Es spielt eine Rolle, von wem wir sexuell belästigt werden

Die schlimm dümmsten Beiträge zu einem Thema, welches gesellschaftlich kontrovers diskutiert wird, haben diesen Ton, von wegen: „Ich will nichts beschönigen, aber…“ Dennoch wird mein kleiner Text genau in jene Sparte rutschen. Dabei will ich gar nichts falsch machen – was die schlimmsten Kommentare zu einem Thema überhaupt sind. Wir sind hier aber bei „Strategien gegen Vernunft“, da muss man auch einmal im Halbjahr auf gängige weise unvernünftig sein.

„Sexuelle Belästigung“ ist das Thema 2017. Es ist eine große und ebenso wichtige Debatte, die da geführt wird. Diese Debatte läuft nun auch schon so lange, dass ich gar nicht mehr darauf eingehen will, wie und durch was sie in Gang gesetzt wurde. Das ist bekannt. Die Frage die mich und alle Männer und Frauen damit am Meisten beschäftigt ist (oder sie sollte es sein) was mein Part in diesem Spiel ist, also wie habe ich mich verhalten? Was habe ich getan? Was nicht? Und wenn dann, was habe ich daraus gelernt?

Ich war nie ein Heiliger, dachte jedoch, mich bei dem Thema auf die Seite „der guten Männer“ stellen zu können. Frauen habe ich immer respektiert und habe sie seit jeher als gleichwertig zu Männern gesehen. Sie waren für mich nie Freiwild, auch wenn ich sie natürlich objektifiziert habe. Ich glaube, dass es in Gedanken auch gar nicht möglich ist, dass nicht zu tun. Gerade in der Jugend, wenn die Hormone der Verstand nahezu überwältigen. Die Frage ist dann nur, was man herauslässt. Wie man damit umgeht. Es ist ja und sollte nie ein Verbrechen sein, wenn man durch einen Mitmenschen geil wird. Das gehört zum Menschsein dazu. Gedanken, Wünsche und Triebe sind frei. Und auch jetzt fallen mir sofort einige Frauen ein, deren Körper und Aussehen nicht anders als in meine geistige Kategorie „Gerät“ passen. Das hatte bei mir nur immer auch mit einer gewissen Form von Anbetung zu tun, als in dem Wunsch Frauen zu erniedrigen, d.h. auf mein Niveau herunterzuholen. Etwas, was die Machtmenschen mit Minderwertigkeitskomplex in Hollywood und sonst wo getan haben. Ja. Ich glaube dass die falsche Ausübung von Macht so gut wie immer mit einem Minderwertigkeitskomplex zu tun haben, von dem keiner von uns frei ist. Wir kommen nicht als fertige Menschen auf die Welt sondern machen uns zu denen, die wir sind; in diesem Zusammenhang vermeide ich die Formulierung: „Wir werden zu etwas gemacht.“ Das mit den äußeren Einflüssen die uns formen ist natürlich richtig. Hier will ich aber diese Ausrede nicht gelten lassen. Denn selbst wenn wir von außen beeinflusst und geformt werden, liegt es doch an uns was wir daraus machen. „Ich konnte nicht anders“ ist beim Charakter keine Ausrede. Denn wenn wir dachten wir konnten nicht anders, liegt es auch daran, dass wir den leichteren Weg in unserer Entwicklung gewählt haben. Man muss nicht alternativlos ein Verbrecher oder Drogensüchtiger werden, nur weil man in solchen Kreisen aufgewachsen ist. Jeder hat die Wahl. Doch ganz gleich was diese Wahl am Ende mit uns gemacht hat, ist in uns dieser kleine Punkt, dieser kleine oder große Haufen an Erfahrungen, an Komplexen, die unser späteres Verhalten in Machtpositionen erklärt. Es ist keine Rechtfertigung zu sagen, dass weil wir in der Jugend ausgelacht oder nicht gefickt wurden, wir im späteren Leben genau deswegen Frauen erniedrigt oder misshandelt haben. Oder Männer. Es ist keine Rechtfertigung. Aber eine Erklärung. Menschen sind nie von Grund auf Böse. Sie haben Gründe für das was sie tun. Auch wenn im seltensten Fall die Gründe schlimmer sind als das folgende Resultat daraus. Ich glaube diese Gründe, diese Komplexe, häufen sich über die Jahre, über die Jahrzehnte an, werden immer größer und größer, da wir sie nie verarbeiten wollen, da es zu peinlich ist, darüber zu sprechen, und irgendwann ist der Berg aus der Wut der Jugend oder der Kindheit groß genug, um ein ihm angemessenes Verbrechen zu begehen. Und wie es so ist mit Verbrechen für die man nicht bestraft oder belangt wird (das ist ja schon so als Kind wenn man zum ersten Mal lügt), handelt man wieder so. Okay. Das ist jetzt mal wieder ganz schöne Küchenpsychologie. So aber. Erkläre ich es mir. Ich, der gar keine Ahnung davon hat in einer Machtposition  anderen Menschen gegenüber zu sein.

 

Und selbst das ist eine Lüge. Sicherlich war auch ich schon in Machtpositionen Leuten gegenüber, habe es so aber nicht wahr genommen. Und ich weiß auch, dass ich mich nicht immer korrekt verhalten habe. Sei es Freunden gegenüber, die ich Alpha-Männer mäßig dominieren musste. Oder Frauen gegenüber, die ich nicht immer korrekt behandelt habe. Ich glaube nicht, dass ich ein TÄTER bin. Aber wahrscheinlich ist es auch so, dass ich selbst das gar nicht einschätzen kann. Keiner kann von sich selbst sagen, ob er Täter ist. Das müssen die anderen entscheiden. Ich selbst kann nur sagen, ob ich nicht doch einige Dinge im Leben hätte anders machen sollen.

