„the xx“ live in München, es war der 24.02.2017

„The xx“ ist eine der wichtigsten Bands einer ganzen Generation. Nicht meiner Generation. Für die bin ich im Prinzip ein wenig zu alt und ich habe vor ein paar Jahren nur einmal bei ihnen hineingehört, weil sie so ultra angesagt waren. Das Konzept war damals ganz klar: Minimalistische Rock/Indie-Musik über die Liebe, die sich auf den Wechselgesang zwischen Mann und Frau stützt. Er (Simon) mit einer coolen, kalten Stimme (rauchig ohne rauchig zu sein) und sie (Romy), mit einer  reduzierten und doch umwerfend Stadion füllenden Stimme. Das erste Album: Welterfolg. Nach dem zweiten, dass fast schon zu sehr nach dem ersten klang, hätte man sie auch schon wieder in ihrer Schublade vergessen können. Wäre dann nicht das Solo-Album ihres Drummers/Keyboarders erschienen (Jamie), auf dem er mehr als geschickt, richtig bahnbrechend Musik sampelte und loopte, obwohl die gesamte elektronische Musik der letzten Jahren aus nichts anderem bestand: Jamie machte das auf seine Art einfach besser als andere, machte es zu einem ungewohnten und doch catchy Musikerlebnis. Nun also, beim dritten Album und bei der Tour dazu, haben sich diese musikalischen Ebenen vermischt und aus dem melancholischen, hingehauchten Indie-Trio ist eine Indie-Pop-Band geworden. Mit ganz viel Soul.

Da stand ich dann also, noch übelst erkältet, vollgestopft mit chemischen Hilfsmitteln. Hätte meine Freundin nicht Geburtstag gehabt, wäre ich vernünftigerweise lieber im Bett geblieben. Dann hätte ich aber auch was verpasst.

ERWARTET hatten wir eine Bühnen-Show, so wie „the xx“ auf Platte klingen. Lethargische Performance ohne große Gesten, ein Dahinblubbern der Melancholie. Und obwohl die Band natürlich ihre zu erwartenden Lieder spielte, klangen sie ganz anders.

Das hat zum einen mit dem Schall zu tun. Musik beschleunigt immer ein paar Umdrehungen, wenn man ihr live ausgesetzt wird. Die Boxen sind so etwas wie Brandbeschleuniger. Zum anderen will und wollte die Band auch poppiger klingen, weswegen die Beats sehr geschickt eingesetzt wurden und die Samples zu Überleitungen wurden; das war wirklich sehr geschickt gemacht; den „Jamie xx“, den muss man sich auch mal solo anhören. Und ganz wichtig: Romys Stimme klingt live einfach nur phantastisch. Ich würde jetzt gerne ein Video hier anhängen, doch der Live-Effekt geht in der Konserve leider absolut verloren. Am besten finde ich noch den Vergleich, wenn man seine eigene Stimme auf Tonband aufnimmt und sich sie dann anhört:  Es klingt ungewohnt, ein wenig metallisch. Und so ist es auch mit Romys Stimme auf Band, denn live und in echt ist sie einfach nur: Hammer. Und dass im Münchner Zenith, dass nicht gerade für seine besonders gute Klang-Akustik bekannt ist.

 

„The xx“ gelten als sehr schüchterne, introvertierte Band. Doch ich weiß nicht was dabei alles Show ist.  Schließlich treten sie bei ihrer Tour jeden Abend vor 6000 Leuten auf. Und kommen trotzdem noch total süß und eingeschüchtert rüber, richtig zum Knuddeln. Wobei es schon ein wenig seltsam ist wenn ein Mensch mit einer Hammerstimme die Menge umhaut und dann kaum ein Wort herausbringt, wenn es darum geht drei Sätze zu sagen… Sei es darum. Es war irgendwie ein sehr intimer Abend bei welchem man der Band ihr Image voll abkaufte.

