Er und sie

Über ihn haben sie immer gesagt, er sei „falsch“. Vorne herum so. Hinten herum: Ganz anders. Illoyal. Und ein Schwätzer. Na ja. Die Leute reden halt. „Mir hat er nie was getan“, hab ich zu dem Thema immer gesagt. Was ich nicht gesagt habe: „Ich mag ihn.“ Obwohl man sich kaum, eher nie trifft. Und nicht selten gestritten hat. Mag man sich. Auch gegenseitig, glaube ich. Hat Respekt voreinander. Mir doch egal was „die Leute“ erzählen.

Über sie habe ich oft gehört, sie sei eine Schlampe. Okay. So hat es natürlich keiner gesagt. Gemeint haben sie es trotzdem. Vielleicht liegt das daran, dass sie gut aussieht. Und selbstbewusst wirkt. An einer Stelle in „Absolution“ habe ich über Frauen wie sie geschrieben. Frauen, die hübsch und selbstbestimmt sind. Weswegen sie von ihrem Umfeld mit Dreck beworfen werden, damit sie so werden wie jene, die den Dreck werfen. Die sie „auf ihr Niveau herunterziehen.“ Keine Ahnung. Ich kenne sie im Prinzip überhaupt gar nicht. In diesen Tagen hat wohl jeder Freunde auf Facebook oder Instagram, die man gar nicht kennt. Man addet Freunde von Freunden. Und am Ende beobachtet man im Nebenher beim Scrollen durch die eigene Timeline das Leben von Fremden. Immer wieder sind da Bilder, oder andere Posts, die einen Einblick gewähren, in Sicht und Denkweisen. Lächeln an fremden Orten. Einblicke. Auch wenn man ihn gar nicht will. Doch. Man löscht diese Nicht-Freunde dann doch nicht aus seinem personalisierten Algorithmus. Es ist keine Form von Voyeurismus… Bestimmt gibt es dafür ein tolles Wort für diese Arten von ständigen Beobachtungen in irgendeinem abgefahrenen Studiengang… Nun, es sollte klargeworden sein, wie meine Beziehung zu ihr ist.

Auf jeden Fall sind die Beiden ein Pärchen, welches einzeln, bevor sie sich kannten und liebten (?), von den Leuten gerne abgeurteilt wurden. Okay. Sicherlich haben die Menschen, die sie beurteilen, auch irgendwelche Erfahrungen mit ihnen gemacht. Von nichts kommt ja nichts. Wie auch immer. Er ist also falsch und ein schlechter Kerl. Und sie eine Schlampe. Wenn man dem Gossip glauben will. Sehe ich die Beiden jedoch zusammen, sind sie einfach ein nettes Paar. Vielleicht gerade deshalb, da sich Leute die Mühe machen, sie einzeln zu hassen. Ich dagegen wünsche ihnen alles Beste. Hoffentlich sind sie lange zusammen. Und glücklich. Wieso auch nicht?

Stereotyp – 5 – Nicht alle Eltern lieben ihre Kinder über alles

Paul hatte sich gerade noch so in sein Bettchen geschleppt. Dort angekommen fiel er sofort in tiefen Schlaf. Die lange Reise in den Westen hatte seinen Tribut gefordert.

Als Paul schlief, war das Haus nicht untätig. Reisverschlüsse und Schnallen wurden bewegt. Pakete geöffnet. Winkel durchsucht. Erinnerungen bewertet. Schubladen und Schranktüren aufgeschwungen, offen stehengelassen, noch einmal inspiziert. Schlösser erledigter Bereiche fielen krachend zu. Und selbst wenn hier und da etwas zu Boden polterte, weckte es Paul nicht. Der Junge schlief traumlos wie ein Stein. Sicher, behütet, glücklich. Zur gleichen Zeit stapften die Füße sanfter Riesen durch die Wohnung. Fröhlich wurden ausgelassene Worte hin und her geworfen. Abgewogen, was – und was nicht…? Im Zweifel wurde gegen das angeklagte Kleidungs- oder Erinnerungsstück entschieden. Diese blaue Bluse? Eine BRAUNE Krawatte? Welches Buch ist unverzichtbar? Welcher Gegenstand ist praktisch? Was bekommt man „überall“? Und was benötigt man eigentlich um ein neues Leben zu beginnen? Am Ende ging es schneller als Beide gedachte hatten. Noch ein letztes Bier, eine letzte Zigarette, dann gingen sie schlafen. In der letzten Nacht. Sie machten sich keinen Vorwurf überstürzt zu handeln. Denn wer würde Wasser einen Vorwurf machen, wenn es nach Jahrzehnten unter Druck und Verschluss den Damm durchbricht? Wer könnte es nicht nachvollziehen, wenn eine jahrelang eingesperrte Hauskatze ihre erste Chance zur Flucht ergreift? Und wer würde es nicht verstehen, wenn jemand, der sein ganzes Leben lang unter einer großen Last leben und leiden musste, diese spontan und im ersten Moment abwirft? Sie waren niemanden einer Erklärung schuldig. Seit ihrer Geburt in diesem Land mussten sie sich, ihre ganze Existenz, nach fremden Maßstäben messen und messen lassen. Sicher. Hiltruds Mutter hatte Recht: Es war nicht alles schlecht gewesen. Na und?

Am Morgen danach erwachte der kleine Paul gut erholt in seinem Bettchen für Kinder. Das Haus, die die Wohnung seiner Eltern beinhaltete, war in Stille gehüllt. Paul blieb entspannt liegen. Er blieb dabei ebenso still und leise wie die Gemäuer, die ihn umgaben. Der Junge hatte aus der Trachtprügel gelernt, die er letztes Jahr bekommen hatte, als er an einem Wochenende seine Eltern zu früh geweckt hatte. Nun lag Paul einfach da, unter seiner Decke. Nur sein Kopf ragte hervor. Und wartete. Und lauschte. Er erinnerte sich nicht mehr im Detail daran, wie sein Vater ihn letztes Jahr in die kleine Küche gebracht hatte, um ihm dort die kleine Schlaf- und danach die Unterhose herabzuziehen, wo Papa ihn mit der flachen Hand den nackten Hintern verdrosch. Ebenso wenig erinnerte sich Paul daran, wie seine Mama, nachdem Paul nicht aufhören konnte zu heulen wie ein Häufchen Elend, ihn daraufhin abermals über ihn Knie legte und mit dem Kochlöffel so lange auf seinen schon wieder entblößten Popo einschlug, bis der hölzerne Kochlöffel abbrach. All dies hatte Paul vergessen. Nicht aber, wie er zum Geburtstag kein Geschenk bekam, da „der Junge ja den Kochlöffel zerbrochen hatte“. Der Mangel an Geschenken war ihm in diesem Moment eine größere Bestrafung, als es die Schläge bedeutete. Nur sein Unterbewusstsein würde diesen Moment nie wieder vergessen, den Moment als Mama so hart zuschlug bis der Kochlöffel zerbrach und Mama und Papa, als sie begriffen was gerade geschehen war, darüber zu lachen begannen. Nein. Doch. Auch wenn Paul Fleming es in diesem Moment in seinem Bettchen nicht mehr wusste, würde er diese Kochlöffelszene nie wieder vergessen. Darüber hinaus wusste Paul nicht einmal den Grund, warum er gezüchtigt wurde. Wie sollte er damals auch wissen, was „Blasen“ bedeutet? Wozu „Sex“ überhaupt dienlich ist.

