Ecstasy für Mama und Papa

Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …

 

Vor etwa 2 Jahren schrieb mich auf Facebook eine Frau an, die ich nicht kannte. Wenigstens glaubte ich es in der ersten Zeit, dass ich sie noch nirgends getroffen oder gesehen hätte. Durch ihre Hartnäckigkeit und bei genauerer Betrachtung „kannte“ ich sie dann doch, aus einem anderen Leben. Sie war die Freundin eines Bekannten, nur ist sie die Frau. Keines wirklichen Freundes, einer jener Partyjünger, die man als alter Raver in seinem Umfeld hat und „der halt irgendwie dabei ist“, so wie ich für ihn halt irgendwie dabei war. Ein Freund von Freunden. Man geht zusammen in der Gruppe weg, kennt sich oberflächlich. Tanzt zusammen. Klinkt die Teile. Hat Spaß. Und „Auf Wiedersehen“.

Seine Freundin hatte ich vielleicht 2 bis 3 Mal getroffen und deswegen kaum eine Erinnerung an sie, nur das er sie im Feierkontext kennen gelernt hatte, in einem Club in München in den wir fast jedes Wochenende fuhren. Dann war das Pärchen weg. Irgendwas mit eigenem Kind. Bis hierhin eine normale Geschichte Ende 90ger, Anfang der Nuller Jahre.

 

„Auf Facebook schreiben einem immer die falschen Leute aus der Vergangenheit“ dachte ich mir damals, oder wie oft hat dich schon eine scharfe Mieze angeschrieben, in die du vor vielen Jahren verliebt warst und die jetzt, aus Gründen, die sie selbst kaum kennen kann, jetzt also ganz plötzlich auch sehr an dir interessiert ist; und selbstverständlich sieht sie noch BESSER aus als damals, nicht gealtert, sondern gereift, gerade da, wo es wichtig ist… Also nein. Solche Geschichten schreibt Facebook nicht. Wenigstens bei niemanden den ich kenne. Obwohl ich dort mit einigen Hochstaplern und Lügnern befreundet bin.

 

Die Frau, deren Name und Gesicht mir nichts sagte, holte mich über ein Bild ihres Mannes in das Boot unseres gemeinsamen Verständnisses: Aha. Oh je. Das ist „der schnelle Tobi“.

Der schnelle Tobi war niemals so schnell und so sehr auf Drogen wie der Name vermuten lässt. Nur hin und wieder halt, ein lustiger Kerl, der mir jedoch wie erwähnt immer ein wenig fremd geblieben ist.

Sie würden wieder feiern gehen, ob ich da mitmachen würde? Ich so als alter Haudegen.

Und ich im Kopf so: „Na ja… Muss jetzt auch nicht sein…  Es gibt ja auch Gründe warum das auseinander ging. Eigentlich hab ich schon Freunde. Aber. Unhöflich will ich auch nicht wirken.“ Feiern heißt hier, also wieder mit Drogen. Das war ganz klar herauszulesen. Was nicht schlimm ist, da kenne ich ganz andere, aber Leute die Kinder haben und nach 15 Jahren (Scheiße sind wir Alle alt geworden!) wieder damit anfangen, davon habe ich noch nie gehört. Irgendwie klingt das asozial. Irgendwie kaputt. So mit Kindern. Da stimmt doch was nicht. Doch auch aber dem Argument, dass man jetzt 15 Jahre clean war und jetzt wieder ein bisschen Spaß haben möchte, konnte ich folgen. Schließlich waren die 15 Jahre brav. Da sollte man jetzt doch mit Drogen umgehen können… Bei mir sind und waren es keine 15 Monate her.

Also schob ich diese Reunion eine Weile vor mir her. Hin und wieder Geplausche über den Facebook-Messenger, bis irgendwann doch die Party kam, wo man sich traf.

 

Eine Open-Air-Party auf der die beiden Schatten aus der Vergangenheit mit Freunden druff herum bogen, ich dagegen wie immer gut angetrunken, insgesamt: Alle freundlich und offen. Und da machte es „Klick“. Viel Gerede über Früher. Und noch mehr Verwunderung darüber, dass man im Gegensatz zu damals sich jetzt so PRÄCHTIG versteht. Jeder für sich war halt doch nicht nur gealtert, sondern gereift. Erwachsenen Spaß hatten wir zusammen, gerade und weil wir nicht nüchtern waren.

Gerne mal wieder.

 

Meine anderen Freunde, die, die Frau vom schnellen Tobi und ihn selbst noch von früher kannten, jetzt auch Kinder haben nur keine Drogen mehr nehmen, waren skeptisch. „Drogen? Mit Kindern?“ „Die nehmen die Drogen ja nicht MIT ihren Kindern. Die haben das super unter Kontrolle und sind super nett. Die brauchen halt wieder ein wenig WÜRZE in ihrem Leben.“ „Ich weiß ja nicht… So mit Kindern… Da ist doch irgendwas im Busch. Und irgendwann lernt sie dann jemand kennen und lässt ihn stehen.“ „Warum ausgerechnet sie? Wurscht… Sollen wir nicht mal gemeinsam mit denen was machen? Denn eigentlich sind das früher EURE Freunde gewesen, nicht meine.“ „Ja klar. Super. Cool. Machen wir dann irgendwann mal.“ Dazu kam es natürlich nie.

