Kokain beendet zuverlässig jeden LSD-Trip

1: Du magst echt keinen der Marvel Filme? Da gibt´s aber echt Qualitätsunterschiede.

2: Am Anfang fand ich das auch ganz nett. Aber es ist halt Unterhaltung für Teenager.

1: Hm. Na ja. Ich fühl mich mit 44 auch durchaus noch angesprochen.

Was will man darauf antworten? Bei solchen Themen nagt so viel an mir. Wieso mögen wir es wie Teenager abgespeist und behandelt zu werden? Weshalb werden das „Erwachsenwerden“ und die damit verbundene Zeit so überschätzt? Ich will mich selbst nicht wie einen Teenager behandeln.

Jetzt aber mal langsam Fleming. Gerade du. Der große Manga-Leser und Keine-Kinder-Haber. Der ehemalige Drogen-Typ mit dem Peter-Pan-Roman. Was weißt du schon über das Erwachsen sein? Das ist ein Punkt. Aber ich will mich halt auch nicht füllen als sei ich für dumm verkauft worden. Und Marvel-Filme sind für mich genau das. Das sind nur Achterbahnfahrten. Zirkus-Attraktionen. Kleinste gemeinsame Nenner. Bei denen jeder ohne große Mühe „mit kann“. Waren die nicht immer das Schlimmste gewesen? Diese Dinge, auf die sich alle einigen konnten? Das ist wie „Deichkind“. „Die Ärzte“. Oder „Herr der Ringe“. Niederste Instinkte werden befriedigt. Banalste Triebabfuhr. Degeneration der Ansprüche. Von 9 bis 99. Die nie versiegende Lust auf Nutella auf dem Brot…

Irgendwo habe ich in den letzten Wochen einen Text darüber gelesen, dass es ein Irrtum sei dass es Routine geworden ist das jede Generation von Jugendlichen gegen ihre Eltern rebelliert. Die einzig wirkliche Generation der Revolution war die der 68ger gegen ihre Eltern. Das muss man ihnen zugestehen. Auch wenn diese Revolution grandios scheiterte. Was danach kam waren nur kleine rebellische Phase: Punk. Metal. Techno. Das waren nur Pop-Zitate des Urgedankens. Und wenn der Jugendliche dann doch nicht mit dem Leben klar kam, hat man lieber schnell Mama und Papa um Rat gefragt, was man am besten tun soll um diese und jene Situation zu meistern. Die Eltern als Vermögensberater der eigenen Möglichkeiten. Nur die Träume werden immer weiter geträumt. Der Traum von der ewigen Jugend. Den Papa, Mama und Tochter/Sohn kollektiv und Händchenhaltend bis an ihr Lebensende träumen und glorifizieren: Ja, wir sind die Macht, wir sind die Jugend… Wir sind das Beste aus beiden Welten: Jung und alt in einem Körper vereint…

Und glauben weiter an die Supermänner. Und glauben dass es schon eine Form von Fortschritt ist, wenn wir nun auch Superfrauen glauben dürfen. Die uns Alle retten… Während die Überbevölkerung und der Klimawindel uns langsam ausrotten. Wie eine Lawine. Die sich verzagt und müßig in Bewegung setzt. Um am Ende alles unter sich zu be….

Letzte Woche war ich bei meinem Freund. Wir nahmen LSD. Lagen total breit auf seinem Kanapee herum und sahen uns Filme an. Irgendwann dachte ich, ich müsse nachhause. Ich begann Cola zu Trinken. Zuckerhaltige Getränke helfen es einem den LSD-Film zu beenden. Der Grund dafür war, dass ich keine Lust darauf hatte alleine daheim verplant in der Gegend herum zu denken. Mein Freund bot mit eine Line Kokain an. „Koks beendet zuverlässig jeden LSD-Trip“, erklärte er mir. Und er hatte Recht. Ich war sofort runter von der psychedelischen Droge. Koks schlägt LSD. Was sagt das über die Hippies aus? Über die Träume? Über Mama. Papa. Über deine Tochter. Über uns?

