Absolution 33 – Eine Welt ohne Schauspieler

Eine dreiviertel Stunde, eine Flasche „Fritz Kola“ und 0,6 Gramm eher mäßiges Pep später, befindet sich Paul wieder im Körper Banyardis. Was die letzte Zeit mit einer starken psychischen Anstrengung verbunden war, gelang ihm nun, ohne dass er es forcieren musste. Er musste es nicht einmal wollen. Der Übergang vollzog sich ähnlich des Einschlafens, denn wie zu Beginne eines Traumes konnte sich Paul nicht an den Moment des Wechsels in einen anderen Bewusstseinszustand erinnern. Es war wie durch eine offene Tür ins Paradies zu treten, nach dem er sich nach dem ganzen Wirrwarr mit Katha außerordentlich sehnte. Plötzlich war die „andere Welt“, wie Paul sie unterbewusst schon bezeichnete, jene geworden, in der er sich sicherer und behüteter fühlte, als in seinem tatsächlichen Leben. Die Fronten waren ebenso geklärt, wie die Ziele. Warum konnte es im normalen Leben nicht genauso sein? Warum konnte er nicht einfach Kathas Held sein? Und warum wusste er nicht einmal für sich, ob er das überhaupt wollte?

Kaum war er in Banyardis muskulösem, wildem Körper angekommen, fühlte er sich endlich bei sich selbst angekommen. Die Verwandlung „in“ Banyardi war wie ein Upgrade zum Superhelden. Banyardi kennt keine Zweifel. Keine Furcht. Banyardi ist ein Fels. Ein Mann wie ein Nietzsche Zitat, dessen „Formel meines Glücks“ lautete: „Ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel.“

Banyardi würde sich die Frauen so nehmen wie er wollte. Er würde sich auch niemals lächerlich machen. Niemals wanken. Niemals zweifeln. Banyardi stand über der Meinung der anderen. Seine Welt war einfach und deswegen voller Hoffnung.

 

Die Welt der Ma-Fag liegt schon in der Dämmerung. Der Krieger ist auf dem Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock. Erschüttert über dieser Erkenntnis öffnet er dumpf seinen Mund und bleibt stehen, denn: Noch nie wusste Paul, was Banyardi vorhatte und woher er kam. Bisher war Paul immer einfach nur in die Welt der Ma-Fag eingetaucht, ohne auch nur im mindesten zu wissen, was sein Auftrag ist. Er war einfach nur immer dagewesen. Mitten im Geschehen. Jetzt ist sich Paul bewusst, indessen Banyardi seinen Weg fortsetzt, dass er auf den Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock ist, die von den männlichen Gefangenen separiert worden waren. Und. Banyardi hatte bereits eine weitere Begegnung mit Ylva geführt. Die blonde Frau vom Wasserfall, die den Jungen mit so stolzem Blick Paroli geboten hat. Die Tochter Murdocks.

Wie findet man Vertrauen zu einer Person, die man gefangen hält? Über die man verfügen und richten könnte, wie es einem beliebt? Die Ältesten hatten entschieden: Durch Menschlichkeit – und Schwäche. Menschlichkeit signalisierte der Mann, der vor ihren Augen ihren Beschützer, wenn das Biest nicht sogar ihr Freund war, getötet hatte, in dem er sich auf die gleiche Stufe stellte, wie die Gefangene. Er ermahnte die Wärter der Gefangenen sie gut zu behandeln und sprach davon, dass auch die Ma-Fag eines Tages Geflüchtete sein könnten, sollten die Mi-Cock recht behalten. Würden die Wachen es denn nicht auch wollen, dass ihren Frauen kein Leid zugefügt werden würde? Würden sie selbst denn nicht Obdach bei Fremden finden wollen, würden sie vertrieben werden? Und was wäre wenn es tatsächlich diesen einen großen Feind gäbe, gegen den sie alle zusammenstehen mussten, ganz egal aus welchem Teil der Welt die künftigen Alliierten kommen würden? Das müssten sich die Wachen doch einmal klarmachen!

 

Tatsächlich war das alles nur Show für die Gefangenen, denn noch niemals hatte ein Bübchen wie Banyardi den tapferen Kriegern der Mi-Cock überhaupt irgendetwas zu sagen gehabt. Bei den Mi-Cock gab es eine klare Rangordnung, die an das Alter geknüpft war, nicht an Erfolge. Was für Erfolge außer der Jagd könnte so ein Wald-Volk schon vorweisen könne?  So nickten die Krieger nur müde und sahen erschöpft vor lauter Langeweile in den Urwald. Sollte er doch reden, der Kleine.

Noch viel schlimmer als das Schauspiel der Wachen war der Beginn dieser ganzen Szene, die sich Masiyo ausgedacht hatte. Sie sollte als Türöffner zum Vertrauen der Gefangen benutzt werden. In diesem Szenario stürzte sich Masiyo als Vergewaltiger auf die eingesperrten Weiber, vor welchem Banyardi die Frauen retten sollte. Dadurch würde Banyardi als tapferer Held und Retter der Frauen ihre Gunst erwerben. Jedoch geriet die Aktion genau zu der Farce die eintreten musste, wenn sich zwei Ureinwohner vornehmen, Theater zu spielen, ohne jemals auch nur ein Schauspiel gesehen zu haben, nein, ohne überhaupt zu wissen, was Theater ist. In der Welt der Ma-Fag gibt es zwar gewissen Riten und Feste, die sich jedoch ausschließlich an den Jahres- und Mondzeiten, sowie an den Brunftzeiten der Tiere orientieren. Das Wort „Schauspieler“ gibt es un Dorf nicht. Wozu auch? Die Ma-Fag sind ehrliche Leute, denen es gar nicht in den Sinn kommt dem Gegenüber etwas vorzuspielen. Schließlich kennt im Ma-Fag-Dorf jeder jeden und es ist geradezu lächerlich seinem Nachbarn, der ohnehin alles über einen weiß, eine große Lügengeschichte vorzuspielen. Gerade deshalb empfand Masiyo seine Geschichte auch als so genial: In seiner Welt hatte er etwas erfunden, was es bei den Ma-Fag nicht gab. Das „So tun, als ob“. Schließlich kannten die Mi-Cock die Ma-Fag nicht, wie sollten sie also zwischen Wahrheit und dem Schauspiel unterscheiden können? Eine geniale Idee für einen Dorflehrer, der niemals das Dorf verlassen hatte. Masiyo ist wahrlich ein großer Geist. Ein Visionär, der etwas erdacht hatte, was kein Ma-Fag vorher auch nur denken konnte. Der Plan MUSSTE einfach funktionieren.