Bei mir schon. Ich ging mit denen feiern und mochte sie sehr. Ihre offene und nette Art. Man fand sich gegenseitig super sympathisch. Hatte den gleichen schwarzen Humor. Und kam gar nicht mehr davon los sich darüber zu wundern, dass man sich jetzt im Gegensatz zu früher so toll versteht; absolut unverständlich schien das zu sein und ebenso groß war die Freude darüber, dass das jetzt so anders ist. Ein paar Stunden später dann, auf XTC, in der totalen Prallness. Verstand man sich natürlich total und super gut. Nur vorher. Komisch. Vorher hatte man sich sogar noch besser verstanden. Ohne die Drogen im Kopf. Eine gelungene Nacht.

„Das wiederholen wir mal!“

„Gerne!“

Ganz nah kam man sich da. So geöffnet wie man sich fühlt, wenn… In dieser emotionalen Ehrlichkeit der Dichtness, die die Grenzen zwischen dem Du und dem Ich verschwimmen lässt. Obwohl vorher fast noch besser war. Das Gespräch und das echte geteilte Lachen. Die Klarheit der Verständnis.

 

Meine anderen Freunde blieben dabei: Der schnelle Tobi? Geiler Typ, damals. Jetzt klingt das irgendwie so asozial… Da kann man kein Verständnis für haben. Jetzt. In dem Alter. Und du (also ich) hast halt keine Kinder. Lass mal. Da ist doch eh was im Busch.

 

Und ich verstand das gar nicht. Wie die Menschen kein Interesse an denen haben können. Obwohl ich anfangs selbst so war. Und jetzt. Voller Naivität. Wo ich doch so offen war. Wollte und konnte ich nicht erkennen, dass da eben doch mehr, dass es da eben doch Probleme gab, dass es da immer auch GRÜNDE geben muss, warum…

 

Und ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …

 

Und deswegen ist alles gut gelaufen. Wir haben es allen anderen gezeigt. Den Zweiflern. Den konservativen Kleinfamilien-Fetischisten. Die aus ihrer Gefangenschaft, wie Dinge zu haben und zu sein sind, nicht heraus kommen können. Die mit dieser unterschwelligen Angst vor der Zukunft leben, nur nicht aus der Rolle zu fallen. In Panik vor jenen Erkenntnissen, für die man  einen Schritt zurückgehen muss, jedoch auch zwei nach vorne kommt.

Abenteuer enden nicht wie in Filmen mit der Hochzeit oder einer Geburt, mit Kindergarten und aufgeschlagenen  Knien, den ersten Pickeln und der Revolution gegen jene, die einen ihr Leben lang geliebt und erzogen haben. Da ist mehr. Da sind doch auch die Personen selbst. Der Typ, den sie früher „den schnellen Tobi“ nannten. Und die Frau, die er geheiratet hat. Eltern sind auch Menschen. Jeder für sich alleine. Und Beide zusammen.

 

Und ich mache mir die Welt… In meinem kunterbunten…

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Bad Mum

In der Nacht ist sie mit ihren „alten“ Freundinnen unterwegs. Sie kennen sich seit bald 30 Jahren. Fast ihr ganzes Leben lang. Eigentlich waren sie Alle nie „Wooo!-Girls“ gewesen, doch das Herauskommen aus der Kindergärtlichen, Grundschulischen Tristesse machte sie dazu. Endlich konnten sie all das Fahren lassen, was sie sonst immer zu Räson brachte: „Wooo! Keine Kinder!“ Die Sekt-Gläser klirren aneinander: „Heute ist Kinderfrei! Woooo!“

Ständige, fürsorgliche  Liebe und ein gutes Vorbild-Sein ist anstrengend. Da braucht es hin und wieder… Sie weiß schon vorher, dass sie um spätestens 11 Uhr müden sein würde, da geht es den anderen ihrer Weiber aber auch nicht anders.

 

Früher – in einer Zeit bevor die Zahlen erfunden wurden und es demnach unmöglich ist, zurück zu rechnen, wie JUNG sie damals waren und wie viel Zeit vergangen ist – hatten sie doch auch die Nächte und Tage durchgemacht. Jedes Wochenende woanders. Frankfurt. München. Nürnberg. Würzburg. Manchmal auch Berlin. Kein Problem. Und waren sie heute denn nicht dass, was man heute eine MILF nannte? War das denn nicht ein Kompliment? Über 30 zu sein und immer noch potentiell erregend? Eine Hot-Mum? 30 ist heute doch kein Alter mehr. Auch, wenn sie das vor 10 Jahren selbst noch ganz anders sahen… Nein. Es liegt nicht an der Selbstwahrnehmung, und dass sie „nicht erwachsen werden“ wollten – dieses Prädikat haben die Kindsköpfigen Männer für sich gepachtet – DIE ZEITEN haben sich einfach verändert. So ist das doch. Und nicht anders. Wer hätte sich früher auch noch einen schwulen Außenminister und eine KanzlerIN vorstellen können? Und in dieser neuen Zeit, sind sie nicht mehr alt. Niemand ist mehr zu alt, wenn er sich nicht so fühlt. Oder man ist vielleicht über 40. Das sieht dann natürlich wieder ganz anders aus… Und die jungen Leute. Nun. Die sind halt einfach jünger, so wie sie schon seit 10 Jahren jünger waren.  Wen interessiert es? Und selber war man doch eigentlich blöd, dass man die alten Leute auf den Party immer schief ansah. Unreif war das. Und dumm.

