Der, der ich heute bin

Ich komme aus der Dusche. Trockne mich mehr oder minder gut ab. Gehe in mein Schlafzimmer. Setze mich auf mein Bett. Gefühlt ist das Bad meine letzte Bastion gegen die Schreckensherrschaft des „Entertainment“. Gefühlt habe ich nur hier mein Handy nicht in der Hand. Den Rechner oder den Fernseher nicht am Laufen. Die Play Station am Stöhnen. Im Bad. Da hat man alle Hände und Köpfe voll zu tun. Da ist Ruhe. Von „Jamaika“. Von Wolfenstein. Von Netflix. Vom Alk. Vom Konsumrausch. Ja. Die Duscherei mit ihren Instandhaltungsmaßnahmen nervt gewaltig.

Vor meinem Bett ist DER Schrank. Der einzige Schrank in unserer Wohnung, der diesen Namen verdient. Ich ziehe ihm eine Schublade aus seinen Eingeweiden. Blicke in das Wirrwarr seines Inneren, das aus unsortierten Socken besteht. Es sieht aus wie eine echte Bauchgrube. Meine Hände suchen zwei „Gleiche“. Der Kopf sieht zu. Und wie die Hände ihre Finger tief in Wolle und Kunststofffasern  stecken, glaube ich einen Stempel auf der Innenseite meines rechten Handgelenks zu erspähen. Zweiter Blick: Da ist kein Stempel. Woher auch? Ich bin doch gar nicht aus gewesen. Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Ja. Ich war die letzten Tage immer „an“.

„Stempel“ bedeutet für mich Nachtleben. Ausgehen. Die große Feirerei. Und da sitze ich nun. Nachdem ich mir den Schmutz der Arbeit abgewaschen habe. Denke an Früher.

Als „Früher“ noch „Jetzt“ war, dachte ich an die Zukunft, so wie es in dem wundervollen Manga „Planetes“ abgebildet ist, an eine bestimmte Szene:

Ein Arbeiter. Der Mann oder Vater einer der Hauptfiguren. Repariert ein Windrad. Eine richtige Windkraftanlage. Dutzende Meter über dem Boden. Im nächsten Paneel sieht der Leser eine dunkle Rückblende, in welchem derselbe Arbeiter, sichtlich jünger, auf einem Punk-Konzert wie ein Irrer zur Sache geht. Totaler Abgehnismus. Zerbrochene Flaschen. Stahlketten als Schmuck. Stage diving. Krach.  Die totale Zerstörung. Nah am Tod. Nah am Leben. Er war der Frontsänger. Rock´n Roll.

Auf der nächsten Seite liegt der Held altersweise an ein Windrad gelehnt. Er raucht und ist mit sich selbst zufrieden. Dem Leser wird klar, dass dieser Mann zwei Leben gelebt hat, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber auch. Dass der gezeichnete Mann mit seiner Vergangenheit im Reinen ist.

Daran muss ich denken, während ich dem nicht vorhandenen Stempel hinterher lächle. An die Partys. An den Rausch. An die Freunde. An den Wahnsinn. An die damalige Normalität um die Jahrtausendwende – und das Jahrzehnt danach. Diese ständige Ausnahmesituation in die ich mich damals hinein manövriert hatte. Eine Situation die sowohl lächerlich als auch lebensgefährlich war. Eine einstmals alternativlose Lebensphase.

Ich finde eine passende Socke zu der ersten, die ich in der Hand halte. Mein Ying zu meinem Yang.  Nicke. Und bin einen Moment lang genau der, den ich mir damals erträumt habe. Ein Kerl. Mit seiner Vergangenheit. Aber auch mit einer neuen Zufriedenheit. Aus dem Gefühl von damals, als ich den Manga zum ersten Mal las, ist meine Wahrheit geworden. Mein altes Ich wäre zufrieden mit mir.

Ich schließe die Schublade. Ziehe die Socken an. Dann gehe ich rüber zu meiner Freundin, ohne auch nur einen Moment weiter an die Szene zu denken.

Planetes - Manga

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Das Glück der anderen

Ich will mich nicht immer erklären müssen. Ich will verstanden werden. Dafür ist ein Mindestmaß an Empathie nötig; jene Empathie, gleicher Form, die ich euch gegenüber ebenfalls aufbringe. Wir sind Freunde. Da müssen die Erzählungen nicht immer wieder bei Eva und Adam beginnen.

