Juicy Beats Festival im Dortmunder Westfalenpark – Rückblick 2017

Was sind die Dortmunder nur für Proleten? Auf der Hinfahrt im RE hatte ich ehrlich das Gefühl, dass die Proletisierung des Abendlandes im Ruhrgebiet vor ihrer Vollendung steht. So eine Aussage ist vor allem eines: Ziemlich unfair. Besonders wenn man wie ich ein Fan des BVBs ist und es (fast) die gleichen Leute sind, die den Verein mit ihrer Verve nach vorne peitschen. Wie hätte es der Herr denn nun gerne? Es war aber auch wirklich furchtbar mit diesen ganzen Jugendlichen und ihren Mischgetränken nach Dortmund rein zu fahren. Lauter dicke Frauen mit Blumen in den Haaren. Und die üblichen Dortmunder Discopumper. Nicht dass ich was gegen beleibtere Frauen und ihre Assis hätte. Nur so komprimiert in einem engen Raum. Mit Boxen an und volle Röhre Chart-Musik: Anstrengend.

Auf dem Festival selbst gab es nur an der Hauptbühne eine große Proletendichte. Dort. Wo der moderne Hip-Hop graust. Ja ja. Ich bin ein alter Mann. Doch das ändert nichts daran, dass die Herren von RAF Camora keinen Flow haben. Das konnte man sich ja gar nicht anhören. Obwohl ich mit deutsch oder anderssprachigem Hip-Hop nichts anfangen kann, war ich schon auf einigen Hip-Hop-Konzerten. Und deswegen mute ich mir auch das Urteil zu, dass die Jungs zwar nicht rappen können, die Menge aber ganz gut bespaßt haben.

Wir waren eh nur wegen Bilderbuch da. Die kamen da gleich am Anschluss. Zwar wollte ich auch Sinkane hören, leider sagten die ein paar Wochen vorher alle Auftritte in Europa ab, ohne einen Grund zu nennen. Also musste Bilderbuch es richten. Und sie waren ziemlich gut. Die Combo hat eh ihren ganz eigenen Stil, so irgendwo zwischen Pop, Hip-Hop und Disco, der zur Zeit ziemlich einzigartig ist. Nicht zu vergessen diesen besonderen Charme den die Österreicher nicht nur auf Platte versprühen, sondern auch bei ihren Live-Auftritten. Eine Stunde Bilderbuch hat Spaß gemacht – gleich Karten für die nächste Club-Tour gekauft. Sie spielten alle ihre Hits. Wir schmoften und tanzten da so herum. Auf dem Hügel. Abseits der Meute. Lachten. Stießen an. „Frinks!“ Maurice ist einfach ein super Frontmann. Und diese Gitarre dazu: Weltklasse.

Das „Juicy Beats“ wird im Westfalenpark in Dortmund abgehalten. Ich war da auch schon mal so, absolut geniale Location. Mit fast schon unzähligen Bühnen auf den tausenden Quadratmetern. Dutzenden Fressbuden und Bars. Ein absolutes Big-Event. Wenn nur. Leider leider leider. Das typischste aller Festival-Probleme nicht gewesen wäre: Zu wenig Toiletten. Als Mann konnte man natürlich an jeden Busch gehen. Als Frau hatte man da richtig ein Problem. Eine halbe Stunde (!) für einen Toiletten-Besuch anstehen geht halt leider gar nicht. Und ich habe und hatte noch nie ein Problem wenn die Damen auch die Männer-Häuserl benutzen. Nur wenn die besoffen Tussis einem bei der Gelegenheit auf den pissenden Schwanz starren und sich dann mit ihren Freundinnen darüber unterhalten, ist das einfach nur – siehe oben – absolut asozial.

Ansonsten war es ein schöner Festival-Tag. Auf der Second-Stage spielten die Mights Oaks ihren Indie-Kram. Ich ging dann aber doch lieber zum Kitt-Ball-Floor. Da legte nämlich Dirty Doering auf. Und dass sehr gut. Der Kater-Mukke-Betreiber haute ein sehr tanzbares, kickendes Set raus. Schön mit House so zwischen drin. Nicht zu hart. Aber auch nicht zu egal. Das hat mir seit langer Zeit wieder Spaß beim Tanzen bereitet. Und dort in der Nähe gab es auch Jägermeister. Sehr schön.

Wir blieben nicht allzu lange auf dem Festival (es war der letzte Urlaubstag) und so hörten wir uns auf der Second Stage noch „Alle Farben“ an. Als altes Techno-Urgestein hatte ich gleich gar keine Probleme mit seinem „Electro“-Set (wenn man es denn so nennen will. Oder Deep House… Das war einfach nur House). Kommerziell. Okay. Aber doch nicht mit zu viel Törööö oder sich aneinander reihenden Drops. Hat mich an den Sound von Low Spirit aus den Nuller Jahren erinnert. Mir doch egal wie viel Milliarden Klicks der mit seinem Radiogedudel der „Alle Farben“ auf Youtube hat. Uns. Hat es Spaß gemacht. Ganz ohne Kulturkampf.

Uns entging dann noch Lari Luke a.k.a. Larissa Rieß. Die hätte ich mir gerne auf dem Silent-Floor angehört. So mit Kopfhörern. Das wäre sicherlich lustig gewesen, wenn der alte Herr nicht schon viel zu platt gewesen wäre.

War eine okayne Party mit wirklich viel zu vielen überall verstreuten Bühnen. Mit zu viel Proleten auf und an der Hauptbühne. Aber was soll es? War ein guter Tag. Heja BVB.

Und ich fand es lustig dass es nur Schwarze waren die dort mit Rucksack Bier verkauften. Da wurden endlich mal neue Klischees geboren. Nette Jungs.

