Singoldsand-Festival 2016 mit u.a. Bonaparte

 

Ich stelle mir das so vor:

 

„Hey Bonaparte! Wollt ihr ein Festival headlinen?“

„Ja klar! Wo ist es denn?“

„In  (Räusper)München.“

„Wo?“

„(Unverständliches)München.“

„Ach in München? Auf jeden!“

 

Sie spielten dann doch in SCHWABmünchen, einem 13000 Seelen-Kaff.

Bonaparte auf einem Festival in Schwabmünchen klingt wie ein großes Missverständnis. Denn auch wenn die Band um den großen Diktator nicht mehr der heiße Scheiße ist, und nie wirklich Mainstream war, ist die Strahlkraft der Band größer als die des Kaffs. Wer sich aber gestern auf dem Konzert auf dem Singoldsand-Festival als anwesend präsentierte, der musste verstehen, dass gerade solche eine Band, die vom Publikum wegen ihrer ausschweifenden Bühnenshow als anarchistisch und promiskuitiv miss- und doch richtig verstanden wird, mehr auf das Land gehört als in die Großstadt, denn auf dem Land sind Bonaparte immer noch und immer ein Ereignis. Hier wird man noch lange über den „legendären Auftritt“ der Band sprechen, während die Band in der Stadt schon längst für einen kontrollierten Absturz steht, der immer gleich endet. Die Stadt ist satt und weiß schon längst nicht mehr was es für einen Jugendlichen bedeutet einen „revolutionärem Akt“ beizuwohnen. Auf dem Land dagegen brachen Dämme.

Es ist nun einmal was vollkommen anderes in der Stadt aufzuwachsen als auf dem Land, denn als pubertärer Jugendlicher muss man in ruhigeren Gefilden viel mehr Energie aufwenden um gegen den Druck der Gesellschaft zu rebellieren. Du kannst nicht nur in ne S-Bahn steigen und in ne „dunkle Ecke“ fahren. Du musst dir das selbst aufbauen. Du kannst  nicht nur mitlaufen: Du musst das Leben wollen.

Das Singoldsand-Festival ist aber mehr als die geplante Provokation eines Schweizers, der seine Band in Barcelona gegründet hat, aber wegen ihrer Attitüde immer wieder mit Berlin gleichgesetzt wird. Das Festival ist, gerade wegen seiner angenehmen Kleinness, das am Schönsten gemachte Festival, das ich seit langem besucht habe.

Jetzt könnte wieder des Ausdruck „familiär“ auftauchen, den lasse ich aber bewusst weg, in der Erinnerung an das Obstwiesen-Festival letzte Woche. Das Sindgoldsand-Festival (benannt nach dem dortigen Flüsschen wie mir gesagt wurde) ist mit unglaublich viel Liebe zum Detail mitten in die Kleinstadt gestellt worden und ist in jedem Fall einen Besuch wert. Gestern besonders, da es ENDLICH einmal in diesem Sommer sogar noch geiles Wetter oben drauf gab.

Die Leute waren super entspannt. Saßen, liefen und tanzten um ihre zwei Bühnen herum. Und mittendrin gab es noch Blechblas-Sound und oh Wunder! Das fügte sich super ins gesamte Geschehen ein. Kleine Kinder neben Jugendlichen, neben alten Säcken. Und. Es gab keine von mir beobachteten Reibungspunkte.

Man ging umher, saß auf Biergarnituren, im Pavillon oder auf der bloßen Wiese, während lachende Tweens vor der zweiten Bühne im Wasser tanzten. Es war. Ideal.

Auch die Musik war gut. Nichts zum Durchdrehen, dafür mit dem gewissen, richtigen Dreh. Sei bei Nospam auf der kleinen Strandbühne oder drüben auf der großen Bühne bei Graham Candy. Nichts zum Durchdrehen. Aber zum RICHTIG fühlen. Wir schmunzelten zu Loisach Marci, der es fast (fast) schaffte elektronische Musik mit traditioneller bayrischer Musik zu verbinden. Die 2 haben gut angefangen, verstolperten es dann trotz guter Beats, Acid-Tune und Alphorn durch die ein wenig zu penetranten Lyriks.

