Arg

Wenn ich nicht gerade den Text korrigiere schaue ich mit meiner Freundin Fernsehen. Wir sahen vorgestern kurz in „Hanna Arendt“ rein, die sexistischer Weise am  Bekanntesten dafür ist, mit Heidegger gefickt zu haben. Auf jeden Fall war da die Stelle im Film, in der der Eichmann-Prozess thematisiert wurde.  Und als der Eichmann meinte, ER habe ja keinen Juden getötet, sondern nur dafür gesorgt dass die Züge pünktlich und richtig fuhren, fiel es mir wie die Schuppen von den Augen; bereits die Woche DAVOR hatte unser Vorgesetzter im Bereich Qualitätssicherung gesagt, es müssten alle drei Sauerstoffmessgeräte JEDE Woche gereinigt werden, auch, wenn wir davon nur eines benutzen. Auf unsere Frage dazu, woher wir die Zeit für diese recht langwierigen Reinigungen hernehmen sollen – den jeder von uns hat schon mehrere Hundert Überstunden – meinte er nur: „Das sei ihm scheißegal!“ Und jetzt, also vorgestern, war mir schlagartig klar, dass das genau die gleiche Mechanik ist, nach der Eichmann seine Todeszüge pünktlich fahren lies: Da ist keine Menschlichkeit. Kein Mensch hat etwas gegen Qualitätssicherung. Nur. Was bringt diese, wenn an der Lebensqualität des Menschen gespart wird, der diese ausführen muss? Da beißt sich der Hund doch in den Schwanz. Wieso überhaupt sind so viele Leute arbeitslos und die anderen sind ganz kaputt von den vielen Überstunden? Ach so, weil die Arbeitslosen so dumm sind… Ne. Das kann ich nicht glauben. Das wird uns nur eingeredet. Die anderen sind so dumm, du so klug, also arbeite dich kaputt: Das spart uns Kosten…

Auf jeden Fall. Den Eichmann- Vergleich mochte keiner von uns in der Arbeit. Er sei ihnen zu „arg“… Ich finde halt andere Dinge. Arg.

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Wir müssen Bier werden

Unterhalten sich zwei Bierbrauer.

1: „Mann, Mann, Mann, ich bin so fertig… Mir tut alles weh, ich kann nicht mehr… Ich bräuchte mal einen Tag Urlaub, aber geht natürlich gar nichts… Von ner WOCHE wage ich gar nicht zu träumen.“

2: „Warst du beim Meister?“

1: „Ja klar, da geht gar nichts…“

2: „Du gehst da auch mit der Voll-Kommen Falschen Perspektive ran. Du musst BIER werden!“

1: „Äh… Wie bitte?“

2: „Ist doch ganz einfach. Stehst du vorm Chef und sagst: „Hier. Aua. Blöd.“ Interessierst das natürlich keine Sau.“

1: „Aber wirklich auch gar keine Sau.“

2: „Stell dir aber mal vor, er ist er, und du bist ein Bier.“

1: „ÖH…“

2: „So isses. Er würde sagen: „Guten Tag liebes Bier, wie geht es dir denn heute?“ Und dann „Oh, du siehst aber trüb oder dünn aus, was ist denn mit dir los?“ Und sofort würde es LOS GEHEN! Er würde nachsehen ob du dich wohl fühlst. Stehst du unter zu viel Druck, oder zu wenig? Bist du sauer, lass doch mal den PH-Wert prüfen, Farbe.“

1: „Zwischen 8 und 10?“

2: „Den Unterschied sieht sowieso keiner. Weiter. „Ist dir zu kalt?“ „Bist du zu warm?“ „Brauchst du vielleicht ein wenig Ruhe? Sollen wir dich noch ein wenig lagern?“

1: „Gärt es etwa in dir? Bist du ein Jungspund?“

2: „Jetzt genau hast du es. Und wenn er dann anfängt alle möglichen biologischen Untersuchungen mit dir zu machen, holt es bestimmt ein Gerät um deine Gase zu kontrollieren, Alkohol, was weiß ich. Und weißt du was?“

