Helmut Schmidt, der Passivmörder

(Das Plakat habe ich vor drei Jahren in Köln fotografiert)

In der Arbeit höre ich oft diesen Satz: „Helmut Schmidt hat auch geraucht wie ein Loch und wurde 96 Jahre alt.“ Für das Rauchen war der Mann bekannter als für seine Politik. Er rauchte immer so, als wäre es das Schönste und Geilste im Leben. Wo er wollte. Genüsslich. Von niemanden ergriffen, außer von sich selbst. Wobei sich mir immer die Frage aufdrängte, ob der Herr Ex-Kanzler Schmidt mit seinem demonstrativen Rauchen durch seine Schlechte-Vorbild-Funktion mehr Leute getötet hat, als er bei der Erstürmung der „Landshut“ retten ließ? Denn auch wenn der Schmidt mit seiner Raucherei fast 100 Jahre alt wurde. Sind möglicherweise (wer weiß es?) 1000de Leute durch seine Raucherei zum Weiterrauchen animiert worden. Klar. Am Ende entscheidet jeder selbst ob er raucht oder nicht (ich habe dieses Jahr noch keine einzige Zigarette geraucht). Dennoch. Kann man durch eine falsche Vorbildfunktion mehr Schaden anrichten, als dass man es im Leben wieder gut machen kann. Oder nehmen wir Stallone in Rambo. Stallone hat (soweit wir wissen) nie einen Menschen abseits der Leinwand getötet. Aber wie viele Soldaten haben ihren Helden Rambo nachgespielt und Leute niedergeschossen und sich wie er gefühlt?

Das könnt ihr jetzt lächerlich finden. Jedoch. Wenn auch nur ein Soldat wegen Rambo getötet hat. Und wenn nur ein Mensch sich wegen Schmidt zu Tode geraucht hat. Was sagt das dann über unsere Helden aus?

Stereotyp – 5 – Nicht alle Eltern lieben ihre Kinder über alles

Paul hatte sich gerade noch so in sein Bettchen geschleppt. Dort angekommen fiel er sofort in tiefen Schlaf. Die lange Reise in den Westen hatte seinen Tribut gefordert.

Als Paul schlief, war das Haus nicht untätig. Reisverschlüsse und Schnallen wurden bewegt. Pakete geöffnet. Winkel durchsucht. Erinnerungen bewertet. Schubladen und Schranktüren aufgeschwungen, offen stehengelassen, noch einmal inspiziert. Schlösser erledigter Bereiche fielen krachend zu. Und selbst wenn hier und da etwas zu Boden polterte, weckte es Paul nicht. Der Junge schlief traumlos wie ein Stein. Sicher, behütet, glücklich. Zur gleichen Zeit stapften die Füße sanfter Riesen durch die Wohnung. Fröhlich wurden ausgelassene Worte hin und her geworfen. Abgewogen, was – und was nicht…? Im Zweifel wurde gegen das angeklagte Kleidungs- oder Erinnerungsstück entschieden. Diese blaue Bluse? Eine BRAUNE Krawatte? Welches Buch ist unverzichtbar? Welcher Gegenstand ist praktisch? Was bekommt man „überall“? Und was benötigt man eigentlich um ein neues Leben zu beginnen? Am Ende ging es schneller als Beide gedachte hatten. Noch ein letztes Bier, eine letzte Zigarette, dann gingen sie schlafen. In der letzten Nacht. Sie machten sich keinen Vorwurf überstürzt zu handeln. Denn wer würde Wasser einen Vorwurf machen, wenn es nach Jahrzehnten unter Druck und Verschluss den Damm durchbricht? Wer könnte es nicht nachvollziehen, wenn eine jahrelang eingesperrte Hauskatze ihre erste Chance zur Flucht ergreift? Und wer würde es nicht verstehen, wenn jemand, der sein ganzes Leben lang unter einer großen Last leben und leiden musste, diese spontan und im ersten Moment abwirft? Sie waren niemanden einer Erklärung schuldig. Seit ihrer Geburt in diesem Land mussten sie sich, ihre ganze Existenz, nach fremden Maßstäben messen und messen lassen. Sicher. Hiltruds Mutter hatte Recht: Es war nicht alles schlecht gewesen. Na und?

Am Morgen danach erwachte der kleine Paul gut erholt in seinem Bettchen für Kinder. Das Haus, die die Wohnung seiner Eltern beinhaltete, war in Stille gehüllt. Paul blieb entspannt liegen. Er blieb dabei ebenso still und leise wie die Gemäuer, die ihn umgaben. Der Junge hatte aus der Trachtprügel gelernt, die er letztes Jahr bekommen hatte, als er an einem Wochenende seine Eltern zu früh geweckt hatte. Nun lag Paul einfach da, unter seiner Decke. Nur sein Kopf ragte hervor. Und wartete. Und lauschte. Er erinnerte sich nicht mehr im Detail daran, wie sein Vater ihn letztes Jahr in die kleine Küche gebracht hatte, um ihm dort die kleine Schlaf- und danach die Unterhose herabzuziehen, wo Papa ihn mit der flachen Hand den nackten Hintern verdrosch. Ebenso wenig erinnerte sich Paul daran, wie seine Mama, nachdem Paul nicht aufhören konnte zu heulen wie ein Häufchen Elend, ihn daraufhin abermals über ihn Knie legte und mit dem Kochlöffel so lange auf seinen schon wieder entblößten Popo einschlug, bis der hölzerne Kochlöffel abbrach. All dies hatte Paul vergessen. Nicht aber, wie er zum Geburtstag kein Geschenk bekam, da „der Junge ja den Kochlöffel zerbrochen hatte“. Der Mangel an Geschenken war ihm in diesem Moment eine größere Bestrafung, als es die Schläge bedeutete. Nur sein Unterbewusstsein würde diesen Moment nie wieder vergessen, den Moment als Mama so hart zuschlug bis der Kochlöffel zerbrach und Mama und Papa, als sie begriffen was gerade geschehen war, darüber zu lachen begannen. Nein. Doch. Auch wenn Paul Fleming es in diesem Moment in seinem Bettchen nicht mehr wusste, würde er diese Kochlöffelszene nie wieder vergessen. Darüber hinaus wusste Paul nicht einmal den Grund, warum er gezüchtigt wurde. Wie sollte er damals auch wissen, was „Blasen“ bedeutet? Wozu „Sex“ überhaupt dienlich ist.

Das Haus blieb still. Übermorgen. Am Montag war Pauls Geburtstag. Vielleicht würde er dieses Jahr etwas geschenkt bekommen. Nur meldete sich jetzt langsam unangenehm und penetrant seine Blase. Er verdrückte es sich noch ein wenig, bis der Druck schließlich zu groß wurde und er sich auf die Toilette schlich. Komisch. Im Gang stand der große Koffer. Der Fernreisekoffer, der so groß war, dass selbst Papa ihn kaum tragen konnte. Und drei weitere, kleine Reisetaschen. Paul schaffte es ohne die Eltern zu wecken zurück in sein Kinderbett und kroch wieder unter seine Decke. Mama und Papa würden sicherlich bald aufwachen. Bestimmt würde die Wohnung gleich wieder nach Zigaretten riechen und Papa seine Witze erzählen, die Paul oft nicht verstand. Mit leerer Blase lag es sich wieder schön und gemütlich in seinem Bett. Um ihn herum hingen Bilder an den Wänden, die Paul mit Bleistiften gezeichnet hatte. Womöglich würde Paul Mama bald fragen, ob er sie abnehmen dürfe. Schließlich war er bald 8 Jahre alt. Da war er doch schon zu alt für solche Strichmännchen an den Wänden. Nur das Pappmasche Herz mit dem golden verzierten „Mirko“-Schriftzug würde er hängen lassen. Das mochte er.

Es dauerte schließlich noch eine gute Weile, gegen Mittag, bis Paul die erste Zigarette in der Wohnung roch. Bald darauf erlauschten Pauls Ohren durch die Wand, dass sich Mama und Papa unterhielten. Wie immer konnte er nicht hören was sie sprachen, nur dass sie es taten. Allen Anschein nach waren sie nur noch nicht bereit aufzustehen. Paul hatte Hunger. Blieb aber brav liegen. „Brav sein“ hatte sich noch immer bewährt.

