Die Neureichen der Nüchternheit

Heute war ich beim Arzt. Vorsorgeuntersuchung. Ich dachte mir: „Nun ja Bürschen. Ist ja nicht so dass du den besten Lebenswandel hattest. Zu viel Alkohol. Zuviel Tabak. Zu viel Speed, XTC, Kokain… (LSD hätte man natürlich immer ein wenig MEHR nehmen sollen, egal) Mach doch mal lieber die Vorsorgeuntersuchung. Besser ist das. Ernährst dich eh nur von Fertiggerichten, Stress und Red Bull (das wahre Männergetränk). 35 bist du jetzt auch schon fast 10 Monate. Mach mal hin.“

Der Computer sagt zu meinen eingereichten und von ihm analysierten Proben: „Hey yo! Hast das alles gut weggesteckt Bruder. Wenn du keinen Krebs hast, bist du sogar vollkommen gut durchgekommen. High 5!“

Und ich so: „Whaaaat?!“

 

Saubere Sache das Ergebnis. Finde ich natürlich sehr gut.

 

Ich hab die Drogen gut überstanden. Hab neulich auch die letzten Freunde gekickt von denen ich lange dachte, sie wären meine Freunde – waren sie aber nicht (ich halte solange an den falschen Freunden fest, da ich Angst habe verlassen zu werden, da mich Mama damals zurück lies, glaubt der Psychologe in mir). Und wohne nun mit einer schönen, jungen, intelligenten Ärztin zusammen, die ich über alles liebe.

 

Mir geht es super. Besser kann es einem Menschen nicht gehen. Ich bin so glücklich wie ein verdammter Märchenprinz am Ende der Geschichte.

Aber… Und jetzt?

Das ist das Problem. Märchen enden. Der arme, trostlose Schlucker, der von der bösen Hexe, die seine Mutter war, alleine gelassen und verstoßen wurde, hat den bösen Drachen der Sucht besiegt, wohnt in seinem perfekten Schlösschen mit seiner Braut – und nun ist ihm (nach dem Abspann) langweilig.

Hm. Tja. Ja… Schon, schon…

Das ist die Sache wenn man solche Kicks erfahren hat, dass man glaubt Barfuß über die Sonne gegangen zu sein: Die Normalität fühlt sich echt fade an…

Was undankbar ist. Ich habe so ein tolles Leben. So eine tolle Frau, die so viel für mich aufgegeben hat. Und ich scheine trotzdem undankbar zu sein. Was nicht stimmt. Ich bin überhaupt nicht undankbar. Für alles. Das ist sogar das einzige Gebet was ich (wirklich) jede Nacht in mein Kissen flüstere: „Danke lieber Gott, dass mein Leben sich so entwickelt hat im Gegensatz zu dem was war.“ Denn mir ging es richtig, richtig scheiße und dreckig. Also so richtig. Und jetzt ist mein Leben super.

Und trotzdem fehlt mir der crazy shit. Das ist halt das Problem bei uns Neureichen der Nüchternheit: Wir müssen uns an euer Tempo erst einmal gewöhnen. Wir wollen es ja. Und wir wollen so sein wie ihr. Nur nicht… Ganz so… Obwohl. Was war man vorher?

Das dachte ich mir erst als ich bei einer Freundin auf Facebook las, dass ihre Freunde „sooo verrückt!“ seien. Aber die sind nicht verrückt. Kein bisschen. Das sind nur angepasste Primaten, die halt auch noch Drogen nehmen. Wenn überhaupt. Und so ähnlich war ich ja auch. Nur das Leben fühlte sich schneller und extremer an. War es manchmal. Nur bei Gott nicht die meiste Zeit. Die meiste Zeit war der shit nur anstrengend. Und verdammt… Vielleicht fehlt mir sogar der Stress… Wenn man es so gewohnt ist gestresst zu sein…

Ich wollte es meinem Hausarzt – der von meinem Leben keine Ahnung hat – schon bei der Vorsorgeuntersuchung sagen, als er nach Tabak und Alkohol in meinem Leben fragte: „Ja, geht so. Aber ich habe lange Drogen genommen.“

Arzt: „Wie lange?“

Ich mache alle drei Hände auf und zähle die Finger ab, und murmel: „Scheiße. Fast 15 Jahre… 10… Aber doch eher 15…“

15 Jahre Stress, Ekstase und Depri-Phasen. Kein Wunder das einem die Normalität zunehmend langweilig vorkommt. Vorkommen muss. Das ist irgendwie sehr unfair. Doch auch sehr logisch.

Nun. Ich werde mich daran gewöhnen. Und mir eine Aufgabe im Leben suchen. Ein neues Hobby. Irgendwas. Was das Leben ein wenig mehr besonders macht… Den „Muh-Deckel“ auf der Müllermilch-Flasche habe ich schon mal nicht gefunden (ich brauche nicht mal das Geld, es wäre nur nett so eine „besondere Erfahrung“ im Leben zu machen). Doch die Suche ist ein Anfang 😉

 

Hätte alles viel schlimmer kommen können. Sehr gut.

🙂

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