 

Das traurige Ende der Geschichte war ein absolut überzogenes, grauenvolles Schauspiel von Masiyo und Banyardi, dessen Lächerlichkeit seines Gleichens suchte. Alles daran improvisiert. Nichts war einstudiert (auf den Gedanken vorher zu üben, wären die beiden Wilden nie im Leben gekommen). So ging schief was schiefgehen konnte. Das Timing stimmte nicht. Der Mut zu Aktion fehlte total. Dass sie sich nicht versprochen und damit gänzlich verraten hatten, war schon alles. Hätten sie wenigstens die Wachen in ihre Idee eingeweiht doch die lagen einfach nur gelangweilt in der Sonne und verzogen keine Miene, als Banyardi theatralisch und mit großen Worten (und wenig Kraftaufwand) den Erektionslosen Masiyo von Ylva riss. Masiyos Gesicht war bei der ganzen Geschichte rot wie eine Tomate ob der Peinlichkeit, Ylva überhaupt so nahe zu kommen. Noch nie hatte der alte Dorflehrer eine andere Frau berührt als seine eigene. Schon gar nicht so eins junges und pralles Weib wie Ylva. So gab der „Vergewaltiger“ nach dem Eingreifen des Heldens auch sofort auf und trollte sich. Nicht in Hast, Furcht oder mit sonstigen großen Gesten: Er ging einfach davon, als hätte er gerade ein Bier von einer Bar geholt. Nach dem Motto: „Meine Aufgabe ist erledigt. Ich geh dann mal nachhause.“  Die ganze Szene war furchtbar unglaubwürdig und Banyardi hatte kurz das Gefühl, das Ylva und die Frauen es sich verkneifen müssten laut los zu lachen, als Masiyo – wenn auch nicht gleich pfeifend – vollkommen gechillt seines Weges ging.

Paul stöhnte im Kopf Banyardis peinlich berührt auf, als ihm diese Farce gewahr wurde. Absolut lächerlich.

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Das übersteigerte Bewusstsein der Menschen

Beim Frühstück im Urlaub mit Ei im Mund kann man sich die wunderbarsten Fragen stellen. Schön, wenn man zu viel Zeit hat. Ein Zustand, den ich mir selbst selten zugestehe. Dumm wie ich bin. Gerade poppte die Frage in mir auf, weshalb der Mensch beim Sex Lust empfindet. Würde der Mensch keine Lust beim Sex empfinden, hätten wir sehr viele Probleme auf dem Planeten weniger. Es gäbe nicht nur weniger Kriege auf dem Planeten (spontan muss ich da an die alten Griechen denken: Paris, der mit Helena durchbrennt – zum Thema Liebe kommen wir später – worauf das Resultat Krieg ist) auch die Pubertät wäre viel leichter zu ertragen usw. usf.

Die Lust wurde in vergangenen Zeiten oft als „viehisch“ bezeichnet, was für mein Befinden totaler Unsinn ist. Sexuell erfüllt sieht ein Fisch beim Laichen nicht aus. Zugvögel pimpern auch nicht unkontrolliert voller Lust in der Gegend herum, sie warten viel mehr auf die richtigen Umstände um eine Nachkommenschaft zu gründen. Und auch bei den Säugetieren wird nicht jeden Tag gevögelt bis zum geht nicht mehr. Die Tiere ficken eigentlich mit viel mehr Vernunft als wir Menschen, unsere Art, die mindestens ein Jahrzehnt im Leben extrem, wenn nicht gar ein ganzes Leben lang auf Sex fixiert ist. Ich hab auch nie davon gehört (wie immer kann ich gerne darüber berichtigt werden), dass sich Affen oder Löwen stundenlang zum Kuscheln und tagelangen Ficken irgendwo verstecken würden. Klar. Der Affe verhält sich ähnlich wie der Mensch (oder war es umgekehrt?), jedoch bei weitem nicht so extrem.

Zusammengefasst: Extremer Sex und Perversionen (gibt es die heute überhaupt noch in unserer hyperliberalen Gesellschaft?) sind typisch menschliche Eigenschaften. Niemand lebt und empfindet seine Lust so sehr wie wir.