Das Haus blieb still. Übermorgen. Am Montag war Pauls Geburtstag. Vielleicht würde er dieses Jahr etwas geschenkt bekommen. Nur meldete sich jetzt langsam unangenehm und penetrant seine Blase. Er verdrückte es sich noch ein wenig, bis der Druck schließlich zu groß wurde und er sich auf die Toilette schlich. Komisch. Im Gang stand der große Koffer. Der Fernreisekoffer, der so groß war, dass selbst Papa ihn kaum tragen konnte. Und drei weitere, kleine Reisetaschen. Paul schaffte es ohne die Eltern zu wecken zurück in sein Kinderbett und kroch wieder unter seine Decke. Mama und Papa würden sicherlich bald aufwachen. Bestimmt würde die Wohnung gleich wieder nach Zigaretten riechen und Papa seine Witze erzählen, die Paul oft nicht verstand. Mit leerer Blase lag es sich wieder schön und gemütlich in seinem Bett. Um ihn herum hingen Bilder an den Wänden, die Paul mit Bleistiften gezeichnet hatte. Womöglich würde Paul Mama bald fragen, ob er sie abnehmen dürfe. Schließlich war er bald 8 Jahre alt. Da war er doch schon zu alt für solche Strichmännchen an den Wänden. Nur das Pappmasche Herz mit dem golden verzierten „Mirko“-Schriftzug würde er hängen lassen. Das mochte er.

Es dauerte schließlich noch eine gute Weile, gegen Mittag, bis Paul die erste Zigarette in der Wohnung roch. Bald darauf erlauschten Pauls Ohren durch die Wand, dass sich Mama und Papa unterhielten. Wie immer konnte er nicht hören was sie sprachen, nur dass sie es taten. Allen Anschein nach waren sie nur noch nicht bereit aufzustehen. Paul hatte Hunger. Blieb aber brav liegen. „Brav sein“ hatte sich noch immer bewährt.

Beim mittäglichen Frühstück hatten seine Eltern gute Laune. Sie lächelten und umarmten sich viel. Auch Paul wurde immer wieder in der Arm benommen. Viel häufiger als gewöhnlich. Selbst Papa strich dem Jungen übermäßig oft, fast schon penetrant durch die Haare. Und mehr als drei Mal sagte er zu seinem Kind, dass heute ein besonderer Tag sein würde. Es gab da Dinge, die getan werden müssten. Und auf die Frage, WAS denn getan werden müsse, antwortete Papa in einem Moment der Schwäche mit einem fast schon traurigen Blick, dass sein Sohn ihn eines Tages verstehen würde. Wahrscheinlich. Vermutlich… Dann nahm Papa wieder einen Schluck West-Kaffee und goss seinem Sohn West-Kakao-Pulver ein, welches sie gestern gekauft hatten; und dieser Kakao war richtig gut. „Richtig, richtig gut“, lachte der Kleine und Mama schmierte ihrem Kind die gute, selbstgemachte Marmelade aufs Brot. Obwohl heute noch gar nicht Sonntag war.

Nach dem Frühstück wurde Paul ein wenig plötzlich auf sein Zimmer geschickt. Mama hatte unvermittelt zu Weinen begonnen. Die Töne des Radios und fröhliche Musik übertönten ihr Schluchzen als der Junge in seinem Zimmer war. Paul verstand nicht, was geschehen war. Wieso Mama plötzlich so traurig werden musste. Ob sie sich wehgetan hatte. Am liebsten wäre er einfach zu ihr in die Küche gegangen und hätte sie in die Arme genommen. Vielleicht würde sie das ein wenig aufmuntern. Doch Paul sollte in seinem Zimmer bleiben, erklärte der Papa noch eine Wartezeit später. Sie würden ihn dann holen. So spielte Paul mit seinem Spielzeug, bis es dunkel wurde. Dann öffnete sich seine Kinderzimmertüre zum letzten Mal.

„So dala“, lächelte der Vater schief. „Jetzt müssen wir aber los.“

„Wohin denn?“ Paul war erstaunt. Schon wieder ein Ausflug? Gut. Na ja… Vielleicht hatte das was mit seinem Geburtstag zu tun!

„Das“, seine Mutter stand hinter dem Papa, „Ist eine Überraschung.“

„Eine schöne Überraschung?“ fragte Paul mit großen Augen. Er ließ sein Spielzeug, Spielzeug sein und stand auf. Seine Eltern wechselten einen Blick. Dann erklärte seine Mutter mit schiefer Stimme: „Sind denn nicht alle Überraschungen schön?“

„Oh ja!“ freute sich Paul unverhohlen.

„Na dann ab ins Auto!“

Paul rannte lachend an seinen Eltern vorbei den nun leeren Flur hinaus, das Treppenhaus hinab, hüpfte regelrecht in seine Schuhe und eilte hinunter zum „guten Wartburg“, in den bereits die Koffer und Taschen geladen worden waren. Die Mutter trug dem Jungen noch Kopfschüttelnd seine Jacke, seine Mütze und die kleinen Handschuhe hinterher, in die sich Paul wiederwillig zwängte. Nur die Wintermütze stopfte Mama in die Seitentasche den kleinen Anoraks. Wieder einmal schlugen die Türen zu. Heute ohne Großeltern. Dann ging es los; einen Kilometer weiter stoppte Pauls Vater den Wartburg wieder. Hatten sie etwas vergessen? Pauls Mama drehte sich zu ihm um.

„Wir spielen jetzt ein kleines Spiel!“ Ihre Stimme klang fest und spröde. „Du rutscht jetzt so tief du kannst nach unten.“ Seine Mutter zeigte hinter die Rücklehnen der Fahrersitze. „Und dabei setzt du das hier auf.“ Sie zeigte ihm einen unförmigen Lappen, der sich in Pauls Händen als kleinen Mehlsack erwies. Er sah sie fragend an. „Den setzt du auf, wenn du hinuntergekrochen bist. Und dann bist du ganz brav und still.“

„Bekomme ich dann die Überraschung?!“
„Oh ja.“ Sie seufzte. Lächelte. „Natürlich.“