Sex ist ein schwieriges Thema. Denn zuerst dreht sich alles um Sex. Und dann um Macht. Über diese beiden Themen kann man natürlich den Hauptbegriff LIEBE schreiben, doch die Liebe ist so ein heiliger, also ein schwammiger, Begriff, dass er alles und nichts aussagt…

Über mich selbst würde ich sagen, dass ich Fehler gemacht habe. Auch wissentlich. Ich daraus aber die richtigen Schlüsse gezogen habe. Ich war in meiner Schulzeit ja auch dass, was ich heute einen „Bully“ nennen würde. In meiner Jugend war ich schon ein ziemlicher Prolet und Alpha-Depp, der andere gemobbt hat. Das tut mir im Rückblick sehr leid. Aber ich musste das auch tun, um heute der zu werden, der ich bin. Das ist keine Entschuldigung. Doch es war leider ein Weg, den ich gehen musste. Wie gesagt. Niemand kommt fertig auf die Welt. Und wahrscheinlich ist dies die Erklärung dafür, warum wir Menschen keine Heiligen sind. Wir alle tragen die Narben der Vergangenheit an uns. Wir alle sind Täter und Opfer zu gleich. Auch und im besonderen in sexuellen Dingen. Daran müssen wir arbeiten. Und deswegen ist diese Debatte auch so wichtig.

Die eigentliche Sache, auf die ich mit dem ersten Absatz einleiten wollte, ist eine andere. Ich sah mir vorhin auf Bild (jaja) ein Textchen über die Prominenten aus Hollywood an, denen sexuelle Gewalt oder Übergriffe nachgesagt wurden. Und mir fiel auf, dass diese Machtmenschen entweder a) nicht gerade schön gewachsen waren, oder aber  b)  sie haben gleichgeschlechtliche Grenzen überschritten haben, also Homosexuelle Männer haben Heterosexuelle begrabscht. Auffällig ist doch – ohne das Thema bagatellisieren zu wollen – dass sich keine Frauen melden, die von den Brad Pitts dieser Welt sexuell belästigt wurden…

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Absolution – 16 – Das erste Mal in der Traumwelt

6.

Dieses Mal war es anders. Während ansonsten die Frau im Mittelpunkt stand, das Lustobjekt und die heilige Maria in einem, die Eroberung, die Beute… Der Sinn von alldem… Dieses Mal fand er sich in einem Bambuswald wieder. Er wusste nichts über Bambus an sich. Nur, dass es keiner dieser freistehenden Bambusse aus japanisch/chinesischen Filmen war, sondern sehr engstehender, scheinbar undurchdringlicher Bambus, Dschungel wie er ihn  aus diesen Klaus Kinski/Werner Herzog-Filmen kannte, von denen er auch nur die Trailer oder Youtube-Kritiken kannte… Es war wie in diesem einem ganz besonderen Film aus seiner Kindheit, sein Vater hatte ihn auf VHS gehabt… SMARAGDWALD. So war der Titel gewesen. Auch wenn er sich nicht mehr daran erinnern konnte, dort sehr viel Bambus gesehen zu haben… Dieser Wald. Dieser Amazonasdschungel fühlte sich jedoch ebenso an, wie „der Smaragdwald“ im alten, schweren, großen Röhrenfernseher seiner Familie ausgesehen hatte. Nur war es NICHT der Smaragdwald in seiner Vision, und er war auch nicht dieser blonde, amerikanische Hauptdarsteller, der als Kind von Eingeborenen entführt wurde um in dieser pseudotypischen Geschichte als Teil des Stammes aufzuwachsen und sich dann gegen seinen wahren Vater aufzulehnen. Nein. Er war Teil dieses Stamms. Und er war es schon von Geburt an hier – er war immer hier gewesen. In einer Welt, fern ab jeder Zeitrechnung, versteckt, vor der so genannten industriellen Zivilisation. Wobei… Er konnte sich dumpf (sehr dumpf) daran erinnern, dass der Smaragdwald auf einer wahren Geschichte beruhte – was sogar NOCH besser für seine Vision war.

 

Die Luft war heiß und feucht. Er schwitzte. So wie er auf seinem Sofa in sein Leder schwitzte. Sein echter Körper war da, wie im Schatten seiner selbst war er noch zu spüren, ähnlich wie in den Erzählungen von Menschen, die eine Nah-Tod-Erfahrung erlebt hatten. Aber der reale Körper war nicht mehr wichtig. Er war abgelegt worden. Wie eine zweite Haut. Ein Kleidungsstück. Ein Mantel, den man an einer Garderobe für Geld der Obhut anderen überlässt.

Seine Vision konnte sich nicht entscheiden, ob es Tag oder Nacht in war. Es war dunkel und schummrig, während es gleichzeitig auch hell und erleuchtet zu sein schien. Und er war nicht alleine.

 

Vor ihm ging sein bester Freund, den er von Kindesbeinen an kannte. Sein Name war Paco. Und das war  die Größte und bemerkenswerteste Neuheit, die er jemals in einer seiner bisher immer sexuellen Visionen gehabt hatte: Er war nicht der einzige Mann dort. Bisher gab es dort Männer ohne Gesichter, ohne Biografie, schemenhafte Hüllen, die im Prinzip nur wortlose Doppelgänger und Willenserfüller seiner selbst waren, Kopien, die nicht fähig waren zu sprechen. Paco dagegen war keine Erweiterung seines Selbst. Paco war nicht nur ein Mensch. Er war sein bester Freund. Paco war sein Vorbild. Der Junge, der er selbst immer sein wollte. Das Vorbild, dass Paul im echten Leben nie gefunden hatte.

Es waren keine körperliche Unterschiede, die sie voneinander trennten. Das Leben am Amazonas hatte ihre Körper schlank und athletisch geschnitzt. Ihre Körper waren sehnig, jung und straff.  Raubkatzen gleich. Es war der Respekt den Paco auf ihn ausstrahlte (und er war sich sicher, dass es „Respekt“ war und kein „Neid“, da er in seinem Innersten wusste, dass sie den Begriff NEID hier nicht kannten und nicht verstehen könnten), einzig und alleine durch dessen unerschütterliche Souveränität. Durch das Gelingen all seiner Absichten. Paco war ein Anführer. Das Schicksal hatte  ihm das in die Wiege gelegt.