 

Bühnenshow technisch war ich beeindruckt. Zwar war es jetzt kein absolutes Big-Player-Aufgebot was die Lichtfraktion dort oben bot, doch der geschickte Einsatz der Spiegel und der Disco-mäßig drehenden Säulen machte schon ein angenehm geiles Top-of-the-pops-Erlebnis daraus, ohne kitschig oder zu gewollt zu erscheinen. Und gerade als der große Deckenspiegel herunterfuhr und man mal sehen konnte was Jamie oben alles für Maschinen und Drums stehen hatte, aus denen er seinen Sound heraus arbeitete – anders konnte man das konzentrierte Treiben dort oben nicht deuten – machte das einiges her.

Los ging es mit „Say something loving“ und danach kam sofort ihr größter Hit und Durchbruch: „Crystalised“. Bei der 90 Minütigen Show wurde fast das komplette neue Album gespielt, auch viele alte Sachen, wobei von denen einige unter den Tisch fielen (z.B. „heart skipped a beat“), was mich überhaupt nicht störte. Das Set war einfach so dermaßen rund und gut, das mir nichts fehlte… Damit hatte ich nicht gerechnet. Und dass die Band so mega nett und familiär auftrat… Da die verletzliche Romy, oben der Handwerker Jamie. Und auf der anderen Seite der Bühne Simon, der Ruderer, der mit seinem Bass versuchte das Selbstbewusstsein der Band aufzurühren.

Natürlich wurde auch das bekannteste Intro aller Zeiten gespielt:

Schluss war dann mit „Angels“, dass gerade eben nicht perfekt auf die Bühne gebracht wurde; ein kurzer, überhaupt gar nicht peinlicher, doch intimer Moment  des Verspielens, der zu einer kurzen Unterbrechung und einer lächelnden Improvisation führte, brachte Band und Publikum endgültig zusammen. Schön.

Gar nicht schön war dagegen die Vorband. Irgendein Frickler der elektronischen Musik, der da oben sehr gekonnt an seinen Geräten herum schraubte aber nur urlangweilige „Musik“ seinen Geräten entlockte, die vom Langeweilefaktor zu einigen SPEX-CDs gepasst hätte. Das vergessen wir ganz schnell…

 

Nicht so schnell vergessen werden wir den Auftritt der Band „the xx“. Am bezeichnenden ist wohl, dass wir uns am Tag danach Musik von der Band anhörten, was nach den meisten Konzerten für mich nicht möglich ist. Normal ist man zu gesättigt mit Musik. „the xx“ haben Hunger gemacht.

Brief an den Chef

Sie haben mir heute die Monatszahlen unserer Gesamtproduktion vorgeführt, um auf das Gespräch von gestern zu reagieren, in dem ich darauf hingewiesen habe, dass ich kurz vor einem Burnout stehe und, wenn sich nichts an der Produktion und deren Tempo ändert, über kurz oder lange Gesundheitliche Schäden davon tragen werde, dich mich unfähig machen werden für eine kürzere oder sogar längere Zeit an der Arbeit und am sozialen Leben selbst teilzuhaben.

 

Mit ihren Monatszahlen wollte sie mich motivieren, denn laut diesen Zahlen produzieren wir gerade einmal die Hälfte von dem, was vor drei Jahren vom Hof gefahren wurde. Ich glaube ihnen, dass diese Zahlen stimmen. Sie sind exakt in SAP eingetragen worden und stehen für das was sie sind: Ausstoßzahlen unserer Firma. Doch so wahr diese Zahlen auch sind, so falsch sid sie auch im Bezug auf meine körperliche und geistige Gesundheit. Denn diese (wie sie von mir ihnen gegenüber genannte wurden) „nackten Zahlen“ sagen nichts aus, bis auf die Tatsächlichkeit der Existenz des hergestellten Produkts im Bezug auf vor drei Jahren.

 

In der Zahl ist nicht aufgeführt, dass wir inzwischen 2 Leute weniger in der Produktion sind, dazu kommt ein Landzeitkranker, der in den letzten 3 Jahren nur insgesamt 2 Monate gearbeitet hat. Es ist nicht enthalten, dass die Maschinen inzwischen noch veralteter sind und dass teilweise zwar neue angeschafft wurden, diese aber noch nicht so eingestellt sind – schließlich sind sie gebraucht von den beiden Partnerfirma geliefert worden – wie wir es benötigen, da wir nun ein Mischmasch von drei (!) Firmen in unserer Halle stehen haben, deren Maschinen aus unterschiedlichen Baujahren und damit Fähigkeit sind. Auch ist nicht aufgeführt, dass wir die alten Maschinen selbst (teilweise an Wochenenden) selbst abbauen und darauf folglich auch mit dafür verantwortlich waren, die Neuen mit aufzubauen. Es ist nicht enthalten, dass unsere Kompressoren nur noch auf halber Energie arbeiten, und wir deswegen manche Arbeitsbereiche nicht gleichzeitig fahren können.

