4 tote Kinder

Meine Nachbarin ist ein Idiot. Kein schlechter Mensch. Nur ziemlich dumm. Die Wohnung unter uns ist ihre erste Wohnung eigene und die Monate haben gezeigt, dass sie alleine fast nicht überlebensfähig ist. Sie trifft ständig die falschen Entscheidungen und hängt mit den falschen Leuten herum. Schon komisch: Früher war ich einer der „falschen Leute“. Heute treffe ich ein Urteil über sie.

Sie genießt es augenscheinlich nicht mehr unter dem wachsamen Auge ihre Mutter leiden zu müssen. Sie hat ständig verschiedene Typen. Drogenleute. Auch nicht von der hellsten Sorte. Was mir natürlich vollkommen egal ist. Hauptsache. Es ist nach 10 Uhr abends ruhig und mir parkt keiner die Einfahrt zu. So bin ich geworden.

Die Typen kommen und gehen. Und sie ist nun wirklich nicht die Schönste. Aber so ist das bei einer Frau, wenn zwischen ihren Beinen Tag der offenen Tür ist. Klar tut sie mir irgendwo leid dafür, dass sie sich ständig ausnutzen lässt und von den Typen nur verarscht wird. Das hat sie mir selbst erzählt. Doch jeder trifft seine eigenen Entscheidungen.

Vor etwa einem Jahr klopfe es an unserer Haustüre. Die Nachbarin. Sie wollte mit meinem Lebensgefährten sprechen. Er ist raus und dann wurde laut an der Türe geredet. Eine halbe Stunde lang. Und am Ende sagte sie, mein Freund solle mir davon nichts, was ich die ganze Zeit im Zimmer nebenan mit dem Kindl auf dem Schoß schon mitgehört hatte: Sie war schwanger. Und mein geliebter Freund, seines Zeichen Doktor der Medizin, gab ihr ein paar Ratschläge. Zwei Wochen später war sie nicht mehr schwanger. Und mit den Tipps zur Empfängnisverhütung sollte es auch so bleiben.

Ein halbes Jahr später klopfte es wieder an der Türe. „Es ist schon wieder passiert.“ „Wie es ist SCHON WIEDER passiert?!!“ Mein Freund war außer sich. Was für ne Assi-Braut. Sie wusste nicht einmal, von wem das nächste Kind war. Zweifelhaft ob sie es beim ersten wusste. Mein Freund führte ein sehr ernstes, weniger empathisches Gespräch mit ihr, als beim ersten Mal. Und zwei Wochen später war sie nicht mehr „in froher Hoffnung“. Es war für alle Beteiligten der beste Weg. Wie sollte eine Frau wie sie auch noch für ein weiteres Leben Verantwortungen übernehmen, wenn sie es nicht einmal für sich selbst kann?

Vor ein paar Jahren stellte mir ein Freund eine Bekannte von ihm vor. Ich freundete mich mit ihr an. Ein Jahr und 5 Monate vor dem heutigen Tag, stellte sie mir ihren neuen Freund vor. Ein Pfundskerl. Wenn auch ein wenig klein an Wuchs. Sie wollte immer Kinder bekommen. Doch wegen einer Operation in ihrer Vorgeschichte war die Wahrscheinlichkeit gering. Sie wurde trotzdem schwanger. Wir freuten uns alle sehr für sie. Und dann auch noch Zwillinge. Doppeltes Glück. Die Wochen, ein paar Monate gingen ins Land, bis die Herztöne der Zwillinge verstummten. Nicht nur der Himmel weinte. Das Wehklagen wimmerte stumm aus unseren Telefonen, als unsere Daumen die Kurznachrichten verschickten. Ich hätte nicht gewusst, was mein Mund an direkter Sprache hervor gebracht hätte. Was kann es schlimmeres für eine Frau geben, als ihre toten Lieblinge gebären zu müssen?

4 tote Kinder.

2 die unbedingt gewollt wurden, aber nicht lebensfähig waren.

2 die wahrscheinlich lebensfähig waren, aber von keinem gewollt wurden.

Nur in Märchen ist das Leben fair.

Und die ganze Welt schaut auf die Fußball-WM.

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Ikarus-Festival 2018 in Memmingen – Erlebnis- und Erfahrungsbericht/Kritik

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Bevor das Ikarus-Festivel überhaupt zum ersten Mal abgehalten wurde, schrieb ich einen Verriss darüber. Der Grund für diese Bodenlose Unfairness war mein Besuch auf dem Schwester-Festival „Echelon“, welches bei meinem damaligen Besuch so unglaublich scheiße organisiert war, dass mir jede Unfairness erlaubt war. Da das Ikarus quasi vor meiner Haustüre liegt, bin ich nun entgegen meiner Überzeugung doch mal hingefahren – und bin sehr positiv überrascht. Im Vorfeld hatte ich viel Schlechtes über das Techno-Festival gelesen. Kritische Facebook-Kommentare werden vom Veranstalter gerne mal gelöscht. Und der Kunde sollte dort nicht gerade „König“ sein. Zeit sich selbst ein Bild zu machen.

Gleich vorweg: Das Festival war gut organisiert. Es gab viel mehr Toiletten als in dem Horror-Jahr als ich auf dem „Echelon“ war. Genug zu Essen und zu Trinken. Die Leute an der Bar waren wirklich schnell und freundlich. Auch die Orgas waren okay. Wobei man selbstverständlich immer und überall auf einen Arsch treffen kann. Insgesamt aber war mein Eindruck sehr positiv. Klar. Die Preise waren teilweise schon gesalzen, aber auch nicht exorbitant hoch. 5 Euro fürs Parken z.B. ist doch okay.

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Nervig für die Leute in den Zeltlagern war sicherlich der Umstand, dass der Parkplatz ein gutes Stück vom Campingplatz entfernt liegt. Es ist aber nicht dramatisch. Z.B. ist es nicht im Entferntesten so mühselig sein Zeug vom Auto zum Zelt zu tragen, als Beispielsweise auf dem Southside. Wir haben nicht gecampt, deswegen kann ich dazu nicht mehr sagen.

Wir Tagestickler hatten das Problem, dass wir, nachdem wir das Festival-Gelände einmal betreten hatten, nicht mehr zum Auto zurück konnten. Ist schon ne Frechheit. Bei 56 Euro für einen Tag sollte das schon drin sein. So mussten wir alle Jacken gleich mitschleppen. Denn es war Gewitter angesagt worden – dazu aber später mehr.