 

Auch wenn sie Wilde waren, sahen sie nicht so aus wie typische Amazonas-Wilde. Sie sahen schon ein wenig so aus wie Hollywood-Schauspieler, die Indios spielen, nicht wie Indios an sich. Deshalb hatten sie auch keine bemalten Gesichter oder seltsame Frisuren (ihre Haare waren geschoren, jedoch nicht auf eine wilde oder kämpferische Art). Sie fühlten sich an wie zwei normale Europäische Jungs um die 16 bis siebzehn Jahren. Der Jugend ist es gleich auf welchem Kontinent, in welcher Umgebung man sich aufhält. Junge Männer sind junge Männer. Die glauben, dass ihnen die Welt zu Füßen liegt.

Das Licht ändert sich nach und nach. Es wird dunkler. Sie bewerten den Umstand, dass die große Göttin Sonne schon so früh ihren Wagen über den Himmel fährt, kritisch. Ihre Speere sind lang und dünn. Spitz wie Reißzähne walisischer Fürsten. Sie wiegen nicht viel in ihren starken Händen. Ihre Körper sind gestählt vom ständigen Überlebenskampf. Sowohl Paco als auch er sind erfüllt von der stillen, warmen Euphorie frei und auf der Jagd zu sein. Würden sie den Vergleich kennen, könnten sie sich wie Götter fühlen. In dem Gefühl einer Unantastbarkeit, gepaart mit den fokussierten und zu ihrer zweiten Haut gewordenen Bewegungen der elementaren Stille ihrer Fortbewegungen, schleichen sie durch den Dschungel. Jäger und keine Gejagten. Männer. Und keine Insekten. In diesem Moment kennen sie weder Durst noch Hunger. Noch Hast oder Gier.

Absolution – 15 – Frauen sind die besseren Menschen

Paul stieg nur immer weiter in die unerschlossenen Stollen seiner Seele hinab.

Umso öfter er sich Frauen ansah um sich zu erregen, desto mehr er sie ehrfürchtig betrachtete wie Göttinnen, wie Fleisch gewordene Engel, je mehr er sie verehrte, idealisierte, je mehr er sich ihnen, ihren Blicken, ihren Körpern,  hingab und sie durch die Augen der Photographen und Designern wahrnahm, die sie einkleideten, schmückten, verzierten und in ein goldenes Licht setzt, ja, selbst  die kalten mathematische Computer-Technologie wurde eingesetzt um aus den Frauen ein höheres, besseres Wesen zu machen, bei dem es schon reichte, es nur ansehen zu können um in wahnhafte Verzückung zu verfallen. Diese Frauen auf dem Bildschirm, diese Supermodels und die Amateure der Schönheit, welche er niemals traf, niemals im echten Leben sah, verhexten ihn. Sie wiesen ihm seinen Platz zu. Und dieser Platz hieß „Schüchternheit“. Er ergab sich sofort und bei jeder Gelegenheit ihrer Aura, ihrem Bann und wurde dadurch immer mehr und mehr zu ihrem Sklaven… Einem Schoßtier, welches sich für sie auch im Dreck gesuhlt hätte. Mehr noch. Er hätte sich für sie geschlagen um sie vor anderen zu verteidigen, hätte sich ihre Gunst zum Narren gemacht, hätte versucht sie mit Kunst und Scherzen zu beeindrucken, hätte erwägt sie zu beschenken, sie mit Geld zu überhäufen, ihnen Alles zu geben, nur um in ihrer Nähe zu sein. Ihre Abwesenheit hieß ihm, auch in bester Männergesellschaft, Einsamkeit. Oh wie sehr er die Frauen verehrte… Und wenn die Zeitgerade des Entzugs an Zuneigung nur lange genug war, stieg selbst die Abstoßsenste von ihnen zu einer passablen „Möglichkeit“ auf. Er dachte den ganzen Tag und die ganze Nacht an sie: Frauen, Frauen, Frauen… So wahnsinnig machten sie ihn. Und manchmal, wenn er sich mit Eau de Toilette von Yves Saint Laurent einsprühte und die Vouge  durchblätterte, hatte er das Gefühl sich ihnen ein wenig zu näher. Ihnen näher zu sein. Als die ganzen Kerle, mit ihrer plumpen und dummen Art. Wenn er nur ein wenig mehr wie SIE sein könnte, würde er vielleicht auch ein besserer Mensch sein. Könnte Zugang zu ihrer Welt bekommen… Könnte ihr Freund werden. In ihrer Nähe sein. Sie ewig anbeten. Leben. In ihrem Licht der Grazie.

 

Hin und wieder erwachte er aus seinen Träumen und fragte sich, was wohl mit ihm wäre, wenn er sich nicht die ganze Zeit über Frauen den Kopf zerbrechen würde? Was denn wäre, wenn er sich lieber Männer ansehen würde? Nicht aus sexuellen Gründen. Sondern wegen einer ganz anderen Form von Idealisierung.

Denn stimmt es denn nicht, dass wir uns zwar männlich fühlen wenn wir hübsche Frauen sehen, doch bei jedem Anblick oder dem Versuch dem Objekt unserer Begierde nahe zu sein nicht immer so werden, wie das Objekt unserer Anbetung? Warum hatte er keine Männlichen Vorbilder? Und warum… Hat kein Mann mehr ein wirkliches Vorbild? Wo ist der Hemmingway der Gegenwart den man wegen seiner ungeschliffenen Männlichkeit verehren könnte? Wer ist denn noch ein „richtiger Kerl“, im positiven Sinn? Wo ist der Mann, der sich über Männlichkeit definiert, die sich wiederrum NICHT über den sexuellen Akt und dessen Häufigkeit berechnet? Denn was sind sexuell erfolgreiche Männer, wenn sie immer mehr aussehen wie aufgedonnerte Transvestiten? Und was symbolisieren die stärksten Muskel-Ottos, wenn sie keine Bildung besitzen? Nein. Ja. Er verehrte Frauen, die mehr darstellten als nur ein hübsches Gesicht und ein toller Körper. Er betete sie als Gesamtkunstwerk an. Nicht weil sie Schminktrullas waren, die einfach nur gutaussahen und die einen abstoßen, sobald sie den Mund öffnen…

Werde ich also weiblicher weil ich Frauen idealisiere?