Bei unserer Gattung wird gerne mit der Vernunft argumentiert. Wir Menschen sind die Vernunftgesteuerten, die ein Bewusstsein über ihr Tun besitzen. Was richtig ist. Bewusstsein ist genau dass, was uns vom Tier unterscheidet. Aber macht uns das per se vernünftiger? Es ist ein alter Hut wenn ich jetzt mit der Zerstörung unseres Lebensraumes komme (was ich an dieser Stelle leider muss), so wie all den unvernünftigen Entscheidungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens trifft, sei es nun Selbstzerstörung (Rauchen, Trinken, Drogen, usw.) oder Selbstvernachlässigung (falsche Ernährung, falsche Entscheidungen usw.). Zwar können wir auch Flugzeuge und Smartphones bauen. Aber der Mensch ist nicht von seinen Grundzügen aus vernünftig. Er ist vernünftig genug um durch den Alltag zu kommen und viel zu alt zu werden. Dabei kann er aber auch gleichzeitig höchst unvernünftig agieren. Eben. Weil der Mensch bei „Bewusstsein“ ist (was auch immer das bedeuten soll). Der Mensch ist sich nämlich nicht nur dessen bewusst, dass er tot ist wenn er von einem Auto überfahren wird. Er ist sich auch dessen bewusst, wie viel Spaß es macht schnell Auto zu fahren oder viel Sex mit vielen verschiedenen Partnern zu haben; zwei Punkte, die gute Beispiele dafür sind, wie der Mensch sich selbst schadet und seine Art zerstört. Der Mensch hat ein übersteigertes Bewusstsein entwickelt, dass ihm bestimmte Dinge wichtiger erscheinen, als im Einklang mit sich und seinem Planeten zu leben. Dabei ist noch kein einziger Mensch außerhalb des Planeten gestorben (höchstens vlt noch in dessen Atmosphäre). Das ist von einem vernünftigen Standpunkt ausgesehen gelebter Wahnsinn. Ebenso ist der Humanismus den ich vertrete, gelebter Wahnsinn. Es gibt nun einmal viel zu viele Menschen, die nicht mehr im Einklang mit der Natur leben – eigentlich fast alle. Wäre es da nicht vernünftiger Milliarden von ihnen zu vernichten um die Menschheit an sich zu retten? Wäre es nicht am Klügsten vor allem alle „erste Welt-Menschen“ auszurotten, da wir maßgeblich an der Vernichtung unseres Lebensraumes beteiligt sind? Sind wir denn nicht die eigentlichen Wilden, die ihr Leben wie wild und ohne Rücksicht auf Verluste führen? Gehören denn nicht gerade die Deutschen ausgerottet? (Hier: gewollte Provokation).

Das Problem mit dem menschlichen Bewusstsein ist halt leider, dass sich unser Bewusstsein nur auf die Gegenwart bezieht. Wir können nur agieren, wie wir jetzt agieren. Natürlich können wir uns Dinge vornehmen, scheitern aber meistens doch ziemlich schnell an der Feststellung, dass es anders oft sehr viel leichter ist. Nämlich in dem wir bewusst auf die Zukunft scheißen. Jetzt geht es mir doch bewusst gut, was sollte mich die Zukunft interessieren? Oder was juckt es mich was woanders auf dem Planeten geschieht? Bewusstsein ist immer mit Ort und Gegenwart verbunden. Und ja, wir können lernen dieses Bewusstsein an einer höhere Vernunft anzukoppeln, um so unseren Lebensstil zu ändern (ähnlich wie wir uns die Regeln des Straßenverkehrs als göttliche Gebote eingeprägt haben), nur leider geht vorher alles den Bach runter, bevor wir unser Bewusstsein maßgeblich der veränderten Lebenslage angepasst haben. Das Umlernen dauert einfach zu lange.

Unser Bewusstsein ist also eine unfertige Sache. Ebenso wie unsere Vernunft. Und wir bilden uns so viel darauf ein. Dabei müssen wir nur einen scharfen Traummann/frau sehen, um unser ganzes Leben in Frage zu stellen. Oder nur ein Kind auf die Welt bringen. Um sämtliche Liebe die wir haben auf das Kind zu fokussieren – um ab diesem Zeit in den meisten Fällen alle andere Menschen als Untermenschen und weniger wichtig zu erachten.

Liebe ist nicht nur unsere Antriebsfeder. Liebe tötet uns.

Da ist ja auch das Geile: Wir Menschen sind bipolare Wahnsinnige, die auch noch stolz darauf sind und uns für sehr vernünftig halten. Selbst wenn die Lust unser Leben bestimmt. Nicht immer. Oft aber in den entscheidenden Momenten. 

Wir brauchen. Eine neue Form von Vernunft.

Dafür stehe ich hier mit meinem Namen.

Psychische Probleme bei der eigenen Hochzeit

Grundsätze der Physik: Ein Körper kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.

Vorab hätte ich mir nicht gedacht, was für ein Stress so eine Hochzeit ist. Genauso wenig hätte ich erwartet, dass ich jetzt, ein paar Tage nach der Feier, wegen psychischen Überlastungsproblemen krankgeschrieben sein würde. Starke Burnout-Symptome hatte ich zuletzt vor über einem Jahr und ich war tatsächlich auf einem guten Weg, wieder richtig gesund zu werden, jedoch… Wieder einmal war es die Mischung aus Arbeitsstress und privaten Aufgaben, die mich über meine Grenzen brachten. Dabei hatte ich das auf der Arbeit kommuniziert. Mehrmals war ich dort lautstark in Erscheinung getreten und donnerte, dass es nicht funktioniert wenn man eine ungelernte Arbeitskraft „mal so kurz über dem Sommer“ (unserer Hauptsession) in meinen alten Arbeitsbereich stellt, während ich einen anderen mache und dennoch meinen alten Arbeitsbereich vorbereiten soll. Bei Sortenwechsel umstelle. Und schließlich die Anlagen reinige. Denn alleine dass kam jeden Tag auf etwa 4 bis 5 Stunden, zu meiner eigentlichen Arbeit, die ein Vollzeitjob ist. Und man kann auf Dauer nicht 12,5 Stunden in 8,5 Stunden Tageswerk pressen. Denn Überstunden waren zwar eine Option, nur hilft es nicht mit Überstunden zu argumentieren, wenn ein Arbeitsbereich in den anderen greifen muss, da es sonst zu Verzögerungen kommt. Zudem bin ich Hygiene-Arbeiter und ich kann mich nicht einfach so durch den Tag schludern. Denn die von Vorgesetzten hingeworfene Aussage „Mach mal schnell“ ist nicht mit Sauberkeit vereinbar. Hygiene hat keine Grauzone. Entweder etwas ist sauber – oder nicht. Und dann zu argumentieren: „Hey, ich war gar nicht vor Ort sondern woanders“ hilft nicht. Es ist doch dein Arbeitsbereich, oder?