Polizei habe ich ehrlich gesagt kaum gesehen. Es war nicht so wie bei der Nature One oder auf dem Sonne-Mond-Sterne-Festival, bei denen es teilweise schon recht ruppige und ausufernde Kontrollen gab. Hier habe ich gar niemand kontrollieren sehen. Ich verlinke hier mal den Polizei-Bericht von 2017 dazu. Im Vorjahr gab es schließlich 290 Straftaten mit 280 Drogendelikten. Irgendwer muss da also kontrolliert haben. Wir wurden nur zwei Mal vom Veranstalter kontrolliert. Was sicherlich auch der Grund war, weshalb man auf dem Campingplatz mehr bekam als auf dem Festival selbst.

Die Polizeizahlen von wegen 30000 Besucher haben mich über die Größe des Festivals getäuscht, da werden nämlich scheinbar an jedem Tag je 15000 Leute zusammen addiert. Ganz egal ob es die GLEICHEN Leute sind wie am Vortag. Ich bin mir sicher: 30000 Leute waren nicht annähernd  anwesend. Wir hatten viel Platz zum Tanzen und das Festival war an diesem Freitag zu keinem Zeitpunkt überfüllt.

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Die Mainstage hatten sie ganz nett aus Holz gezimmert und die Anlage machte einen guten Sound, an dem es nichts zu beanstanden gab. Wir waren ziemlich früh dran und tanzten da bereits schon um 16 Uhr herum. Und es machte Spaß. Was gibt es denn Schöneres als mit Freunden schönes zu erleben? Nur Sex ist besser. George Townston legte auch passabel auf.

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Im großen Zelt war es mega heiß und deswegen blieben wir dem erst einmal fern. Bis die Durchsage kam: Unwetterwarnung. Geht alle ins Zelt oder in EURE Zelte. Oder in die Bunker. Zum Einen hat mich die Durchsage an sich gefreut. Bei viel zu vielen Open-Air-Veranstaltungen stand ich schon im im unvermittelten  Regenrauscher, weil ich viel zu Betrunken war um in den Himmel zu schauen. Zum Anderen habe hat die spätere „Räumung“ des Geländes den Veranstalter auch an seine Grenzen gebracht. Während an der Mainstage der Sound ausgemacht wurde, gingen wir ins große Zelt – wo es dann wieder hieß, wir sollten doch in die Hangars/Bunker gehen. Weil so ein Zirkuszelt halt doch nicht so sicher ist. Auch wenn die Hangars bis dahin teilweise noch nicht einmal Musik hatten. Wir also in die Hangars (oh Verzeihung, in die Shelter), wo die Laune jetzt nicht so geil war. Auch. Wenn das Publikum im Hade-Shelter mit selbst gemachter Trommelei versuchte Tanzstimmug zu verbreiten. Währenddessen stürzten die Wassermassen aus den Wolken. Zum Glück ohne umgestürzte Bäume oder weggerissene Zelte. Sicherheit geht halt vor und fürs Wetter kann keiner was. Ich war ja schon einmal auf dem Berlin Festival, das in dem Jahr der Loveparade-Katastrophe aus Sicherheitsgründen abgebrochen werden musste – auch wenn 2010 der Organisator schuld war, nicht das Wetter.

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Quizfrage: Wenn wir mit unseren Tagestickets noch nicht auf dem Festival-Gelände gewesen wären, was wäre passiert? Aufs Gelände ließen sie keinen mehr. Alle die Anstanden wurden in ihre Zelte geschickt. Aber hallo: Wir hatten keine Zelte!! Und ins Auto zurück konnten wir ja auch nicht. Dann wäre unsere Karte verfallen. Also im Regen stehen bleiben?

So kleine Kratzer in der Organisation sind bei jeder Party meistens gut fürs Gemüt. Das Jetzt-Erst-Recht-Gefühl setzt ein. Und so war es dann auch. Wir tanzten und feierten: Jetzt erst Recht!

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Den Soundtrack dazu lieferte  im Zelt Magit Cacoon. Während draußen Dominik Eulberg die Mainstage rockte. Was? Dieser Kerl der den „Buchdrucker“ und „die Rotbauchunken vom Tegernsee“ releast hat? Guter Mann. Nur. Ein wenig langweilig… Nicht heute. Der Dominik war super. Also echt jetzt. Es ging ordentlich nach vorne und einem Moment vergaß man sogar das Selfie-Schießen mit den hübschen Freundinnen. Und als der Dominik „la rock“ von Vitalic und gleich im Anschluss einen Remix von „When I rock“ von Electrochemie LK raus haute, war es um uns alte Säcke natürlich geschehen.

Halt mal kurz meinen Becher.“ „Klar…. Warum?“ „UUUUaaaaaaaahhhh (Rumspring)“ „Alles klar.“ (Trinkt aus dem Becher und nickt mit)

Zum Dominik und zu Aka Aka i  Anschluss haben wir wirklich sehr, sehr viel getanzt. Wie überhaupt den ganzen Tag über. Damit waren wir nicht alleine. Die aufgedonnerten Instagram-Kinder waren auch gut mit dabei. Selbst wenn es natürlich nicht so wild und entfesselt herging als wir jung… Hauptsache ihr habt Spaß.

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Nach Aka Aka ging es raus. Denn zum Essen gab es im Gelände nichts. Was ein wenig blöd war als das Gelände „geräumt“ war. Denn es gab nichts zu Futtern für uns. Wir chillten dann da ein wenig herum um wieder rein zu gehen zu „Tale of us“. Vielleicht wären wir auch länger am Chillen gewesen. Es regnete nur immer wieder. Und unsere halbnackten Freundinnen brauchten unsere Regenjacken… Mann ist halt doch zu nett. „Tale of us“ waren so na ja. Hat mich jetzt nicht umgehen. Die Kälte treibt einen an. Dann ging es noch aufs Riesenrad (die hatten echt ein verdammtes Riesenrad und Kettenkarussell – zwei Dinge die mir als erstes einfallen wenn ich an Techno denke) und als es dann wieder stärker zu regnen begann und wir uns ins Zelt quetschten, wurde eine kurze Umfrage gemacht: Bleiben oder gehen? Wir waren vor 10 Stunden aus dem Haus, im Zelt war kein Platz mehr zum Tanzen – aber, wir hatten Solomun und Nina Kraviz noch nicht gehört. Wir sind dann trotzdem heim gefahren. Verurteilt uns nicht. Aber uns war nass und kalt und gehen schließlich auf die 40 zu. Lass mer mal gut sein.