1: „Hm?“

2: Sollte ihm der Wert nicht passen, wird er sogar ein ZWEITES Gerät anschleppen, weil: Das andere Gerät könnte ja defekt sein! So viel Zeit und Mühe wird er in dich investieren!“

1: „Dann würde er wohl noch nachsehen wo ich war. Ob ich mit dem Auto gefahren bin, wie viel da von mir reinpasst und würde die Nummernschilder checken.“

2: „Steht ja auch alles im Computer. Die totale Nachverfolgung, und wenn du so ein Bier wärst, würde auch noch JEDER Raum nach dir gereinigt oder sterilisiert werden.“

1: „Der Hammer. „Lass das Etikett hängen, Kleiner, das bekommen wir schon wieder hin.“

2: „Stimmt der Code auch mit dem Datum überein?“

1: „Und am Ende ist eh alles egal. Wert passt nicht? Na dann wirst du trotzdem verkauft: Merkt eh keiner.“

2: „So ist es. Wenn es dir also das nächst Mal schlecht geht, dann denk daran, dass du zum Bier werden musst, damit sich jemand für dich interessiert.“

1: „Jeder mag Bier. Also mag jeder mich.“

2: „Genau so ist es. Und wer kein Bier mag, mit dem stimmt was nicht.“

1: „Allzu viel besser fühle ich mich jetzt aber auch nicht…“
2: „So ist das halt im Kapitalismus. Um das Produkt geht es, nicht um Menschen.“

1: „Deswegen demonstrieren sie wohl auch gegen TITIP und CETA und nicht für die Menschlichkeit. Produktrechte werden ausgehandelt, keine Menschenrechte.“

2: „Kein Schwein interessiert es wie du dich fühlst: Außer du wirst zum Produkt.“
1: „Willkommen im Krankenhaus.“

Menschen sind gestorben für die 40 Stunden Woche.

„Schlief ich? Hatte ich geschlafen?“

 

Schon lange, schon viel zu lange bin ich nicht mehr zum Schreiben gekommen. Die Arbeit, dieser versuchte, Wochentägliche Selbstmord für Geld, hat mich daran gehindert. Jetzt habe ich gerade geschlafen gehabt. Hatte nämlich den „Not-Aus“ drücken müssen, nachdem der Körper nicht mehr konnte, da der Geist mich heute Nacht schon 2,5 Stunden vor Arbeitsbeginn wach geklingelt hatte. Wecksignal: Stress! Stress! Stress!

Und der Kopf so in einer Melange aus Halbschlaf, Wahn und Zielgerichtetheit überhaupt nicht mehr zumachen will.

 

Jetzt, nach der Schlaferei kaufte ich mir die neue „DJ Kicks“-Mix-CD von Moodymann und während sie gezogen wurde, hörte ich das oben eingebundene „Dance yourself clean“, geschrieben vom großen James Murphy, interpretiert von MS MR.

Wie ich da so sitze, beschädigt von dem sozialen Arbeitswahn den einen modernen Menschen die Festplatte von der Medulla Oblongata meißelt, und dem Vibe des Songs lausche, denke ich mir so, ganz Mitte dreißig und kaputt vom Erwachsenen-Leben: „Ja, ja. Sich selbst gesund schlafen…“ Vollkommen im Klaren darüber, dass es TANZEN heißt, nicht schlafen. Der Schlaf ist der Tanz der Nüchternen. Der Ausweg derer, die sich nicht mehr freitanzen können. Und eine kleine, gemeine, extrem dreckig fiese Traurigkeit überkommt mich.

Das Leben. Ein Tanz nach der  Melodie eines großen, kapitalistischen, weltumspannenden Gesamtorchesters, Sektion Deutschland. Untergruppe: Warsteiner. In der Kreisklasse hier, in der ich gerade lebe, bin ich selbst ein Stück des Sounds, der den ganzen Pop der Produktion am Laufen hält; viel zu klein um ein richtiges Geräusch zu sein, nur ein Hintergrundrauschen im großen Tamtam der Rhythmus-Sektion.