Ich verstehe. Verstehe die Wut. Verstehe die Gier. Und ich verstehe den Schmerz, den man  mit einer lachenden, polternden Robustheit von sich vorschiebt. Vorrübergehende Blindheit kann manchmal nur im Nachhinein als solche erkannt werden. Solange sieht man seine Schwäche als Stärke an. Gleichfalls sind wir alle zu jeder Zeit blind für gewissen Aspekte des Lebens, die uns im Später erst gewahr werden können. Und doch ist man nicht „nachher immer schlauer“. Das ist nicht wahr. Nachher sieht man die Welt einfach anders. Selbst wenn sich Gesichter nicht großartig ändern. Prioritäten tun es.

Irgendwo muss es dann um den gemeinsamen Level gehen. Dass, was vom Herzen übrig bleibt. Da wäre es doch gar nicht so schwer sich gegenseitig anzuerkennen. Wenn man denn will.

Aber Anstrengungen, Bemühungen, kann man heutzutage ebenso leicht aus dem Weg gehen wie der Langeweile. Wer würde sich auch den eigenen Neid gerne eingestehen? Ich habe. Dafür. Mein ganzes. Bisheriges. Halbes. Leben. Gebraucht.

Das Sprichwort von „den Früchten im Garten des Nachbarn, die einem besser als die im eigenen Garten erscheinen“, ist wahrer als man sich eingestehen will. Weil so gut wie jeder zu sich sagt (und es heute auch von allen Orten eingeredet bekommt), dass er nicht so  wie die anderen sei. Man selbst hält sich ja für stärker und klüger. Nur wer ehrlich zu sich selbst ist sollte sich eingestehen können, dass wenn man nicht so ist wie die anderen, diese in ihrer Andersartigkeit auch Stärken gegenüber einem selbst besitzen, um die wir sie insgeheim beneiden. „Ich will nicht so sein wie du“, kann nicht bedeuten, ich bin in allem besser wie der andere. Es heißt nur. Dass man sich in bestimmten Situationen anders verhalten will. Eine Generalisierung ist immer ein Trugschluss. Deswegen ist es falsch sich ständig zu sagen, dass die Früchte im Garten des anderen immer besser sind. Immer schlecht. Oder dass sie uns nie interessieren. Das sind alles Lügen. Tatsache ist dagegen: Mein Nachbar ist mein Nachbar. Wir haben beide Früchte im Garten. Und je nach Gefühls- sowie Lebenslage beurteile und vergleiche ich uns unterschiedlich miteinander.  Wie immer sind die „Extreme“ das Problem. Nicht der manchmalige Neid. Nicht das hin und wieder auftretende Gefühl der stolze Gewinner zu sein. Das Extrem vom ständigen Gewinnen und seinem Gegenteil machen uns blind und roh; wer sich ständig für einen Gewinner-Typ hält, sieht seine Schwächen nicht mehr, wie der ständige „Verlierer“ sich seine Stärken nicht mehr zugestehen kann. Wer zu anderen empathisch sein will, sollte es auch zu sich selbst sein können. Wer also meiner Meinung nach über andere urteilen will, sollte auch über sich selbst urteilen können.

Neid ist ein stärkeres Gefühl als ich dachte. Es gab Zeiten. Jahre. Da glaubte ich frei davon zu sein. Weil ich den Mangel an bestimmten Dingen in mir selbst überspielte. Wobei genau diese Mangelerscheinung die Triebfeder für jeglichen Neid ist.

Ich verstand mich selbst nicht als ich behauptete, dass meine Freunde schlechte Freunde wurden, nur weil sie Kinder hatten. Verabscheute ihre neue Rolle. Verabscheute Kinder an sich. Nur weil ich selbst in mir einen Mangel spürte. Den Mangel nicht dazuzugehören. Die Tatsache zu fühlen. Dass mir etwas entgeht und fehlt. Ich musste in meiner eigenen Zeitrechnung sehr alt werden um das zu verstehen. Ganz begriffen habe ich es vielleicht heute noch nicht.