Das Südufer-Festival 2017 in Friedberg – Rückblick

Was im Jahr 2017 vollkommen normal ist, war in meiner Jugend unmöglich: Heute kann man jedes Wochenende im Sommer auf ein anderes Festival gehen. Ja. Es gibt inzwischen sogar Festivals, auf die man auf zwei Wochenenden hintereinander gehen kann. Schließlich war man eh die ganze Woche da. Diese Vergnügungssucht der Europäer ist eine ziemlich einzigartige Entwicklung, wo man jetzt leicht den Moralischen spielen kann. Belassen wir es bei der Erkenntnis, dass es „früher“ nur zwei, drei Festivals in Deutschland gab, die den Namen auch verdienten (gerade was das Organisatorische angeht), heute ist das komplett anders. Dass dabei die Exklusivität verloren geht und man sich nicht mehr besonders besonders fühlen muss wenn auf ein Festival geht, ist eh klar. Aber. Ich halte das auch für etwas Gutes. Dieses Elitending ist ja auch immer ein wenig seltsam und baut auch ganz strange Strukturen auf, so wie der Irrglaube, wie man sich auf einem Festival verhalten muss.

Da muss dann unbedingt gesoffen und gekifft werden wie ein Loch. Da muss dann Flunkyball und was weiß ich gespielt werden. Da muss Dosenbier getrunken, billige Wurst gegrillt und Körperlich derbe gestunken werden; wie auch immer: Festivals gelten mit ihren Verhaltensregeln denen sich die Besucher dort auferlegen, fast schon wie wirede Sekten. Und weil ich mich schon immer für etwas Besseres hielt, bin ich froh dass die Proletisierung auf den kleinen Festivals noch nicht so weit fortgeschritten ist. Der Trend geht zur Nachhaltigkeit und weg von den Träumen des Prekariats, in seinem eigenen Müll ungeschützt aber anonym zu vögeln. Und wenn man richtig Bock hat es sich mal außerordentlich würdelos zu geben, geht das auch auf so einem Festival wie am Friedberger Südufer. Denn wenn man will, geht das überall. Der saublöde Gruppenzwang ist dann aber weg.

Das „Südufer Festival“ ist nicht nur ein kleines Festival. Im ersten Jahr  würde ich es sogar als ein „Familien-Festival“ bezeichnen. Alles sehr gesittet und auf einem vernünftigen, freundlichen Spaß-Niveau.

Ich war nur am Samstag und das Publikum bestand vornehmlich aus Jugendlichen und deren Onkeln und Tanten, die ohne Bedenken ihre kleinen Kinder mitbringen konnten, die dann selig im Kinderspielplatz Sandburgen bauten. Ich gebe ja zu: Das klingt jetzt schon Hardcore-Konservativ. So schlimm war es dann aber auch nicht. Es war einfach ein schöner Tag am Badesee, an dem sich keiner die Hände schmutzig machte. Okay. Das klingt immer noch ziemlich schlimm. Ist es aber nicht. Die Frage ist halt was man will. Und wie wir so da saßen. Das kalte Bier in unseren Henkelbechern. Und sahen. Wie sich die frischen Jugendlichen ohne Zorn amüsierten, badeten, chillten. Während die ersten Älteren am Techno-Floor zu Tanzen begannen (heute würde man wohl Electro-Floor sagen). Im spirituell schönen Sommer-Licht. Da. Da war die Welt schon ziemlich in Ordnung.

Diese Wahrheit ist dabei rein aus der Retroperspektive gewonnen. Weil. Ich mag das tatsächlich gar nicht so. Diese verdammte Hitze. Und dieses Leute-Kennenlernen. Selbst bin ich ja auch ein ziemlicher Idiot. Am Ende des Tages jedoch war alles gut. Man gab neuen Bekannten gerne die Hand und versprach sich ein Wiedersehen. Und nickte im Nachhause-Gehen den Tag freundschaftlich hinterher. Das hat Spaß gemacht. Wo lernt man auch sonst Leute kennen, die einen bereitwillig in ihrem angrenzenden Schrebergarten mit Gartenhäuschen zum Grillen aufnehmen, die einem einen Dübel von dem von  uns selbst mitgebrachten Gras anbieten, die ihr Bier an uns verschenken, uns dabei erzählen wie toll und einzigartig es war bei den Anfängen von Techno mit dabei gewesen zu sein, und können dann, nachdem man diese Menschen und ihre Post-Hippie-Attitüde schon komplett super gefunden hat, auf die Frage was sie arbeiten antworten können: Ich baue Panzer. Hä? 😀 Leopard 2. Wie geil ist das denn? So sind wir Bayern.

Die Bands? Wie die Bands eigentlich waren? Sorry Leute. Bin noch total verpennt. Habe sehr viel Schlaf nachholen müssen. Die Bands  (vornehmlich eine) waren besser als erwartet. Die „Nihils“ mit ihrer Pop-Electro-Art gefielen mir sehr gut. Erinnerten mich an die „Foals“. Und das ist nicht allzu schlecht. Wenn die Nihil-Jungs mal einen Hit schreiben, ist das restliche Programm von ihnen ein gutes Rahmen-Programm dafür.

Schluss machte „Lola Marsh“ an der Hauptbühne. Die vielleicht gar nicht schlecht waren. Mit ihrer Super-Sau-Blöden-Attitüde jedoch komplett albern und unerträglich auftraten. Bei so einer Band ist es sogar ein Fehler so viele Klicks auf You-Tube zu haben. Selbst wenn sie vom Sound her sicherlich sehr gut in die heile Kinder-Welt des „Südufer-Festivals“ passten.

Dann doch lieber wieder rüber zu den Druffis. Denn ohne Druffis geht es wohl nicht. Muss das denn jetzt? Was soll das denn hier? Mach doch mal langsam. Man muss doch nicht überall… Und jetzt halt doch bitte mal mein Bier. Ich will ein Foto machen.