Am Ende habe ich meinen Vorgesetzten nur noch angeschrien: Dass er keine Ahnung von der Arbeit habe. Wie ein General hinter den feindlichen Linien, der erst mit Stundenlanger Verspätung erfährt, was an der Front geschieht. Manche Vorgesetzte. Wollen nicht sehen. Dass ihr Plan mehr Wollen als Möglichkeit ist.

Und dann die Hochzeit. Ich habe mich sehr darauf gefreut verheiratet zu sein. Und ich bin das jetzt auch. Nur der Weg dahin ist schon ziemlich steinig und schwer wenn beide Partner Vollzeit und der andere auch noch mit 24 Stunden-Schichten arbeiten. Da gibt es nun einmal selten die Option dass man vormittags zum Konditor gehen kann wegen der Torte, da die Konditoren nur vormittags arbeiten. Nicht zu vergessen die Details, die dann wieder hinzu kommen, wie dass man ein Brautpaar für die Torte selbst suchen muss, da dieser Konditor mit der speziellen Torte das nicht anbietet. Überhaupt: Diese ganzen Details bei einer Hochzeit sind der Wahnsinn. Jeder will (ganz Instagram like) individuell bei seiner Hochzeit sein. Wir eigentlich nicht. Wir wollten nichts großartiges. Aber trotzdem scheint sich der Markt für den „schönsten Tag im Leben“ dorthin entwickelt zu haben. Es wie Lego für romantische Irre: Alles folgt einem Detail, einem Detail, einem Detail… Von Lieferproblemen für Hochzeitssackos oder was weiß ich ganz zu schweigen (davon abgesehen, dass wir auf dem Land leben und nur dann in die Stadt kommen, wenn alle am Einkaufen sind, abends, nach der Arbeit…). Insgesamt ist das ehrlich gesagt nichts dramatisches. Doch wenn beide Partner Vollzeit arbeiten, werden aus den Details kleine Berge, hinter denen noch mehr Berge stehen, viel größere sogar, die man erst nicht sehen konnte – obwohl sie höher sind als die Erhebung davor.

Wir machten an einem Wochenende die Trauung mit Familie. Am zweiten, die Party für die Freunde. Es war Beides sehr schön. Und bei der Trauung war noch alles paletti. Es war vielleicht ein zu heißer Tag, doch wir freuten uns über die Sonne, über das Gelingen unserer Pläne und sogar über die Familie. Es war keine große Eventhochzeit. Doch wer meinen Blog ein wenig kennt weiß, dass ich genug „Events“ im Leben habe. Ich führe ein gutes Leben, in dem viel mit Party und Freizeitaktivitäten geschieht. Und wenn man dann mal an der Hochzeit keinen berühmten oder berüchtigten DJ oder Band hört, sondern nur in ein teueres Hotel geht, dann ist das kein Schaden, sondern der Verzicht auf etwas was man ansonsten eh macht, und immer noch mehr als sich viele Leute leisten können.

Mitte der Woche haute es mich dann aber psychisch um.

Vielleicht lag es auch mit an meinem Junggesellenabschied, wobei ich da im Nachhinein nicht zu viel hineininterpretieren will. Fest steht aber: Den auch noch fast spontan organisieren zu müssen, hat meiner Psyche nicht geholfen. Seitdem war alles irgendwie doppelt belastet. Und es fühlte sich alles undankbar an. Nichts was ich tat wurde dem gerecht, wie es sein sollte. Dieser Gedanken kam aus mir selbst heraus. Zudem ist er einer meiner Grundprobleme, die (siehe Psychotherapie) in meiner Kindheit verwurzelt sind. Ich. Das ungeliebte, vergessene, letzte Kind, dass allen irgendwas beweisen will – und doch nur getadelt wird. In schwachen Momenten kommt das einfach wieder hoch. Wenn man dann den ganzen Tag nur am Rennen, Rennen und Rennen ist, um in der Arbeit und danach sich und anderen etwas beweisen will, und man ständig das Gefühl hat niemals anzukommen, dann macht es irgendwann einfach mal „Knacks“. Ich verlor absolut den Boden unter den Füßen und litt an einem starken Erschöpfungssyndrom. Ich kam dann auch gar nicht mehr wirklich auf die Beine, obwohl die anstehende Hochzeitsparty für Freunde ein glatter Erfolg für alle Gäste war – nur für mich leider nicht ganz. Die Menschen sahen in meinen Augen und in meinem Verhalten, wie schlecht es mir ging und taten das Schlimmste, was man mir antun kann: Sie hatten Mitleid mit mir. Ich weiß, das klingt seltsam. Denn es waren und sind meine Freunde, die mir etwas Gutes tun wollten. Und doch gab mir diese übertriebene Freundlichkeit und die Aufbauversuche eine Weile lang ziemlich den Rest. Es war einfach peinlich und erniedrigend, dass sie es sehen konnten, wie ich die Kontrolle zu verlieren schien. Und dabei hatte ich mich doch für so einen taffen Typen gehalten. Am Morgen nach der Party hab ich nur noch geheult… Obwohl die Party selbst ein Erfolg war. Auch für mich. Ich überwand mich sogar noch mein DJ-Set auf meinem DJ-Controller im Garten zu spielen (Burnout-Symptome hin oder her, ich hatte mich so lange darauf vorbereitet; ich sage absichtlich immer SYMPTOME, da ich nicht an einem alles zersetzenden Burnout litt, denn dass wäre eine ganz andere Nummer gewesen) und unseren Freunden schien es auch nicht nur aufgesetzt viel Spaß zu machen, nein, sie warfen sogar im Garten ihre Schuhe in die Ecke und tanzten teilweise barfuß in dieser kalten, Sternenklaren Sommernacht zu meiner Musik. Wieder war mir ihr Wohlwollen eher peinlich – auch wenn ich unglaublich dankbar dafür war. Das hat mir sehr viel bedeutet. Dass mich die Leute unterstützt haben. Ich weiß, was Freundschaft ist. Aber selten war es mir so wichtig, wie in diesem Moment.

