Absolution – 13 – Der Freund meiner Freundin ist mein Feind

Paul beobachtete Sarah weiter über ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe. Flirtete sie etwa mit Stevo? Im Ernst jetzt? Mit Stevo? War sie vielleicht doch nicht mehr als der Ruf, den ihr die Neider auf den Leib geschrieben hatten? So oder so. Es würde ein neues Mosaiksteinchen in Pauls Phantasien werden. Je mehr Infos, je mehr Ereigniskarten er zur Verfügung hatte, desto besser. Paul verspürte keinen Neid auf Stevo. Die reale Absicht mit Sarah etwas „anfangen“ zu können erschien ihm als absurd. Ihm blieben die Träume. Die bessere Realität. Daran war nichts auszusetzen. Er nahm noch einen Schluck von seinem Whiskey. Ohne seinen Blick von Sarahs Spiegelbild abzuwenden. Unvermittelt musste er die Luft anhalten. Irgendwas war anders. Irgendwas. War. Komisch. Sein angetrunkener Verstand konnte nur nicht sagen… Da kniff Paul seine Augen zusammen und er erkannte was sein Unterbewusstsein schon längst begriffen hatte: Chris stand außerhalb des Bosporus. Vor der Scheibe. Hinter Sarahs Spiegelbild. Und sah ihn an. Paul konnte nicht sagen wie lange Chris dort schon stand und ihn ansah. Wusste nicht, wie lange Chris sich schon – bewusst oder  unbewusst, das war nicht zu klären – hinter Sarahs Lichtbild versteckt hatte. Sein Freund Chris verweilte dort wie ein Toter. Wie ein Zombie. Wie ein vom Leben Verlassener. Seine Augen waren leer und blutunterlaufen. Seine Haut glänzte blass in der Dunkelheit. Eine Millisekunde lang  erschrak Paul. Dann lächelte er. Nickte Chris zu und deutete ihm mit dem Kopf an, zum Eingang zu kommen. Chris bewegte sich nicht. Er stand nur da. Starrte durch die Scheibe. Seine Sarah an. Die mit Stevo und dem Fettsack Späßchen machte.  Paul zog die Augenbrauen zusammen und machte noch mehr Bewegungen mit seinem Kopf. Eine um die Aufmerksamkeit von Chris zu erregen. Zwei weitere die in Richtung Tür wiesen. Chris. Reagierte nur mit seinen Augen. Wie eine Puppe mit eingeschränkten Körperfunktionen sah er Paul an. Ohne seine Ausdruckslose Miene auch nur einen Moment zu verändern. Blinzelte. Und ging dann doch um den kleinen ehemaligen Dönerladen herum zur Eingangstüre. Zufälligerweise standen im gleichen Moment Fettsack und Sarah auf.

„Los Paul, komm mit. Wir gehen nach oben“, grinste ihn der Fettsack an.

„Äh… Ja klar. Du. Chris ist da draußen.“ Er nickte den Blick von Fettsack zur Eingangstür, wo Chris neben dem Türsteher stand, der sich noch nicht entschieden hatte ihn passieren zu lassen. Schließlich war Chris Pauls Freund. Nicht der von seinem Chef. Der Fettsack zuckte nur mit seinen Schultern: „Auf den habe ich heute keinen Bock.“ Schüttelte den Kopf in Richtung Torwächter und ging in den Backstage-Bereich. Damit hatte Paul nicht gerechnet. Es war fast logisch zu Chris zu gehen und den Fettsack zurückzulassen. Dafür sprach schon Pauls Gerechtigkeitsempfinden. Was war denn schon dabei den Chris hier rein zu lassen? Was soll denn jetzt dieser Unsinn. Er auf die Ausgangstüre zu, wollte hinaus zu seinem Freund. Um lieber draußen bei den Ausgeschlossenen zu sein, als drinnen bei den Möchtegern-Coolen. Hätte ihn da Sarah nicht am Arm berührt und gesagt: „Komm. Lass uns hochgehen.“ Was ausreichte um Chris zu vergessen und mit Sarah und Fettsack nach oben zu gehen. Sarah war wunderschön heute. Das Kokain in ihrer Nase machte sie nur noch zauberha

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Absolution – 3 – Verliebt in Sarah

Paul folgte seinem Freund Chris. Sie wanden sich wie zwei Schlangen ihre Bahn an den stehenden oder tanzenden Leuten vorbei. Paul folgte Chris. Denn er war viel zu druff um die Initiative zu ergreifen. Er traute sich aus einem natürlichen, inneren Bedürfnis heraus nicht einmal die anderen Club-Besucher auch nur mit seinem Körper zu streifen. So zart fühlte sich seine berauschte Seele an. Die Misubishis hatten ihn ganz „gentle“ gemacht.

An der breiten und langen Club-Bar waren ein Bestell- und ein Anlehnplatz frei. Paul lehnte sich erschöpft beseelt an. Chris bestellte die Getränke. Irgendwie schien Chris alles zu machen. Immer. Die ganze Zeit. Dabei und vielleicht gerade deswegen bekam er nicht den Respekt den er dafür verdient hätte. Merkwürdig. Dass das Nichts-Tun für andere mehr Respekt auslösen kann, als sich selbst hinzugeben. Das Bier das Chris Paul reichte war super kalt und von Wasser beschlagen, so als ob der Barkeeper direkt in eine Fernsehwerbung gegriffen hätte um es dann Chris zu geben. Dieses Bier. War in diesem Moment. Das beste Getränk der ganzen Welt. Paul war Chris unendlich dankbar dafür. Doch Chris wollte auch etwas für sein Geschenk. Etwas ungleich wertvolleres: Chris wollte das Paul zuhörte. „Zuhören“ ist kostbarer als „Sprechen“.

So hörte Paul Chris Worten zu. Die nicht gerade eine große Überraschung verbargen. Denn Chris war verliebt in Sarah. Genau. In die Sarah. Die Schönheit ihres Clans. Die Frau. Die so fantastisch aussah, dass sie mit ihrem Aussehen jede Club-Tür für sie öffnen konnte.