Kann ich deswegen keine Helden nennen?

In einer Welt der Bilder verehren wird das, was uns überall vorgespielt wird, etwas, dass wir Sehen, etwas, dass wir kaufen können. Doch Tiefe und Menschlichkeit kann man uns nicht mit einem Bild vorspielen. Höchstens vorgaukeln. Ein Bild ist nicht genug. Ein Film nur eine Episode. Und auch ein Text zu wenig. Er musste seine Träume ordnen. Um Helden zu finden und Göttinnen zu schaffen.

 

Absolution – 12 – Sarah und Fettsack?

Als er ein paar Stunden später Sarah im Bosporus antraf,  überraschte es Paul. Obwohl Sarah und Fettsack gute Freunde von Paul waren, hatten sie kaum eine Beziehung zueinander. Sie waren Freunde von Freunden. Und nun saß sie doch hier am Tresen und quatsche mit Pauls altem Freund. Sie. War wunderschön wie immer. Er. War bekifft wie immer. Bei Leuten wie dem Fettsack muss das nicht gleich bedeuten dass er platt und unbeweglich von der Droge war. Oft blühte er durch sie erst auf. Paul gab draußen im Sommer-Licht André die Freundschaftshand. Und drinnen ging ein großes „Hey!“ durch die Runde, als er die ehemalige Dönerbude betrat. Stevo, der hier irgendwie als Resident-DJ  durchging, mixte mit seinem Abelton gerade ein paar feine House-Tunes zusammen; ihm gab Paul gewohnheitsmäßig zuerst die Hand. Nicht dem Hausherren. Dieses „Ich-begrüße-erst-einmal-den-DJ“ war ein Running-Gag der sich verselbstständig hatte. Dann wurde der Fettsack ge-high-fivet. Zuletzt und doch als erstes umarmte er Sarah. Sarah die so roch wie Frauen riechen müssen.

„Du? Hier?“ Lachte Paul. Er klang ein wenig überraschter und verunsicherter als er auftreten wollte. Einerseits war es so, dass es nicht das erste Mal gewesen wäre, dass sich plötzlich die Freunde von Fleming untereinander besser verstanden als sie sich mit ihm – und er aufs Abstellgleis geschoben wurde. Andererseits war Sarah, Sarah. Und auch wenn sie nur Freunde waren, gönnte ein Mann nicht sofort einem anderen Mann ein tieferes Verhältnis zu einer scharfen Frau, als man es selbst zu ihr pflegte.  Besonders. Wenn der Freund ein anderes Moralverständnis als man selbst an den Tag legt. Sarah wischte die Frage mit einem Lächeln fort. Diesem endgültigen, Herzerwärmenden Lächeln, mit dem sie schon einige Fragen zu neugieriger Männer totbeglückte. Wieder eine dieser Fähigkeiten, zu der man sein musste wie Sarah. Der Fettsack grinste nur sein sympathische Gewinnergrinsen. Bestellte mit der gleichen Gestik für sich einen „Shirley Temple“ und für den von ihm so gerufenen „Fleming“ einen Whiskey Cola. Wie zu erwarten half der Whiskey Paul zu entspannen. Der Tag war so schon nervig genug gewesen. Das Glas zügig geleert.

Ein paar Gläser später, wie das Lachen der Freunde immer lauter wurde, die Musik noch housiger und aufgewühlter, ließ Paul Gedankenverloren die Kühlsteine in seinem Glas herum wirbeln. Er blickte scheinbar nach draußen. In das dunkle Nichts der Kleinstadt-Straßen. Sah aber in Wirklichkeit das Spiegelbild von Sarah in der daneben stehenden Fensterwand an. Wie sie da so saß. Einfach so da saß. Und mit ihrer Schönheit den Mittelpunkt des hier veranstalteten Gemäldes ausfüllte. Sie war. Wie ein Schwarzes Loch. Dass den Raum krümmte. So dass alle Männer und Frauen mehr oder weniger verstohlen ihr Augenpaar auf sie richtet mussten. Manchmal nur kurz und diebisch (Paul). Oder lange und wohlwollend (Fettsack). Es war ein Physikalisches Gesetz der Anziehung. Und sie war der Mittelpunkt des Trichters in dem sie versinken wollten. Es war fast schon lächerlich. Wie sehr die Männer sie wie prähistorische Wilde angeiferten. Und die Höhlenfrauen neidisch die Augen beim Blick auf sie verdrehten.

Nebenher erzählt Stevo ihnen eine Geschichte:

„Ja die verdammte Arbeit…  Hab ich dir die Geschichte erzählt wie sie mich aus der letzten raus gemobbt haben?“ Die Frage war eindeutig an Sarah gerichtet – wir Jungs kennen die Geschichte schon.