 

Meine Freundin hat gesagt: „Lass dich doch krankschreiben. Du musst nicht Alles selbst machen. Ist doch nicht dein Bier.“ Wahrheit. Aber sie versteht nicht diesen geheimen Schwur, diese ausgemachte Blödheit eines arbeitstätigen Mannes, dessen Unterbewusstes Tun für das Handeln des Kollektivs richtig und gut sein will, so wie der Jäger zu Beginn der Neuzeit, als wir noch in Höhlen lebten, sich mit seinen Arbeitskollegen daran machte das Mammut zu töten, um die Gesellschaf mit seinem Mitwirken zu ernähren, wohlwissend, dass er oder seine  Freunde bei diesem Wahn ein viel zu großes Tier zu Tode zu hetzen – bei seiner ARBEIT also – ums Leben kommen könnte. Nicht nur für dich und mich Schatz! Es geht um das große Ganze. Um das Team. In Wahrheit gehe ich doch für uns ALLE arbeiten/jagen, was auch immer. Denn die Selbstzerstörung ist ein Dienst an der Gesellschaft. Denn wenn sich jeder krankschreiben lassen würde wegen dem Stress, dann würde doch keiner mehr das Mammut  erlegen…

Oder irgend so ein Blödsinn den Mann sich einredet. Verdammt… Ich wollte doch  keine billigen Wortspiele mehr mit „Mann“ machen… Die deutsche Sprache  ist eh viel zu männlich geraten. Grüße an Thomas Meinecke von hier…

Auf jeden Fall hat das irgendwas mit „Ehre“, „Herdentrieb“ und einem vollkommen falsch verorteten Gefühl des Anstands zu tun, wenn man sich kaputt macht für den Lohn der Arbeit, der neben dem unsichtbaren Geld (wenn man es wenigstens noch in die Hände bekäme!) vor allem Hohn und Spott zu sein scheint. Denn merke dir, mein Freund: Niemand  wird jemals danke zu dir sagen. Außer er will etwas von dir – und das auch nur, wenn er gesellschaftlich auf dem gleichen Rang oder unter dir steht.

 

Ja. Tanzt euch selbst frei von der großen Melodie der Sklaventreiber. Nicht nur im Schlaf. Geht raus. Auf die Tanzflächen dieses Planeten.

Und lasst euch kräftig am Arsch lecken.

 

Und by-the-way und was ich schon lange einmal sagen wollte: Es sind Menschen gestorben für die 40 Stunden Woche. 

Das ist kein Spruch. Das ist die Wahrheit. Also lasst euch nicht ausnutzen.

 

 

 

Firmenphilosophie (Guerilla)

„Du bist ja ein Linker“, sagte mein Vater zu mir. Das war damals im Zug gewesen, als wir nach Stuttgart fuhren. Ich war kein Kind mehr, fühlte mich aber in weiten Strecken noch so – ich mit 15 fühlte sich damals viel kindlicher an, als heutige 15 Jährige auf mich wirken, ich war wohl das, was man einen geistigen Spätzünder nennt, am liebsten hätte ich wohl mein Leben lang nur mit Action-Figuren gespielt – und natürlich war ich schon oft mit dem Zug gefahren. Dennoch hatte ich vorher die Frage gestellt: „Wer fährt eigentlich schon in der ersten Klasse?“

Vater: „Leute die das Geld dazu haben. Und natürlich Firmenreisende. Die bekommen das von ihrem Unternehmen bezahlt.“

Ich: „Mhm. Ich dachte die bekommen Mietwagen oder so.“

„Das natürlich auch. Die Firma kann in gewissen Fällen sehr viel für einen guten Arbeiter springen lassen. Oft werden solche Kunden dann sogar von Fluggesellschaften oder so bevorzugt, weil sie wissen, dass es dort mehr Geld zu holen gibt als bei Otto-Normalverbraucher.“
Ich: „Verstehe ich nicht.“

„Was gibt es denn daran nicht zu verstehen?“

„Tja. Ich meine. Kunden sind doch wohl Beide. Der normale Otto und der, der auf Firmenkosten reist. Warum werden dann die Firmentypen bevorzugt? Ist Ottos Wert und Geld denn weniger wert?“
„Da geht es nur um das Geld. Firmen haben nun einmal mehr Geld als Privatleute. Deswegen hoffieren sie die.“

