Der größte Lottogewinn aller Zeiten

800 Millionen Euro. Das ist doch schon gar keine Zahl mehr. Wer könnte dazu noch VERMÖGEN sagen? 800 Millionen Euro zu besitzen bedeutet unermesslichen Reichtum. Um diese Zahl darzustellen, muss man schon den Taschenspielertrick des „comic relief“ anwenden: Nur vielleicht Dagobert Duck hat so viel Geld in seinen Geldspeicher. Wobei. Ich könnte nicht einmal mehr sagen ob es diesen Geldspeicher in den Comics noch gibt. In meiner Kindheit gab es ihn. Und schon damals war der Umstand seiner Existenz so pervers, dass es mir als Knabe die Nächte zerstörte: Reichtum, unendlicher Reichtum; war das denn nicht das bessere Leben? Geld war in meiner Kindheit in den 80gern dass, was Harry Potters Zauberkräfte meiner Nachfolgergeneration versprach. UNENDLICHE MÖGLICHKEITEN. Dabei wusste ich noch gar nicht, was Arbeit ist. Wie schwer, nein, wie UNMÖGLICH es ist mit ehrlicher Arbeit so unermesslich viel Geld zu verdienen.  Nicht einmal mit Drogen kann ein normaler Mensch so unzählbar viel Geld machen. Nicht einmal Walter White hätte das vermocht. Doch ich hatte sie. 800 Millionen Euro. Der größte Lotterie-Jackpot, der jemals in Europa ausgeschüttet wurde.

Bis dahin hatte ich noch nicht einmal 100 Euro gewonnen. Und dann BÄM! So unglaublich viel Geld. Wären es nur 5 Millionen gewesen, wäre ich wahrscheinlich nicht sofort durchgedreht. Meinen Job hätte ich selbstverständlich genauso im Handumdrehen gekündigt. Denn auch wenn 5 Millionen Euro nicht den Wert besitzen, den einmal 5 Millionen Mark hatten, ist es immer noch eine sehr stolze Summe. Eine Million dagegen reicht nicht um nie wieder arbeiten zu müssen… Nicht mehr heutzutage… Für 800 Millionen dagegen kannst du dir 5 verschiedene Leben kaufen. Also kündigte ich den beknackten Job. Wer hätte das nicht getan? Dann verschenkte ich erst einmal Geld. Jeder aus meiner Familie bekam eine Million. Denn zum Glück habe ich eine sehr kleine Familie. Dann plante ich mit meiner Freundin die Weltreise, die wir antreten wollten, sobald alle Formalitäten erledigt seien. Ich liebte meine Freundin. Ich kannte sie seit 15 Jahren. 10 Jahre davon waren wir ein Paar. Die Hochzeit war für nächstes Jahr angesetzt. Ich hätte mir nie vorstellen können, eine andere zu lieben. Doch… Als ich mich durch das Internet scrollte wie ein Jugendlicher durch Internet-Pornografie und plötzlich all die Möglichkeiten begriff, die mir so viel Geld ermöglichte, kamen mir mehr als nur ZWEIFEL. Ja, sie ist eine gute und ehrliche Frau. Klug. Witzig. Ehrlich. Jeder mag sie. Jedoch… Inzwischen ist sie nun auch Mitte 30… Und da waren all diese jungen Thailänderinnen auf den Seiten der Reiseanbieter… Werbeanzeigen mit geilen Modell-Schnitten wie Cara Delevingne, die mir aufreizenden zulächelten… Und wenn wir nächstes Jahr heiraten würden, was war dann mit MEINEM Vermögen? War meine Freundin nicht zu klein geworden für diese große Welt die sich mich erbot? Konnte ich jetzt denn nicht jede Frau haben? Okay, vielleicht würde ich eines Tages bereuen, aber: So what?! Ich hatte verschissene 800 Millionen Euro! Ich war Dagobert Duck, nur mit einem Penis! Und auch als ich feststellte, dass Cara Delevingne lesbisch war, schränkte das meinen Höhenflug nicht ein. Ich konnte ALLES haben. ALLES. Später würde ich dann sicherlich auch noch was für die armen Kinder in Afrika spenden… Am besten für das Operndorf. Schliengensief muss man einfach mögen.

Es war jetzt sicherlich nicht die beste Entscheidung, sich auf der gerade begonnenen Kreuzfahrt von meiner Freundin zu trennen. Schließlich kann man auf so einem Schiff dem Partner nur semigut entkommen. Jedoch hatte sie darauf bestanden mit so einer öden Kreuzfahrt zu beginnen. Und ich war betrunken gewesen. Sagen denn Betrunkene nicht gern die Wahrheit? Das eigentliche Problem war nun gar nicht die Kreuzfahrt. Das Problem war, WARUM wir sie so sehr auf eine Kreuzfahrt bestanden hatte: Die Kreuzfahrt war der Hauptgewinn.

Einen Tag nachdem ich meine ehemals große Liebe Sabine in den Wind der Südsee geschossen hatte und ich insgeheim hartnäckig davon träumte mit meinen 800 Millionen Cara Delevingne doch noch hetero zu machen, löste der Moderator die Geschichte auf. Tatsächlich hatte ich mich einmal für eine Fernsehshow beworben. Und ja. Irgendwelche Papiere waren damals auf einem Tablet unterschrieben worden. Nur hatte ich nie wieder etwas von der Show gehört. Bis jetzt. Bis jetzt als der Moderator Mark Kafka aus einer Torte sprang und meinem verdutztem Gesicht erklärte, dass es keinen Lottogewinn gab. Es existierten keine 800 Millionen. Das Ganze war nur Show gewesen. Eine Game- und Verarschungsshow. Nur die Kreuzfahrt war real. 2 Wochen würde sie andauern. Mein ehemaliger Chef wurde über Skype zugeschaltet. Er erklärte lachend, dass er den Spaß gern mitgemacht hätte. Mein Job würde zuhause auf mich warten. Das mit dem Urlaub hatte die TV-Produktionsfirma schon vor Monaten mit ihm geklärt.  Auch meine Familie erklärte mir via Skype, was ich doch für ein edler Spender war. Blieb nur noch Sabine. Sabine. Meine große Liebe, die in alles eingeweiht gewesen war. Sabine, die schon immer einmal eine Kreuzfahrt machen wollte… Sie war sich meiner so sicher gewesen. Und jetzt war sie es, die sich meiner vor laufenden Kameras entledigte.