So tat Paul wie es ihm von seiner Mutter gesagt wurde. Er setzte sich den nach Mehl riechenden, den sogar nach Mehl schmeckenden Sack auf, und kroch wild entschlossen zwischen die Sitze. Was für ein Abenteuer! Und dabei hatten sie am Tag zuvor schon ein ganz anderes Abenteuer erlebt! So viele Autos hatten am Grenzübergang gestanden. Noch nie hatte Paul so viele Autos gesehen gehabt. Was wohl heute passieren würde? Vielleicht würde nun jeder Tag ein Abenteuer beinhalten? Vielleicht bedeutete genau das, erwachsen zu sein und zu werden. Die Reisetaschen, zwischen denen Paul die kurze Strecke lang gesessen hatten, kippten auf die ganze Länge der Rücksitzbank um. Paul konnte es genau spüren, doch obwohl dadurch sein Raum zwischen den Sitzen, der ohnehin schon knapp bemessen war, noch enger wurde, blieb das Kind ruhig und still. Er hatte auf die Anweisung der Mutter sogar die Augen geschlossen, damit er kein Mehl in die Augen bekäme. Mit der Zeit, mit den Minuten, die zu einer knappen Stunde reiften, traute sich Paul immer wieder die Augen ein wenig zu öffnen. Nur selten sah er matte Lichtscheine, die durch das Säckchen dämmerten. Tatsächlich lauschte er die ganze Zeit nur dem dumpfen Dröhnen des Wartburg, der hier, auf dem Boden des Gefährtes, noch 10 Mal lauter zu Ächzen schien. Seine Eltern: Schwiegen. Nicht einmal das Radio dudelte durch die Nacht oder erzählte vom größten Tag in der näheren deutschen Geschichte. Nicht einmal vom Wetter wurde berichtet. Es herrschte eine fast greifbare, bedrückend menschliche Stille in dem in der Deutschen Demokratischen Republik gefertigten Wagen. Nur einmal hörte Paul seine Mutter sagen: „Ich glaube, ich pack das nicht, Walter…“ Worauf der Vater tonlos antwortete: „Das wird schon.“ Plötzlich fuhr das Auto von der Straße ab und hielt auf einem steinigen, vermutlichen kiesigen Untergrund an. Der Vater brachte den Motor zum Verstummen. Stille kehrte ein. Niemand sprach.

Pauls anfängliche Euphorie hatte sich inzwischen gelegt. Sein Rücken schmerzte ihm und er hatte sich mehr als einmal verkniffen seinen Eltern die drängende Frage zu stellen, wie lange es noch dauern würde, endlich die große Überraschung geschehen würde. Die Luft im Sack war dann nach dem anfänglich angenehmen Mehlgeruch doch recht stickig geworden. Außerdem wurde ihm ein wenig schlecht, wie er dort auf dem Boden eines fahrenden Autos liegen musste. Jetzt sprach er doch aus, was er so lange für sich behalten hatte: „Mama? Sind wir jetzt endlich da? Mir tut mein Rücken weh…“ Paul konnte nicht sehen, wie seine Mutter ihre Augen schloss und sie damit einen Strom leiser Tränen zum Erliegen brachte. Er sah auch nicht, wie sie ihre Hände vor ihren Mund legte um nicht zu schreien. Ebenso wenig, wie sein Vater seine rechte Hand auf das Knie seiner Frau Hiltrud legte und die Mutter ihre linke Hand auf die seine legte, ohne damit aufzuhören ihre rechte panisch auf ihren zitternden Mund zu pressen, während ihr die Tränen wie Sturzbäche über die Finger ihrer Hand tropften. Die Eltern sahen sich nicht an. Dann atmete Pauls Vater tief ein. Es klang fast wie ein Stöhnen. Auf einen kurzen Moment der Starre löste er seinen Sicherheitsgurt und öffnete die Fahrertür. Paul konnte genau fühlen, wie sein großer, schwerer Vater das Auto verließ. Die Tür ließ er hinter sich geöffnet und wie als hätte sie jemand gerufen, trat die Novemberkälte in das Auto hinein. Dann öffnete der Vater die hintere Wartburg-Türe auf der Fahrerseite. Er schob die Reisetasche zur Seite und zog seinen Sohn zwischen den Sitzen hervor. Ausgesprochen sanft und vorsichtig. Er wollte dem Jungen unter keinen Umständen unnötige Schmerzen zufügen. Obwohl sein Sohn dafür eigentlich schon zu groß gewachsen war, hielt sein Vater Paul wie ein Kleinkind in seinen starken Armen. Endlich wollte Paul den Mehlsack abnehmen, doch Vater meinte: „Einen Moment noch.“ Daraufhin wurde Paul auf den Boden abgesetzt, dessen Rücken jetzt in veränderter Haltung nur noch mehr weh.

„Sag zu niemanden ein Wort, wer du bist und woher du kommst“, waren die letzten Worte, die sein Vater an ihn richtete. Kurz lies Pauls Vater seine schwere Hand ein letztes Mal auf Pauls Kopf ruhen, der noch immer von dem lächerlichen Mehlsack verdeckt wurde. Dann stieg der Mann ohne Sohn in sein Auto, schloss die Türe und der Wartburg fuhr davon, ohne dass sich jemand umsah. Paul riss sich den Sack von seinem Kopf und konnte in der unbestimmten Dunkelheit der Nacht, irgendwo im Nirgendwo Deutschlands, den Rücklichtern des Wartburg nur noch hinterher sehen, bis sie nach einer Biegung nach rechts ganz verschwanden. Seine Eltern waren fort. Paul sah sich um. Links herum. Rechts herum. Da war gar nichts. Nichts. Überhaupt nichts. Nur Dunkelheit und… Bäume. Schwarze Bäume im grafitschwarz der Nacht. Ganz weit oben, glaubte das verlassene Kind die Wipfel von Tannenbäumen erkennen zu können. Es könnte sich um einen Parkplatz oder eine Haltebucht in einem Wald handeln. Irgendwie so etwas. Oder etwas ganz Anderes. Was nicht zu leugnen war: Es war dunkel, kalt und windig. Paul war starr vor Angst. Was geschah hier? Was lief hier falsch? Warum machten Mama und Papa das mit ihm? Aus dem Urquell seiner Seele stieg ein ungeheurer, physischer Schmerz seine Kehle hinauf. Eine Welle aus Qualen brauch aus seinem Innersten hervor, die der kleine Junge alle die Jahre seiner jungen Existenz in sich selbst versteckt gehabt hätte und nun wie aus einem geöffnete Gefäß aus ihm hervorschoss. Seine Augen begannen sich schlagartig mit Tränen zu füllen, als der Kummer wie ein ehrlicher Geist mit einem Urschrei ähnlichem Laut aus seinem Mund explodierte.