Bonaparte haben ich schon 4 mal live gehört, gesehen und auch meistens ziemlich derbe abgefeiert, d.h. mit Pogo, herum jumpen, schreien, was halt zu so einer Show dazugehört. Das ist nun aber auch schon ein paar Jahre her. Wir (meine Begleitung und auch) waren auf der letzten Tour des Diktators gewesen, und damals war die Band zu einer Nummer verkommen, eine Karikatur ihrer selbst. Es gab  keine wirklich frischen Ideen mehr und wir hatten das Gefühl, die Band spielt am Publikum vorbei, sie nahm es gar nicht wahr.  Deswegen war ich kritisch.

Vor uns – wir saßen erst mit dem Rücken und standen dann während des Konzerts in der ersten Reihe – tanzten kleine Mädchen um die 10 Jahre  zu imaginärer Musik. Und das war sehr süß anzusehen. Nur wollte diese Familienfreundlichkeit des Festivals nicht zu Bonaparte passen, weswegen ich schon vor dem Auftritt über eine „entschärfte Show“ fabulierte. Die gab es dann zum Glück nicht. Die Tänzer und Tänzerinnen um die Band waren genau so, wie man es kannte. Voll mit Sekt, Glitzer und am Ende splitter nackt, nachdem über eine Stunde lang das Wort und Material der „Reizwäsche“ stark provoziert und in Szene gesetzt wurde. Es gab auch eine Gummiboot-Fahrt durchs Publikum (was immer gut ankommt nun aber wirklich nichts Neues ist) und zwei sehr Körperbetonte Ausflüge des Diktators selbst in die Menge, ala StageDiven und La brass banda. Die Nähe zum Publikum die bei der letzten Tour fehlte war wieder da.  Und wie. Die Leute feierten dass und ich glaube auch der Band hat das sehr gut gefallen. Gerade bei den Zugaben sah man die lachende Genugtuung der Performer Schwabmünchen im Laufe einer Stunde komplett herumbekommen zu haben.

Es ist immer sehr schwer als Besucher zu beurteilen, wie echt das Lachen der Künstler ist, wenn man aber sah wie Bandkopf Tobias Jundt beim StageDiven von Wasserpistolen nass gespritzt wurde und er sich darüber und dabei kaputt lachte, musste sich das einfach echt anfühlen.

Für unsere kleinen Mädchen in der ersten Reihe war das nach einer halben Stunde zu echt, und nach zu viel nackten Männern und Frauen gingen sie einfach, was ich für gar kein schlechtes Statement gehalten habe: Kinder brauchen keine Grenzüberschreitung, die können einfach so Spaß haben. Die brauchen keinen verkleideten Typen der einen Berg Croissants aus seiner Unterhose zieht, anbeißt und in die Menge wirft. Kinder sind einfach Kinder. Und wir Erwachsenen werden das niemals mehr sein, egal wie angestrengt blöd wir uns auch anstellen.

 

„Bonaparte“ als Band sind aber mehr als nackte Titten und Pimmel. Das ist keine Proleten-Truppe. Was auf der Bühne geschieht ist eine an das Varieté angelehnte Kunstform. Klar ist das auch geil. Klar soll das auch erregen. Aber es sind nun einmal keine billigen Schlampen auf der Bühne und auch kein Perverser. Das ist infantile Spaßkunst. Und wer nach dem Konzert in die Gesichter der Menschen blickte sah vor allem eines: Ein kollektives Lächeln. Und so muss man aus einem Konzert rauskommen.