Sarah war der mächtigste Mensch den Paul kannte. Das war schon immer so gewesen. Sarah hatte diese Macht, diese Aura, die die Welt um sie herum krümmt. Die sie in diesem ganz besonderen Licht darstellte. Sarah war schön, wenn nicht fast perfekt. Sarah war das Schönheitsideal. Nicht eines dieser Schönheitsideale, die sich im Laufe der Jahrzehnte ändern, so wie es sich von großen Brüsten und breiteren, „weiblicheren“ Hüften zu schlanker Taille, breiten Wangenknochen und Laufstegsehnigen Schultern entwickelt. Nein. Sarah würde immer als Schönheit betrachtet werden, vielleicht mal mehr oder weniger. Aber ihre Schönheit würde die Jahrhunderte überstehen, ganz egal wie der Feminismus auch abgehen würde: Ihre fantastische Äußerlichkeit würde sie immer objektifizieren.

Das war schon in ihrer Kindheit so gewesen, in ihrer Jugend, sowie auch zu diesem Zeitpunkt im Club, wo sie eine Frau in der zweiten Hälfte der 20ger war. Nur war sie ebenso verloren an das Märchen von Peter Pan, wie es die „verlorenen Jungs“ in der Geschichte waren. Sarah war nicht Wendy. Denn Wendy hat Peter Pan nie geliebt…

Sarah wollte nie erwachsen werden. Und ihr unbedingter Wille Spaß zu haben, machte aus ihr eine sehnige, blonde Drogenschönheit, ohne Kinder, ohne festen Mann und obwohl sie einen hatte, doch nie zu jemanden mit festen Wohnsitz. Sarah war wie ein Groupie der Rolling Stones: Seit einer Ewigkeit on Tour. Bis die Tour der Lebensinhalt wird.

 

Sie wollte immer nur Spaß haben, so wie alle das wollen, und was spräche schon dagegen? Nur wenn einem durch das Aussehen alle Türen offenstehen und man überall in dunklere und hellere Ecken vordringen kann, verändert das einen. Die Macht wird zu einer Natürlichkeit. Und plötzlich wird man von seiner Umgebung „leicht“ genannt. So werden Menschen schnell beurteilt, die leicht im Leben voran kommen. Die Dinge geschenkt bekommen weil sie etwas ausstrahlen. Weil sie etwas bekommen können, was für uns unerreichbar ist. Sie werden zu „leichten Frauen“, da es für uns so unfassbar schwer erscheint, das Gleiche zu bekommen. Und ganz egal ob das stimmt oder nicht, solche Behauptungen können zu Prophezeiungen werden, denen wir nicht entkommen können.  Nur fragt hinterher niemand, ob zuvor die Henne oder da Ei da war. Später, war Sarah immer so gewesen.

 

Getuschelt wurde schon früh. Das ist die Kehrseite der Schönheit. Sie nennt sich „Phantasie“. Denn wer so aussieht, bei dem stellen sich die Jungs und besonders die Mädchen, alles vor. Ihr Urteil ist ebenso klar, wie vernichtend es ist. Sarah war für ihr Umfeld immer wie eine Griechische Göttin: Makellos und doch menschlich.  Viel zu menschlich. Personifiziert. Besonders wenn man ein Mädchen ist, das gerne Lacht. Und mit den „bösen Jungs“ (die wie immer nur die ein wenig „älteren Jungs“ waren, sich aber ganz böse fühlten und gaben) mitgeht. Die Phantasie der anderen machte Sarah zu dem, was sie noch gar nicht war. Das fing klein an.

Sarah war die Erste, die Jungs auf den Mund küsste. Sie war die Erste, die mit Zunge küsste. Und selbstverständlich war sie die Erste, die ihn in den Mund nahm.

 

Nicht dass Sarah selbst solche Geschichten über sich erzählte. Nein. Auf jeden Fall nicht zu Anfang. Aber was soll ein Kerl der mit so einer klassischen Schönheit intim wird, denn anderes erzählen? Der blöde Kerl muss die Schönheit auf sein Niveau herunterziehen. Er muss sie beschmutzen um in ihrem Licht nicht zu verglühen. So wurde geredet. Nach und nach. Mehr und mehr. Und irgendwann dachte sich unsere Sarah, dass wenn sie schon von keinem mehr als Heilige betrachtet wird, sie auch keine sein muss. Sie wollte Spaß haben, sich amüsieren und was sprach dagegen? War es denn wirklich so eine Bürde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen? Sarah war nicht dumm. Kein Mensch ist wirklich dumm. Und nur ein anderes Weltbild als andere zu haben, macht dich nicht zu einer dummen Schlampe. Das sagen nur Leute, die neidisch sind, die sich einer komischen Moral unterwerfen, weil sie innerlich hässlicher sind als in ihrem durchschnittlichen Äußeren. Manche Leute wollen dich einfach nur mit Dreck bewerfen, um dich auf ihr Niveau herunterzuziehen.

 

Es ist  nicht leicht eine Schönheit unter den Gewöhnlichen zu sein. Es ist nicht leicht von jedem angestarrt und reduziert zu werden. Da spielt es auch keine Rolle ob man die Situation einfach als leicht und gegeben betrachtet, ob man über sie hinweg lächelt. Was einem auch wieder als gewisse „Begrenztheit“ ausgelegt wird. Schöne Menschen tun sich viel schwerer gemocht und als „authentisch“ betrachtet zu werden, als der Durchschnitt. Schönheit hat immer auch den Ruf der Falschheit. Und der Stumpfheit. Das mag sogar stimmen, nur liegt diese „Falschheit“ nicht in der DNA der Schönheit begraben. Die „Falschheit“ liegt darin, dass man das Richtige im Falschen ist. Die Perle im Durchschnitt. Und so wird eine Perle vom Pöbel gerne aus Unwissenheit und Verachtung als „Fälschung“ deklariert und deklassiert, ohne dass sie sich überhaupt die Mühe machen sie wirklich anzusehen. Es ist leicht darüber zu urteilen, was man niemals haben wird.

