Das bedingungslose Grundeinkommen gegen die Corona-Krise?

Ausnahmesituationen bringen meistens komische Nebeneffekte mit sich. Das ganze Land ringt direkt oder indirekt mit den Auswirkungen der Corona-Krise (endlich mal macht das Wort „Krise“ einen Sinn, da diese Krise im Gegensatz zur Flüchtlingskrise aller Berechnung nach enden wird), viele Menschen können ihrer Arbeit nicht nachgehen und bangen um ihre Existenz. Eine Großzahl meiner Freunde und Familienangehörigen müssen via Kurzarbeit ihr Geld verdienen, was natürlich eine unschöne Sache ist. Denn die Rücklagen sind knapp – wenn überhaupt vorhanden. Ich und meine Frau arbeiten in Systemrelevanten Jobs. Von Kurzarbeit spricht bei meinem Job noch keiner. Könnte jedoch auch kommen. Ich muss also arbeiten, bin jedoch als Bayer wie jeder andere am Wochenende in unserem Haus eingesperrt. Ja. Wir wohnen in einem Haus. Das ist schon angenehm. Hin und wieder gehen wir spazieren, was sich in diesen Zeiten wie ein Ausflug in den Gefängnishof anfühlt. Und natürlich wird viel durch das Handy gescrollt. Facebook. Instagram. Ihr wisst schon. Dabei stieß ich auf einen Artikel, den eine Bekannte geteilt hat. Er ist von Change.org und (ich weiß jetzt nicht wie man es bezeichnet) als Titelbild des Eintrags/Links steht dort ein rot durchgestrichenes „Hilfskredite“. Darunter: „Grundeinkommen für 6 Monate“. Und obwohl jeder Mensch Petitionen starten und unterstützen kann wie er will, finde ich das nicht gut.

Denn. Es gibt ja nicht nur Hilfskredite. Es gibt auch Soforthilfen (wenigstens hier im bayerischen Freistaat), die nicht zurückgezahlt werden müssen (bis 30000 Euro – ist ja auch nicht wenig). Den Begriff „Hilfskredite“ kann man schnell googeln und herausfinden was dahintersteckt. Es gibt verschiedene Programme, die mittelständischen und anderen Unternehmen helfen sollen, durch die Krise zu kommen. Und ja. Manches Geld muss man zurückzahlen. Anderes nicht. Über die Fairness und Unfairness solcher Programme kann man lange debattieren. Die einen fühlen sich ungerecht behandelt, Kredite für eine Krise aufzunehmen, für die sich nichts können. Während wieder andere sich darüber echauffieren, dass überhaupt Staatliches Geld an Unternehmer und Firmen verschenkt wird (auch dieses Geld kommt ja auch irgendwoher und wird jetzt nicht schnell gedruckt).

Klar. Ich bin jetzt kein totaler Idiot. Die Wirtschaft muss stabilisiert werden. Den Menschen geholfen. Ich will ja auch nicht, dass die Menschen reihenweise arbeitslos werden. Deswegen finde ich diese Mischung aus Soforthilfe und Krediten gar nicht so verkehrt. Denn wer weiß schon genau wie es dem Betrieb vor der Krise ging? Seien wir man nicht naiv. Gerade in Krisenzeiten stopfen sich unmoralische Menschen die Taschen voll.

Diesen Aufruf von Change.org hat eine Bekannte von mir geteilt, die Künstlerin ist. Also so richtig Kunst studiert hat. Ausstellt. Und davon sicherlich mehr schlecht als recht lebt. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. So nahe sind wir uns jetzt nicht. Sie ist aber – um diese Debatte im Keim zu ersticken – eine nette Person und ich hab Sympathien für sie und ihr Schaffen. Dennoch schmeckt mir das nicht, wenn Leute, die schon Hilfen bekommen (können), dann für ein 6 Monatiges Grundeinkommen trommeln.

