Schwierige Freundschaften

Vor nun auch schon ein paar Wochen war ich in Berlin. Ich besuchte dort einen Freund und diese Besuche waren in den letzten Jahren nie besonders leicht. Einerseits lag das an unserer schwierigen Beziehung zueinander, die gerade durch die Freundschaft eine anstrengende Komponente zweier Magneten besitzt, die sich je nach Jahreszeit abstoßen und dann doch wieder anziehen, andererseits an unseren persönlichen Ichs, an unserer Subjektivität, in der jeder sein eigenes Leben lebt das er in die Beziehung zum Anderen mit hinein bringt. Ich für meinen Teil lasse meine Probleme selten heraus, versuche mir daran die Schuld zu geben und sie im Stillen zu verarbeiten. Im Gegenzug ist es aber nicht so, dass er seine Probleme ständig herauslässt und anderen die Schuld gibt. Es kommt mir eher so vor, dass ich bei meinen Besuchen oft der Tropfen bin, der sein Fass zum Überlaufen bringt. Das ist sowohl schade als auch ehrenvoll für mich. Vor allem ist es sehr anstrengend. Für beide Seiten.

Wir sind nun einmal nicht mehr die Kerle, die wir vor 10, 15 oder 20 Jahren waren und ich will das auch nicht zurück. Nichts sollte vergangener als die eigene Vergangenheit sein. Mit nichts sollte man mehr im Reinen sein als mit dem vergangen Ich. Und mit nichts ist vermutlich schwerer klar zu kommen.

 

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In der gewissen Nacht gingen wir also zu den „Suicide Girls“, einer Burlesque – Tanzshow aus Amerika in „Huxleys neuen Welt“, die Kriese begann schon vorher. Denn Alkohol ist auch schon unter 60 Prozent ein Brandbeschleuniger. Nach dem Auftritt der ewig strahlenden, lachenden Damen  die mit ihren Titten und Ärschen wackelten und ein wenig Ruhe in unseren Sturm der Freundschaft brachten, schlug mein Freund auf mich ein, so sehr, dass mir gleich Bahnmitarbeiter zur Hilfe kommen wollten, die die Szene aus ihrem Fenster beobachteten; ich hab sie einfach weg gewunken. Mir war klar, dass das vom physischen Gewalt-Faktor kein Problem für mich war, auch wenn mein Freund es durchaus ernst meinte und mir ein paar Tage später noch immer einige Stelle am Körper „weh taten“. Dabei war mir auch klar, dass es in Wahrheit gar nicht um mich ging in seiner Wut, denn er warf mir vor „den ersten tollen Abend seit langem“ kaputt zu machen. Was ihn so wütend machte war nicht dieser typischen Tropfen zu viel, also diese Nacht und unsere Auseinandersetzung, es war sein Leben darum herum: „Der erste tolle Abend seit langem“ bedeutet im Umkehrschluss…

An diesem Punkt hätte ich noch Mitgefühl haben können, als er später einfach so aus der U-Bahn sprang und mich in ihr zurückließ – ohne Handy, nachts, in einer mir absolut fremden Großstadt, keine Ahnung wie ich nachhause kommen sollte oder auch nur in die Wohnung  meines Freundes von der ich a) keine Ahnung hatte wie ich dort überhaupt hingelangen sollte, in welchen Stadtteil ich überhaupt fahren musste und b) wie ich aus ihr meinen Autoschlüssel heraus bekommen könnte – war es mit dem Mitgefühl vorbei. Er hatte mich einfach zurückgelassen, mich, seinen Freund, der extra wegen ihm 8 Stunden mit dem Auto zu ihm gefahren war, und zwar deswegen, weil er mit seinem eigenen Leben unzufrieden war.  Na vielen Dank aber auch.

 

Später sagte ich noch Dinge wie man sie so sagt wenn man wütend ist,“ dass es das war!“, dass man sich nie wieder sieht, usw, usf. Während man noch etwas später halt doch noch über Whatsapp die Verbindung hält. Meine Freundin nimmt mich schon gar nicht mehr ernst wegen meiner Inkonsequenz. Möglich das sie Recht hat. Ich weiß nicht. Ich bin nicht gut darin Beziehungen zu beenden.

 

Gestern war ich zum Schwimmen im Hallenbad. Ich bin dort alleine hingegangen (wie jeden Wochentag in meinem Urlaub) und habe dort zwischen den Rentnern und vor allem den älteren Damen meine Bahnen gezogen. Und egal wie alt eine Frau ist und egal wie wenig Interesse von einem selbst besteht, noch ob ich bewusst überhaupt einen Gedanken daran verschwendet hätte, kommt mir das andauernde Lächeln der alten Damen unglaublich wohlwollend und interessiert vor. Ein wahrer Mann kennt nun mal keine Höflichkeiten vom anderen Geschlecht. Totaler Unsinn, ich weiß. Bei uns ist es gerade anders herum: Wir müssen uns darüber klar werden, dass das nur Höflichkeit ist, und nicht mehr. Während ansonsten von der „versteckten Sexualität“ die Rede ist. Ich kam mir also unglaublich anziehend und männlich in dieser Oma-Gesellschaft vor und musste daran denken, dass ich bei meinem vorletzten Berlin Besuch meinem Freund druff erzählt hatte (hatte damit angegeben) mit wem ich schon „was hatte“, was natürlich eine unglaublich blöde Idee war, da man druff nicht gerade gut argumentieren kann – und – weil wir natürlich immer auf die gleichen Frauen und Mädchen gestanden hatten. Mit den meisten Frauen war nicht viel passiert und selbst wenn, dann war das nun wirklich 20 Jahre her. Das war schon gar nicht mehr wahr. Die Meisten von denen sind inzwischen aus unserem Leben verschwunden oder verheiratet (was das Gleiche ist) und deswegen spielte es für mich keine große Rolle, lange, lange her – wenn es überhaupt passiert ist (man redet sich mir Jahren dann doch einiges ein – besonders wenn man Drogen nimmt – und vergisst auch wieder sehr viel – besonders wenn man Drogen nimmt). Ausformulieren konnte ich das aber nicht, zu sehr schepperte das XTC in meiner Birne und zu peinlich war mir das Ganze im Nachhinein. Und auch er sagte ja selbst, dass das keine große Geschichte sei – bis ich Monate später, als er am Bahnsteig auf mich einschlug eine Ahnung davon bekam, dass dem wohl doch nicht so war. Ich hatte – ganz Inception mäßig – einen Gedanken in seinen Kopf gepflanzt, und jeder denkt seine Gedanken auf seine eigene Art zu Ende. Und plötzlich vergleicht man sein Leben mit einem anderen, auch wenn der Vergleich nur eine Erfindung, eine Illusion ist, denn im Kopfkino über den anderen sind die Bilder immer größer, knackiger und auch erfolgreicher, als in der Realität, da wird dann aus ein wenig realer Grabscherei ein Halbstündiger Hardcore Porno. Und so kommt eines zum anderen. Und der Freund, den man bisher in eine Schublade kategorisiert hatte, ist plötzlich etwas ganz anderes. Von einer Minute auf die nächste.

