Kiffer – die freundlichen Menschen

„Aber, aber, aber… Ich habe sie doch noch vor zwei Wochen darum gebeten, mir rechtzeitig zu sagen ob ich übernommen werde… Sie wissen doch noch… Ich hatte dieses Angebot von… Sie haben versprochen! mich vorher zu informieren!“

„Ach, na ja. Wissen sie. Roland. Es ist schon richtig, ich habe versprochen sie frühzeitig zu informieren. Aber sie wissen doch wie das in so einem großen Unternehmen wie dem unseren funktioniert. Ich bin nicht der ERSTE der solche Dinge erfährt. Ich bin der Letzte.“ Auf das betroffene Gesicht von Roland hin: „Okay. SIE sind der Letzte gewesen der es erfahren hat. Doch was soll ich machen? Ich habe wirklich für sie getan was ich konnte. Und hätte ich es vorher gewusst, dann hätte ich sie auch informiert… Ich habe WIRKLICH für sie gekämpft wie ein Löwe. Aber (er packte tatsächlich seine Füße auf den Tisch, während er den dummen Hund feuerte) sie wissen nun einmal wie die Gesetze lauten und unsere Firma hält sich nur daran. Gerne können sie sich in ein paar Wochen wieder bewerben. ODER! (er stellte seine Füße wieder auf den Boden, Oberkörper nach vorne) Wie wäre es mit einem Praktikum!“

„Von einem Praktikum kann ich meine Familie nicht ernähren“. Roland schien wirklich überrascht und verzweifelt. Dieser dumme Hund. Vielleicht würde er gleich heulen?

„Ja das mag sein… Man kann da aber auch von der Agentur Zuschüsse beantragen. Am besten gehen sie da gleich mal hin. Na ja. Jetzt wo sie arbeitslos sind müssen sie da eh hin, ne? Und überlegen sie sich das mit dem Praktikum. Immerhin wissen wir, dass sie ein Guter sind. Und vielleicht kann ich noch mehr für sie herausholen… Die Guten vergisst man nicht. Das ist alles nur dumm gelaufen, die Institutionen die so eine Entscheidung in einer Firma durchläuft… Am Ende entscheidet man sich in der Geschäftsführung dann eher für die billigere Variante. Doch wir Beide wissen doch ganz genau (Kumpelhaftes Gesicht) dass die billige Variante oft die schlechteste Entscheidung ist. Allen voran wenn man weiß dass man gute Leute an der Hand hätte. “

„Ja… Ich überlege es mir… Danke…“

Sie gaben sich die Hand.

Roland schloss die Tür hinter sich. Leise.

Er dagegen lachte nur in seinem Chef-Sessel. Roland. Du dummer Hund… Natürlich wusste er schon längst, dass er den Trottel feuern würde. Und wahrscheinlich würde dieses blasse Häufchen Nichts wirklich dieses idiotische Praktikum annehmen. Dem war wirklich nicht zu helfen… So was von leichtgläubig. So einem sollte man überhaupt nichts zahlen.

 

Gut gelaunt und beschwingt ging Herr Meyer, der gerade den gutmütigen Roland rausgeworfen hatte, auf das Dach dieses Stahl und Glas Riesen von einem Gebäude, mitten in Frankfurt. Er zündete sich selbstzufrieden seinen heute bereits dritten Joint an.

Er kiffte wirklich für sein Leben gerne.

Hatte er schon immer gemacht. Das machte ihn so lockerflockig und doch unberechenbar. Die ganzen Idioten dachten wirklich, er sei auf ihrer Seite, sei ihr Freund. Nur weil er immer etwas groggy vom Smoken war. Doch in Wahrheit waren ihm diese Menschen scheißegal. Für Herrn Meyer ging es immer nur um Herren Meyer. Und was konnte er dafür dass der Durchschnittsmensch dachte, dass Kiffer allesamt faule aber nette Typen sind?   Dass diese Mentalität dich zu einem angenehmen Zeitgenossen macht? Er war wirklich der coolste Boss von allen…