Die Argumentation ist klar: Wenn ich sicher 6 Monate Geld bekomme, kann ich mit diesem Geld planen und Projekte starten. Es ist nur ein Grundeinkommen. Keine Millionen. Und jetzt kommt es darauf an, wie man zum Grundeinkommen an sich steht. Wisst ihr. Als ich 17, 18, oder von mir aus 20 Jahre alt war, wäre ich durchaus für ein Grundeinkommen gewesen. Klar. In diesem Alter ist man sehr empfänglich für diese Idee. Man kann seine Träume leben und verwirklichen. Automatisch FAUL muss man nicht sein, als Grundeinkommen-Empfänger. Das ist ein Vorurteil. Ich bin aber keine 20 mehr. Ich werde in diesem Jahr 40. Die Hälfte meines Lebens habe ich einen Job gemacht, den ich nicht besonders mag. Auf der einen Seite kann man jetzt sagen: „Selber schuld du Idiot“. Während ich auf der anderen Seite betonen will und muss, dass nicht jeder seinen Traumjob machen kann. Es gibt nun einmal Jobs, die einfach gemacht werden müssen, wie wir gerade in diesen Tagen vorgeführt bekommen. Das sind oft undankbare Jobs mit mieser Bezahlung. Schlechten Arbeitszeiten. Oder körperlich so zermürbend, dass wir keine guten alten Frauen/Männer abgeben werden. Doch die Jobs müssen gemacht werden. Und wir brauchen Geld. Sei es nun als Bäcker, Getränkehersteller, LKW-Fahrer, Kassierer oder Pflegekraft (und ja, jeden dieser Jobs kann natürlich auch eine Frau machen). Das sind Jobs, wo man sich nicht einfach mal so eine Auszeit nehmen kann, um dann Bedingungsloses Grundeinkommen zu erhalten, da du im Normalfall wieder schwer in deinen Beruf einsteigen kannst. Jobs gibt es nicht ohne Ende. Du kannst dir bei solchen Karrieren nicht einfach Auszeiten nehmen. Besonders nicht, wenn man wie ich auf dem Land lebt. Wenn du raus bist, bist du raus. Nicht zwangsläufig. Nicht für immer. Doch die Gefahr ist da. Also. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde diesen Teil der Gesellschaft. Diesem UNVERZICHTBAREN Teil der Gesellschaft. Nicht viel bringen. Wir können nicht einfach so Auszeiten nehmen und Projekte starten. Nein, wir sind es, die euch in Krisen-Zeiten eure Nahrung herstellen, bringen usw. usf. Jetzt in diesem Zeitgeist der aktuellen Tage mag man brav „Danke, danke“ zu uns sagen und Lieder von Balkonen trällern. Doch im Normalfall bekommen wir Arbeitssklaven nicht einmal ein Lächeln von „euch“ (wer immer „Ihr“ auch seid). Also. Tut mir leid. Ich muss jetzt in den Tenor einstimmen, der gerade durch die Online-Plattformen wandert: Bezahlt doch lieber einmal die Systemrelevanten Leute richtig, anstatt darüber zu fabulieren Menschen fürs Nichtstun zu entlohnen.

Das ist jetzt kein Diss gegen die Kunst. Ich bin selbst künstlerisch tätig (auch wenn ich davon nicht lebe) besuche viele Veranstaltungen und gehe gerne ins Museum. Kunst muss unterstützt werden. Doch es geht ja nicht um eine bessere Unterstützung der Kultur und Kunst in diesem Land, sondern um ein Grundeinkommen für jene, die sonst etwas machen wollen, außer an der Kasse zu stehen.

Tut mir leid.

In diesen Zeiten nach einem BEDINGUNGSLOSEN Grundeinkommen zu trommeln, empfinde ich denen gegenüber unsolidarisch, die euch dieses Grundeinkommen ermöglichen könnten. Und. Die davon nichts haben werden. Wir. Die Systemrelevanten Trottel. Ja. Ich verdiene gut, hab einen sicheren Job. Und werde im Alter trotzdem ein halber Krüppel sein: Ich arbeite körperlich schwer. Deswegen sind mir natürlich bessere (also fairere) Renten und eine bessere Bezahlung für z.B. Altenpflegekräfte wichtiger als ein Grundeinkommen für angehende DJs und Bildermaler, die sich selbstverwirklichen wollen und auf die Hilfe des Allgemeinwohls hoffen. Denn sollte der große Rubel bei Frau Künstler und Herren DJ einmal rollen, wird dann ja leider auch nichts an die Gesellschaft zurückgegeben. Es war ja ein bedingungsloses Grundeinkommen. Kein Hilfskredit.

Seid solidarisch in Zeiten der Krise?

„Seid solidarisch in Zeiten der Krise.“ Gute Idee. Nur. Wieso überhaupt nur in diesen besonderen Corona-Tagen?