 

In den Zahlen ist  zwar enthalten, dass wir  nicht mehr so viele Stückzahlen produzieren, doch immer mehr kleiner Margen in höherer Anzahl, was ein ständiges Umrüsten und Überprüfen zur Folge hat.

Weiterhin ist in diesen Zahlen nicht aufgeführt, dass wir kurz vor dem Zeitpunkt einer Zertifizierung stehen und wir deshalb Arbeitsschritte verändern müssen und mussten, und deswegen einen höheren Sicherheitsstandard erfüllen, was mehr Probenahmen und Überprüfungen zur Folge hat – mit immer weniger Leuten. Dies verlängert die Arbeitszeit erheblich.

In den verglichenen Monatszahlen steht nicht, dass Arbeitskollegen in Rente gegangen sind und nun als Teilzeitkräfte am Produktionsprozess teilnehmen, aber eben nur in Teilzeit. Überhaupt ist der menschliche Faktor gar nicht berücksichtigt.

 

Überstunden, Dauererkrankungen im Vergleich zu damals sind überhaupt nicht aufgeführt, so wie die Persönlichkeit und der Background der Belegschaft im Speziellen. Es ist nicht darin enthalten, dass mancher Kollege Nachwuchs bekommen hat und deswegen a) Elternteilzeit genießt (was jeder Manns und Fraus Recht ist, verstehen sie mich richtig) oder b) durch den Schlafentzug den ein Säugling hervorrufen kann nicht volle Leistung bringt und nicht mehr universell einsetzbar ist.

Körperliche wie geistige Komponenten sind in den Zahlen überhaupt nicht enthalten. Denn, guter Herr Chef, auch wenn früher sicherlich nicht alles besser war und es sich nicht alles zum Schlechten gewandelt und sich natürlich auch einiges gebessert hat, muss man auch die Menschen von damals zu heute vergleichen. Niemand von uns ist jünger geworden. Hunderte Überstunden für jeden, die niemals abgefeiert werden können, obwohl dies Vertraglich so vereinbart ist, wurden angehäuft, manche Arbeitskollegen haben im September  noch den Urlaub von letztem Jahr, während andere schlicht und ergreifend gar keinen zusammenhängenden Urlaub nehmen können, da es keine Zweitbesetzung für ihren Arbeitsplatz gibt.

 

In den Zahlen ist auch nicht das Geschäftsklima erfasst, der Teamgeist oder dass jeder Mensch verschieden ist; der eine arbeitet mehr, der andere weniger; einer macht in der gleichen Zeit das Doppelte, während der andere lieber Überstunden macht um das Selbe zu erreichen. Es steht nichts über die individuelle Belastung in den Ziffern und wie der Mensch damit umgeht. Außerdem muss ich anmerken, dass die Belegschaft nie danach gefragt wurde, ob die Margen in Unterbesetzung überhaupt auf längere Zeit eingehalten werden können.

Nach der Privatperson und seinen Problem wird ohnehin nicht gefragt, jedoch, es ist ein Faktor.

 

Sie, mein Chef, sagen, dass bei jener Anzahl von Menschen eine gewisse Anzahl von Gütern hergestellt werden muss, da dies bei Firma A auch der Fall ist. Doch ob Firma B überhaupt mit Firma A gleich gesetzt werden kann, diese Frage wird offensichtlich nicht abschließend geklärt, obwohl klar ist dass es keine Firma eins zu eins im anderen geben kann – das ist unmöglich, selbst wenn eine Firma ein planerischer Klon der anderen wäre; denken sie an den menschlichen Faktor.