 

Auf Sekt folgt Sekt. Folgt Bier. Folgt Wein-Schorle. Folgt ein Joint. Das war noch nie ein Problem. Heute natürlich auch nicht. Ist doch wie früher.

 

Nein, sie will nicht zu viel auf einmal. Und man muss das doch  verstehen: Auf was man die letzten Jahre, fast schon ein Jahrzehnt lang, verzichten musste! Immer Kind hier. Kind da. Und vorher die Schwangerschaft. Umzug. Vernunft. Erziehung. Jobwechsel. Teilzeit. Halbe Stelle – und die Kinder. Heute ist nun endlich heute. Und heute ist Kinderfrei; bei aller Liebe: „Woo!“

 

Sie tanzen sie, lachen, sie stoßen an. Bis ihr schlecht wird – das ist ja noch nie passiert. Wo kommt der denn jetzt her, der Helikopter im Kopf? Und alles dreht sich, dreht sich, dreht sich. „Ich weiß gar nicht woher das kommt“, murmelt sie noch zu ihren besten Freundinnen hin – und dann kotzt sie sich die Seele aus dem Leib. Lange. Laut. Und permanent. Nach einiger Zeit hat auch keine der besten Freundinnen mehr Lust ihre Haare zu halten oder sie aufzumuntern. Sie ist halt doch keine 20 mehr. Vielleicht fehlt es doch ein wenig an Training…

 

Währenddessen stehen die Freundinnen rauchend an der Seite und zucken mit den Schultern, tauschen Blicke und Wörter darüber, dass es doch wirklich ein jemand nervig ist, dass ihr das JEDES Mal passieren muss… Wenigstens einmal könnte sie sich doch vielleicht nicht übernehmen.

 

Inzwischen bricht und bricht sie weiter. All die Zeit hinfort die ihr durch die Kinder „verloren“ ging. All die Zeit, in der sie mehr Mutter als Frau war. Und sie bereut es inständig dass sie es heute wieder einmal ersucht hatte, keine Mutter von zwei „Kids“ zu sein, sondern eine Frau. Ihr war so unglaublich schlecht. Bitte lieber Gott…. Sie würde auch für immer eine gute Mutter bleiben… Wenn das nur endlich aufhört…

 

Die Kinder der anderen

In ihrem Traum, traf sie alle Kinder, die sie nicht besonders schätzte. Da war der besserwisserische Justin der Mauermeiers. Der störrige Niklas der Zotts. Die vorlaute Lara der Hondrichs. Auch wenn sie, die selbst Mutter war, Kinder insgesamt mochte, empfand sie es schwer die Kinder von anderen wirklich zu akzeptieren. Sie hatte nie etwas gegen sie, nur mochte sie die halt nicht so besonders… Ein wenig doof waren die Alle… Ihre Kinder dagegen, die liebte sie abgöttisch. So sehr, wie eine Mutter ihre Kinder nur lieben konnte. Und in diesem Traum, da war das irgendwie… Ein Problem. Der Justin, der Niklas und die Lara, sahen sie flehend, doch auch strafend an.

Was hast du uns angetan?

Sie erwachte, nass geschwitzt. Mit diesem komischen Gefühl, dass es falsch sei, ihre Kinder so sehr zu lieben, wie sie es gar nicht anders konnte.  Denn so groß, stark und rein ihre Gefühle zu ihren Kleinen auch war, waren sie ebenso zersetzend all anderen Kindern gegenüber, die weder von ihren Eltern und schon gar nicht von ihr  geliebt wurden. Die Liebe zu ihren Kindern war der Grund, warum es Bosheit auf der Welt gibt… Das war die Essenz des Traumes.

Wenn ein Kind sieht, wie andere Kinder im gleichen Alter mehr umsorgt und geliebt werden, werden sie neidisch und krank. Diese Krankheit setzt sich in ihrem Unterbewusstsein fest. Sie wird Teil ihrer DNA. Den Kindern wird durch die Beobachtung, ihr eigener Mangel an liebevoller Umsorgung verständlich, vielleicht nicht rational, nur von ihrem Herzen her, und werden dadurch zu zynischen, schlechten Menschen, die laut sind und grob. Wahrscheinlich auch ungebildet. Da ist ja auch niemand, der sie unterstützt. Diese Mangelerscheinung an Liebe hat sie so werden lassen wie sie sind, all die Verbrecher, kleinen Gauner, Pegidisten und was sonst noch; das hatte sie gerade so, nach dem Aufwachen, in ihrem Herzen gefühlt. Und wenn sie selbst ihre Kinder nicht so offensichtlich vorbehaltlos und in aller Öffentlichkeit verehren oder unterstützen würde, würde die anderen Kinder, die diese Glück nicht genießen können, sich besser entwickeln, denn ansonsten könnten sie gar nicht verstehen, dass ihnen etwas abgeht… Die vorbehaltlose Liebe zu ihren eigenen Kindern, stahl anderen ihre Zukunft… Zuviel Liebe, kann etwas Böses sein… Wäre die Welt denn keine bessere, wenn wir alle Kinder gleich lieben würden?…