Bei all dem Schauwert vergisst man gerne die Musik. Bonaparte sind gute Musiker und haben auch ihre Hits. „AntiAnti“ war der Opener und dann wurde so gut wie alles gespielt was man gerne mochte, mitsangen und mitsprang (bis aus ein zwei Lieder, die man vermisste, das gehört aber auch dazu). Ich war leider überhaupt nicht mehr Textsicher und auch die Herumhüpferrei ließ ich mit meinen bald 36 Jahren sein. Das sollten die Jungen machen. Jedoch. So Herumstehend kam ich mir alberner vor als in der Menge am Schwitzen und Schreien.

 

Nach dem Konzert stand der kleine, große Diktator noch am Merch-Stand und quatsche mit den Leuten. Sehr sympathisch.

 

Wir sind dann auch bald in unsere Autos gestiegen und in verschiedene Himmelsrichtungen gefahren. War ein schöner Abend der viel Spaß gemacht hat – nächstes Jahr gerne wieder.

 

Die verlassene Familie

„Tagsüber sind die Politiker in Heidenau. Nachts die Nazis.“ So ähnlich  hatte ich das gestern gelesen gehabt, irgendwo im Netz,  auf dem Smartphone, wo alle Informationen wie Fast-Food-Brei ineinander verschwinden, da ich sie dort eher in der Intensität von Werbespots wahrnehme, als wirkliche Nachrichten. Ich denke daran während ich die Gesichter der Familie meines Schwagers in einer kurzen Tisch-rund-um-Kamerafahrt abtaste. Sind diese Bauern/Proleten auch so drauf? Oder sind das meine Vorurteile?

Es ist Kindergeburtstag. Mein kleiner Neffe Timmi hat Geburtstag, er ist 7 Jahre alt geworden. Timmi hat strohblondes Haar und ein heiteres Gemüt. Natürlich trägt er ein FC Bayern-Trikot. Wir sind in Bayern.

Würde ich Timmi danach fragen, weshalb er Bayern-Fan ist, würde er das Gleiche sagen, wie Millionen Kinder auf der ganzen Welt: „Weil mein Papa das auch ist.“  Ich blicke in die Gesichter am Tisch, denke noch einmal kurz an „Heidenau“ und da ist noch einmal der Satz, verbunden und dabei doch zusammenhanglos, ohne Pathos: Weil mein Papa das auch ist…

Mein Vater ist schon vor einer Weile weg. Der Kindergeburtstag läuft schon seit 4 Stunden. Ich bin spät dran. Mein Schwager Thomas, der Vater von Timmi, hat mir ein Stück Torte hingestellt, die selbst angeschnitten noch aussieht wie ein Fußball, die ich esse und dazu brav lobe. Schwager Thomas meint darauf: „Den hat Claudia ausgesucht.“

Claudia… Meine Schwester. Seine Frau.

Die ihn vor ein paar Wochen verlassen hat – die Kinder hat sie bei ihm zurückgelassen. Seine Familie sieht ihn mitleidig an. Der Moment schwebt eine Sekunde über der Szene. Stillstand. Einige Blicke heben sich auf ihn. Andere wenden sich in Gedanken ab. Münder werden geöffnet. Doch keiner sagt etwas. Und ich nur so um die Situation zu retten: „Ich finde die Torte TROTZDEM gut.“ Erleichtertes Auflachen um mich herum; die Doppeldeutige Aussage wurde als guter Witz anerkannt.

Meine Schwester hat einen „Neuen“, und den „Alten“ mit den Kindern zurückgelassen. Harte Geschichte. Heftige Geschichte. Nicht mal jetzt am Geburtstag ihres Jüngsten ist sie da. Kein Bisschen, womit ich meine, dass sie bis auf diese kurze Episode überhaupt gar keine Erwähnung an diesem Nachmittag gefunden hat. Wenigstens nicht als ich dort war.

Die Wahrheit, ist einfach: Sie hat die Kinder nie gewollt. Und ihn nie wirklich geliebt. Vielleicht dachte sie es. Aber wer sie gut kennt, so wie ich, der weiß, dass sie in Wahrheit immer nur sich selbst geliebt hat. Davor habe ich auf eine komische Art sehr viel Respekt, bei all meiner Abgestoßenheit vor ihrem Tabu-Bruch die Kinder zu verlassen, denn ich kann leichter alle anderen lieben, als mich selbst.