 

Das sind Zeilen, die zu nichts führen. Ich will niemanden denunzieren, will mich nicht profilieren. Ich mache mich ja meistens eher kleiner als das ich bin. Ich will es einfach nur aus mir heraushaben. Dieses Missverständnis in der Freundschaft. Dieses Ungleichgewicht. Dass es in Wahrheit gar nicht gibt. Diese Irrtümer übereinander.

 

Es ist bald Weihnachten und so kitschig das klingt, würde ich mir jetzt einfach eine Zeit der Besinnung und Vergebung wünschen. Eine Zeit, in der man einfach mal gut sein lässt und sich selbst nicht an anderen misst, sondern sein Gegenüber akzeptiert. Du bist du, weil du bist wer du bist. Und ich bin ich, weil ich der werden musste, der ich bin. Die Menschen sollten sich nicht vergleichen, da jeder auf seine Art lächerlich ist. Da jeder sein Paket zu tragen hat. Nur verbirgt es der eine, während der andere nicht aufhören kann über sein Glück oder über seine Probleme zu reden.

Wir sind alle nur Menschen. Und wir könnten – noch kitschiger – alle einfach Freunde sein.

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Ein DJ ist kein Arzt

Seit ein paar Jahren ist unser Nachbar ein bekannter DJ. Wir sind nicht die dicksten Freunde, doch hin und wieder macht man was zusammen; die Frauen kennen sich, Bier wird zusammen getrunken. Nicht oft. Aber doch. Neulich fragte ich ihn:

 

„Hey, ich weiß, es ist nicht ganz so gewöhnlich. Aber meine Freundin wird 25, wir machen ne kleine Party, und…“

„Nein.“

„Wie nein?“

„Du wolltest mich doch fragen, ob ich bei eurer blöden Party auflege?“

„Öh… Ja. Nicht lange. Nur ein, zwei Stunden. Damit es halt ein wenig besonderer wird.“

„Nein. Das mache ich kategorisch nicht. Weil AUFLEGEN nicht mein Hobby ist, sondern meine ARBEIT. Ich verdiene damit mein Geld. Du bist doch Fliesenleger?“

„Stimmt, ja.“

„Was würdest du davon halten, wenn ich von dir verlange mein Bad zu fließen?“

„Also erstens verlange ich nichts von dir und zweitens wenn Freunde nett fragen, dann helfe ich denen, ist doch klar.“

„Du HILFST denen?“

„Das macht man dann zusammen. Das ist so wie du die Party nicht alleine stemmst. Man macht das zusammen, weil man sich mag. Und hat Spaß zusammen.“

„Ich mache das kategorisch nicht. Auflegen ist Job.“

„Na wie du meinst… Finde ich jetzt komisch, aber okay.“

„Wieso KOMISCH?“

„Na ja, als sich dein Sohn den Arm gebrochen hat, seid ihr auch gleich zu uns gekommen, weil Paula (meine Freundin) Ärztin ist. Da hat sie auch nichts gesagt von wegen „Arbeit“ und „Privat“.“

„Tja, die ist ja auch Ärztin. Die muss helfen.“

„Stimmt. Die hat einen Eid geleistet. Aber weißt du was?“

„Hm?“

„Diesen Eid hat sie freiwillig geleistet. Sie hat sich freiwillig dafür gemeldet, immer zu helfen.“

„Da siehste mal. Ich nicht. Weißt du überhaupt was ich an einem Abend verdiene?“

„Du meinst wohl, was du an einem Abend verdienen WÜRDEST.“

„Was soll das jetzt heißen?“

Das große Land der kleinen Leute

So wie Lars von Trier Filme über die USA gemacht hat, ohne sie je besucht zu haben, ist auch meine Meinung nur eine von vielen, die von außen sich selbst in ein Thema hinein psychologisieren, ohne einen realen Bezug oder Verantwortung zu dem Thema „Vereinigte Staaten“ zu haben. Zwar betrifft die Wahl  des US-Präsidenten jeden Menschen auf diesem Planten (mehr oder weniger), Mitspracherecht haben wir aber keines, deswegen bringt es auch nicht besonders viel sich darüber aufzuregen.

Verstehen würde ich das Ganze nur schon Recht gerne.

 

Unsere Medien haben eine eindeutige Wahlempfehlung in die Berichterstattung gemischt – und okay, ja, die Äußerungen Trumps im Wahlkampf konnten aufgeklärte Menschen wie uns nur Hillary als Siegerin annehmen lassen. Falsch gedacht. Es sind halt doch nicht diejenigen, die im TV oder in den großen Online-Medien das Wort leiten, die für ihr Land sprechen. Das ist jeder einzelne Bürger selbst. Und da ist die Stimme eines aufgeklärten Menschen ebenso viel wert wie die jedes anderen Idioten, von denen es meistens eher mehr gibt. Da kann man jetzt sagen: „So ist Demokratie.“ Oder andererseits: „Demokratie funktioniert einfach nicht.“ Demokratie funktioniert halt nur dann, wenn man es mit einem mehr oder weniger gebildeten Volk zu tun hat, dass zudem auch noch Politikinteressiert ist.