Deswegen mochte Sarah die Partydrogen. Nicht weil die Männer auf Drogen nicht weniger geil oder die Frauen auch nur ansatzweise weniger schnippisch und neidisch wären. Aber auf Drogen ist ab einem gewissen Punkt eh alles egal. Irgendwann kippt die Stimmung, alle fühlen sich gleich. Auf einer Situation unter Drogen, kann sich selbst eine Schönheit mit einem Normalo richtig normal unterhalten. Die Blödheits-Urteils-Schranke zwischen einander ist weg. Und du bist nur der, der du bist. Nicht einmal mehr Frau oder Mann. Es sind nur zwei Menschen die sich unterhalten. Die miteinander tanzen, rauchen, trinken… Es mag sein dass die Drogen Sarah nicht schöner machten, sie erlösten sie aber auch von ihrer Schönheit. Sie machte sie menschlich. Für sich und für andere. Wenigstens für eine gewisse Zeit. Bis zu der Zeit, in der das Herz eines Freundes auf sie aufmerksam wurde.

Chris sah in ihr nicht dass was die Leute über sie erzählen. Nicht einmal dass, was er über sie wusste. Chris sah nur die Göttin in ihr. Und das war es was er Paul erzählte. Der da so lehnte. Und nur zuhörte und doch gleich wieder vergas. Der das alles total schön fand was sein Freund ihm da erzählte – die Tablette wirkte immer stärker in ihm, anstelle an Kraft zu verlieren – und dabei doch sehr tragisch. Sarah. War einfach nicht die Liga von Chris. Im Guten wie im Schlechten. Und das Schlimme daran war, das Chris das wusste. Chris war bewusst, dass das Leben kein „romantische Komödie“ war, in der der Held irgendwann alle Grenzen überwindet. Ganz sicher war Chris auch kein Held.

Absolution – 1 – Mit Freunden beim Feiern

„Was ist los mit dir?! Träumst du?!“ Katha streifte ihre Haare hinter ihr linkes Ohr zurück. Lachte ihn dabei an. Das Sekunden genau programmiert Licht der Scheinwerfer huschte über sie hinweg und erleuchtete ihr von innen heraus strahlendes Gesicht. Er huscht über ihre großen lachenden Augen. Ihren wunderbaren Mund mit den fröhlich entblößten Zähnen. Dann war das Licht fort. Nur das Lachen blieb. Ein Lachen. So einnehmend und wunderschön, dass es kein Licht benötigt um vorhanden zu sein. Paul strahlte zurück. Das Scheinwerferlicht war nun mit ihm. Einen Augenblick lang fühlten sie sich wie zwei große schöne Sonnen, die ihr Feuer ineinander reflektierten. Unvermittelt nahm irgendwer den anderen in die Arme. Es spielte auch gar keine Rolle, wer die erste Bewegung machte. Denn bei solchen Umarmungen gibt es keinen Auslöser. Nur das Gefühl einen Menschen den man mag in seinen warm verschwitzen Armen zu halten. Der Techno-Sound hämmerte über sie hinweg.

Sie trennten sich voneinander und tanzten ein wenig wild zu dem Techno-Beat. Wie man es seit jeher so macht. Miteinander. Und jeder für sich alleine. Bis einen weiteren Augenblick später, die anderen Freunde von irgendwoher absolut plötzlich zu ihnen kamen und sich mit ihnen freuten. Und tanzten. Es war einer dieser Momente, in dem sich die gesamte sichtbare Welt daran erfreute, vorhanden zu sein. Selbst der falsche Nebel freute sich. Ebenso wie die von warmen Schweiß nassen Fließen an den Wänden. Aus den Maschinen klackerte dazu stakkato mäßiges Geklacker. Während der Beat und der Bass ihren Körpern automatische Bewegungen vorgaben. Überall war Rhythmus. Eine heitere Diktatur. Alles was geschah, musste so geschehen. Geschah ohne Kraftaufwendung. Ohne Plan. Ohne Wiederstand. Ein unbeteiligter Beobachter, ein Vernunft- und Tagmensch, mochte die Szene in dem finster verrauchten, stinkenden Techno-Club als hart, kalt und rau, gar „Lebensfeindlich“  missverstehen, was nur daran liegen könnte, dass er das Glück in den Menschen nicht verstand. Dieses Treiben hier war alles andere als kalt und rau. Es war alles andere als lebensfeindlich. Es war das pure Glück. Ein Himmelreich. Unter der Erde. In einem alten Industriekeller. Den wahrhaftig. Die Gebrüder Grimm hatten gelogen. Und Kinder haben keine Ahnung von den Märchenlandschaften der Erwachsenen.

Dann schrie irgendwo wer. Und plötzlich schrien alle mit. Im programmierten Licht. Im inszenierten Nebel. Im Geschepper der Maschinen. Ein Gefühl wie im Garten Eden.

Irgendwer von den Freunden hatte Wasser dabei; es wird herumgereicht. Alle freuen sich. Ja geil jetzt! Wasser! Bis die Flasche leer war. Kein Wunder dass es am Ende nicht der schöne Miguel war der den letzten Schluck aus der Flasche nahm und dann ein wenig überrumpelt in seiner Dichtheit damit herum stand. Es war Chris. Der kleine deplatzierte Chris. Der schon immer nie ganz zu einer Gruppe gehört hatte und durch seine Erlebnisse und Erfahrungen einen viel reflektierten Charakter mit sich herumtrug als der gutaussehende Miguel. Miguel, der Südländer. Der Student. Ein Sammelsurium an Charme und Bildung, die sich profaner weise nie bis in seine Seele erstreckte. Natürlich war es Chris der ein klein wenig überfordert mit der leeren Glasflasche dastand. Im Nebel umher blickte. Bis er schließlich ein paar Meter entfernt einen Stehtisch erspähte und die Flasche dort hintrug. Währenddessen hatte sich Miguel längst zwischen die Frauen geschlichen und je eine mit einem Arm umfasst. Natürlich hatte er den letzten Schluck für Chris „übrig gelassen“. Zum Wassertragen war er zu wichtig. Auch wenn er das selbst gar nicht mehr wahr nahm. Chris kam zurück und stellte sich an die Seite.