Rechtlich konnte ich nichts gegen die Farce unternehmen. Nur warnen. Ich versuchte alle anderen Menschen vor diesen Betrügern zu warnen. Die dir die Liebe deines Lebens wegnehmen, während sie dir deinen alten Job zurück geben… Ich bin so einsam ohne Sabine. Sie war wirklich die Liebe meines Lebens. Nur kann sie mir nicht mehr verzeihen… Warum versteht sie nicht wie krank mich diese Summe gemacht hatte? 800 Millionen Euro. Der größte Lottogewinn aller Zeiten. Könnte sie mir denn nicht, wenn sie mich wirklich lieben würde, verzeihen? Hatte sie die Aussicht auf die Kreuzfahrt, ebenfalls blind gemacht?

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Absolution 44 – Liebe hat nichts damit zu tun

„Ende gut. Alles gut“, sprach Paul wortwörtlich in sich hinein. Pflichtbewusst und pünktlich wie immer stand die Sonne am Himmel und schien auf all die glücklichen wie unglücklichen Ameisen auf den Planeten Erde hinab. Katha und Paul hatten zusammen gefrühstückt und auch das hatte gut funktioniert. Schließlich waren sie seit Jahren befreundet gewesen, bis diese Nacht unwiderruflich alles verändert hatte. Der gemeinsame, frisch aufgebrochene Alltag fühlte sich ebenso seltsam wie natürlich an.  Sie hatten die Semmeln mit Frauen-Brotaufstrichen beschmiert, dessen Geschmacksrichtungen ebenso fremd gewesen waren, wie die Topfpflanzen an Kathas Fenstern. Der Kaffee war ein wenig zu schwach, was in Ordnung war. Dabei tönte irgendein Radiosender aus der kleinen tragbaren Anlage. Auf eine seltsam lustige Art zauberte die Radiomusik die größte Verwunderung in Pauls Lachen: „Tatsächlich, ich höre Radio – und es gefällt mir.“ Er musste es nicht aussprechen. Katha kannte Pauls Verhältnis zur Radiomusik, die er immer als „Volksverblödung“ abgetan hatte. Nun nickte er lächelnd mit, während die Sonne ihre ersten Strahlen auf Kathas wunderschöne Erscheinung warf. Sie beobachtete ihn genau. Sah die Verwandlung einsetzen die sie für ihn geplant hatte und erfreute sich an ihrem „Freund“; was immer dieser Ausdruck im Deutschen bedeuten konnte.

Pauls Herz schlug spürbar locker und fröhlich vor sich. Er konnte sein eigenes Herz spüren, vor Freude. Ein Gefühl, das er kaum mehr kannte. Sein Herz war ihm bisher nur aufgefallen, wenn es unverhofft und unnatürlich in seinem Herzen vor sich hin stolperte, sich scheinbar überschlug. Die Frage ob er Katha gegenüber echte Liebe empfand, stellte sich nicht. Dafür war er viel zu heiter und ausgelassen. Die großen Fragen mussten warten und würden, der Methode der Erfahrung folgend, erst im Nachhinein beantwortet werden, wenn alles zu spät war. So. War es immer gewesen.

Als Paul seine Wohnungstür geschlossen hatte, überlegte er 5 Sekunden lang, wie der Tag weitergehen würde. Es war ein Sonntag und Katha hatte sich schon beim Frühstück entschuldigt, dass sie heute mit Familiendingen beschäftigt sein würde – am liebsten hätten sich die Beiden nach dem Frühstück gleich wieder zurück ins Bett verdrückt, um es nie wieder zu verlassen. Doch da das nach all den Jahren, die die Vorbereitung der Katha/Paul-Geschichte benötigt hatte, die vergangene Nacht nun doch mehr als überraschend doch zustande kam, mussten die Stelldicheins auf die kommende Woche verschoben werden. Paul hatte den Rest des Tages frei. Nur. Was machen „normale Menschen“ an einem freien Tag? Familie hatte er erst gesehen; und eh keine Lust drauf. Was mit Fettsack machen? Chris? Na ja. Wäre eine Möglichkeit. Aber. Irgendwie schien das eine zu darke und deepe Wendung genommen. Vielleicht sollte er die mal in Ruhe lassen.  Tatsache war: Paul hatte noch Amphetamine da. Einen guten Haufen sogar. Ganz sicher. Die Frage war nur, ob das jetzt überhaupt noch Sinn machte. Jetzt wo er im echten Leben das hatte, was er sich Jahrelang so gewünscht hatte…  

Der Kopf musste die Frage gar nicht beantworten. Pauls Körper lief wie ferngesteuert los und holte mit einem gekonnt blinden Griff sein Pep vom Küchenschrank. Ja. Ja. Das war ja alles ganz toll mit Katha. Er war so glücklich. Wahrscheinlich liebte er sie wirklich. Aber. Nur. Er war halt auch ganz gerne richtig gut drauf. Da musste er ehrlich zu sein selbst sein. Warum nicht einfach ein paar Lines platt machen und sich noch einmal in die letzte Nacht zurück träumen? Denn. Genau. Das würde er jetzt machen. In der Drogenerinnerung noch einmal seine Seele über Kathas Körper gleiten lassen. Im Rückspiegel noch einmal ganz nah bei ihr sein. So wie FRÜHER. Nichts da mit irgendwelchen Fantasy-Urvölkern. Das war doch nur ein hohler, blöder Ersatz für einen Mangel an Liebe gewesen. Jetzt musste er sich nicht mehr dorthin verabschieden. Denn nun war alles anders. Jetzt. War Katha. Okay. Penibel ausgedrückt war jetzt Drogenzeit. Nicht Katha. Mit Liebe hat das aber nichts zu tun. Dann saugte er gleich noch eine dritte Line in sich hinein. Sein Leben konnte gar nicht besser sein.