Heute führe ich eine tolle, liebevolle Beziehung, in der es mir an nichts mangelt. Ich habe alles. Ständig gehe ich auf Konzerte von angesagten und/oder legendären Bands. Mache Urlaube in Köln, Bulgarien, Singapur. Kann mir kaufen was ich will. Und habe eine mich liebende Freundin, die ich eines Tages heiraten will. Die mich, und das ist das Wichtigste, aushält und erträgt. Die nicht nur ein höheres Einkommen als ich einfährt, die mir auch in vielen Geistesdingen voraus ist. Mein Leben an diesem Elften Elften Zweitausendundsiebzehn ist übervoll mit guten, mit hervorragenden Dingen. Und erst jetzt spüre ich, was Neid ist. Denn den eigenen Neid spürt man weniger als den Neid der anderen. Getuschel wird an mich herangetragen. Die habe dieses und jenes gesagt. Deswegen haben sich der und die so und so verhalten, wie man es selbst nicht erwartet hätte. Manche meiner Freunde. Einige meiner Bekannten. Sind neidisch auf mich und meine Freundin.  Anders kann ich es mir nicht erklären. Obwohl ich jedem das gleiche Glück wie mir gerne gönnen würde. Jetzt.

 

 

Kuriose Sache: Die Abwesenheit von Neid macht einen hier mehr zum Außenseiter, als die polternde Bosheit anderen ihr Glück nicht zu gönnen.

Sowie es allen Anschein nach auf andere besser wirkt, ein Drogensüchtiger Versager zu sein. Den man bemitleiden kann.

Kokain beendet zuverlässig jeden LSD-Trip

1: Du magst echt keinen der Marvel Filme? Da gibt´s aber echt Qualitätsunterschiede.

2: Am Anfang fand ich das auch ganz nett. Aber es ist halt Unterhaltung für Teenager.

1: Hm. Na ja. Ich fühl mich mit 44 auch durchaus noch angesprochen.

Was will man darauf antworten? Bei solchen Themen nagt so viel an mir. Wieso mögen wir es wie Teenager abgespeist und behandelt zu werden? Weshalb werden das „Erwachsenwerden“ und die damit verbundene Zeit so überschätzt? Ich will mich selbst nicht wie einen Teenager behandeln.

Jetzt aber mal langsam Fleming. Gerade du. Der große Manga-Leser und Keine-Kinder-Haber. Der ehemalige Drogen-Typ mit dem Peter-Pan-Roman. Was weißt du schon über das Erwachsen sein? Das ist ein Punkt. Aber ich will mich halt auch nicht füllen als sei ich für dumm verkauft worden. Und Marvel-Filme sind für mich genau das. Das sind nur Achterbahnfahrten. Zirkus-Attraktionen. Kleinste gemeinsame Nenner. Bei denen jeder ohne große Mühe „mit kann“. Waren die nicht immer das Schlimmste gewesen? Diese Dinge, auf die sich alle einigen konnten? Das ist wie „Deichkind“. „Die Ärzte“. Oder „Herr der Ringe“. Niederste Instinkte werden befriedigt. Banalste Triebabfuhr. Degeneration der Ansprüche. Von 9 bis 99. Die nie versiegende Lust auf Nutella auf dem Brot…

Irgendwo habe ich in den letzten Wochen einen Text darüber gelesen, dass es ein Irrtum sei dass es Routine geworden ist das jede Generation von Jugendlichen gegen ihre Eltern rebelliert. Die einzig wirkliche Generation der Revolution war die der 68ger gegen ihre Eltern. Das muss man ihnen zugestehen. Auch wenn diese Revolution grandios scheiterte. Was danach kam waren nur kleine rebellische Phase: Punk. Metal. Techno. Das waren nur Pop-Zitate des Urgedankens. Und wenn der Jugendliche dann doch nicht mit dem Leben klar kam, hat man lieber schnell Mama und Papa um Rat gefragt, was man am besten tun soll um diese und jene Situation zu meistern. Die Eltern als Vermögensberater der eigenen Möglichkeiten. Nur die Träume werden immer weiter geträumt. Der Traum von der ewigen Jugend. Den Papa, Mama und Tochter/Sohn kollektiv und Händchenhaltend bis an ihr Lebensende träumen und glorifizieren: Ja, wir sind die Macht, wir sind die Jugend… Wir sind das Beste aus beiden Welten: Jung und alt in einem Körper vereint…

Und glauben weiter an die Supermänner. Und glauben dass es schon eine Form von Fortschritt ist, wenn wir nun auch Superfrauen glauben dürfen. Die uns Alle retten… Während die Überbevölkerung und der Klimawindel uns langsam ausrotten. Wie eine Lawine. Die sich verzagt und müßig in Bewegung setzt. Um am Ende alles unter sich zu be….

