Die Neureichen der Nüchternheit

Heute war ich beim Arzt. Vorsorgeuntersuchung. Ich dachte mir: „Nun ja Bürschen. Ist ja nicht so dass du den besten Lebenswandel hattest. Zu viel Alkohol. Zuviel Tabak. Zu viel Speed, XTC, Kokain… (LSD hätte man natürlich immer ein wenig MEHR nehmen sollen, egal) Mach doch mal lieber die Vorsorgeuntersuchung. Besser ist das. Ernährst dich eh nur von Fertiggerichten, Stress und Red Bull (das wahre Männergetränk). 35 bist du jetzt auch schon fast 10 Monate. Mach mal hin.“

Der Computer sagt zu meinen eingereichten und von ihm analysierten Proben: „Hey yo! Hast das alles gut weggesteckt Bruder. Wenn du keinen Krebs hast, bist du sogar vollkommen gut durchgekommen. High 5!“

Und ich so: „Whaaaat?!“

 

Saubere Sache das Ergebnis. Finde ich natürlich sehr gut.

 

Ich hab die Drogen gut überstanden. Hab neulich auch die letzten Freunde gekickt von denen ich lange dachte, sie wären meine Freunde – waren sie aber nicht (ich halte solange an den falschen Freunden fest, da ich Angst habe verlassen zu werden, da mich Mama damals zurück lies, glaubt der Psychologe in mir). Und wohne nun mit einer schönen, jungen, intelligenten Ärztin zusammen, die ich über alles liebe.

 

Mir geht es super. Besser kann es einem Menschen nicht gehen. Ich bin so glücklich wie ein verdammter Märchenprinz am Ende der Geschichte.

Aber… Und jetzt?

Das ist das Problem. Märchen enden. Der arme, trostlose Schlucker, der von der bösen Hexe, die seine Mutter war, alleine gelassen und verstoßen wurde, hat den bösen Drachen der Sucht besiegt, wohnt in seinem perfekten Schlösschen mit seiner Braut – und nun ist ihm (nach dem Abspann) langweilig.

Hm. Tja. Ja… Schon, schon…

Das ist die Sache wenn man solche Kicks erfahren hat, dass man glaubt Barfuß über die Sonne gegangen zu sein: Die Normalität fühlt sich echt fade an…

Was undankbar ist. Ich habe so ein tolles Leben. So eine tolle Frau, die so viel für mich aufgegeben hat. Und ich scheine trotzdem undankbar zu sein. Was nicht stimmt. Ich bin überhaupt nicht undankbar. Für alles. Das ist sogar das einzige Gebet was ich (wirklich) jede Nacht in mein Kissen flüstere: „Danke lieber Gott, dass mein Leben sich so entwickelt hat im Gegensatz zu dem was war.“ Denn mir ging es richtig, richtig scheiße und dreckig. Also so richtig. Und jetzt ist mein Leben super.

Und trotzdem fehlt mir der crazy shit. Das ist halt das Problem bei uns Neureichen der Nüchternheit: Wir müssen uns an euer Tempo erst einmal gewöhnen. Wir wollen es ja. Und wir wollen so sein wie ihr. Nur nicht… Ganz so… Obwohl. Was war man vorher?

Das dachte ich mir erst als ich bei einer Freundin auf Facebook las, dass ihre Freunde „sooo verrückt!“ seien. Aber die sind nicht verrückt. Kein bisschen. Das sind nur angepasste Primaten, die halt auch noch Drogen nehmen. Wenn überhaupt. Und so ähnlich war ich ja auch. Nur das Leben fühlte sich schneller und extremer an. War es manchmal. Nur bei Gott nicht die meiste Zeit. Die meiste Zeit war der shit nur anstrengend. Und verdammt… Vielleicht fehlt mir sogar der Stress… Wenn man es so gewohnt ist gestresst zu sein…

Ich wollte es meinem Hausarzt – der von meinem Leben keine Ahnung hat – schon bei der Vorsorgeuntersuchung sagen, als er nach Tabak und Alkohol in meinem Leben fragte: „Ja, geht so. Aber ich habe lange Drogen genommen.“

Arzt: „Wie lange?“

Ich mache alle drei Hände auf und zähle die Finger ab, und murmel: „Scheiße. Fast 15 Jahre… 10… Aber doch eher 15…“

15 Jahre Stress, Ekstase und Depri-Phasen. Kein Wunder das einem die Normalität zunehmend langweilig vorkommt. Vorkommen muss. Das ist irgendwie sehr unfair. Doch auch sehr logisch.