Absolution 43 – Die junge Christiane Paul

Katha lachte Paul an. Und die Welt lachte mit ihr.

Schon seit jeher hatte Kathas Äußeres Paul an die Schauspielerin „Christiane Paul“ erinnert. „Die junge Paul“, selbstverständlich nicht die alte. So ticken die Hormone. „Die junge Paul“ hatte es Paul seit jener Nacht angetan. Er hatte sie zufällig im Fernsehen gesehen, in jenen Tagen, als das Fernsehen für Pauls Generation noch existierte. Wie lange mochte das her sein? Fünf Jahre. Sechs Jahre. Eine Ewigkeit. Paul war ein noch junger Kerl gewesen, der es nicht nötig hatte sich vor dem Rechner in Träumen zu verlieren. Bestimmt würde der junge Paul, den alten verabscheuen, wenn er sein Schicksal antizipieren könnte.  

„Im Juli“ hieß der Spielfilm von Fathi Akin, in dem „die junge Paul“ und Moritz Bleibtreu einen Roadtrip nach Istanbul bewältigten, um nicht weniger als die Liebe zu finden. Der reale Paul hatte Katha gerade vor ein paar Stunden kennen gelernt gehabt und genau in dieser Nacht, in welcher dieser Film lief, kam er nachhause, was zu dieser Zeit noch das Haus seines Vaters war, und sah mit druffer, verliebt verschobener Optik „die junge knackige Paul“ aus dem Empfangsgerät lächeln. Nein. Strahlen. „Die junge Paul“ strahlte ihn aus dem Fernseher an – und Pauls Herz ging auf. Die Ähnlichkeit zu Katha schien ihm verblüffend, obwohl „die junge Paul“ in dem Film afrikanisch geflochtene Haar trug und ihre eindrucksvollen Titten doch ein wenig zu groß und saftig waren, um mit denen von Katha zu vergleichen gewesen wären. Tatsächlich war es der Körper der jungen Frau gewesen, welcher ihn nicht weiter durch das Programm zappen ließ. Gefangen nahm ihn letztendlich doch nur ihr Lächeln. Ihre Aura. Ihre einnehmende Ausstrahlung, die es Paul schon damals erschwerte, zwischen der echten Katha und der Schauspielerin zu unterscheiden. In diesem Moment, auf dem Sofa seines Vaters, wurde die Figur auf dem Bildschirm eins mit dem Mädchen, dass er gerade zum ersten Mal getroffen hatte. Fast automatisch spürte Paul eine ungeheure Verliebtheit in sich, die weit über die Banalität des Sexes hinausging. Ob das die Drogen waren? Oder ein Fingerzeig einer höheren Instanz? Nun. Das spielte jetzt keine Rolle. Ebenso, wie es in Zukunft keine Rolle spielen würde. „Die junge Paul“ im Film lächelte weiter. Sie wuchs im Film vor Pauls Augen zu einer Über-Frau heran. Nicht weil sie eine „Sex-Bombe“ war. Es war ihr offenes Schauspiel ohne Visier, dieser Blick, der gleichzeitig Mut und Verletzlichkeit ausstrahlte. Sie wirkte kokett devot, obwohl sie doch in jeder Situation die Zügel über den weiteren Filmverlauf in der Hand hielt… Sie war mehr Frau, als jegliche kalte Hollywood-Schauspielerin, die Paul jemals in der Flimmerkiste gesehen hatte. Sie war so, wie sich Paul eine komplette Frau vorstellte. Eine komplette Persönlichkeit, nicht nur ein lächerlich überzeichnetes Idealbild einer Frau. Sie war ein junges Mädchen und eine erwachsene Frau in einer Erscheinung. Und. Sie war auch Katha… Und Katha war „die Paul“.  

Der Name des Regisseurs war „Faith“ was so viel bedeutete wie Schicksal. Der Name des Hauptdarstellers „Bleibtreu“… Wie konnte der Film kein Zeichen sein? Selbst als Paul einige Monate später feststellen musste, dass der Name des Regisseurs keineswegs „Faith“ sondern „Fathi“ lautete. Nur spielte dieser Umstand schon lange keine Rolle mehr… Nun schon gar nicht mehr. Seine „junge Paul“ lag verschmitzt lächelnd in seinen Armen. Und Paul war am Ende seiner Reise angekommen. Hier dürfte Pauls Film nun enden. Katha und Paul lächeln sich verliebt an, während die Kamera Abschied nimmt. Abblende.

Urlaub in Japan

Am Ende siegt die Menschlichkeit.