Beim mittäglichen Frühstück hatten seine Eltern gute Laune. Sie lächelten und umarmten sich viel. Auch Paul wurde immer wieder in der Arm benommen. Viel häufiger als gewöhnlich. Selbst Papa strich dem Jungen übermäßig oft, fast schon penetrant durch die Haare. Und mehr als drei Mal sagte er zu seinem Kind, dass heute ein besonderer Tag sein würde. Es gab da Dinge, die getan werden müssten. Und auf die Frage, WAS denn getan werden müsse, antwortete Papa in einem Moment der Schwäche mit einem fast schon traurigen Blick, dass sein Sohn ihn eines Tages verstehen würde. Wahrscheinlich. Vermutlich… Dann nahm Papa wieder einen Schluck West-Kaffee und goss seinem Sohn West-Kakao-Pulver ein, welches sie gestern gekauft hatten; und dieser Kakao war richtig gut. „Richtig, richtig gut“, lachte der Kleine und Mama schmierte ihrem Kind die gute, selbstgemachte Marmelade aufs Brot. Obwohl heute noch gar nicht Sonntag war.

Nach dem Frühstück wurde Paul ein wenig plötzlich auf sein Zimmer geschickt. Mama hatte unvermittelt zu Weinen begonnen. Die Töne des Radios und fröhliche Musik übertönten ihr Schluchzen als der Junge in seinem Zimmer war. Paul verstand nicht, was geschehen war. Wieso Mama plötzlich so traurig werden musste. Ob sie sich wehgetan hatte. Am liebsten wäre er einfach zu ihr in die Küche gegangen und hätte sie in die Arme genommen. Vielleicht würde sie das ein wenig aufmuntern. Doch Paul sollte in seinem Zimmer bleiben, erklärte der Papa noch eine Wartezeit später. Sie würden ihn dann holen. So spielte Paul mit seinem Spielzeug, bis es dunkel wurde. Dann öffnete sich seine Kinderzimmertüre zum letzten Mal.

„So dala“, lächelte der Vater schief. „Jetzt müssen wir aber los.“

„Wohin denn?“ Paul war erstaunt. Schon wieder ein Ausflug? Gut. Na ja… Vielleicht hatte das was mit seinem Geburtstag zu tun!

„Das“, seine Mutter stand hinter dem Papa, „Ist eine Überraschung.“

„Eine schöne Überraschung?“ fragte Paul mit großen Augen. Er ließ sein Spielzeug, Spielzeug sein und stand auf. Seine Eltern wechselten einen Blick. Dann erklärte seine Mutter mit schiefer Stimme: „Sind denn nicht alle Überraschungen schön?“

„Oh ja!“ freute sich Paul unverhohlen.

„Na dann ab ins Auto!“

Paul rannte lachend an seinen Eltern vorbei den nun leeren Flur hinaus, das Treppenhaus hinab, hüpfte regelrecht in seine Schuhe und eilte hinunter zum „guten Wartburg“, in den bereits die Koffer und Taschen geladen worden waren. Die Mutter trug dem Jungen noch Kopfschüttelnd seine Jacke, seine Mütze und die kleinen Handschuhe hinterher, in die sich Paul wiederwillig zwängte. Nur die Wintermütze stopfte Mama in die Seitentasche den kleinen Anoraks. Wieder einmal schlugen die Türen zu. Heute ohne Großeltern. Dann ging es los; einen Kilometer weiter stoppte Pauls Vater den Wartburg wieder. Hatten sie etwas vergessen? Pauls Mama drehte sich zu ihm um.

„Wir spielen jetzt ein kleines Spiel!“ Ihre Stimme klang fest und spröde. „Du rutscht jetzt so tief du kannst nach unten.“ Seine Mutter zeigte hinter die Rücklehnen der Fahrersitze. „Und dabei setzt du das hier auf.“ Sie zeigte ihm einen unförmigen Lappen, der sich in Pauls Händen als kleinen Mehlsack erwies. Er sah sie fragend an. „Den setzt du auf, wenn du hinuntergekrochen bist. Und dann bist du ganz brav und still.“

„Bekomme ich dann die Überraschung?!“
„Oh ja.“ Sie seufzte. Lächelte. „Natürlich.“

So tat Paul wie es ihm von seiner Mutter gesagt wurde. Er setzte sich den nach Mehl riechenden, den sogar nach Mehl schmeckenden Sack auf, und kroch wild entschlossen zwischen die Sitze. Was für ein Abenteuer! Und dabei hatten sie am Tag zuvor schon ein ganz anderes Abenteuer erlebt! So viele Autos hatten am Grenzübergang gestanden. Noch nie hatte Paul so viele Autos gesehen gehabt. Was wohl heute passieren würde? Vielleicht würde nun jeder Tag ein Abenteuer beinhalten? Vielleicht bedeutete genau das, erwachsen zu sein und zu werden. Die Reisetaschen, zwischen denen Paul die kurze Strecke lang gesessen hatten, kippten auf die ganze Länge der Rücksitzbank um. Paul konnte es genau spüren, doch obwohl dadurch sein Raum zwischen den Sitzen, der ohnehin schon knapp bemessen war, noch enger wurde, blieb das Kind ruhig und still. Er hatte auf die Anweisung der Mutter sogar die Augen geschlossen, damit er kein Mehl in die Augen bekäme. Mit der Zeit, mit den Minuten, die zu einer knappen Stunde reiften, traute sich Paul immer wieder die Augen ein wenig zu öffnen. Nur selten sah er matte Lichtscheine, die durch das Säckchen dämmerten. Tatsächlich lauschte er die ganze Zeit nur dem dumpfen Dröhnen des Wartburg, der hier, auf dem Boden des Gefährtes, noch 10 Mal lauter zu Ächzen schien. Seine Eltern: Schwiegen. Nicht einmal das Radio dudelte durch die Nacht oder erzählte vom größten Tag in der näheren deutschen Geschichte. Nicht einmal vom Wetter wurde berichtet. Es herrschte eine fast greifbare, bedrückend menschliche Stille in dem in der Deutschen Demokratischen Republik gefertigten Wagen. Nur einmal hörte Paul seine Mutter sagen: „Ich glaube, ich pack das nicht, Walter…“ Worauf der Vater tonlos antwortete: „Das wird schon.“ Plötzlich fuhr das Auto von der Straße ab und hielt auf einem steinigen, vermutlichen kiesigen Untergrund an. Der Vater brachte den Motor zum Verstummen. Stille kehrte ein. Niemand sprach.

Pauls anfängliche Euphorie hatte sich inzwischen gelegt. Sein Rücken schmerzte ihm und er hatte sich mehr als einmal verkniffen seinen Eltern die drängende Frage zu stellen, wie lange es noch dauern würde, endlich die große Überraschung geschehen würde. Die Luft im Sack war dann nach dem anfänglich angenehmen Mehlgeruch doch recht stickig geworden. Außerdem wurde ihm ein wenig schlecht, wie er dort auf dem Boden eines fahrenden Autos liegen musste. Jetzt sprach er doch aus, was er so lange für sich behalten hatte: „Mama? Sind wir jetzt endlich da? Mir tut mein Rücken weh…“ Paul konnte nicht sehen, wie seine Mutter ihre Augen schloss und sie damit einen Strom leiser Tränen zum Erliegen brachte. Er sah auch nicht, wie sie ihre Hände vor ihren Mund legte um nicht zu schreien. Ebenso wenig, wie sein Vater seine rechte Hand auf das Knie seiner Frau Hiltrud legte und die Mutter ihre linke Hand auf die seine legte, ohne damit aufzuhören ihre rechte panisch auf ihren zitternden Mund zu pressen, während ihr die Tränen wie Sturzbäche über die Finger ihrer Hand tropften. Die Eltern sahen sich nicht an. Dann atmete Pauls Vater tief ein. Es klang fast wie ein Stöhnen. Auf einen kurzen Moment der Starre löste er seinen Sicherheitsgurt und öffnete die Fahrertür. Paul konnte genau fühlen, wie sein großer, schwerer Vater das Auto verließ. Die Tür ließ er hinter sich geöffnet und wie als hätte sie jemand gerufen, trat die Novemberkälte in das Auto hinein. Dann öffnete der Vater die hintere Wartburg-Türe auf der Fahrerseite. Er schob die Reisetasche zur Seite und zog seinen Sohn zwischen den Sitzen hervor. Ausgesprochen sanft und vorsichtig. Er wollte dem Jungen unter keinen Umständen unnötige Schmerzen zufügen. Obwohl sein Sohn dafür eigentlich schon zu groß gewachsen war, hielt sein Vater Paul wie ein Kleinkind in seinen starken Armen. Endlich wollte Paul den Mehlsack abnehmen, doch Vater meinte: „Einen Moment noch.“ Daraufhin wurde Paul auf den Boden abgesetzt, dessen Rücken jetzt in veränderter Haltung nur noch mehr weh.