 

Was für ein merkwürdiger Traum. Was für merkwürdige Gedanken. Sie schüttelte den Kopf darüber. Was für ein Wahnsinn! Wie konnte ihre Liebe schlecht sein? Sie würde doch ALLES für ihre Kinder tun!… Eine Verrücktheit war dieser Traum, den sie schnell wieder vergessen müsste und es ohnehin würde… Was kann eine Mutter schon dafür, wenn die Kinder von anderen Müttern nicht geliebt werden? Das konnte sie nichts angehen. Nicht sie war es, die schlecht zu ihren Kindern war, das waren doch eindeutig die anderen. Die Rollen zwischen GUT und BÖSE sind doch eindeutig verteilt.

Aber. Sind sie das nicht immer?

Singoldsand-Festival 2016 mit u.a. Bonaparte

 

Ich stelle mir das so vor:

 

„Hey Bonaparte! Wollt ihr ein Festival headlinen?“

„Ja klar! Wo ist es denn?“

„In  (Räusper)München.“

„Wo?“

„(Unverständliches)München.“

„Ach in München? Auf jeden!“

 

Sie spielten dann doch in SCHWABmünchen, einem 13000 Seelen-Kaff.

Bonaparte auf einem Festival in Schwabmünchen klingt wie ein großes Missverständnis. Denn auch wenn die Band um den großen Diktator nicht mehr der heiße Scheiße ist, und nie wirklich Mainstream war, ist die Strahlkraft der Band größer als die des Kaffs. Wer sich aber gestern auf dem Konzert auf dem Singoldsand-Festival als anwesend präsentierte, der musste verstehen, dass gerade solche eine Band, die vom Publikum wegen ihrer ausschweifenden Bühnenshow als anarchistisch und promiskuitiv miss- und doch richtig verstanden wird, mehr auf das Land gehört als in die Großstadt, denn auf dem Land sind Bonaparte immer noch und immer ein Ereignis. Hier wird man noch lange über den „legendären Auftritt“ der Band sprechen, während die Band in der Stadt schon längst für einen kontrollierten Absturz steht, der immer gleich endet. Die Stadt ist satt und weiß schon längst nicht mehr was es für einen Jugendlichen bedeutet einen „revolutionärem Akt“ beizuwohnen. Auf dem Land dagegen brachen Dämme.

Es ist nun einmal was vollkommen anderes in der Stadt aufzuwachsen als auf dem Land, denn als pubertärer Jugendlicher muss man in ruhigeren Gefilden viel mehr Energie aufwenden um gegen den Druck der Gesellschaft zu rebellieren. Du kannst nicht nur in ne S-Bahn steigen und in ne „dunkle Ecke“ fahren. Du musst dir das selbst aufbauen. Du kannst  nicht nur mitlaufen: Du musst das Leben wollen.

Das Singoldsand-Festival ist aber mehr als die geplante Provokation eines Schweizers, der seine Band in Barcelona gegründet hat, aber wegen ihrer Attitüde immer wieder mit Berlin gleichgesetzt wird. Das Festival ist, gerade wegen seiner angenehmen Kleinness, das am Schönsten gemachte Festival, das ich seit langem besucht habe.

Jetzt könnte wieder des Ausdruck „familiär“ auftauchen, den lasse ich aber bewusst weg, in der Erinnerung an das Obstwiesen-Festival letzte Woche. Das Sindgoldsand-Festival (benannt nach dem dortigen Flüsschen wie mir gesagt wurde) ist mit unglaublich viel Liebe zum Detail mitten in die Kleinstadt gestellt worden und ist in jedem Fall einen Besuch wert. Gestern besonders, da es ENDLICH einmal in diesem Sommer sogar noch geiles Wetter oben drauf gab.

Die Leute waren super entspannt. Saßen, liefen und tanzten um ihre zwei Bühnen herum. Und mittendrin gab es noch Blechblas-Sound und oh Wunder! Das fügte sich super ins gesamte Geschehen ein. Kleine Kinder neben Jugendlichen, neben alten Säcken. Und. Es gab keine von mir beobachteten Reibungspunkte.

Man ging umher, saß auf Biergarnituren, im Pavillon oder auf der bloßen Wiese, während lachende Tweens vor der zweiten Bühne im Wasser tanzten. Es war. Ideal.

Auch die Musik war gut. Nichts zum Durchdrehen, dafür mit dem gewissen, richtigen Dreh. Sei bei Nospam auf der kleinen Strandbühne oder drüben auf der großen Bühne bei Graham Candy. Nichts zum Durchdrehen. Aber zum RICHTIG fühlen. Wir schmunzelten zu Loisach Marci, der es fast (fast) schaffte elektronische Musik mit traditioneller bayrischer Musik zu verbinden. Die 2 haben gut angefangen, verstolperten es dann trotz guter Beats, Acid-Tune und Alphorn durch die ein wenig zu penetranten Lyriks.