Advertisements

Juicy Beats Festival im Dortmunder Westfalenpark – Rückblick 2017

Was sind die Dortmunder nur für Proleten? Auf der Hinfahrt im RE hatte ich ehrlich das Gefühl, dass die Proletisierung des Abendlandes im Ruhrgebiet vor ihrer Vollendung steht. So eine Aussage ist vor allem eines: Ziemlich unfair. Besonders wenn man wie ich ein Fan des BVBs ist und es (fast) die gleichen Leute sind, die den Verein mit ihrer Verve nach vorne peitschen. Wie hätte es der Herr denn nun gerne? Es war aber auch wirklich furchtbar mit diesen ganzen Jugendlichen und ihren Mischgetränken nach Dortmund rein zu fahren. Lauter dicke Frauen mit Blumen in den Haaren. Und die üblichen Dortmunder Discopumper. Nicht dass ich was gegen beleibtere Frauen und ihre Assis hätte. Nur so komprimiert in einem engen Raum. Mit Boxen an und volle Röhre Chart-Musik: Anstrengend.

Auf dem Festival selbst gab es nur an der Hauptbühne eine große Proletendichte. Dort. Wo der moderne Hip-Hop graust. Ja ja. Ich bin ein alter Mann. Doch das ändert nichts daran, dass die Herren von RAF Camora keinen Flow haben. Das konnte man sich ja gar nicht anhören. Obwohl ich mit deutsch oder anderssprachigem Hip-Hop nichts anfangen kann, war ich schon auf einigen Hip-Hop-Konzerten. Und deswegen mute ich mir auch das Urteil zu, dass die Jungs zwar nicht rappen können, die Menge aber ganz gut bespaßt haben.

Wir waren eh nur wegen Bilderbuch da. Die kamen da gleich am Anschluss. Zwar wollte ich auch Sinkane hören, leider sagten die ein paar Wochen vorher alle Auftritte in Europa ab, ohne einen Grund zu nennen. Also musste Bilderbuch es richten. Und sie waren ziemlich gut. Die Combo hat eh ihren ganz eigenen Stil, so irgendwo zwischen Pop, Hip-Hop und Disco, der zur Zeit ziemlich einzigartig ist. Nicht zu vergessen diesen besonderen Charme den die Österreicher nicht nur auf Platte versprühen, sondern auch bei ihren Live-Auftritten. Eine Stunde Bilderbuch hat Spaß gemacht – gleich Karten für die nächste Club-Tour gekauft. Sie spielten alle ihre Hits. Wir schmoften und tanzten da so herum. Auf dem Hügel. Abseits der Meute. Lachten. Stießen an. „Frinks!“ Maurice ist einfach ein super Frontmann. Und diese Gitarre dazu: Weltklasse.

Das „Juicy Beats“ wird im Westfalenpark in Dortmund abgehalten. Ich war da auch schon mal so, absolut geniale Location. Mit fast schon unzähligen Bühnen auf den tausenden Quadratmetern. Dutzenden Fressbuden und Bars. Ein absolutes Big-Event. Wenn nur. Leider leider leider. Das typischste aller Festival-Probleme nicht gewesen wäre: Zu wenig Toiletten. Als Mann konnte man natürlich an jeden Busch gehen. Als Frau hatte man da richtig ein Problem. Eine halbe Stunde (!) für einen Toiletten-Besuch anstehen geht halt leider gar nicht. Und ich habe und hatte noch nie ein Problem wenn die Damen auch die Männer-Häuserl benutzen. Nur wenn die besoffen Tussis einem bei der Gelegenheit auf den pissenden Schwanz starren und sich dann mit ihren Freundinnen darüber unterhalten, ist das einfach nur – siehe oben – absolut asozial.

Ansonsten war es ein schöner Festival-Tag. Auf der Second-Stage spielten die Mights Oaks ihren Indie-Kram. Ich ging dann aber doch lieber zum Kitt-Ball-Floor. Da legte nämlich Dirty Doering auf. Und dass sehr gut. Der Kater-Mukke-Betreiber haute ein sehr tanzbares, kickendes Set raus. Schön mit House so zwischen drin. Nicht zu hart. Aber auch nicht zu egal. Das hat mir seit langer Zeit wieder Spaß beim Tanzen bereitet. Und dort in der Nähe gab es auch Jägermeister. Sehr schön.

