Panikherz – Benjamin von Stuckrad-Barre

„Benjamin von Stuckrad-Barre (BSB)? Ist das nicht der Typ der dieses Buch mit dem Kekswichsen geschrieben hat?“ War er übrigens nicht, gedacht hatte ich das aber schon. Jetzt also so ein DROGENBUCH. Ganz furchtbar, als gäbe es davon nicht schon genug. Selbst. Wenn ich bei diversen Arzt-Besuchen in Zeitschriften mit manchmal mehr und hin wieder weniger Bilder gelesen hatte, dass das Buch so „unglaublich gut“ sein solle. In der Buchhandlung entschied ich mich – zwei Bücher – in der Hand, dann doch für Juli Zeh, was natürlich eine grauenhafte Fehlentscheidung war, danach las sich der später also doch gekaufte Benjamin gleich viel geiler.

 

Drogenbuch? Auch. Und wenn man selbst ein Suchti war, liest man solche Bücher ja mehr wie Pornografie als zur Abschreckung, wie es eigentlich auch nur Kriegs, und keine Anti-Kriegsfilme gibt, die auch nur Leute sehen die Krieg aus irgendwelchen irren Gründen geil finden (bewusst oder unterbewusst) – solange sie nicht mittendrin stehen (das ist dann wie mit den Erdbeben im Film „Texas“.

BSB ist nicht der Typ der in „Crazy“ übers Kekswichsen geschrieben hat, sondern der andere, der auch „Soloalbum“ verbrochen hat; als Buch bestimmt ganz toll, als Film eine furchtbare Klamotte, wenn auch mit guten Hauptdarstellern (Matthias und Nora), was natürlich der schlimmste Verriss für einen deutschen Film sein kann: Wenn ausschließlich die DARSTELLER gelobt werden.

 

Benjamin verarbeitet in „Panikherz“ seine Lebenssünden und philosophischen Erkenntnisse ab, was sich wirklich super weg liest. Gerade die Stellen mit den Drogen. Ich weiß nicht. Andere würde das mit den Drogen vielleicht abstoßen, für mich aber spricht er Dinge aus, die selbst ich mich geschämt habe in meinem auf „ABSOLUTE WAHRHEIT“ getrimmten Drogen-Roman „Der Text zur Nacht“ aus zu erzählen.

 

Denn Benjamin von SB beschreibt nicht nur sein langsames Abgleiten in die Sucht (was keine großen Überraschungen birgt, typische Werdegang), sondern auch diese permanente Sucht und dieses ständige Kaputtsein. Er fokussiert sich auch NICHT wie andere Autoren dieses Genres der Selbsterlösungsbücher (und dafür bin ich dankbar) darauf, wie er in absolut grenzdebilen Momenten Dreck vom Boden einer Toilette geleckt hat weil er es für Koks hielt (z.B.) oder andere absoluten Abstürze, für die man sich als Leser gleich mit schämt, nein nein, dafür aber beschreibt er phänomenal unterhaltsam dieses ständige Draufgeseihe und was das für eine verdammte Arbeit ist, tagelang wach zu sein und dabei immer unterwegs und doch in der Wohnung eingesperrt; selbst da ist immer etwas los, man ist ja ständig wach und voller Energie – an manchen Stellen habe ich mich anerkennend kaputt gelacht, vor lauter Mitgefühl. Voll peinlich, absolut zerstört, kann man keinem eigentlich erzählen: Hab ich genauso gemacht! Der totale Drogenwahn.

Ich zitiere mal Seite 292 f:

 

„Der aus Süchtigenperspektive akzeptable Mittelbau, wenngleich eindeutig zweite Liga: Das sind Leute, die regelmäßig und ohne viel Tamtam Drogen nehmen, es aber IM GRIFF haben, was man daran erkennt, dass sie ein niedliches den Ausnahmecharakter indizierendes TUWORT für Drogennehmen benutzen: FEIERN.