Zu keiner Sekunde vermutete Paul hinter dem, was gerade geschehen war, einen Scherz. So viel Ironie hatte der kleine Junge noch nicht erlernt. Dafür war das Kind noch zu sehr in seiner infantilen Welt gefangen, in der jedes Wort wahr und ewig galt. Der Gedanke daran, dass dies „witzig“ sein könnte ihm zu keinem Augenblick in den Kopf. Paul. Heulte einfach nur. Er heulte und heulte heiße Tränen und sackte auf der Stelle, genau an dem Punkt, an dem ihn sein Vater abgesetzt hatte, zusammen. Er versuchte nicht einmal, dem Auto zu folgen. Machte sich keine theatralischen Mühen, an seinem Schicksal irgendetwas zu ändern.Paul konnte es sich nicht erklären: Was hatte er Schlimmes getan? Was hatte er nur falsch gemacht, damit seine Eltern ihn hier einfach zurückließen? War er so ein schlechtes Kind gewesen? War denn nicht gerade noch alles gut gewesen? Oder nicht? Paul war doch heutemorgen so leise gewesen, als er auf die Toilette ging! Hatte sie ihn doch gehört? Oder war es etwas Anderes? Paul weinte und weinte und weinte und suchte und suchte in seinem kleinen, unerfahrenen Selbst nach dem Grund seines Vergehens und mit der damit verbundenen Strafe, nicht mehr Teil dieser heilen, schönen Familie zu sein. Unvermittelt stand der Junge schreiend und schluchzend auf, sein ganzer Hals tat ihm schon grausam weh und doch brüllte er so laut er konnte: „PAPAaaaaa! MAMAaaaaa!“ In die ihn alles umschließende und verschluckende Dunkelheit. Er rannte los, einfach gerade aus, streckte seine kleinen Ärmchen aus, so als ob da jemand wäre, als ob dort vielleicht doch noch seine Eltern in der Dunkelheit ständen, in deren Arme er laufen müsste. Pauls kleine Beine rannten und rannten und rannten, bis er hundert Meter weiter über einen abgeschnittenen Baumstumpf stolperte und schreiend vor Angst (vor Angst, vor Angst, vor Angst) vor der ganzen Welt in das spitze Dickicht eines unmöglich mit den Augen zu erkennenden Strauches fiel, welcher mit seinen kleinen, eiskalten Zweigen gnadenlos Pauls makelloses und von Tränen durchnässtes Gesichtchen zerschnitt. Der Junge spürte die Schmerzen kaum und blieb in dem Strauch in einer Haltung zwischen wage- und senkrecht in einem 75 Grad Winkel liegen. Gehalten und aufgespießt von den blättrigen Armen des Strauches. Dort heulte und schrie und schrie und heulte der ausgestoßene Sohn: „PAPA! MAMA! Papa… Mama…“ Bis dem kleinen Jungen die Stimme versagte. Da hing er nun in der unangenehm stechenden und doch ironischerweise sanften Umarmung des dichtbewachsenen Busches. Ja. Einen wilden Moment lang klammerte sich das Kind Paul sogar in den Strauch, griff ganz tief hinein, als ob das Gewächs ein Mensch sei, der ihn halten könnte. Damit ihn wenigstens dieser Busch umarmen und trösten könnte. Wenn da schon sonst niemand mehr war, der ihn festhielt. Keiner mehr, der ihn liebte.

Da musste doch ein Grund sein. Es musste eine Erklärung dafür geben, warum Paul diese Behandlung von seinen Eltern verdient hatte. Irgendwas war passiert. Auf die schlimmste Art und Weise. Und Paul, dieses schlechte, schlechte, böse, dumme Kind hatte es nicht einmal bemerkt.

Der größte Lottogewinn aller Zeiten

800 Millionen Euro. Das ist doch schon gar keine Zahl mehr. Wer könnte dazu noch VERMÖGEN sagen? 800 Millionen Euro zu besitzen bedeutet unermesslichen Reichtum. Um diese Zahl darzustellen, muss man schon den Taschenspielertrick des „comic relief“ anwenden: Nur vielleicht Dagobert Duck hat so viel Geld in seinen Geldspeicher. Wobei. Ich könnte nicht einmal mehr sagen ob es diesen Geldspeicher in den Comics noch gibt. In meiner Kindheit gab es ihn. Und schon damals war der Umstand seiner Existenz so pervers, dass es mir als Knabe die Nächte zerstörte: Reichtum, unendlicher Reichtum; war das denn nicht das bessere Leben? Geld war in meiner Kindheit in den 80gern dass, was Harry Potters Zauberkräfte meiner Nachfolgergeneration versprach. UNENDLICHE MÖGLICHKEITEN. Dabei wusste ich noch gar nicht, was Arbeit ist. Wie schwer, nein, wie UNMÖGLICH es ist mit ehrlicher Arbeit so unermesslich viel Geld zu verdienen.  Nicht einmal mit Drogen kann ein normaler Mensch so unzählbar viel Geld machen. Nicht einmal Walter White hätte das vermocht. Doch ich hatte sie. 800 Millionen Euro. Der größte Lotterie-Jackpot, der jemals in Europa ausgeschüttet wurde.

Bis dahin hatte ich noch nicht einmal 100 Euro gewonnen. Und dann BÄM! So unglaublich viel Geld. Wären es nur 5 Millionen gewesen, wäre ich wahrscheinlich nicht sofort durchgedreht. Meinen Job hätte ich selbstverständlich genauso im Handumdrehen gekündigt. Denn auch wenn 5 Millionen Euro nicht den Wert besitzen, den einmal 5 Millionen Mark hatten, ist es immer noch eine sehr stolze Summe. Eine Million dagegen reicht nicht um nie wieder arbeiten zu müssen… Nicht mehr heutzutage… Für 800 Millionen dagegen kannst du dir 5 verschiedene Leben kaufen. Also kündigte ich den beknackten Job. Wer hätte das nicht getan? Dann verschenkte ich erst einmal Geld. Jeder aus meiner Familie bekam eine Million. Denn zum Glück habe ich eine sehr kleine Familie. Dann plante ich mit meiner Freundin die Weltreise, die wir antreten wollten, sobald alle Formalitäten erledigt seien. Ich liebte meine Freundin. Ich kannte sie seit 15 Jahren. 10 Jahre davon waren wir ein Paar. Die Hochzeit war für nächstes Jahr angesetzt. Ich hätte mir nie vorstellen können, eine andere zu lieben. Doch… Als ich mich durch das Internet scrollte wie ein Jugendlicher durch Internet-Pornografie und plötzlich all die Möglichkeiten begriff, die mir so viel Geld ermöglichte, kamen mir mehr als nur ZWEIFEL. Ja, sie ist eine gute und ehrliche Frau. Klug. Witzig. Ehrlich. Jeder mag sie. Jedoch… Inzwischen ist sie nun auch Mitte 30… Und da waren all diese jungen Thailänderinnen auf den Seiten der Reiseanbieter… Werbeanzeigen mit geilen Modell-Schnitten wie Cara Delevingne, die mir aufreizenden zulächelten… Und wenn wir nächstes Jahr heiraten würden, was war dann mit MEINEM Vermögen? War meine Freundin nicht zu klein geworden für diese große Welt die sich mich erbot? Konnte ich jetzt denn nicht jede Frau haben? Okay, vielleicht würde ich eines Tages bereuen, aber: So what?! Ich hatte verschissene 800 Millionen Euro! Ich war Dagobert Duck, nur mit einem Penis! Und auch als ich feststellte, dass Cara Delevingne lesbisch war, schränkte das meinen Höhenflug nicht ein. Ich konnte ALLES haben. ALLES. Später würde ich dann sicherlich auch noch was für die armen Kinder in Afrika spenden… Am besten für das Operndorf. Schliengensief muss man einfach mögen.