Jetzt sind beide Hochzeitsevents vorbei. Was bleibt sind schöne Bilder. Meine Frau sieht traumhaft auf. Und ich konnte durch mein Beisein ihre Schönheit schmücken. Wir haben überschwängliche Hochzeitsvideos, Grußbotschaften, die meine Freunde uns schickten. In denen ich mehr Freude lesen kann, als in jeder mit Herzchen voll gekleisterten Messenger- oder Whatsapp-Nachricht die wir später bekamen. Das war auch wichtiger als all das Geld was wir bekamen. Witziger Fun-Fakt: Ich hatte nie damit gerechnet überhaupt Geld zu bekommen. Mir war klar, dass ich bereit war für das Vergnügen meiner Freunde locker 1000 Euro auszugeben, aber dass sie mir fast genauso viel schenken würden. Damit. Hätte ich nicht gerechnet.

Am Ende habe ich alles so bekommen wie ich es wollte, auch, wenn ich nicht der war, der ich sein wollte. Es war nicht unsere Party für uns. Sondern unsere Party für andere. Und das war okay. Und süß. Wie mein bester Freund (obwohl ich nichts von solchen Wertungen halte, doch in diesem Zusammenhang und der Mühe die er sich machte, hat er den Titel verdient) aufgeregt eine kleine Rede für uns hielt. Das sind Dinge, die ich nicht vergessen will. Die guten Sachen. Vielleicht bleiben am Ende wirklich nur die guten Erinnerungen übrig. Und über die schlechten Ding kann man später eh immer Lachen.

Was soll ich nach der Geschichte anderen Leuten bieten, die ebenfalls unter großem Stress bei solchen Events stehen, was sicherlich sehr viele sind: Nichts. Es hilft halt auch nichts wenn man sagt: „Nimm es nicht so schwer. Reg dich nicht auf. Alles wird gut.“ Leider. Reichen solche Worthülsen nicht. Ich habe nichts was ich euch mitgeben kann und das ist auch okay so. Ihr müsst damit selber klar kommen und wenn ihr das alleine nicht schafft, dann sucht euch Hilfe. Es ist keine Schande. Es ist keine Schande den Menschen an eurer Seite, mit dem ihr euer ganzes Leben verbringen wollt damit zu belasten, noch eure Familie, oder eure Freunde. Klar. Es wird nicht jeder Verständnis dafür haben. Wenn ich mit meinem Vater darüber sprechen will, dann ist es so, als würde ich eine andere Sprache sprechen. Er versteht absolut nicht was ich ihm sagen will. Aber das ist okay. Findet eure Leute, die die gleiche Sprache sprechen wie ihr – und ich bin mir sicher, ihr werdet sie finden. Ihr seid nicht alleine. Und eine Hochzeit MUSS auch nicht der schönste Tag im Leben sein. Das Produkt eurer Liebe ist die Hochzeit, nicht umgekehrt. Und am Ende wird hoffentlich auch für euch ein Tag zurückbleiben, den ihr jedes Jahr wieder gerne feiert. Das ist wichtiger als all der Perfektionismus, die irgendwelche Fakeprofil von verstellten, optimierten und vielleicht sogar gecasteten Leuten im Internet euch glauben machen wollen. Niemand ist perfekt. Nur die Liebe die ihr zueinander spürt, sollte es sein.

Yolocaust

Ich mag Shahak Shapiras künstlerische Arbeit, auch wenn er kein großartiger Redner ist. Seit einer Weile folge ich ihm bei Facebook und sein Yolocaust-Projekt sollte wirklich einer großeren Menge an Leute zugänglich sein.

Vielleicht habt ihr schon davon gehört, es geht um Selfies am Holocaust-Mahnmal in Berlin. Einfach hier klicken 

(Ich habe das auf dem Handy erst gar nicht verstanden – man muss mit dem Curser über die Bilder fahren)

Dabei will ich nicht einfach nur mit dem Finger auf andere zeigen. Auch ich war vor Jahren mit Freunden dort und wir haben dort Fotos von uns gemacht, einfach weil das Mahnmal selbst ein imposanter Bau ist; deswegen wollten wir nicht Pietätlos sein. Wenn man ehrlich ist denkt man dort kaum an das wofür es eigentlich steht. Das ist der Nachteil der einzigartigen Architektur.

Fühlbar als Mahnmal wurde es mir damals erst, als ich richtig tief hinein ging und der Lärm Berlins durch die Architektur abgeschottet wurde. Das hat etwas bewegt.

Recht muss man Shapira dennoch bei seinem Foto-Projekt geben, der mit seiner Fotomontage daran erinnert was es eigentlich darstellt.