Es gibt dabei genug Gründe für viele Menschen, Politikverdrossen zu sein, ganz egal ob in Amerika oder sonst wo. Das ist auch der Grund, weshalb mich nach der ersten Überraschung der Wahlausgang gar nicht so kalt erwischt hat. Mit dem Brexit war und ist es doch das Gleiche: Es sind die vielen, vielen Verlierer der Globalisierung, die sich eine starke Regionalmacht mit heimeligen Konservativen Werten  zurückwünschen und wählen. Durch die Globalisierung ist die Welt viel zu schnell zusammen gewachsen – nur leider nicht richtig. Das macht den Menschen Angst, weswegen sie genau diese Leute wählen, die ihnen versprechen dass sie „Alles so machen wie früher“.

Den versprochenen „Change“ gab es unter Obama so gut wie gar nicht (die Gründe dafür, also die Blockaden im Kongress usw. lassen wir mal außen vor) weswegen verschwindend wenige schwarze Amerikaner und Hispanios zur Wahl gegangen sind, dafür umso mehr weiße, alte Männer, die, ebenso wie in England, wahlentscheidend waren. Diesen Politikverdruss muss sich auch Obama ankreiden. Trump steht genau dafür, was Clinton nicht ist, ein Außenseiter, der nicht im verkrusteten politischen System Amerikas feststeckt, das hat Wähler mobilisiert, denn sie wollen keine Leute, die über sie hinweg regieren, sie wollen auch keine schwierigen Lösungen für komplizierte Themen: Sie wollen einfache Lösungen – für komplizierte Themen.

 

Ich glaube auch, dass Protestwähler (wie in vielen Wahlen der jüngeren Vergangenheit) eine große Rolle gespielt haben. Wähler, die nicht vollkommen mit der Meinung des Kandidaten XY konform gehen, doch aber so gewählt haben, um „denen da oben eins auszuwischen“. Ich mutmaße, der Protestwähler ist eine der wichtigsten Wählergruppen überhaupt. Zwar denkt man sich bei ihm: „Wie blöd kann man sein? Irgendetwas wählen was einem selbst schadet, nur damit er es DENEN DA OBEN mal zeigt…“ Aber a) fühlt sich der Protestwähler von denen da oben ohnehin im Stich gelassen (siehe Globalisierungsverlierer) und b) glaubt der Protestwähler auch den Umfragen. Es ist (noch mal) wie mit dem Brexit. Damals wollten auch viele aus Protest ihre Stimme abgeben, kannten die Umfragen und die Prognosen und waren dann vom Ergebnis überrascht: Denn sie dachten nicht, dass ihre Stimme am Ende Wahlentscheidend sein würde und sie das bekommen würden, was sie wählten.

Heute wurde oft in den Medien verlautet, dass viele, die bei den Umfragen angaben nicht für Trump stimmen zu wollen, sich in Wahrheit dafür schämten, doch für ihn stimmen… Ich weiß ja nicht… Klingt mir nicht sehr schlüssig. Vielleicht sind es doch eher die Umfragen selbst und der Glauben in sie, die die Wahl beeinflussen. Also weg mit ihnen. Wozu braucht man ein mathematisches Urteil basierend auf Schätzungen vor einer Wahl? Reicht denn nicht die Wahl selbst?

 

Vielleicht sind die Gründe aber auch viel banaler: Eine Großzahl der Amerikaner sind einfach ungebildet und glauben jeden Unsinn, den man ihnen erzählt (oder verspricht). Bei dem Bildungssystem das die dort haben, wäre es nicht einmal ein Wunder. „Weltoffen“ und „aufgeschlossen“ wären jetzt nicht gerade die Begriffe, die mir zu Amerika einfallen. Und vielleicht sind die Amerikaner selbst doch mehr wie die Amerikaner, die (da schließt sich der Kreis) Lars von Trier aus den Filmen kennt, dieses Weltbild, dass dort verkörpert wird, welches ihm vollkommen ausreichte, um über die Psyche der Amerikaner zu philosophieren: Sie stehen nun einmal auf diese Geschichten von Männern, die mit wenig anfingen, sich hochgearbeitet haben, um schließlich, auch und gerade wegen ihrer fehlenden Etikette und Intelligenz, ganz oben zu stehen. Die, die es allen gezeigt haben! Wir würden wahrscheinlich nicht sagen, dass diese Leute die richtigen TYPEN sind um ein Volk zu lenken. Dort ist es anders.

Nun, wir werden sehen was geschieht. 2 Amtszeiten Bush haben wir auch überstanden.

 

Sicher ist auf jeden Fall, dass dieses Votum eine rote Karte für den Freihandel und die Freizügigkeit der Völker ist, eine rote Karte für liberales Denken und ein Zugeständnis ist, ein Zugeständnis zur Angst. Und bei dieser Melange fällt es mir schwer den Respekt gegenüber diesem Volk zu behalten. Auch, wenn (wie ich es heute bei MOBY gelesen habe) mehr Leute für Clinton gestimmt haben, die aber durch das Wahlsystem der Wahlmänner nicht zum Tragen gekommen sind. Es ist aber auch eine rote Karte gegenüber dem gebildeten Establishments, jene Leute, die arrogant und überheblich den Leuten erzählt haben, was sie zu denken haben; nicht dass das Establishment UNRECHT hätte in dem was es sagt, es geht nur darum, WIE es etwas sagt und wie die feinen Herren vom Flatscreen aus die Leute überheblich als dumm und klein abstempeln; dadurch werden kleine Menschen nur noch kleiner. Und wütender.

 

Keine Ahnung. Ich bin kein US-Amerikaner. Nur ein kleiner Handwerker aus Bayern. Aber nach dieser Wahl ist mir klar geworden, dass viel mehr in die Bildung investiert werden muss, damit die Deppen weniger werden. Und gerade in den USA ist es so, dass dort in vielen Gegenden die Bildung privatisiert wurde, dort wird ein Geschäft mit minderer Qualität aus ihr gemacht, was den Zugang zu Wissen mehr als nur erschwert hat. Was keine Ausrede ist. Denn wer wissen will, der kann sich in den meisten Ecken der Welt selber weiterbilden. Man müsste nur wollen.

 

Ich weiß nicht. Irgendwas muss man an so einem Tag wie heute schreiben… Irgendwas muss man einfach zu sagen haben. Auch wenn es vielleicht darum geht, gar nicht Konkretes sagen zu können.