Bonaparte haben ich schon 4 mal live gehört, gesehen und auch meistens ziemlich derbe abgefeiert, d.h. mit Pogo, herum jumpen, schreien, was halt zu so einer Show dazugehört. Das ist nun aber auch schon ein paar Jahre her. Wir (meine Begleitung und auch) waren auf der letzten Tour des Diktators gewesen, und damals war die Band zu einer Nummer verkommen, eine Karikatur ihrer selbst. Es gab  keine wirklich frischen Ideen mehr und wir hatten das Gefühl, die Band spielt am Publikum vorbei, sie nahm es gar nicht wahr.  Deswegen war ich kritisch.

Vor uns – wir saßen erst mit dem Rücken und standen dann während des Konzerts in der ersten Reihe – tanzten kleine Mädchen um die 10 Jahre  zu imaginärer Musik. Und das war sehr süß anzusehen. Nur wollte diese Familienfreundlichkeit des Festivals nicht zu Bonaparte passen, weswegen ich schon vor dem Auftritt über eine „entschärfte Show“ fabulierte. Die gab es dann zum Glück nicht. Die Tänzer und Tänzerinnen um die Band waren genau so, wie man es kannte. Voll mit Sekt, Glitzer und am Ende splitter nackt, nachdem über eine Stunde lang das Wort und Material der „Reizwäsche“ stark provoziert und in Szene gesetzt wurde. Es gab auch eine Gummiboot-Fahrt durchs Publikum (was immer gut ankommt nun aber wirklich nichts Neues ist) und zwei sehr Körperbetonte Ausflüge des Diktators selbst in die Menge, ala StageDiven und La brass banda. Die Nähe zum Publikum die bei der letzten Tour fehlte war wieder da.  Und wie. Die Leute feierten dass und ich glaube auch der Band hat das sehr gut gefallen. Gerade bei den Zugaben sah man die lachende Genugtuung der Performer Schwabmünchen im Laufe einer Stunde komplett herumbekommen zu haben.

Es ist immer sehr schwer als Besucher zu beurteilen, wie echt das Lachen der Künstler ist, wenn man aber sah wie Bandkopf Tobias Jundt beim StageDiven von Wasserpistolen nass gespritzt wurde und er sich darüber und dabei kaputt lachte, musste sich das einfach echt anfühlen.

Für unsere kleinen Mädchen in der ersten Reihe war das nach einer halben Stunde zu echt, und nach zu viel nackten Männern und Frauen gingen sie einfach, was ich für gar kein schlechtes Statement gehalten habe: Kinder brauchen keine Grenzüberschreitung, die können einfach so Spaß haben. Die brauchen keinen verkleideten Typen der einen Berg Croissants aus seiner Unterhose zieht, anbeißt und in die Menge wirft. Kinder sind einfach Kinder. Und wir Erwachsenen werden das niemals mehr sein, egal wie angestrengt blöd wir uns auch anstellen.

 

„Bonaparte“ als Band sind aber mehr als nackte Titten und Pimmel. Das ist keine Proleten-Truppe. Was auf der Bühne geschieht ist eine an das Varieté angelehnte Kunstform. Klar ist das auch geil. Klar soll das auch erregen. Aber es sind nun einmal keine billigen Schlampen auf der Bühne und auch kein Perverser. Das ist infantile Spaßkunst. Und wer nach dem Konzert in die Gesichter der Menschen blickte sah vor allem eines: Ein kollektives Lächeln. Und so muss man aus einem Konzert rauskommen.

Bei all dem Schauwert vergisst man gerne die Musik. Bonaparte sind gute Musiker und haben auch ihre Hits. „AntiAnti“ war der Opener und dann wurde so gut wie alles gespielt was man gerne mochte, mitsangen und mitsprang (bis aus ein zwei Lieder, die man vermisste, das gehört aber auch dazu). Ich war leider überhaupt nicht mehr Textsicher und auch die Herumhüpferrei ließ ich mit meinen bald 36 Jahren sein. Das sollten die Jungen machen. Jedoch. So Herumstehend kam ich mir alberner vor als in der Menge am Schwitzen und Schreien.

 

Nach dem Konzert stand der kleine, große Diktator noch am Merch-Stand und quatsche mit den Leuten. Sehr sympathisch.

 

Wir sind dann auch bald in unsere Autos gestiegen und in verschiedene Himmelsrichtungen gefahren. War ein schöner Abend der viel Spaß gemacht hat – nächstes Jahr gerne wieder.

 

Tränengas gegen Dummheit

Niedergeknüppelt von Edelstahl-Tanks, die befüllt und entleert werden wollen; ausgezehrt von rasenden Pumpen, die aufheulen, wenn sie ihre Arbeit verrichten; erdrosselt von zu viel CO2, dass wir zum Leerdrücken der Behälter benötigen; genötigt von der Uhr, die immer zu wenig Zeit anzeigt; geschafft also liege ich auf meinem U-förmigen Kanapee, mit „Fenster auf“, und versuche „Erschlagt die Armen“ von Shumona Sinha zu lesen, eine tieftraurige Erzählung aus Frankreich über das Flüchtlingsproblem mit autobiografischen Zügen, die natürlich überhaupt nicht zu meiner Ermunterung beitragen würde, wenn da nicht der unglaublich tolle Stil wäre, in dem das Buch verfasst wurde. Liest sich also super. Dieses Elend. Der Welt.