 

Die See-Stage lag wortwörtlich im See. Der Sound war okay. Nicht wichtig. Im Moment gerade richtig. Durchdrehen wollte ja eh keiner. Sei es beim Set von Aril Brikha. Oder bei den Jungs von Auto.Matic-Music. Die so sehr ihr Label geworden sind. Dass sie schon gar keine Namen mehr auf den Time-Table drucken. Obwohl die für Auto.Matic überraschend gut auflegten. Der Aril gefiel mir sogar noch besser. Da schmofte man dann herum. Mit den Alten und jenen, die es gerne wären. Erzählte sich Geschichten. Lachte sich an. Und ließ die Vergangenheit einen netten Onkel sein, an dem sich die Gegenwart zum Glück nicht mehr messen musste. Wie das ganze „Südufer-Festival“, gerade weil es das erste Mal überhaupt veranstaltet wurde, keinen Maßstab hatte. Es war einfach ein chilliger Tag mit Freunden. Nichts Legendäres. Nichts Unvergessliches. Doch wenn man in ein paar Wochen oder einem Jahr daran zurück denkt, erinnert man sich an einen schönen Tag. Was will man mehr?

„Solomun“ auf der Prater-Insel in München, es war der 4.6.2017

So eine Party ist wie die bezahlte Version eines Flash-Mobs: Menschen die sich größtenteils nicht kennen kommen für ein paar Stunden zusammen um etwas Außergewöhnliches zu erleben. Dabei wird dann nicht nur die große gemeinsame Geschichte der Nacht erzählt, die ewig gleiche und immer wieder andere Version dieser „Abfahrt“, die vor Generationen begann und die einfach nicht zur Ruhe kommen will, viel mehr sind da die vielen kleinen persönlichen Geschichten, die jede/r einzelne als subjektives und liebenswertes Wesen in so eine Veranstaltung mit einbringt. Der Eine, der schon eine Nacht durchgemacht hat und ziemlich ausgepowert ist, die andere, die einen dramatischen Streit mit ihrer Familie wegen Nichtigkeiten hat, der Nächste, der voller Stress ist, deswegen nicht abschalten kann und wie ein Klotz herumsteht, ein getrenntes Paar, das vielleicht keine Drogen mehr zusammen nehmen sollte, was an solchen Tagen in Problemen mündet, dann die Damen, die lieber nichts über sich Preis geben, während Geschwister von alten Freunden über deren Erkrankungen erzählen. Jeder Einzelne hat seine Story zu erzählen, weshalb er an diesem Tag auf der Prater-Insel so war wie er war, warum er die Dinge so anging wie er sie behandel musste und warum er Teil dieser Menge war, die an diesem Tag zusammen gekommen war, um´- wir wissen es – eigentlich etwas Schönes zu erleben.

Im Endeffekt werden diese Geschichten von den Unterhaltungschefs an den Platten/CD-Spielern oben tüchtig platt gewalzt. Das ist die Therapie die DJs anbieten: Leute tüchtig und glücklich platt walzen, so dass jeder die gleiche Jetzt-Geschichte mit seinem Tanznachbarn teilen kann, ohne an seine eigene denken zu müssen und ohne den Typen neben sich zu kennen. Die Soundgewaltigen oben an den Reglern sind große Gleichmacher die nicht nach den „Warums“ und Gründen fragen, sondern eine Möglichkeit des Gemeinsamenmiteinanders anbieten, bei dem man nur ein wenig mit dem Hintern wackeln oder die Arme heben muss, um dazuzugehören. Wenn man denn so will. Wenn man es überhaupt kann.

Dieses „Nicht-Können“ war gestern nicht nur ein Teil der Perspektive die jeder selbst mitbrachte. Es lag auch am Veranstalter, denn es waren einfach viel zu viele Menschen im Häuserhof der Prater-Insel. Ich weiß gar nicht wie oft und in wie vielen Texten ich schon darüber gemotzt habe, dass zu viele Karten verkauft werden und man auf Tanz-Events nicht mehr (hoppla) tanzen kann. Das führt sie ad absurdum. Leider sind Veranstaltungen, Großveranstaltungen im besonderen, ja gar keine Freundschaftshappenings wie man es gern hätte, nein, es geht natürlich nur ums Geld und umso mehr Leute man durch den Fleischwolf des Einlasses presst, desto mehr Geld kommt hinten heraus. Da sind die Party-Veranstalter (und ich bin seit 20 Jahren eigentlich ein Fan von „World League“ die dieses Event mitten in München auf die Beine gestellt haben) auch nicht anders als Fußball-Vereine, die zwar ihr Geld mit den Fans machen, ihnen aber auch jedes Mal wieder verdeutlichen, wer in der stärkeren Position ist und welches Bild man nach außen abliefern will. „Mitspracherecht“ findet nur in den Kommentar-Spalten statt und die werden vom Social-Media-Team eh nur überflogen. Ich verplapper mich:

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(Das Bild ist noch vom frühen Nachmittag)

Also, es war viel zu voll zum Tanzen, so voll, dass man nicht einmal ganz hinten bei den Würstchen noch einen ruhigen Platz gehabt hätte, wo man mehr machen konnte als „hands-up“ und mit den Schultern zu pendeln. Da war der Sound aber eh schon wieder zu leise.  Das ist schon sehr schwach. Noch trauriger aber waren die Getränke-Preise:  5 Euro für ein Becks. Für ein einzelnes Becks! Da bekommt man im Supermarkt schon nen ganzen Six-Pack oder wahlweise eine Flasche Wodka. Und bei den Temperaturen die wir gestern hatten, war das sogar noch eine größere Frechheit. Das Wasser war schließlich nicht besonders viel billiger.

An sich ist die Prater-Insel keine schlechte Location, wenn auch nicht so grün und chillig wie man sich eine Insel inmitten der Isar vielleicht vorstellt. Nicht schlecht unten mit der Strandbar/Biergarten-Atmosphäre, es hilft nur nicht viel wenn man für 100 Meter Fußweg fast 10 Minuten braucht, weil jeder irgendwo hin will oder auf sein Recht des Tanzes besteht: 1000 oder 500 Leute weniger, dafür ein höherer Eintrittspreis wäre ein gute Option gewesen.