Fazit: Gutes Festival mit guten Freunden. Das ist das Wichtigste. Viel gelacht. Und sehr viel Geld ausgeben. Für meine Freunde nur das Beste.

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Persönlich habe ich eine besondere Beziehung zu dem alten Luftwaffenstützpunkt in Memmingen, auf dessen Gelände, zum Teil sogar in alten Flugzeug-Hangars, das Ikarus-Festival abgehalten wurde. Denn. Ich habe zu meiner Bundeswehrzeit dort gedient. 15 Jahre später auf das Gelände zurück zu kommen um, ganz im Gegenteil zur ursprünglichen Planung des Areals, dort friedlich mit Gleichgesinnten zu tanzen, ist doch mit die schönste Form vom Umnutzung militärischen Materials.

Absolution – 25 – Die Mutter, die ich niemals hatte

Paul ist zurück im Dorfe der Ma-Fag. Genauso wie sich ein Schläfer nicht mehr an den Moment des Einschlafens erinnert, ist die Spur der Übergangs vom Sog der Drogen in den Traum bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Pauls Verstand steckt einfach wieder in seinem Phantasiewelt-Avatar. „Banyardi?“ Der Avatar sieht zu seiner Mutter hinüber und im gleichen Moment, als er seine Mutter als solche identifiziert, stürzt die Erinnerung eines ganzen Lebens auf Paul ein. Paul erinnert sich in allen Facetten daran, der Sohn von Maja zu sein. Dieses Erinnern ist kein Film der vor seinem inneren Auge abläuft, es ist mehr wie eine Ansammlung von Polaroids, die in seinem Verstand aufpoppen. Jedes dieser Polaroids steht sinnbildlich für eine Begebenheit zwischen seiner Mutter und ihm. Jedes dieser Bilder erzählt eine komplette, unabgeschlossene Geschichte, deren Wirkung bis in die Gegenwart andauert. Die fundamentalen Momente einer reifen Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Und Paul ist sich darüber im Klaren, dass diese Erinnerungen erst verschwinden werden, wenn der, den seine Mutter „Banyardi“ genannt hat, gestorben sein würde. Sie würden selbst den Tod seiner Mutter  überdauern. Voller Liebe und dennoch voller Irritation sieht Paul/Banyardi zu seiner Mutter hinüber. Die Mutter, die Paul im echten Leben niemals gehabt hatte. Seine Emotionen und die damit verbundene Reaktion darauf sind so stark, so eindeutig, dass sich seine Augen ein wenig mit Tränen füllen. So unheimlich groß ist seine Liebe zu ihr. Zu seiner Mutter, die hier, in dieser Welt immer für ihn da gewesen ist. Nicht minder groß ist Pauls Schock, für eine Mutterfigur so viel Liebe empfinden zu können. Nicht viel, und er würde von seinen Gefühlen zermalmt werden. Paul hatte seine Mutter für ihre Abwesenheit immer gehasst – und jetzt: Das komplette Gegenteil.

„Ist alles in Ordnung mein Sohn?“ Paul/Banyardi muss seinen Blick abwenden, damit er nicht los heult wie ein Patient auf dem Stuhl eines Psychologen, da über diesen ein Schlüsselerlebnis herein gebrochen ist. Paul erträgt die Liebe im Blick seiner Mutter nicht. Er erträgt es nicht in dieser Frau all diese Gefühle zu sehen, die er an seiner Mutter ein Leben lang vermisst hat. Lautlos kommt sie herüber und nimmt ihren Sohn in den Arm. Paul. Ist wieder 5 Jahre alt. Und seine Mutter macht endlich dass, was sie ihr Leben lang nie getan hat. Paul ist wieder Fünf. Und seine Mutter tröstet ihn darüber hinweg, wie er vom Fahrrad gestürzt und gegen einen Betonpfeiler geprallt ist. Paul ist wieder Acht. Und seine Mutter nimmt ihn in den Arm und erklärt ihr, dass Haustiere nun einmal sterben müssen. Da Alles stirbt. Er ist wieder 12 Jahre alt und seine Mutter erklärt ihm dieses Mal voller Liebe und Anstand, warum sie fortgehen muss. Und er ist wieder 15 Jahre alt, und sie tröstet ihn bei einem ihrer seltenen Besuche darüber hinweg, von seiner ersten Liebe ignoriert worden zu sein. Das Alles bricht über Paul herein. Unzählige Momente, in denen er sich alleine und verlassen fühlte, nehmen liebevolle Gestalt an.  Wird Wirklichkeit – und Paul verzeiht in diesem bittersüßen Moment seiner Mutter all die Grausamkeit, die eine fremde Frau mit dem gleichen Namen ihm angetan hat… Paul ist Paul geworden. Und die Bedeutung der Drogen sinnlos. In diesem Augenblick, als in einer anderen Zeit, vielleicht sogar auf einem anderen Planeten, eine indigene Mutter ihren verwilderten Sohn in die Arme nahm…

„Du wirst darüber hinweg kommen, mein Sohn“, sagt Mutter. „Du bist stark. Du wirst über den Verlust von Paco hinwegkommen. Ich weiß. Was für gute Freunde ihr wart.“

Paco… Paco?… Den hatte Paul schon längst vergessen.

„Nur jetzt musst du stark sein. Du hast nun 5 Monde Zeit gehabt dich zu erholen. Heute müssen wir aufrecht auf die große Versammlung gehen.“

Absolution – 23 – Liebe in Gedanken

„Ach Paul… Seltsam das Vertrauen für manche Menschen oft nur eine Einbahnstraße ist…”

„Wie kommst du denn…“

„Das ist doch wohl offensichtlich Dicker… Rede doch mal mit Katha!“

Paul war müde. Es war ein langer Tag. Eine lange Nacht. Und ein langer Tag. Mit diesem GZSZ-Kram kam er gerade gar nicht klar. Katha mag mich wirklich? Wie könnte man jemanden wie ihn überhaupt mögen? Chris nahm ihn auf den Arm. Warum auch nicht? Der wollte doch nur von der Sarah-Geschichte ablenken.

„Wie auch immer. Was geht zwischen Sarah und deinem Freund Fettsack?“ Paul beantwortete diese Frage mit einer genauso hilflosen Geste wie er sich fühlte. Im Augenblick konnte er weder Informationen verarbeiten, noch austeilen. Paul war unbrauchbar. Außer in seiner Funktion als Zuhörer.