Nun. Ich werde mich daran gewöhnen. Und mir eine Aufgabe im Leben suchen. Ein neues Hobby. Irgendwas. Was das Leben ein wenig mehr besonders macht… Den „Muh-Deckel“ auf der Müllermilch-Flasche habe ich schon mal nicht gefunden (ich brauche nicht mal das Geld, es wäre nur nett so eine „besondere Erfahrung“ im Leben zu machen). Doch die Suche ist ein Anfang 😉

 

Hätte alles viel schlimmer kommen können. Sehr gut.

🙂

Der Therapiehund

„Das Traurigste was ich jemals erlebt habe?“ der Alte hält inne. „Ich weiß nicht… Darauf kann man keine Antwort geben. Denn das Traurigste was man erlebt hat, ist immer das Persönlichste. Der Tod von Eltern, Geschwistern oder noch viel schlimmer, der des eigenen Kindes, diese melodramatischen Momente des Daseins… Wenn ich aber ein Bild auswählen müsste, ein Ereignis, dass ein großer Regisseur oder Autor in einem Buch verwenden würde, wäre meine Wahl wohl dieses 18 jährige Mädchen aus Thailand.

Ich wurde dorthin eingeladen, in dieses Bordell und wir gehen dort in dieser unglaublich aufgeheizten Stimmung, ja, das darf man zweideutig sehen, den offenen Gang entlang und am Ende dieses Ganges sitzt dieses 18 Jährige, Aids-kranke Mädchen, offensichtlich – Pardon, mir fällt dafür kein besseres Wort ein – schwachsinnig. Ein Gespräch mit ihr war nicht wirklich möglich. Wohl aber konnte ich mich mit einigen ihrer Freier unterhalten, die ebenfalls längst an Aids erkrankt waren und an der armen Kleinen ihre Schwäche und Minderwertigkeitsgefühl auslassen konnten, die eine der wenigen Menschen war, mit denen sie selbst noch Sex haben konnten… Und diese Schwachsinnige hat gelächelt dabei. War immer fröhlich… Nein… Ja. Würde ich eine Szene wählen, wäre es wohl diese…“

 

Die Hand des Alten strich bei seinem Monolog versonnen über den Kopf des Hundes, der seinen großen, schweren immer lächelnden Kopf zwischen die Beine des Mannes gelegt hat und ihm mit großen Augen, Ohren und heißem Maul zuhörte.

Der Hund ist ein trainierter „Therapiehund“, der, so wie heute, auch seine Dienste als „Besuchshund“ anbietet. Er ist ausgebildet sorgsam mit traumatisierten oder verletzten Kindern zu spielen, bettlägerig alte Menschen aufzuheitern, sich von alten Leuten, so wie jetzt, streicheln zu lassen; letztes Jahr hat er sogar zu Weihnachten den Geschenkwagen des Weihnachtsmannes gezogen und somit behinderten Kinder ihre Geschenke apportiert. Doch das ist nur ein Nebenjob des Hundes. In Wahrheit ist er speziell geschult um in der Heilpädagogik eingesetzt zu werden, zu der Ganzheitlichen Heilung eines Menschen…

 

Unser alter Mann weiß das. Er ist vom Fach. Er kennt die Kniffe und Tricks dieser Hundeseele, ist sogar mit ein paar Ausbildern von solchen Tieren bekannt. Es spielt für ihn keine Rolle.