In dem Kreis den sie nun bildeten gab es kein wirkliches Gespräch. Auch wenn ein paar Fetzen durch den brülllauten Sound hin und her gerufen wurden. Sie lachten sich nur an. Glücklich. Verstehend. Dicht. Es war jetzt genau der richtige Zeitpunkt nachdem sie zusammen und jeder für sich das Ecstasy genommen hatten, dass Chris in einer fast einstündigen Suche im Club aufgestellt hatte. Wahrscheinlich war dies auch der richtigste und genauste Zeitpunkt ihrer gemeinsamen Freundschaft, wie sie druff so im Halbkreis dastanden. Wie das Auge eines Orkans. IM Auge eines Orkans. Der aus ihrem eigenem Glück und  dem aufgewühlten Darumherum bestand. Tosend und still zugleich. Sicherlich würde sich ihre Freundschaft nie wieder so klar und intensiv anfühlen wie in diesem ehrlichen Moment auf Droge. Nichts könnte jetzt. In diesem Augenblick  der klarsten Wahrheit. Ihren Kreis durchbrechen.

Und dann war es auch schon wieder vorbei.

„Solomun“ auf der Prater-Insel in München, es war der 4.6.2017

So eine Party ist wie die bezahlte Version eines Flash-Mobs: Menschen die sich größtenteils nicht kennen kommen für ein paar Stunden zusammen um etwas Außergewöhnliches zu erleben. Dabei wird dann nicht nur die große gemeinsame Geschichte der Nacht erzählt, die ewig gleiche und immer wieder andere Version dieser „Abfahrt“, die vor Generationen begann und die einfach nicht zur Ruhe kommen will, viel mehr sind da die vielen kleinen persönlichen Geschichten, die jede/r einzelne als subjektives und liebenswertes Wesen in so eine Veranstaltung mit einbringt. Der Eine, der schon eine Nacht durchgemacht hat und ziemlich ausgepowert ist, die andere, die einen dramatischen Streit mit ihrer Familie wegen Nichtigkeiten hat, der Nächste, der voller Stress ist, deswegen nicht abschalten kann und wie ein Klotz herumsteht, ein getrenntes Paar, das vielleicht keine Drogen mehr zusammen nehmen sollte, was an solchen Tagen in Problemen mündet, dann die Damen, die lieber nichts über sich Preis geben, während Geschwister von alten Freunden über deren Erkrankungen erzählen. Jeder Einzelne hat seine Story zu erzählen, weshalb er an diesem Tag auf der Prater-Insel so war wie er war, warum er die Dinge so anging wie er sie behandel musste und warum er Teil dieser Menge war, die an diesem Tag zusammen gekommen war, um´- wir wissen es – eigentlich etwas Schönes zu erleben.

Im Endeffekt werden diese Geschichten von den Unterhaltungschefs an den Platten/CD-Spielern oben tüchtig platt gewalzt. Das ist die Therapie die DJs anbieten: Leute tüchtig und glücklich platt walzen, so dass jeder die gleiche Jetzt-Geschichte mit seinem Tanznachbarn teilen kann, ohne an seine eigene denken zu müssen und ohne den Typen neben sich zu kennen. Die Soundgewaltigen oben an den Reglern sind große Gleichmacher die nicht nach den „Warums“ und Gründen fragen, sondern eine Möglichkeit des Gemeinsamenmiteinanders anbieten, bei dem man nur ein wenig mit dem Hintern wackeln oder die Arme heben muss, um dazuzugehören. Wenn man denn so will. Wenn man es überhaupt kann.

Dieses „Nicht-Können“ war gestern nicht nur ein Teil der Perspektive die jeder selbst mitbrachte. Es lag auch am Veranstalter, denn es waren einfach viel zu viele Menschen im Häuserhof der Prater-Insel. Ich weiß gar nicht wie oft und in wie vielen Texten ich schon darüber gemotzt habe, dass zu viele Karten verkauft werden und man auf Tanz-Events nicht mehr (hoppla) tanzen kann. Das führt sie ad absurdum. Leider sind Veranstaltungen, Großveranstaltungen im besonderen, ja gar keine Freundschaftshappenings wie man es gern hätte, nein, es geht natürlich nur ums Geld und umso mehr Leute man durch den Fleischwolf des Einlasses presst, desto mehr Geld kommt hinten heraus. Da sind die Party-Veranstalter (und ich bin seit 20 Jahren eigentlich ein Fan von „World League“ die dieses Event mitten in München auf die Beine gestellt haben) auch nicht anders als Fußball-Vereine, die zwar ihr Geld mit den Fans machen, ihnen aber auch jedes Mal wieder verdeutlichen, wer in der stärkeren Position ist und welches Bild man nach außen abliefern will. „Mitspracherecht“ findet nur in den Kommentar-Spalten statt und die werden vom Social-Media-Team eh nur überflogen. Ich verplapper mich:

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(Das Bild ist noch vom frühen Nachmittag)

Also, es war viel zu voll zum Tanzen, so voll, dass man nicht einmal ganz hinten bei den Würstchen noch einen ruhigen Platz gehabt hätte, wo man mehr machen konnte als „hands-up“ und mit den Schultern zu pendeln. Da war der Sound aber eh schon wieder zu leise.  Das ist schon sehr schwach. Noch trauriger aber waren die Getränke-Preise:  5 Euro für ein Becks. Für ein einzelnes Becks! Da bekommt man im Supermarkt schon nen ganzen Six-Pack oder wahlweise eine Flasche Wodka. Und bei den Temperaturen die wir gestern hatten, war das sogar noch eine größere Frechheit. Das Wasser war schließlich nicht besonders viel billiger.

An sich ist die Prater-Insel keine schlechte Location, wenn auch nicht so grün und chillig wie man sich eine Insel inmitten der Isar vielleicht vorstellt. Nicht schlecht unten mit der Strandbar/Biergarten-Atmosphäre, es hilft nur nicht viel wenn man für 100 Meter Fußweg fast 10 Minuten braucht, weil jeder irgendwo hin will oder auf sein Recht des Tanzes besteht: 1000 oder 500 Leute weniger, dafür ein höherer Eintrittspreis wäre ein gute Option gewesen.