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Die meisten Menschen waren dennoch gut drauf. Seien es die Verkäufer in vorderster Front an den Theken, die Security, die Toiletten-Menschen oder (am Wichtigsten) das Publikum. Überall entspannte Gesichter, luftig Kleidung und es war die Stimmung zu spüren, dass die Leute „Bock“ hatten. Ja. Es ging ein guter Vibe umher der auch von den DJs ordentlich angefeuert wurde.

Der DJ Linus machte draußen den Anfang und machte es einem leicht sich gut ein zu wippen. Nachtmittagsatmosphäre. Sonnenbrille im Gesicht. Die Regenjacke in der Tasche hatte man schnell vergessen.

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Dann der unermüdliche DJ Hell. Der einfach nicht aufhören mag. Der so oft schon tot gesagt wurde. Und dann schließlich doch nicht nur wieder relevant ist, sondern gleich die Party rettet. Die einhellige Meinung bei uns: Der Helmut hat den Tag gerockt. Das liegt natürlich nicht nur daran dass sein Stil uns alten Säcken viel mehr zu sagt. Es liegt auch daran, dass seine kickende, ein wenige dunkle Art von EBM die in diesem Jahr spielt, einfach gut nach vorne geht. Und wer „Dead End Thrills“ im Patrice Bäumel Remix spielt, der macht nie etwas verkehrt.

Die Männer feierten ihn. Die Frauen liebten ihn. Und alle waren zufrieden. Das Problem wurde dann nur (wie oben erwähnt) dass dann immer noch mehr und noch mehr Leute kamen, die befriedigt werden wollten.

Bei Solomun, dem  Namensgeber der Veranstaltung, waren wir so in unsere persönlichen kleinen Geschichten vertieft, dass wir nicht besonders viel von ihm mitbekamen. Von Teile-Schubphasen und Liebes-Dramen einmal abgesehen hätte ich auch wirklich nicht gewusst wo und wie ich seinen Sound auch genießen oder gar feiern hätte können: Da war kein Platz um sich in der Musik zu verstecken. Dafür die „rote Karte“ World League.

Doch so geil fand ich sein Set eh nicht. Es war schon klar dass er mehr seinen Sound spielen würde, der ruhiger und mit weniger, kleineren Höhepunkten an die Sache heran gehen würde als der Hell. Das Brachiale ist nicht seine Sache. Ganz so austauschbar hätte es dann aber doch auch nicht sein müssen. Das kann er besser. Wobei ich auch ziemlich froh bin dass er nicht so legendär war. Zum letzten Mal: Wo und an welchem Fleck hätte ich seinen Sound auch feiern sollen?

Irgendwie erschien mir der Solomun gedanklich schon auf seinem nächsten Gig auf Ibiza.

Um 22 Uhr war dann schlagartig Schluss. Es ging hinein in die verschwitzten, schlecht belüfteten Räumlichkeiten der Prater-Insel, bei der man vor Hitze schon mal umkippen konnte. Irgendwie war es dort nett und furchtbar zu gleich – wir sind dann demnächst auch gefahren.

Was bleibt von so einem Tag? Von so einer Nacht? Nichts. Alles. Keine Ahnung. Normales Leben. Die Leute gehen zurück zu ihrem Alltag und zu ihren Problemen. Die eine freut sich ein Loch ins Knie, der andere ist total fertig und irgendwie wollen alle nur schlafen um das zu verarbeiten, was sie sich wieder einmal zugemutet haben: Den Versuch für ein paar Stunden das Glück in der Menge zu finden. Mehr oder weniger erfolgreich.

Die „Sportfreunde Stiller“ im Roxy in Ulm, es war der 29.04.2017

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Jetzt auch noch die „Sportis“? Ja. Inzwischen gehe ich überall hin. Hauptsache. Es macht Spaß. Ein (bezahlter) Besuch bei den Sportis ähnelt meinem einstmaligen Konzert-Besuch bei Scooter: Das ist so weit weg von mir selbst, dass man es einfach mal gemacht haben muss. Also kaufte ich mir im Vorfeld die 6 Lieder von ihnen die mir schon immer irgendwie (heimlich) gefallen haben und hörte sie hoch und runter. Dabei stellte ich fest, dass ich diese Lieder wirklich mag. Ja. Viel zu poppig und softrockig für meinen gängigen Geschmack, na und? Man kann ja nicht immer den gleichen Mist hören. Und bei „Geschenk“ geht mir einfach das Herz auf, egal wie kitschig das Lied auch ist.

Mit den Wochen freute ich mich richtig auf den Auftritt und ganz besonders darauf, die Texte mitsingen zu können, denn seien wir mal ehrlich, wann kann man schon noch catchy deutsche Texte aus sich heraus singen?

Wie es dann oft so ist hatte ich am Tag des Geschehens gar nicht übermäßig Bock. Schon mittags in Ulm angereist und dort viel herumgerannt, viel zu viel gut gegessen und dann auch noch vorgetrunken – ich bin ja keine 35 mehr…

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Grob geschätzt passen so 2000 Leute in das „Roxy“, was natürlich sehr kuschelig ist – und anstrengend. Ich war jetzt schon auf hunderten Konzerten und ich musste gestern feststellen, dass man bei den Sportis genauso schlecht durch die Menge von Punkt A zu Punkt B laufen kann, wie bei den Einstürzenden Neubauten; bei den Neubauten wird extrem viel gestarrt und jeder Quadratmeter verteidigt, bei den Sportis haben dass die meist weiblichen Fans ebenso gehandelt. Komischer coincidence bei gerade diesen nicht sehr ähnlichen Bands.

Der Platz muss also „verteidigt“ werden und da steht mal also Stunden vor Anpfiff  dumpf in der Menge und langweilt sich. Merkwürdig ist: Ich bin summa summarum bestimmt schon Wochenlang vor Bühnen herumgestanden und habe auf Band-Auftritte gewartet. Jedoch vergisst man diese Zeit im Nachhinein immer wieder komplett und stellt sich eine Woche später wieder total gelangweilt und doch motiviert für das nächste happening an.  Zum Glück bin ich ein Trinker.