 

Oben habe ich es schon einmal gesagt: Dass die einzelnen Länder der Welt nach der großen Globalisierung sich wieder auf ihre eigenen Werte berufen wollen, wundert mich nicht. Es wäre auch ein Wunder gewesen, wenn sich diese Vision von freiem Handel, Liberalität und Humanität einfach so durchgesetzt hätte, denn dafür produziert der freie Handel viel zu viele Verlierer (das Geld wandert halt weiterhin zu den Mächtigen) und liberales, humanitäres Denken macht vielen Menschen Angst. Ob das ganze Projekt jetzt gleich als gescheitert angesehen werden muss, oder ob es ein Projekt über die Jahrzehnte, ja vielleicht sogar Jahrhundert ist, das bleibt abzuwarten. Es war klar dass es Rückschläge geben würde. Und Politik wird weder in einer Nacht entschieden, noch an einem Tag gemacht. Das ist doch das Geile am Menschsein: Es bleibt stetig spannend. Welche Entscheidungen in ein paar Tagen wieder irgendwo anders auf der Welt Menschenleben kosten.

Es ist leicht, kein Gott zu sein

Nach dem Film lese ich nun die Erzählung „Es ist schwer ein Gott zu sein“, die sich vom Film unterscheidet. Vielleicht war es auch nur so, dass mich der ganze Dreck und das Elend im Film geblendet haben.

In beiden Medien geht es darum, dass die Menschen einen Planeten entdeckt haben, der sich auf dem geistigen Stand unseres finsteren Mittelalters befindet. Auf diesen namenlosen Planeten werden Wissenschaftler entstand, die nicht in die Entwicklung der Welt eingreifen sollten. Sie sind nur zu Dokumentationszwecken dort.

Diese fremde Welt wird von den Dons beherrscht und unser Wissenschaftler Don Rumata will die Weiterentwicklung dieser Menschheit voran treiben, während sein Gegenspieler, Don Reba, im Gegenzug versucht alles Wissen zu zerstören. Dieses  Kampf-Gebilde und ein gewisser Mystizismus über eine höhere Macht sind typisch für die Autoren, die Strugatzki Brüder, die ihre Science-Fiction-Werke zu Zeiten des Kommunismus schrieben. Die Sowjetunion und ihre Verwalter stehen für die Begrenzer und Zerstörer des Wissens, der normale Bürger wird in Dummheit gehalten. Er begnügt sich mit Essen, Fortpflanzung und einem leichten Leben. Und dann ist da wie in so vielen Abenteuer-Romanen der Gegenpol, jene, die mehr wissen wollen und gegen das System kämpfen. Kein Wunder das die meisten Werke der Strugatzkis in der UDSSR verboten waren oder unter Verschluss gehalten wurden.

 

Interessant sind die Gedanken Don Rumatas (der selbst Historiker ist) über die Entwicklung der Menschheit: Man kann Wissen und den Durst danach nicht ewig unterdrücken. Und was die Sowjetunion angeht, haben die Strugazkis Recht behalten. Alle Systeme enden. Das liegt ihnen sogar zu Grunde. Nur der Mensch entwickelt sich fort. Vielleicht gehört es sogar zu unserer Entwicklung (Anmerkung: Ich spiele gerade Fallout 4), dass wir uns und unsere momentane Lebensweise zerstören müssen, um daraus zu lernen (was man grob den Untergang der Welt nennen könnte, wie wir sie kennen – sei es durch Krieg, Naturkatastrophen Umweltverschmutzung usw.). Der Mensch jedoch (wenigstens ist das meine Meinung) wird fortbestehen. Auf irgendeine Weise. So wie es den Planeten schon ohne Lebewesen gab. Und Lebewesen ohne den Menschen. Die Dinge hören nicht einfach so auf zu existieren. Nicht einmal nach einem nuklearen Fallout.

 

Die Angst vor Veränderung ist in der globalisierten Welt gewachsen. Überall sehen wir Gefahren die unsere kulturelle Gesellschaftordnung, und die unser persönliches Leben bedrohen. Dabei ist es egal wie: Unser Leben wird enden. Das ist Teil des Lebens und das ist auch gut so. Und auch unsere Gesellschaft wird nicht unendliche Zeit so weiterbestehen. Sie KANN auch gar nicht unendlich weiterbestehen. Die Dinge sind im Fluss. Und sie werden sich verändern, sei es durch Zuwanderung oder durch andere Dinge.

Das ist ja diese Angst die die Pegida Leute haben: Veränderung durch Überfremdung. Das Ende unserer Abendländischen Kultur. Selbst wenn die Pegidisten nicht so auftreten, als hätten sie unsere humanistische Kultur verstanden. Doch bleiben wir bei den Ängsten.

„Es ist schwer ein Gott zu sein“ hat uns viel über unsere jetzige Zeit zu sagen. Denn es ist genau der Kampf der  kulturell in Deutschland geführt wird: Die, die das Wissen bewahren wollen, gegen jene, die es zu zerstören versuchen. Die Ironie ist (ist das überhaupt noch Ironie oder ist das immer so?) dass sich beide Seite das Gleiche auf die Fahnen geschrieben haben: BEIDE Seiten behaupten, die gesellschaftlichen Werte zu erhalten. Sowohl die Humanisten, als auch die, die Angst vor Überfremdung haben. Beide Seiten glauben, sie würden die Kultur retten. Die einen durch humanistische Integration, die anderen durch entmenschlichte Ablehnung. Die Einen wollen unsere freiheitliche Werteordnung vor dem „Mittelalterlichen Islam“ schützen, während die Anderen unsere freiheitliche Werteordnung vor den Ewiggestrigen des Nationalsozialismus beschützen wollen. Sorge vor der Zukunft treibt beide Parteien um.

Was gerade jetzt in unserem Land geschieht ist wahnsinnig spannend. Es ist ein Kampf um die Zukunft.

 

Obwohl ich mich moralisch und faktisch auf der Humanistischen Seite sehe, bin ich nicht blind vor den Ängsten vor Überfremdung, habe ich auch nicht gerade Lust meine sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Stand aufzugeben; wir haben so ein geiles Leben, weshalb sollte ich beim Gedanken daran weniger zu haben, nicht einen kleinen Kloß im Hals haben? Aber ich kann die Zeit nicht stoppen. Und es wird Veränderungen geben. Die Frage ist nur, auf welcher Seite du stehen willst.