Firmen sind organische Einzelwesen, wie der Mensch selbst, die sich ähneln und in Medizinischer Hinsicht das gleiche Grundkonzept verfolgen, doch so wie jeder Mensch am Ende unterschiedlich zu seinem Gegenüber ist – obwohl jeder über ein Herz, eine Lunge usw. verfügt (in den meisten Fällen) – ist auch jede Firma ein ganz eigener Mikrokosmos, der durch keine Zahl mit einer anderen Firma identisch gemacht werden könnte; Vergleiche können angestellt werden und um beim Beispiel der Medizin zu bleiben: Diagnosen müssen gemacht werden und dafür gibt es Lehrbücher und die Wissenschaft. Und selbstverständlich benötigt man dafür auch die Mathematik. Aber die falsche Diagnose beim falschen Patienten kann eine Katastrophe bewirken.

 

Ich weiß, mein Herr, dass sie ein gebildeter Mann sind. Und ich weiß auch, dass sie um all das was ich gerade aufgezählt habe – und bei dem noch viele Komponenten fehlen – selbst wissen. Ihnen ist das bewusst, dass diese Zahlen viel, und doch gar nichts aussagen.

Ich nehme an, dass sie mir die Zahlen gezeigt haben, um mich zu motivieren, denn andernfalls wäre es ein Scherz über meine geistige Intelligenz, wenn sie glauben würden, ich würde darauf denken: „Aha, heute ist alles besser als früher. Zahlen lügen nicht. Ich muss mir meine körperlich/geistige Schwäche nur einbilden.“

„Zahlen lügen nicht“, das ist richtig. Man muss die Zahlen aber auch in das richtige Verhältnis stellen. Und vor allem muss man sie in das richtige Verhältnis stellen wollen.

 

So schließe ich mein Schreiben an sie, wohlwissend, dass sich daraus nichts ändern wird, denn unser Wissen um die Falschheit dieser richtigen Zahlen, wird niemals die Befehlskette nach oben kriechen, da ihr Chef, mein guter, lieber und tüchtiger Chef, zu ignorant ist um die Zahlen richtig zu lesen, obwohl selbst er weiß, da auch er intelligent ist, was diese Zahlen wirklich bedeuten und deswegen Unsinn behauptet, wie zum Beispiel das wir genug Leute sind, diese aber nur falsch eingeteilt seien. Dies haben sie mir vor meinem Eintritt ins Wochenende erklärt worauf ich lachend meinte: „Blöd, dass der Chef keine Ahnung hat“, worauf sie meinten: „Woher soll er auch eine Ahnung haben? Er ist im Mutterkonzern und nie da.“ Umgekehrt hätten sie auch keinen Überblick wie es im Mutterkonzern zuginge. Und ich konnte mich nur wundern, wie ein Chef ein logistischer Vorstand einer Firma sein kann, wenn er gar keinen Überblick über die Firma hat, für die er die Verantwortung trägt. Das ist kafkaesk, ebenso wie es kafkaesk ist zu glauben, Produktionszahlen sind tatsächliche Zahlen.

Hiermit verabschiede ich mich ins Wochenende, lieber, gütiger und geliebter Chef. Und ich entschuldige mich dafür, dass man in meiner Jugend noch Geld in die Bildung investiert hat, die einem reibungslosen Arbeitsverlauf manchmal im Weg stehen.

 

Dienerhaft ihr

Paul Fleming.

Heute ist schlimmer als gestern

Bamm. Da ist es passiert. „Dumm gelaufen“ bin ich, wortwörtlich. Bin in der Arbeit gegen eine offene Dachlucke gekracht. Die Kopfhaut unter dem Haaransatz öffnete sich wie eine pralle Frucht und das Blut färbte meine blonden Haare rötlich. Meine darauf greifende Hand sah aus wie ein Händeabdruck an einer Kindergartenwand.