Der wirklich Süchtige hat das lange hinter sich. Was anderen Feier ist, ist ihm Normalität, formal feiert er durch, nur empfindet er dieses Suchtgeschufte keineswegs als Feier, es ist eine vollkommen autistische Veranstaltung. Zwar ergibt es sich, dass passager andere dabei sind, aber mit einer Sucht ist man immer ganz allein, egal, zu wievielt man ihr gerade nachkommt. Die echte Sucht ist ein ganz nach innen gerichteter Irrsinn. Je dichter, breiter, zuer, druffer ich war, desto stiller wurde ich nach außen, denn drinnen tobte der Krieg. Man hat so dermaßen zu tun mit Zähnemalmen, Blinzeln, Chancenlos-Gedankenfetzen-Verfolgen; Lichtersternchen bängen auf die Netzhaut, gern mal ein paar Stündchen gekrümmt und mit komplett angespanntem Körper in irgendeiner Ecke hängen, als sei es die Steilkurve einer Bobbahn. Da ist dann nix mehr mit Eitelkeit, Komplexen, Rollenerwartungen. Außen mag passieren was will, die Party findet inwändig statt.“

 

So isses.

BSB hat aber im Leben zum Glück mehr vorzuweisen als eine respektable Sucht nach Kokain und einen Knacks was sein eigenes Körpergewicht angeht (Stichwort: Mädchenkrankheit). Der Mann war auch Journalist, Besteller-Autor, Drehbuch-Schreiberling und Witzebastler für Harald Schmidt. Und ganz wichtig: Ein riesiger Udo Lindenberg Fan. Diese Lindenbergerei ist es, die sich wie der einzige rote Faden (außer der Sucht) durch sein Leben zieht. Udo forever, immer und überall und da muss man als Leser halt durch, auch wenn man den Typen mit Brille und Hut gar nicht so leiden kann, wie z.B. ich.  Macht aber nichts. Es fügt sich alles super zusammen und am Ende mag man Udo sogar, auch wenn Udo eher ein Symbol ist als eine wirkliche Figur, da können die zwei Freunde geworden sein wie sie wollen. Diese Liebe zum Übervater, zum Startum, Erlösung durch Popularität, das ist gleich noch eine ganz andere Ebene die da herein kommt, noch schlimmerer und amüsanterer Jugendwahn als Drogensucht und die Träume vom ewig schmalen Arsch.

 

Namedropping wird in dem Buch eh großgeschrieben, sehr toll die Szenen mit Helmut Dietl und Bret Easten Ellis: Traumhaft. Diese Übermenschen werden… Nein… Sie bleiben Übermenschen: Nur mit sehr viel Herz. Das aber mit Thomas Gottschalk. Das geht ja nun gar nicht. AufgestellteNackenhaare beim Lesen. Ein Graus. Gottschalk ist ja schon dem Namen nach das ausverbalisierte Missverständnis eines Halbgotts…

Was jedoch ganz herausfällt sind die FRAUEN in seinem Leben. Das ist schon sehr auffällig. Gerade für mich persönlich, da die FRAUEN es waren, die mich aus meiner Sucht herausholten. Nun. Ich hatte auch keine Familie wie der Benjamin sie hat und hatte, die angetreten war um ihn zu erlösen. Irgendwas soll da einmal wohl mit Anke Engelke gewesen sein. Nun ja. Mehr Intimität wird da aber auch nicht erwähnt. Komisch. Diese totale Selbstentblößung hier und dieser absolute Schutz der Partner auf der anderen Seite. Bemerkenswert. Stört nicht. Jeder wie er will – und doch bemerkenswert. Es würde auch nicht ganz zum Thema des Buchs passen, denn hier ist nur Platz für den Fan und seine Stars.

 

Der Benjamin ist kein Dummer. Und so liest sich sein Buch auch. Es macht sehr viel Spaß und ist dabei überhaupt nicht traurig, obwohl so viel Traurigkeit und menschliche Makel erzählt werden. Melancholisch vielleicht, von Trauer nur keine Spur. Man muss ja nicht gleich Trauer markieren um im Rückspiegel die Philosophie des Weltbürgers und ewigen Fans zu etablieren.

 

Das Buch ist einfach gut und rund so wie es ist. Dabei. Macht es mir gar keine Lust die anderen Bücher von Stuckrad-Barre zu lesen. Das Ding gut so wie es ist. Mehr brauche ich gar nicht. Der ist für mich auserzählt – kein zweiter Akt 😉 Das ist etwas Gutes.

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Juli Zeh lügt

Gerade lesen wir – in diesem Fall wirklich WIR – Bücher von Juli Zeh. Meine Freundin liest „Spieltrieb“, dass sie aus meinem Bücherregal genommen hat, ich bin an Zehs neuem Roman „Unterleuten“, welches bald irgendwo im gleichen Regal stehen wird.