 

Nehmen wir einmal an (auch mit einem Blick auf das Buch der Strugatzkis), dass wir uns wirklich wie in Houellebecqs Buch „Unterwerfung“ an den Islam anpassen und nicht umgekehrt: Bedeutet das einen Rücktritt ins zweite finstere Mittelalter? Ich denke nicht. Ich glaube zwar dass die Menschheit sicherlich in irgendeine Form von Mittelalter zurückfallen könnte (siehe Atomkrieg), viel mehr glaube ich aber, dass sich Wissen verbindet. Wenn Ideen zusammenkommen verändert sich nicht nur die westliche Kultur: Es verändert sich auch „der Islam“. Da kann der IS noch so viele Denkmalgeschützte Statuen und Weltkulturerbe Einrichtungen platt machen: Er wird nicht gewinnen. Und selbst wenn er „gewinnen“ sollte: Er wird die Vergangenheit nicht auslöschen können. Der IS ist ohnehin nur das, was bei die RAF früher war – er ist der Gipfel des Eisberges. Das Top einer Strömung. Die Stärkste und größte Ausgeburt eines Extremismus, der versucht die ganze Welt zu infizieren, das funktioniert nur nicht mehr.

Wenn wir die Welt mit ihrem Gedankengebäude, mit ihren Errungenschaften im Jahr 2016 nehmen, das Ganze als einen Organismus aus vielen Einzelteilen sehen wollen, dann ist uns war der IS eine Krankheit, die den Organismus zwar beeinflussen und verändern kann, sie kann ihn nur nicht töten.

Eine Idee kann einen gesunden Menschen zwar krank machen, jedoch wird sie ihn in den seltesten Fällen töten können. Aber, die Erfahrung dieser Idee wird den Organismus beeinflussen oder verändern. Im besten Falle.

 

Für uns als Einzelnen mag das wenig Trost sein, sollten wir doch mal zufällig (Chance von 1 zu mehreren Millionen) in die Luft gesprengt werden, sei es von rechts, links oder im Namen einer Religion. Historisch gesehen jedoch gehört das zum Menschsein dazu.

Den essentiellen Wissensdurst der Spezies Mensch und den Drang nach größtmöglicher Freiheit und Sicherheit wird man aber nicht aufhalten können. Und das ist doch eine schöne Vorstellung.

Arbeit macht ja gar nicht frei

In den letzten Wochen und Monaten habe ich einen Spruch immer wieder gesagt: „Ich habe meinem Land gedient; ich habe meiner Firma gedient: Jetzt kann ich aber bald nicht mehr.“ Das zog sich wirklich über Wochen hin, dieses „bald nicht mehr können“. Und Sisyphos konnte dann doch. Der machte sogar Überstunden. Wochen, in denen ich Phasenweise psychische Totalausfälle hatte, Phasen, in denen ich nicht mehr konzentriert zuhören konnte, in denen ich sinnlos Zeug vor mir her brabbelte, in denen ich aggressiv und launisch war, Momente, in welchen ich dachte wie ein kleines Mädchen zu heulen zu beginnen (wegen nichts), in welchen ich einen unglaublichen Druck auf den Kopf verspürte, der nur dann entwich, wenn ich meine Augen nach oben verdrehte, Tage, in denen ich einen starken physischen Druck auf der Brust hatte, der mich kaum atmen ließ… Habe ich irgendwas vergessen? Bestimmt… Hände zittern. Schlaflosigkeit. Ermüdungserscheinungen. Volles Programm.

 

Und dennoch war ich ein guter Soldat. Machte meinen Job während um mich herum alle krank wurden oder in den Urlaub gingen. Zwar flehte ich meinen Chef an mir mal ein paar Tage oder Stunden freizugeben, das ist nur relativ schwer wenn von 7 möglichen Beschäftigten nur noch 2 da sind; und ich sah mich um, in diesen Momenten und wunderte mich ohne Ende, dass gerade ICH einer dieser zwei Irren war, die noch immer HIER waren; einmal sagte ich zu meinem Kollegen: „Komm lass uns einen Arbeitskreis bilden“, und wir nahmen uns an den Händen und lachten uns ins Gesicht. Aus dem Kreis war eine Kette mit einem Glied geworden.

 

Trotzdem machten wir immer weiter und weiter. Fluchend. Maulend. Fast heulend. Frustriertes Lachen, höchstens.

 

Auf jeder Ebene wurden wir vertröstet. „Ja, irgendwann wir mal jemand eingestellt…“ Ich: „2017 oder noch dieses Jahr?“ „Und die Arbeit wird jetzt auch weniger, wenn es Winter wird.“ „Wann ist denn dieser Winter? Oktober? November? Januar?“

Immer wieder diese lächerlichen Hinweise von der Führungsetage, dass der Partnerbetrieb dieselbe Stückzahl mit ebenso vielen Menschen produziert wie wir, worüber wir lachten: „Ja, selbe Stückzahl, schon klar. Nur machen die zwei Sorten. Wir 12. Das ist nicht das Gleiche. Und wir wissen dass ihr das wisst, ihr wollt es nur nicht hören. Da das angenehmer für euch ist; angenehmer so zu tun, als würdet ihr uns nicht für dumm verkaufen. Hat doch alles eine Ordnung.“

 

Am Montag war es dann vorbei. Mein Kreislauf machte zu und ich verstand die Worte der Menschen gar nicht mehr. Was will der von mir? Wem soll ich HELFEN? Was ist hier eigentlich los? Da traf ich die Entscheidung zum Arzt zu gehen. Monatelang hatte ich alle Warnsignale meines Körpers ignoriert, jetzt war Schluss damit. Der Krug geht halt doch wirklich so lange zum Brunnen, bis er bricht.