„Sag zu niemanden ein Wort, wer du bist und woher du kommst“, waren die letzten Worte, die sein Vater an ihn richtete. Kurz lies Pauls Vater seine schwere Hand ein letztes Mal auf Pauls Kopf ruhen, der noch immer von dem lächerlichen Mehlsack verdeckt wurde. Dann stieg der Mann ohne Sohn in sein Auto, schloss die Türe und der Wartburg fuhr davon, ohne dass sich jemand umsah. Paul riss sich den Sack von seinem Kopf und konnte in der unbestimmten Dunkelheit der Nacht, irgendwo im Nirgendwo Deutschlands, den Rücklichtern des Wartburg nur noch hinterher sehen, bis sie nach einer Biegung nach rechts ganz verschwanden. Seine Eltern waren fort. Paul sah sich um. Links herum. Rechts herum. Da war gar nichts. Nichts. Überhaupt nichts. Nur Dunkelheit und… Bäume. Schwarze Bäume im grafitschwarz der Nacht. Ganz weit oben, glaubte das verlassene Kind die Wipfel von Tannenbäumen erkennen zu können. Es könnte sich um einen Parkplatz oder eine Haltebucht in einem Wald handeln. Irgendwie so etwas. Oder etwas ganz Anderes. Was nicht zu leugnen war: Es war dunkel, kalt und windig. Paul war starr vor Angst. Was geschah hier? Was lief hier falsch? Warum machten Mama und Papa das mit ihm? Aus dem Urquell seiner Seele stieg ein ungeheurer, physischer Schmerz seine Kehle hinauf. Eine Welle aus Qualen brauch aus seinem Innersten hervor, die der kleine Junge alle die Jahre seiner jungen Existenz in sich selbst versteckt gehabt hätte und nun wie aus einem geöffnete Gefäß aus ihm hervorschoss. Seine Augen begannen sich schlagartig mit Tränen zu füllen, als der Kummer wie ein ehrlicher Geist mit einem Urschrei ähnlichem Laut aus seinem Mund explodierte.

Zu keiner Sekunde vermutete Paul hinter dem, was gerade geschehen war, einen Scherz. So viel Ironie hatte der kleine Junge noch nicht erlernt. Dafür war das Kind noch zu sehr in seiner infantilen Welt gefangen, in der jedes Wort wahr und ewig galt. Der Gedanke daran, dass dies „witzig“ sein könnte ihm zu keinem Augenblick in den Kopf. Paul. Heulte einfach nur. Er heulte und heulte heiße Tränen und sackte auf der Stelle, genau an dem Punkt, an dem ihn sein Vater abgesetzt hatte, zusammen. Er versuchte nicht einmal, dem Auto zu folgen. Machte sich keine theatralischen Mühen, an seinem Schicksal irgendetwas zu ändern.Paul konnte es sich nicht erklären: Was hatte er Schlimmes getan? Was hatte er nur falsch gemacht, damit seine Eltern ihn hier einfach zurückließen? War er so ein schlechtes Kind gewesen? War denn nicht gerade noch alles gut gewesen? Oder nicht? Paul war doch heutemorgen so leise gewesen, als er auf die Toilette ging! Hatte sie ihn doch gehört? Oder war es etwas Anderes? Paul weinte und weinte und weinte und suchte und suchte in seinem kleinen, unerfahrenen Selbst nach dem Grund seines Vergehens und mit der damit verbundenen Strafe, nicht mehr Teil dieser heilen, schönen Familie zu sein. Unvermittelt stand der Junge schreiend und schluchzend auf, sein ganzer Hals tat ihm schon grausam weh und doch brüllte er so laut er konnte: „PAPAaaaaa! MAMAaaaaa!“ In die ihn alles umschließende und verschluckende Dunkelheit. Er rannte los, einfach gerade aus, streckte seine kleinen Ärmchen aus, so als ob da jemand wäre, als ob dort vielleicht doch noch seine Eltern in der Dunkelheit ständen, in deren Arme er laufen müsste. Pauls kleine Beine rannten und rannten und rannten, bis er hundert Meter weiter über einen abgeschnittenen Baumstumpf stolperte und schreiend vor Angst (vor Angst, vor Angst, vor Angst) vor der ganzen Welt in das spitze Dickicht eines unmöglich mit den Augen zu erkennenden Strauches fiel, welcher mit seinen kleinen, eiskalten Zweigen gnadenlos Pauls makelloses und von Tränen durchnässtes Gesichtchen zerschnitt. Der Junge spürte die Schmerzen kaum und blieb in dem Strauch in einer Haltung zwischen wage- und senkrecht in einem 75 Grad Winkel liegen. Gehalten und aufgespießt von den blättrigen Armen des Strauches. Dort heulte und schrie und schrie und heulte der ausgestoßene Sohn: „PAPA! MAMA! Papa… Mama…“ Bis dem kleinen Jungen die Stimme versagte. Da hing er nun in der unangenehm stechenden und doch ironischerweise sanften Umarmung des dichtbewachsenen Busches. Ja. Einen wilden Moment lang klammerte sich das Kind Paul sogar in den Strauch, griff ganz tief hinein, als ob das Gewächs ein Mensch sei, der ihn halten könnte. Damit ihn wenigstens dieser Busch umarmen und trösten könnte. Wenn da schon sonst niemand mehr war, der ihn festhielt. Keiner mehr, der ihn liebte.

Da musste doch ein Grund sein. Es musste eine Erklärung dafür geben, warum Paul diese Behandlung von seinen Eltern verdient hatte. Irgendwas war passiert. Auf die schlimmste Art und Weise. Und Paul, dieses schlechte, schlechte, böse, dumme Kind hatte es nicht einmal bemerkt.

Absolution 48 – Die besten Ideen kommen einem auf Drogen

Warum hatte er nur zugesagt? Hatte Paul denn nicht schon genug eigene Probleme? Mal von seiner Zusage abgesehen kurz mal eine ganze Fantasy-Welt retten zu müssen, wäre er jetzt lieber bei Katha und würde mit ihr Kuscheln. Oder ihr nach einem spaßigen Fick ins Gesicht spritzen. Normale-Leute-Zeug also. Das galt nur nicht für Leute wie ihn. Denn jetzt saß er hier in dieser beschissenen Bonzenkarre, diesem gigantischen roten Audi. Dem RS6. Dieser fahrende, grelle Lippenstift, welchen im Normalfall nicht der Fettsack selbst lenkte, sondern dessen Frau. Im Moment jedoch besaß der Fettsack einen Führerschein; wobei die Gründe weshalb er ihn wieder eingeklagt hatte (tatsächlich hatte der Fettsack den Führerschein wegen einer Hausdurchsuchung abgeben müssen, bei der er mit einer Geldstrafe und Führerscheinentzug davongekommen war) erstens aus DEM PRINZIP bestand, denn, der Fettsack war dieses Mal nicht mit Drogen am Steuer erwischt worden und hatte deswegen den Staat Bayern ob der Unfairness verklagt, trotzdem den Führerschein abgeben zu müssen, zweitens (und wichtiger) dem Umstand, dass er als Führerscheinbesitzer nicht den ganzen Tag twentyfourseven drauf sein konnte, denn irgendwann würde er ja doch mal wieder Autofahren müssen, als ausnüchternde Maßnahme quasi und schließlich drittens konnte man den Lappen hin und wieder wirklich gut gebrauchen um selbst von A nach B zu kommen, so wie in diesem Fall.