Wir blieben nicht allzu lange auf dem Festival (es war der letzte Urlaubstag) und so hörten wir uns auf der Second Stage noch „Alle Farben“ an. Als altes Techno-Urgestein hatte ich gleich gar keine Probleme mit seinem „Electro“-Set (wenn man es denn so nennen will. Oder Deep House… Das war einfach nur House). Kommerziell. Okay. Aber doch nicht mit zu viel Törööö oder sich aneinander reihenden Drops. Hat mich an den Sound von Low Spirit aus den Nuller Jahren erinnert. Mir doch egal wie viel Milliarden Klicks der mit seinem Radiogedudel der „Alle Farben“ auf Youtube hat. Uns. Hat es Spaß gemacht. Ganz ohne Kulturkampf.

Uns entging dann noch Lari Luke a.k.a. Larissa Rieß. Die hätte ich mir gerne auf dem Silent-Floor angehört. So mit Kopfhörern. Das wäre sicherlich lustig gewesen, wenn der alte Herr nicht schon viel zu platt gewesen wäre.

War eine okayne Party mit wirklich viel zu vielen überall verstreuten Bühnen. Mit zu viel Proleten auf und an der Hauptbühne. Aber was soll es? War ein guter Tag. Heja BVB.

Und ich fand es lustig dass es nur Schwarze waren die dort mit Rucksack Bier verkauften. Da wurden endlich mal neue Klischees geboren. Nette Jungs.

Wenn die Tiere aufhören zu sprechen

Was machen Kindern wenn sie spielen? Sie trainieren es erwachsen zu sein. Zwar macht ihnen ihr Spiel Spaß und es unterhält sie, doch sie loten auch die Realität aus. Noch können Tiere sprechen. Noch können Menschen fliegen. Noch sind Männer stärker als Frauen. Aber nach und nach drängt sich immer mehr der erlebte Alltag, immer mehr Wirklichkeit in ihr Spiel. Die Traumwelt wird realistisch.

Sind die Kinder dann alt genug, hören sie auf zu spielen. Auch ihr Umfeld sagt: Jetzt ist Schluss mit der Spielerei. Dafür bist du zu alt. Jetzt kommt der Ernst des Lebens. Genug trainiert also. Schluss mit den Träumen. Und setz das um was du gelernt hast: Ein Mensch der Gegenwart zu sein. Und das bedeutet  nur noch Spiele zu spielen, die unterhalten, die aber jegliche Form von Traum verbieten. Träume lernen nicht fliegen. Im Gegenteil.

Wir müssen aufhören die Kindheit und die Jugend zu idealisieren.

Das ewige Leben

Ich habe mir gestern den Film „Das ewige Leben“ mit Josef Hader angesehen, ganz, obwohl ich nur die Anfangssequenz sehen wollte. Der vierte Film um Simon Brenner (gespielt von Josef Hader) beginnt damit, dass der Brenner am Bodensatz der Gesellschaft angekommen ist. Er ist seit Jahren arbeitslos, ist nicht mehr sozialversichert, hat kaum Anspruch auf Rente und ist selbstverständlich finanziell total abgebrannt. Familie hat er auch keine die sich um ihn kümmern könnte, doch beim Thema „Familie“ erinnert er sich an ein altes Haus welches er geerbt hat, in Graz, zu welchem er in der erwähnten Eröffnungsszene mit dem Zug fährt.

Es schüttet wie aus Kübeln und als der bis auf die Knochen durchnässte Brenner das Häuschen erreicht, hat dieses ein Loch im Dach (durch das es natürlich hineinregnet) und keinen Strom. Er setzt sich an den dunklen Küchentisch, blickt ins Nirgendwo, und setzt dann, um im Haus wenigstens etwas gegen die Kälte zu unternehmen, seine Wintermütze auf. Dann wird der Titel des Filmes eingeblendet, quasi als Kommentar zur Szene: „Das ewige Leben“.

Dieses Bild fand ich schon damals im Kino ungeheuer traurig und stark.

Gestern fragte ich mich, wieso wir das überhaupt wollen: Ewig Leben. Denn unterbewusst leben wir so, als würden wir es ewig können, dieses leben,  auch wenn wir es vielleicht gar nicht bewusst wollen. Alle wollen krampfhaft lange leben, ganz egal wie lebenswert dieses Hiersein überhaupt ist. Oder ob es. Sich dabei nicht eher um einen Fluch handelt. Dieses scheinbar ewige Leben.