Chris: „Der Fettsack ist ja verheiratet… Kein Plan wie der so drauf ist… Und ehrlich gesagt könnte ich nicht mal sagen wie Sarah so drauf ist…“

„Bei denen läuft bestimmt nichts…“

„Ach Paul. Weißt du was dein Problem ist?“ Chris beantwortete die Frage selbst. „Du bist zwar nicht ganz auf den Kopf gefallen. Bist aber katastrophal naiv was Menschen angeht.“ Pause. „Na ja, dafür mag ich dich ja.“

„Du. Chris. Im Ernst. Ich bin total fertig… Lass uns n andermal drüber reden.“

„Klar.“

Es folgte die typische Menschenunwürdige Szene, in der der Gast auf dem Boden sitzend seine Schuhe anzog. Was wie immer eine Ewigkeit zu lange dauerte. Dann stand der ganze Chris fertig angezogen und ausgerüstet vor seinem Freund. „Ja. Lass uns noch mal darüber reden“, erklärte Chris, „Aber mit dem Fettsack… Da muss eine Lösung her.“

„Findet sich bestimmt. Immer.“

„Ich lass mir schon was einfallen.“

Die Tür klackte hinter Chris in das Schloss und hinterließ Paul in einer stumpfen, ausweglosen Stille.

9.

Paul brachte die Woche hinter sich, wie Millionen anderer Menschen auch. Er war ein Rädchen im Getriebe. Hielt es am Laufen. In der Arbeit zeigte er sich nützlich. Abends fiel er früh und müde ins Bett. Nur um am nächsten Tag weiterhin seinen Dienst an der Gesellschaft leisten zu können. Es war nicht leicht bis unmöglich seine Gedanken zu sammeln. Der Gedanke an Katha und das was Chris gesagt hatte, trieb ihm gleichermaßen Furcht und Schmetterlinge in den Bauch. Die Frau verunsicherte ihn, wie sie ihn beflügelte. Obwohl er gar keine richtige, reale Beziehung mit ihr wollte. Schließlich hatte er in seinen Drogenträumen schon die perfekte Beziehung mit ihr. Die Realität würde Konflikte bereithalten. Da Menschen für ihn wie tektonische Platten waren, die sich aneinander reiben. Um sich am Ende am Anderen vorbei zu schieben.

Paul dachte, dass seine Drogenträume eine besondere Spinnerei seien. Ein abnormes Verhalten, dass nur er kannte. Dabei machen Menschen so etwas jeden Tag. Sie denken sich Beziehungen zu Menschen aus, die sie gar nicht oder kaum kennen. Man kennt sich vom Sehen aus der Straßenbahn, der Schule oder sogar aus einem echten sozialen Biotop, in dem Gespräche geführt werden. Dabei bleibt nur diese Distanz zwischen Menschen vorhanden, die für manche so leicht und für einige doch niemals zu überwinden ist. Natürlich war seine Verhaltensweise ein außergewöhnliches Extrem. Doch sich mit Menschen „etwas vorstellen zu können“, ist das Normalste der Welt. In jeder Freundschaft zwischen Mann und Frau gibt es diesen Punkt, diesen Nerv, der nie berührt und selten besprochen wird, da er das Ende der Freundschaft markieren würde. So eiern Männer und Frauen um diesen G-Punkt herum, währenddessen sie ihr Leben in Gedanken führen. Paul würde die Frage stellen, was falsch daran sei.

Am Ende hatte er es doch geschafft seine Reise in sein Traumland bis auf das Wochenende hinaus zu schieben. Direkt nach der Arbeit bereitete er seine ganz persönliche Tee-Zeremonie vor, die darin bestand die Drogen und seinen Arbeitsplatz vorzubereiten. Lächelnd dachte er beim „Hacken“ an „Total Recall“, wie Arnold Schwarzenegger in die Maschine gespannt wurde, die ihn im Geiste zum Mars brachte. Bis der Zuschauer am Ende des Filmes nicht mehr sicher sein konnte, ob der Protagonist nicht vielleicht wirklich dort gewesen war. Paul startete seinen Rechner. Schaltete sein Handy aus. Atmete sein Traummittel ein.

Am Anfang war er sich nicht sicher, was geschehen würde. Er war sogar ein wenig aufgeregt; anders aufgeregt, als es ihn die Droge von Natur aus sein ließ. Diese Irritation vom letzten Wochenende war über die Tage immer unwichtiger geworden. Andere Probleme hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Arbeitstechnische Probleme. Alltag. Und Katha. Aber die Wachheit ohne Verwirrtheit die er jetzt spürte (die Verwirrtheit würde erst in den nächsten Stunden einsetzen) knüpfte bewusst an das Feeling an, welches er letzte Woche gehabt hatte. Gleich würde die Droge die Alltagsprobleme hinfort spülen, wie ein Wasserschlauch der den achtlos fallengelassenen Unrat von den Plätzen und Trottoirs  der Partyhauptstädte spült. Paul war noch nicht in der „richtigen Stimmung“. Sein Gehirn musste erst die richtigen Impulse ausschütten. Zur Einstimmung sah er sich Pornos aus. Sie blieben seine Eintrittskarte. Auch wenn ihn langsam das Gefühl beschlich, dass da mehr war… Mehr als er sich vielleicht eingestehen konnte.

Er wählte Videos von blonden Frauen, um sich wieder an die Blonde von letzter Woche zu erinnern. An die Frau, für die er getötet hatte. An die Frau, für die sein Freund Paco getötet wurde. Er gab die Namen wie „Sandra Russo“, „Silvia Sainth“ und „Gina Blue“ in das Suchfeld ein. Frauen also, die zwar blond waren, sich aber nicht besonders ähnlich sahen. Die aber dennoch mehr vereinte als die Haarfarbe. Es war die Aura die Paul in ihnen sah. Diesen Touch von Würde und majestätischer Weiblichkeit. Paul hatte keine Ahnung mehr wie die Frau in seinem Traum ausgesehen hatte. Irgendwie war sie eine Mischung aus anbetungswürdigen, weiblichen Attributen. Die Essenz von unterschiedlichen Idealen. Nur leider. Öffnete sein Verstand nicht von sich aus die Pforte in sein Unterbewusstsein. Er kam. Nicht voran.