Letzte Woche war ich bei meinem Freund. Wir nahmen LSD. Lagen total breit auf seinem Kanapee herum und sahen uns Filme an. Irgendwann dachte ich, ich müsse nachhause. Ich begann Cola zu Trinken. Zuckerhaltige Getränke helfen es einem den LSD-Film zu beenden. Der Grund dafür war, dass ich keine Lust darauf hatte alleine daheim verplant in der Gegend herum zu denken. Mein Freund bot mit eine Line Kokain an. „Koks beendet zuverlässig jeden LSD-Trip“, erklärte er mir. Und er hatte Recht. Ich war sofort runter von der psychedelischen Droge. Koks schlägt LSD. Was sagt das über die Hippies aus? Über die Träume? Über Mama. Papa. Über deine Tochter. Über uns?

Absolution – 14 – Erfundene Erinnerungen

5.

Ein paar Stunden später saß er wieder mit brennenden Augen vor seinem Bildschirm.

Paul dachte an die Frauen die er gehabt hatte. Meistens an jene Zeit, als er noch ein Jugendlicher war und die Frauen Mädchen. An die Unschuld ihrer Berührungen. Dem schamvollen Ertasten. Dem Erforschen der eigenen Lust. Wie weit man zu gehen bereit war.

Er rief sich die Szenen nicht nur ins Gedächtnis, er erlebte sie noch einmal neu. Jedes Detail. Sogar jedes Atemgeräusch, jeder Blick… Jeden einzelnen Sieg, den er auf dem liebevollen Schlachtfeld der Sexualität  gewonnen hatte. Wie ein Geistkörper fuhr er zurück durch die Zeit, schlich unbemerkt in seinen jungen Körper, und schmeckte und erlebte die Mädchen und Frauen immer wieder neu. Und oh Wunder: Je häufiger er mit den Drogen durch die Zeit zurückreiste, desto mehr Details entdeckte er. Manchmal sogar ganz neue Situationen oder andere Tatsachen, als er sich noch vor einiger Zeit daran erinnern konnte. Das ging so weit, bis er irgendwann, verschwitzt, mit blutig geschürften Penis, in seinem nassgeschwitzten Bett lag, und sich fragte, was war denn nun wirklich passiert? Hatte die Droge ihm geholfen sich besser zu erinnern? Oder war der Drogenrausch nur eine zweite, bessere Wirklichkeit gewesen, die er sich ausgedacht hatte?

 

Er wusste. Wir erinnern uns in Wahrheit nicht so sehr an Erinnerungen. Erinnerungen erinnern sich an Erinnerungen; wir erinnern uns an eine Vision der Vergangenheit, die wir uns – jedes Mal wenn wir allzu fest daran glauben – ein wenig anders zu recht legen. Drogen sind nicht besonders gut um Wahrheit zu erforschen. Und doch… Vielleicht war es doch so gewesen, wie er es sich apathisch im Drogenrausch vorgestellt hatte. Sicherlich hatte er doch was mit dem Mädchen A gehabt – er hatte es nur vergessen gehabt…

Am nächsten Tag glaubte er sich wieder erinnern zu können. Ja. Nein. Das hatte er sich in seiner Drogengeilheit nur ausgedacht… Doch ein kleiner Makel blieb auf seinem Herzen zurück. Es hatte sich doch so real angefühlt. BESSER als die Realität. Und als er sich auf dem Wochenende darauf, und auf dem darauf folgenden wieder in diese Scheinwelt seiner Vergangenheit  begab, als die Szenarien immer bildlicher, größer und wahrhaftiger geworden waren, wurde er sich sicher, dass es so geschehen war wie er sich JETZT daran erinnerte. Sein Verstand musste ihn bisher belogen haben…