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Die Vorband der „Sportfreunde Stiller“ waren die „Kytes“. Austauschbarer Softrock auf einem angenehmen Niveau. Eine dieser idealen Vorbands die im Prinzip alles richtig machen. Nur kam ich mit der Art des Sängers nicht ganz klar, der mir ein wenig zu selbstbesoffen und bayrisch überheblich rüberkam – auch wenn er gut singen konnte. Aber. Das war mein Problem. Die machten dass ganz gut und waren mit dem Herzen dabei, was an den wenigsten Konzertbesucher vorbei ging. Außer vielleicht an Empathielosen Monstern wie mir.

Die Sportis kamen dann um 5 nach 9 auf die Bühne. Wir standen auf der „Peter“-Seite und dann ging es mit einer der beiden neuen Singles los (die andere kam eh danach), dazu wurde noch die heute du gerade vom FC Bayern eingetütete deutsche Meisterschaft gefeiert. Wenigstens von den Sportis. Dass da nicht jeder mit ihnen „Juhu!“ rufen muss ist klar und auch okay, und daran sieht man dass die Band zwar gefallen will, hier aber auch klare Kante zeigt. Mir gefällt so etwas. Auch wenn ich den FC Bayern scheiße finde.

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Gepackt hat es mich dann erst bei „New York, Rio, Rosenheimer“, einen meiner 6 Songs die ich hören wollte und die ich auch alle 6 präsentiert bekam. Das hat richtig Spaß gemacht und für „meine“ Songs haben sich die 40 Steine schon gelohnt.

Würde mich jemand fragen ob die „Sportfreunde Stiller“ eine sehr gute Band sind, könnte ich das gar nicht beantworten; und so geschah es dann auch. Sänger Peter fragte ziemlich am Ende in die Menge, ob denn alle Spaß hätten und ich machte mit meiner Hand die „Na ja“-Bewegung. Ich bin fast 2 Meter groß und stach da wohl aus der Menge der kleinen Mädchen ziemlich heraus, ob ich wollte oder nicht. Darauf meinte Peter, nachdem er den Mann neben mir abgefeiert hatte, dass der HERR daneben wohl nicht ganz überzeugt sei – also ich. Das stimmte aus folgendem Grund: Die Sportis haben tolle Lieder, bloß nur nicht genug davon. Zwischendurch kommen halt so austauschbare Rockblasen, die auch von der Vorband hätten sein können. Wenn man Fan ist  feiert man die Stücke selbstverständlich mit ab, als „Besucher“ (wie ich mich jetzt mal bezeichne) waren diese Stücke aber nur sehr mau und ich sehnte mich währenddessen nach einem alkoholischen Kaltgetränk. Aus Spaß sagte der Peter, jetzt fühle es sich von mir unter Druck gesetzt. Dabei war es genau anders herum.

Die Sportis sprechen zwar sehr locker mit dem Publikum (was sie häufiger und sehr sympathisch machen), ich halte aber ein Gespräch mit jemanden auf einer Bühne der 15 Mal lauter ist als du selbst für absolut sinnlos, da es immer von oben herab geschieht und es keine gleichgestellten Gesprächs-Parteien sind, weswegen man als In-der-Menge-Steher eh auf die eine oder andere Art den Kürzeren zieht (sehr analytisch ausgedrückt). Deswegen machte ich eine aufpeitschende Handbewegung und er sagte irgendwas davon, dass ich es wohl „härter“ wollte. Und im Prinzip stimmt das auch. Nur wollte ich es nicht „Sportfreunde Stiller hart“, sondern einfach nur härter und vor allem besser 😉

Der Witz ist, dass sie mit „Applaus, Applaus“ und „Ich roque“ genau das brachten was ich hören wollte. Nur sind diese Songs leider nur die Kirschen auf der Sahnetorte. Also ist meine Antwort darauf ob ich das bekommen habe was ich mir von dem Konzert erhofft habe und ob ich die Band für sehr gut halte ein klares „Jein“. Es war richtig und spaßig dorthin zu gehen. Aber nein. Noch mal brauche ich das leider nicht, obwohl ich manche Songs von ihnen abfeiere, vor mich hin singe und fast schon mechanisch dazu meine Freundin küssen muss.

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Die Zugaben schenkten wir uns, denn es wurde schon alles gespielt was wir hören wollten; wozu also noch Songs anhören die einem eh nicht gefallen? Und ein „54, 74, 90…“ mit Bayern München Konfetti-Regen (siehe Facebook) brauche ich nicht. Das Lied ist eines ihres Schlechtesten und wie die Ironie oft so spielt ist es ihr erfolgreichstes.

Sollte es mich mal wieder auf ein Festival verschlagen und da stehen irgendwo die Sportfreunde auf der Bühne herum, würde ich wieder hingehen. Ein Muss ist die Band leider nicht. Nicht einmal als Fc Bayern Fan würde ich behaupten. Ihre Daseinsberechtigung und ihren Platz in der deutschen Pop-Geschichte haben die drei Jungs allemal. Und ich hoffe dass sie noch lange weiter machen und guter Lieder schreiben. Sich aber auch weiterhin Kritik gefallen lassen 😉

Auf der #PulseofEurope Demonstration

Es soll ja Leute geben, Leute wie mich, die auf einer Demo stehen und sich plötzlich fragen: Bin ich hier eigentlich richtig? Stehe ich überhaupt für das Gleiche, wofür die Typen hier herumstehen? Europa… Europa war für mich doch immer dieses Bürokratie-Monster, das mit mir nichts zu tun hat. Wenigstens war das vor ein paar Jahren so gewesen. Vor der „Flüchtlingskrise“ (komisches Wort in dem Zusammenhang: „Krise“. „Krisen“ enden. Die Flüchtlinge vor Krieg und Armut wird es aber immer geben…). Vor der „AFD“. Vor „Pegida“. Vor dem „IS“. Vor dem neuen kalten Krieg. Heute ist  vieles ganz anders und Dinge die man als selbstverständlich angesehen hat, sind es einfach nicht mehr. Die Sicherheit ist weg.  Nicht nur die innere Sicherheit; die innerste Sicherheit der Menschen ist beschädigt.