Am Anfang waren wir überfordert durch die Wucht, mit der uns die größte Stadt der Welt traf. Gegen Tokyo (ich bevorzuge die Internationale Schreibweise) ist Berlin eine Kleinstadt – und Augsburg ein Einfamilienhaus. Als Deutscher ist man beeindruckt von der Skyline Frankfurts. Im globalen Bezug zur Megastadt Tokyo ist das mehr als süß. Egal an welchem Punkt und auf welcher Linie der Metro wir auch ausstiegen: Hochhaus um Hochhaus um Hochhaus. Eine Stadt wie ein Mond aus Stahl und Zement. Fast nirgendwo sind Tiere zu sehen; die Kinder fotografierten die seltenen Tauben auf der Straße. Nicht einmal Insekten haben wir gesehen. Eine Asphalt gewordene Dystopie der Urbanisierung. Dies war unser erster Eindruck, am ersten Tag, an dem wir tatsächlich von einem leichten Erdbeben geweckt wurden.

Die Japaner bevölkern diesen Moloch, der dich einsaugt und verschluckt wie ein Golem, wie eine Herde emsiger Ameisen. Sie wuseln überall in Horden umher und wirken dabei nur für das uninteressierte Auge unorganisiert. Jeder schein seinen Platz zu haben in diesem Gefüge, in dem – ganz Shintoismus –  jeder auf alles Acht gibt, in dem wir alle Teil von etwas ganz Großen sind. Und doch: Nur ein unwichtiges Detail, ohne dass das große Ganze ohne Verdauungsbeschwerden weiter existieren könnte. Die Tokyoter erschienen uns die ersten Tage als sehr einsame Wesen, wie (mir fällt kein besserer Vergleich ein) die „Stachelschweine“ in Schopenhauers berühmter Erzählung, in welchem die Tiere nur durch ihre distanzierte Nähe auf Distanz überleben können. Das war beeindruckend und erschreckend zu gleich. Diese unglaublich höflichen Menschen, die sich niemals unentschuldigt, wenn auch nur aus Unachtsamkeit, gegenseitig an den Schultern treffen können –  und dabei und vielleicht gerade wegen ihrer sozialen Möglichkeiten so unnahbar wirkten. Tatsächlich: Höflichkeit kann auch ein Schutzschild gegen zu viel Intimität sein.

Auf ewig hat sich für mich der Moment in meinen Kopf eingebrannt, als wir an einer Kreuzung in Yotsuya standen, meine Frau und ich, und wir, ganz normal europäisch ausgelassen miteinander redeten. Bis wir. Die Stille hörten. Umgeben von vielleicht tausend Menschen bemerkten wir wie ein im eigenen Leib rumpelndes Herz, dass niemand außer uns Worte an jemand anderen richtete. Während die Motoren der Automatik- und Electroautos schwiegen. Totenstillen in der 31 Millionenstadt. Wir konnten den seichten Wind hören, den man in einer normalen Großstadt höchsten unbewusst auf der Haut spürt. Nur unterbrochen von dem lächerlich lauten Geklacker eines voll funktionstüchtigen Fahrrads, welches über den Fahrradweg an uns vorbei zog. Die Ampeln sprangen auf Grün. Und der Herzschlag der Megacity nahm wieder seinen normalen Rhythmus auf. Meine Frau und ich sahen uns an. Gänsehaut. Was war denn hier gerade passiert?

Den Kulturschock schüttelten wir zum Glück recht schnell ab. Auslöser dafür war eine Filmreife-Szene, als wir oben im 52ten Stock des Hyatt-Hotels, in der New York Bar, in welcher auch große Teile des Filmes „Lost in Translation“ gedreht wurden, unsere Ehrfurcht der Stadt gegenüber verloren. Die Bar mit ihrem westlichen Ambiente verhielt sich indirekt proportional zum dem unfassbaren Ausblick, der sich von dort oben über das nächtlich leuchtende Tokyo bot. Von hier oben sah die unendliche Stadt aus, als wäre sie aus der berühmten Flugszene von „Blade Runner“ entsprungen. Ein filmreifer „Boah“-Moment, der uns ironischerweise stark erdete. Unbewusst erfüllte in diesem Augenblick die Kunst ihre eigentliche Aufgabe, dem Betrachter die Wirklichkeit besser zu erklären. Und wir stießen auf die unbändige Gier diese Stadt zu erkunden. Ein Teil von ihr zu werden. Außerdem war es Nacht. Und nachts ist Tokyo ein ganz anderer Ort als Tagsüber. Denn nachts findet der Tokyioter sein Lachen wieder.

Die bisher von ihrer Umwelt isoliert wirkenden Japaner erwiesen sich nicht nur als höfliche, sondern auch als sehr freundliche und gefühlsoffene Menschen, die alles dafür taten, um sich mit ihrem Gegenüber auseinander zu setzen; um sich mit ihm anzufreunden. Man muss die Leute nur freundlich ansprechen. Alle freuten sich darüber. Sei es in den kleinen Bars und Gassen von „Golden Gai“, in der größten Show der Welt im Nebenblitzlicht-Gedonner des „Robot Restaurants“, in der VR-Zone Shinjuku, als ich mit 7 Japanern in einer virtuellen Schießerei 4 gegen 4 spielte (und ich kein Wort von ihrem grauenvollen Englisch verstand), oder nach dem unglaublichen unjapanischen Geschiebe und Gedränge im Womb-Club zum DJ-Set von Diplo, als wir total erledigt unten auf dem 2ten Floor chillten. Jede/r freute sich über ein normales Gespräch mit Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis kamen. Als fast zwei Meter großer Blonder mit blauen Augen stach ich zwangsläufig hervor. Berührungsprobleme gab es dennoch keine.

Später in Kyoto schon gar nicht mehr. Endlich entkommen aus der Megastadt an einem Ort, an dem Japaner Urlaub machen. Wo sich Schrein an Tempel, und der Kraiser-Palast an die unglaubliche Bergkulisse reiht. Als echter Bayer erklärte ich später meinen Freunden und Arbeitskollegen auf die Frage hin, wie schön es in Kyoto sei, meinen Eindruck mit einer kleinen Metapher: „Schloss Neuschwanstein schön“. Und jeder insgeheim auf das Märchen-Schloss stolze Bayer antwortete fasziniert: „Wirklich?“ Ja. Wirklich. Kyoto muss man gesehen haben. Und die unglaubliche Färbung der Bäume im Herbst muss man (Entschuldigung) erlebt haben.