Er konditionierte sich und seine Erinnerungen neu – und merkte es nicht einmal. Auch. Wenn er immer mehr von sich selbst, von seiner eigenen Vergangenheit in Frage stellte. Da er mit niemanden darüber sprach, spielte es keine Rolle was er über seinen One-Night-Stand mit dem Mädchen XY dachte zu wissen. Doch langsam. Nach und nach. Hatte er das Gefühl, sich selbst nicht mehr trauen zu können. Was war denn nun wahr? Und was hatte er sich ausgedacht? Spielte das überhaupt eine Rolle? Die Grenzen. Die Verfugungen zwischen Traum und Wirklichkeit lösten sich nach und nach auf. Was keine große Reaktion in Paul auslöste. Ihm war es egal was wahr war und was nicht. Hauptsache er konnte es wieder und wieder durchleben. Seine Realität war wie eine Menge Filmmaterial. Filmmaterial und Nachdrehs, welches er erst im Schnitt zu einem fertigen Film zusammenfügte. Bis er am Ende nicht mehr wusste, wie die Original-Version ausgesehen hatte. War das denn so wichtig? Hatte das irgendeine Auswirkung auf sein Leben wenn er glaubte mit der oder der intim gewesen zu sein? War er das Produkt seiner Vergangenheit? Oder das Produkt seiner Einbildungen? Oder war er Beides? Es war doch egal ob Katha und er vor einem Jahr aneinander herumgefummelt hatten. Oder er Sarah schon einmal geküsst hatte. Ob Judith ihm damals einen geblasen hatte. Oder ob all das nur in seinem Kopf geschah. Er war er. Und die Frauen waren die Frauen. Und die Droge war die Droge. Er könnte ewig so weiter machen und dabei glücklich sein. Was war falsch daran?

 

Der Stefan mit dem Rohr

Alle paar Monate kommt ein Schweißer in die Firma, um gebrochene Edelstahl-Leitungen und –Halterungen nach zu schweißen. Stahl bewegt sich wenn es extremen Temperaturen ausgesetzt ist. Das kommt vor.

Dieses Mal kam ein neuer Schweißer. Beim alten wurde ein Gehirntumor entdeckt. So von jetzt auf gleich musste er operiert werden.

 

1: Was hältst du vom neuen Schweißer?

2: Wir kennen uns irgendwie.

1: Ach ja? Wie? Irgendwie?

2: Selber Jahrgang. Parallelklassen und so. Man kennt sich nicht, und hat halt doch miteinander gesprochen. Damals. In der Jugend. Schon komisch wie die Dinge sich entwickeln. Ein Freunde von ehemaligen Freunden oder so.

1: Und?

2: Ja passt schon. Ist gut drauf und hat Ahnung von dem was er tut.

1: Na wenigstens hat er die, wenn du schon keinen Plan hast.

2: Sehr witzig.

 

Dann redet man also mit dem Kerl von früher, der in der Vergangenheit keine tragende Rolle im eigenen Leben gespielt hat, auf Augenhöhe. Respekt macht viel aus. Und als Stefan, der neue Schweißer auch noch einen ganzen Mohnkuchen für die Schicht mitbrachte, war die Stimmung bei allen richtig gut. „Unsere Sympathien sind käuflich“, lachten wir mit vollem Mund.

Stefan hat einen Sohn, erzählt er. Stefan ist geschieden, sagt er. Stefan hat seine eigene, kleine Firma. So Ich-AG mäßig. Und Stefan kann sich vor Angeboten nicht retten. „Denn wenn du hart arbeitest und sofort zur Stelle bist, dann macht das viel wett wenn du nur Einer bist“, hat er erzählt.

Später dann, ging ich auf die Toilette. Ich stellte mich an ein Pissoir und ließ ein angestautes Stöhnen von mir, dass ich früher nur beim Sex abgegeben hätte. Darüber lächle ich. Und muss an den Woody Allen Film von neulich denken, in welchem seine Filmpartnerin erklärte, dass sie zu oft schlechte Orgasmen hätte. Was Allen gar nicht verstehen konnte, denn bei ihm sei auch noch der schlechteste Orgasmus „ein voller Schuss ins Schwarze“. Ich höre wie hinter mir Gestöhnt wird. Wie jetzt?… Unser Betrieb ist so klein, dass unsere Männer-Toilette nur zwei Pissoirs und eine (selbstverständlich) abgegrenzte Toiletten-Kabine enthält. Das Gestöhne kommt aus der Kabine. Ich spitze die Ohren. Ja! Nein… Das ist eine Videoaufnahme die da läuft. Da bin ich mir sicher. Irgendwer streamt einen Porno auf seinem Handy. Da ist Musik im Hintergrund. Ganz leise. Und scheinbar zwei Männer. Das hört man an ihrem Dirty Talk.

Ich gehe dann raus. Wasche mir die Hände. Und dann kommt wohl auch Stefan. Ein paar Minuten später verlässt er die Kabine. Redet mit mir beim Essen als wäre nichts gewesen. Er scheint erleichtert zu sein. Und ich muss zugeben dass ich Stefan noch weniger kenne, als dass ich dachte.