Mehr Drogen mussten eingeatmet werden. Mehr Zeit musste verstreichen. Selbst wenn es erst Nachmittag war. Pauls Herzschlag hatte es eilig.

Dann polterte es an Pauls Tür.

Vor Schreck hielt Paul die Luft an. Sein Herz blieb stehen. Sein ganzer nackter Körper fror ein. Denn es polterte nicht an Pauls Haustür. Es polterte an seiner Balkontüre. Pauls Wohnung befand sich im ersten Stock. Das. War creepy.

 

 

 

 

Absolution – 22 – Weltreisende Frauen, einsame Männer

Verwirrt. Verworren. Schälte er sich aus seinem eigenen Salzwasser und ging direkt in die Duschkabine. Duschen hilft. Duschen hatte immer geholfen. Ganz anders war es mit dem Blick danach in den Spiegel, der so gut wie nie half. Der im Gegenteil immer sagte: So kannst du nicht in die Arbeit gehen. Jeder kann an deinen wahnsinnigen Augen sehen wie drauf du noch bist… Dann zog sich Paul an und ging in die Arbeit. Und machte sie. Wäre doch im Leben nur alles so einfach wie die Arbeit machen. Die Arbeit war sein fester Anker. Gerade dafür hasste er sie. Sie war der Rahmen, der seinen Wahn in die Schranken wies. Manchmal. Ist es auch ganz gut sehr deutsch zu sein. Einfach nicht in die Arbeit zu gehen: Unvorstellbar. Ohne Arbeit kein Vergnügen. Zuviel Vergnügen: Keine Arbeit. In der Arbeit war er dann auch ganz der Arbeitsfleming. Angefüllt mit Bullshit-Problemen, die ihn aus seinen Wahnvorstellungen rissen. Wenn eine Maschine repariert werden muss, ist es egal ob man heute Nacht in einer Wichs-Vorstellung eine Frau nicht gehabt hat. So etwas. Nennt man Realität. Und einen guten Bezug dazu.

Mittags rum war Paul meistens ausgenüchtert genug um sich wie ein normaler Mensch zu verhalten. Ab dann ging es. Und die drogeninduzierte Sex-Sucht spielte keine Rolle mehr. Normalerweise. Heute war da dieser kleine nagende Gedanke, dass etwas nicht gestimmt hatte heute Nacht… Verdammt noch mal… Was war es nur gewesen? Irgendwie war Paul sich selbst fremd gewesen. Was auch immer das bedeutete. Diese unbestimmte Gefühl blieb dennoch eindeutig.

Auf dem Nachhauseweg rief Chris an: „Hey was geht?“

„Ja was geht Mann?“
„Paul, du kannst doch nicht die gleiche Frage mit der gleichen Frage beantworten.“

„Jaaa… Nicht viel halt.“

„Was machstn?“
„Ja nix. Latsche gerade von der Arbeit heim. Bin ziemlich durch.“

„Das ist gut. Ich komme gleich mal rüber bei dir,“

„Was?“
„Was?“

„Ja wie jetzt? Wollte eher was wegpennen.“
„Schlaf ist doch Kommerz.“

„Deswegen komme ich auch von der Arbeit.“

„Ok Herr Kommerzienrat, bleibe auch nicht lange. Bringe auch n Six Pack mit.“
„Ja dann.“

Der. Hatte ihm gerade noch gefehlt. Nicht Chris an sich. Sondern Menschen überhaupt. Pauls Plan war es gewesen original heute Nacht noch einmal durchzumachen. Nicht wegen der Drogen und seiner Geilheit (was dasselbe war). Nein. Paul wollte klären was da heute Nacht los war. Ob er die Kontrolle über seine… Aber das war doch allzu lächerlich. Das konnte man nicht einmal aussprechen. Ein paar Lines und ein paar Filmchen würden ihn wieder auf Spur bringen.

Chris war schon da als Paul zu seiner Wohnung kam. Und das war gut, dachte sich Paul. Umso früher der da ist, desto schneller ist der auch wieder weg.

Oben in Pauls Wohnung stank es so sehr nach kaltem Schweiß und Selbstbefriedigung, dass Chris sich erst einmal eine Zigarette anmachte. Kommentare waren nicht angebracht. Dafür hat man Freunde.

Die Bierflaschen machten: Plopp!

Chris erzählte Paul von seiner alten Freundin Bea, die wieder im Lande war:

„Bea ist der egoistischste Mensch den ich kenne. Dabei ist sie unglaublich sympathisch. Krass, irgendwie… Sie ist kein falscher aufgesetzter Charakter, sie handelt nicht aus…  Berechnung, auch wenn man das meinen könnte. Sie spielt nicht mit ihrer… Aura. Blödes Wort. Du weißt schon. Ihre sympathische Art ist ihr einfach angeboren. Weißt du? Ein wenig setzt ihr Gegenüber es ihr aber auch einfach voraus, durch diese… Wohl-Fühl-Aura die Bea ausstrahlt. Du hast sie ja auch mal getroffen… Klischees werden vom Gegenüber gesehen und in Details gefunden, die unweigerlich da, in Wahrheit aber nicht frappierend wichtig sind. „Bea, die Hippie-Tussi“. Das sagen doch alle, die sie sehen.

Die „Hippie-Tussi“ bezieht sich auf ihren Kleidungsstil, die Batik-Klamotten, die alten, wirklich abgewetzten und gealterten Jeans, die nichts mit künstlich abgeschrubbten Designer-Jeans zu tun haben. Das merkt man doch gleich. Die ist einfach real. Und selbstverständlich ist sie die Hippie-Tussi (er zieht das Wort ins Lächerliche) wegen ihrer blonden langen Haare, die ihr bis „über den Arsch gehen“.  (Die beiden Kerle lächelten). Trotz dieser langen Haare erinnert sie gar nicht an eine deutsche Frau, nicht an die… Wie hieß die aus Rossellini? Die Lorelei! Ne. Bea kommt irgendwie amerikanisch rüber. Zudem lacht sie viel. Und sie ist gut anzusehen. Ihr Anblick und ihr sorgloses Auftreten wirft uns zurück in die 60ger Jahre des vergangenen Jahrhundert, als alles möglich zu sein schien und die Menschheit in eine neue Zeitrechnung aufbrach. Was kommt wohl nach der Revolution?