Er lädt seine schweren, bösen Gedanken auf diesem freundlichen Tier ab, dass nichts versteht und der Alte fühlt sich wohl dabei. Der Hund ist wie dieses Loch in einem Baum, in das man einer chinesischen Sage nach seine Geheimnisse erzählt, um es dann mit Wachs zu verschließen, wonach die Sorgen dort – verschlossen vor den Ohren und Augen der anderen – zurückbleiben. Der Hund als  ein ewig lächelndes Gefäß des Schmerzes. Das Tier kann unendlich viel Trauer und Wut aufnehmen, da es in Wahrheit nichts versteht. Mit seiner übermenschlich positiven Ausstrahlung. Tim Allen hat nicht umsonst gesagt: „Der Hund ist deshalb der beste Freund des Menschen, da er keine Menschenkenntnis hat.“

Könnte dieser Hund verstehen. Könnte er sprechen. Würde er dann weinen über all die Trauer die er empfang hat? Oder würde er die Menschheit an sich verachten?

Und ist es nicht bezeichnend, dass nur ein Tier die gesammelten Schmerzen der Menschheit lächelnd ertragen kann?

 

Dann muss der Hund fort. So wie alle Dinge irgendwann gehen müssen. Der alte Mann. Dieser große Weltreisende. Bleibt alleine mit seinen Gedanken zurück. Die Trauer und die Vergangenheit sind nicht da. Für ein paar Stunden ist er davon befreit. Sie hängen wie ein Schleier an dem Tier fest. Das schwanzwedeln und unbeschwert damit davon zieht und bald dem nächsten Patienten die Pfote reicht.

Sorgen werden manchmal weniger wenn man von ihnen erzählt. Und später, im Bett, dass links und rechts der Matratze das Hochklappbare Gitter besitzt, damit der alte Mann nicht herausfallen und zerbrechen kann, fragt sich unser alte Freund und pensionierter Psychologe, ob er selbst nicht mehr oder weniger war und ist wie dieser Hund. Eine Ablagefläche, ein Loch ohne Boden für die Sorgen der Menschen mit denen er „gearbeitet“ hat. Ja. Der Hund und er, sie sind sich gar nicht so unähnlich. Bis auf eine Ausnahme.

 

Friedrich Nietzsche hat geschrieben: Wenn man lange in einen Abgrund schaut, schaut der Abgrund auch in einen.

Die Stimme aus dem Erstaufnahmelager

Ich habe noch nie einen Facebook-Eintrag in einem anderen sozialen Netzwerk geteilt, der hier ist wert. 

Er stammt von Raphaele Lindemann

Liebe Leute,

nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur wirklichen Situation vor Ort zu schreiben und diese in Absprache mit der Camp-Leitung hier zu veröffentlichen.
In der aufgeheizten Stimmung zwischen allen politischen Lagern können ein paar Fakten aus erster Hand nicht schaden. Ich habe mir vorgenommen, diesen Bericht möglichst neutral zu verfassen. Das ist mir allerdings aufgrund der erschütternden Realität nicht gelungen und am Ende ist doch die Polemik und meine eigene Meinung mit mir durchgegangen…aber das wird man ja wohl noch sagen dürfen…

Ich bin zur Zeit als Arzt für die medizinische Erstversorgung der neu in Deutschland ankommenden Flüchtlinge zuständig. Diese findet nahezu vor jedem weiteren Schritt statt. Also vor der Registrierung (inkl. Fingerabdrücke und Foto!), der Versorgung mit gespendeter (Marken-)Kleidung, der Möglichkeit sich zu duschen, etwas zu essen oder der Verteilung auf das restliche Bundesgebiet etc. Das heißt im Klartext, dass man hier einen Eindruck in Reinform über die tatsächliche Situation der ankommenden Flüchtlinge erhält.