Ich mochte „Spieltrieb“ nicht wirklich, auch wenn ich es nicht ganz furchtbar fand. Danach hatte ich aber auch keine Lust weitere Werke der Autorin zu lesen. Ein paar Jahre später sah ich sie auf Kulturzeit und da kam sie zwar nicht gerade sympathisch doch sehr „authentisch“ 😉 herüber. Also warum der Autorin die einen klaren, fast schon wuchtigen Charakter ausstrahlt (nicht von der Optik, liebe Sexisten) nicht noch einmal eine Chance geben?

Meine Freundin findet „Spieltrieb“ auch nicht so toll. Es is gut. Es ist lesenswert. Es ist jedoch auch viel zu konstruiert. So spricht kein Jugendlicher mit einem anderen, auch kein Hochbegabter mit einem anderen – und meine Freundin muss es wissen, denn sie ist und war hochbegabt und geht jedes Jahr zu deren Big Jahresevents, die dann auch gleich ein ganzes Pfingstwochenende andauern. Für mein Befinden ist es nicht einmal ein Problem das die Bücher so konstruiert wirken – jedes Buch ist eine Konstruktion – es ist viel mehr das Gefühl das man auf jeder Seite (nicht gleich in jedem Satz) das Gefühl vermittelt bekommt, dass sich die Autorin für ach so klug hält.

Das merkt man auch in ihrem neuen Roman über das Dörfchen „Unterleuten“, in welchem sie verschiedene Parteien einer Dorfgemeinschaft als quasi reduzierten (oder doch aufgeblähten) Gesellschaftsroman darstellt. Sie paktiert mit ihm, der mit dem. Und die einen und die anderen haben schon seit Jahrzehnten Streit weil sich kein Mensch die Zeit gibt nach der wahren Kausalität der Menschen zu fragen: Warum bist du wie du bist und warum machst du daraus aus mir der, der ich bin?

Das macht sie gut. Wirklich. Das ist auch lesenswert und unterhaltsam – aber es liest sich insgesamt wie eine große Lüge, die aus kleinen Wahrheiten aufgebaut ist. Juli Zeh lügt und ich denke nicht, dass sie das aus böser Absicht macht. Es sind Notlügen um ein großes Konstrukt darzustellen, dass man bei einem groben Blick auf die Situation so deuten mag, nur entspricht es nicht der Wahrheit. Die Menschen sind zwar auch so, sie sind es nur nicht.

Ich weiß gar nicht warum mir das immer bei der Frau Zeh so übel aufstößt. Wahrscheinlich liegt es daran, wie groß sie doch im Kleinen scheitert.

Fairerweise muss ich sagen, dass ich erst zweidrittel des Buches gelesen habe und falls sie mich noch überzeugen sollte, werde ich mich gerne entschuldigen und meine Meinung ändern. Denn ebenso wenig wie man ein Buch nach seinem Umschlag beurteilen sollte, darf man ein Buch nicht nach seinem Anfang beurteilen. Nur. Der Ton der Erzählung ist jedes Mal so überlegen, so strukturiert, dass es mich wundern würde wenn es noch zu echten Überraschungen kommen kann.

Deswegen lesen „die Leute“ diese Bücher. Diese Bildungsbürgerbücher. Weil sie sich und ihre Intelligenz bestätigt fühlen. Sie mögen diese Klischees, so wie andere Kunden wegen ähnlicher Figurenzeichnungen „Fantasy“-Romane verschlingen; man fühlt sich und sein Weltbild bestätigt. Ich weiß nicht einmal ob das schlimm ist. Ich könnte nicht einmal sagen, ob das bei anderen Autoren überhaupt anders ist, geschweige denn anders sein kann. Nur bei Zeh fühlt es sich so offensichtlich an. So Kopfgeboren. Notlügen eben.

Bei den Amazon-Bewertung zu „Unterleuten“ habe ich gerade beim Überflug den Satz gesehen: „So hätte es seien können.“ Ja. So ist es. So war es nur nicht. So ist es mit der Meinung zu „Unterleuten“ genauso, wie es sich mit den Figuren und der Handlung in dem Roman verhält.

 

Nachtrag:

In Wahrheit ist es nicht mehr als eine schnöde Kopie von Stephan Kings „Needful things“ nur ohne Teufel u auf pseudo intellektuell gebürstet…