Die Frage war nicht ob es ein Utopia geben würde, sondern nur, wie schön es werden wird, oder etwa noch schöner als man sich vorstellt konnte? Keiner dachte an Dystopien… Keiner dachte an den Kater danach. Dass alles noch viel schlimmer kommen könnte, als es vorher war. Keiner hatte ein Auge für das, was hinter dem blonden Hippie-Mädchen steckte, das lachte, strahlte und meinte, man solle sich locker machen… Denn zu jedem Image das wir so sehen wollen, wir gelernt haben es zu sehen… Ach fuck. Bei jedem von uns gibt es eine wahre Geschichte, die nicht viel mit dem Bild zu tun haben, was wir der Gesellschaft zeigen. Hinter jedem Symbol steckt ein Mensch.

 

Bea  ist eine Weltreisend. Dafür kennt man sie. Deswegen redet man über sie. Bea war schon auf jedem Kontinent der Welt, in dem die Sonne mehr Hitze produziert, als dass sie ruht. Afrika, Lateinamerika, Asien, Australien sowieso; Australien, dieses Schnellrestaurant für die Fernwehvortäuschenden. Der Kontinent der zerplatzen Träume, dem Bea jede realness abspricht, da „aussteigen“ dort industriell betrieben wird. Ganz im Gegensatz zu Afrika.

 

Bea war überall, wo jeder schon immer hinwollte. Sie stand auf jedem Postkarten-Klischee. Eroberte jedes kleine, versteckte, geheime Landschaftswunder, nachdem man sich sehen kann… Vom weißen Strand über die schwarzen Berge.  Die hat Nationen erkundet, die du bewunderst, und noch mehrere von jenen, vor denen du Angst hast. Bea hat die Welt gesehen und erlebt und kommt am Ende zurück und hat keinen einzigen Kratzer abbekommen… Ja. Am Ende war sie einfach nur wieder da, als wäre sie gerade nur 15 Minuten Kippen holen. Unsere Bea… In denselben Klamotten wie immer. Mit Augen, die uns sehen und gleichzeitig durch uns hindurch blicken. Wie lange war sie diesmal weg gewesen? Ach ja. 9 Monate. Und was bei uns so los war? Nicht so viel eigentlich… Bisschen Party. Bisschen Drogen.

Zwar fragt man dann viel nach: Was hast du alles erlebt? Was hast du gesehen? Wen hast du getroffen? Ging es dir gut? Wobei die Frage in Wahrheit lauten sollte: Was treibt dich immer wieder davon und warum hält dich hier nichts?

 

Bea ist in unserem Alter. Und sie hat kein Haus. Keinen festen Wohnsitz. Keinen Ex-Mann. Kein Kind. Neeee…. Die nicht. Niemals… Sie hat alle Freiheiten die wir nicht haben. Sie besitzt nichts. Und wird von nichts besessen. Das Einzige was wir mit ihr teilen ist eine Form der Vergangenheit. Sie ist hier geboren. Sie ist hier aufgewachsen. Sonst noch was?

Irgendetwas muss passiert sein. Damit…

 

Man kann nicht so leben ohne ein Egoist zu sein. Ich weiß nicht, gibt es eine gute Form von Egoismus? Eine verzeihbare, wie eine Krankheit für die man nichts kann? Du kannst nicht immer wieder dein bürgerliches Leben zurücklassen, alle Brücken abbrechen, die du in den Reisepausen errichtet hast und jenen keine Verletzungen zufügen, die sich dir nahe fühlen. Du kannst nicht immerzu fortgehen ohne Beziehungen in die Oberflächlichkeit gleiten zu lassen, in dem du sie einfrierst. Nur um sie zur passenden Gelegenheit wieder aufzutauen. Das muss man können. Das muss man wollen. Das muss man auch müssen, müssen.

Um tatsächlich frei zu sein, musst du egoistisch sein. Das ist die Wahrheit. Auch die Hippies waren egoistisch. Sie dachten weder an später, noch an ihre Eltern. Sie dachten nur an sich. Und wie unglaublich stark sie sich fühlten. Was sie bewegen und für sich erleben konnten. Und 70 Jahre später feiern wir immer noch ihren Mut…“

Okay. Auch wenn das kein feststehender Monolog war, sondern die Essenz des Gesprächs zwischen Chris und Paul, hatte sich Chris doch eine Menge Gedanken zu Bea gemacht. Nur. Jetzt schon bei der dritten Flasche „Warsteiner 0,33l“ angelangt. Brachte es Paul auf dem Punkt: „Was ist eigentlich mit Sarah?“ Denn Bea hin oder her. Große Weltreisende und Egoismus, lange blonde Haare – weiß der Geier was: Hier ging es nicht um SIE. Das ist ja das Ding an der Bea, die nie da ist. Sie ist nur eine Metapher für jemand anderen. Für den Egoisten, an den man nicht ran kommt. Die eine, die dich nicht sieht. Die, die man liebt. Die, die da ist.

„Puh“, machte Chris. „Das ist natürlich… Ich meine… Ich hab´s dir doch erzählt. Neulich. In München… Und dann die Geschichte im Bosporus…“

„Ja das war scheiße.“
„Ja scheiße… Irgendwie… Aber was will man machen?“

„Du musst mit ihr reden. Wie in jeder guten Beziehung.“

„Wir. Haben. Keine. Beziehung.“

„Ja darum geht es doch!“

„Und du und Katha?“

„Ich. Und? Katha?“

„Ja das ist doch genau das Gleiche!“

„Hä? Wie jetzt? Das ist doch…“

„Ach Paul…“

 

 