Fettsack zu Sarah: „Hör zu. Die ist witzig.“

 

Stevo: „Also ich komme in die Arbeit, weiß gar nicht, war Dienstag oder Mittwoch und ich war noch eeecht gut dabei, n bisschen verplant, ein wenig dehydriert, was blöd war, weil, ich hab doch damals in dem Metallverarbeitungsbetrieb gearbeitet, weil, da hat mich das Arbeitsamt hingeschickt und da war es heißt und laut. So richtig heiß und laut.“
Sarah: „Mhm.“

„Okay, okay. Da gings dann halt um Metall und so´n Kram. Legierungen oder was weiß ich.. Und die meinten zu mir: Hey, so wie du aussiehst dachten wir nicht wie gut du arbeiten kannst – bist aber voll in Ordnung. Dann kam halt der eine Tag. Ich also total verplant mit Gehörschutz, im Lärm, IN der Halle und dann kommt der Meister auf mich zu, eigentlich ein netter Kerl, so Mitte 40, dünn, weder abgerissen noch zu schnicke, hm… ich DACHTE das wäre ein netter Kerl, vorher , auf jeden Fall kommt der zu mir her und fragt so los: „Hast du die Drogen schon genommen?“
Und ich so, total verballert und verdreht und total dehydriert weil mir das Bier in der Nacht ausgegangen ist, ich also lasse mir überhaupt gar nichts anmerken, so ne Mischung aus Dummstellen und Pokerface: „Hä?“ Weil, war  ja laut. Ich also so: „Hä?“

Und er so: „Was?“

Und ich noch mal: „Hä?“

Und er: „Wie? Hast du die Drogen schon genommen? Oder soll ich die nehmen?“

Und ich so: „Hm. Ja ne. Ich kann die schon nehmen.“ Weil wenn der schon was hat, dachte ich. Man will ja nicht unhöflich sein.

„Ja dann nimm du die mal“, sagt der, geht aber weg ohne mir was zu geben. Ich hab dann da so weitergewurschtelt an der Maschine, schon am Überlegen was das denn jetzt war, und so ne viertel Stunde später oder was weiß ich, kam der wieder daher und fragt, ob ich die Drogen endlich genommen habe… Weil die im Labor schon darauf warten würden. Und ich werde natürlich langsam sauer, brülle ihn an was für DROGEN er denn meinen würde?! Was soll denn der Scheiß?! Das würde ihn doch überhaupt gar nichts angehen! Das ist doch wohl meine Sache! Und jetzt war der total verwirrt und fragte MICH ob bei mir alles okay ist… Ich dann so: „Ja… Klar.“ Und er dann so: „Okay. Siehst n bisschen verrückt aus und verhältst dich komisch…“ Er würde es dann halt selbst machen. Und ich gucke dem so nach wie er zur Maschine geht, Handschuhe anzieht und dann ein paar Teile mitnimmt, und dann checke ich es erst: ACH DU SCHEIßE! Der meinte gar nicht DROGEN! Der meinte Proben! Ob ich die Proben schon genommen habe! Fürs Labor! Weil die da irgendwas stündlich überprüfen mussten“…

Sarah: „Oh nein…“ Sie hielt sich beim Lachen die Hand vor dem Mund. Total süße Geste. Als würde sie ihre perfekten Zähne verbergen müssen…

Fettsack und Paul lachten dreckig. Was Stevo nur sauer macht: „Ja man kann sich doch auch mal verhören! Ihr Arschlöcher! Und… Na ja… Wenig später haben sie mich dann raus gemobbt, weil sie´s dann gecheckt haben. Die Schweine…“

Sarah mitfühlend: „Dumm gelaufen.“ Sie legt zu dem Kommentar tröstend kurz ihre Hand auf die von Stevo. Was ihn aufblühen und erröten ließ: „Aber meine Arbeit habe ich trotzdem gut gemacht, ist doch egal ob ich dicht bin oder kaputt aussehe…“

 

 

 

 

Absolution – 6 – Wunscherfüllung Internet-Pornografie

3.

Nachdem sie den Club verlassen hatten. Nachdem sie den Feierstrich des Münchner „Kunstpark“, eine Partyzone, im Osten der bayrischen Hauptstadt, verlassen hatten. Nachdem sie die U-Bahn zum Hauptbahnhof und von dort den Regionalzug bis 2 Stationen nach Augsburg genommen hatten. Nachdem sie auf dem Weg von München über Augsburg noch ein paar Lines nachgelegt hatten. Nachdem sie sich am Bahnhof unspektakulär mit ein paar Umarmungen getrennt hatten; die anderen machten noch Afterhour, nur Paul sagte, er würde nicht mitkommen. Nachdem Paul durch den Regen zu seiner Wohnung gelaufen war, die 2 Gramm Speed in seiner Faust wie Frodo den Ring umklammernd, zog er dort angekommen sofort die Vorhänge zu, und  machte Paul seinen PC an. Er schob  flink seinen Sessel vor den Rechner. Stellte schnell zwei Flaschen Wasser daneben. Warf im Gehen eine Packung Tempo-Taschentücher auf den PC-Tisch. Und riss dann endlich, endlich, endlich, sein Speed, das von ihnen so genannte „Pep“ auf, so dass es wie eine wunderschöne Miniaturlawine auf seinen Glastisch fiel.

Der ganze Weg zurück aus München war für Paul eine nicht  enden wollende Tortur aus Zurückhaltung gewesen. Eine bloße Anmaßung, eine Bestrafung durch den Prozess des Reisens, der ihn von diesem Moment hier ferngehalten hatte. Während sein Herz. Seine Seele. Und besonders sein Schwanz nichts anderes wollten als hierher zu kommen. Hierher. In die Einsamkeit: In die Freiheit. Da es unmöglich war die Reise zu beschleunigen, beschleunigte er nun umso mehr den Prozess des Drogennehmens, während er gleichzeitig die Rahmenbedingungen für das schuf, was er sich die letzten Stunden, die vergangenen Tage so sehr herbeigesehnt hatte. Was nun folgte war das abschließende Abtauchen in eine viel höhere und ehrliche Form des Rausches, als man sie unter Menschen mit ihren privaten Ansichten und den damit automatisch einhergehenden Urteilen erleben kann. Dies hier. War sein privater Kick.  Der niemanden etwas anging.