Am Ende freute ich mit wieder nach Tokyo zurück zu kommen. Das Manga-Viertel Akihabara. Die verrückte Einkaufsmeile in Harajuku. Beides Orte in denen die Japaner die Möglichkeit finden, aus denen sich selbst auferlegten Konventionen auszubrechen. Denn die bunte Manga-Welt, für die, die Japaner in der ganzen Welt berühmt sind, wird nur von den Allerwenigsten öffentlich ausgelebt. Auch dort ist Manga-Welt eine pure Phantasiewelt, in der sich die Menschen vor dem tristen Alltag flüchten. Als Tourist sind diese Orte dennoch sehr unterhaltsam zu sehen. Nicht nur wegen Manga und Anime. Sondern auch wegen ihren verrückten Cafés, in denen man mit z.B. Katzen, Eulen und Igeln entspannen kann.

Was von diesem Trip nach Japan in Erinnerung bleibt sind für mich aber nicht die traditionellen Sehenswürdigkeiten oder das verrückte Neon-Doppelleben der Japaner. Nicht einmal die Schönheit der Natur. Nein. Tatsächlich ist es die Menschlichkeit und die Freude am leicht versetzten Blick auf die Welt des anderen, der mir in Erinnerung bleiben wird. Kein BESSERES Leben, wie man in Deutschland oder in Bayern gerne wertet. Sondern einfach nur ein wenig anders. Nicht richtiger oder falscher. Auf kein Weise. Diese Erkenntnis wird in mir länger überdauern, als jeder tolle Schrein den ich gesehen habe. Die Menschen hinter den Monumenten.

Das übersteigerte Bewusstsein der Menschen

Beim Frühstück im Urlaub mit Ei im Mund kann man sich die wunderbarsten Fragen stellen. Schön, wenn man zu viel Zeit hat. Ein Zustand, den ich mir selbst selten zugestehe. Dumm wie ich bin. Gerade poppte die Frage in mir auf, weshalb der Mensch beim Sex Lust empfindet. Würde der Mensch keine Lust beim Sex empfinden, hätten wir sehr viele Probleme auf dem Planeten weniger. Es gäbe nicht nur weniger Kriege auf dem Planeten (spontan muss ich da an die alten Griechen denken: Paris, der mit Helena durchbrennt – zum Thema Liebe kommen wir später – worauf das Resultat Krieg ist) auch die Pubertät wäre viel leichter zu ertragen usw. usf.

Die Lust wurde in vergangenen Zeiten oft als „viehisch“ bezeichnet, was für mein Befinden totaler Unsinn ist. Sexuell erfüllt sieht ein Fisch beim Laichen nicht aus. Zugvögel pimpern auch nicht unkontrolliert voller Lust in der Gegend herum, sie warten viel mehr auf die richtigen Umstände um eine Nachkommenschaft zu gründen. Und auch bei den Säugetieren wird nicht jeden Tag gevögelt bis zum geht nicht mehr. Die Tiere ficken eigentlich mit viel mehr Vernunft als wir Menschen, unsere Art, die mindestens ein Jahrzehnt im Leben extrem, wenn nicht gar ein ganzes Leben lang auf Sex fixiert ist. Ich hab auch nie davon gehört (wie immer kann ich gerne darüber berichtigt werden), dass sich Affen oder Löwen stundenlang zum Kuscheln und tagelangen Ficken irgendwo verstecken würden. Klar. Der Affe verhält sich ähnlich wie der Mensch (oder war es umgekehrt?), jedoch bei weitem nicht so extrem.

Zusammengefasst: Extremer Sex und Perversionen (gibt es die heute überhaupt noch in unserer hyperliberalen Gesellschaft?) sind typisch menschliche Eigenschaften. Niemand lebt und empfindet seine Lust so sehr wie wir.

Bei unserer Gattung wird gerne mit der Vernunft argumentiert. Wir Menschen sind die Vernunftgesteuerten, die ein Bewusstsein über ihr Tun besitzen. Was richtig ist. Bewusstsein ist genau dass, was uns vom Tier unterscheidet. Aber macht uns das per se vernünftiger? Es ist ein alter Hut wenn ich jetzt mit der Zerstörung unseres Lebensraumes komme (was ich an dieser Stelle leider muss), so wie all den unvernünftigen Entscheidungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens trifft, sei es nun Selbstzerstörung (Rauchen, Trinken, Drogen, usw.) oder Selbstvernachlässigung (falsche Ernährung, falsche Entscheidungen usw.). Zwar können wir auch Flugzeuge und Smartphones bauen. Aber der Mensch ist nicht von seinen Grundzügen aus vernünftig. Er ist vernünftig genug um durch den Alltag zu kommen und viel zu alt zu werden. Dabei kann er aber auch gleichzeitig höchst unvernünftig agieren. Eben. Weil der Mensch bei „Bewusstsein“ ist (was auch immer das bedeuten soll). Der Mensch ist sich nämlich nicht nur dessen bewusst, dass er tot ist wenn er von einem Auto überfahren wird. Er ist sich auch dessen bewusst, wie viel Spaß es macht schnell Auto zu fahren oder viel Sex mit vielen verschiedenen Partnern zu haben; zwei Punkte, die gute Beispiele dafür sind, wie der Mensch sich selbst schadet und seine Art zerstört. Der Mensch hat ein übersteigertes Bewusstsein entwickelt, dass ihm bestimmte Dinge wichtiger erscheinen, als im Einklang mit sich und seinem Planeten zu leben. Dabei ist noch kein einziger Mensch außerhalb des Planeten gestorben (höchstens vlt noch in dessen Atmosphäre). Das ist von einem vernünftigen Standpunkt ausgesehen gelebter Wahnsinn. Ebenso ist der Humanismus den ich vertrete, gelebter Wahnsinn. Es gibt nun einmal viel zu viele Menschen, die nicht mehr im Einklang mit der Natur leben – eigentlich fast alle. Wäre es da nicht vernünftiger Milliarden von ihnen zu vernichten um die Menschheit an sich zu retten? Wäre es nicht am Klügsten vor allem alle „erste Welt-Menschen“ auszurotten, da wir maßgeblich an der Vernichtung unseres Lebensraumes beteiligt sind? Sind wir denn nicht die eigentlichen Wilden, die ihr Leben wie wild und ohne Rücksicht auf Verluste führen? Gehören denn nicht gerade die Deutschen ausgerottet? (Hier: gewollte Provokation).