Tatsächlich empfand es Herr Meyer als wahnsinnig lustig, wenn die Welt dieser Trottel zusammenbrach, wenn er sie erst hinhielt und dann feuerte und jedes devote Grinsen dieser Deppen schlagartig auf seinen teuren Mahagoni-Fußball klatschte wie ein falsch gewendeter Pfannkuchen. Seine Kollegen verstanden gar nicht, warum ihm das nicht zusetzte. Dieses moralische Ding. Aber die wussten auch nicht, wie gerne sich Herr Meyer einmal einen rollte. Und dann total Revoluzzer mäßig auf jeden und alles schiss. Während er sie im Namen der Rendite auf die Straße setze.  Ja. Die Panik und das Entsetzen der anderen ist das Lustigste in seinem Leben. Die sind so albern. Mit ihrem dumpfen und verträumten Glauben an das Gute im anderen. Manchmal muss er sich zusammenreißen nicht laut loszulachen wenn diesen Deppen klar wird, wie am Arsch sie eigentlich sind.

Looooser.

Alkohol ist die Lösung

Es ist ein guter Brauch jeder Augsburger Profimannschaft, zu verlieren wenn ich ihm Stadion bin. Keine Ahnung warum das so ist, denn trotz allem sind die Vereine auf dem Papier immer erstklassig. Gestern war die Ausnahme von der Regel. Die Augsburger Panther fegten die Hamburger Freezers mit 4 zu 1 vom Platz. Ihr erster Auswärtssieg.

Nicht das ich, nicht das wir, große Eishockey-Fans wären; wie so oft sollte es einfach mal wieder was „anderes“ sein.

Ansonsten denkt man gar nicht darüber nach, wie viele tausende, wie viel Millionen Menschen auf der ganzen Welt sich an Wochenenden oder in der Arbeitswoche,  ihren nicht Mainstream-Hobbys hingeben, sich in irgendwelchen Sport-Kathedralen einen hinter die Binde gießen, sich in Wäldern verkleidet mit Schwertimitaten verprügeln, zu für andere seltsamer Musik noch merkwürdiger zu bewegen, in „ihren“ Swinger-Club gehen oder nur mit den Kumpels von der Freiwilligen Feuerwehr abhängen; Menschen machen diese für anderen komischen Dinge die ganze Zeit und sehen darin, wenn nicht gleich ihren Lebensinhalt, ihren Ausgleich zum ganzen Wahn der Arbeits- und Familienwelt.

Da muss ich gleich an den Ulrich Seidl Film „Im Keller“ denken.

Wir haben nicht unser Ding. Sind nirgendswo hängen geblieben. Heute also: Eishockey.

Ich war vor ein paar Jahren schon einmal im Augsburger Panther Stadtion gewesen – dem Curt-Frenzel-Stadion – und hatte es zwar ein Dach, nur leider keine Wände. Und so eine Wintersportart ist gerade im Dezember sehr, sehr kalt, was auch ein Grund dafür sein kann, weshalb die Stimmung dort immer sehr gut war.

– Gegen die Kälte.

Im Jahr 2015 haben sogar die Augsburger ein schönes Stadion (mit Wänden), mit allem möglichen Schnickschnack. Das Spiel war gut. Die Leute okay. Auch wenn man sich selbst natürlich immer ziemlich fremd fühlt gegen die hierherkommenden Gewohnheitstäter und Ultras. Dazu gehören wir bei so Veranstaltungen nie, wie auch?

Und da sind wir jetzt beim Punkt der Geschichte angelangt.

Nüchtern kann ich solche Massenevents kaum ertragen.

Ich.

Bin dann auch schwer zu ertragen.

Nüchtern sein langweilt dann einfach. Natürlich habe ich in meinem Leben mehr als genug Drogen genommen aber das ist jetzt auch schon ne Weile her. Trotzdem muss ich, wie Millionen Deutsche und sicherlich Milliarden Menschen auf diesem Erdenrund, ein Bier in der Hand und eines in der Kehle haben um mich entspannen zu können. Und. Um in solchen Veranstaltungen aufgehen zu können.

„Für mittendrin statt nur dabei“ bedarf es für mich des Angeschickertseins. Keiner Volltrunkenheit, es genügt der berühmte gewisse Level.