Das Pep bröselte noch ein wenig aus seiner Nase, als er sich auf den Sessel  warf und seine Unterhose auszog. Normalerweise achtete er auf jeden einzelnen Krümel den er konsumierte. Jetzt. Wo es endlich los ging. War es ihm egal geworden. Er wollte nur so schnell wie möglich SEINEN Film schieben. In sich selbst Abtauchen. Bei sich selbst ankommen. Die rechte Hand öffnete den Internet-Browser. Die linke lag auf seinem schlaffen Schwanz. Seine Augen, panisch weit aufgerissen, klebten auf der einzigen Lichtquelle im Raum. Seinem Bildschirm. Auf dem ihm Seiten angezeigt wurden, deren Bezeichnung mit dem Wort „porn“ begannen. Er klickte sich euphorisch durch einen bestimmten, vor wem auch immer versteckten, Ordner in seiner „Lesezeichen“-Leiste um das Traum-Programm im PC wie in sich selbst hochzufahren. In bestimmter Weise musste sich der Geist nun mit dem Internet verbinden. Die Phantasie-Welt der Porno-Industrie musste sich mit der Gefühlswelt von Paul verbinden. In der es Vorlieben und Wünsche gab. Sehnsüchte und bare Geilheiten. Bei der schier unzähligen Auswahl von Videos und Bildern musste Paul nun gerade die finden, die er benötigte um sich selbst von der Welt zu entkoppeln. Das richtige Video. Mit der richtigen Frau. Im richtigen Setting. Mit der exakt richtigen Laufzeit. Alles musste perfekt sein. Denn Träume machen keine Konzessionen. Und es würde nur Leute wundern die Paul Fleming nicht wirklich kannten oder verstanden, dass er sich Videos von Frauen ansah, die seinen Freundinnen Sarah und Katha auf eine gewisse Art sehr ähnlich sahen. Dies. Waren die privatesten Momente im Leben von Paul Fleming.

Plump betrachtet war es ein krasser und klarer Fall von der Sucht nach Internet-Pornografie und Drogen, ein Mischkonsum-Verhalten, welches noch von keiner wissenschaftlichen Richtung jemals erforscht wurde. Eine Grau-Zone, über die niemand gerne spricht, da das Bild eines erwachsenen Mannes auf Drogen der sich vor dem PC stundenlang seinen Schwanz wichst nicht gerade die Form von Wahrnehmung ist, die der arme kleine Wichser von sich auch noch in die Welt transportieren will. Doch wie es ist mit den Wahrheiten so ist, ist sie, wie ihre kleine Schwester, das Klischee“ weiterverbreitet als Mann und Frau sich zugestehen wollen. „Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst“, heißt es, nur ist der Triebhafte der Coole und Angesehene, der seine Neigung im realen Leben Taten folgen lässt, ausschließlich in seinem Kopf; wo aber ist der Unterschied? Wo ist die Grenze zwischen realem Verhalten und imaginiertem, wenn es nur um eine einzige Sache geht, nämlich der Triebabfuhr?

Ja Paul war sich sicher: Wer seinen Trieb verleugnet, verleugnet sich selbst. Und das war genau dass, was er tat.

 

Dieses wiederholte Verhalten zog einige Probleme nach sich, Erklärungsnöte, denn das Problem wenn man Freunde hat die einen mögen und leider so gut wie nie schlafen, ist ihre Sorge um einen oder wenigstens eine virtuelle Dauerpräsenz, wenn sie denn nicht ganz auf dem eigenen Sofa verschraubt erscheinen und man sie, ganz gleich wie geil einen die Drogen in den letzten Stunden schon gemacht haben, nicht aus dem eigenen Haus bekommt um sie endlich loszuwerden. Und Amphetamine machen relativ schnell geil.

Jetzt mussten also Ausrede her oder Tabula Rasa Entscheidung, um zu seinem einsamen Frieden vor dem PC zurückkehren zu können; „zurückkehren“ deswegen, da die Stunden vor dem PC, die an ihm abperlten wie Sekunden, ihm nach und nach als die wahre Lebensessenz erschienen. Bald fühlten sich sein zombiehaftes Verhalten und seine Flucht in sexuelle Träume an als die „bessere“ Art von Leben, eine Art von Leben, in dem es kein NEIN gab, und selbst wenn, dann war es ein inszeniertes Nein, welches er als großer Regisseur leicht in ein JA umdrehen konnte.

Häufig  hielt er einfach seine Freunde aus bis in die Morgenstunden um sie dann hochkant rauszuwerfen. Er sei – Haha – müde. Das klappte zwar manchmal ganz gut, doch nie ohne Nachdruck, da die Freunde die wie Blutegel in seiner Wohnung hingen, noch bei ihren Eltern wohnten und nicht mit Druffi-Augen nachhause gehen wollten. Somit musste vor der endlich erwarteten Meditation vor dem PC erst einmal gestritten werden. Und das war eklig und anstrengend. Besonders, da er im Prinzip eine ehrliche Haut war und es nicht mochte seine Freunde anzulügen.

Die weitausbessere Möglichkeit war es, sich die Drogen schon im Vorfeld zu beschaffen um sich dann nach der Arbeit am Wochenende einzuschließen und vor der ganzen Welt zu verleugnen.

„Ja ich bin krank.“

„Mir geht es nicht gut.“

„Kopfweh.“

„Magendarm“

„Müde“.

„Keine Lust.“

„Ein anderes Mal.“

„Familientag.“

Oder es gab gar keine Antwort.

 

Das Problem mit Methode Nummer 2 war nur, dass er schon so tief dem Sog seines Mischkonsums und seine Sehnsucht auf Erlösung in seinen Träumen verfallen war, dass es nur schwer möglich war bis Arbeitsende am Freitagnachmittag mit dem Konsum zu warten. Und unter der Woche Drogen zu nehmen barg nicht nur das Problem eine ganze Nacht vor der Arbeit nicht geschlafen zu haben, sondern in seinem speziellen Fall auch das Desaster, sich die ganze Nacht wie irr wundonaniert zu haben, was zudem einer Sportlichen Leistung gleichkam, wie eine Etappe der Tour de France zurückzulegen – und danach Arbeiten zu gehen. Davon war er heute noch weit entfernt. Noch hatte er mehr als genug Zeit. Dafür brauchte er nicht auf die Uhr zu sehen. Denn noch schien die Sonne auf seine Festung der Einsamkeit. Drogen- und Pornografie-Süchtige bemessen ihr Leben nicht nach Minuten und Stunden. Sie fühlen nur noch die Tageszeiten.