Lustig ist: VOR der Krise haben Freunde von mir noch behauptet, dass sie auf ein bisschen Wohlstand verzichten würden, wenn es dadurch den Armen der Welt ein wenig besser gehen würde. Und ein Jahr später nahmen ihnen die Flüchtlinge ihren Wohlstand weg. Wirklich? Wie arm sind wir denn jetzt? Vielleicht doch eher, moralisch arm während wir immer reicher werden?

„Wohlstand“ ist ein Wort, das ich sehr eng mit Europa verbinde. Nicht dass ich überall hin reisen kann, ohne Grenzen zu fürchten. Das ist eine Sache, die andere Leute glücklicher macht als mich. Nein. Ich, WIR sind so reich, dass wir uns auf einem realistischen Level über ein Bedingungsloses Grundeinkommen unterhalten können. Zwar glaube ich nicht, dass dieses Bedingungslose Grundeinkommen umgesetzt wird. Doch wir könnten es uns leisten.

Und wenn man „Wohlstand“ vor „Frieden“ bringt, sagt das eigentlich schon alles aus. Verdammt geht es uns gut heutzutage. Dass hier sin die fetten Jahre. Sie sind noch nicht vorbei. Die „Freiheit“ dagegen ist etwas, dass wir gerade im Begriff sind zu opfern, für „Frieden“ und „Wohlstand“; wir opfern unsere persönliche „Freiheit“ sogar in einem so hohen Maß, dass sich schon die Frage aufdrängt, was „Frieden“ und „Wohlstand“ in dem Zusammenhang noch bedeuten… Denn nichts von unseren Privilegien ist selbstverständlich. Millionen sind dafür gestorben.

Da steht man dann plötzlich mit 2 Hundert anderen vor dem Augsburger Rathaus und demonstriert für Europa. Wofür? Für den Status-quo? Ja genau, für den Status-quo. Das muss man sich einmal überlegen, wie konservativ dass eigentlich ist. Aber es ist richtig. Und man hebt sein Fähnchen in den Wind, welches man dort vorne an dem kleinen Stand bekommen hat. Es zeigt 12 gelbe Sterne auf einem satten, einem deftig selbstzufriedenem Blau…

Niemand behauptet, Europa wäre perfekt. Niemand würde verneinen, dass das Europa in dem wir leben, nicht nur vom Terror, sondern viel mehr vom Kapitalismus bedroht ist. Europa wird sich nicht durch den Terror zerstören lassen – da steht man zusammen. Aber nicht wenige munkeln, dass die Konzerne die Staaten schon längst geschluckt haben…

Vielleicht hätte man früher auf die Straße gehen sollen. Wahrscheinlich hätte man früher zusammen stehen müssen, doch die Zeiten müssen erst richtig alarmierend werden, bevor man sich aufmacht. Dass die europäischen Staaten für sich in Nationalistisches Denken zurückfallen würden, ist kein Wunder. Die Menschen haben Angst vor Neuerungen. Die Menschen haben Angst vor Veränderungen. Die Menschen fürchten die Fremden. Ich auch. Deswegen ist es gar nicht so konservativ zu Europa und brüderlichen Werten zu stehen. Es ist sogar sehr mutig. Denn Europa verändert sich mit der Zeit. Und vielen Menschen geht und ging dass zu schnell. Sie fühlten sich abgehängt, entmündigt und bekamen plötzlich Angst vor der Zukunft, hatten Angst davor zu ENDEN wie die Spanier, Italiener und Griechen, deren Jugend jetzt schon als VERLOREN gilt. Ja. Europa ist eine Maschine die knirscht und kracht. Und die viele Verlierer produziert. Und gerade wegen dieser Verlierer muss Europa wieder europäischer werden. Was die Gleichheit und die Sozialleistungen angeht… Man muss auch ein wenig von seinem Reichtum abgeben können, ohne in Panik zu geraten… Und wir denken gleich nur an „die Faulen“ und „die Schmarotzer“… Dass ist etwas was wir uns nicht einreden lassen dürfen.

Ich weiß gar nicht ob ich das hier wirklich denke, während ich auf dem Rathausplatz stehe und mir die Kinder der Demonstranten etwas von ihrer Zukunft erzählen, die wir doch bitte bewahren sollen (Sätze, die ihre Eltern ihnen eingeflüstert haben, die sie selbst gar nicht verstehen), oder ob es nur der verblendete Traum der Leute hier ist, die die Vergangenheit heller und die Zukunft schöner zeichnen, als die vergangenen Tage es jemals waren und einmal sein könnten. Alles ist voller Kitsch. Politischem Kitsch. Humanitärem Kitsch. Irgendwie glaube ich nicht daran. Aber… Ich würde auch ganz gerne daran glauben. Sowie ich die „Europa-Hymne“ gerne mitsingen würde, in die einige hier einsteigen, während sie aus den Boxen dröhnt; aber ich kann nicht. Ich würde mir dabei nur lächerlich vorkommen…

EUROPA… Dass ist doch nur ein Traum. Eine Phantasmagorie. Eine Fata Morgana, die in Wahrheit ganz anders aussieht, als wir sie uns hier herbeisehnen. Und doch leben wir in diesem merkwürdigen Traum, der auf der einen Seite korrupte, bestechlich und ausgehöhlt ist, während er auf der anderen Seite all das bietet, was ich in den Gesichtern der Leute hier ablesen kann: „Frieden“, „Freiheit“ und „Wohlstand“.

Ja. Es ist merkwürdig für den Erhalt des Status-Quo zu demonstrieren. Das ist wie für die eigene Selbstzufriedenheit auf die Straße zu gehen. Und doch kann ich nichts Falsches daran feststellen. Denn ich würde Leuten denen es nicht so gut geht wie uns, das Gleiche gönnen. Ganz egal ob sie in Italien, Griechenland oder in Nord-Afrika leben. Oder in der Zukunft.