Nur zur Ruhe komme ich nicht.

Draußen schreien die Kinder. Direkt vor meinem Fenster. Ich könnte sie mit kleinen, trockenen Papierbällen bewerfen, so nahe sind sie. Die Kinder schreien und plärren, plärren und schreien, und schreien und plärren, nur unterbrochen von dem mahlendem Geräusch von Hartplastikreifen, die über den Asphalt mahlen wie diese Planierraupe über die Totenschädel am Anfang des „Terminators“. Wenigstens fühlt es sich in meiner Seele so an.

Die Kinder schreien die ganze Zeit. Mutter schreit hinterher. Pause. Dann wird weiter geschrien. Immer im Kreis herum.

Mir reicht es.

 

Ich mache die Glotze an und dort laufen Nachrichten. Nachrichten aus Brasilien. Auch dort wird geschrien was das Zeug herhält. Es wird eine Demonstration gezeigt, nicht Olympia, irgendwie aber scheint dass aber doch das Gleiche zu sein. Eine Stimme aus dem Off erklärt, dass die Leute mit ihren Masken, die gerade mit Tränengas beschossen werden bis die Phalanx aus Polizeisoldaten in ihren Kunststoffpanzern auf sie Jagd machen, für ein besseres Sozialsystem und für mehr Bildung demonstrieren.

Ich denke mir dazu: „Ganz logisch eigentlich. Die Ungebildeten wollen mehr Bildung. Und weil sie gänzlich ungebildet sind, demonstrieren sie mit Gewalt. Woher sollen sie es denn besser wissen?  Wie könnten sie mit Worten oder Parolen argumentieren? Wer sollte ihnen schon vorstehen? Und welche Sprache müsste der Rädelsführer sprechen? Sie sind doch dumm und sozial schwach. Sie wissen es nicht besser.“ Und weiter: „Das ist die vernünftigste Demonstration die ich je gesehen habe.“

ZAPP mache ich die Glotze aus und bin ein wenig traurig, selbst nicht so vernünftig zu sein wie die Brasilianer, die sich dabei (was man auch nicht vergessen sollte) auf der anderen Hand auch gänzlich unfair und unsportlich allen anderen Olympia-Nationen gegenüber verhalten, da die Brasilianischen Zuschauer alle anderen Konkurrenzländer ausbuhen. Das müssen dann wohl die gebildeten Brasilianer sein.

 

Vor meinem Fenster schreit nur noch ein Kind: „BINO!“ Schreit das Mädchen. Oder vielleicht ist es auch ein Junge. Zu kindisch spitz ist die Stimme, um wirklich eine Unterscheidung fällen zu können. Wenigstens ich kann es nicht. „BIIIIIIINO!“ „Biiiiiiiiiinooooooooooo!“  Bino ist wohl ein Tier. Eine Katze, sicherlich. Ein Hund ist blöd genug, der hätte reagiert. Es klingt ein wenig traurig, wie ein Sirenen-Ruf aus einem Märchen, nach Walt Disney. Nach Feivel der Mauswanderer.

„Biiiiiiiinoooo!“

Die Stille vor dem nächsten Ruf.

Wieso versteht das Kind nicht, dass die Katze nicht zu ihr kommen will? Wahrscheinlich sitzt oder liegt Bino da sogar irgendwo, außer Reich-, doch in Sichtweite des Kindes, und zuckt nicht mal mit den Schnurrhaaren wegen den Aufmerksamkeitsversuchen des Kindes. „Bi-NO!“ Da kommt ja richtig Musik hinein.

Und dann ist es mir klar. Wird mir das Offensichtliche verständlich. Das Kind kann es gar nicht besser wissen, woher denn auch? Den ganzen Tag wird das Kind von der Mutter genauso gerufen. Da hat der/die Kleine es her. Da wurde es angelernt: Mama war´s. Weitergegeben von Mutter zu Kind, die es irgendwann einmal ihrem Kind weitergibt. Und so weiter. Über Generationen hinweg. Das Traurige an der Situation ist nur, dass dieses ganze Geschrei, dieses ganze Gebrüll überhaupt nichts bringt. Da können sich Kinder und Mütter die Kehlen wundbrüllen: Da reagiert keiner. Erst wenn der Brüllende aktiv wird, auf das Kind oder die Katzw zu springt, kommt Realität in die Bude. So lange könnt ihr brüllen wie ihr wollte. Und das machen sie auch. Sie brüllen und rufen und gestikulieren, wie sie es schon seit Jahrhunderten machen. Dabei rufen sie nicht einander Worte zu, sondern Befehle aneinander vorbei. Konditioniert darauf zu brüllen und gleichzeitig nicht zuzuhören.

Ich schaue aus dem Fenster und gucke, ob da nicht auch gleich Tränengas abgeschossen wird. Leider nein.