 

In den letzten zwei Jahren des Wahnsinns, in welchen unser Chef „nach oben buckelte“ und zu uns „herab trat“, hatte sich etwas angestaut, was sich nicht einfach mehr über das Wochenende abbauen ließ. Es war vorbei. Und diese Entscheidung, dass es jetzt VORBEI war, war die schwierigste Entscheidung der letzten Monate. Immer weiter und weiter zu machen, im gleichen Trott der Menschenzermahlenden Tretmühle, ist viel einfacher, als sich hinzustellen und zu sagen: Ich kann nicht mehr. Dieses Nicht-Mehr-Können, ist der größte Berg geworden, den ich am Schlechtesten überwinden konnte. Es GING doch immer alles. Doch es muss und darf nicht immer alles gehen – sonst geht bald gar nichts mehr.

 

So blöd ist der Mensch: Hätte ich eine Grippe oder einen gebrochenen Finger, hätte ich von überall Verständnis bekommen. So nur wirsche Blicke: „Was hat er denn? Warum stellt der sich so an? Jetzt sind doch wieder zwei Leute mehr da. Jetzt geht es doch wieder aufwärts.“

Mir aber waren plötzlich die normalen Aufgaben zu schwer. Nicht einmal der stressige, komplizierte Scheiß. Ne. Die Normalität war schon zu groß to handle geworden.

Meine Aussage dazu: „Ich habe euch Wochen und Monate gewarnt dass es so nicht weiter geht. Irgendwann ist es vorbei. Das habe ich immer gesagt. Ich habe euch immer gewarnt: Gebt mir mal einen Tag frei – sonst bin ich länger weg. Dann geht gar nichts mehr.“

Und komisch. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, zuhause zu sein. Man fühlt sich ein wenig wie ein Verräter. Obwohl ich noch vor zwei Tagen in der Arbeit fast zusammen gebrochen wäre. Obwohl mir jetzt noch manchmal schwindlig ist. Und ich bei dem Gedanken an die Arbeit schneller zu Atmen beginne und doch keine Luft zu bekommen scheine.

 

Abschiedsworte in der Firma: „Gedenkt meiner nicht als denjenigen der jetzt eine Woche fehlt, sondern als den, der sich zwei Jahre zerrissen hat.“

Diese Rechnung. Macht der Kapitalismus nur nicht auf. Undank. Ist gar kein Lohn.

Die Betäubungsmittel-Revolution

Ich bin nicht dafür und werde es niemals sein, dass Drogen jeglicher Art so legalisiert werden wie die Volksdroge Alkohol, die ich selbst viel zu oft und aus Gewohnheit in mich hinein schütte. Irgendwann einmal im „Text zur Nacht“ habe ich mal geschrieben, dass jedes Ereignis im Leben besser ist, wenn man ein Bier in der Hand hat; und dieser Irrglaube ist für mich eine Tatsache.

 

Niemals werde ich dafür sein, dass die Leute Cannabis so kaufen können wir Alkohol, z.B. Päckchenweise beim Rewe. Ein Verkauf sollte, selbst wenn er legal ist, reguliert ablaufen: Auch bei Alkohol. Ich werde es nie für gut heißen wenn ein 13, 14 oder 17 Jähriger irgendwo legal kiffen kann, selbst wenn es in der Gegenwart viele Bereiche in Deutschland gibt, wo das Gang und Gäbe ist. Auch Erwachsene sollten nicht überall Drogen konsumieren, jedoch mitführen dürfen. Kriminalisierung hat uns weder gerettet noch weiter gebracht.

Für mich persönlich  ist es ein großer Schritt zu sagen, dass man im Prinzip alle Drogen legalisieren sollte, denn dagegen war ich immer. Das hat auch viel damit zu tun, dass irgendwelche Vollidioten, die gerne kiffen, sagen, wie geil das doch ist und jeder Mensch dadurch besser wäre und die Gesellschaft supertippitopi würde, wäre Kiffen legal. Nein. Deswegen bin ich nicht dafür. Ich bin dafür, da der Krieg gegen die Drogen so nicht funktioniert.

 

Als langjähriger Drogensüchtiger bin ich für sauberen Stoff und dagegen, dass Leute wegen Eigenkonsum-Mengen eingesperrt werden. Von den zigtausenden die in Lateinamerika wegen des Drogenhandels und denjenigen, ganz egal wo auf dem Planeten, die ob des Konsums leiden oder gar daran zugrunde gehen ganz zu schweigen.

Die oben erwähnte Argumentation der Cannabis-Legalisierer hat ein Problem: Man nimmt Drogen nur bis zu einem gewissen Punkt freiwillig und zum Spaß. Irgendwann kommt meistens der Punkt wo die Sucht den Lebensrhythmus vorgibt, was von den Legalisierungsbefürwortern gerne übersehen wird: Ja, es gibt auch die Drogensucht. Man kann die Menschen leider nicht nur der Selbstverantwortung überlassen, denn aus persönlichen Erfahrungen weiß ich, dass die Sache irgendwann und dafür sehr schnell ins Rutschen kommen kann. Wie kann man also überhaupt für eine Legalisierung eintreten, wenn das Beispiel Alkohol zeigt, wie schlimm die Geschichte werden kann, mit Tausenden von Toten  jedes Jahr auf der Seite der Konsumenten? (oder Tausende Hirntote-Kiffer? Oder Blödgefeierten – Unwort – Ravern?)

 

Alkohol ist ein gutes Beispiel, da es ein schlechtes Beispiel ist. Hier hat sich gezeigt, wie eine Legalisierung nicht funktioniert. Aber. Aus diesem Beispiel kann man lernen. Ich finde, wenn man Substanzen erlaubt, muss das nicht heißen, dass man sie auf einen Standard erlaubt, wie Alkohol. Ganz im Gegenteil. Man muss bei einer XTC- oder Cannabis-Legalisierung den Alkoholkonsum, also den Verkauf eindämmen. Jeder bekommt von mir aus einen bestimmten Monatsbedarf zugesprochen, den er über die Krankenkasse abrechnen kann, Schimpfwörter wie RFID-Chips könnten  da weiterhelfen. Lacht nicht. Was fürs Kiffen ein Modell ist, muss Zwangsläufig auch ein Modell für Alkohol werden. Kontrollierte Abgabe, anders geht es nicht.  Natürlich lässt sich auch so ein System umgehen (Kumpel kauf mir mal was auf deinen Vorrat), das wird aber immer so sein.