Dieser Eindruck ist pur und absolut ungefiltert. Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500km in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine „naive rosarote Gutmenschbrille“ zu schauen. Oder einen 4 Wochen alten Säugling in feuchter Kleidung mit Lungenentzündung zu behandeln, der zusammen mit einem Einjährigen und einer Vierjährigen, ganz alleine von der Mutter über das Mittelmeer, über Griechenland bis hier her geschafft wurde und sich dann den Vorwurf der Weltfremdheit anzuhören. Das hier ist die Welt! Und das hier ist sehr real und nirgends „rosarot“! Der Vater der 3 Kinder kam übrigens in Syrien ums Leben.

Diese Menschen kommen in einem absolut desolaten und erbarmungswürdigen Zustand hier an. Sicher wird es manchen erstaunen, dass es sich nicht zu 90% um junge, gesunde Männer handelt. Das hat das Wanken der Nachzugsreglung erfolgreich zum Schlechteren gewendet. Ich sehe pro Schicht etwa 300-500 Flüchtlinge. Mindestens 40% davon sind KINDER! Es gibt Familien, es gibt Alte und ja – es gibt auch junge Männer. Warum auch nicht? Allen gemein ist, dass sie absolut entkräftet und fertig sind. Ich habe bisher nie so viel Elend und Verzweiflung auf einem Haufen gesehen.
Neulich haben wir zum Beispiel eine Frau versorgt, deren Beine komplett verbrannt waren. Keine Ahnung wie sie es überhaupt bis zu uns geschafft hat. Wir haben allein eine halbe Stunde gebraucht, um die festgeklebten, schmutzigen und stinkenden Verbände von den vereiterten Wunden zu lösen. Da war aber kein Klagen und da war keine Anspruchshaltung. Diese Frau hat Dankbarkeit ausgestrahlt, weil sie endlich in Sicherheit ist und sich jemand um sie kümmert. Selbstverständlich ist sie nur ein Beispiel. Und selbstverständlich lassen sich mit Sicherheit auch Arschlöcher unter den Flüchtenden finden – wovon wir selbstverständlich schon genug unter den Eingeborenen haben.

Übrigens haben die Flüchtenden natürlich ihre Smartphones dabei. „Die“ haben vorher nicht in der Steinzeit gelebt und sind aus irgendwelchen Buschhütten und Höhlen gekrochen. Und vielen ist es zunächst wichtiger ihre Handys aufzuladen, als etwas zu Essen zu bekommen. Und dreimal dürft ihr raten warum? Was habe ich als erstes gemacht, als ich, bequem mit meinem Auto, trotz Glatteis, sicher im 500 km von zu Hause entfernten Camp angekommen bin?
Dass sie ein Lebenszeichen an die Lieben schicken zu wollen, wird diesen Menschen allerdings regelhaft zum Vorwurf gemacht und als Beleg für die fehlende Hilfsbedürftigkeit gesehen. Mit Verlaub – das ist weltfremd und obendrein arschig! Als würde es eine Pflicht geben, sich vor einer Flucht in Lumpen zu hüllen und bloß alle Wertgegenstände zurück zu lassen – inklusive der einzigen Möglichkeit zur Kontaktaufnahme zu den Angehörigen in Form eines Telefons.

In der aktuellen Situation müssen wir uns verdeutlichen, welchen Selbstanspruch wir an unsere Kultur haben. Natürlich könnten wir die Grenzen dicht machen und so tun als wäre Merkel an allem Elend dieser Welt schuld. Aber glaubt denn wirklich irgendwer damit wäre das Problem gelöst? Ich höre hier im Lager durchgehend weinende Kinder. Und ich weiß, dass sie dann halt vor unseren Grenzen weinen würden. Würden wir damit unsere Zivilisation retten? Nur weil wir es dann nicht mehr sehen und im Fernsehen einfach bequem umschalten können? Es zeugt schon von einer bemerkenswerten Moralvorstellung, wenn man auf fb das Elend eines gequälten Hundes anprangert und gleichzeitig sehenden Auges all diese Menschen vor unseren Grenzen krepieren lassen will – und wenn es nur durch Unterlassung ist. Ob das ein schützenswertes Abendland ist?