Rückspiegel: „25 Jahre Intro-Party“ mit Soulwax und Wanda im E-Werk; Vitalic im Gebäude 9, in Köln

Das war es dann mit Köln. Zurück komme ich erst wieder zu „Justice“ im Oktober. Und so ein Wochenende mit der „25 Jahre Intro Party“ und dem Gig von „Vitalic“, das sollte für so einen Kerl Mitte 30 schon mal genug sein. War es auch, nicht aber wegen den von mir so sehr verehrten Soulwax, die auf der Intro-Party getrommelt haben.

Schon das neue Album „from DeeWee“ ist ein ziemlicher Reinfall gewesen. Es hat es dann auch nicht besser gemacht, dass dieser Schlagzeug-Porno eine Woche vor dem Auftritt in Köln erschien. Denn auch wenn es später im E-Werk sicherlich beeindruckend war die drei Schlagzeuger mit ihren drei Schlagzeugen auf der einen Bühne zu bewundern, sind „Soulwax“ in Wahrheit doch dafür bekannt, sehr wandlungsfähig und poppig kickend zu sein; als Beispiel dafür muss man den Soundtrack zum Film „Belgica“ nennen, zu dem die Brüder verschiedene fiktive Bands erfunden haben die wiederum einen unterschiedlichen und eignen Stil versprühten. Das war geil. Das war kreativ. Dagegen nimmt sich diese Trommelei im Kubik mit dem selbstverständlich gewollten sowie inszenierten Minimalismus ziemlich fad aus. Ja. Da sind ein paar eindeutige Schlenker und Pop-Anleihen eingeflochten, das reicht nur nicht wenn man die verdammten „Soulwax“ ist.

So wurden auf dem Konzert auch fast nur ihre alten Lieder abgefeiert, „Another Excuse“, „E-Talking“, „NY Excuse“; die mussten als Entschuldigung herhalten. Auf DVD sieht das bestimmt toll aus. Gutes Aussehen befriedigt nur keinen Tänzer.

„Soulwax“ war die letzte Band in Köln, vorher spielten „Wanda“ Songs von Nirvana. Leider war bis auf „Lithium“ kein einziger Hit dabei. Stand davor zwar schon in der „Intro“, doch wer liest die überhaupt und seit 25 Jahren? Ich hab doch ein Spex-Abo… Wanda performten eigentlich nicht schlecht, konnte man ehrlich lassen und sich gut geben, nur ein paar Hits mehr hätten einfach gut getan. Die meisten Besucher waren eh wegen Wanda gekommen. Warum die jetzt sooo toll und der Shit sind muss man nicht verstehen, schließlich gibt es viel sympathischere Österreicher. Aber ein netter Auftritt.

DAVOR dankten die „Intro“-Wichtigen ihren Freunden und Besuchern und das war schon nett anzusehen, diese Betriebsfeier-Atmosphäre, die immer genau dann am Peinlichsten ist, wenn man das Geheimnis ausspricht: Wir arbeiten zusammen…

ZWISCHENDRIN die DeeWee DJs, vom Soulwax-Label. Nett. Jung. Frisch. Die Zukunft – mit Bier im Gesicht.

HIERVOR standen „Meute“ in der Menge und machten auf ihre LaBrassBanda-Art gute Laune. Die gute Seite der Blass-Musik ist immer sehr catchy. „Die Leute“ wollen das.

Und GANZ zu Beginn spielten „Drangsal“ ihren Hit, danach noch ein stranges Cover von Metallicas „Master of Puppets“.

WÄHRENDDESSEN brach für mich eine Welt zusammen, da ich erfuhr, dass es für nicht Mitarbeiter keinen Schnaps im E-Werk in Köln zu kaufen gab. Die eigenen Suchtmechanismen traten hier nackt, karg und brutal zutage… Überhaupt war zu viel los auf der Party und die Vorfreude war zu groß gewesen. „Intro“ war kein Reinfall gewesen. Nur kein Grund um bis nach Köln zu fahren.

 

Am nächsten Tag standen wir Ruhrgebietlerischen Bayern schön blöd auf der anderen Straßenseite unseres Apartments. „Gebäude 9“ erwies sich zwar als herrlich abgeschruppter Laden im Post-Punk-Stil, aber auch als ein Raum mit nicht einmal 20 Quadratmetern, dafür mit DJ. Hatten wir gedacht. Wir dachten wirklich es gäbe nur die Bar und die Kleinkunstbühne. Bis wir lachend bemerkten, dass es nur ein Vorraum war.

Der gute alte „Vitalic“ war einen Raum weiter, die familiäre Atmosphäre jedoch blieb, besonders und gerade wenn sich der Vorhang zum Backstage kurz lüftete und man den ollen Vitalic in roten Boxershorts sah wie er in seine Stage-Hose schlüpfte. Das passte zu der ranzig schönen Location. Dorthin würde ich gerne öfters gehen. Glamourös unaufgeräumt dort. Eine Hommage an meine eigene Jugend.

Der Vitalic-Abend war eindeutig der Bessere. Alle Leute mega am Tanzen, Schwitzen und Jubeln, ohne Druck und ohne Hippster-Faktor wie den Tag davor, wo man im Pop-Magazin-Stil ein wenig die Attitüde vertrat etwas verstanden zu haben und deshalb ein Teil von etwas zu sein. Nein. Doch. Auch hier im Gebäude 9 war mehr ein älteres Semester vertreten, dass die Liebe zur Musik hier anspülte, kein Sehen und gesehen werden. Es war einfach schön verschwitzt. Und wunderbar genussvoll taten mir die Beine weh – dann tanzte ich weiter.