Das Problem mit dem menschlichen Bewusstsein ist halt leider, dass sich unser Bewusstsein nur auf die Gegenwart bezieht. Wir können nur agieren, wie wir jetzt agieren. Natürlich können wir uns Dinge vornehmen, scheitern aber meistens doch ziemlich schnell an der Feststellung, dass es anders oft sehr viel leichter ist. Nämlich in dem wir bewusst auf die Zukunft scheißen. Jetzt geht es mir doch bewusst gut, was sollte mich die Zukunft interessieren? Oder was juckt es mich was woanders auf dem Planeten geschieht? Bewusstsein ist immer mit Ort und Gegenwart verbunden. Und ja, wir können lernen dieses Bewusstsein an einer höhere Vernunft anzukoppeln, um so unseren Lebensstil zu ändern (ähnlich wie wir uns die Regeln des Straßenverkehrs als göttliche Gebote eingeprägt haben), nur leider geht vorher alles den Bach runter, bevor wir unser Bewusstsein maßgeblich der veränderten Lebenslage angepasst haben. Das Umlernen dauert einfach zu lange.

Unser Bewusstsein ist also eine unfertige Sache. Ebenso wie unsere Vernunft. Und wir bilden uns so viel darauf ein. Dabei müssen wir nur einen scharfen Traummann/frau sehen, um unser ganzes Leben in Frage zu stellen. Oder nur ein Kind auf die Welt bringen. Um sämtliche Liebe die wir haben auf das Kind zu fokussieren – um ab diesem Zeit in den meisten Fällen alle andere Menschen als Untermenschen und weniger wichtig zu erachten.

Liebe ist nicht nur unsere Antriebsfeder. Liebe tötet uns.

Da ist ja auch das Geile: Wir Menschen sind bipolare Wahnsinnige, die auch noch stolz darauf sind und uns für sehr vernünftig halten. Selbst wenn die Lust unser Leben bestimmt. Nicht immer. Oft aber in den entscheidenden Momenten. 

Wir brauchen. Eine neue Form von Vernunft.

Dafür stehe ich hier mit meinem Namen.

Absolution – 32 – Gehen wir noch zu dir?

Sie verließen den Club nicht allzu spät (4 Uhr morgens) und fuhren mit der Bahn zurück. Katha und Paul taten so, als wären sie normale Freunde, während Sarah sichtlich von Miguels Annäherungsversuchen genervt war. Miguel erzählte ständig Geschichten um irgendwie doch noch interessant auf Sarah zu wirken, auch wenn seine Erzählungen an Belanglosigkeiten kaum zu überbieten waren; nur die über Story einer ihm bekannten Lesbe fand echten Anklang und Diskussionsbedarf. Die beschriebene Lesbe sei (laut Miguels dramatischer Darstellung, bei der er nicht aufhören konnte zu betonen, wie absolut wahr die Geschichte sei) ständig schwanger, da sie – Hölle Kleinstadt – ständig mit Typen ins Bett stieg, da es „auf dem Dorf“ keine LGBT-Szene gab, zu der sie sich zählen und von der sie zehren konnte.

Tatsächlich hasst sie Männer mit ihren dummen Schwänzen. Es ist eine megamiese und eklige Situation. Sie ist nur so einsam, dass sie dann doch jeden über sich drüber lässt“, erklärte Miguel Achselzuckend.

Das ist ja wohl das Dümmste was ich jemals gehört habe“, verdrehte Sarah ihre Augen.

Aber es ist wahr!“

Sarah weiter: „Du hast doch gar keine Ahnung wie sich eine lesbische Frau fühlt! Die würde doch niemals! Das ist doch lächerlich! Aus Einsamkeit!“
Katha seufzte: „Ich kann schon verstehen aus sexueller Not lesbisch zu werden.“ Sie lachte noch schnell ein wenig falsch ihrer Aussage hinterher.

Was weißt DU denn davon lesbisch zu sein?!“ ging Miguel Sarah an. „Die Story ist wahr!“

Das ist doch nur eine Männerphantasie!“ lachte Sarah Miguel aus und die Frauen lachten zusammen.

Vielleicht ist das ganze Leben nur einer Männerphantasie“, setzte Paul mit einem schiefen Lächeln hinzu. Worauf nun Miguel zu Lachen begann und Paul, der gar nicht verstehen konnte warum, High-Five geben wollte. Es war wie immer: Keiner verstand irgendwen und alle redeten aneinander vorbei.