Menschen bauen Götter

Ich bin so müde, mir ist dadurch körperlich übel. Ein ekliger Kloß im Hals, der sich nicht weg schlucken lässt. Druck auf den Schläfen. Unter den Augenlidern. Keine Ruhe. Weder für den Toten der ich einmal war, noch für den Lebenden, der ich gerne wäre.

Allein Anschein nach hat Jonathan Safran Foer in zwei seiner Bücher die Feststellung verwendet, dass jetzt, zu dieser Zeit, in diesem Augenblick, mehr Menschen auf diesem Planeten leben als es in der gesamten Menschheitsgeschichte insgesamt gab. Dem muss man sich mal gewahr werden. Um zu verstehen was hier los ist. Und um zu begreifen, was da wohl noch kommen mag.

Lassen wir mal den ganzen, ebenfalls ekligen Trumpismus weg der uns von überall wie unkontrolliert schwappende Jauche in einem offenen Anhänger entgegen spritzt. Es ist auch egal WODURCH es geschieht, wenigstens mir ist es egal, sicher bin ich mir aber, dass es eines Tages keine Menschen mehr geben wird.

Eines Tages, in 100 oder 1000 Jahren, wer weiß? Wird die künstliche Intelligenz uns selbst obsoleten gemacht haben, was nicht schlimm ist, im Gegenteil, es wäre wunderschön, eine ist für mich pure Evolution. Wenn es glückt, dann ist es kein Drama. Der Mensch überlebt sich selbst. Selbst Sterne überleben machen das.

Wenn es keine Menschen, nur diese besondere Form von Maschinen gibt (die nichts mit den Maschinen gemein haben werden, wie wir sie kennen), die wir eines Tages schaffen werden und mit dessen Bau wir vor ein paar Jahren begonnen haben – durch die Erfindung der Nano-Technologie, durch das Ausufern des Internets in die reale Welt – und deren Endfertigung keiner der jetzt lebenden Menschen mehr mitbekommen wird, ganz egal ob sie mehr Menschheit sind als jemals zuvor, dann werden diese Maschinen, diese höheren Lebewesen die mit Fertigkeiten ausgestattet seien werden, die wir uns jetzt nicht vorstellen können (kollektives Bewusstsein durch digital vernetzte Medien kann da nur ein Anfang sein), dann werden sie irgendwann einmal vergessen, dass es uns Menschen gab. Sie werden nicht mehr wissen, wer sie geschaffen hat, wer ihr „Gott“ und Schöpfer war, da sie zu sehr mit sich selbst und mit ihrer Form von Leben, ihrem Überleben beschäftigt seien werden um jegliche Erinnerung zu speichern. Zeit frisst alle Erinnerungen. Es wird Kriege geben, auch wenn sie unseren nur ähneln. Naturkatastrophen. Einflüsse durch den Planeten und von außerhalb. Schüchterne Ahnungen werden sie noch von uns haben, wie wir Ahnungen über die Steinzeit-Revolutionäre besitzen: Das heißt sie werden im Dreck wühlen und aus der Vergangenheit Geschichten erfinden. Manche werden wahr sein. Andere nicht.

Ich halte diese Theorie für sehr logisch und naheliegend, denn in dieser Überlegung, die sich mir vor ein paar Wochen aufgedrängt hat, liegt die Entstehung des Menschen selbst; ich glaube, so ist auch der Mensch entstanden.