Es war jetzt sicherlich nicht die beste Entscheidung, sich auf der gerade begonnenen Kreuzfahrt von meiner Freundin zu trennen. Schließlich kann man auf so einem Schiff dem Partner nur semigut entkommen. Jedoch hatte sie darauf bestanden mit so einer öden Kreuzfahrt zu beginnen. Und ich war betrunken gewesen. Sagen denn Betrunkene nicht gern die Wahrheit? Das eigentliche Problem war nun gar nicht die Kreuzfahrt. Das Problem war, WARUM wir sie so sehr auf eine Kreuzfahrt bestanden hatte: Die Kreuzfahrt war der Hauptgewinn.

Einen Tag nachdem ich meine ehemals große Liebe Sabine in den Wind der Südsee geschossen hatte und ich insgeheim hartnäckig davon träumte mit meinen 800 Millionen Cara Delevingne doch noch hetero zu machen, löste der Moderator die Geschichte auf. Tatsächlich hatte ich mich einmal für eine Fernsehshow beworben. Und ja. Irgendwelche Papiere waren damals auf einem Tablet unterschrieben worden. Nur hatte ich nie wieder etwas von der Show gehört. Bis jetzt. Bis jetzt als der Moderator Mark Kafka aus einer Torte sprang und meinem verdutztem Gesicht erklärte, dass es keinen Lottogewinn gab. Es existierten keine 800 Millionen. Das Ganze war nur Show gewesen. Eine Game- und Verarschungsshow. Nur die Kreuzfahrt war real. 2 Wochen würde sie andauern. Mein ehemaliger Chef wurde über Skype zugeschaltet. Er erklärte lachend, dass er den Spaß gern mitgemacht hätte. Mein Job würde zuhause auf mich warten. Das mit dem Urlaub hatte die TV-Produktionsfirma schon vor Monaten mit ihm geklärt.  Auch meine Familie erklärte mir via Skype, was ich doch für ein edler Spender war. Blieb nur noch Sabine. Sabine. Meine große Liebe, die in alles eingeweiht gewesen war. Sabine, die schon immer einmal eine Kreuzfahrt machen wollte… Sie war sich meiner so sicher gewesen. Und jetzt war sie es, die sich meiner vor laufenden Kameras entledigte.

Rechtlich konnte ich nichts gegen die Farce unternehmen. Nur warnen. Ich versuchte alle anderen Menschen vor diesen Betrügern zu warnen. Die dir die Liebe deines Lebens wegnehmen, während sie dir deinen alten Job zurück geben… Ich bin so einsam ohne Sabine. Sie war wirklich die Liebe meines Lebens. Nur kann sie mir nicht mehr verzeihen… Warum versteht sie nicht wie krank mich diese Summe gemacht hatte? 800 Millionen Euro. Der größte Lottogewinn aller Zeiten. Könnte sie mir denn nicht, wenn sie mich wirklich lieben würde, verzeihen? Hatte sie die Aussicht auf die Kreuzfahrt, ebenfalls blind gemacht?

Absolution 44 – Liebe hat nichts damit zu tun

„Ende gut. Alles gut“, sprach Paul wortwörtlich in sich hinein. Pflichtbewusst und pünktlich wie immer stand die Sonne am Himmel und schien auf all die glücklichen wie unglücklichen Ameisen auf den Planeten Erde hinab. Katha und Paul hatten zusammen gefrühstückt und auch das hatte gut funktioniert. Schließlich waren sie seit Jahren befreundet gewesen, bis diese Nacht unwiderruflich alles verändert hatte. Der gemeinsame, frisch aufgebrochene Alltag fühlte sich ebenso seltsam wie natürlich an.  Sie hatten die Semmeln mit Frauen-Brotaufstrichen beschmiert, dessen Geschmacksrichtungen ebenso fremd gewesen waren, wie die Topfpflanzen an Kathas Fenstern. Der Kaffee war ein wenig zu schwach, was in Ordnung war. Dabei tönte irgendein Radiosender aus der kleinen tragbaren Anlage. Auf eine seltsam lustige Art zauberte die Radiomusik die größte Verwunderung in Pauls Lachen: „Tatsächlich, ich höre Radio – und es gefällt mir.“ Er musste es nicht aussprechen. Katha kannte Pauls Verhältnis zur Radiomusik, die er immer als „Volksverblödung“ abgetan hatte. Nun nickte er lächelnd mit, während die Sonne ihre ersten Strahlen auf Kathas wunderschöne Erscheinung warf. Sie beobachtete ihn genau. Sah die Verwandlung einsetzen die sie für ihn geplant hatte und erfreute sich an ihrem „Freund“; was immer dieser Ausdruck im Deutschen bedeuten konnte.

Pauls Herz schlug spürbar locker und fröhlich vor sich. Er konnte sein eigenes Herz spüren, vor Freude. Ein Gefühl, das er kaum mehr kannte. Sein Herz war ihm bisher nur aufgefallen, wenn es unverhofft und unnatürlich in seinem Herzen vor sich hin stolperte, sich scheinbar überschlug. Die Frage ob er Katha gegenüber echte Liebe empfand, stellte sich nicht. Dafür war er viel zu heiter und ausgelassen. Die großen Fragen mussten warten und würden, der Methode der Erfahrung folgend, erst im Nachhinein beantwortet werden, wenn alles zu spät war. So. War es immer gewesen.

Als Paul seine Wohnungstür geschlossen hatte, überlegte er 5 Sekunden lang, wie der Tag weitergehen würde. Es war ein Sonntag und Katha hatte sich schon beim Frühstück entschuldigt, dass sie heute mit Familiendingen beschäftigt sein würde – am liebsten hätten sich die Beiden nach dem Frühstück gleich wieder zurück ins Bett verdrückt, um es nie wieder zu verlassen. Doch da das nach all den Jahren, die die Vorbereitung der Katha/Paul-Geschichte benötigt hatte, die vergangene Nacht nun doch mehr als überraschend doch zustande kam, mussten die Stelldicheins auf die kommende Woche verschoben werden. Paul hatte den Rest des Tages frei. Nur. Was machen „normale Menschen“ an einem freien Tag? Familie hatte er erst gesehen; und eh keine Lust drauf. Was mit Fettsack machen? Chris? Na ja. Wäre eine Möglichkeit. Aber. Irgendwie schien das eine zu darke und deepe Wendung genommen. Vielleicht sollte er die mal in Ruhe lassen.  Tatsache war: Paul hatte noch Amphetamine da. Einen guten Haufen sogar. Ganz sicher. Die Frage war nur, ob das jetzt überhaupt noch Sinn machte. Jetzt wo er im echten Leben das hatte, was er sich Jahrelang so gewünscht hatte…  