 

Noch war es nicht so weit. Noch sahen die Pornodarstellerinnen nicht einmal ganz so aus wie die Frauen die Paul wirklich begehrte. Ähnlichkeiten waren durchaus vorhanden. Aber noch waren sie nicht mehr als plumpe Schlampen die vor der Kamera ihre Würde ablegten. Dagegen konnte etwas unternommen werden. Sportlich sprang er auf und legte sich eine weitere Line, einen echten grobkörnigen Prügel aus Speed, und saugte sie wild entschlossen in seinen Riechkolben hinein. Zuviel ist ja selten genug. Schließlich war er sich darüber im Klaren, dass er der Katha seiner Träume, der wahren Katha, die echter war als die Frau die er vor ein paar Stunden umarmt hatte, nur noch ein paar Milligramm entfernt war. Denn wer einmal auf Drogen zu träumen begonnen hat versteht: Der Rausch ist die bessere Realität. Ist der klarere Traum. In der Hyperrealität des Traumes ist alles geordnet, richtig und unerschöpflich. Dies war der Olymp. In der er ein Gott unter Göttinnen war. Dies war der Harem seiner Seele. Der durch kein falsches Wort, durch keine falsche Geste, durch keine Laune von irgendwem zerstört werden konnte. Dies. War die Perfektion in Gedanken. Die sich echter anfühlte als die Wirklichkeit. Denn wenn man einmal begriffen hat, dass sich das ganze Leben nur im Kopf abspielt, weshalb sollte man sich dann noch mit einer unzureichenden, unbefriedigten Wirklichkeit zufrieden geben? Einer Wirklichkeit, in der man nur einer unter vielen ist? In der man Regeln und Konventionen einhalten muss um ein Abbild davon zu bekommen, was man sich eigentlich erträumt? Die objektive Wirklichkeit war immer ein Fehlerhaftes Zugeständnis an die anderen. Dies hier. War die reine Lust. Das hier. War alles was er wirklich wollte. Dies. War Paul Fleming.

Smartphones im Hallenbad

„Hilflos“ ist man dann recht schnell. Dazu reicht schon ein Smartphone, wohin keines gehört. Schon fühlt man sich überrumpel, übervorteilt, entblößt. Daran habe ich gar nicht gedacht, an diese Möglichkeit ob, und dass… Nicht einmal als wir vorhin das Schwimmbad betraten und da dieser Comic hing, der von der Frau, in dem sie einmal in einer Burka, einmal im Bikini und einmal in Straßenkleidung abgebildet ist, mit dem Zusatz auf Englisch, Arabisch und Deutsch, dass Frauen in jedem Aufzug zu respektieren seien. Und da ist dann dennoch auf einmal dieses Handy in der wechselnden Hand dieser 4 Typen, Jungs für mich, so Typen um 20, die sich selbst als super cool und sympathisch empfinden, im Wasser herum tollend, hinein hechtend, lachend, „angekommene Flüchtlinge“, die mit ihren Blicken, Gesten und Bewegungen die Räumlichkeit so sehr dominieren, das die restliche Hallenbad-Besucher sich dazu bewegt fühlen, einen großen Bogen um sie zu schwimmen, obwohl es nur ein standardisiertes Schwimmbecken ist, 5 Schwimmbahnen breit.

Als Mann denke ich mir anfangs nicht viel dabei, außer dass, was ein Mann immer schnell und oft denkt, nämlich das es mir lieber wäre wenn diese „Jungs“ nicht da wären, besonders auch deshalb, weil ich selbst einmal in dem pubertären Alter war, in dem sie mir erscheinen, auch wenn ich nie Flüchtling war, nie, nicht einmal ansatzweise, und wie stark ich mich ebenfalls in ihrem Alter fühlte, und wie blöd mir das heute vorkommt, wie pubertär, wie unausgewachsen. Das Smartphone nehme ich nicht wahr, meine Freundin macht mich darauf aufmerksam.

 

Es ist ziemlich brutal wie so ein Smartphone am falschen Ort das Gleichgewicht zwischen der Menschen verschieben kann, besonders, da diese Telefone heute WASSERDICHT sind und man auch noch unter Wasser damit Fotos machen kann, was sich hier im künstlichen gechlorten Indoor-Wasser anbietet. Mir ist unwohl in der Situation. Fühle mich schwach und unmännlich, da ich nichts unternehme, auch wenn im Prinzip nichts passiert, gegen das ich aktiv eingreifen könnte. Ich lasse meine Freundin neben mir schwimmen, ich zwischen ihr und den Typen, damit da ein gewisser Abstand zu den Kerlen und dem Ding ist, dass Fotos macht.

Die Kerle kauern sich immer wieder als halbrundes Grüppchen am Beckenrand zusammen, wie eine Wasserballmannschaft ohne die lächerlichen Badekappen, sehen sich Fotos an, die sie scheinbar voneinander gemacht haben, als sie in der Wasser sprangen; die vielleicht aber auch unter Wasser aufgenommen wurden, und Frauenkörper zeigen, wer weiß das schon?

Vom Herz her bin ich kurz davor einfach rüber zu schwimmen und mich hinter sie zu stellen, damit ich auch in das Wasserdichte Display, des Multifunktionsgeräts sehen könnte. Wären dann da ein Foto von meiner Freundin, über oder unter Wasser: Aber dann!

Tatsächlich ist es aber so, dass ich keinen von ihnen dabei ertappt hätte, wie sie das Handy als Spanner-Werkzeug eingesetzt haben. Der Rest ist Kopfkino.

 

Meine Freundin sagt, es mache ihr nichts aus. In der Großstadt im Hallenbad war ihr das, wenn sie mit ihrer Mutter unterwegs war, auch schon untergekommen, viel extremer und penetranter. Diese Erklärung. Macht es für mich natürlich nicht besser. Wie jeder Mann in dieser Situation denke ich mir nur, dass  es die Situation nur irgendwie schlimmer macht, wenn sie sagen muss: Es macht mir nichts aus. Da will Mann gleich zuschlagen. Dazwischen gehen. Wie man es früher gemacht hätte. Als man so alt war wie diese Typis.