Die Umarmung zwischen Katha und Paul war merkwürdig und schön zu gleich. Dann öffnete sich die Zugtüre, worauf Miguel und sie aus Pauls Blickfeld entschwanden. Paul glaubte noch, bevor sich die Türe mit dem typischen mechanischem Rucken schloss, zu hören, wie Miguel sagte: „Ich hab die Alte doch AUCH geknallt!“

Vielleicht. War auch das nur eine Einbildung gewesen.

Puh“, seufzte Paul. Das war ja irgendwie eher beschissen gelaufen.

Ja… Puh…“, meinte Sarah mich hochgezogener Augenbraue. „Du bist´n Idiot.“

Wieder sein schiefes Lächeln. „Ja… Das bin ich wohl…“

Weißt du noch als wir in Stuttgart waren? Bei Carl Cox?“

Klar weiß ich das. Der war suuuper.“

Genau. Was du aber nicht mitbekommen hast, war, dass Katha dich da schon die ganze Zeit wie blöde Angegraben hat.“

Echt? Ja… Ne… Das weiß ich nicht mehr… Das denkst du dir doch gerade aus… Das ist doch… Monate her…“
„Du Idiot. Ich saß hinter euch im Zug zurück, als Katha zu dir sagte, dass ihr zwei doch bestimmt noch zu dir gehen würden. Und du dann so (verstellte Männerstimme) WAS WOLLEN WIR DENN BEI MIR??!!! NENENE! ICH GEHE JETZT SCHÖN ALLEIN NACH HAUSE! ES REICHT JA WOHL LANGSAM MIT FEIERN!“

Wirklich?“ Ein kurzes, echtes Lachen. „Das habe ich überhaupt nicht überrissen…“

Weil du ein Idiot bist. (Pause) Weißt du. Katha ist ein zu gutes Mädchen als dass sie das verdient hätte… Und das wird sie auch nicht ewig mitmachen.“

Die Haltestelle kam und sie stiegen aus.

Du bist´n Idiot Fleming“, sagte Sarah noch während der Abschiedsumarmung. Als sie sich getrennt haben zuckte Paul wieder mit den Schultern: „Ich weiß…“
„Irgendwann wird sie weg sein. Du… Magst sie doch? Oder?…“

Ich mag sie sogar sehr.“

Dann hör auf so ein Idiot zu sein!“

Wirst du mich jetzt immer so nennen?“

Oh ja. So lange bis du die Sache hinbekommen hast. Und hör auf dich ständig zuhause einzusperren. Warum auch immer…“

Ich hab dich lieb.“

Fick dich Paul.“

Lachend und Kopfschüttelnd trennten sie sich.

Auf dem Nachhauseweg war Paul klar wie der Tag weitergehen würde. Der PC und das Speed warteten schon auf ihn. Und trotzdem war er fassungslos darüber, dass er die Avancen Kathas nicht gerafft hatte, sondern heute wie damals nur nach Hause wollte, um weiter in seine Träume zu fliehen. Träume von Katha. Träume von der Zukunft. Träume davon, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Nicht um des Sex willens.

Für die Liebe.

Auf gar keinen Fall würde er in die Welt der Ma-Fag zurückkehren. Für so einen Unsinn hatte er nun wirklich keine Zeit. Er musste sein Liebesleben auf die Reihe bekommen.

Nein. Sein ganzes Leben.

Absolution – 31 – Angst vor Frauen

11.

Katha, Sarah und Miguel entführten Paul ins „Abseits“, einen kleinen Club in Augsburg, den nur Eingeweihte kannten. Dort legte ein Bekannter von Miguel vor 20 anwesenden Besuchern auf, der sich (in Anspielung an den Weltbekannten DJ) „Dick-Son“ nannte. Die Vier hingen dort herum, gaben sich gegenseitig Getränke aus und Pauls Freunde stellten die gute Laune zur Schau, die Paul in dieser Zeitperiode der Übernächtigung und Erschöpfung vollkommen abging. Er war einfach zu platt und zu zerstört, dazu empfand er sich selbst als viel zu große Peinlichkeit, als dass er auf „gute Laune“ machen konnte. Zudem scheiterte jeder Versuch irgendwie „besonders“ auf Katha zu wirken. Es war wie verhext. Versuchte sie mit ihm zu Reden, ging ihm fast unverzüglich der Gesprächsstoff aus, viel zu groß war die übernächtigte, leer gewichste Ödnis in seinem Kopf. Machte er eine zweideutige, lieb oder erotisch gemeinte Anspielung (die er sich schwer aus dem Brachland seines Verstandes erkämpft hatte), kam er mit ihrer begeisterten Reaktion nicht klar. Tanzten sie zusammen, fühlte Paul sich lächerlich, wie ein Troll, der nur dämliche Gesten vollführte – am Liebsten wäre er einfach davon gelaufen – währenddessen Katha eisern an seiner Seite blieb. Katha wollte Paul. Was Paul absolut überforderte. Das Problem war eindeutig nicht, dass er Katha noch erobern müsste. Das Problem war viel mehr, dass Katha bereits (wie auch immer er das geschafft hatte) erobert war und Paul einfach nicht mit der Situation klar kam. Was für die meisten Männer ein Geschenk darstellt, erschien Paul in seinem gegenwärtigen Zustand als unlösbare Aufgabe. Er stand sich selbst im Weg. Die Wünsche der Drogen hatte ihn an diesen Punkt gebracht.

Und die Drogen retteten ihn.