„Ja… Aber ohne das Geld was die normalen Ottos in die Firmen stecken, also wenn die was kaufen oder irgendwas in Auftrag geben, haben diese Firmen doch gar kein Geld. Am Anfang steht doch immer der kleine Mann. Wieso wird der dann nachteilig behandelt?“

„Na weil der nicht so viel zahlen kann wie eine große Firma. Deswegen hat man zum Beispiel vor Bosch und Siemens mehr Respekt als vor einem Herr Schmidt.“
„Aber ohne den Herren Schmidt der die Produkte von Bosch kauft, gibt es Bosch doch gar nicht! Wieso haben die dann weniger Respekt vor dem Herr Schmidt? Mit dem fängt doch alles an und hört alles auf! Menschen gibt es schließlich auch ohne Firmen, aber die Firmen nicht ohne die Menschen.“

„Oh je… Mein Sohn ist ein Linker.“

„Bin ich das?“

War ich das?

Das mit DEM Linken habe ich damals nicht verstanden. Dafür war ich zu jung. Und auch Jahre später zerbrach ich mir den Kopf darüber, ob mein Vater, wenn er eben kein Linker ist, ein Rechter sei; Nazis sind jetzt ja auch nicht gerade dafür bekannt große Kapitalisten zu sein… Nein. Ja. Ich bin im Prinzip genau das, was mein Vater auch schon damals war, ein konservativer Mensch, nur bedeutet „konservativ“ für mich nicht gegen der Fortschritt und intolerant zu sein, sondern sich an gewissen Werten zu orientieren. Ganz vorne dabei: Der Humanismus. Was kann den falsch daran sein, Humanist zu sein?

Auch heute empfinde ich es noch als sehr unfair, wenn Firmenangehörige mir irgendwo vorgezogen werden. Business vor Economy-Class. Wieso ist das so?

Das Kapital ist schuld. Natürlich.

Es ist nicht humanistisch und orientiert sich an keinen gesellschaftlichen, sondern an Markt-Werten. Um das Kapital zu erwirtschaften verfolgt jedes Unternehmen eine eigene, wenn auch oft zu anderen Unternehmen identische, Firmenphilosophie – ich finde alleine schon das Wort geil, da sich darin ausdrückt, dass das mit den einzelnen Menschen die dort arbeiten, oft nichts zu tun hat. Es ist die Philosophie der Firma. Aha. Kann denn eine Kapitalistische Wertegemeinschaft philosophisch sein? Und wenn ja, darf solch eine Firmenphilosophie über dem Humanismus stehen? Denn diese „Vision“ einer Firma die in ihrer Philosophie zum Tragen kommt, orientiert sich am Kapital, nicht am Menschen, denn das zu erwirtschaftende Kapital ist der Grund für den Erhalt dieser Wertegemeinschaft und fordert es heraus, andere Leute, die nicht Teil dieses Unternehmens sind, wenn nicht gleich zu schaden, so doch zu benachteiligen um den Umsatz oder gleich den Gewinn eines Unternehmens im Gegensatz zur Konkurrenz zu vergrößern. Eh klar…

Ich finde nur, dass keine Wertegemeinschaft über einer anderen stehen sollte. Sei es eine Firma, eine Religion oder auch nur ein Fußballverein. Es sollte nichts per se BESSERES geben, auch wenn die Meinungen darüber was zu bevorzugen ist, natürlich unterschiedlich ausfallen und Jedem selbst überlassen sind.

Man kann doch nicht die „Identität“ einer Firma, Religion oder eines Staates (wie die Philosophie hier auch genannt wird) über die reale Identität von Menschen stellen. Und doch ist es so: Firmen sind mehr wert als Menschen. Sie gehen über Leichen, für den Profit.

Ja. Für mich ist ein Kunde ein Kunde. Und ein Bürger ein Bürger. Jeder ist gleich. Niemand ist gleicher. Selbstverständlich hat jeder andere Talente und/oder Vorfahren und je nachdem andere finanzielle Möglichkeiten; das ist in Ordnung. Nur für mein Befinden sollten Geschäftsreisende und – kunden keine Privilegien genießen.