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Die meisten Menschen waren dennoch gut drauf. Seien es die Verkäufer in vorderster Front an den Theken, die Security, die Toiletten-Menschen oder (am Wichtigsten) das Publikum. Überall entspannte Gesichter, luftig Kleidung und es war die Stimmung zu spüren, dass die Leute „Bock“ hatten. Ja. Es ging ein guter Vibe umher der auch von den DJs ordentlich angefeuert wurde.

Der DJ Linus machte draußen den Anfang und machte es einem leicht sich gut ein zu wippen. Nachtmittagsatmosphäre. Sonnenbrille im Gesicht. Die Regenjacke in der Tasche hatte man schnell vergessen.

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Dann der unermüdliche DJ Hell. Der einfach nicht aufhören mag. Der so oft schon tot gesagt wurde. Und dann schließlich doch nicht nur wieder relevant ist, sondern gleich die Party rettet. Die einhellige Meinung bei uns: Der Helmut hat den Tag gerockt. Das liegt natürlich nicht nur daran dass sein Stil uns alten Säcken viel mehr zu sagt. Es liegt auch daran, dass seine kickende, ein wenige dunkle Art von EBM die in diesem Jahr spielt, einfach gut nach vorne geht. Und wer „Dead End Thrills“ im Patrice Bäumel Remix spielt, der macht nie etwas verkehrt.

Die Männer feierten ihn. Die Frauen liebten ihn. Und alle waren zufrieden. Das Problem wurde dann nur (wie oben erwähnt) dass dann immer noch mehr und noch mehr Leute kamen, die befriedigt werden wollten.

Bei Solomun, dem  Namensgeber der Veranstaltung, waren wir so in unsere persönlichen kleinen Geschichten vertieft, dass wir nicht besonders viel von ihm mitbekamen. Von Teile-Schubphasen und Liebes-Dramen einmal abgesehen hätte ich auch wirklich nicht gewusst wo und wie ich seinen Sound auch genießen oder gar feiern hätte können: Da war kein Platz um sich in der Musik zu verstecken. Dafür die „rote Karte“ World League.

Doch so geil fand ich sein Set eh nicht. Es war schon klar dass er mehr seinen Sound spielen würde, der ruhiger und mit weniger, kleineren Höhepunkten an die Sache heran gehen würde als der Hell. Das Brachiale ist nicht seine Sache. Ganz so austauschbar hätte es dann aber doch auch nicht sein müssen. Das kann er besser. Wobei ich auch ziemlich froh bin dass er nicht so legendär war. Zum letzten Mal: Wo und an welchem Fleck hätte ich seinen Sound auch feiern sollen?

Irgendwie erschien mir der Solomun gedanklich schon auf seinem nächsten Gig auf Ibiza.

Um 22 Uhr war dann schlagartig Schluss. Es ging hinein in die verschwitzten, schlecht belüfteten Räumlichkeiten der Prater-Insel, bei der man vor Hitze schon mal umkippen konnte. Irgendwie war es dort nett und furchtbar zu gleich – wir sind dann demnächst auch gefahren.

Was bleibt von so einem Tag? Von so einer Nacht? Nichts. Alles. Keine Ahnung. Normales Leben. Die Leute gehen zurück zu ihrem Alltag und zu ihren Problemen. Die eine freut sich ein Loch ins Knie, der andere ist total fertig und irgendwie wollen alle nur schlafen um das zu verarbeiten, was sie sich wieder einmal zugemutet haben: Den Versuch für ein paar Stunden das Glück in der Menge zu finden. Mehr oder weniger erfolgreich.

Die Kleinstadt-Familie (Absolution)

Eine Kleinstadt ist auch nicht anders als eine Großstadt. Für manche Dinge gibt es andere Worte, wenn auch für einzelne Ausdrücke kein Synonym, die Tatsache bleiben jedoch dieselben: Menschen leben zusammen und jede Menschengruppe erfüllt ein gewisses Klischee. Was in der Stadt der „Nerd“ ist, ist auf dem Land der „Klugscheißer“ oder „Besserwisser“ (oder banaler ausgedrückt: „Der ist komisch“), „Proleten“ werden in der Kleinstadt/Dorf „Bauern“ genannt, usw. usf.

Ebenso wie du in der Stadt nur in gewissen Situationen mit „Nerds“ und „Proleten“ zu tun haben musst, musst du dich auf dem Land nicht den ganzen Tag mit „Bauern“ auseinandersetzen. Jeder geht seiner Wege.  Baut sich seinen eigenen Mikrokosmos aus Beziehungen auf. Außer. Außer deine Schwester ist mit so einem „Bauern“ zusammen und drückt dir diese Weltsicht damit bei jeder Familienfeier auf die Augen, wie es bei Paul der Fall war.

Hans war kein Landwirt und doch würde ihn jeder als einen „Bauern“ bezeichnen. Es ist nicht das was er beruflich macht und es geht auch nicht darum, dass er wirklich des Öfteren  einen Traktor fährt. Hier geht es um eine gewisse Geisteshaltung. Paul mag das Wort „konservativ“ nicht mehr, denn es steht für alles und ebenso für nichts, doch durch seine bloße Verwendung entsteht ein gewisses Bild in den Köpfen der Leute, gerade wenn man über Landmenschen spricht. Dabei kann ein Intellektueller ebenso konservativ sein wie ein Dosenbierstechender Fußball-Hooligan. Hans ist in dem Bezug konservativ, dass er ein klares, sexistisches Frauen- und Familienbild vertritt und typisch bayrisch denkt, dass am eigenen Wesen die Welt genesen sollte; wenn doch nur jeder so wäre wie er. Kein Wunder dass Paul ihn verabscheute. Und es war ebenso kein Wunder, dass Hans Paul für eine Schwuchtel hielt.

„Liberal“ und „Liberace“ haben für Hans den gleichen Wortstamm.