Auf die Frage ob der Fettsack nicht schon bei Chris vorbeigesehen hätte, war die Antwort wie zu erwarten „Als erstens natürlich“ gewesen. „Den hab ich an die Wand geklatscht, dass seine Füße bloß noch so zum Boden gebommelt sind und hab ihn mal ner richtig heftigen Umfrage unterzogen“, fuhr er weiter fort.“
Paul: „Und?“

„Wie und? Nix und! Konnte ihm ja schlecht nen Finger abschneiden. Der hat aber auch so schnell zu Flennen angefangen. Ist wirklich schwer zu sagen ob er es war. Bin mir sicher, dass der wegen mir und Sarah nen Film schiebt. Aber… Ob das für so ne Aktion mit der dem Graffiti reicht? Ich meine. Der weiß doch wer ich bin. Und er ein Niemand. Aber selbst dem muss klar sein was für ne Kettenreaktion das nach sich zieht. (Pause) Dass es Chris war ist vielleicht auch einfach ZU offensichtlich.“

Der Lippenstift von Audi mit seinen vielen, vielen Pferdchen unter der Haube schnitt ruckartig durch die Gäßchen des Dorfes in welches der Fettsack sie gebracht hatte. Paul hasste es wenn Leute schnell fuhren und dann glaubten, sie seien GUTE Autofahrer. Wer schnell fährt, fährt in Pauls Sichtweise nicht gut. „Sportlich“ hatte in seiner Denkweise nichts auf einer öffentlichen Straße verloren. Die zwei anderen Typen im Audi mochten dabei einer anderen Meinung sein. Paul kannte die nicht. Sie sahen auf jeden Fall viel gefährlicher aus, als Paul es auf die Waage brachte. Mit Sicherheit waren sie beim Fettsack-Chris-Besuch auch am Start gewesen. Mit absoluter Sicherheit. Die Zwei saßen wie zwei Sack voller Türsteher auf der hinteren Sitzbank des Lippenstifts, nur dass Paul die Beiden noch nie an der Tür des Bosporus gesehen hatte. Keine Ahnung wo man solche Kerle herbekommt. Die Art jedoch wie der Fettsack seine Nase beim Autofahren und Schwitzen nach oben zog, gaben Paul eine Vorstellung. Paul sollte nur als höherer (O-Ton-Fettsack: ) „body count“ mitkommen, denn durch einen mehr wäre ihr Auftreten furchteinflößender. Drei sei eine gute Zahl von Leuten. Vier jedoch schon ein ganzes Team. So wie im Sport. Dass „body count“ eigentlich „Opferzahl“ bedeutete und nicht „Körperzahl“, ließ Paul einfach mal unerklärt. Die Ironie war zu groß für so eine krasse Situation.

Moment mal? Hatten die Typen auf dem Rücksitz etwa Waffen dabei?

„Du sagst einfach gar nichts und stehst nur cool da. Bistn großer Typ. Einfach grimmig schauen. Oder ne. Schau einfach neutral. Mach den Schweizer“, instruierte ihn noch der Fettsack, als sie vor einem unscheinbaren Einfamilienhaus irgendwo in einem für Paul namenlosen Kaff hielten – und Paul war hier in der Gegend aufgewachsen. Als die Türen dumpf ins Autoschloss gefallen waren, fühlte sich Paul ein wenig wie in dieser amerikanischen Serie „Ozark“, bei der in jeder Folge immer und die ganze Zeit viel zu viel passiert und die Protagonisten nie auch nur einen Tag zur Ruhe bekommen können. Dabei war es jetzt auch schon wieder Mittwoch. Wenn Paul es schon nicht fertiggebracht hatte dem Fettsack abzusagen, hätte er ihn wenigstens danach fragen sollen, zu wem zum Teufel er ihn überhaupt brachte? War das so ne Art Drogenbaron hier? Oder nur ein Dealer oder…? Wen zur Hölle hatte sich der Fettsack ausgerechnet, dass er ihm „Junkie“ an seine Scheibe geschmiert haben könnte?

In den meisten Dailysoaps gäbe es keine Handlung mehr, würden sich die Leute nur einmal anständig über ihre Motive und Probleme aussprechen.

Auf dem Klingelschild stand „Baader“ und die Hausglocke machte ganz Sitcomstylisch: DingDong. Da standen sie nun. Der durchtrainierte Fettsack mit seinen Schlägern. Und seinem Kindergartenfreund Paul. Es fühlte sich an wie die eine Szene aus einem Gangsterfilm, die nachträglich herausgeschnitten werden würde. Als das Licht im Gang zur Haustüre angeknipst wurde, dachte sich Paul noch kurz: „Baader? Momentchen Mal, ist das etwa?“ Und schon wurde die Türklinke von innen betätigt und eine vollkommen normal aussehende Frau in ihren Vierzigern stand in der Türe. Sie war dürr, hatte blond gefärbte Haar, war nicht unmodisch gekleidet – und sah überhaupt nicht aus nach Puffmama oder Drogenmutti. Nein. Sie sah aus wie der personifizierte Mittelstand. Zu Pauls steigender Überraschung hatte der Fettsack genau damit gerechnet, denn noch bevor ein „Ja bitte?“ aus dem überraschten O-Mund der Frau entweichen konnte, machte Pauls Freund die Ansage: „Und jetzt geht´s los!“ Stieß dabei die Frau zur Seite und das „body count“ Kommando stürmte voll rein.

Fettsack: „BAAAAAAADER! Wo steckst du Mistkerl?!“

Absolution 41 – Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“

Kapitel 14

Manchen Theorien zur Folge sind unsere Träume keine Reflektionen auf unser Tag-Leben, sondern es verhält sich umgekehrt: Die Traumwelt ist die echte Welt und das Tag-Leben nur der Sammel- und Versuchsballon der dazu dient, Eindrücke für die tatsächliche Wirklichkeitsebene zu speichern, um schließlich in der von uns so genannten „Traumebene“ neues Leben und Zusammenhänge entstehen zu lassen. Von dieser Perspektive aus betrachtet, hätte Paul gar kein Leben. Fast immer waren seine Träume ein grabdunkles, tiefes Schwarz, welches am Ehesten noch mit einem schwarzen Loch zu vergleichen war, in dem seine Erlebnisse nicht aufgearbeitet wurden; sie wurden einfach nur zu einer Eiskalten Singularität spagettisiert, aus der es keine Rückkehr mehr zu geben schien.  Seine schlaflosen Nächte gaben ihm die verlockende Vorstellung zu wissen, wie es sich anfühlen müsste, tot zu sein. Der Tod: Eine dunkle, schwarze, nichts verarbeitende Stille der Seele. Ein Wortloses, ersticktes Unterbewusstsein. Frei jeder Hoffnung, Zukunft oder Vergangenheit. Bei jedem Erwachen beschlich ihn das Gefühl, dass sein eigenes Unterbewusstes nichts mit ihm zu tun haben wollte.

„Katha ficken“. Immer noch eine gute Idee. Doch wie und wann hatte er das notiert… Und warum?…

Heute war noch minus einen Tag bis zum Wochenende. Er war sich darüber klar, es diesmal sein zu lassen. Es seien lassen zu müssen. Keine Ur-Völker mehr mit Fantasy-Problemen. Keine Ylva oder andere Spinnereien. Dieses Wochenende würde er sein Leben geschissen bekommen. Und da er aus dem letzten Wochenende was gelernt hatte, schrieb er heute, an diesem Freitag, voller Motivation und kaltem Bewusstsein: „Leben geschissen bekommen“ auf ein Post-It und klebte es an die gleiche Stelle, an der er sich noch vor ein paar Tagen geraten hatte, es Katha zu besorgen.  Kurz und gar nicht lächerlich nickte er dem Post-It in seinem Badezimmer zu, dann tippte er auf seinem Handy eine Nachricht für Katha ein, ob sie nicht mal Bock hätte mit ihm was zu machen. Kino oder so. Morgen wäre klasse. Er würde sich sehr darüber freuen. Am liebsten würde er gerne heute. Nur heute, war leider Familientag. Schon wieder. Danach machte sich Paul fertig für die Arbeit. Nicht ohne sich mit wild pochendem Herzen darüber freuen zu dürfen, wie Katha ihm ebenfalls freudig zusagte.