Das mag daran liegen, dass ich ein Kinder der 80ger bin, wo die Menschen noch brav und in Reihe in der Post an Schaltern anstanden und einfach warten mussten, bis sie an der Reihe waren. Das war doch ein gutes System. Nervig, doch demokratisch.

Alleine schon die Macht sich über das System des Schlagestehens hinwegzusetzen zu können, zeigt eine Schieflage der Gesellschaft an sich an: „Ich kann etwas, was du nicht kannst. Ich bin besser als du.“

Bist du das?

Wie war das noch einmal mit der verfassungsrechtlich garantierten Würde? Kann man diese Würde erwirtschaften? Wirklich?

So in etwa war meine Grundhaltung, als ich die Guerilla-Schneiderin kennenlernte.

Wie die Bild-Zeitung aus schlechter Presse vermeintlich gute macht

Die Bild-Zeitung ist ein Propaganda-Organ – weiß jeder, ist nichts Neues und doch ist es immer wieder einen Blog-Eintrag wert, solange Springer gegen Menschen hetzt.

Vorgestern erschien also die „Bild-Zeitung“ ohne Bilder, als Reaktion der Redaktion auf die Kritik über das Abdrucken des Fotos über das tote Flüchtlingskind am Strand – jeder kennt das Foto inzwischen.

Ich selbst fand das Bild nicht so wild. Klar, es ist hat Symbol-Wirkung und steht für vieles was falsch läuft in dieser Welt (nicht nur die Flüchtlingspolitik Europas, da kommen auch noch andere Faktoren dazu), nur passieren leider überall auf der Welt weitgrausamere Dinge, nicht nur gegen viele wehrlose Kinder, sondern gegen noch mehr wehrlose Menschen an sich.

BILD hat das ganze Propaganda-mäßig ausgenutzt und sich in der Debatte zum Opfer stilisiert – das muss man auch erst einmal hinbekommen. Jetzt wirklich. Aus einem toten Kind eine verdrehte Image-Kampagne für sich selbst zu deichseln: Muss man a) erst einmal können und b) auch die Unverschämtheit dazu haben.

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Einen Tag später druckte die Bild-Zeitung in ihrer nächsten Ausgabe die Ausgabe vom Vortag noch einmal mit Bildern ab, im Mini-Format, mit tollen und stets pro-Bild Kommentaren von vermeintlichen Lesern dazu, dass man doch BILDER braucht für so eine BILD-Zeitung; da wird einem gleich richtig schlecht wenn man die Leute da sieht und hört, die sich für Bilder in einer Zeitung aussprechen, wobei jedem (ich wiederhole JEDEM) klar ist, dass es nicht um Fotos an sich geht, sondern um den Rücksichtsvollen Umgang damit.

(Meiner Meinung nach sollten viel mehr schockierende Bilder abgedruckt werden, das nur so nebenbei)

BILD hat also mal wieder die Bedeutung auf den Kopf gestellt und macht sich damit über die Intelligenz ihrer Leser lustig. Es verspottet sie sogar, denn so blöd ist nun hoffentlich keiner um darauf hereinzufallen.

Noch schlimmer wird es, wenn man sich das Foto von mir genau ansieht: Die Bild-Zeitung ohne Bilder, ist nämlich nicht ohne Bilder. Die Werbung haben die Herrenmenschen schön abgedruckt. Was zeigt: Am Ende geht es nicht um Pressefreiheit, um vorgetäuschte Demokratie oder der Anwalt des kleinen Mannes zu sein. Ums Geld geht´s. Natürlich. Und das spucken sie den Leuten auch noch ins Gesicht.

Soweit nur ganz kurz, das hat mich jetzt richtig geärgert. Wie dreist das ist. Ich muss weiter