Wenn man jung ist hält man sich für unsterblich. Man denkt nicht allzu viel über die Zukunft nach und geht an seine Körperlichen und Physischen Grenzen, ohne Gnade und Rücksicht auf sich selbst; man nimmt die Verluste gerne in Kauf. Wenigstens war das in meiner Jugend so. Vielleicht war das noch eine andere Generation. Keine Ahnung. Oberflächlich wird heute auf jeden Fall viel mehr vernünftelt.

Die Zukunft und die mit ihr verbundenen Probleme sind weit entfernt und man denkt recht wenig an die unterschwelligen Ergebnisse seines Handelns. Zwar habe ich immer gewusst, dass mein Tun Konsequenzen haben würde, richtig geglaubt habe ich es aber nie. Wer wollte schon ernsthaft 50 werden?

Am liebsten wäre ich einfach mit 27 tot umgefallen. Ein finaler Schlag gegen mich Selbst, oder anders ausgedrückt: Die Erlösung.

Dieses Feeling von damals hing damit zusammen, dass ich mit mir und meinem Leben unglücklich war und ich es mir schwer mit allen möglichen Mitteln „besorgte“, um die Trauer und den Schmerz zu überspielen, nicht das Leben zu leben, das ich gerne hätte. Unterbewusst wollte ich vielleicht gar nicht mehr leben, auf jeden Fall (und ganz sicher) nicht ewig. Das Leben läuft in Wellen ab, in Phasen, und das ist kein Geheimnis. Irgendwie weiß das jeder, dass es gute und schlechte Tage gibt, sehen und verstehen will das dann aber auch irgendwie kaum jemand. Bist du in einer schlechten Phase, glaubst du, dass es nie wieder besser werden kann, und auch in guten Zeiten bist du blind für das Unglück, welches vielleicht schon vor deiner Türe steht. Ich wusste nie wo ich in 5 Jahren bin.

Die Freunde um mich herum bekamen Kinder, finanzierten Häuser, bauten sich ein bürgerliches Leben auf, und ich blieb immer 20 Jahre alt und goss die Kübel meines Daseins achtlos ins Nichts. Was für eine überschwänglich gute und sorglose Zeit, und doch: Was für eine Verschwendung.

Jetzt sitze ich da, mit meinem abgenutzten Körper und schon jetzt mit den Folgen meines Tuns (kaputter Rücken, meine nervöse, unausgeglichene Art) und will mich gar nicht mehr verschwenden, sondern im Gegenteil, alles festhalten und gutmachen, was ich verschwendet habe, nur leider kann man ausgeschüttetes Wasser nicht mehr mit den Händen zurück in den Eimer kratzen.

Mir tut es nicht leid was ich 13 Jahre meines Lebens getan habe, ich würde es aber gerne anders gemacht haben, schonender, angenehmer, für mich und für die Menschen, die mich heute ertragen müssen. Die Zeit kann man aber nicht umkehren. Wohl aber kann man daran arbeiten.

Ich sehne mich nach der bürgerlichen (wenn auch nicht gleich konservativen) Ruhe die ich so lange so sehr abgelehnt habe und freue mich auf ein besseres, geordneteres Leben. Ironie, Ironie. Nun wo ich schon lange, aber immer noch glücklich, verliebt bin, will ich plötzlich ewig leben. Und spüre doch jeden Tag auf eine andere Weise, dass das nicht der Fall sein wird.

Das Leben ist Fluch und Glück zugleich. Und man braucht jemanden im Leben, um das eigene Dasein in den koordinationslosen Gewässern der Möglichkeiten auf Kurs zu halten. Das Leben braucht einen konstanten Sinn. Denn egal was für überbordende Erfahrungen du einmal gemacht hast. Du kannst sie doch nicht mitnehmen. In das Später. Wenn du alt, greise und wund an deinem Küchentisch sitzt und das scheinbar ewige Leben als Last, oder aber als schöne Offenbarung erlebst. Denn auch in Zukunft zählt nur das JETZT, und ob es lebenswert ist. Genauso wie mit und vor 20 Jahren. Nur gab es damals eine Gegenwart ohne Vergangenheit. Heute und in Zukunft wird es nur eine Gegenwart durch Vergangenheit geben. Und ich freue mich darauf. Und bin dankbar, dass der Zug noch nicht abgefahren.