Der Kopf musste die Frage gar nicht beantworten. Pauls Körper lief wie ferngesteuert los und holte mit einem gekonnt blinden Griff sein Pep vom Küchenschrank. Ja. Ja. Das war ja alles ganz toll mit Katha. Er war so glücklich. Wahrscheinlich liebte er sie wirklich. Aber. Nur. Er war halt auch ganz gerne richtig gut drauf. Da musste er ehrlich zu sein selbst sein. Warum nicht einfach ein paar Lines platt machen und sich noch einmal in die letzte Nacht zurück träumen? Denn. Genau. Das würde er jetzt machen. In der Drogenerinnerung noch einmal seine Seele über Kathas Körper gleiten lassen. Im Rückspiegel noch einmal ganz nah bei ihr sein. So wie FRÜHER. Nichts da mit irgendwelchen Fantasy-Urvölkern. Das war doch nur ein hohler, blöder Ersatz für einen Mangel an Liebe gewesen. Jetzt musste er sich nicht mehr dorthin verabschieden. Denn nun war alles anders. Jetzt. War Katha. Okay. Penibel ausgedrückt war jetzt Drogenzeit. Nicht Katha. Mit Liebe hat das aber nichts zu tun. Dann saugte er gleich noch eine dritte Line in sich hinein. Sein Leben konnte gar nicht besser sein.

Absolution 43 – Die junge Christiane Paul

Katha lachte Paul an. Und die Welt lachte mit ihr.

Schon seit jeher hatte Kathas Äußeres Paul an die Schauspielerin „Christiane Paul“ erinnert. „Die junge Paul“, selbstverständlich nicht die alte. So ticken die Hormone. „Die junge Paul“ hatte es Paul seit jener Nacht angetan. Er hatte sie zufällig im Fernsehen gesehen, in jenen Tagen, als das Fernsehen für Pauls Generation noch existierte. Wie lange mochte das her sein? Fünf Jahre. Sechs Jahre. Eine Ewigkeit. Paul war ein noch junger Kerl gewesen, der es nicht nötig hatte sich vor dem Rechner in Träumen zu verlieren. Bestimmt würde der junge Paul, den alten verabscheuen, wenn er sein Schicksal antizipieren könnte.  

„Im Juli“ hieß der Spielfilm von Fathi Akin, in dem „die junge Paul“ und Moritz Bleibtreu einen Roadtrip nach Istanbul bewältigten, um nicht weniger als die Liebe zu finden. Der reale Paul hatte Katha gerade vor ein paar Stunden kennen gelernt gehabt und genau in dieser Nacht, in welcher dieser Film lief, kam er nachhause, was zu dieser Zeit noch das Haus seines Vaters war, und sah mit druffer, verliebt verschobener Optik „die junge knackige Paul“ aus dem Empfangsgerät lächeln. Nein. Strahlen. „Die junge Paul“ strahlte ihn aus dem Fernseher an – und Pauls Herz ging auf. Die Ähnlichkeit zu Katha schien ihm verblüffend, obwohl „die junge Paul“ in dem Film afrikanisch geflochtene Haar trug und ihre eindrucksvollen Titten doch ein wenig zu groß und saftig waren, um mit denen von Katha zu vergleichen gewesen wären. Tatsächlich war es der Körper der jungen Frau gewesen, welcher ihn nicht weiter durch das Programm zappen ließ. Gefangen nahm ihn letztendlich doch nur ihr Lächeln. Ihre Aura. Ihre einnehmende Ausstrahlung, die es Paul schon damals erschwerte, zwischen der echten Katha und der Schauspielerin zu unterscheiden. In diesem Moment, auf dem Sofa seines Vaters, wurde die Figur auf dem Bildschirm eins mit dem Mädchen, dass er gerade zum ersten Mal getroffen hatte. Fast automatisch spürte Paul eine ungeheure Verliebtheit in sich, die weit über die Banalität des Sexes hinausging. Ob das die Drogen waren? Oder ein Fingerzeig einer höheren Instanz? Nun. Das spielte jetzt keine Rolle. Ebenso, wie es in Zukunft keine Rolle spielen würde. „Die junge Paul“ im Film lächelte weiter. Sie wuchs im Film vor Pauls Augen zu einer Über-Frau heran. Nicht weil sie eine „Sex-Bombe“ war. Es war ihr offenes Schauspiel ohne Visier, dieser Blick, der gleichzeitig Mut und Verletzlichkeit ausstrahlte. Sie wirkte kokett devot, obwohl sie doch in jeder Situation die Zügel über den weiteren Filmverlauf in der Hand hielt… Sie war mehr Frau, als jegliche kalte Hollywood-Schauspielerin, die Paul jemals in der Flimmerkiste gesehen hatte. Sie war so, wie sich Paul eine komplette Frau vorstellte. Eine komplette Persönlichkeit, nicht nur ein lächerlich überzeichnetes Idealbild einer Frau. Sie war ein junges Mädchen und eine erwachsene Frau in einer Erscheinung. Und. Sie war auch Katha… Und Katha war „die Paul“.  

Der Name des Regisseurs war „Faith“ was so viel bedeutete wie Schicksal. Der Name des Hauptdarstellers „Bleibtreu“… Wie konnte der Film kein Zeichen sein? Selbst als Paul einige Monate später feststellen musste, dass der Name des Regisseurs keineswegs „Faith“ sondern „Fathi“ lautete. Nur spielte dieser Umstand schon lange keine Rolle mehr… Nun schon gar nicht mehr. Seine „junge Paul“ lag verschmitzt lächelnd in seinen Armen. Und Paul war am Ende seiner Reise angekommen. Hier dürfte Pauls Film nun enden. Katha und Paul lächeln sich verliebt an, während die Kamera Abschied nimmt. Abblende.

Urlaub in Japan

Am Ende siegt die Menschlichkeit.

Am Anfang waren wir überfordert durch die Wucht, mit der uns die größte Stadt der Welt traf. Gegen Tokyo (ich bevorzuge die Internationale Schreibweise) ist Berlin eine Kleinstadt – und Augsburg ein Einfamilienhaus. Als Deutscher ist man beeindruckt von der Skyline Frankfurts. Im globalen Bezug zur Megastadt Tokyo ist das mehr als süß. Egal an welchem Punkt und auf welcher Linie der Metro wir auch ausstiegen: Hochhaus um Hochhaus um Hochhaus. Eine Stadt wie ein Mond aus Stahl und Zement. Fast nirgendwo sind Tiere zu sehen; die Kinder fotografierten die seltenen Tauben auf der Straße. Nicht einmal Insekten haben wir gesehen. Eine Asphalt gewordene Dystopie der Urbanisierung. Dies war unser erster Eindruck, am ersten Tag, an dem wir tatsächlich von einem leichten Erdbeben geweckt wurden.