 

Nach der Arbeit besorgte er sich die obligatorische Dose Gulaschsuppe. Wie immer die von „Fleischmann“. Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ war eine Marotte von Pauls Familie. Ein Running-Gag und Familien-Tradition in einem, die jedes Jahr am gleichen Datum abgehalten wurde. Zur Erinnerung an den verhängnisvollen Tag, als Pauls Mutter sie verlassen hatte. Dieser Tag war so wohl merkwürdig als auch lächerlich gewesen, denn auch wenn sich manche Ereignisse Monate, vielleicht sogar Jahrelang vorher überdeutlich andeuten, waren am Ende doch alle überrascht gewesen, dass wirklich geschah was alle hatten kommen sehen. Von einem Tag auf den anderen war „Mutter“ weggewesen und Vater stand mit seinen beiden Kindern und der Karate-Schule alleine da. Alle hatten gewusst, dass dieser Tag kommt, außer Paul wahrscheinlich, der noch zu jung war um die Zeichen zu deuten. Er war viel zu sehr Muttersöhnchen gewesen um zu verstehen, dass es andere Prioritäten in Mutters Leben gab. Und Vater war sich seiner Sache viel zu sicher gewesen. Viel, viel zu sicher. „Soll die Alte mal drohen und toben. Am Ende wird sie es doch nicht durchziehen“, so simpel und lange auch richtig waren seine Gedanken gewesen. Nur Pauls Schwester hatte die Situation realistisch gesehen und die Familie deswegen seelisch und geistig schon lange aufgegeben. Für sie war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Mutter ihre Frau stand… Dann war sie fort und die Familien-Geschichte, die in Mutters Kopf „gar nicht mehr schlimmer hätte sein können“, war genau das geworden: Viel schlimmer als sie es sich selbst hätte vorstellen können oder wollen. Was nun keine Rolle mehr spielte, da sie selbst nun endlich nichts mehr mit diesen grauenhaft selbstverliebten Leuten zu tun hatte. Während die zurückgebliebenen Kinder und der Mann fassungs- und wortlos vor den Scherben ihrer Vergangenheit standen.

„Wo ist Mutter?“ hatte Paul seine Schwester und den Vater gefragt, als er abends vom Nachmittagsunterricht zurückgekommen war. Er hatte sich morgens nur kurz darüber gewundert, dass für ihn kein Pausenbrot vorbereitet war und hatte sich aus Vaters Geldbörse den kleinstmöglichen Schein genommen. Die Schule hielt genug Prüfungen und Teenagergeilheit für ihn bereit. Da konnte er sich nicht auch noch vom Familienleben ablenken lassen. Paul war schon immer ein Spätentwickler gewesen. Und sollte es auch bleiben.

„Fort“, seine Schwester hatte nur noch schief lächeln können.

„Wie fort? Wann kommt sie wieder?“

„Ja weg! Ganz weg!“ hatte sein Vater laut gekläfft gehabt, laut und böse und deprimiert.

„Wie weg?“ Wie hätte es Paul auch verstehen können?

„WEG! WEG!“ hatte Pauls Vater ihn wie noch nie in seinem Leben zuvor angeschrien und hatte mit seiner massigen Karateschulfaust auf den Tisch gedroschen, so dass jener erbebte wie unter der Hand Gottes.

So war das also gewesen. Weg, weg… Niemand hatte geweint. Keiner hatte jemand umarmt. Einfach nur weg, weg. Auf immer. Wahrscheinlich auf ewig.

Wäre dies eine Fernsehfamilie gewesen, wäre nun der übliche Trostmechanismus angesprungen. Menschen hätten einander versichert, nichts dafür zu können. Dass es jetzt schon „irgendwie weitergehen würde“. Dass die Familie jetzt zusammenhalten müsste, wie nie im Leben zuvor. Dass es irgendwie gar nicht so schlimm wäre. Irgendwie… Nur war diese Familie keine Fernsehfamilie. Niemand sprach ein Wort. Jeder hing in seinem Kopf fest. Das Undenkbare war zum Unsagbaren geworden.

Bis.

Bis Vater aufstand und die ersten drei Lebensmittel aus dem Schrank nahm, die sich ihm dargeboten hatten: Drei Dosen Gulaschsuppe. Jeder von einem anderen Hersteller. Dass eine von ihnen sogar abgelaufen gewesen war: Geschenkt. Vater schüttete die drei ungleichen Dosen zusammen und die wurden dann von den drei ungleichen Familienmitgliedern wortlos verspeist. Es hatte ebenso nach nichts geschmeckt, wie sich die Situation angefühlt hatte. Es hatte das Salz gefehlt. Ebenso wie das Brot. Salz und Brot hatten die Familie verlassen. Und so sollte es auch bleiben. Für immer. Dann war das Leben einfach weitergegangen, wie es immer der Fall ist.

 

Um an diesen Tag zu erinnern, kam die verstümmelte Familie jedes Jahr zusammen. Vater. Schwester und Bruder brachten jeder eine Dose Gulaschsuppe mit, die sie wie jedes Jahr zusammenmischten und aßen. Jedes Mal darauf wartend, dass Mutter hereinkäme und Salz und Brot auf den Tisch stellen würde. Im ersten Jahr hatte Vater kurz geweint. Danach nie wieder. Auch nicht. Als seine neue Frau die Drei nur kopfschüttelnd ansah und in die Küche ging. Und das brachte und wurde, was sie alle so lange vermisst hatten. „Ihr seid doch bekloppt“, hatte die neue Mutter kopfschüttelnd geraunt und die Suppe gesalzen. „Ihr wisst doch gar nicht was gut ist.“ Worauf sich nach Jahren der Tradition keine Gefühlsregungen zu zeigen, ein Lächeln in ihre Gesichter schlich.

Zum heutigen Tage war diese Tradition, der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ wie Paul ihn nannte, Pauls liebstes Familienfest geworden. Nie war er so ausgelassen mit seiner Familie, als zu diesem Fest. Selbst der obligatorische Hans und das unpassend viel zu tiefe Dekolleté seiner Nichte konnten Paul nicht irritierend. Diese Gulaschsuppe. War jedes Jahr das beste Essen, welches er sich nur vorstellen konnte. Dabei mochte er weder die neue Frau seines Vaters, noch seine Familie besonders gern. Aber dennoch…

 

Einen Tag später schmeckte Kathas Mund nach Gummi-Bärchen.

 

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Absolution 33 – Eine Welt ohne Schauspieler

Eine dreiviertel Stunde, eine Flasche „Fritz Kola“ und 0,6 Gramm eher mäßiges Pep später, befindet sich Paul wieder im Körper Banyardis. Was die letzte Zeit mit einer starken psychischen Anstrengung verbunden war, gelang ihm nun, ohne dass er es forcieren musste. Er musste es nicht einmal wollen. Der Übergang vollzog sich ähnlich des Einschlafens, denn wie zu Beginne eines Traumes konnte sich Paul nicht an den Moment des Wechsels in einen anderen Bewusstseinszustand erinnern. Es war wie durch eine offene Tür ins Paradies zu treten, nach dem er sich nach dem ganzen Wirrwarr mit Katha außerordentlich sehnte. Plötzlich war die „andere Welt“, wie Paul sie unterbewusst schon bezeichnete, jene geworden, in der er sich sicherer und behüteter fühlte, als in seinem tatsächlichen Leben. Die Fronten waren ebenso geklärt, wie die Ziele. Warum konnte es im normalen Leben nicht genauso sein? Warum konnte er nicht einfach Kathas Held sein? Und warum wusste er nicht einmal für sich, ob er das überhaupt wollte?

Kaum war er in Banyardis muskulösem, wildem Körper angekommen, fühlte er sich endlich bei sich selbst angekommen. Die Verwandlung „in“ Banyardi war wie ein Upgrade zum Superhelden. Banyardi kennt keine Zweifel. Keine Furcht. Banyardi ist ein Fels. Ein Mann wie ein Nietzsche Zitat, dessen „Formel meines Glücks“ lautete: „Ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel.“

Banyardi würde sich die Frauen so nehmen wie er wollte. Er würde sich auch niemals lächerlich machen. Niemals wanken. Niemals zweifeln. Banyardi stand über der Meinung der anderen. Seine Welt war einfach und deswegen voller Hoffnung.

