Starsailor in der Zeche Bochum, es war der 24.10.2015

Wir haben nicht viele eigene Traditionen, denen wir nachgehen. Eine davon ist jedes Jahr am Tage meiner Geburt auf das Konzert einer Band zu gehen, die weder meine Freundin noch ich kennen. Vor zwei Jahren war das „Cäthe“ in Dortmund. Letztes Jahr das für mich sehr legendäre Konzert von „The/Das“ in Essen. Der diesjährige Ausflug führte uns also zu „Starsailor“ in die Zeche in Bochum.
„Star was?“ fragte ich als mir meine Freundin das Angebot unterbreitete, über Skype, getrennt von 500 harten, schweren Kilometern; es hätten gefühlt auch 2 Lichtjahre seien können.
Die würden so klingen wie „Travis“ und ein wenig wie „The Verve“, wenigstens so wie ihre Debütplatte. Die hatte ich doch auch einmal gemocht.
Youtube sagte: Furchtbar.
Wir darauf: Sehr gut, da gehen wir hin.

Es ist ein Ausbruch aus der vorroutinierten Einstellung davon, was man für „gut“ oder „spaßig“ hält. Ein Ausbrechen aus den eigenen Konventionen darüber, was einem gefällt, gefallen hat oder gefallen wird. Der eigene Coolness-Faktor wird überrumpelt und unter einer neuen Perspektive betrachtet, sogar lächerlich gemacht. Wir stellen uns einfach in einen für uns „falschen Film“ und sehen was passiert. Neue Szene. Neue Menschen. Kleine Abenteuer. Denn was ist jeder Urlaub oder Trip nichts anderes als neue Situationen mit unbekannten Menschen und Verhaltensregeln?
Im Zweifelsfall wird es der Alkohol schon richten.

Zuvor. Nach dem tollen Essen im so-naja-en Franz Ferdinand in Bochum, mit diesen furchtbar aufdringlich nervigen Leuten am viel zu nahen Nebentisch, sprachen wir darüber, dass sich die Menschen entweder durch ihre z.B. tätowierte Lässigkeit mit ihrem Weltbild nonverbal durch ihr Aussehen und Auftreten aufdrängen, oder dagegen wie gerade eben „normal“ aussehen, sich dann leider nur durch ihr aufgesetztes und selbstverliebtes Gequatsche von jeder Angenehmheit disqualifizieren.
Es gibt sie nun einmal kaum, diese „Zwischen-den-Stühlen-Leute“, da die Großzahl der Herrschaften am Liebsten in den ihren eigenen Kreisen verkehren. Langweilig auf der einen Seite, verständlich auf der anderen, da jede Szene, jede Clique über eigene Codes verfügt deren Nicht-Einhaltung dich schnell als „Sonderling“ markieren und ein wenig ausschließen. Wie schade. Gerade sogar bei den sich selbst so tolerant gebenden „Linken“. Stichwort: „Zivil-Bulle?“
Lauter Gefangene ihres eigenen Ereignishorizonts. Ich kenne das sehr gut. Schließlich war ich einmal einer der schlimmsten Stil-Wächtern von allen.

Wenn man zu einer Band wie „Starsailor“ geht, die ihre größten Erfolge (scheinbar) in den 90ger hatte, kann man sich schon einmal darauf einstellen Menschen zu treffen, die zu der Hoch-Zeit der Band Jugendliche waren; so auch hier. Wieder einmal unter den Jüngsten.

Die Stimmung war ruhig und abwartend. Wir. Ganz hinten neben der Merchandise. Sitzend. Lachend. Trinkend. Feixend, ja. Hier war es nicht schwer „aufzufallen“, wobei es natürlich auch nicht nur um den Effekt an sich geht. Es geht um eine deplatzierte Freiheit. Naivität.

Kerri Watt, Singer und Songwriterin von Beruf, lullte als Vorband das Publikum mehr ein, als es einzupeitschen. Und wir waren uns sofort darüber klar, dass das genau der richtige Plan war um danach selbst mit einer eher ruhigen, wenn auch ein wenig rockenderen Musik aufzutrumpfen: Erst das Publikum von der Vorband deprimieren lassen, um es dann mit einem rauschenden Auftritt auf seine, die gutgelaunte Seite zu ziehen.
Später gab es noch die peinliche Situation mit dem Foto, dass ich mit Kerri Watt gemacht habe, dafür schaut bitte bei Facebook bei mir vorbei 😉

Dann also „Starsailor“. Dieses Brit-Pop/Rock-Ding, funktionierte selbstredend von Beginn an sehr gut. Die Männer auf der Bühne machen den Job jetzt schon eine ganze Weile und Wissen um ihre Stärken, was sie können und was sie lieber bleiben lassen sollten. Großartige Überraschungen erwarten die Fans eh nicht. Und so war es ein anständiger Auftritt der auch uns überzeugen konnte (auch wenn er uns nicht mitriss), schließlich waren wir, die wir kein Lied von ihnen mitsingen konnten, die härtesten Kritiker.

Steht man dann unten in der „Menge“ (wieviel Leute waren das? 200? 300?) albert man dann selbstverständlich mehr herum als sich in Musik-Welten entführen zu lassen. Man hat ja die Ironie zu diesem Gefühlsbombast, die oft leider dem Publikum und auch der Band (gerade gestern bei „Starsailor“) leider abgehen. Eine Sause sieht anders aus.

Als uns dann doch ein wenig langweilig wurde, kamen wir auf die Idee den Bassisten zu hypen. Das war mir schon einmal bei einem R.E.M.-Konzert in Stuttgart aufgefallen, dass das ganze Publikum nur Michael Stipe anhimmelt und die restliche Musikermannschaft nur Statisten sind. Also jubelten und winkten wir (räusper – ich) dem Mann am Bass zu, rangen ihm Lachen und Gepose mit seiner Bass-Gitarre ab. Bis er vielleicht das Gefühl bekam, ich sei schwul und würde etwas ganz anderes von ihm wollen als seine Kunst am Bass anzuerkennen und zu würdigen, durch meine ganze Aufdringlichkeit 😀 Und als ich ihm High-5 geben wollte meinte meine Freundin nur, dass das wohl mehr wie ein Führer-Gruß aussah 😛

Solche Albernheiten sind das. Wenn einem die eigene Stimmung wichtiger ist als das Erwartungskorsett der vorgeschriebenen Handlung: Fans bestaunen „Stars“. Ein „Star“ ist nun mal nur der, den man dazu erhebt.
Wir hatten also einen Heidenspaß, auch wenn ich am Ende selbst sehr dünnhäutig und damit pampig wurde – selber schuld.
Nur übertreiben sollte man es nicht und den anderen Besuchern damit den Spaß nehmen. Das muss dann nicht wirklich sein.

Für uns war es somit ein lustiger Abend. Zwar hatte ich vorher noch Bedenken, ob die Tradition im dritten Jahr auch noch zieht. Mit dem richtigen Mensch an deiner Seite ist es aber kein Problem.
Die RICHTIGEN Starsailor-Fans bekamen ein Konzert was ihnen sicherlich gefiel, von verblassenden Rockstars, die nicht ohne Selbstironie sagten, dass die Ansage zum nächsten Lied jetzt entfallen muss, weil später in der Zeche noch „Disco“ wäre, da muss man sich ein wenig sputen 😉

Die Stimme des Sängers ist live nebenbei besser als auf Platte. Das gibt es auch selten. In Echt eiert er weniger.