Das Ecstasy entspannte sie. Und schon war es nichts besonderes mehr Katha in den Arm zu nehmen, und sogar auf einer abgelegenen, dunklen Bank mit ihr zu kuscheln. Das XTC half Paul über den Wahn und Paranoia hinweg, dass das Speed aufgebaut hatte. Alles schien gut. Alles erschien bereinigt. Der Bass wummerte über ihre Köpfe hinweg. Die Lichtorgel blitzte um ihre Köpfe. Ihr Lachen wurde zum Kettenbrief. Da war es wieder, dieses Gefühl von Freundschaft und Liebe, dass alles überdauern würde… Überdauern sollte. Überdauern müsste… Paul sah Katha verliebt an. Und sie ihn. Junge Menschen. Totally in Love zueinander. Vereint durch echten Gefühle ihrer Herzen, die in diesem Moment im Gleichtakt miteinander schlugen. Vereint durch die Funkenden Eruptionen, die nur die chemische Industrie garantieren kann. Sie sahen sich an und versanken ineinander. Einen Moment lang… Zwei Momente zu lange… Drei Momente zu lange… Und es geschah…

Er hätte einfach nur seinen Mund auf den ihren drücken müssen. Hätte einfach nur seine Zunge um ihre Tanzen lassen sollen. Er hätte einfach nur einen Moment keine Angst vor gar nichts haben müssen. Weder vor sich. Vor seinen Gefühlen. Vor Katha. Vor der Peinlichkeit. Seiner Unfähigkeit. Seiner Wahrheit… Paul hätte einfach nur dass tun müssen, wovon er so viele Nächte im Delirium geträumt hatte. Doch als die Momente zu lange anhielten – selbst auf dem Ecstasy, das Glücksmomente so unglaublich lang und schön bis ihn alle Momente zu dehnen vermag – war es vorbei. Paul lächelte schief. Fragte Katha nur, ob sie nicht Tanzen wolle, worauf die Enttäuschung in ihren Augen aufblitze, gleich einem Erdloch, dass plötzlich und von keinem Wissenschaftler vorhergesehen eine ganze Kleinstadt verschluckt und erledigt, gleich einem Arzt, zu dem die Angehörigen eines Unfallopfers voller Hoffnung rennen, der aber nur vom Misslingen der Operation und der Grenzen der Medizin berichten kann, gleich einem Ertrinkenden, der feststellen muss, dass es nichts gebracht hat bis zum letzten Moment und mit allen Kräften um sein Leben zu kämpfen.

Katha seufzte über all den Lärm des Technoclubs hinweg. Es war ein geradezu Bibliches Seufzen.

Irgendwie…“, brachte Paul noch hervor. „Ich komme heute einfach nicht so ganz klar.“

Ich weiß“, erklärte Katha darauf, „das ist es ja. Du kommst halt nie besonders gut klar…“

Aber ich würde es gerne…“

Dann mach doch…“

Ich weiß nicht wie… Du hast halt was besseres verdient.“
„Du bist so ein…“ Sie lächelte ihn mit großen Drogenaugen an. Voll Verständnis und aller verlorener Hoffnung zugleich. Dann blinzelte sie. Stand auf und ging hinüber zu Sarah, die ein paar Lärmmeter entfernt mit irgendjemanden an der Bar stand. Irgendwas wurde geredet, worauf Sarah den Kopf schüttelte und schüttelte und wütend wurde. Paul sah dem zu. Innerlich weinend. Vernichtet. Dabei extrem drauf und erfüllt von den Drogen. Der lächerlichste Zustand, den man sich vorstellen könnte. Am Liebsten wäre er von einer Brücke gesprungen. Nur hatte er nicht einmal die zur Verfügung. Paul wollte einfach nur gehen. Paul wollte einfach nur bleiben. Paul wollte im Erdboden verschwinden. Und er wollte zu Katha hinüber gehen und sagen, dass es ihm leid tue. Was auch immer. Dass es ein Missverständnis sei. Welches auch immer. Die Frauen sahen ihn an. Er sah zurück. Und nichts geschah.

Sekunden wurden zu Ewigkeiten. Jede Minute zur Folter.

Paul versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Sein Bestreben glich der einer Kompassnadel, die sich krampfhaft einnorden wollte und sich dabei hilflos im Kreis drehte, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wo Norden denn nun lag und was es überhaupt helfen sollte, die Richtung zu finden. Mehr als ein „Katha ist toll. Ich ein Idiot“ konnte er in sich selbst nicht finden. Er fühlte sich ebenso verzweifelt, wie er drauf war. Ein wirrer, taumelnder Zustand. Voller Schmerz und Glück, wie ein 14 jähriger Jugendlicher, der zum ersten Mal in seinem Leben sagenhaft unglücklich verliebt ist. Die ganze Zeit hatte er zu Katha und Sarah hinüber gesehen und dennoch stand die Frau seiner Träume mehr plötzlich als überraschend neben ihm, als er es für den Hauch einer Sekunden verstehen konnte. „Dann lass uns halt Tanzen“, lächelte sie ihn an. Mit ihren wunderschönen, wunderschönen druffen Augen. Für sie war das ja auch nicht leicht. Ebenso so verstrahlt, wenn auch nicht übernächtigt wie Paul; jede Beziehung hat zwei Seiten, zwei Geschichten, hunderte Perspektiven.

Es wurde getanzt.

Tanzen muss nicht immer leicht und fröhlich sein. Nicht immer locker und glücklich. Es kann von der Last der Lebens und den Umständen der Gegenwart beschwert sein, während es sich dumm und falsch anfühlt.

Wie kann man in so einem Moment nur Tanzen?

Wie kann man jetzt nur so tun, als wäre nichts gewesen?

Bis es dann geschieht. Bis die Bewegung und die Musik. Bis der Brettharte Sound einer amtlichen „Adam Beyer“-Platte. Alle Zweifel fürs erste Mal zur Seite schiebt. Und man sich wieder ernsthaft ehrlich anlächeln kann. So als wäre das Vorhin nicht gewesen. Als würde es nur die Zukunft geben.

Tanzen ist das Erste-Hilfe-Pflaster des Kosmos.