Ich schlafe wenn ich tot bin

So heißt auch die Gleichnamige Dokumentation über Steve Aoki. Den fand ich früher ziemlich cool, damals, als er  „Warp“ mit „the bloody beetroots“ gemacht hat und die damals frische Elelctro-Szene richtig kickte. Heute ist er ein Welt-Star. Nicht mehr als Electro-DJ, nein, heute legt er EDM auf, im Übermenschen-, Überlebensgroßen Guetta-Stil, eine Version und Ausgeburt der elektronischen Musik, die ich durch und durch ablehne.

EDM ist der blanke Ausverkauf der Werte, die die elektronische Musik einmal hatte. „Underground“ oder eine „Aussage“ gibt es dort nicht, soll es dort aber auch nicht geben. Es geht nur noch um den Spaß für Alle, der im Prinzip natürlich eine schöne Utopie ist,  doch dieses ultimative, multikulturelle Vergnügen ist und bleibt der möglichst kleinste gemeinsame Nenner, der sich nicht und niemals in einer Avantgarde manifestiert, es richtet sich immer an genau das gleiche Publikum, dass sich auf den selben Nenner  einigen kann: Die hohle Masse der oberflächlichen und durch sexualisierten Ja-Sagern.

Die elektronische Musik hat ein amüsantes Problem mit der Zeit-Verortung. Denn elektronische Musik spielt sich so gut wie nur in der Gegenwart ab. Selbstverständlich gibt es den Werdegang für die Geschichtsbücher (Detroit, Chicago, Manchester, Berlin usw. usf.) doch das hat nichts mit der Totalität der Wahrheit zu tun, wie diese Musik (egal welcher Spielart) in den Clubs oder auf den Festivals erlebt wird: Dort geht es immer um die Gegenwart. Nur um dass, was gerade geschieht. Es geht nur um die Musik, die gerade jetzt aus den Boxen hämmert (oder trällert) und es spielt keine Rolle ob es zuerst Disco, dann House, dann Acid, dann Techno, dann Drum & Bass, Dubstep, Electro, EDM oder im Jetzt abgekommen Deep House gab: An jedem Punkt dieser Evolutionsgeraden geht es nur um das Jetzt; wer man wo ist und mit wem. Gestern ist schon wieder old school.

Wenn ich mich jetzt also hinstelle und sage, dass ich das was Steve Aoki aus dem einstmals frischen Electro mitgemacht habe einmal derbe abgefeiert habe, würde ein ähnlicher Hohlkopf wie ich, der sich im Jahre 2016 verortet, sagen, dass der Aoki doch wohl EDM macht und immer gemacht hätte und ich die Schnauze halten soll wenn ich keinen Plan habe…  Das klingt wie ein Scherz, so tickt „DIE“ Szene aber. Sie ist absolut Zeit- und Argumentationsresistent Das ist sehr lustig. Wohl aber auch sehr anstrengend.

 

Steve Aoki ist – und das wusste ich nicht – der Sohn von Rocky Aoki, welcher tatsächlich eine lebende Legende war, schließlich erfand er die Restaurant-Kette Benihana (die ihn zum Multimillionär machte) und war zudem auch noch ein weltbekannter Ringer, Wrestler und Speed-Boot-Fahrer (und dabei auch noch Rekordhalter). Steve wollte seinem Vater immer beweisen, dass er seiner würdig sei und versuchte mit aller Kraft und Wut immer erfolgreicher zu werden bei dem was er tat; hier wird die Geschichte interessant. Nicht diese Nico Rossberg Geschichte, die vom reichen Sohn eines überpräsenten Vaters handelt der einem (theoretisch) alle Last schon vor der Geburt von den Schultern genommen hat, im Bezug darauf, seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten zu müssen. Ein Umstand, der die Nachgeborenen nicht gerade sympathisch wirken lässt. Normalen Leuten ist es verständlicherweise egal wie viele Komplexe so ein Kind eines Multimillionärs hat, schließlich ist es trotz derer immer in einer besseren Ausgangslage als die Meisten von uns (komm mal klar!). Nein, interessant ist das in Hinblick auf Steve Aokis künstlerische Entwicklung, denn wenn es nur um ein „Höher, schneller, weiter“ geht, dann kann seine Geschichte keine künstlerische, sie MUSS kommerzieller Natur sein. Es kann gar  nicht  dauerhaft um Inhalte oder einer Politik, eines Sozialismus des Tanzens gehen. Wichtiger sind die MASSE, die MENGE (sei es die Stückmenge der verkauften Lieder oder der Menge an Tickets die für einen Gig verkauft werden) und der damit verbundene RUHM. Das mit Qualität aufzuwiegen ist so gut wie unmöglich. Die Frage muss sogar erlaubt sein, ob es überhaupt einen Willen gab die Qualität von der künstlerischen Seite aus erreichen zu wollen.

 

Zwar halte ich von solchen Homestorys nicht viel, in dem Fall war sie doch ziemlich erhellend, denn hinter der Kunst (besser: der Künstlichkeit) die Menschen produzieren, stehen immer Geschichten. Und so wie sich Steve Aoki an das Kamerateam verkauft hat, bietet das sinnvolle Einblicke in das Leben eines Mannes, der von seinem Umfeld anders gesehen wurde, als er es in seinem Innersten war. Es taugt nun mal nicht jeder als Gallionsfigur einer Bewegung auch wenn die Leute einen gern dazu stilisieren. Da kann man jetzt sagen: „Macht korrumpiert“ doch es ist mehr als dass, denn wie entscheidet die Masse überhaupt richtig, wem sie diese Macht gibt? Kennt die Masse überhaupt die Menschen, die sie idealisiert und von denen sie großes erwartet? Können Menschen Erwartungen dadurch enttäuschen, einfach nur dadurch, dass sie nicht so sind wie wir sie gerne hätten?