Absolution – 13 – Der Freund meiner Freundin ist mein Feind

Paul beobachtete Sarah weiter über ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. Flirtete sie etwa mit Stevo? Im Ernst jetzt? Mit Stevo? War sie vielleicht doch nicht mehr als der Ruf, den ihr die Neider auf den Leib geschrieben hatten? So oder so. Es würde ein neues Mosaiksteinchen in Pauls Phantasien werden. Je mehr Infos, je mehr Ereigniskarten er zur Verfügung hatte, desto besser. Paul verspürte keinen Neid auf Stevo. Die reale Absicht mit Sarah etwas „anfangen“ zu können erschien ihm als absurd. Ihm blieben die Träume. Die bessere Realität. Daran war nichts auszusetzen. Er nahm noch einen Schluck von seinem Whiskey. Ohne seinen Blick von Sarahs Spiegelbild abzuwenden. Unvermittelt musste er die Luft anhalten. Irgendwas war anders. Irgendwas. War. Komisch. Sein angetrunkener Verstand konnte nur nicht sagen… Da kniff Paul seine Augen zusammen und er erkannte was sein Unterbewusstsein schon längst begriffen hatte: Chris stand außerhalb des Bosporus. Vor der Scheibe. Hinter Sarahs Spiegelbild. Und sah ihn an. Paul konnte nicht sagen wie lange Chris dort schon stand und ihn ansah. Wusste nicht, wie lange Chris sich schon – bewusst oder  unbewusst, das war nicht zu klären – hinter Sarahs Lichtbild versteckt hatte. Sein Freund Chris verweilte dort wie ein Toter. Wie ein Zombie. Wie ein vom Leben Verlassener. Seine Augen waren leer und blutunterlaufen. Seine Haut glänzte blass in der Dunkelheit. Eine Millisekunde lang  erschrak Paul. Dann lächelte er. Nickte Chris zu und deutete ihm mit dem Kopf an, zum Eingang zu kommen. Chris bewegte sich nicht. Er stand nur da. Starrte durch die Scheibe. Seine Sarah an. Die mit Stevo und dem Fettsack Späßchen machte.  Paul zog die Augenbrauen zusammen und machte noch mehr Bewegungen mit seinem Kopf. Eine um die Aufmerksamkeit von Chris zu erregen. Zwei weitere die in Richtung Tür wiesen. Chris. Reagierte nur mit seinen Augen. Wie eine Puppe mit eingeschränkten Körperfunktionen sah er Paul an. Ohne seine Ausdruckslose Miene auch nur einen Moment zu verändern. Blinzelte. Und ging dann doch um den kleinen ehemaligen Dönerladen herum zur Eingangstüre. Zufälligerweise standen im gleichen Moment Fettsack und Sarah auf.

„Los Paul, komm mit. Wir gehen nach oben“, grinste ihn der Fettsack an.

„Äh… Ja klar. Du. Chris ist da draußen.“ Er nickte den Blick von Fettsack zur Eingangstür, wo Chris neben dem Türsteher stand, der sich noch nicht entschieden hatte ihn passieren zu lassen. Schließlich war Chris Pauls Freund. Nicht der von seinem Chef. Der Fettsack zuckte nur mit seinen Schultern: „Auf den habe ich heute keinen Bock.“ Schüttelte den Kopf in Richtung Torwächter und ging in den Backstage-Bereich. Damit hatte Paul nicht gerechnet. Es war fast logisch zu Chris zu gehen und den Fettsack zurückzulassen. Dafür sprach schon Pauls Gerechtigkeitsempfinden. Was war denn schon dabei den Chris hier rein zu lassen? Was soll denn jetzt dieser Unsinn. Er auf die Ausgangstüre zu, wollte hinaus zu seinem Freund. Um lieber draußen bei den Ausgeschlossenen zu sein, als drinnen bei den Möchtegern-Coolen. Hätte ihn da Sarah nicht am Arm berührt und gesagt: „Komm. Lass uns hochgehen.“ Was ausreichte um Chris zu vergessen und mit Sarah und Fettsack nach oben zu gehen. Sarah war wunderschön heute. Das Kokain in ihrer Nase machte sie nur noch zauberha

Absolution – 3 – Verliebt in Sarah

Paul folgte seinem Freund Chris. Sie wanden sich wie zwei Schlangen ihre Bahn an den stehenden oder tanzenden Leuten vorbei. Paul folgte Chris. Denn er war viel zu druff um die Initiative zu ergreifen. Er traute sich aus einem natürlichen, inneren Bedürfnis heraus nicht einmal die anderen Club-Besucher auch nur mit seinem Körper zu streifen. So zart fühlte sich seine berauschte Seele an. Die Misubishis hatten ihn ganz „gentle“ gemacht.

An der breiten und langen Club-Bar waren ein Bestell- und ein Anlehnplatz frei. Paul lehnte sich erschöpft beseelt an. Chris bestellte die Getränke. Irgendwie schien Chris alles zu machen. Immer. Die ganze Zeit. Dabei und vielleicht gerade deswegen bekam er nicht den Respekt den er dafür verdient hätte. Merkwürdig. Dass das Nichts-Tun für andere mehr Respekt auslösen kann, als sich selbst hinzugeben. Das Bier das Chris Paul reichte war super kalt und von Wasser beschlagen, so als ob der Barkeeper direkt in eine Fernsehwerbung gegriffen hätte um es dann Chris zu geben. Dieses Bier. War in diesem Moment. Das beste Getränk der ganzen Welt. Paul war Chris unendlich dankbar dafür. Doch Chris wollte auch etwas für sein Geschenk. Etwas ungleich wertvolleres: Chris wollte das Paul zuhörte. „Zuhören“ ist kostbarer als „Sprechen“.

So hörte Paul Chris Worten zu. Die nicht gerade eine große Überraschung verbargen. Denn Chris war verliebt in Sarah. Genau. In die Sarah. Die Schönheit ihres Clans. Die Frau. Die so fantastisch aussah, dass sie mit ihrem Aussehen jede Club-Tür für sie öffnen konnte.

Sarah war der mächtigste Mensch den Paul kannte. Das war schon immer so gewesen. Sarah hatte diese Macht, diese Aura, die die Welt um sie herum krümmt. Die sie in diesem ganz besonderen Licht darstellte. Sarah war schön, wenn nicht fast perfekt. Sarah war das Schönheitsideal. Nicht eines dieser Schönheitsideale, die sich im Laufe der Jahrzehnte ändern, so wie es sich von großen Brüsten und breiteren, „weiblicheren“ Hüften zu schlanker Taille, breiten Wangenknochen und Laufstegsehnigen Schultern entwickelt. Nein. Sarah würde immer als Schönheit betrachtet werden, vielleicht mal mehr oder weniger. Aber ihre Schönheit würde die Jahrhunderte überstehen, ganz egal wie der Feminismus auch abgehen würde: Ihre fantastische Äußerlichkeit würde sie immer objektifizieren.

Das war schon in ihrer Kindheit so gewesen, in ihrer Jugend, sowie auch zu diesem Zeitpunkt im Club, wo sie eine Frau in der zweiten Hälfte der 20ger war. Nur war sie ebenso verloren an das Märchen von Peter Pan, wie es die „verlorenen Jungs“ in der Geschichte waren. Sarah war nicht Wendy. Denn Wendy hat Peter Pan nie geliebt…

Sarah wollte nie erwachsen werden. Und ihr unbedingter Wille Spaß zu haben, machte aus ihr eine sehnige, blonde Drogenschönheit, ohne Kinder, ohne festen Mann und obwohl sie einen hatte, doch nie zu jemanden mit festen Wohnsitz. Sarah war wie ein Groupie der Rolling Stones: Seit einer Ewigkeit on Tour. Bis die Tour der Lebensinhalt wird.