Heute ist schon wieder ein Tag später. Mein Gehirn ist leicht erschüttert, mir ist übel. Der Kopf tut etwas weh. Ich fühle mich ein wenig doof; sehr doof sogar. Der Arzt erklärt mir, dass das ein normales Gefühl sei. Boxer zum Beispiel dürfen nach einem Kampf auch 2 Monate nicht mehr trainieren oder kämpfen. Möglich dass das wahr ist. Mir aber haut man in der Arbeit nicht häufiger auf den Kopf, ich sehe den Zusammenhang nicht. Werde aber dennoch von dem studierten Mann mit dem komischen Vergleich krankgeschrieben. Heute. Morgen. In die Arbeit gehe ich natürlich trotzdem. Ein paar Stunden lang. Weil jeder von uns einzigartig und nicht zu ersetzen ist.

 

Bei dem Arzt, der nicht mein gewohnter Hausarzt ist, arbeitet eine liebe Freundin von mir. Deswegen nahm der Chef mich früher dran. Und sie setzte mich zum Warten für den Krankenschein vor das Labor, nicht zurück ins Wartezimmer, wo Kinder und alte Frauen krakeln, als gäbe es keine Schönheit auf der Welt und keinen Morgen mehr. So fühle ich mich auch. Heute ist schlimmer als gestern im Kopf. Merkwürdig.

 

Neben mir sitzt ein alter Lehrer von mir, den ich lange aus den Augen verloren habe und erzählt  die Geschichte, die er unserer Klasse damals erzählte, als er ganz traurig war. Damals erzählten Lehrer noch private Geschichten im Unterricht. Einfach so. Ich weiß nicht wie das heute so ist.

Es war die Geschichte seines Bruders, der, ich weiß nicht mehr in welchem Jahr, von einem Bombenanschlag getötet wurde. Der Bruder war ein kollateraler Schaden, vielleicht war er auch mit ein Hauptanschlagsziel, so genau lies und lässt sich das bei der Form des Terrorismus nicht sagen, der möglichst viele Menschen umbringen will, wenn er schon nicht das Hauptziel terminieren kann. Ich weiß nicht mehr mit Bestimmtheit ob es die „RAF“ war, „die Bewegung 2ter Juni“ oder sonst für ein Verein. Auch jetzt frage ich den alten Lehrer nicht danach.

Der Mann mit seinem dunklen Bart, der damals als ich ein Kind war viel älter aussah als jetzt, wo er im genau gleichen Alter wieder neben mir sitzt, erzählt die traurige Geschichte aus der Ich-Perspektive, die Geschichte aus dem Blick der Hinterbliebenen, wie das so ist, wenn der eigene Bruder, die eigene Frau oder, Gott bewahre, das eigene Kind, Opfer einer Terroristischen Mörderei wird. „Früher, da waren Terroristen Teil eines kollektiven Wahns. Heute, sind das nur noch Werte Egoisten. Jeder tötet für sich allein. Jeder stirbt für sich allein. Für sich ganz allein.“ Genau das Gleiche hat er auch damals gesagt, im Klassenzimmer, als es auch 35 Grad draußen waren und wir nicht nach draußen konnten. „Und das Allerschlimmste an der Sache ist die Sinnlosigkeit. Ermordet zu werden hat selten Sinn, wer stirbt denn schon für eine bessere Sache? Wessen Ende ist denn schon ein neuer Anfang? Aber von einer Organisation getötet zu werden, die nichts bewirkt und deren Opfer nur gut für eine Statistik des Mordens sind; was könnte noch deprimierender sein?“

Gestorben für die Statistik. Gemordet durch Mörder, die sich für Revolutionäre hielten. Und sich heute dafür schämen. Wo die Revolution ausgeblieben ist. Es sind Opfer volle Schande. Peinlich für jeden Beteiligten. Heute, wie damals.

Und ich stelle die gleiche Frage wie damals: „Heute aber geht es ihnen besser oder? Heute ist alles vorbei und sie können vergeben?“ Worauf er, natürlich, die gleiche Antwort gibt wie damals: „Nein. Heute ist es schlimmer als gestern.“

 

Meine hier arbeitende Freundin weckt mich aus meiner Abwesenheit. Überreicht mir den Krankenschein. Und wie ich so aufstehe, mich bedanke, mit meiner Übelkeit im Magen und meiner Wirrness im Kopf, fühle ich mich auch sehr peinlich berührt darüber, dass unsere Opfer umsonst sind, egal was wir betrauern müssen. Ich schäme mich und weiß, dass diese Scham noch schlimmer werden wird. Ganz gleich was uns die Alten am Lagerfeuer für Lügen erzählen. Die Alten erzählen immer nur die Sieger Lügen. Nie die gescheiterten Verlierer Wahrheiten.