 

Eine Tatsache bleibt es, dass die meisten die ein Genre einmal geprägt haben künstlerisch weiterziehen und sich neue Herausforderungen suchen, während andere, nachfolgende eine Strömung tot kapitalisieren. Und auch noch stolz darauf sind. Ironischer weise: Zu Recht.

Und der lustigste Fakt zum Schluss: Kein einziges Lied von Steve Aoki wird in der Dokumentation in den Vordergrund gestellt. Da ist einfach nichts.

Außer ihm selbst, einem scheinbar netten Kerl.

Schwierige Freundschaften

Vor nun auch schon ein paar Wochen war ich in Berlin. Ich besuchte dort einen Freund und diese Besuche waren in den letzten Jahren nie besonders leicht. Einerseits lag das an unserer schwierigen Beziehung zueinander, die gerade durch die Freundschaft eine anstrengende Komponente zweier Magneten besitzt, die sich je nach Jahreszeit abstoßen und dann doch wieder anziehen, andererseits an unseren persönlichen Ichs, an unserer Subjektivität, in der jeder sein eigenes Leben lebt das er in die Beziehung zum Anderen mit hinein bringt. Ich für meinen Teil lasse meine Probleme selten heraus, versuche mir daran die Schuld zu geben und sie im Stillen zu verarbeiten. Im Gegenzug ist es aber nicht so, dass er seine Probleme ständig herauslässt und anderen die Schuld gibt. Es kommt mir eher so vor, dass ich bei meinen Besuchen oft der Tropfen bin, der sein Fass zum Überlaufen bringt. Das ist sowohl schade als auch ehrenvoll für mich. Vor allem ist es sehr anstrengend. Für beide Seiten.

Wir sind nun einmal nicht mehr die Kerle, die wir vor 10, 15 oder 20 Jahren waren und ich will das auch nicht zurück. Nichts sollte vergangener als die eigene Vergangenheit sein. Mit nichts sollte man mehr im Reinen sein als mit dem vergangen Ich. Und mit nichts ist vermutlich schwerer klar zu kommen.

 

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In der gewissen Nacht gingen wir also zu den „Suicide Girls“, einer Burlesque – Tanzshow aus Amerika in „Huxleys neuen Welt“, die Kriese begann schon vorher. Denn Alkohol ist auch schon unter 60 Prozent ein Brandbeschleuniger. Nach dem Auftritt der ewig strahlenden, lachenden Damen  die mit ihren Titten und Ärschen wackelten und ein wenig Ruhe in unseren Sturm der Freundschaft brachten, schlug mein Freund auf mich ein, so sehr, dass mir gleich Bahnmitarbeiter zur Hilfe kommen wollten, die die Szene aus ihrem Fenster beobachteten; ich hab sie einfach weg gewunken. Mir war klar, dass das vom physischen Gewalt-Faktor kein Problem für mich war, auch wenn mein Freund es durchaus ernst meinte und mir ein paar Tage später noch immer einige Stelle am Körper „weh taten“. Dabei war mir auch klar, dass es in Wahrheit gar nicht um mich ging in seiner Wut, denn er warf mir vor „den ersten tollen Abend seit langem“ kaputt zu machen. Was ihn so wütend machte war nicht dieser typischen Tropfen zu viel, also diese Nacht und unsere Auseinandersetzung, es war sein Leben darum herum: „Der erste tolle Abend seit langem“ bedeutet im Umkehrschluss…

An diesem Punkt hätte ich noch Mitgefühl haben können, als er später einfach so aus der U-Bahn sprang und mich in ihr zurückließ – ohne Handy, nachts, in einer mir absolut fremden Großstadt, keine Ahnung wie ich nachhause kommen sollte oder auch nur in die Wohnung  meines Freundes von der ich a) keine Ahnung hatte wie ich dort überhaupt hingelangen sollte, in welchen Stadtteil ich überhaupt fahren musste und b) wie ich aus ihr meinen Autoschlüssel heraus bekommen könnte – war es mit dem Mitgefühl vorbei. Er hatte mich einfach zurückgelassen, mich, seinen Freund, der extra wegen ihm 8 Stunden mit dem Auto zu ihm gefahren war, und zwar deswegen, weil er mit seinem eigenen Leben unzufrieden war.  Na vielen Dank aber auch.

 

Später sagte ich noch Dinge wie man sie so sagt wenn man wütend ist,“ dass es das war!“, dass man sich nie wieder sieht, usw, usf. Während man noch etwas später halt doch noch über Whatsapp die Verbindung hält. Meine Freundin nimmt mich schon gar nicht mehr ernst wegen meiner Inkonsequenz. Möglich das sie Recht hat. Ich weiß nicht. Ich bin nicht gut darin Beziehungen zu beenden.