Natürlich müssen Lösungen vor Ort gefunden werden. Und natürlich können wir nicht die ganze Welt aufnehmen. Aber löst man einen Konflikt auf der Welt indem man gegen Flüchtlinge wettert und dumpf der Kanzlerin Verrat am Volk vorwirft? Sieht so die Rettung der Welt aus? Wo bleiben die wirklich konstruktiven Vorschläge und Initiativen der ach so besorgten Bürger?

Durch ihr „wir schaffen das“ hatte ich zum ersten Mal so was wie Respekt und Anerkennung für die Kanzlerin übrig. Weil sie ohne mit der Wimper zu zucken ihre politische Karriere riskiert hat, um eben jene Menschen nicht vor unseren Grenzen krepieren zu lassen und sie die enorme Herausforderung angenommen hat anstatt ihr übliches Teflonspiel des Aussitzens zu treiben. Und nie hat jemand behauptet, dass es eine leichte Herausforderung wäre. Und sind wir doch mal ehrlich: Wer von all den Hetzern ist denn WIRKLICH so arm, dass er befürchten muss durch die Flüchtlinge plötzlich weniger vom deutschen Wohlstandskuchen abzubekommen? Ist bisher WIRKLICH jemand deshalb ärmer geworden? Ist WIRKLICH jemand deshalb aus seiner Wohnung geflogen? Ist WIRKLICH jemand von einem bösen Asylanten aufgegessen worden? Und damit meine ich nicht denjenigen, der einen kennt, dessen Großcousine einen Nachbarn hat blabla.
Und Nein! Ich möchte nicht „so was“ wie in Köln gutheißen und bin sehr wohl für Sicherheit und Ordnung und eine härtere Bestrafung bei Gewaltdelikten jeglicher Couleur. Übrigens war ich schon bekennender Feminist als der Großteil der jetzigen „Frauenrechtler“ noch fröhlich Tittensprüche gemacht haben.
Was sich für Deutschland in erster Linie durch den Flüchtlingsstrom geändert hat, ist die Tatsache, dass wir zum ersten Mal eins zu eins mitbekommen, was in den armen Ländern dieser Welt absolut üblich ist: Wir nehmen Flüchtlinge im großen Maßstab auf und beweisen dadurch Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und sind bereit wenigstens einen kleinen Teil der Zeche zu zahlen, die die westliche Welt mit ihrer Außen- und Wirtschaftspolitik arrogant hat anschreiben lassen.
Damit sage ich ausdrücklich nicht, dass ruhig jeder hier her kommen soll und machen kann was er will. Natürlich fordere ich Integrationswille und Verfassungstreue ein – aber auch und vor allem von meinen eigenen Landsleuten! Schließlich hätten die schon seit ihrer Geburt die Chance gehabt humanistische Werte zu lernen. Und nicht selten profitieren sie schon viel länger als die Flüchtlinge von unserem Sozialstaat…