Und zum Glück.

Will ich immer noch nicht so sein, wie die anderen.

Discopumper

Sieht man sich die heutigen männlichen Jugendlichen auf einem „Rave“ (Unwort) an, sehen sie aus wie aufpumpte, überstylte, homosexuelle Proleten-Langweiler aus den 90gern.

Es ist fast so, als hätten sich die Stylisten der Gegenwart, die Gogo-Tänzer aus alten Love Parade Umzügen als Vorbild genommen, um der Jugend von heute ein Idealbild von Männlichkeit vorzugaukeln, um zu sagen: So hat man auszusehen. Leider wurden diese „Parade-Menschen“ in den 90gern vom Fernsehen dafür bezahlt um so auszusehen, und so sehen die Jungen heute aus: Wie vom Fernsehen gekauft. Von RTL 2.
Und wie es so will hat die Jugend für sich selbst einen ironischen Begriff parat: Discopumper. (sprich Jugendliche/Männer, die nur ins Fitness-Studio gehen um ihre Muskeln für die Disco aufzupumpen)

Homosexualität ist nichts Besonderes mehr, gut so! Die Rechte wurden hart erkämpft und schwer verdient. Und kaum jemand würde heute noch den heilsamen und kreativen Einfluss von queerer Mode und Lebens-Stil auf unsere Gesellschaft leugnen. Wieso aber muss man als Hetero sämtliche männliche Attribute über Bord werfen und diesem queeren Chick huldigen? Wieso will man überhaupt wie ein „Berlin – Tag & Nacht“-Prolet aussehen?
Oder anders gefragt: Wenn man schon Vorbilder braucht um sein Ego zu definieren (haha), wieso sucht man sich keine richtigen?

Es geht nicht darum als Mann wieder mehr Macho zu sein. Das ist zu kurz gedacht. Männer sind mehr als nur Weicheier oder Machos, ganz egal was dir dein Testosteron einflüstert.
Männer sollten komplett sein.

Das Problem mit den Discopumpern ist leider, dass sie sich stylen wie Homosexuelle, und sich dabei fühlen wie Machos, ja, Homosexuelle nicht einmal als Menschen zweiter Klasse durchgehen lassen und verspotten, wenn auch nicht mehr so krass wie ihre großen Brüder davor… Die Verpackung ist mal wieder nicht der Inhalt.

Der Look von Männer und Frauen wird sich immer ähnlicher. Das finde ich im Prinzip sehr gut. Wieso aber muss das Mittelding zwischen Mann und Frau die gestylte Schlampe sein – und nicht ein Hybrid mit Stil und Klasse?
Ihr tragt Esprit – habt aber keinen…

Fitness ist ne gute Sache. Man sollte aber nicht nur Gewichte stemmen, sondern auch ein paar Bücher. Hört doch mal ein paar Hörbücher auf dem Stepper…

Die Melancholie der Jugend

Sie waren im Auto unterwegs gewesen, im BMW, und auch wenn damals schon ein BMW eindeutig kein Opel war, muss man sich vorstellen wie noch krass unbequemer damals das lange Reisen mit Kindern in einem Automobil war, auch, wenn der Vater am Lenkrad (natürlich der Vater, wer sonst?) das Gefühl hatte, er würde ein hochluxuriöses Auto lenken, welches all das verkörperte was der deutsche Mensch an Ingenieurskunst aufbringen konnte; in dieser Gegenwart fuhr der Vater den Wagen, der an der Spitze der damaligen Möglichkeiten stand. Heute. Wenn ich den Wagen sehe. Sehe ich nur ein altes unbequemes Auto. Ohne große Extras. Die Möglichkeiten überaltern sich ganz einfach mit den Jahren, denn es gibt kein Sättigungsgefühl in der Evolution. Nur der Vater fühlte sich in diesem Moment gesättigt, auf der Höhe seiner Wünsche angekommen. Neben ihm seine hübsche Frau. Hinten: Die Kinder.