 

Gestern war ich zum Schwimmen im Hallenbad. Ich bin dort alleine hingegangen (wie jeden Wochentag in meinem Urlaub) und habe dort zwischen den Rentnern und vor allem den älteren Damen meine Bahnen gezogen. Und egal wie alt eine Frau ist und egal wie wenig Interesse von einem selbst besteht, noch ob ich bewusst überhaupt einen Gedanken daran verschwendet hätte, kommt mir das andauernde Lächeln der alten Damen unglaublich wohlwollend und interessiert vor. Ein wahrer Mann kennt nun mal keine Höflichkeiten vom anderen Geschlecht. Totaler Unsinn, ich weiß. Bei uns ist es gerade anders herum: Wir müssen uns darüber klar werden, dass das nur Höflichkeit ist, und nicht mehr. Während ansonsten von der „versteckten Sexualität“ die Rede ist. Ich kam mir also unglaublich anziehend und männlich in dieser Oma-Gesellschaft vor und musste daran denken, dass ich bei meinem vorletzten Berlin Besuch meinem Freund druff erzählt hatte (hatte damit angegeben) mit wem ich schon „was hatte“, was natürlich eine unglaublich blöde Idee war, da man druff nicht gerade gut argumentieren kann – und – weil wir natürlich immer auf die gleichen Frauen und Mädchen gestanden hatten. Mit den meisten Frauen war nicht viel passiert und selbst wenn, dann war das nun wirklich 20 Jahre her. Das war schon gar nicht mehr wahr. Die Meisten von denen sind inzwischen aus unserem Leben verschwunden oder verheiratet (was das Gleiche ist) und deswegen spielte es für mich keine große Rolle, lange, lange her – wenn es überhaupt passiert ist (man redet sich mir Jahren dann doch einiges ein – besonders wenn man Drogen nimmt – und vergisst auch wieder sehr viel – besonders wenn man Drogen nimmt). Ausformulieren konnte ich das aber nicht, zu sehr schepperte das XTC in meiner Birne und zu peinlich war mir das Ganze im Nachhinein. Und auch er sagte ja selbst, dass das keine große Geschichte sei – bis ich Monate später, als er am Bahnsteig auf mich einschlug eine Ahnung davon bekam, dass dem wohl doch nicht so war. Ich hatte – ganz Inception mäßig – einen Gedanken in seinen Kopf gepflanzt, und jeder denkt seine Gedanken auf seine eigene Art zu Ende. Und plötzlich vergleicht man sein Leben mit einem anderen, auch wenn der Vergleich nur eine Erfindung, eine Illusion ist, denn im Kopfkino über den anderen sind die Bilder immer größer, knackiger und auch erfolgreicher, als in der Realität, da wird dann aus ein wenig realer Grabscherei ein Halbstündiger Hardcore Porno. Und so kommt eines zum anderen. Und der Freund, den man bisher in eine Schublade kategorisiert hatte, ist plötzlich etwas ganz anderes. Von einer Minute auf die nächste.

 

Das sind Zeilen, die zu nichts führen. Ich will niemanden denunzieren, will mich nicht profilieren. Ich mache mich ja meistens eher kleiner als das ich bin. Ich will es einfach nur aus mir heraushaben. Dieses Missverständnis in der Freundschaft. Dieses Ungleichgewicht. Dass es in Wahrheit gar nicht gibt. Diese Irrtümer übereinander.

 

Es ist bald Weihnachten und so kitschig das klingt, würde ich mir jetzt einfach eine Zeit der Besinnung und Vergebung wünschen. Eine Zeit, in der man einfach mal gut sein lässt und sich selbst nicht an anderen misst, sondern sein Gegenüber akzeptiert. Du bist du, weil du bist wer du bist. Und ich bin ich, weil ich der werden musste, der ich bin. Die Menschen sollten sich nicht vergleichen, da jeder auf seine Art lächerlich ist. Da jeder sein Paket zu tragen hat. Nur verbirgt es der eine, während der andere nicht aufhören kann über sein Glück oder über seine Probleme zu reden.

Wir sind alle nur Menschen. Und wir könnten – noch kitschiger – alle einfach Freunde sein.

Ein DJ ist kein Arzt

Seit ein paar Jahren ist unser Nachbar ein bekannter DJ. Wir sind nicht die dicksten Freunde, doch hin und wieder macht man was zusammen; die Frauen kennen sich, Bier wird zusammen getrunken. Nicht oft. Aber doch. Neulich fragte ich ihn:

 

„Hey, ich weiß, es ist nicht ganz so gewöhnlich. Aber meine Freundin wird 25, wir machen ne kleine Party, und…“

„Nein.“

„Wie nein?“

„Du wolltest mich doch fragen, ob ich bei eurer blöden Party auflege?“

„Öh… Ja. Nicht lange. Nur ein, zwei Stunden. Damit es halt ein wenig besonderer wird.“

„Nein. Das mache ich kategorisch nicht. Weil AUFLEGEN nicht mein Hobby ist, sondern meine ARBEIT. Ich verdiene damit mein Geld. Du bist doch Fliesenleger?“

„Stimmt, ja.“

„Was würdest du davon halten, wenn ich von dir verlange mein Bad zu fließen?“

„Also erstens verlange ich nichts von dir und zweitens wenn Freunde nett fragen, dann helfe ich denen, ist doch klar.“

„Du HILFST denen?“

„Das macht man dann zusammen. Das ist so wie du die Party nicht alleine stemmst. Man macht das zusammen, weil man sich mag. Und hat Spaß zusammen.“

„Ich mache das kategorisch nicht. Auflegen ist Job.“

„Na wie du meinst… Finde ich jetzt komisch, aber okay.“

„Wieso KOMISCH?“

„Na ja, als sich dein Sohn den Arm gebrochen hat, seid ihr auch gleich zu uns gekommen, weil Paula (meine Freundin) Ärztin ist. Da hat sie auch nichts gesagt von wegen „Arbeit“ und „Privat“.“

„Tja, die ist ja auch Ärztin. Die muss helfen.“

„Stimmt. Die hat einen Eid geleistet. Aber weißt du was?“

„Hm?“

„Diesen Eid hat sie freiwillig geleistet. Sie hat sich freiwillig dafür gemeldet, immer zu helfen.“

„Da siehste mal. Ich nicht. Weißt du überhaupt was ich an einem Abend verdiene?“

„Du meinst wohl, was du an einem Abend verdienen WÜRDEST.“

„Was soll das jetzt heißen?“