Klar muss sich auch „der Islam“ bewegen, möglicherweise eine Reformation durchlaufen, um unseren Lebensstil und die Regeln unseres Zusammenlebens bedingungslos in unserem Land zu akzeptieren. Aber sowas passiert doch nicht indem man alle Flüchtlinge nach Möglichkeit in Ghettos sperrt und die Türen zur gesellschaftlichen Teilhabe tunlichst geschlossen hält. Ein Blick in die Pariser Vororte sollte eigentlich ausreichen um zu erkennen wohin das dann führt. Und ja – dann werden all die Hetzer recht behalten.
Natürlich ist es verlogen, die radikalen Formen des Islam zu tadeln und zu bekämpfen, während man gleichzeitig z.B. mit den Saudis fröhlich Geschäfte macht ohne irgend eine Form des politischen Drucks aufzubauen. Ist ja nicht so, dass es nicht saudisches Geld wäre, welches weltweit Hassprediger mit extremsten Auslegungen des Islam finanziert.
Unabhängig von der moralischen Verpflichtung Menschen in Not zu helfen, verstehe ich einfach nicht, warum die große Chance dieser Flüchtlingswelle nicht erkannt wird. Noch vor wenigen Monaten war die größte Gefahr für unser christliches Abendland das Fortpflanzungsverhalten der Deutschen. In 30 Jahren ist unser Sozialstaat und unser Rentensystem am Ende. Deutschland überaltert. 2060 wird jeder dritte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Jeder Zweite ist dann mindestens 51. Aktuell haben wir 49 Millionen Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 64. Im Jahr 2060 werden es nach aktueller Entwicklung nur noch 34 Millionen sein. Diese 34 Millionen müssen dann nicht nur unsere Rente zahlen, sie müssen auch unser gesamtes Gemeinwesen am Laufen halten, dafür sorgen, dass wir satt sind und es warm haben und uns im Zweifel auch den Hintern abwischen und uns das Erbrochene aus dem Gesicht waschen. Außerdem müssen sie natürlich weiterhin innovativ und produktiv sein, damit die Wirtschaftsmacht Deutschland auf dem Parkett des internationalen Markts nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwindet und sich unsere Kinder und Enkel den Luxus der Altenbetreuung überhaupt leisten können, bei immer mehr zu stopfenden Greisenmäulern.
Wer glaubt, er könne dem Dilemma 2060 durch früheres Versterben entgehen muss leider enttäuscht werden: Schon 2035 werden wir fast 8 Millionen Menschen weniger im Erwerbsalter haben. Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass wir schon heute – also mit 8 Millionen Erwerbstätigen mehr – über knappe Rentenkassen und ein späteres Renteneintrittsalter diskutieren müssen und man ohne private Vorsorge real von Altersarmut bedroht ist.
Und genau jetzt hat ein weltweiter Exodus begonnen, der ohne jedes Anwerben den wichtigsten Zukunftsrohstoff überhaupt zu hunderttausenden in unser Land schwemmt: Menschen im erwerbs- und zeugungsfähigen Alter.
Natürlich bin ich kein Depp und ich weiß genau, dass wir es hier nicht mit einer Schwemme an Fachkräften zu tun haben (wobei es unter den Flüchtenden sehr wohl auch Fachkräfte gibt. Ich habe schon so einige im Lager getroffen.) und es riesige kulturelle Unterschiede gibt (die sich übrigens auch immer mehr in unserem eigenen Volk kristallisieren). Deshalb schrieb ich auch ROHstoff.
Jetzt können wir folgendes tun: Entweder wir kasernieren und isolieren die Neuankömmlinge, zeigen ihnen die kalte Schulter, fördern die Ghettobildung und versuchen sie schnell wieder abzuschieben und weg zu jagen, oder aber wir fangen an in etwas größeren zeitlichen Dimensionen zu denken.

Fast jeder von uns hatte doch in der Grundschule irgend ein asiatisches Kind sitzen – oder? Diese Kinder waren die ersten in Deutschland geborenen Nachkommen der mit offenen Armen importierten asiatischen Krankenschwestern im großen Pflegenotstand der 60er und 70er Jahre. Enorm viele dieser Kinder sind heute staatstragende DEUTSCHE: Politiker, Richter und Anwälte, Pfleger, Ingenieure, Geschäftsleute, Lehrer und Professoren und auch einige meiner ärztlichen Kollegen gehören dazu.
Das war funktionierende Integration durch frühe Förderung und Bildung. Investition in die Zukunft. Und genau diesen Schritt jetzt zu wiederholen wäre doch eine riesen Chance um diesen Rohstoff – die Kinder der jetzigen Zuwanderer – zu nutzen. Wenn wir uns das leisten wollen. Oder geht es am Ende etwa doch nur um Neid und eine reine Blutlinie?
Für den Neid möchte ich dann nochmal an den erquicklichen Sachverhalt erinnern, dass 62 Personen so viel besitzen wie die Hälfte der Erdbevölkerung. Ich warte noch immer auf den Aufschrei der Empörung und den Futterneid diesbezüglich, den man ja regelhaft gegen die ärmsten der Armen kultiviert.