Talente, die man verkümmern lassen sollte

Gerade saß ich draußen im Garten meines Großvaters, der nun mein Garten geworden ist, las auf der Bank auf der, der alte Alkoholkranke Mann immer saß, den Spiegel, dieses Leitmedium, das von manchen als Hetzmedium verschrien wird.

Nebenan im Nachbarsgarten saßen die alten, krebskranken Nachbarn und erfreuten sich an dem Geschrei, nein, dem Gequieke ihres Enkels, der froh und unglaublich (nervig) lebensglücklich schien; die Großeltern lassen ihren Enkeln so viel durchgehen, verziehen sie, da sie selbst einmal schlechte Eltern waren und nun wenigstens den unverdorbenen Enkeln etwas zurückgeben wollen. Oder so. Und ich versuche – warum auch immer – den Artikel über Schlöndorffs Max Frisch Spin-Off zu „Montauk“ zu lesen, lasse mich fast gar nicht stressen, die Sonne streichelt mir über mein ausgehendes Haar, und denke mir unterbewusst diesen Satz, ganz vollgesogen durch meine lächerliche Bildung, dass das Kind so schreien und brüllen muss, da es seine eigene Stimme kennen und zuordnen lernen muss. Das gehört zum Kind sein dazu. So klinge ich und der Rest sind die Anderen.

Dann habe ich den Spiegel sinken lassen. Stimmt gar nicht. Das Kind ist viel für zu alt für diese Phase. Nein. Das Kind schreit einfach nur herum und die Großeltern wollen das Glück des Kleinen nicht unterbinden. Sie wollen das Kind nicht einengen. Wollen sein Glück erleben. Wollen irgendein Talent zur Selbstverwirklichung fördern, dass nur Großeltern sehen können; Großeltern sind ja meistens die schlimmsten Egoisten.

Da sitze ich also, mit meiner gesunkenen Zeitung. Werde penetriert durch das viehische Geschrei einer glücklichen Kindheit und frage mich, geistesabwesend, ob es wirklich gut ist jedes Talent eines Kindes zu fördern. Ist es denn nicht besser bestimmte Talente zu fördern, anstatt alle? Denn wenn man alles fördert, fördert man damit schließlich nicht überhaupt nichts? Muss man denn nicht manche Talente ersticken, um andere zum Lodern zu bringen? Muss man denn nicht wie bei Blinden blindwerden, um andere Sinne zu schärfen und die wahren Begabungen zu befeuern? Und versündigt man sich den nicht am Kind, tut man es nicht?

Meine Kinder sind das Wichtigste in meinem Leben

Das Wasser blubbert ihm um die Ohren. So ein Aufenthalt in der Therme erscheint ihm jedes Mal wieder wie eine dekadente Scheiße. Überall  ist die Wohlstandsgesellschaft sichtbar, die sich hier ausruht. Der erfolgreiche, der dominante Kapitalismus, überall. Und es spielt gar keine Rolle ob hier ein Banker neben einem Zimmermann sitzt, ob der eine jung oder alt ist: Wohlstandsmerkmale trägt jeder von ihnen. Sei es das kleine bisschen Übergewicht, oder eben das eindeutig Fitness definierte Fehlen davon. Kein Körper ist normal. Jedem steht seine Geschichte auf den Leib geschrieben. Und hier, gerade hier, sind ihre Köpfe leer und entspannt, nur am Planschen, Paddeln und Saufen; hier wird die Seele befreit vom Alltagsstress, um morgen oder übermorgen wieder mehr oder weniger fröhlich zurück in das Hamsterrad der Abnutzung zu springen. Es ist weder widerlich noch lächerlich. Für ihn strahlt es einfach nur ein gewisses Quantum an Tatsächlichkeit aus, wie die Leute hier sind, wie sie sich geben – und wofür sich in Wahrheit keiner zu schämen hat. Erste-Welt-Leben. Erste-Welt-Menschen. Die nichts dafür können hier geboren worden zu sein, weder im Schlechten, noch im Guten.

Nein. Er krault sich den Bart, während die Blubber aus den Düsen nachlässt. Es ist genauso falsch sich ständig schuldig fühlen zu müssen, wie im Umkehrschluss auf die Probleme der restlichen Menschheit zu scheißen. Denn wer von uns die Menschheit retten will, der kann nicht nur für sich alleine im Wald leben, sich vegan ernähren, fischen, möglichst autark leben und denken, die Welt damit ein bisschen besser gemacht zu haben. Nein. Der muss nachhause gehen und sich aufhängen. Es gibt keine andere Lösung.

Jedoch. Wozu überhaupt die Menschheit retten? Für die Kinder?

 

Das Wasser hat sich beruhigt und das Schüttelgeräusch vom Barkeeper, der seine Bar IM Pool hat, so dass der Kunde hinschwimmen muss, erweckt seine Aufmerksamkeit. Hm. Wie ist es wohl im Paradies zu arbeiten? Jeden Tag die verdient fetten Leiber zu sehen, die sich an den Körpern der übertrainierten Jugendlichen aufgeilen, denen Facebook und Instagram die Freiheit genommen hat so auszusehen wie man es für richtig hält; immerhin hübsch anzusehen. Daneben die Kinder.