Unser Freund aus Frankreich spielte in seinem Solo-Live-Set an den Maschinen alle seine Hits, eingebettet in eine finstere, darke Techno-Attitüde; „You prefer cocaine“, „Poney EP“, „La rock“, die  Hits meiner Jugend, wie auch seine neueren und neuen Lieder „Poison Lips“, „waiting for the stars“, „Stamina“ usw. usf.  Sehr rudimentär, klassisch. Lichter-Spots mit Nebelmaschine. Ohne Startum.

 

Davor, danach und währenddessen haben wir uns geliebt.

Josef Hader GANZ privat – „Wilde Maus“

 

Josef Hader ist eh toll. Jeder mag ihn und das was er macht. Filme, Kabarett, Drehbücher – Wurscht: Guter Mann.

Bereits zum zweiten Mal in meinem Leben stellte der wichtigste, beste, klügste und lustigste aller jetzt lebenden Österreicher einen Film in Augsburg vor. Das letzte Mal war es „Das ewige Leben“. Dieses Mal war es „Wilde Maus“, der Film, bei dem Hader nicht nur die Hauptrolle spielt, denn hier hat er auch das Drehbuch geschrieben und erstmalig Regie geführt.

Die Leute vom Kino-Dreieck hatten unsere Karten verplant, deswegen waren wir bei der falschen Aufführung im kleineren Kino mit schlechten Plätzen, bei den beiden fast synchron laufenden Vorstellungen. Wir, die „Thalia“-Leute, mussten nach der Vorstellung runter ins „Mephisto“, wo dann der Josef Rede und Antwort stehen sollte.

„Wilde Maus“ ist ein unterhaltsamer Film über die Sprachlosigkeit in Beziehungen, dessen Rahmenprogramm der Rachefeldzug eines gescheiterten Journalisten gegen seinen Ex-Chef bildet.

Ich hatte bis nach der ersten Stunde viel gelacht und mit dem Toiletten-Gang gewartet. Dann schien mir der Moment gekommen. Also schnell rausraus und loslos auf Toilette, nur nichts verpassen. Ich dann also rein zu den Pissoirs und da stand dann Josef Hader, der schon voll dabei war. Es war strange, denn ich konnte sein Gesicht gar nicht sehen, wusste aber doch dass er es war. Und sich so richtig danebenstellen und Pimmel-Bruder mäßig zu ihm  rüber schauen wollte ich dann auch noch. Denn. Welche Momente könnten denn privater sein als diese? Dass ist schon eine unangebrachte, ungerechtfertigte Penetrantheit, wenn man nicht einmal beim Pinkeln seine Ruhe hat… Ich schaue ja schon beim Vorbeifahren immer schon demonstrativ NICHT bei Autounfällen nach, was da passiert ist, da ich diese Starrer so abartig blöd finde, wie könnte ich jetzt den armen Mann da beim Pinkeln begaffen? Und trotzdem war ich alleine mit Josef Hader auf einer Toilette. Blöde Situation irgendwie. Gerade weil ich dieses Promi-Ding gar nicht mag, dieses automatische Klassendenken, was sich da im Kopf abspielt, eben weil man am Ende doch hinschauen, irgendwas tun will, da man den Kerl und das was er macht gut findet und auf irgendeine Art mit dem in Kontakt treten will. Eine unwürdige Situation. Nicht nur auf einer Toilette. Denn man stellt den Promi über sich…

Als ich dann wieder alles eingepackt hatte, hatte der Künstler seinerseits seine Hände fertig gewaschen; ja, Josef Hader wäscht seine Hände nach dem Pinkeln, ein Vorbild in allen Lebenslagen. Der sah mich dann so an und sagte leise und schüchtern: „Hallo…“ Und ich gleichzeitig: „Guter Film“, „Wilde Maus“, ihr wisst schon, den ich gerade drinnen im Kino mit meinen Freunden ansah. Ein Kompliment kann ja schnell eine Reaktion provozieren. Falsch gedacht. Und dann war er schon wieder weg.

Für ihn eine Szene zum Vergessen, für mich etwas besonderes. Ganz schlimm: Ich werde jetzt ewig erzählen dass ich JOSEF HADER beim Pinkeln getroffen habe; das sagt einiges über mich aus. Viel mehr aber auch, wie der Mensch so funktioniert. Denn der hat mich – natürlich – sofort vergessen als er zur Türe raus war, während ich total geflasht war. Und dabei ging es natürlich um die natürlichste und privateste Sache der Welt. Sich die Hand geben wäre da eh nicht angebracht gewesen.

„Wilde Maus“ ist ein guter Film. Einer der wie zu erwarten Spaß macht, der aber auch Schwächen besitzt. Die Wandlung des Charakters zum Negativen, Depressiven ist in seiner Totalität und Rücksichtslosigkeit nicht ganz nachzuvollziehen, dabei gibt es aber auch ein paar offensichtliche Logiklöcher und Drehbuch-Kniffe:

SPOILER dass er seiner Frau nicht sagt, dass er gekündigt wurde ist zwar wichtig für die Story, es IST sogar die Story, bleibt jedoch total unlogisch. So verhalten sich die Leute nur in Filmen und Büchern SPOILER ENDE.

Trotzdem ein empfohlen sehenswerter Film mit tollen Schauspielern, der ein angenehmes Rundumpaket abliefert (Spaß, Tiefgang und nicht überzogene Arthousigkeit), der jedoch auch auf der Metaebene gut funktioniert, man denke an die ständigen im Hintergrund ablaufenden Radio-Nachrichten über Tod, Terror und Krieg, die die Stimmung des Protagonisten wiederspiegeln. Da wurde viel ins Detail hingearbeitet.

 

Wir saßen dann später im „Mephisto“ wirklich in der ersten Reihe und hörten uns das Werbeprogramm Haders an, dass er auf die Fragen des Publikums abspulte, dass von sehr gefälligen Lachen und Klatschen begleitet wurde; es muss auch wirklich immens anstrengend wenn einen ALLE gut finden und bei jedem schiefen Scherz begeistert Lachen, einen Anstarren und man nicht einmal auf der Toilette seine Ruhe hat.