Vielleicht noch ein kleiner „Gimmick“ zum Abschluss:
Letzte Nacht hatten wir unter vielen, vielen anderen Einzelschicksalen eine junge Schwangere im Lager, die keine Kindsbewegungen mehr gespürt hat. Sie sorgte sich, dass durch das lange Treiben im Mittelmeer – nachdem der Schleuserkutter gekentert war – nun auch ihr letztes Kind gestorben sei. Ihre zwei anderen Kinder sind bereits auf der Flucht im Meer ertrunken weil sie keine Kraft mehr hatte….So eine Sozialschmarotzerin aber auch!

Menschen leiden und sterben. Jetzt. Und wir können das verhindern. Wir schaffen das „wink“-Emoticon

P.S.: Ich habe nirgendwo das Wort „Nazi“ benutzt. Wer sich trotzdem als ein solcher hingestellt fühlen möchte – bitte sehr: Du Nazi!

Mediziner-Abschluss-Party

Uni ist halt doch wie Schule, wenigstens wenn es um die Abschlussfeiern geht. Eine heiter quirlige Energie allerorts, die fast schon pubertär anmutet, und das viele ihre Eltern mitgebracht haben, verstärkt den Eindruck noch; neben den Alten sehen die Jungen gleich noch viel jünger aus.

 

Es ist ein fettes „600 plus X“-Leute-Event, in einer festlich ausgeleuchteten Mensa, nur leider hilft das neue schummrige  Licht dem Essen selbst wenig… Wie man sich Mensa-Mahlzeiten halt so vorstellt. Doch der Sekt ist umsonst und die Getränke billig (was immerhin für mich von Vorteil war) und alle Studenten, die man jetzt zu den „Ehemaligen“ zählen kann, sind happy und gut drauf, „schön sich noch einmal zu sehen“, während sie sich selbst abfeiern. Das haben sie sich verdient. Dennoch sehen die grauen Mäuschen und Pseudo-Coolen-Typen in ihrem schicken Outfit ein wenig überstylt aus, ein harter Backflash zu all den inszenierten Abschlusspartys, die man aus US-Amerikanischen Filmchen kennt. Die Erkenntnis reift heran, dass man dem (so sagte man früher, heute würde es Scham hervorrufen) „großen Bruder“ doch ähnlicher ist als man dachte.  Trotz der teilweise sehr tief ausgeschnittenen Kleider und anderen Blickfängern (man denke an den Titel der Band von „ Joe Caputo“ in „Orange is the new black“) bleibt es eine mehr als biedere Veranstaltung, die niemals ihre angenehm infantile und dennoch akademische Würde verliert. Schließlich sind heute Mediziner am Start und keine High-School-Proleten. Hier ist die Verpackung nicht der Inhalt.

Es werden unzählige Fotos geschossen. In jeder möglichen Konstellation.

„Verdammt wir sind jetzt Ärzte!“ Nur das hier keiner VERDAMMT sagen oder herumschreien würde… Das wäre peinlich.

 

Die Reden sind teilweise trocken und peinlich – das macht aber nichts. Denn der Dekan reißt durch eine ernste Aussage seine bis dahin  so dermaßen furchtbar gewollt lustige  Rede ins Plus des Gedächtnisses, in dem er die versammelten jungen Ärzte daran erinnert, dass sie nun gleich den „Hippokratischen Eid“ ablegen werden. Diesem zufolge  verpflichten sie sich JEDEM Menschen zu helfen, ganz egal ob er Deutscher oder Flüchtling ist, schließlich ist es immer ein Mensch der vor einem steht. Immer ein Mensch der Hilfe braucht. Was das für ein Mensch ist, ist zweitrangig. Mensch ist Mensch. Und auch wenn der Herr Dekan mit dem Angela Merkel Zitat „Wir schaffen das!“ für meinen Geschmack dann doch ein wenig mit seiner Rede überpaced hat, fand ich den Gedankengang einfach nur richtig, wahr, klar und verständlich. Und auch mir, der ich hier nur Besucher und Zaungast war, gab diese in Wahrheit sehr simple Erkenntnis neuen Mut und Kraft.