Ja. Die Kinder. Heute ist Kindertag in der Therme, er hat das einfach verdrängt bevor er den Bus hierher nahm. Die verdammten Bälger. Leben ihr Leben als gäbe es keinen Morgen, keine Arbeit, kein Leid. Ihre Eltern spiegeln ihnen die perfekte Welt vor, in denen sie sich um nichts kümmern müssen, bis sie plötzlich eine Ohrwatschn von der Realität bekommen, wenn sie von der Schule abgehen und nun für sich selbst sorgen müssen. Auf einmal. ABER WENIGSTENS HATTEN SIE EINE SCHÖNE KINDHEIT! Ist es denn so wichtig eine schöne Kindheit zu haben? Wäre es nicht vorzüglicher ein gesamt gutes Leben zu haben, als die paar Jahre bis 18? 19? Oder von ihm aus sogar bis 25?

Vielleicht sollte er auch einen Cocktail trinken gehen. Oder ins Dampfbad. Um sich dann mit Salz die Epidermis einzureiben…

 

Ein paar dicke Frauen mit ihren Bälgern „schwimmen“ an ihm vorbei. Schon komisch.  Vor einigen hundert Jahren konnte die Menschheit noch nicht schwimmen. Millionen Menschenähnliche Geschöpfe hat die Flut sicherlich in den letzten tausenden Jahren zu sich geholt. Sind gesunken wie Steine. Hatten keine Ahnung davon, dass ein wenig Armrudern sie leicht gerettet hätte. Heute kann das jedes Kind… Was fällt der Menschheit als Nächstes ein? Was „das Schwimmen“ der Zukunft? Wohin werden wir uns entwickeln? Welche Träume werden wir uns erfüllen? Und noch viel wichtiger: Ist dieses ETWAS heute überhaupt vorstellbar?

 

„Hey!“ brüllt ein Kerl in seine Richtung los. Er fühlt sich gar nicht angesprochen. Der Kerl war mal durchtrainiert, hat jetzt einen Bauch und sehr viele Tätowierungen. Noch mal: „Hey!“

Unser Held: „Ähm? Meinen sie mich?“

„Ja genau dich, du perverse Sau!“

„Mi…? Ja was geht denn ab dass DU mich so nennst, du Arsch!“

Kopfmodus: Aktiviert.

Der Andere ist bei ihm angekommen: „Was fällt dir ein meinen Sohn so anzustarren?!“

„Ich hab was? Ich hab gar nicht…“, er macht eine abwinkende Handbewegung, „Ich habe nirgendwohin gesehen. War in Gedanken… Entschuldige dich und die Sache ist vergessen.“

„Ich mich entschuldigen? ICH?! MICH?! BEI SO EINEM PÄDOPHILEN PERVERSEN WIE DIR ENTSCHULDIGEN??!!“ Da guckt der Vater kurz zu seiner Frau rüber um sich durch ihren wohlwollenden Blick sein Lob abzuholen. Verteidiger der Ehre. Held derer, die sich nicht selbst schützen können.

„DU NENNST MICH EINEN PÄDOPHILEN?!“ In unserer Gesellschaft gibt es nichts Schlimmeres als einen Pädophilen genannt zu werden. Denn der Pädophile ist unserer Gesellschaft der Bodensatz des Volkes. Er. Hat jede Rechtfertigung auf Rechtfertigungen verloren.

Unser Held nimmt den Papa mit einer gewitzten auch im Wasser sehr schnellen Bewegung in den Schwitzkasten und zieht ihn unter Wasser. Mama kreischt. Umherstehende lachen. Und das Alles nur wegen den Kindern. Weil Mama und Papa glauben, dass ihre Kinder über allem stehen, und doch von jedem und allem bedroht werden. Das Kind. Das höchste Gut. Die Zukunft. Die Lebensrechtfertigung. Wo der Macho früher knurrte: „Sieh meine Frau nicht so an.“ Heißt es heute wohl: „Augen weg von meinem Kind.“

 

Papa wehrt sich. Papa schluckt Wasser. Papa ertrinkt. Held weiß das. Also zieht er ihn nach oben und haut ihm mit der Faust so dermaßen gekonnt in die Fresse, dass Papas Nase aufplatzt wie eine Tomatenmarktube, über die ein Auto walzt. Das Wasser färbt sich rot. Er schlägt noch mal zu.

„DU NENNST MICH EINEN PÄDOPHILEN?!“ Wenn man Dinge ernst meint, wiederholt man sie.

Noch ein Schlag, dann lässt er den röchelnden Papa frei. Mama kümmert sich.

„Du solltest aufpassen was du sagst!“

 

Nein, denkt er sich, vielleicht entwickelt sich die Menschheit eben gerade nicht hinauf. Und wahrscheinlich muss sie auch gar nicht gerettet werden. Denn. Vielleicht wird es niemals eine neue Art von Schwimmen geben… Nicht für diese Menschen. Oder… Ist es vielleicht  nicht doch eher so… Dass heute auch der letzte Depp schwimmen kann? Was hat das zu bedeuten? Über dich? Und über mich?