 

Die Welt der Ma-Fag liegt schon in der Dämmerung. Der Krieger ist auf dem Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock. Erschüttert über dieser Erkenntnis öffnet er dumpf seinen Mund und bleibt stehen, denn: Noch nie wusste Paul, was Banyardi vorhatte und woher er kam. Bisher war Paul immer einfach nur in die Welt der Ma-Fag eingetaucht, ohne auch nur im mindesten zu wissen, was sein Auftrag ist. Er war einfach nur immer dagewesen. Mitten im Geschehen. Jetzt ist sich Paul bewusst, indessen Banyardi seinen Weg fortsetzt, dass er auf den Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock ist, die von den männlichen Gefangenen separiert worden waren. Und. Banyardi hatte bereits eine weitere Begegnung mit Ylva geführt. Die blonde Frau vom Wasserfall, die den Jungen mit so stolzem Blick Paroli geboten hat. Die Tochter Murdocks.

Wie findet man Vertrauen zu einer Person, die man gefangen hält? Über die man verfügen und richten könnte, wie es einem beliebt? Die Ältesten hatten entschieden: Durch Menschlichkeit – und Schwäche. Menschlichkeit signalisierte der Mann, der vor ihren Augen ihren Beschützer, wenn das Biest nicht sogar ihr Freund war, getötet hatte, in dem er sich auf die gleiche Stufe stellte, wie die Gefangene. Er ermahnte die Wärter der Gefangenen sie gut zu behandeln und sprach davon, dass auch die Ma-Fag eines Tages Geflüchtete sein könnten, sollten die Mi-Cock recht behalten. Würden die Wachen es denn nicht auch wollen, dass ihren Frauen kein Leid zugefügt werden würde? Würden sie selbst denn nicht Obdach bei Fremden finden wollen, würden sie vertrieben werden? Und was wäre wenn es tatsächlich diesen einen großen Feind gäbe, gegen den sie alle zusammenstehen mussten, ganz egal aus welchem Teil der Welt die künftigen Alliierten kommen würden? Das müssten sich die Wachen doch einmal klarmachen!

 

Tatsächlich war das alles nur Show für die Gefangenen, denn noch niemals hatte ein Bübchen wie Banyardi den tapferen Kriegern der Mi-Cock überhaupt irgendetwas zu sagen gehabt. Bei den Mi-Cock gab es eine klare Rangordnung, die an das Alter geknüpft war, nicht an Erfolge. Was für Erfolge außer der Jagd könnte so ein Wald-Volk schon vorweisen könne?  So nickten die Krieger nur müde und sahen erschöpft vor lauter Langeweile in den Urwald. Sollte er doch reden, der Kleine.

Noch viel schlimmer als das Schauspiel der Wachen war der Beginn dieser ganzen Szene, die sich Masiyo ausgedacht hatte. Sie sollte als Türöffner zum Vertrauen der Gefangen benutzt werden. In diesem Szenario stürzte sich Masiyo als Vergewaltiger auf die eingesperrten Weiber, vor welchem Banyardi die Frauen retten sollte. Dadurch würde Banyardi als tapferer Held und Retter der Frauen ihre Gunst erwerben. Jedoch geriet die Aktion genau zu der Farce die eintreten musste, wenn sich zwei Ureinwohner vornehmen, Theater zu spielen, ohne jemals auch nur ein Schauspiel gesehen zu haben, nein, ohne überhaupt zu wissen, was Theater ist. In der Welt der Ma-Fag gibt es zwar gewissen Riten und Feste, die sich jedoch ausschließlich an den Jahres- und Mondzeiten, sowie an den Brunftzeiten der Tiere orientieren. Das Wort „Schauspieler“ gibt es un Dorf nicht. Wozu auch? Die Ma-Fag sind ehrliche Leute, denen es gar nicht in den Sinn kommt dem Gegenüber etwas vorzuspielen. Schließlich kennt im Ma-Fag-Dorf jeder jeden und es ist geradezu lächerlich seinem Nachbarn, der ohnehin alles über einen weiß, eine große Lügengeschichte vorzuspielen. Gerade deshalb empfand Masiyo seine Geschichte auch als so genial: In seiner Welt hatte er etwas erfunden, was es bei den Ma-Fag nicht gab. Das „So tun, als ob“. Schließlich kannten die Mi-Cock die Ma-Fag nicht, wie sollten sie also zwischen Wahrheit und dem Schauspiel unterscheiden können? Eine geniale Idee für einen Dorflehrer, der niemals das Dorf verlassen hatte. Masiyo ist wahrlich ein großer Geist. Ein Visionär, der etwas erdacht hatte, was kein Ma-Fag vorher auch nur denken konnte. Der Plan MUSSTE einfach funktionieren.

 

Das traurige Ende der Geschichte war ein absolut überzogenes, grauenvolles Schauspiel von Masiyo und Banyardi, dessen Lächerlichkeit seines Gleichens suchte. Alles daran improvisiert. Nichts war einstudiert (auf den Gedanken vorher zu üben, wären die beiden Wilden nie im Leben gekommen). So ging schief was schiefgehen konnte. Das Timing stimmte nicht. Der Mut zu Aktion fehlte total. Dass sie sich nicht versprochen und damit gänzlich verraten hatten, war schon alles. Hätten sie wenigstens die Wachen in ihre Idee eingeweiht doch die lagen einfach nur gelangweilt in der Sonne und verzogen keine Miene, als Banyardi theatralisch und mit großen Worten (und wenig Kraftaufwand) den Erektionslosen Masiyo von Ylva riss. Masiyos Gesicht war bei der ganzen Geschichte rot wie eine Tomate ob der Peinlichkeit, Ylva überhaupt so nahe zu kommen. Noch nie hatte der alte Dorflehrer eine andere Frau berührt als seine eigene. Schon gar nicht so eins junges und pralles Weib wie Ylva. So gab der „Vergewaltiger“ nach dem Eingreifen des Heldens auch sofort auf und trollte sich. Nicht in Hast, Furcht oder mit sonstigen großen Gesten: Er ging einfach davon, als hätte er gerade ein Bier von einer Bar geholt. Nach dem Motto: „Meine Aufgabe ist erledigt. Ich geh dann mal nachhause.“  Die ganze Szene war furchtbar unglaubwürdig und Banyardi hatte kurz das Gefühl, das Ylva und die Frauen es sich verkneifen müssten laut los zu lachen, als Masiyo – wenn auch nicht gleich pfeifend – vollkommen gechillt seines Weges ging.

Paul stöhnte im Kopf Banyardis peinlich berührt auf, als ihm diese Farce gewahr wurde. Absolut lächerlich.

Das übersteigerte Bewusstsein der Menschen

Beim Frühstück im Urlaub mit Ei im Mund kann man sich die wunderbarsten Fragen stellen. Schön, wenn man zu viel Zeit hat. Ein Zustand, den ich mir selbst selten zugestehe. Dumm wie ich bin. Gerade poppte die Frage in mir auf, weshalb der Mensch beim Sex Lust empfindet. Würde der Mensch keine Lust beim Sex empfinden, hätten wir sehr viele Probleme auf dem Planeten weniger. Es gäbe nicht nur weniger Kriege auf dem Planeten (spontan muss ich da an die alten Griechen denken: Paris, der mit Helena durchbrennt – zum Thema Liebe kommen wir später – worauf das Resultat Krieg ist) auch die Pubertät wäre viel leichter zu ertragen usw. usf.

Die Lust wurde in vergangenen Zeiten oft als „viehisch“ bezeichnet, was für mein Befinden totaler Unsinn ist. Sexuell erfüllt sieht ein Fisch beim Laichen nicht aus. Zugvögel pimpern auch nicht unkontrolliert voller Lust in der Gegend herum, sie warten viel mehr auf die richtigen Umstände um eine Nachkommenschaft zu gründen. Und auch bei den Säugetieren wird nicht jeden Tag gevögelt bis zum geht nicht mehr. Die Tiere ficken eigentlich mit viel mehr Vernunft als wir Menschen, unsere Art, die mindestens ein Jahrzehnt im Leben extrem, wenn nicht gar ein ganzes Leben lang auf Sex fixiert ist. Ich hab auch nie davon gehört (wie immer kann ich gerne darüber berichtigt werden), dass sich Affen oder Löwen stundenlang zum Kuscheln und tagelangen Ficken irgendwo verstecken würden. Klar. Der Affe verhält sich ähnlich wie der Mensch (oder war es umgekehrt?), jedoch bei weitem nicht so extrem.