Es war noch die Zeit in der sich die Mittelschicht ein wenig wie der kleine Bruder der Oberschicht fühlen konnte und Familien den Traum von einem besseren und friedvolleren Leben für ihre Kinder träumen konnten, wobei es ganz egal war, wie gut es ihnen überhaupt schon ging. Vater und Mutter gingen nicht nur gerne in das Kino (damals gehört Kino noch zur Kultur, obwohl schon damals überall geraunt wurde, dass das Kino seine Zuseher nicht mehr ernstnahm), sondern auch in die Oper und in das Theater. Es hatte weniger etwas mit Attitüde zu tun, sondern mehr mit der Verbundenheit zu der Schönheit der Künste. Man fühlte sich dort gut aufgehoben. Beschützt. Unter Seinesgleichen.

Der Vater hatte laut sein Auto-Stereo-Radio aufgedreht (für die Verhältnisse eines Erwachsenen im Jahr 1996, was nicht sehr laut ist) und Blixa Bargeld sang im Duett mit Meret Becker die Text-Zeile aus „Stella Maris“ in der es heißt: „Wir träumen uns Beide wach!“ Und raste für damalige Verhältnisse „extrem leise“, also für heutige Verhältnisse ziemlich laut, über die Autobahn. Der Junge und das Mädchen, die Kinder auf dem Rücksitz, zofften sich ein wenig. Er war gerade einmal 13 Jahre alt. Sie. 5 Jahre. Und hätte es damals schon die große Debatte über „Wunschkind oder nicht“ gegeben, hätte Mutter sich peinlich berühmt vorkommen können, im Hinblick auf ihr kleines Goldstück. Zum Glück. Gab es diese Debatte damals noch nicht. In diesem Ausmaß.

Der Wagen preschte also schnell und leise über die rechte Spur der Autobahn, die Kinder pofften und foppten sich gegenseitig, während die Eltern davon unberührt kulturelle Gesichter zur Schau trugen, die Sonne schien, es war Sommer, die Lüftung lief auf Hochtouren, als der BMW auf der linken Spur von einem VW Golf eingeholt wurde. In diesem VW, der nicht weniger schnell unterwegs war (zweifelsohne war es ein „aufgemachter Golf“), rasten ein paar Jugendliche über die Autobahn, die ihr Vehikel zu einer ganz eigenen Party-Zone erklärt hatten. Hätten die Kinder auf der Rückbank (der Junge saß hinter seinem Vater, das Mädchen hinter der Mutter) nicht Meret Becker aus dem Stereo-Radio gehört, wäre ihnen von drüben die harten und platten Neunzigerjahre Techno-Beats entgegen gestampft.
Der ganze VW schien am Lachen und am Grölen, so wie wohl ein Smiley auf Rädern sich gebären würde, könnte er denn betrunken autofahren. Nun, hielt der VW die gleiche Höhe des BMWs und die VW-Jugendlichen sahen sich lachend die biederanmutende BMW-Familie an. Sie zeigten auf den schnell verärgerten Vater und die brüskierte Mutter, lachten und johlten. Und dann, wie es die gute Laune so wollte, packte das Mädchen auf dem rechtem Rückfahrer-Sitz, einfach so, schwuppdiwupp ihre nackten weißen Brüste aus und streckte ihre jugendlich festen Hügel mit den harten Nippeln dem Vater und dem Sohn entgegen, und schrie etwas in ihrer Sprache hinüber, die niemand im BMW verstehen konnte, da es einfach unmöglich war durch das Gedudel von Blixa Bargelds Liebeslied auch nur ansatzweise etwas zu verstehen. Es musste etwas Komisches gewesen sein, denn sie lachte am Ende und drückte ihre Brüste gegen die Scheiben.