Sie sagt zu mir: „Du regst dich mehr darüber auf, als ich.“

Das mag stimmen. Und wer kennt schon die Wahrheit? Und hätte ich nicht als Jugendlicher (nicht mehr in dem Alter dieser Kerle, eher ein halbes Dutzend Jahre vorher) auch mit dem Gedanken gespielt, was Ähnliches zu machen? Aber das waren nur Gedanken.

 

Als die Jungs weg sind schwimmen alle Besucher wieder schön ihre Bahnen. Es ist nichts passiert. Und es ist irgendwie doch sehr viel passiert. Entspannung sieht man in den Gesichtern der Frauen, von denen mir nur die vom Schwimmen roten Köpfe sichtbar sind, die an mir vorbeitreiben.

 

Am Hallenbad-Eingang sehe ich mir die „Benimm-Regeln“ an, suche nach einem Absatz, in dem etwas über „Smartphones“ steht. Da ist nichts. Von „Respekt“ gegenüber Frauen kann ich lesen. Ich finde dabei, dass es der Respekt gebiert, kein Handy mit ins Schwimmbecken zu nehmen. Und fühle mich dadurch auf der richtigen Seite der Medaille. Beim Hinausgehen sehe ich in den Glaskasten des Bademeisters, der auch nur in sein Smartphone starrt.

Kurz mal ins Internet gekotzt

„Wir müssen unbedingt KETAMIN nehmen!“

„Wie? Was? Ne du… Lass mal.“

„Ja wie jetzt? Das ist voll lustig! Da kann man nicht mehr Sprechen! Wir haben uns so kaputt gelacht. Mann, Mann… Wenn der Fleming nur dabei gewesen wäre, habe ich mir da gedacht. Aussprechen konnte ich es ja nicht…“

„Ne du… Ich bin 35…“

„FÜNFunddreißig fünfunddreißig 35… Ist doch egal.“

„Ich habe keinen Bock mehr auf neue Drogen. Ich will einfach nur das was ich kenne, und gut. Obwohl. Eigentlich will ich gar nichts. Eigentlich will ich nur meine Ruhe…“

„Das bist doch gar nicht DU der da aus dir spricht! Das ist deine FREUNDIN.“

„So ein Blödsinn. Hör mir auf mit deinem Pferdeberuhigungsmitteln.“

 

Ich mache Skype zu.

Ganz schön anstrengend, diese Videostream-Konferenzen vom bayrischen Land nach Berlin. Irgendwo sind diese Gespräche auch immer mehr Zeitreise als mir lieb ist. Hm.

Die Gedanken schweifen ab. Danke Alice Wunder mit deinem Ecstasy-Monat. Schon ist man wieder im Thema drin. Gestern wir Beide noch am Handy. Und mir fallen die von ihm selbst gesprochen Worten von Rainald Goetz bei seinem „Heute morgen“-Hörbuch ein, die Stelle wo es heißt:

 

„Und so liege ich da also in der Hell-Night im Suicide, im Garten, des nach Klo-Containern stinkenden Outdoor-Suicides, unter den Bäumen im Gras, irgendwo bei oder unter den sogenannten Hackeschen Höfen, in Mitte, wie hier gesagt wird, in Berlin, und breche da vor mich hin, und denke: das paßt schon. Das tut mir jetzt gut.

Irgendwann hört das Würgen auf, die Krämpfe werden seltener, und ich schaue ruhig auf den quer im Bild liegenden Baumstumpf, Baumstamm vor mir. Zu erschöpft, das jetzt genauer zu untersuchen, zu verstehen. Von hinten kommt wer, fragt, ob er helfen kann, und ich drehe mich ganz leicht hoch mit aller Kraft, vorsichtig, und sage sehr geordnet: „Nein, vielen Danke. Ich raste nur ein bisschen hier.“

 

Daran muss ich denken und weiß mich zu erinnern, dass auf XTC nicht einmal das Kotzen schlimm war. Nicht gerade angenehm, nur auch nicht schlimm. Die Droge ist wie die Mama die vorbei kommt – die MA-MA ich niemals hatte – die aufwischt und sagt: „Jetzt ist aber wieder gut.“ Und das ist es dann auch. Kein Drama. Der Rausch geht weiter.

 

Blöde Melancholie. Und doch. So wie ich hier sitze und daran zurückdenke, hier, in meiner Baseball-Jacke. Bin das noch ich?

 

Tags darauf sehen meine Freundin und ich „Batman versus Superman“. Ich mag den Film; sie schaut gelangweilt ins Handy. Ich mag die Erzählung wegen diesem Konflikt zwischen Übermensch und Mensch, auch wegen dieser Vorstellung, das quasi ein Gott unter uns weilt und wir deswegen unsere gesamte Existenz hinterfragen (witziger weise lese ich im Moment auch noch „Es ist nicht leicht ein Gott zu sein“ von den Strugatzki-Brüdern, ähnliches Thema). Mir egal wie andere den Film werten. Filmfehler hin oder her.

Superman, der Supermann, der eigentlich nur ein normaler Farmer-Junge sein will. Und Batman, das traumatisierte Millionärs-Kindchen, das immer Superheld sein will. Und ist. Nur ausgestattet mit einer einzigen, doch allzu weltlichen  Superkraft: Er ist unermesslich reich.

Interessanter Konflikt…

Das sind auch die zwei Herzen die in meiner Brust schlagen: Auf der einen Seite will man auch FÜMPFund30 noch Superdrogen-Feierman sein. Auf der anderen der brave Kerl mit studierter Freundin, der sich auf seine Bildungsbürgerlichkeit einen herunterholt und leicht abschätzig die Nase rümpft, wenn neben ihm eine Drogenleiche liegt. Total lächerlich. Das Männer immer Beides sein wollen und nichts davon richtig können.

Ich dachte. Ich kotze das schnell mal ins Internet. Dann ist wieder gut.