Ich fahre mit dem Auto vorsichtig nachhause, ohne noch weitere Menschen zu verletzen.

Der Text zur Nacht – Versuch eines Nachworts

Irgendwann blickt man auf dieses vertraute, plötzlich scheinbar fremde Leben zurück, und wundert sich, wundert sich darüber, wie krank und zerstört man damals war, wie verloren, und wie wenig Hilfe und Unterstützung man bekam, von denen, die man liebte, brauchte und für die man auch selbst dagewesen war. Zwar hatte man immer wieder – so weit wie möglich – ein Geheimnis aus der Sucht gemacht, doch jetzt, Jahre später, wo der Kopf langsam aufgeht wie ein verkrampfter, verzogener Muskel der vom Bewusstsein gedehnt und reaktiviert wird, jetzt, wenn ich die Gespräche mit meinen langjährigen Freunden suche und ich von ihnen und vor mir zugebe, wie absolut verloren, krank und Drogensüchtig ich war, wie unnormal dieses Leben, mein Leben, von statten ging und mit wie viel Gewohnheit und Normalität wir an die Sache herangingen, absolut blind für die Wahrheit: Dass wir krank und hilflos waren, den Fluss hinab trieben wie ein ausgedörrte Zweige, die sich durch einen kleinen, seichten, nicht einmal starken, Windstoß vom Baum des Lebens lösten, herab fielen, da die Verbindungen ohnehin nicht mehr stark zum gesunden Baum-, Trieb- und Knospenwerk zu nennen gewesen wären.
Ja. Ich war krank. Wir alle waren das.

Ebenso wahr ist es, dass wir natürlich selbst schuld an unserer Krankheit waren. Wir hatten die Realität auf eine zu leichte Schulter genommen, hatten uns selbst überschätzt, was aber spielt das für eine Rolle, wenn man am Ende wirklich nur krank und fertig ist, woher diese Krankheit kam? Hat denn der Suchtkranke, ebenso wie derjenige, der an einer Geschlechtskrankheit leidet, nicht das gleiche Recht auf Versorgung und Hilfe verdient wie jener, der eine Krankheit durch Unachtsamkeit oder aus ihm nicht nachvollziehbaren Quellen? Auch, wenn man eindeutig persönliche Fehler gemacht hat? Aber es ist schwer in unserer Gemeinschaft zwei Dinge gleichzeitig anzuerkennen: Fehler UND Krankheit? Das geht schwer zusammen in der halbherzigen Toleranz eines scheinbaren Perfektionismus, der uns allerorts indoktriniert wird…

Da war diese Zeit, in der ich gar nicht mehr Leben wollte. Wozu auch? Es gab nichts was mich hielt, was mich glücklich machte. Kein Wunder dass ich damals zu Rauchen begann… Da waren nur die Drogen und das Trauma, dass dieses Nachtleben der einzige Anker zum Dasein sein konnte und das Nachtleben ist nun einmal eine schwere Geliebte, da sie einen aufzehrt und einen mit kurzer Lebenserwartung zurücklässt – und ja natürlich, irgendwo hat man sich doch frei dafür entschieden. Ein Paradox, ja. Doch war diese Entscheidung nicht das eigentliche Hauptmerkmal der Krankheit? Und ist es nicht mehr als logisch dass man sich im Krankheitsfall an das Umfeld hängt, in dem man sich auskennt, dass man liebt?