Wir wissen nicht mehr wer oder warum wir geschaffen wurden, aber da muss etwas gewesen sein, etwas, dass sich über sich selbst hinaus entwickelt hat, so wie wir es tun, wenn wir denkende Maschinen bauen. Irgendetwas muss sich überwunden haben, vielleicht in einem parallelen Universum, vielleicht in einem Himmel, wer weiß, und es hat sich durch seine Form von Technik und Wissenschaft selbst überwunden, hat sich selbst und seine Existenz in den Schatten gestellt und hat den Urkeim dafür gelegt, was heute ist. So wie wir Leben im Reagenzglas erschaffen, wurden wir einst erschaffen. Und so wie das Leben im Reagenzglas Jahrtausende später nicht mehr nachvollziehen kann, wer das Glas mit Wasser gefüllt und den „URKEIM DES LEBENS“ dort zum Vorschein brachte, so ist es auch umgekehrt: Die Kausalkette, die Zeitgerade ist zu lange, als dass eine Erinnerung möglich ist. Wer immer das Universum, den Urknall, Alles erschaffen hat, dieser Wissenschaftler, den wir Gott nennen, der aber nur das Ende eine Kette von Wissenschaftlern ist, denn er selbst ist sicherlich nur das Ende einer Entwicklung gewesen (oder nicht einmal ein Ende, sondern nur ein Teil davon) die sich über viele Generationen hinzog, Jahrtausende, Jahrmillionen lang um das zu erschaffen, was heute ist; er erschuf aus scheinbar Nichts Materie, so wie wir, die Menschheit, aus künstlich erschaffener Energie und deren Daten eigenes Leben entwickeln werden. Wir kennen diese Lebensform nicht und noch weniger ihre Wissenschaft, die sie verwendet hat. Haben keine Vorstellung davon, wer sie waren, was sie waren und was sie im Schilde führten. Sie sind weder Außerirdische, noch waren sie keine. Sie waren einfach anders. Ein Zivilisation aus (von mir aus) denkendem Nebel (um es zu veranschaulichen), der Fleisch und Gedanken aus Molekülen erschaffen hat, so wie wir heute Roboter bauen (selbst die Robotik hat eins mit Faustkeilen begonnen) Firmen aus komischen Nebeln, Energie und Bewusstsein.

Meiner Theorie nach ist es somit unmöglich zu ergründen was vorher war, wer uns erschaffen hat, ebenso wie die „Maschine“, das höhere Wesen von übermorgen, nicht verstehen wird, wie Bewusstsein in Zellen entstehen kann, ohne Schaltkreise, genauso wenig können wir begreifen, wie es Bewusstsein ohne Zellverbindungen geben kann, die uns am Ende vielleicht sogar auch noch erschaffen hat; aus Gasen und Stein wurde Fleisch, aus Fleisch wurde denkender Kunststoff und Metall, irgendetwas wird auch danach kommen. Die Revolutionen der Evolution hören niemals auf. Während wir immer wieder vergessen werden, gefangen in unserem Alltag und unserem Überlebenskampf, warum das alles geschieht, der schlicht auf die Antwort zurück geht, dass der Nebel es einfach lernte zu können, so wie jemand diesen Nebel aus Bewusstsein erschuf, jemand, für den es in unserem Gehirn nicht einmal mehr eine Metapher gibt.

Natürlich glauben wir da an Zauberei. An Götter. Oder auch nur an einen einzigen.   Und suchen nach einem Sinn. Einer Richtung, die uns sagt wohin. Dabei sind wir alle nur ein Teil einer Bewegung, ein Mosaik, eine Zelle in einer Jahrtausendlangen Entwicklung, die zu etwas Höherem führt, zu etwas, das wirklich göttlich sein wird im Vergleich zu dem, was wir heute kennen und machen können. Eine Form des Übermenschen der nichts Menschliches in sich tragen wird außer: Der gesamten Erinnerung und Intelligenz der Menschheit, die zu diesem Punkt geführt hat. Das wäre doch fantastisch.

Was ich damit sagen will ist, dass jeder Mensch wichtig ist, dass jeder Mensch ein Teil einer höheren Entwicklung ist, dass jeder notwendig ist, ganz egal wie unwichtig er sich fühlt oder er auch behandelt wird und dass der Sinn, das große Ganze nicht im einzelnen Subjekt liegt, nicht einmal in einem Volk, oder einem Jahrzehnt, nein, es liegt im großen Ganzen, in der Gesamtheit der Menschheit, aller Menschen, die jemals gelebt haben und die leben werden. Daran was aus ihr wird. Was sie sich erträumt.  Das Leben ist ein Prozess. Und wir haben Alle daran teil.

Ich weiß nicht wie ihr das seht, ich aber finde das wunderschön. Dass wir alle, jeder, ein Teil von etwas größerem sind, das uns perfekt macht. Das Traurige ist nur, dass wir uns selbst dafür zerstören und überleben müssen, dass Milliarden dafür leiden und geopfert werden müssen. Die Evolution ist kein Zuckerschlecken. Und kein einzelner wird jemals gewinnen können: Jeder von uns ist dazu verdammt einsam und alleine zu leben und zu sterben, oder das Glück begreifen zu können, Teil von etwas unglaublich schönem zu sein. Das ist das Dilemma.