So einfach ist das mit der Wahrheit.

Köln hin und eingewanderter Verbrecher her.

Mensch bleibt Mensch. Ganz egal ob er dir fremd ist oder du ihm. Und auch wenn der Fremde Verbrechen begeht und du ihn aus verständlichen Gründen hasst, so ist er nur ein einzelner Mensch, der weder mit seinen Taten, noch mit seinen Worten für alle sprechen darf oder kann. Das hat nichts mit „Gutmenschentum“ zu tun. Das ist simple Logik:

Ich bin nicht du. Ich bin wie du.

 

Natürlich kam einem diese ganze Problematik, die jeden in Deutschland seit Wochen umtreibt, auf diesem Akademiker-Treffen sehr weit entfernt vor.  Die „Anderen“ sind nicht hier. Können nicht bekehrt und belehrt werden. Für sie ist der Zugang zu dieser hohen, höchsten Form der Bildung verwehrt. Und gerade ihr Mangel an Bildung lässt sie Dinge tun, die sie in unserer Gesellschaft „unmöglich“ machen; das stimmt aber nicht. Aus dem „Unmöglichen“ muss hier ein „Zusammen“ gemacht werden. Sonst funktioniert das Miteinander nicht. Kann es denn funktionieren?

 

Da stand ich dann also mit der Kamera in der Hand und wartete darauf, dass meine Freundin auf die Bühne gerufen wurde; jeder Absolvent wurde einzelnen auf die Bühne gerufen und geehrt. Ihr Nachname kommt nur leider sehr spät im Alphabet, weswegen ich/wir sehr lange warten mussten. Viele Männer und junge Frauen kamen breitgrinsend auf die Bühne, „Wuuuhooo! Endlich Arzt!“ sagten ihr innere Sonnen, die über ihre Augen nach außen strahlten. Wirklich sehr viele neue Ärztinnen waren dabei, mehr als ihre männlichen Kollegen. Darunter sehr viele mit Migrationshintergrund. Da fragte ich mich: Für wie viele war es vor einigen Jahren  noch „unmöglich“  Arzt in Deutschland zu werden? Es war eine Aneinanderreihung von integrativen Erfolgsgeschichten. Und seit wie lange dürfen Frauen in Deutschland überhaupt Medizin studieren?

Was ich da sah, war eine einzige emanzipatorische Erfolgsgeschichte. Wer hätte das vor ein paar Jahrzehnten noch gedacht? Also…. Funktioniert es, oder?…

Ich weiß, das ist sehr patethisch. Es klingt ziemlich idealistisch. Fast schon verblendet…

Und doch entspricht es der Wahrheit.

 

Zum Schluss kam der peinlichste Auftritt der Abends: Die Finale musikalische Einlage der Professoren-Band, die furchtbar  gezwungen eingedeutschte Lieder zum Thema „Medizin“ zum Besten gaben. Wirklich ganz furchtbar. Die Schul-Klischees wurden vollkommen erfüllt. Aber was soll´s? Da gibt es Schlimmeres.

 

Es war der Abend meiner Freundin und ich freute mich sehr für sie. Ich war (und bin) stolz auf sie. Freute mich daran wie sie mit ihren Freundinnen feierte und lachte. Auch wenn ich mir teilweise schwer vorstellen konnte, dass diese aufgedonnerten Weiber einmal meine Ärztinnen seien könnten (da kam mein persönlicher Sexismus durch: Die waren teilweise viel zu hübsch! Die kann ich doch gar nicht ernst nehmen…).

 

Dann gingen wir nachhause. Einfach so. Und die Studienzeit war ein für allemal vorbei.