war, ein konservativer Mensch, nur bedeutet „konservativ“ für mich nicht gegen der Fortschritt und intolerant zu sein, sondern sich an gewissen Werten zu orientieren. Ganz vorne dabei: Der Humanismus. Was kann den falsch daran sein, Humanist zu sein?

Auch heute empfinde ich es noch als sehr unfair, wenn Firmenangehörige mir irgendwo vorgezogen werden. Business vor Economy-Class. Wieso ist das so?

Das Kapital ist schuld. Natürlich.

Es ist nicht humanistisch und orientiert sich an keinen gesellschaftlichen, sondern an Markt-Werten. Um das Kapital zu erwirtschaften verfolgt jedes Unternehmen eine eigene, wenn auch oft zu anderen Unternehmen identische, Firmenphilosophie – ich finde alleine schon das Wort geil, da sich darin ausdrückt, dass das mit den einzelnen Menschen die dort arbeiten, oft nichts zu tun hat. Es ist die Philosophie der Firma. Aha. Kann denn eine Kapitalistische Wertegemeinschaft philosophisch sein? Und wenn ja, darf solch eine Firmenphilosophie über dem Humanismus stehen? Denn diese „Vision“ einer Firma die in ihrer Philosophie zum Tragen kommt, orientiert sich am Kapital, nicht am Menschen, denn das zu erwirtschaftende Kapital ist der Grund für den Erhalt dieser Wertegemeinschaft und fordert es heraus, andere Leute, die nicht Teil dieses Unternehmens sind, wenn nicht gleich zu schaden, so doch zu benachteiligen um den Umsatz oder gleich den Gewinn eines Unternehmens im Gegensatz zur Konkurrenz zu vergrößern. Eh klar…

Ich finde nur, dass keine Wertegemeinschaft über einer anderen stehen sollte. Sei es eine Firma, eine Religion oder auch nur ein Fußballverein. Es sollte nichts per se BESSERES geben, auch wenn die Meinungen darüber was zu bevorzugen ist, natürlich unterschiedlich ausfallen und Jedem selbst überlassen sind.

Man kann doch nicht die „Identität“ einer Firma, Religion oder eines Staates (wie die Philosophie hier auch genannt wird) über die reale Identität von Menschen stellen. Und doch ist es so: Firmen sind mehr wert als Menschen. Sie gehen über Leichen, für den Profit.

Ja. Für mich ist ein Kunde ein Kunde. Und ein Bürger ein Bürger. Jeder ist gleich. Niemand ist gleicher. Selbstverständlich hat jeder andere Talente und/oder Vorfahren und je nachdem andere finanzielle Möglichkeiten; das ist in Ordnung. Nur für mein Befinden sollten Geschäftsreisende und – kunden keine Privilegien genießen.

Das mag daran liegen, dass ich ein Kinder der 80ger bin, wo die Menschen noch brav und in Reihe in der Post an Schaltern anstanden und einfach warten mussten, bis sie an der Reihe waren. Das war doch ein gutes System. Nervig, doch demokratisch.

Alleine schon die Macht sich über das System des Schlagestehens hinwegzusetzen zu können, zeigt eine Schieflage der Gesellschaft an sich an: „Ich kann etwas, was du nicht kannst. Ich bin besser als du.“

Bist du das?

Wie war das noch einmal mit der verfassungsrechtlich garantierten Würde? Kann man diese Würde erwirtschaften? Wirklich?

So in etwa war meine Grundhaltung, als ich die Guerilla-Schneiderin kennenlernte.