Der Krüppel seiner eigenen Kindheit

Richtig ist: Die Vermeidungsmechanismen, welche wir anwenden um Dinge zu verhindern, vor denen wir uns schämen, sind oft auffälliger und peinlicher als der Umstand, vor dessen Entblößung wir uns fürchten.  Es liegt nur an unserer subjektive Wertung und Gewichtung darüber, was uns wichtiger ist zu verbergen. Vielleicht aber auch ausschließlich. An dem Geheimnis welches wir über unser Geheimnis machen.

 

Denn jeder schämt sich vor einer gewissen Situation, die er glaubt nicht meistern zu können, und auch wenn man sich mit den Jahren Floskeln, reaktionäres Gehabe und anderes Handwerkszeug für diese Situationen aneignet, greift dieses nicht immer. Ich glaube. In jedem Menschen steckt eine ungewisse Angst, eine schwer zu definierende Abneigung/Hilflosigkeit vor bestimmten Situationen, deren Verortung im Unterbewusstsein zu suchen ist und deren Entstehen tatsächlich (das ich so was einmal sagen würde…) in der Kindheit verborgen liegt.

Wahrscheinlich. Ist jeder der Krüppel seiner eigenen Kindheit.

Würden wir nur weniger Energie in die Vermeidung von unangenehmen Situationen stecken, sie anerkennen, offen ausleben, wären wir vermutlich glücklicher. Dumm nur, dass wir in der Kindheit dazu getrimmt werden einmal PERFEKTE Menschen zu werden. Tu dies nicht! Tu das nicht! Ein Wahnsinn! Denn mir ist nur peinlich, was mir meine eigene nicht Perfektheit radikal und ohne wenn und aber vor Augen führt. Obwohl ich ganz genau weiß, dass man nicht perfekt sein kann. Das man immer ein wenig irrt. Das man immer wieder falsch handelt.

Das ist keine Angst vor dem Versagen an sich (das wäre einmal ein unsagbar anstrengendes Leben), nein, es geht um diese paar wenigen Situationen aus unserer Kindheit, die sich auf der Netzhaut unserer Seele eingebrannt haben. Jeder hat das. Nur bei jedem handelt es sich um eine andere, wenn vielleicht doch auch ähnliche Situation (z.B. Angst vor Tieren, Kontrollverlust über Körperfunktionen, laute Geräusche, Furcht vor fremden Menschen, dunkle Straßen, die Interaktion mit dem anderen Geschlecht usw. usf.)

Die Ironie des Menschseins an sich ist, dass jeder seinen dunklen Fleck im Bewusstsein mit sich herumträgt und für solche Situationen NACHSICHT von der Umwelt mit sich erwünscht, man selbst nur leider ebenso blind ist für die dunklen Flecken der anderen Mitmenschen ist und deswegen entblöd und brutal all jene verurteilt und auslacht, die gerade ihre Schwäche zur Schau tragen, und wir sie über dieses „Abnorme Verhalten“ kategorisieren.

Das Dilemma: Die Menschheit hat zwar eine Möglichkeit gefunden um miteinander oberflächlich zu kommunizieren, nur leider ist Kommunikation ein äußerst begrenzte Möglichkeit um das Gegenüber begreifen. Dafür braucht es Jahre der intensiven gegenseitigen Studie. Und dennoch sehen wir Kommunikation als die eindeutigste Form des gegenseitigen Verständnisses an. Obwohl wir kontinuierlich aneinander vorbei reden – und leben.

 

Man sollte einfach nachsichtiger sein. Um Nachsicht zu erhalten. Nur leider. Weicht keiner. Auch nur einen Schritt zurück.

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