Ich hätte zu dieser Zeit sicherlich auch keine Hilfe angenommen. Dafür war ich viel zu arrogant, selbst bezogen und blind. Später ist irgendwann und damit eh egal. Und irgendwie hing man die ganze Zeit mehr im Gestern als in der Gegenwart fest; trauerte um alte Liebe, seien es Frauen, Freunde, Musik und Familie. Drogensucht ist wie eine alte Platte, die immer wieder an der gleichen Stelle springt. Man hängt fest.
Also nein. Ich will mich gar nicht beschweren, dass meine Freunde, meine Familie nicht für mich da waren, da sie es a) teilweise gar nicht wusste und b) ich diese Hilfe gar nicht angenommen hätte. Wundern muss ich mich aber dennoch, dass einen nie jemand zur Seite genommen und gefragt hat: „Du Fleming? Ist mit dir alles in Ordnung? Kann ich etwas für dich tun?“ Und um noch ehrlicher zu sein könnte ich nicht einmal sagen, ob das nicht doch jemand versucht hätte…

Ich wollte nicht mehr leben, gefangen im süßen Thanatos, dabei fühlte ich mich so unglaublich lebendig, leuchtete, glühte so stark aus meinem Innersten heraus, dass ihr, die keine starken chemischen Drogen genommen habt, das wahrscheinlich gar nicht verstehen könnt. Ich fühlte mich so lebendig, wohlwissend dass ich mich damit zugrunde richtete und gerade dieser absolut überzogene, grenzenlose Drang sich lebendig zu fühlen, war das größte Symbol meines Todestriebes; lieber jetzt und sofort verglühen, als mit den Konsequenzen meines Daseins klar kommen zu müssen, das war meine Formel, auch wenn ich sie erst jetzt entschlüsseln kann. Denn diese Krankheit ist wie ein großes Bild, dessen ganze Ausmaße man erst erkennen kann, wenn man zwei Meter zurücktritt.
Es war nicht alles schlecht – ach was, so etwas zu sagen ist Unsinn. Alles war super, schön, Übermenschen überlebensgroß. Man hatte die besten Freunde, die schönsten Träume und war von den tollsten Frauen umgeben. Und das war nicht nur Lüge, schlecht und asozial wie einen die Drogen-Prävention der 80ger und 90ger Jahren beibringen wollte, das war auch die Wahrheit. Würde ich alles noch einmal so machen, hätte ich die Chance dazu? Nein, sicherlich nicht. Deswegen gibt es selbstverständlich dennoch Momente die ich niemals hergeben wollen würde, die so unglaublich wichtig und schön waren und es in meinem Herzen immer noch sind. Und auf der anderen Hand ist all das Leid was ich verursacht habe, dass mir unendlich leid tut, für das ich mich schäme und selbst nicht verstehe; Drogensucht und Krankheit ist eine Sache, aber was getan wurde, wurde von mir getan und da gibt es keine Ausreden. Dazu muss man stehen.

Heute sehe ich milder auf mich und meine Freunde. Nicht herablassend, nein. Die Distanz zur Vergangenheit macht mich nur zu einem reuigen, milderen Menschen. Wahrscheinlich hätte ich das früher „Altersdummheit“ genannt und vielleicht stimmt das ja auch. Was bleibt ist die Vergangenheit mit der man hadert und- da springt die Platte wieder – die man gerne einmal wieder zurückhaben würde, nur für ein paar Stunden, ein Wochenende, einen Tag. Doch das geht nicht. Ja. Man kann druff sein und sich in seiner eigenen Melancholie sonnen. Aber das bin nicht ich von damals, das bin ich der ich heute bin. Drogen machen aus dir vielleicht einen Zeitreisenden, nicht aber dein jüngeres Ich. Denn es reist immer der, der du an einem bestimmten Zeitpunkt ist mit der Zeitmaschine, und das ändert alles. Menschen sind Menschen, keine Symbole.
Was will ich eigentlich sagen?
Ich weiß nicht. Es gibt keinen Major Point auf den ich hinaus will. Würde nicht sagen das ich heute klüger bin als damals. Ich bin einfach ein anderer geworden. Der ebenso ein Arsch ist und sein kann, wie meine frühere Ausgabe. Heute begreife ich vielleicht besser, dass ich wahrscheinlich nicht so lange leben werde wie ihr anderen und vielleicht auch nicht so gut altern werde. Krebsrisiko, Spätfolgen. Plötzlich klingt das nicht mehr nach Abstraktion. Das klingt nach morgen. Übermorgen. Viel zu bald.
Selber schuld? Ich weiß nicht. Menschen haben gute Gründe um Drogenkrank zu werden. Und das sollte man ihnen nicht auch noch vorhalten, auch wenn es unmöglich ist mit Süchtigen nicht die Geduld zu verlieren. Ich will auch gar kein Mitleid haben. Ach Gott nein. Darauf bin ich gar nicht aus. Noch ist nichts passiert. Noch geht es mir gut. Doch wer einen Roman über seine Drogensucht verfasst, muss auch die späteren Kapitel im Auge behalten, in der sich die Perspektive gewechselt hat. Ich wollte ja nie bewundert, bemitleidet oder von besonders vielen Menschen gehört werden:
Von Anfang an wollte ich nur meine eigene Wahrheit erzählen. Und das ist ein verdammt großes Unterfangen.