Die Japaner bevölkern diesen Moloch, der dich einsaugt und verschluckt wie ein Golem, wie eine Herde emsiger Ameisen. Sie wuseln überall in Horden umher und wirken dabei nur für das uninteressierte Auge unorganisiert. Jeder schein seinen Platz zu haben in diesem Gefüge, in dem – ganz Shintoismus –  jeder auf alles Acht gibt, in dem wir alle Teil von etwas ganz Großen sind. Und doch: Nur ein unwichtiges Detail, ohne dass das große Ganze ohne Verdauungsbeschwerden weiter existieren könnte. Die Tokyoter erschienen uns die ersten Tage als sehr einsame Wesen, wie (mir fällt kein besserer Vergleich ein) die „Stachelschweine“ in Schopenhauers berühmter Erzählung, in welchem die Tiere nur durch ihre distanzierte Nähe auf Distanz überleben können. Das war beeindruckend und erschreckend zu gleich. Diese unglaublich höflichen Menschen, die sich niemals unentschuldigt, wenn auch nur aus Unachtsamkeit, gegenseitig an den Schultern treffen können –  und dabei und vielleicht gerade wegen ihrer sozialen Möglichkeiten so unnahbar wirkten. Tatsächlich: Höflichkeit kann auch ein Schutzschild gegen zu viel Intimität sein.

Auf ewig hat sich für mich der Moment in meinen Kopf eingebrannt, als wir an einer Kreuzung in Yotsuya standen, meine Frau und ich, und wir, ganz normal europäisch ausgelassen miteinander redeten. Bis wir. Die Stille hörten. Umgeben von vielleicht tausend Menschen bemerkten wir wie ein im eigenen Leib rumpelndes Herz, dass niemand außer uns Worte an jemand anderen richtete. Während die Motoren der Automatik- und Electroautos schwiegen. Totenstillen in der 31 Millionenstadt. Wir konnten den seichten Wind hören, den man in einer normalen Großstadt höchsten unbewusst auf der Haut spürt. Nur unterbrochen von dem lächerlich lauten Geklacker eines voll funktionstüchtigen Fahrrads, welches über den Fahrradweg an uns vorbei zog. Die Ampeln sprangen auf Grün. Und der Herzschlag der Megacity nahm wieder seinen normalen Rhythmus auf. Meine Frau und ich sahen uns an. Gänsehaut. Was war denn hier gerade passiert?

Den Kulturschock schüttelten wir zum Glück recht schnell ab. Auslöser dafür war eine Filmreife-Szene, als wir oben im 52ten Stock des Hyatt-Hotels, in der New York Bar, in welcher auch große Teile des Filmes „Lost in Translation“ gedreht wurden, unsere Ehrfurcht der Stadt gegenüber verloren. Die Bar mit ihrem westlichen Ambiente verhielt sich indirekt proportional zum dem unfassbaren Ausblick, der sich von dort oben über das nächtlich leuchtende Tokyo bot. Von hier oben sah die unendliche Stadt aus, als wäre sie aus der berühmten Flugszene von „Blade Runner“ entsprungen. Ein filmreifer „Boah“-Moment, der uns ironischerweise stark erdete. Unbewusst erfüllte in diesem Augenblick die Kunst ihre eigentliche Aufgabe, dem Betrachter die Wirklichkeit besser zu erklären. Und wir stießen auf die unbändige Gier diese Stadt zu erkunden. Ein Teil von ihr zu werden. Außerdem war es Nacht. Und nachts ist Tokyo ein ganz anderer Ort als Tagsüber. Denn nachts findet der Tokyioter sein Lachen wieder.

Die bisher von ihrer Umwelt isoliert wirkenden Japaner erwiesen sich nicht nur als höfliche, sondern auch als sehr freundliche und gefühlsoffene Menschen, die alles dafür taten, um sich mit ihrem Gegenüber auseinander zu setzen; um sich mit ihm anzufreunden. Man muss die Leute nur freundlich ansprechen. Alle freuten sich darüber. Sei es in den kleinen Bars und Gassen von „Golden Gai“, in der größten Show der Welt im Nebenblitzlicht-Gedonner des „Robot Restaurants“, in der VR-Zone Shinjuku, als ich mit 7 Japanern in einer virtuellen Schießerei 4 gegen 4 spielte (und ich kein Wort von ihrem grauenvollen Englisch verstand), oder nach dem unglaublichen unjapanischen Geschiebe und Gedränge im Womb-Club zum DJ-Set von Diplo, als wir total erledigt unten auf dem 2ten Floor chillten. Jede/r freute sich über ein normales Gespräch mit Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis kamen. Als fast zwei Meter großer Blonder mit blauen Augen stach ich zwangsläufig hervor. Berührungsprobleme gab es dennoch keine.

Später in Kyoto schon gar nicht mehr. Endlich entkommen aus der Megastadt an einem Ort, an dem Japaner Urlaub machen. Wo sich Schrein an Tempel, und der Kraiser-Palast an die unglaubliche Bergkulisse reiht. Als echter Bayer erklärte ich später meinen Freunden und Arbeitskollegen auf die Frage hin, wie schön es in Kyoto sei, meinen Eindruck mit einer kleinen Metapher: „Schloss Neuschwanstein schön“. Und jeder insgeheim auf das Märchen-Schloss stolze Bayer antwortete fasziniert: „Wirklich?“ Ja. Wirklich. Kyoto muss man gesehen haben. Und die unglaubliche Färbung der Bäume im Herbst muss man (Entschuldigung) erlebt haben.

Am Ende freute ich mit wieder nach Tokyo zurück zu kommen. Das Manga-Viertel Akihabara. Die verrückte Einkaufsmeile in Harajuku. Beides Orte in denen die Japaner die Möglichkeit finden, aus denen sich selbst auferlegten Konventionen auszubrechen. Denn die bunte Manga-Welt, für die, die Japaner in der ganzen Welt berühmt sind, wird nur von den Allerwenigsten öffentlich ausgelebt. Auch dort ist Manga-Welt eine pure Phantasiewelt, in der sich die Menschen vor dem tristen Alltag flüchten. Als Tourist sind diese Orte dennoch sehr unterhaltsam zu sehen. Nicht nur wegen Manga und Anime. Sondern auch wegen ihren verrückten Cafés, in denen man mit z.B. Katzen, Eulen und Igeln entspannen kann.

Was von diesem Trip nach Japan in Erinnerung bleibt sind für mich aber nicht die traditionellen Sehenswürdigkeiten oder das verrückte Neon-Doppelleben der Japaner. Nicht einmal die Schönheit der Natur. Nein. Tatsächlich ist es die Menschlichkeit und die Freude am leicht versetzten Blick auf die Welt des anderen, der mir in Erinnerung bleiben wird. Kein BESSERES Leben, wie man in Deutschland oder in Bayern gerne wertet. Sondern einfach nur ein wenig anders. Nicht richtiger oder falscher. Auf kein Weise. Diese Erkenntnis wird in mir länger überdauern, als jeder tolle Schrein den ich gesehen habe. Die Menschen hinter den Monumenten.