Zusammengefasst: Extremer Sex und Perversionen (gibt es die heute überhaupt noch in unserer hyperliberalen Gesellschaft?) sind typisch menschliche Eigenschaften. Niemand lebt und empfindet seine Lust so sehr wie wir.

Bei unserer Gattung wird gerne mit der Vernunft argumentiert. Wir Menschen sind die Vernunftgesteuerten, die ein Bewusstsein über ihr Tun besitzen. Was richtig ist. Bewusstsein ist genau dass, was uns vom Tier unterscheidet. Aber macht uns das per se vernünftiger? Es ist ein alter Hut wenn ich jetzt mit der Zerstörung unseres Lebensraumes komme (was ich an dieser Stelle leider muss), so wie all den unvernünftigen Entscheidungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens trifft, sei es nun Selbstzerstörung (Rauchen, Trinken, Drogen, usw.) oder Selbstvernachlässigung (falsche Ernährung, falsche Entscheidungen usw.). Zwar können wir auch Flugzeuge und Smartphones bauen. Aber der Mensch ist nicht von seinen Grundzügen aus vernünftig. Er ist vernünftig genug um durch den Alltag zu kommen und viel zu alt zu werden. Dabei kann er aber auch gleichzeitig höchst unvernünftig agieren. Eben. Weil der Mensch bei „Bewusstsein“ ist (was auch immer das bedeuten soll). Der Mensch ist sich nämlich nicht nur dessen bewusst, dass er tot ist wenn er von einem Auto überfahren wird. Er ist sich auch dessen bewusst, wie viel Spaß es macht schnell Auto zu fahren oder viel Sex mit vielen verschiedenen Partnern zu haben; zwei Punkte, die gute Beispiele dafür sind, wie der Mensch sich selbst schadet und seine Art zerstört. Der Mensch hat ein übersteigertes Bewusstsein entwickelt, dass ihm bestimmte Dinge wichtiger erscheinen, als im Einklang mit sich und seinem Planeten zu leben. Dabei ist noch kein einziger Mensch außerhalb des Planeten gestorben (höchstens vlt noch in dessen Atmosphäre). Das ist von einem vernünftigen Standpunkt ausgesehen gelebter Wahnsinn. Ebenso ist der Humanismus den ich vertrete, gelebter Wahnsinn. Es gibt nun einmal viel zu viele Menschen, die nicht mehr im Einklang mit der Natur leben – eigentlich fast alle. Wäre es da nicht vernünftiger Milliarden von ihnen zu vernichten um die Menschheit an sich zu retten? Wäre es nicht am Klügsten vor allem alle „erste Welt-Menschen“ auszurotten, da wir maßgeblich an der Vernichtung unseres Lebensraumes beteiligt sind? Sind wir denn nicht die eigentlichen Wilden, die ihr Leben wie wild und ohne Rücksicht auf Verluste führen? Gehören denn nicht gerade die Deutschen ausgerottet? (Hier: gewollte Provokation).

Das Problem mit dem menschlichen Bewusstsein ist halt leider, dass sich unser Bewusstsein nur auf die Gegenwart bezieht. Wir können nur agieren, wie wir jetzt agieren. Natürlich können wir uns Dinge vornehmen, scheitern aber meistens doch ziemlich schnell an der Feststellung, dass es anders oft sehr viel leichter ist. Nämlich in dem wir bewusst auf die Zukunft scheißen. Jetzt geht es mir doch bewusst gut, was sollte mich die Zukunft interessieren? Oder was juckt es mich was woanders auf dem Planeten geschieht? Bewusstsein ist immer mit Ort und Gegenwart verbunden. Und ja, wir können lernen dieses Bewusstsein an einer höhere Vernunft anzukoppeln, um so unseren Lebensstil zu ändern (ähnlich wie wir uns die Regeln des Straßenverkehrs als göttliche Gebote eingeprägt haben), nur leider geht vorher alles den Bach runter, bevor wir unser Bewusstsein maßgeblich der veränderten Lebenslage angepasst haben. Das Umlernen dauert einfach zu lange.

Unser Bewusstsein ist also eine unfertige Sache. Ebenso wie unsere Vernunft. Und wir bilden uns so viel darauf ein. Dabei müssen wir nur einen scharfen Traummann/frau sehen, um unser ganzes Leben in Frage zu stellen. Oder nur ein Kind auf die Welt bringen. Um sämtliche Liebe die wir haben auf das Kind zu fokussieren – um ab diesem Zeit in den meisten Fällen alle andere Menschen als Untermenschen und weniger wichtig zu erachten.

Liebe ist nicht nur unsere Antriebsfeder. Liebe tötet uns.

Da ist ja auch das Geile: Wir Menschen sind bipolare Wahnsinnige, die auch noch stolz darauf sind und uns für sehr vernünftig halten. Selbst wenn die Lust unser Leben bestimmt. Nicht immer. Oft aber in den entscheidenden Momenten. 

Wir brauchen. Eine neue Form von Vernunft.

Dafür stehe ich hier mit meinem Namen.

Psychische Probleme bei der eigenen Hochzeit

Grundsätze der Physik: Ein Körper kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.

Vorab hätte ich mir nicht gedacht, was für ein Stress so eine Hochzeit ist. Genauso wenig hätte ich erwartet, dass ich jetzt, ein paar Tage nach der Feier, wegen psychischen Überlastungsproblemen krankgeschrieben sein würde. Starke Burnout-Symptome hatte ich zuletzt vor über einem Jahr und ich war tatsächlich auf einem guten Weg, wieder richtig gesund zu werden, jedoch… Wieder einmal war es die Mischung aus Arbeitsstress und privaten Aufgaben, die mich über meine Grenzen brachten. Dabei hatte ich das auf der Arbeit kommuniziert. Mehrmals war ich dort lautstark in Erscheinung getreten und donnerte, dass es nicht funktioniert wenn man eine ungelernte Arbeitskraft „mal so kurz über dem Sommer“ (unserer Hauptsession) in meinen alten Arbeitsbereich stellt, während ich einen anderen mache und dennoch meinen alten Arbeitsbereich vorbereiten soll. Bei Sortenwechsel umstelle. Und schließlich die Anlagen reinige. Denn alleine dass kam jeden Tag auf etwa 4 bis 5 Stunden, zu meiner eigentlichen Arbeit, die ein Vollzeitjob ist. Und man kann auf Dauer nicht 12,5 Stunden in 8,5 Stunden Tageswerk pressen. Denn Überstunden waren zwar eine Option, nur hilft es nicht mit Überstunden zu argumentieren, wenn ein Arbeitsbereich in den anderen greifen muss, da es sonst zu Verzögerungen kommt. Zudem bin ich Hygiene-Arbeiter und ich kann mich nicht einfach so durch den Tag schludern. Denn die von Vorgesetzten hingeworfene Aussage „Mach mal schnell“ ist nicht mit Sauberkeit vereinbar. Hygiene hat keine Grauzone. Entweder etwas ist sauber – oder nicht. Und dann zu argumentieren: „Hey, ich war gar nicht vor Ort sondern woanders“ hilft nicht. Es ist doch dein Arbeitsbereich, oder?

Am Ende habe ich meinen Vorgesetzten nur noch angeschrien: Dass er keine Ahnung von der Arbeit habe. Wie ein General hinter den feindlichen Linien, der erst mit Stundenlanger Verspätung erfährt, was an der Front geschieht. Manche Vorgesetzte. Wollen nicht sehen. Dass ihr Plan mehr Wollen als Möglichkeit ist.