Wo Schönheit regiert, regiert der Faschismus

Alles muss gut aussehen. Besser: Alles muss richtig aussehen. Wer sagt das? Ich sage das, denn ich bin der kleine Mann in deinem Kopf, der Spion, den die Außenwelt in deine Vernunft gepflanzt hat. Dank Film, TV und vor allem Werbung (mein ewiges Thema) sind wir so indoktriniert worden, dass die Welt in ein gewisses Raster passen muss, sonst nehmen wir sie nicht ernst. Das beginnt beim sich stetig ändernden Schönheitsideal der Mode und geht weiter über die Politik und deren „Fortsetzung mit anderen Mitteln“, was auch ein Grund ist, weswegen manche unserer Mitmenschen es zum Beispiel es den bei uns hilfesuchenden Asylanten ganz rot und schlecht ankreiden, wenn sie ein neues Handy besitzen, womit sie zuhause im Krieg anrufen; besser wäre es für mich, den kleinen Mann im Kopf, hätten diese schwarzen Asylanten noch zerrissene Klamotten an und Handys, die Nokia einstmals in Bochum produziert hat. Das würde in mein Weltbild passen.

Sind solche Vorstellungen von Flüchtlingen und deren Mobilfunkgeräten dumm? Finde ich jetzt gar nicht, denn unsere Meinungen und unser Verständnis über Bilder und deren Aussagenkraft, ihrer Funktion, wurden uns Jahrzehntelang in die Innenseite unseres Schädels gemeißelt, ironischer weise von den ganzen Hilfsorganisationen die um unsere Spenden oder sogar um eine Patenschaft für schwarze Kinder mit aufgeblähten Bäuchen und mit Fliegen im Gesicht geworben haben. Jetzt sind diese Kinder plötzlich groß geworden, laufen hier über die Straße, und haben statt Fliegen im Gesicht ein nagelneues Smartphone am Ohr. Die Gutmenschenmedien kommen dann schnell mit einer Neid-Debatte daher (was teilweise stimmt), übersehen dabei aber auch gerne die Macht der Bilder, deren sie sich selbst bedienen.

Die Medien sind in einer Medienwelt selbstverständlich Teil des Problems. Einerseits wollen sie informieren und (leider) auch unterhalten, andererseits müssen sie auch mit anderen Medien um Aufmerksamkeit konkurrieren und geben dabei ihre „Ideale“ auf – für viele Kritiker der Medienlandschaft wird der Begriff „Ideal“ ohnehin nur noch ironisch verwendet. Wie bindet man also die Aufmerksamkeit der Zuschauer (Konsumenten) am besten an einen Beitrag? Genau, mit den Klischees von Worten und Bilder, idealerweise noch mit Über- oder Extraklischees, d.h. mit reißerischen Bildern – und mit einer Prise Sex und Humor. Das kann man jetzt einfach nur verteufeln und ablehnen, okay, dennoch hat die Berichterstattung durch die Medien eine gewisse Vorbildfunktion für unser Denken. Denn. Siehe oben. Die Art wie etwas gezeigt wird indoktriniert unser Verständnis davon, wie die Welt zu funktionieren hat.

Für manche ist das so schlimm, dass sie sich „alternative Medien“ suchen die zwar neue Denkansätze verfolgen, leider aber immer noch schlimmer politisch verortet und Klischee beladener sind, als all die „Mainstream-Medien“. Hier wird RICHTIG Meinung gemacht.

„Propaganda“ ist kein Kriegsbegriff mehr. Er ist ein Dauerzustand. Deswegen gibt es zu jeder Nachricht im Jahr 2015 eine oder gleich mehrere „alternative Sichtweisen“ auf den gleichen Bericht. Im Prinzip ist das eine gute Sache, denn es hat auch eine demokratische Komponente. Das Problem ist nur dass der Hauptteil der Propaganda nicht „vom Volke“ ausgeht, sondern von der Wirtschaft. Wir leben in einer kapitalistischen Welt die nach kapitalistischen Regeln funktioniert. Der, der das Geld hat (also nicht mehr DER Einzelne, sondern DIE Unternehmen) hat die Macht über die Bilder. Ein hohes Gut wie ich hier behaupte. Denn die Propaganda der Bilder, der schönen heilen (gar nicht neuen) Welt oder der Hölle auf Erden, kommt schließlich doch immer beim Volke an – und dem wird Angst gemacht. Angst vor der Zukunft. Und es ist genau diese Angst, die die Menschen mit Fremdenhass auf die Straße treibt oder sich in ihren Wohnungen oder auf ihren Partys und Urlauben einsperren lässt, wo sie auf Facebook einen „geilen Ausnahmezustand“ feiern und markieren, den es nur in ihrer Wahrnehmungsblase gibt. Denn wir sind Getriebene der Bilder. Wir fliehen vor ihnen in den Konsum um uns selbst einzureden, dass es gar nicht so schlimm ist.