Dies war der Moment, welcher den Jungen nachhaltig veränderte. Denn diese Titten waren die ersten echten Titten, die der kleine 13 jährige Junge jemals jenseits der Fernseh-Mattscheibe und Zeitschriften gesehen hatte. Wie es nun einmal mit Jungen in diesem Alter so ist, verhärtete und versteifte sich seine Hosengegend, was auch nicht von seiner kleinen Schwester unbemerkt, doch zum Glück des Jungen unkommentiert blieb. Dem Jungen blieb nicht nur sprichwörtlich die Spucke weg – ihm fielen fast die Augen heraus: So etwas Schönes hatte er noch nie gesehen. Es war für ihn wie eine Marien-Erscheinung, ein fast schon heiliger Moment.
Er blieb noch ganz baff und erregt, als der VW schon längst verschwunden war, scheinbar vertrieben durch die Schimpf-Triaden des Vaters, der über die Unsittlichkeit der Jugend von heute polterte, so wie es alle Väter vor ihm schon getan hatten – nur nach seiner Generation viel das Urteil anders und viel positiver für das Auftreten des jungen Mädchens aus. Über die Gründe dafür wollen wir nicht spekulieren.
Sicher ist aber: Das Mädchen hätte dem Jungen keine größere Freude und Geschenk machen können. So einfach ist das bei Jungen in diesem Alter. Ihr Glück scheint immer nur einen Pullover entfernt.

Der Anblick des Mädchens nackter Busen hatte sich in den Kopf des Jungen eingebrannt. Es war wahrlich ein Anblick, den er – so dachte er – nie wieder vergessen würde. Nachts, abends und in Wahrheit zu jedem freien Zeitpunkt seines damaligen Lebens, dachte er an das Mädchen, an diese Göttin und dabei machte er es sich selbst. Er hatte das Bild ja genau vor sich, es war in sein Hirn eingebrannt, auch wenn er zugegebenermaßen hin und wieder ein Detail verändert: Anfangs nur die Größe der Brüste (wie vorhersehbar). Dann die Haarfarbe. Outfit. Wäsche. Und all die anderen Details die einen kleinen, jungen Wichser in den Sinn kommen. Selbst das Image in seinem Kopf schien sich bald zu verändern, wurde immer 3-Dimensionaler, echter, näher, persönlicher, mit der Möglichkeit einer Eroberung. Er konnte sie sogar schon sprechen, flüstern und stöhnen hören. Sie. Wurde zu seiner Göttin. Einer Über-Frau, die nicht nur jeder Junge sondern auch jeder Mann besitzen will, wobei sie am Ende viel zu hübsch und toll zum – wie kann man das nur denken? – Ficken wäre, sondern nur dazu da, um angestaunt und angeseufzt zu werden.
Sie war: Die Eine.
Das Ideal.

Der Junge wurde älter, reifer und nach und nach wusste er, wie er Frauen erobern konnte, was er zu tun, zu sagen und signalisieren hatte, um zum Erfolg zu kommen. Er hatte eine dicke Freundin. Eine dünne. Eine große und eine kleine. Mit schwarzen, mal mit blauen Augen. Doch nie war sie dabei, sie das Ideal, die Traumfrau; ihr konnte keiner nah kommen. Er war nicht traurig deswegen, doch ein wenig deprimierend war es schon: Keine Frau konnte seiner Erinnerung, die nur noch eine Vorstellung war, gerecht werden. Er fühlte sich unerfüllt. Und der Zauber des Neues bei jeder Eroberung verflog immer schneller.

Eines Tages fragte ihn ein Freund, welche der Mädchen/Frauen mit der er zusammen war, am besten Küssen hatten können, und welche in der Hinsicht eine totale Niete war. Der, den wir als Junge kennen lernten, war verwirrt: Nein, richtig schlecht geküsst hatte keine. Es war immer irgendwie anders schön gewesen. Der Freund verstand das nicht. Doch unser Junge, der verstand endlich, dass es kein Ideal von Frauen gab, keine personifizierte Venus, es sie niemals gegeben hatte, sondern dass die eine, absolute Frau in allen Frauen steckt: Es kommt nur auf die Perspektive an. Das tröstete ihn, eine Weile. Nur sind Träume größer als Erkenntnisse, deswegen schien die Frau aus der Vergangenheit noch immer heller zu strahlen als alle anderen. Sie würde niemals altern, nie den Glanz verlieren, sich nie verbrauchen – ganz im Gegensatz zu dem alten BMW seines Vaters, der mit den Jahren das genaue Gegenteil von dem wurde, was er damals, in diesem köstlichsten Moment einmal war, als die Göttin sich vor ihm entblößte.
Wenig später ließ sich der Vater von der Mutter scheiden und kam mit einer jungen Frau zusammen. Sein Vater dachte wohl ähnlich über das Leben wie der Sohn.