 

Bei jedem Familientreffen blitze und krachte es zwischen den Beiden, ohne dass sie die Worte und erst recht nicht die Stimme gegeneinander erhoben. Es war ein eindeutiges Nebeneinanderher-Reden. Ohne Anbiedern. Manchmal. An Pauls guten Tagen.

An den schlechten, wenn Paul die ganze Nacht auf seinem Drogen-Film durch onaniert hatte, hielt er einfach seinen Mund und ließ den Macho gewähren – und somit gewinnen. Es war schon schwer genug für Paul überhaupt die Augen aufzuhalten und nicht in perverser Absicht auf die noch nicht ausgereiften, immensen Möpse seiner 16 Jährigen Nichte zu glotzen (was er zwar nicht wollte, denn er fand sie – da ganz gesund im Geiste – überhaupt nicht anziehend, schließlich war sie seine Nichte verdammt noch mal, leider aber konnte er die Blicke auch nicht unterdrücken). Da brauchte er sich nicht auch noch mit dem Hinterwäldler auseinandersetzen, der glaubte dass alle nach seiner Pfeife tanzen müssten.

 

Das letzte Mal hangelte sich das Kuchenverdauende, stockende Gespräch in der Familie, bestehend aus Pauls Vater, dessen neuer Frau, der erwähnte und beschriebene Hans, die Schwester Pauls und ihre Tochter, Pauls Nichte, welche überhaupt nichts zu keinem Thema sagte, von Thema zu Thema, bis man, über die verschlungenen und kuriosen Wege Zeitlöcher der Stille mit Sprache zu stopfen, zum Thema „Bundeswehr“ gekommen war. Paul war ja damals noch dort gewesen. Hatte seinem Land „gedient“, wofür Hans nur ein verächtliches Schnauben übrig hatte. Auch der Vater war nicht dort gewesen, fügte aber gleich hinzu dass er damit alles richtig gemacht hätte, Paul mit harter Hand dorthin zu leiten, da der sonst ja nichts auf die Reihe bekam. Darüber. War Paul. Verwundert. Wie der Vater ihm so in den Rücken fallen konnte. Gerade vor der ganzen Familie. Und vor Hans; idiotischer weise schien Paul doch vor Hans gut dastehen zu wollen. Manchmal will man die am Stärksten beeindrucken, die man am Meisten verabscheut.

 

Sie wäre ja gerne Polizistin geworden, erklärte Pauls Schwester, doch MUTTER hatte sie überredet erst eine vernünftige Ausbildung zu machen, deshalb war sie Arzthelferin in einer kleinen Praxis geworden. Nebenher hatte sie alle Prüfungen und Bescheinigungen  erledigt, um zur Polizei zu gehen, es fehlte nur noch die Sportprüfung, die an drei verschiedenen Tagen abgenommen werden musste. Und weil sie keine Möglichkeit sah frei zu bekommen und sie auch nicht ihrem Chef sagen konnte, weshalb sie freihaben wollte (da sie die Angst umtrieb, wenn sie bei der Prüfung versagen würde, würde ihr Arzt sie auch nicht mehr übernehmen, da er nun wusste, dass sie eigentlich weg wollte), ging sie nicht hin und vertat somit ihre Chance Polizistin zu werden. Ihren großen Lebenstraum.

Wie blöd man nur sein kann, war Hansens Kommentar. „Da hätte ich doch einfach KRANK gemacht!“

„Ich habe NIE krank gemacht! Ich arbeite seit 25 Jahren und war NIE krank!“

„Typisch Frau. Das ist doch bescheuert! Sich so eine Chance entgegen zu lassen! Typisch hysterisches Huhn!“

„Das verstehe ich jetzt aber auch nicht“, schlug Pauls und ihr Vater in die gleiche Kerbe, „Du warst doch früher beim Sport bei mir! Ich kannte doch die Polizisten hier in der Gegend! Ich hätte dir doch eine Bescheinigung ausschreiben lassen können! Hättest du doch was gesagt!“

„Ich war damals 20. Sport habe ich bei dir bis 14 gemacht – was hätte das BRINGEN sollen!“

Hans, ganz besoffen an sich selbst, auch wenn er nur Kaffee trank: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Da sieht mal deine Tochter was passiert, wenn man nichts wagt!“

„Da verstehe ich dich wirklich nicht“, blaffte der Vater noch hinterher. „Da hätte ich doch eine Lösung für dich gefunden.“

„Das war beim Bundesgrenzschutz in Kaufbeuren! Das ist hundert Kilometer entfernt! Als wären sie zu dir in die Sportschule gekommen!“

„Ja der Ronnie…“

„Ach hör mir auf mit dem Ronnie… Und dann habe ich ja SIE bekommen und dann war es eh vorbei mit meinem Traum…“

Und Paul saß einfach nur besiegt da und konnte nicht fassen wie man auf einem aufgegebenen Lebenstraum so herum trampeln konnte, sagte aber nichts. Auch weil er irritiert war, wie seine Schwester noch ihrer Tochter eine verbale Ohrfeige mitgab, nur um den Druck von sich selbst zu nehmen. Wer wusste schon, wie oft das geschah… Paul verstand zu keinem Moment, warum seine Schwester mit so einem Idioten wie Hans zusammen war, der sie nur herunterputzte. Und er verstand auch nicht, wie sein Vater sich so aufspielen konnte, nachdem er die Kindheit Pauls und seiner Schwester lieber damit verbrachte in Gläser, als in die Wünschen und Bedürfnisse seiner Kinder zu schauen. Er war doch nie dagewesen. Wie konnte er sich jetzt darüber wundern, dass ihn keiner um Hilfe fragen wollte?

Und wie immer. Wollte Paul nur noch heim zu seiner idealen Realität. Und zu seinen Drogen.

Rückspiegel: „25 Jahre Intro-Party“ mit Soulwax und Wanda im E-Werk; Vitalic im Gebäude 9, in Köln

Das war es dann mit Köln. Zurück komme ich erst wieder zu „Justice“ im Oktober. Und so ein Wochenende mit der „25 Jahre Intro Party“ und dem Gig von „Vitalic“, das sollte für so einen Kerl Mitte 30 schon mal genug sein. War es auch, nicht aber wegen den von mir so sehr verehrten Soulwax, die auf der Intro-Party getrommelt haben.