KRANKkrankKRANK

Ich bin schon wieder krank und zwar nicht so cool krank wie in: „Seht mal da drüben, dieser voll kranke Irre! Boah! Was geht denn mit dem an?!!!“ Nein. Langweilig krank. Magendarm. Schon wieder.

Die letzten Monate war ich alle paar Wochen krank und langsam nervt es.

Wahrscheinlich versucht mir mein Geist via dem Körper etwas mitzuteilen, so von der Art her: Junge, änder deinen Lebenswandel, deine Ernährung. Oder lös mal deinen Stress. Dann läuft es auch wieder mit dem Nordwind.

Was weiß ich schon?

Kranksein, also dieses Dämmrige, Angestrengte wenn man gerade so wach ist, hat auch eine schöne Komponente. Man denkt anders nach über die Welt und kommt auf Schlüsse, Rückschlüsse, die einen sonst nie in den Sinn gekommen wären. Man erahnt neue Verbindungen, Geheimnisse, Rätsel und fürchtet und liebt darüber neue Feinde und Freunde.

Die Krankheit an sich ist eine Garantie auf einen freien, unbeeinflussten Geist, der leider (und natürlich, eh klar) bei realer und gesunder Betrachtung wenig Sinn macht. Das ist schön. Und abstrakt.

Vorhin, wie gestern, hörte ich die jungen Arabischen Menschen bei meinem Nachbarn ein und ausgehen; ich sah sie gestern sogar, als ich meine besudelte Wäsche zur Waschmaschine brachte, und komisch: Sonst bekommt der doch nie Besuch, der 40 Jahre ältere Mann mit Hörschaden. Später gingen sie im Streit auseinander. Und ich lag da so mit der Bettdecke bis zum Hals und fragte mich, was die zwei Mädchen und der Junge beim Alten wollten. Bis meine Träume mir die Geschichte zu Ende erzählten.

Heute Morgen vor dem Spiegel, als ich mich für die Arbeit fertig machte, was ich natürlich gar nicht dürfte, in einem Lebensmittelbetrieb, mich aber mein Freund und Geselle quasi anflehte ich solle doch BITTEBITTE kommen, sah ich in meine kranken gespiegelten Stecknadel-Augen und dachte mir den Satz: „Ich kam mir noch nie so wichtig und gebraucht vor.“

Dann ging ich los.

Von Genesungswünschen bitte ich abzusehen.

Borussia Dortmund gegen Paderborn – krank im Stadion

Ich würde gerne davon erzählen wie maßlos viel Spaß so ein 7 zu 1 Sieg sich im Stadion anfühlt, nur war ich leider erkältet und deswegen fast schon genervt bei jedem der 7 Tore aufstehen und jubeln zu müssen.

Es war bei mir wirklich vorhersehbar das ich nach all dem Arbeitsstress im Urlaub krank werden würde – besonders wenn man 5 Stunden in nem ICE verbringen muss, in dem jeder und jedem die Nase läuft.

Also wieder ab ins Bett, „orange is the new black“ und Kram über gestern gucken 😉

Wobei. Das Gegentor ja wirklich einzigartig furchtbar war 😀 Da konnte man echt vom Glauben abfallen 😉

In den Signal Iduna Park werde ich natürlich auch in Zukunft noch gerne gehen, um diese ganz besondere Atmosphäre zu spüren, auch wenn im DFB-Pokal nicht ganz so der Busch brennt wie in der Liga; GEIL war es trotzdem