Das übersteigerte Bewusstsein der Menschen

Beim Frühstück im Urlaub mit Ei im Mund kann man sich die wunderbarsten Fragen stellen. Schön, wenn man zu viel Zeit hat. Ein Zustand, den ich mir selbst selten zugestehe. Dumm wie ich bin. Gerade poppte die Frage in mir auf, weshalb der Mensch beim Sex Lust empfindet. Würde der Mensch keine Lust beim Sex empfinden, hätten wir sehr viele Probleme auf dem Planeten weniger. Es gäbe nicht nur weniger Kriege auf dem Planeten (spontan muss ich da an die alten Griechen denken: Paris, der mit Helena durchbrennt – zum Thema Liebe kommen wir später – worauf das Resultat Krieg ist) auch die Pubertät wäre viel leichter zu ertragen usw. usf.

Die Lust wurde in vergangenen Zeiten oft als „viehisch“ bezeichnet, was für mein Befinden totaler Unsinn ist. Sexuell erfüllt sieht ein Fisch beim Laichen nicht aus. Zugvögel pimpern auch nicht unkontrolliert voller Lust in der Gegend herum, sie warten viel mehr auf die richtigen Umstände um eine Nachkommenschaft zu gründen. Und auch bei den Säugetieren wird nicht jeden Tag gevögelt bis zum geht nicht mehr. Die Tiere ficken eigentlich mit viel mehr Vernunft als wir Menschen, unsere Art, die mindestens ein Jahrzehnt im Leben extrem, wenn nicht gar ein ganzes Leben lang auf Sex fixiert ist. Ich hab auch nie davon gehört (wie immer kann ich gerne darüber berichtigt werden), dass sich Affen oder Löwen stundenlang zum Kuscheln und tagelangen Ficken irgendwo verstecken würden. Klar. Der Affe verhält sich ähnlich wie der Mensch (oder war es umgekehrt?), jedoch bei weitem nicht so extrem.

Zusammengefasst: Extremer Sex und Perversionen (gibt es die heute überhaupt noch in unserer hyperliberalen Gesellschaft?) sind typisch menschliche Eigenschaften. Niemand lebt und empfindet seine Lust so sehr wie wir.

Bei unserer Gattung wird gerne mit der Vernunft argumentiert. Wir Menschen sind die Vernunftgesteuerten, die ein Bewusstsein über ihr Tun besitzen. Was richtig ist. Bewusstsein ist genau dass, was uns vom Tier unterscheidet. Aber macht uns das per se vernünftiger? Es ist ein alter Hut wenn ich jetzt mit der Zerstörung unseres Lebensraumes komme (was ich an dieser Stelle leider muss), so wie all den unvernünftigen Entscheidungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens trifft, sei es nun Selbstzerstörung (Rauchen, Trinken, Drogen, usw.) oder Selbstvernachlässigung (falsche Ernährung, falsche Entscheidungen usw.). Zwar können wir auch Flugzeuge und Smartphones bauen. Aber der Mensch ist nicht von seinen Grundzügen aus vernünftig. Er ist vernünftig genug um durch den Alltag zu kommen und viel zu alt zu werden. Dabei kann er aber auch gleichzeitig höchst unvernünftig agieren. Eben. Weil der Mensch bei „Bewusstsein“ ist (was auch immer das bedeuten soll). Der Mensch ist sich nämlich nicht nur dessen bewusst, dass er tot ist wenn er von einem Auto überfahren wird. Er ist sich auch dessen bewusst, wie viel Spaß es macht schnell Auto zu fahren oder viel Sex mit vielen verschiedenen Partnern zu haben; zwei Punkte, die gute Beispiele dafür sind, wie der Mensch sich selbst schadet und seine Art zerstört. Der Mensch hat ein übersteigertes Bewusstsein entwickelt, dass ihm bestimmte Dinge wichtiger erscheinen, als im Einklang mit sich und seinem Planeten zu leben. Dabei ist noch kein einziger Mensch außerhalb des Planeten gestorben (höchstens vlt noch in dessen Atmosphäre). Das ist von einem vernünftigen Standpunkt ausgesehen gelebter Wahnsinn. Ebenso ist der Humanismus den ich vertrete, gelebter Wahnsinn. Es gibt nun einmal viel zu viele Menschen, die nicht mehr im Einklang mit der Natur leben – eigentlich fast alle. Wäre es da nicht vernünftiger Milliarden von ihnen zu vernichten um die Menschheit an sich zu retten? Wäre es nicht am Klügsten vor allem alle „erste Welt-Menschen“ auszurotten, da wir maßgeblich an der Vernichtung unseres Lebensraumes beteiligt sind? Sind wir denn nicht die eigentlichen Wilden, die ihr Leben wie wild und ohne Rücksicht auf Verluste führen? Gehören denn nicht gerade die Deutschen ausgerottet? (Hier: gewollte Provokation).

Das Problem mit dem menschlichen Bewusstsein ist halt leider, dass sich unser Bewusstsein nur auf die Gegenwart bezieht. Wir können nur agieren, wie wir jetzt agieren. Natürlich können wir uns Dinge vornehmen, scheitern aber meistens doch ziemlich schnell an der Feststellung, dass es anders oft sehr viel leichter ist. Nämlich in dem wir bewusst auf die Zukunft scheißen. Jetzt geht es mir doch bewusst gut, was sollte mich die Zukunft interessieren? Oder was juckt es mich was woanders auf dem Planeten geschieht? Bewusstsein ist immer mit Ort und Gegenwart verbunden. Und ja, wir können lernen dieses Bewusstsein an einer höhere Vernunft anzukoppeln, um so unseren Lebensstil zu ändern (ähnlich wie wir uns die Regeln des Straßenverkehrs als göttliche Gebote eingeprägt haben), nur leider geht vorher alles den Bach runter, bevor wir unser Bewusstsein maßgeblich der veränderten Lebenslage angepasst haben. Das Umlernen dauert einfach zu lange.

Unser Bewusstsein ist also eine unfertige Sache. Ebenso wie unsere Vernunft. Und wir bilden uns so viel darauf ein. Dabei müssen wir nur einen scharfen Traummann/frau sehen, um unser ganzes Leben in Frage zu stellen. Oder nur ein Kind auf die Welt bringen. Um sämtliche Liebe die wir haben auf das Kind zu fokussieren – um ab diesem Zeit in den meisten Fällen alle andere Menschen als Untermenschen und weniger wichtig zu erachten.

Liebe ist nicht nur unsere Antriebsfeder. Liebe tötet uns.

Da ist ja auch das Geile: Wir Menschen sind bipolare Wahnsinnige, die auch noch stolz darauf sind und uns für sehr vernünftig halten. Selbst wenn die Lust unser Leben bestimmt. Nicht immer. Oft aber in den entscheidenden Momenten. 

Wir brauchen. Eine neue Form von Vernunft.

Dafür stehe ich hier mit meinem Namen.