 

Der Weltstaat müsste keinen Krieg gegen die Drogen inszenieren, der ohnehin mehr Leben kostet als rettet. Millionen, ach was Milliardengeldsummen könnten gespart werden und ich würde sie in Prävention und Aufklärung stecken. Während ich hier sitze wird in meiner Landeshauptstadt das Oktoberfest abgehalten, und warum nicht dort große Kampagnen gegen den Alkoholkonsum starten? Bringt nichts? Stimmt nicht. Mit dem Rauchen ist es doch genauso. Vor 50 Jahren hätte man mich auch ausgelacht wenn ich Raucher vor die Tür geschickt hätte: Heute ist es Normalität. Der stete Tropfen… Ihr wisst schon. Und die Quote derer die zu Rauchen anfangen sinkt auch immer weiter, Anti-Drogen-Kampangen funktionieren also, wenn man sie zielgerichtet und auf hohem Niveau führt.

 

Ich gönne jedem seinen Drogenrausch, solange es ein RAUSCH ist und keine Gewohnheit, wenn es also schon gar nicht mehr kickt und man es trotzdem macht. Deswegen soll jeder das Recht haben einmal oder zwei Mal im Monat sich mit LSD oder was weiß ich abzuschießen. Doch nicht im Verborgenen, nein, an Orten wo er auch Hilfe bekommt, wenn es mal nicht so gut läuft mit dem Draufsein. Das Stigma des Drogenkonsums muss weg und schon erreicht man wieder viel mehr Menschen, die man heute als verloren  ansieht.

Drogenkonsum an sich soll nichts Gewöhnliches werden, nicht so wie: Mir ist langweilig und ich gehe jetzt mal zur Tanke und hole mir nen Wodka Gorbatschow aus der Dose. Drogen sollten Event-Charakter haben und dann auch toleriert werden.

Dabei wird es immer einen Schwarzmarkt und menschliches Elend geben. Immer. Nur muss man die Möglichkeit einer humanen Gesellschaft erhalten. Und warum soll ÜBERWACHUNG in jedem Fall etwas Schlechtes sein?

 

Das Ganze ist natürlich ein Hirngespinst, ein wenig von Utopia darf man aber wohl auch noch träumen, oder? Und vielleicht sollte man den Staat nicht immer auf allen Ebenen verteufeln und Regulierung nicht gleich als die Zerstörung der persönlichen Freiheit begreifen. Manchmal wissen doch andere was besser für dich ist. Mutti hatte ja auch nie ganz Unrecht.

 

Legalisiert wird werden. Früher oder später. Auf die eine oder andere Art. Und ich bin gespannt  was dieser anstehende Tabu-Bruch für eine Gesellschaft generiert. Denn mit der Drogenlegalisierung ist es wie mit dem Etablieren der freien und offenen Sexualität im letzten Jahrhundert.

Heute leben wir in ein durch sexualisierten Gesellschaft. Ich kann mir überall Sex kaufen, ansehen und selbst für umsonst ins Internet stellen. Vor Jahrzehnten war noch eine Nacktszene im Kino ein Skandal – wie wird es dann erst mit der legalen Massenverbreitung von Drogen sein? Ich. Bin ja kein Freund der übermäßigen Sexualisierung, die bei uns allerorts anzutreffen ist. Ich finde, diese Form von Sex fehlt es an Würde und Anstand, was sich auch mit dem Respekt auf meinen (schlimm/schönes Wort) Nächsten überträgt. Denn das ist doch die Frage liebe Regulierungsfreien Legalisierungsbefürwörter: Was wird mit der Gesellschaft geschehen, wenn ihr alles frei nehmen dürft? Seid ihr wirklich so naiv zu glauben, dass dann alles besser wird?

Meiner Meinung nach hat der Respekt dem anderen gegenüber mit einem höheren Maß an (Sexueller)Freiheit nicht gerade zugenommen. Im Gegenteil. Was wird nach der sexuellen Revolution, die Drogenrevolution hervorrufen? Werden wir noch unverantwortlicher werden? Und wird das Wort „Freiheit“ nur noch mit „Marktfreiheit“ gleichgesetzt?

Panikherz – Benjamin von Stuckrad-Barre

„Benjamin von Stuckrad-Barre (BSB)? Ist das nicht der Typ der dieses Buch mit dem Kekswichsen geschrieben hat?“ War er übrigens nicht, gedacht hatte ich das aber schon. Jetzt also so ein DROGENBUCH. Ganz furchtbar, als gäbe es davon nicht schon genug. Selbst. Wenn ich bei diversen Arzt-Besuchen in Zeitschriften mit manchmal mehr und hin wieder weniger Bilder gelesen hatte, dass das Buch so „unglaublich gut“ sein solle. In der Buchhandlung entschied ich mich – zwei Bücher – in der Hand, dann doch für Juli Zeh, was natürlich eine grauenhafte Fehlentscheidung war, danach las sich der später also doch gekaufte Benjamin gleich viel geiler.

 

Drogenbuch? Auch. Und wenn man selbst ein Suchti war, liest man solche Bücher ja mehr wie Pornografie als zur Abschreckung, wie es eigentlich auch nur Kriegs, und keine Anti-Kriegsfilme gibt, die auch nur Leute sehen die Krieg aus irgendwelchen irren Gründen geil finden (bewusst oder unterbewusst) – solange sie nicht mittendrin stehen (das ist dann wie mit den Erdbeben im Film „Texas“.

BSB ist nicht der Typ der in „Crazy“ übers Kekswichsen geschrieben hat, sondern der andere, der auch „Soloalbum“ verbrochen hat; als Buch bestimmt ganz toll, als Film eine furchtbare Klamotte, wenn auch mit guten Hauptdarstellern (Matthias und Nora), was natürlich der schlimmste Verriss für einen deutschen Film sein kann: Wenn ausschließlich die DARSTELLER gelobt werden.

 

Benjamin verarbeitet in „Panikherz“ seine Lebenssünden und philosophischen Erkenntnisse ab, was sich wirklich super weg liest. Gerade die Stellen mit den Drogen. Ich weiß nicht. Andere würde das mit den Drogen vielleicht abstoßen, für mich aber spricht er Dinge aus, die selbst ich mich geschämt habe in meinem auf „ABSOLUTE WAHRHEIT“ getrimmten Drogen-Roman „Der Text zur Nacht“ aus zu erzählen.