Das die Politik sich schon längst an die Wirtschaft verkauft hat ist eine gängige Floskel. Denn ansonsten würde „unsere Kanzlerin“ sich auch zu den großen Themen bekenne und die Probleme „anpacken“. Zur Flüchtlingsproblematik hört man von ihr aber fast gar nichts. Nur dass die Rüstungsexporte mal wieder gestiegen sind und damit (über kurz oder lang) noch mehr Flüchtlinge nach Europa getrieben werden – und Europa ist unser aller Problem. Das sollten wir inzwischen verstanden haben. Da ist es natürlich leichter auf die Bilder der bösen Nazi-Demonstranten zu schimpfen und bei ihnen das Problem abzuladen, anstatt zu sagen, „Ja, na ja… Wenn wir weniger Waffen verkaufen, kommen wohl auch weniger Flüchtlinge zu uns, kostet halt Arbeitsplätze“. Und den Verlust von Arbeitsplätzen kann sich kein Politiker leisten. Arbeitsplätze sind seine goldene Währung zur Wiederwahl. Wir sind soweit gekommen, dass der Arbeitsplatz selbst zum Erhalt des Systems in dem wir leben nicht nur beiträgt, nein, er erhält das System. Was wäre eigentlich wenn die Leute in der Masse sagen würden: „Ich unterstütze mit meiner Arbeitskraft dieses System nicht mehr!“ und sie würden die Arbeit niederlegen? Das wäre doch die wahre Revolution in einem kapitalistischen System; dem Kapitalismus zu entsagen.

Natürlich und leider macht das keiner. Wir kennen ja die Bilder aus dem Assi-TV – so wollen wir nicht enden. Wir wollen unser „schönes Leben“, wollen uns Dinge leisten können wie, Kleidung, Urlaube, Partys, Drogen, Smartphones, Play Stations, Autos, oder auch nur um so viel essen zu können wie wir wollen. Verhungern müsste bei uns aber eigentlich keiner. Nur ist die Angst vor dem sozialen Abstieg eine der größten Hysterien, die in Deutschland umgehen. Ich kann das natürlich auch verstehen. Bin ja selbst ein Sicherheitsfanatiker. Und der Witz an der Geschichte ist ohnehin, dass immer mehr Menschen sowieso aus dem System Arbeit ausgeschlossen werden, da wir an einem Punkt angekommen sind, in dem das Geld seltsamerweise gar keine Arbeitskräfte mehr benötigt um sich selbst zu erwirtschaften… Deutschland ist keine Insel mehr. Und eine globale Revolte gegen den Kapitalismus wird es nicht geben. Denn während es uns gut genug geht um zu revoltieren, geht es anderen schlecht genug, um sich gerne in dieses System zu begeben und unseren Platz einzunehmen.

Hups.
Manche Texte flutschen einem ein wenig durch die Finger. Ich hatte vor, mehr über die Ästhetik der Bilder zu schreiben, wie wir abhängig sind von Vorgaben. Was schön ist. Und was nicht. Und was alleine durch seinen Look einen höheren Wert besitzt als Dinge die zwar nicht „schlechter verarbeitet sind“, nein, die einfach nur ein schlichteres Design besitzen, innerlich wie äußerlich. Von Menschen, die ihr Leben lang einsam und schlecht gefickt bleiben, nur weil sie nicht so aussehen wie unsere Photoshop-Schönheiten oder unsere Fernsehsternchen, die vor ihren Aufnahmen stundenlang an einem Ort verweilen, den man nicht umsonst die „Maske“ nennt…

Ja. Die Bilder nehmen uns unsere Phantasie. Sei es im Kino („das ist aber schlecht animiert“ – was so viel heißt wie: „Das glaube ich nicht“) oder auf der so genannten Straße, im Job, im Bett, im so genannten EIGENheim…
Die Bilder nehmen uns die Träume. Denn dort wo Schönheit regiert, regiert der Faschismus.