Sie wollte ja nie wie unsere Mutter werden, und nun, wie ich den verlassenen Timmi mit seinem Muffin im Mund da so ansehe, hatte sie ihm genau das angetan, was unsere Mutter…

Mein kleiner Scherz hat – wenn auch nicht für mich – im Raum etwas ausgelöst. Die Stimmung ist lebhafter geworden. Wohl weil die Familie meines Schwagers meiner Antwort auf die Torte als moralische Verortung meinerseits in der Frage der zerbrochenen Ehe interpretiert. Es wird mehr Bier geöffnet, euphorischer angestoßen und herzlicher Gelacht als zuvor. Da bellt auch schon der Hund weil der Pizza-Lieferant  gleich klingt, und schon werden die Party-Pizza-Stücke überall hin verteilt (auch ich bekomme sofort eines, als „Nachspeise zur Torte“, wie mir zugezwinkert wird) und mampfend Späßchen gemacht. Die Esserei hebt noch einmal die gute Laune und schon werden die Witze derber, anzüglicher und die jungen Mädchen in der Runde werden dar ob zum Erröten gebracht. Klarer Schnaps wird eingeschenkt. „Zum Verdauen“ – als wäre der Verdauungsvorgang ohne Schnaps gar nicht vorstellbar.

Selbst mich steckt diese überraschend gute Atmosphäre an, und ich proste den Hinterwäldlern zu, während sie ihre Phrasen heraushauen. Ich vergessen momentan meine Abneigung gegen diese Menschen, die nur darauf beruht, dass wir unterschiedliche Charakter sind, und nicht weil irgendjemand besser oder schlechter wäre, und lasse mich vom Moment und vom Bier treiben, auch in den Bewusstsein, noch mit dem Auto nachhause fahren zu müssen, um dort dann (bald) meine Ruhe zu haben.

Die Kinder sind glücklich.

Auch Timmi, der vergnügt auf seinem neuen Smartphone die Bilder die er von uns geschossen hat, mittels einer App in groteske Monster verwandelt. Alles super. Heile Welt. So viel Spaß hatten wir in dieser Gemeinschaft, so zusammengewürfelt, noch nie.

Da wird mir klar, WIESO wir so gut drauf sind: Weil die Familie meines Schwagers endlich einmal befreit auftrumpfen kann. Weil. Meine Schwester. Claudia. Die Mutter von Timmi. Nicht mehr da ist. Diese Feier ist für sie eine Erleichterung. Ein Triumph über meine Schwester. Die für sie die böse Hexe ist. Die Oberhexe. Die Schlampe. Die Hure… Ja. Sie sind glücklich weil sie nicht mehr da ist. Sie sind froh über ihre Abwesenheit. Denn das ist wahre Freude in solchen Kreisen, an solchen Orten, in solchen Zeiten: Die Abwesenheit von Dingen, die uns zusetzen, die wir nicht leiden können, die uns stören. Endlich kann der ganze Hass in Form von Freude nach außen ausbrechen, den sie solange und dermaßen bitterlich zurückgehalten haben. Die böse Hexe ist tot und hat am Ende gezeigt (wie in allen gerechten Märchen), weshalb sie von allen so gehasst wurde. Wie konnte sie nur? Wie kann sie nur? Was ist sie nur für ein Mensch? Ohne sich auch nur eine Sekunde lang die Frage zu stellen, was man selbst für ein Mensch ist, und warum andere Menschen sich so verhalten, wie sie es tun.

Am Ende haben sie doch gewonnen. Die ehrenvollen, braven Einwohner aus diesem 600 Seelen-Kaff.

Jetzt wo.

Sie weg ist.

Wird Alles besser.

Es sind nur 200 Kilometer von hier bis nach Heidenau. Und es ist tiefste Nacht.