 

Denn Benjamin von SB beschreibt nicht nur sein langsames Abgleiten in die Sucht (was keine großen Überraschungen birgt, typische Werdegang), sondern auch diese permanente Sucht und dieses ständige Kaputtsein. Er fokussiert sich auch NICHT wie andere Autoren dieses Genres der Selbsterlösungsbücher (und dafür bin ich dankbar) darauf, wie er in absolut grenzdebilen Momenten Dreck vom Boden einer Toilette geleckt hat weil er es für Koks hielt (z.B.) oder andere absoluten Abstürze, für die man sich als Leser gleich mit schämt, nein nein, dafür aber beschreibt er phänomenal unterhaltsam dieses ständige Draufgeseihe und was das für eine verdammte Arbeit ist, tagelang wach zu sein und dabei immer unterwegs und doch in der Wohnung eingesperrt; selbst da ist immer etwas los, man ist ja ständig wach und voller Energie – an manchen Stellen habe ich mich anerkennend kaputt gelacht, vor lauter Mitgefühl. Voll peinlich, absolut zerstört, kann man keinem eigentlich erzählen: Hab ich genauso gemacht! Der totale Drogenwahn.

Ich zitiere mal Seite 292 f:

 

„Der aus Süchtigenperspektive akzeptable Mittelbau, wenngleich eindeutig zweite Liga: Das sind Leute, die regelmäßig und ohne viel Tamtam Drogen nehmen, es aber IM GRIFF haben, was man daran erkennt, dass sie ein niedliches den Ausnahmecharakter indizierendes TUWORT für Drogennehmen benutzen: FEIERN.

Der wirklich Süchtige hat das lange hinter sich. Was anderen Feier ist, ist ihm Normalität, formal feiert er durch, nur empfindet er dieses Suchtgeschufte keineswegs als Feier, es ist eine vollkommen autistische Veranstaltung. Zwar ergibt es sich, dass passager andere dabei sind, aber mit einer Sucht ist man immer ganz allein, egal, zu wievielt man ihr gerade nachkommt. Die echte Sucht ist ein ganz nach innen gerichteter Irrsinn. Je dichter, breiter, zuer, druffer ich war, desto stiller wurde ich nach außen, denn drinnen tobte der Krieg. Man hat so dermaßen zu tun mit Zähnemalmen, Blinzeln, Chancenlos-Gedankenfetzen-Verfolgen; Lichtersternchen bängen auf die Netzhaut, gern mal ein paar Stündchen gekrümmt und mit komplett angespanntem Körper in irgendeiner Ecke hängen, als sei es die Steilkurve einer Bobbahn. Da ist dann nix mehr mit Eitelkeit, Komplexen, Rollenerwartungen. Außen mag passieren was will, die Party findet inwändig statt.“

 

So isses.

BSB hat aber im Leben zum Glück mehr vorzuweisen als eine respektable Sucht nach Kokain und einen Knacks was sein eigenes Körpergewicht angeht (Stichwort: Mädchenkrankheit). Der Mann war auch Journalist, Besteller-Autor, Drehbuch-Schreiberling und Witzebastler für Harald Schmidt. Und ganz wichtig: Ein riesiger Udo Lindenberg Fan. Diese Lindenbergerei ist es, die sich wie der einzige rote Faden (außer der Sucht) durch sein Leben zieht. Udo forever, immer und überall und da muss man als Leser halt durch, auch wenn man den Typen mit Brille und Hut gar nicht so leiden kann, wie z.B. ich.  Macht aber nichts. Es fügt sich alles super zusammen und am Ende mag man Udo sogar, auch wenn Udo eher ein Symbol ist als eine wirkliche Figur, da können die zwei Freunde geworden sein wie sie wollen. Diese Liebe zum Übervater, zum Startum, Erlösung durch Popularität, das ist gleich noch eine ganz andere Ebene die da herein kommt, noch schlimmerer und amüsanterer Jugendwahn als Drogensucht und die Träume vom ewig schmalen Arsch.

 

Namedropping wird in dem Buch eh großgeschrieben, sehr toll die Szenen mit Helmut Dietl und Bret Easten Ellis: Traumhaft. Diese Übermenschen werden… Nein… Sie bleiben Übermenschen: Nur mit sehr viel Herz. Das aber mit Thomas Gottschalk. Das geht ja nun gar nicht. AufgestellteNackenhaare beim Lesen. Ein Graus. Gottschalk ist ja schon dem Namen nach das ausverbalisierte Missverständnis eines Halbgotts…

Was jedoch ganz herausfällt sind die FRAUEN in seinem Leben. Das ist schon sehr auffällig. Gerade für mich persönlich, da die FRAUEN es waren, die mich aus meiner Sucht herausholten. Nun. Ich hatte auch keine Familie wie der Benjamin sie hat und hatte, die angetreten war um ihn zu erlösen. Irgendwas soll da einmal wohl mit Anke Engelke gewesen sein. Nun ja. Mehr Intimität wird da aber auch nicht erwähnt. Komisch. Diese totale Selbstentblößung hier und dieser absolute Schutz der Partner auf der anderen Seite. Bemerkenswert. Stört nicht. Jeder wie er will – und doch bemerkenswert. Es würde auch nicht ganz zum Thema des Buchs passen, denn hier ist nur Platz für den Fan und seine Stars.

 

Der Benjamin ist kein Dummer. Und so liest sich sein Buch auch. Es macht sehr viel Spaß und ist dabei überhaupt nicht traurig, obwohl so viel Traurigkeit und menschliche Makel erzählt werden. Melancholisch vielleicht, von Trauer nur keine Spur. Man muss ja nicht gleich Trauer markieren um im Rückspiegel die Philosophie des Weltbürgers und ewigen Fans zu etablieren.

 

Das Buch ist einfach gut und rund so wie es ist. Dabei. Macht es mir gar keine Lust die anderen Bücher von Stuckrad-Barre zu lesen. Das Ding gut so wie es ist. Mehr brauche ich gar nicht. Der ist für mich auserzählt – kein zweiter Akt 😉 Das ist etwas Gutes.