Und dann die Hochzeit. Ich habe mich sehr darauf gefreut verheiratet zu sein. Und ich bin das jetzt auch. Nur der Weg dahin ist schon ziemlich steinig und schwer wenn beide Partner Vollzeit und der andere auch noch mit 24 Stunden-Schichten arbeiten. Da gibt es nun einmal selten die Option dass man vormittags zum Konditor gehen kann wegen der Torte, da die Konditoren nur vormittags arbeiten. Nicht zu vergessen die Details, die dann wieder hinzu kommen, wie dass man ein Brautpaar für die Torte selbst suchen muss, da dieser Konditor mit der speziellen Torte das nicht anbietet. Überhaupt: Diese ganzen Details bei einer Hochzeit sind der Wahnsinn. Jeder will (ganz Instagram like) individuell bei seiner Hochzeit sein. Wir eigentlich nicht. Wir wollten nichts großartiges. Aber trotzdem scheint sich der Markt für den „schönsten Tag im Leben“ dorthin entwickelt zu haben. Es wie Lego für romantische Irre: Alles folgt einem Detail, einem Detail, einem Detail… Von Lieferproblemen für Hochzeitssackos oder was weiß ich ganz zu schweigen (davon abgesehen, dass wir auf dem Land leben und nur dann in die Stadt kommen, wenn alle am Einkaufen sind, abends, nach der Arbeit…). Insgesamt ist das ehrlich gesagt nichts dramatisches. Doch wenn beide Partner Vollzeit arbeiten, werden aus den Details kleine Berge, hinter denen noch mehr Berge stehen, viel größere sogar, die man erst nicht sehen konnte – obwohl sie höher sind als die Erhebung davor.

Wir machten an einem Wochenende die Trauung mit Familie. Am zweiten, die Party für die Freunde. Es war Beides sehr schön. Und bei der Trauung war noch alles paletti. Es war vielleicht ein zu heißer Tag, doch wir freuten uns über die Sonne, über das Gelingen unserer Pläne und sogar über die Familie. Es war keine große Eventhochzeit. Doch wer meinen Blog ein wenig kennt weiß, dass ich genug „Events“ im Leben habe. Ich führe ein gutes Leben, in dem viel mit Party und Freizeitaktivitäten geschieht. Und wenn man dann mal an der Hochzeit keinen berühmten oder berüchtigten DJ oder Band hört, sondern nur in ein teueres Hotel geht, dann ist das kein Schaden, sondern der Verzicht auf etwas was man ansonsten eh macht, und immer noch mehr als sich viele Leute leisten können.

Mitte der Woche haute es mich dann aber psychisch um.

Vielleicht lag es auch mit an meinem Junggesellenabschied, wobei ich da im Nachhinein nicht zu viel hineininterpretieren will. Fest steht aber: Den auch noch fast spontan organisieren zu müssen, hat meiner Psyche nicht geholfen. Seitdem war alles irgendwie doppelt belastet. Und es fühlte sich alles undankbar an. Nichts was ich tat wurde dem gerecht, wie es sein sollte. Dieser Gedanken kam aus mir selbst heraus. Zudem ist er einer meiner Grundprobleme, die (siehe Psychotherapie) in meiner Kindheit verwurzelt sind. Ich. Das ungeliebte, vergessene, letzte Kind, dass allen irgendwas beweisen will – und doch nur getadelt wird. In schwachen Momenten kommt das einfach wieder hoch. Wenn man dann den ganzen Tag nur am Rennen, Rennen und Rennen ist, um in der Arbeit und danach sich und anderen etwas beweisen will, und man ständig das Gefühl hat niemals anzukommen, dann macht es irgendwann einfach mal „Knacks“. Ich verlor absolut den Boden unter den Füßen und litt an einem starken Erschöpfungssyndrom. Ich kam dann auch gar nicht mehr wirklich auf die Beine, obwohl die anstehende Hochzeitsparty für Freunde ein glatter Erfolg für alle Gäste war – nur für mich leider nicht ganz. Die Menschen sahen in meinen Augen und in meinem Verhalten, wie schlecht es mir ging und taten das Schlimmste, was man mir antun kann: Sie hatten Mitleid mit mir. Ich weiß, das klingt seltsam. Denn es waren und sind meine Freunde, die mir etwas Gutes tun wollten. Und doch gab mir diese übertriebene Freundlichkeit und die Aufbauversuche eine Weile lang ziemlich den Rest. Es war einfach peinlich und erniedrigend, dass sie es sehen konnten, wie ich die Kontrolle zu verlieren schien. Und dabei hatte ich mich doch für so einen taffen Typen gehalten. Am Morgen nach der Party hab ich nur noch geheult… Obwohl die Party selbst ein Erfolg war. Auch für mich. Ich überwand mich sogar noch mein DJ-Set auf meinem DJ-Controller im Garten zu spielen (Burnout-Symptome hin oder her, ich hatte mich so lange darauf vorbereitet; ich sage absichtlich immer SYMPTOME, da ich nicht an einem alles zersetzenden Burnout litt, denn dass wäre eine ganz andere Nummer gewesen) und unseren Freunden schien es auch nicht nur aufgesetzt viel Spaß zu machen, nein, sie warfen sogar im Garten ihre Schuhe in die Ecke und tanzten teilweise barfuß in dieser kalten, Sternenklaren Sommernacht zu meiner Musik. Wieder war mir ihr Wohlwollen eher peinlich – auch wenn ich unglaublich dankbar dafür war. Das hat mir sehr viel bedeutet. Dass mich die Leute unterstützt haben. Ich weiß, was Freundschaft ist. Aber selten war es mir so wichtig, wie in diesem Moment.

Jetzt sind beide Hochzeitsevents vorbei. Was bleibt sind schöne Bilder. Meine Frau sieht traumhaft auf. Und ich konnte durch mein Beisein ihre Schönheit schmücken. Wir haben überschwängliche Hochzeitsvideos, Grußbotschaften, die meine Freunde uns schickten. In denen ich mehr Freude lesen kann, als in jeder mit Herzchen voll gekleisterten Messenger- oder Whatsapp-Nachricht die wir später bekamen. Das war auch wichtiger als all das Geld was wir bekamen. Witziger Fun-Fakt: Ich hatte nie damit gerechnet überhaupt Geld zu bekommen. Mir war klar, dass ich bereit war für das Vergnügen meiner Freunde locker 1000 Euro auszugeben, aber dass sie mir fast genauso viel schenken würden. Damit. Hätte ich nicht gerechnet.

Am Ende habe ich alles so bekommen wie ich es wollte, auch, wenn ich nicht der war, der ich sein wollte. Es war nicht unsere Party für uns. Sondern unsere Party für andere. Und das war okay. Und süß. Wie mein bester Freund (obwohl ich nichts von solchen Wertungen halte, doch in diesem Zusammenhang und der Mühe die er sich machte, hat er den Titel verdient) aufgeregt eine kleine Rede für uns hielt. Das sind Dinge, die ich nicht vergessen will. Die guten Sachen. Vielleicht bleiben am Ende wirklich nur die guten Erinnerungen übrig. Und über die schlechten Ding kann man später eh immer Lachen.

Was soll ich nach der Geschichte anderen Leuten bieten, die ebenfalls unter großem Stress bei solchen Events stehen, was sicherlich sehr viele sind: Nichts. Es hilft halt auch nichts wenn man sagt: „Nimm es nicht so schwer. Reg dich nicht auf. Alles wird gut.“ Leider. Reichen solche Worthülsen nicht. Ich habe nichts was ich euch mitgeben kann und das ist auch okay so. Ihr müsst damit selber klar kommen und wenn ihr das alleine nicht schafft, dann sucht euch Hilfe. Es ist keine Schande. Es ist keine Schande den Menschen an eurer Seite, mit dem ihr euer ganzes Leben verbringen wollt damit zu belasten, noch eure Familie, oder eure Freunde. Klar. Es wird nicht jeder Verständnis dafür haben. Wenn ich mit meinem Vater darüber sprechen will, dann ist es so, als würde ich eine andere Sprache sprechen. Er versteht absolut nicht was ich ihm sagen will. Aber das ist okay. Findet eure Leute, die die gleiche Sprache sprechen wie ihr – und ich bin mir sicher, ihr werdet sie finden. Ihr seid nicht alleine. Und eine Hochzeit MUSS auch nicht der schönste Tag im Leben sein. Das Produkt eurer Liebe ist die Hochzeit, nicht umgekehrt. Und am Ende wird hoffentlich auch für euch ein Tag zurückbleiben, den ihr jedes Jahr wieder gerne feiert. Das ist wichtiger als all der Perfektionismus, die irgendwelche Fakeprofil von verstellten, optimierten und vielleicht sogar gecasteten Leuten im Internet euch glauben machen wollen. Niemand ist perfekt. Nur die Liebe die ihr zueinander spürt, sollte es sein.