Schon das neue Album „from DeeWee“ ist ein ziemlicher Reinfall gewesen. Es hat es dann auch nicht besser gemacht, dass dieser Schlagzeug-Porno eine Woche vor dem Auftritt in Köln erschien. Denn auch wenn es später im E-Werk sicherlich beeindruckend war die drei Schlagzeuger mit ihren drei Schlagzeugen auf der einen Bühne zu bewundern, sind „Soulwax“ in Wahrheit doch dafür bekannt, sehr wandlungsfähig und poppig kickend zu sein; als Beispiel dafür muss man den Soundtrack zum Film „Belgica“ nennen, zu dem die Brüder verschiedene fiktive Bands erfunden haben die wiederum einen unterschiedlichen und eignen Stil versprühten. Das war geil. Das war kreativ. Dagegen nimmt sich diese Trommelei im Kubik mit dem selbstverständlich gewollten sowie inszenierten Minimalismus ziemlich fad aus. Ja. Da sind ein paar eindeutige Schlenker und Pop-Anleihen eingeflochten, das reicht nur nicht wenn man die verdammten „Soulwax“ ist.

So wurden auf dem Konzert auch fast nur ihre alten Lieder abgefeiert, „Another Excuse“, „E-Talking“, „NY Excuse“; die mussten als Entschuldigung herhalten. Auf DVD sieht das bestimmt toll aus. Gutes Aussehen befriedigt nur keinen Tänzer.

„Soulwax“ war die letzte Band in Köln, vorher spielten „Wanda“ Songs von Nirvana. Leider war bis auf „Lithium“ kein einziger Hit dabei. Stand davor zwar schon in der „Intro“, doch wer liest die überhaupt und seit 25 Jahren? Ich hab doch ein Spex-Abo… Wanda performten eigentlich nicht schlecht, konnte man ehrlich lassen und sich gut geben, nur ein paar Hits mehr hätten einfach gut getan. Die meisten Besucher waren eh wegen Wanda gekommen. Warum die jetzt sooo toll und der Shit sind muss man nicht verstehen, schließlich gibt es viel sympathischere Österreicher. Aber ein netter Auftritt.

DAVOR dankten die „Intro“-Wichtigen ihren Freunden und Besuchern und das war schon nett anzusehen, diese Betriebsfeier-Atmosphäre, die immer genau dann am Peinlichsten ist, wenn man das Geheimnis ausspricht: Wir arbeiten zusammen…

ZWISCHENDRIN die DeeWee DJs, vom Soulwax-Label. Nett. Jung. Frisch. Die Zukunft – mit Bier im Gesicht.

HIERVOR standen „Meute“ in der Menge und machten auf ihre LaBrassBanda-Art gute Laune. Die gute Seite der Blass-Musik ist immer sehr catchy. „Die Leute“ wollen das.

Und GANZ zu Beginn spielten „Drangsal“ ihren Hit, danach noch ein stranges Cover von Metallicas „Master of Puppets“.

WÄHRENDDESSEN brach für mich eine Welt zusammen, da ich erfuhr, dass es für nicht Mitarbeiter keinen Schnaps im E-Werk in Köln zu kaufen gab. Die eigenen Suchtmechanismen traten hier nackt, karg und brutal zutage… Überhaupt war zu viel los auf der Party und die Vorfreude war zu groß gewesen. „Intro“ war kein Reinfall gewesen. Nur kein Grund um bis nach Köln zu fahren.

 

Am nächsten Tag standen wir Ruhrgebietlerischen Bayern schön blöd auf der anderen Straßenseite unseres Apartments. „Gebäude 9“ erwies sich zwar als herrlich abgeschruppter Laden im Post-Punk-Stil, aber auch als ein Raum mit nicht einmal 20 Quadratmetern, dafür mit DJ. Hatten wir gedacht. Wir dachten wirklich es gäbe nur die Bar und die Kleinkunstbühne. Bis wir lachend bemerkten, dass es nur ein Vorraum war.

Der gute alte „Vitalic“ war einen Raum weiter, die familiäre Atmosphäre jedoch blieb, besonders und gerade wenn sich der Vorhang zum Backstage kurz lüftete und man den ollen Vitalic in roten Boxershorts sah wie er in seine Stage-Hose schlüpfte. Das passte zu der ranzig schönen Location. Dorthin würde ich gerne öfters gehen. Glamourös unaufgeräumt dort. Eine Hommage an meine eigene Jugend.

Der Vitalic-Abend war eindeutig der Bessere. Alle Leute mega am Tanzen, Schwitzen und Jubeln, ohne Druck und ohne Hippster-Faktor wie den Tag davor, wo man im Pop-Magazin-Stil ein wenig die Attitüde vertrat etwas verstanden zu haben und deshalb ein Teil von etwas zu sein. Nein. Doch. Auch hier im Gebäude 9 war mehr ein älteres Semester vertreten, dass die Liebe zur Musik hier anspülte, kein Sehen und gesehen werden. Es war einfach schön verschwitzt. Und wunderbar genussvoll taten mir die Beine weh – dann tanzte ich weiter.

Unser Freund aus Frankreich spielte in seinem Solo-Live-Set an den Maschinen alle seine Hits, eingebettet in eine finstere, darke Techno-Attitüde; „You prefer cocaine“, „Poney EP“, „La rock“, die  Hits meiner Jugend, wie auch seine neueren und neuen Lieder „Poison Lips“, „waiting for the stars“, „Stamina“ usw. usf.  Sehr rudimentär, klassisch. Lichter-Spots mit Nebelmaschine. Ohne Startum.

 

Davor, danach und währenddessen haben wir uns geliebt.