Darüber denkt man mit Mitte dreißig gar nicht groß nach, wenn man vor einigen Jahren noch eine Flasche Wodka mit einem Gram Speed innerhalb einer Stunde plattmachen konnte. Alkohol gehört dazu. Er ist Lebensgefühl. Und früher war eh alles schlimmer, hefiger, totaler (ehemalige Drogensüchtige haben immer ihren eigene NSDAP-Mitgliedschaft und ihren persönlichen zweiten Weltkrieg hinter sich).

Meine Freundin hält mir natürlich immer vor, dass man auch ohne Alkohol Spaß haben kann. Da gebe ich ihr Recht. Nur warum sollte ich versuchen ohne Alkohol Spaß zu haben, wenn ich ihn garantiert MIT haben kann? Seien wir doch mal ehrlich: Jede Sportveranstaltung, egal im Stadion oder vor der Glotze, ist besser wenn man ein Bier, Wein oder was weiß ich in der Hand hat.

Alkohol hilft uns los zu lassen.

Ich weiß nicht in welcher Welt ihr lebt. In meiner Welt muss man schuften wie ein Irrer, um durch den Tag zu kommen. Und hin und wieder ein wenig Alkohol zum Entspannen zu trinken, ist für mich Normalität. Er hilft zu vergessen. Loszulassen. Und in dem Punkt kann ich auch jeden Kiffer verstehen, wenn er es einfach zum Entspannen. Braucht. Jeder klardenkende Kiffer oder Alkohol-Trinker sollte dabei auch die Einstellung haben, dass er froh wäre, den Alkohol NICHT zu brauchen. Es ist nur die Welt, die einen dazu treibt.

Das klingt nach einer Ausrede. IST eine Ausrede. Und doch auch die Wahrheit.

Selbstverständlich will ich nicht dauernd breit sein. Ich will nicht damit vor meinen Problemen davonrennen. In gewissen Situationen MUSS und will man auch nüchtern sein. Zum Beispiel würde ich nie hier auf Droge an dieser Tastatur sitzen, weil ich einfach nichts lesbares produzieren könnte. Auch kann ich nicht einmal nach einem Bier ein Buch lesen. Nein. Alkohol und Drogen machen NICHT Alles besser. Es hilft nur den Lebensdruck zu senken, gerade in Situationen wie gestern. Denn ich kann mich nicht sofort supernüchtern in ein Stadion stellen wie gestern, und mich dort nicht erst einmal deplatziert fühlen. Ich brauche mindestens zwei Bier, um meine eigenen Kritiker-Radar herunterzufahren um die Menschen um mich herum in ihrem Fetisch zu akzeptieren und um ein Teil von ihnen zu werden.

Nüchtern bin ich eher ein zurückhaltender Charakter, angeschickert nicht. Wahrscheinlich liegt mein Denk-, mein Emotionsfehler darin, dass man sich in jede Situation hinein fühlen muss, um daran Teil haben zu müssen. Wenn ich aber NICHT Teil habe, werde ich als ein unmöglicher Charakter beschrieben, der einem alles schlecht macht…

Das letzte Drittel des Eishockey-Spiels war das Beste. Die Fans gerieten außer Rand und Band. Die donnernden Gesänge wurden noch einmal unfassbar lauter, einnehmender… Aus der Menge auf den Rängen wurde eine kraftvolle Singularität, die wie ein Mann agierte. Keiner krakelte aus der Reihe.  Die Hände hoben sich nach dem Vorbild und Diktat des großen, unsichtbaren Choreographen, der überall seine Fäden zieht. Alle hüpften im Einklang umher. Frauen. Männer. Kinder. Alt und jung. Und auch wenn die Kinder nicht betrunken waren, so eiferten sie doch dem betrunkenen Vorbild ihrer Erziehungsberechtigten nach, denn im letzten Drittel eines Eishockey-Spiels (welches mit Unterbrechungen ziemlich lange dauern kann) sind die meisten Fans eh nicht mehr nüchtern. Wieso auch? Denn entweder haben sie gerade gewonnen, verloren… Oder Alles stellt sich als ein unglückliches Unentschieden heraus.