 

Sie wollte immer nur Spaß haben, so wie alle das wollen, und was spräche schon dagegen? Nur wenn einem durch das Aussehen alle Türen offenstehen und man überall in dunklere und hellere Ecken vordringen kann, verändert das einen. Die Macht wird zu einer Natürlichkeit. Und plötzlich wird man von seiner Umgebung „leicht“ genannt. So werden Menschen schnell beurteilt, die leicht im Leben voran kommen. Die Dinge geschenkt bekommen weil sie etwas ausstrahlen. Weil sie etwas bekommen können, was für uns unerreichbar ist. Sie werden zu „leichten Frauen“, da es für uns so unfassbar schwer erscheint, das Gleiche zu bekommen. Und ganz egal ob das stimmt oder nicht, solche Behauptungen können zu Prophezeiungen werden, denen wir nicht entkommen können.  Nur fragt hinterher niemand, ob zuvor die Henne oder da Ei da war. Später, war Sarah immer so gewesen.

 

Getuschelt wurde schon früh. Das ist die Kehrseite der Schönheit. Sie nennt sich „Phantasie“. Denn wer so aussieht, bei dem stellen sich die Jungs und besonders die Mädchen, alles vor. Ihr Urteil ist ebenso klar, wie vernichtend es ist. Sarah war für ihr Umfeld immer wie eine Griechische Göttin: Makellos und doch menschlich.  Viel zu menschlich. Personifiziert. Besonders wenn man ein Mädchen ist, das gerne Lacht. Und mit den „bösen Jungs“ (die wie immer nur die ein wenig „älteren Jungs“ waren, sich aber ganz böse fühlten und gaben) mitgeht. Die Phantasie der anderen machte Sarah zu dem, was sie noch gar nicht war. Das fing klein an.

Sarah war die Erste, die Jungs auf den Mund küsste. Sie war die Erste, die mit Zunge küsste. Und selbstverständlich war sie die Erste, die ihn in den Mund nahm.

 

Nicht dass Sarah selbst solche Geschichten über sich erzählte. Nein. Auf jeden Fall nicht zu Anfang. Aber was soll ein Kerl der mit so einer klassischen Schönheit intim wird, denn anderes erzählen? Der blöde Kerl muss die Schönheit auf sein Niveau herunterziehen. Er muss sie beschmutzen um in ihrem Licht nicht zu verglühen. So wurde geredet. Nach und nach. Mehr und mehr. Und irgendwann dachte sich unsere Sarah, dass wenn sie schon von keinem mehr als Heilige betrachtet wird, sie auch keine sein muss. Sie wollte Spaß haben, sich amüsieren und was sprach dagegen? War es denn wirklich so eine Bürde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen? Sarah war nicht dumm. Kein Mensch ist wirklich dumm. Und nur ein anderes Weltbild als andere zu haben, macht dich nicht zu einer dummen Schlampe. Das sagen nur Leute, die neidisch sind, die sich einer komischen Moral unterwerfen, weil sie innerlich hässlicher sind als in ihrem durchschnittlichen Äußeren. Manche Leute wollen dich einfach nur mit Dreck bewerfen, um dich auf ihr Niveau herunterzuziehen.

 

Es ist  nicht leicht eine Schönheit unter den Gewöhnlichen zu sein. Es ist nicht leicht von jedem angestarrt und reduziert zu werden. Da spielt es auch keine Rolle ob man die Situation einfach als leicht und gegeben betrachtet, ob man über sie hinweg lächelt. Was einem auch wieder als gewisse „Begrenztheit“ ausgelegt wird. Schöne Menschen tun sich viel schwerer gemocht und als „authentisch“ betrachtet zu werden, als der Durchschnitt. Schönheit hat immer auch den Ruf der Falschheit. Und der Stumpfheit. Das mag sogar stimmen, nur liegt diese „Falschheit“ nicht in der DNA der Schönheit begraben. Die „Falschheit“ liegt darin, dass man das Richtige im Falschen ist. Die Perle im Durchschnitt. Und so wird eine Perle vom Pöbel gerne aus Unwissenheit und Verachtung als „Fälschung“ deklariert und deklassiert, ohne dass sie sich überhaupt die Mühe machen sie wirklich anzusehen. Es ist leicht darüber zu urteilen, was man niemals haben wird.

Deswegen mochte Sarah die Partydrogen. Nicht weil die Männer auf Drogen nicht weniger geil oder die Frauen auch nur ansatzweise weniger schnippisch und neidisch wären. Aber auf Drogen ist ab einem gewissen Punkt eh alles egal. Irgendwann kippt die Stimmung, alle fühlen sich gleich. Auf einer Situation unter Drogen, kann sich selbst eine Schönheit mit einem Normalo richtig normal unterhalten. Die Blödheits-Urteils-Schranke zwischen einander ist weg. Und du bist nur der, der du bist. Nicht einmal mehr Frau oder Mann. Es sind nur zwei Menschen die sich unterhalten. Die miteinander tanzen, rauchen, trinken… Es mag sein dass die Drogen Sarah nicht schöner machten, sie erlösten sie aber auch von ihrer Schönheit. Sie machte sie menschlich. Für sich und für andere. Wenigstens für eine gewisse Zeit. Bis zu der Zeit, in der das Herz eines Freundes auf sie aufmerksam wurde.

Chris sah in ihr nicht dass was die Leute über sie erzählen. Nicht einmal dass, was er über sie wusste. Chris sah nur die Göttin in ihr. Und das war es was er Paul erzählte. Der da so lehnte. Und nur zuhörte und doch gleich wieder vergas. Der das alles total schön fand was sein Freund ihm da erzählte – die Tablette wirkte immer stärker in ihm, anstelle an Kraft zu verlieren – und dabei doch sehr tragisch. Sarah. War einfach nicht die Liga von Chris. Im Guten wie im Schlechten. Und das Schlimme daran war, das Chris das wusste. Chris war bewusst, dass das Leben kein „romantische Komödie“ war, in der der Held irgendwann alle Grenzen überwindet. Ganz sicher war Chris auch kein Held.