„the xx“ live in München, es war der 24.02.2017

„The xx“ ist eine der wichtigsten Bands einer ganzen Generation. Nicht meiner Generation. Für die bin ich im Prinzip ein wenig zu alt und ich habe vor ein paar Jahren nur einmal bei ihnen hineingehört, weil sie so ultra angesagt waren. Das Konzept war damals ganz klar: Minimalistische Rock/Indie-Musik über die Liebe, die sich auf den Wechselgesang zwischen Mann und Frau stützt. Er (Simon) mit einer coolen, kalten Stimme (rauchig ohne rauchig zu sein) und sie (Romy), mit einer  reduzierten und doch umwerfend Stadion füllenden Stimme. Das erste Album: Welterfolg. Nach dem zweiten, dass fast schon zu sehr nach dem ersten klang, hätte man sie auch schon wieder in ihrer Schublade vergessen können. Wäre dann nicht das Solo-Album ihres Drummers/Keyboarders erschienen (Jamie), auf dem er mehr als geschickt, richtig bahnbrechend Musik sampelte und loopte, obwohl die gesamte elektronische Musik der letzten Jahren aus nichts anderem bestand: Jamie machte das auf seine Art einfach besser als andere, machte es zu einem ungewohnten und doch catchy Musikerlebnis. Nun also, beim dritten Album und bei der Tour dazu, haben sich diese musikalischen Ebenen vermischt und aus dem melancholischen, hingehauchten Indie-Trio ist eine Indie-Pop-Band geworden. Mit ganz viel Soul.

Da stand ich dann also, noch übelst erkältet, vollgestopft mit chemischen Hilfsmitteln. Hätte meine Freundin nicht Geburtstag gehabt, wäre ich vernünftigerweise lieber im Bett geblieben. Dann hätte ich aber auch was verpasst.

ERWARTET hatten wir eine Bühnen-Show, so wie „the xx“ auf Platte klingen. Lethargische Performance ohne große Gesten, ein Dahinblubbern der Melancholie. Und obwohl die Band natürlich ihre zu erwartenden Lieder spielte, klangen sie ganz anders.

Das hat zum einen mit dem Schall zu tun. Musik beschleunigt immer ein paar Umdrehungen, wenn man ihr live ausgesetzt wird. Die Boxen sind so etwas wie Brandbeschleuniger. Zum anderen will und wollte die Band auch poppiger klingen, weswegen die Beats sehr geschickt eingesetzt wurden und die Samples zu Überleitungen wurden; das war wirklich sehr geschickt gemacht; den „Jamie xx“, den muss man sich auch mal solo anhören. Und ganz wichtig: Romys Stimme klingt live einfach nur phantastisch. Ich würde jetzt gerne ein Video hier anhängen, doch der Live-Effekt geht in der Konserve leider absolut verloren. Am besten finde ich noch den Vergleich, wenn man seine eigene Stimme auf Tonband aufnimmt und sich sie dann anhört:  Es klingt ungewohnt, ein wenig metallisch. Und so ist es auch mit Romys Stimme auf Band, denn live und in echt ist sie einfach nur: Hammer. Und dass im Münchner Zenith, dass nicht gerade für seine besonders gute Klang-Akustik bekannt ist.

 

„The xx“ gelten als sehr schüchterne, introvertierte Band. Doch ich weiß nicht was dabei alles Show ist.  Schließlich treten sie bei ihrer Tour jeden Abend vor 6000 Leuten auf. Und kommen trotzdem noch total süß und eingeschüchtert rüber, richtig zum Knuddeln. Wobei es schon ein wenig seltsam ist wenn ein Mensch mit einer Hammerstimme die Menge umhaut und dann kaum ein Wort herausbringt, wenn es darum geht drei Sätze zu sagen… Sei es darum. Es war irgendwie ein sehr intimer Abend bei welchem man der Band ihr Image voll abkaufte.

 

Bühnenshow technisch war ich beeindruckt. Zwar war es jetzt kein absolutes Big-Player-Aufgebot was die Lichtfraktion dort oben bot, doch der geschickte Einsatz der Spiegel und der Disco-mäßig drehenden Säulen machte schon ein angenehm geiles Top-of-the-pops-Erlebnis daraus, ohne kitschig oder zu gewollt zu erscheinen. Und gerade als der große Deckenspiegel herunterfuhr und man mal sehen konnte was Jamie oben alles für Maschinen und Drums stehen hatte, aus denen er seinen Sound heraus arbeitete – anders konnte man das konzentrierte Treiben dort oben nicht deuten – machte das einiges her.

Los ging es mit „Say something loving“ und danach kam sofort ihr größter Hit und Durchbruch: „Crystalised“. Bei der 90 Minütigen Show wurde fast das komplette neue Album gespielt, auch viele alte Sachen, wobei von denen einige unter den Tisch fielen (z.B. „heart skipped a beat“), was mich überhaupt nicht störte. Das Set war einfach so dermaßen rund und gut, das mir nichts fehlte… Damit hatte ich nicht gerechnet. Und dass die Band so mega nett und familiär auftrat… Da die verletzliche Romy, oben der Handwerker Jamie. Und auf der anderen Seite der Bühne Simon, der Ruderer, der mit seinem Bass versuchte das Selbstbewusstsein der Band aufzurühren.

Natürlich wurde auch das bekannteste Intro aller Zeiten gespielt:

Schluss war dann mit „Angels“, dass gerade eben nicht perfekt auf die Bühne gebracht wurde; ein kurzer, überhaupt gar nicht peinlicher, doch intimer Moment  des Verspielens, der zu einer kurzen Unterbrechung und einer lächelnden Improvisation führte, brachte Band und Publikum endgültig zusammen. Schön.

Gar nicht schön war dagegen die Vorband. Irgendein Frickler der elektronischen Musik, der da oben sehr gekonnt an seinen Geräten herum schraubte aber nur urlangweilige „Musik“ seinen Geräten entlockte, die vom Langeweilefaktor zu einigen SPEX-CDs gepasst hätte. Das vergessen wir ganz schnell…

 

Nicht so schnell vergessen werden wir den Auftritt der Band „the xx“. Am bezeichnenden ist wohl, dass wir uns am Tag danach Musik von der Band anhörten, was nach den meisten Konzerten für mich nicht möglich ist. Normal ist man zu gesättigt mit Musik. „the xx“ haben Hunger gemacht.