Die ersten, die um Solidarität baten, waren die Clubs- und Konzertveranstalter. Diese armen Unternehmen, die von der Hand im Mund leben müssen. Auf einmal. Und natürlich, freilich. Jemand wie ich, der seit zwei Jahrzehnten die Club-, Konzert- und Party-Kultur liebt, ist da sofort mit dem Herzen und dem Geldbeutel dabei. Für die Szene, die man liebt. Wobei… Ein fader Beigeschmack bleibt. Über die Jahre habe ich den einen und anderen Veranstalter, Club-Pächter und Kulturschaffenden kennengelernt. Verallgemeinerungen sind schwierig, dennoch hat sich für mich (ich, ich, ich persönlich) nach einem eher unschönen Lernprozess das Gefühl und die Meinung herauskristallisiert, dass sich nicht wenige dieser Veranstalter für etwas Besseres halten. Nicht Alle und Jeder. Natürlich nicht. Insgesamt herrschte dennoch oft der Tenor vor, dass normale Arbeitsleute wie ich nicht ganz so toll seien. Schließlich sei ich nur angestellt. Nicht mein eigener Herr. Und als Lohnsklave in meiner an ihnen gemessenen Uncoolness eh nicht der Hellste. Sie dagegen würden wissen wie der Hase läuft. Besonders die süßen kleinen Häschen, die ich nur in meiner Phantasie vernaschen könnte. Oder Abitur nicht los! Du verstehn?! Ich bin Hoch- und Club-Kultur – und du nix! ICH LASS DIE PUPPEN TANZEN! VON DEINEM GELD! UND DU KANNST FROH SEIN WENN ICH DICH IN MEINEN LADEN LASSE!!! (Grüße an M. Dich meine ich nicht).

Als es dann hieß, erst Großveranstaltungen über 1000 Personen, und dann ein paar Tage später, Bars und Clubs müssten wegen der Krise generell schließen, sagte meine Frau: „Klar, die unwichtigen Sachen machen zuerst dicht.“ Bei meinen Freunden natürlich: Aufschrei. Absolut WICHITG sei das Ganze. LEBENS-NOT-WICHTIG!!! Und wir so mit einem Achselzucken: Ja ne… Eigentlich nicht… Salz in der Suppe. Okay. Aber Lebensnotwichtig… Sind doch wieder einfache Arbeitsleute wie wir. Die euer Essenmachen. Es liefern. Es euch verkaufen. Wegen denen ihr Strom habt. Wasser. Und so Typen wie meine Frau. Im Medizinischen Bereich.

Das klingt jetzt ein wenig spöttisch. Ganz so gemeint ist es jedoch nicht. Dennoch. Wo ist die Solidarität im Nicht-Krisen-Fall? Wo ist das Mitgefühl, das Verständnis und die Nachsicht im Alltag? Das wird jetzt kein Mutter-Theresa-Text, von wegen: „Lasst uns doch auch in Zukunft bessere Menschen sein!“ Denn die Normalität ist (wahrscheinlich) nur ein halbes Jahr entfernt. Die Kanäle in Venedig werden wieder verseucht vom Tourismus sein. Die Luftverschmutzung über China mit den Händen zu greifen. Ich glaube nicht wirklich an einen großen Lerneffekt „der Menschheit“. So wünschenswert es auch wäre. Und. Sind wir mal ehrlich. Nicht wenige von uns normalen Leuten hat es sehr gewundert, dass die Industrie in Europa zum Wohl der Menschen zurückgedreht wird. Denn bisher war Geld wichtiger als ein paar tausend Tote, von denen wir in Deutschland zum Glück noch weit entfernt sind. Versteht mich nicht falsch. Es ist toll, gut und wichtig, dass Wohl der eigenen Bürger über industrielle Interessen zu stellen. Nur sollte auch an jedem anderen Tag so sein. Nicht nur mit einer Pandemie vor Augen. Also hier mal ein kleines thumps-up für unsere Politiker. Ja. Nein. Doch. Vielleicht ist das hier doch so ein kleiner, verkappter Mutter-Theresa-Text. Vielleicht wünsche ich mir tatsächlich ein wenig mehr hineinfühlen in andere Menschen. Und mehr Rücksicht. Mehr Solidarität Leuten gegenüber, die in einer ähnlichen, nur nicht in der gleichen Lebensrealität leben wie man selbst. Und ja. Auch ich bin nicht Mutter Theresa. Trotzdem. Den arbeitenden Leuten kann man doch auch einmal Respekt entgegenbringen. Danke sagen. Was Ordentliches bezahlen. Und vergesst „die Pflege“ nicht.