Im U-Boot

An den guten Tagen vergesse ich es. Ich blinzle kurz. Unbewusst. Dann ist diese Ahnung auch schon wieder vorbei. Wie ein Auto das an der Seite deines Sichtfeldes eine Sekunde lang deine Aufmerksamkeit erregt. Du wendest kurz den Kopf in die Richtung, siehst aber nicht wirklich hin.

Keine Gefahr. Kein Grund, um aus dem tiefen Schlaf der Alltäglichkeit aufzuwachen.

Der unbewusste Alltag ist unser Glück. Unser Lebensfluss, der uns vorantreiben lässt. Und doch ist er nur ein närrischer, infantiler Schlaf, der uns all jenes ausblenden lässt, was uns verfolgt.

Das sind die guten Tage.  Und es ist ein Segen, dass die guten Tage in der Mehrzahl sind.

In anderen Momenten, an den anderen Tagen, ist es unerheblich ob ich mich in einem Gebäude oder unter freiem Himmel befinde. Räumlichkeiten spielen keine Rolle, da der Raum nicht mich oder dich umgibt, wie man vielleicht denken könnte, sähe man die Welt mit Kinderaugen. Es ist doch eher so, dass wir mit unserem Bewusstsein den Raum um uns herum schaffen. Ihn mit Leben füllen. Ich weiß auch gar nicht, ob dieser Welten-Raum (unsere Häuser, Gassen, Berge, Wüsten, die Tiefen des Meeres oder all die kalten Monde, die wir jetzt noch nicht Sehen können) wirklich existiert, wenn keiner da ist um ihn zu betrachten.

Ich. Bin der Raum. Denn ich bin das Wesen, welches den Raum erst zur Realität macht.

Dann knirscht und knackt es. Ein bisschen wie das Knacken von Sehen, und dabei doch sehr metallisch. Wie schwitzige Hände, die ein Blech flach nach innen drücken. So stark, dass die Luft aus den unsichtbaren Rohren gedrückt wird, die uns umgeben, bis unter der Anpressungskraft die Luft stöhnend entweicht. Ich weiß, dass klingt verrückt, doch wir, jeder von uns ist, sind umgeben von einem gigantischen Rohrleitungssystem. ..

Hin und wieder kommt Migräne dazu. Meistens nicht. Diese Migräne besteht aus Schmerzen und einer Lichtempfindlichkeit, die vom Inneren meines Schädels gegen meine Stirn drückt. Ich kann dann Blitze sehen, helle Waben, die sich über mein Augenlicht legen. Das ist der andere Druck. Der Schmerz, der aus mir herauskommt.

Denn unser Dasein besteht aus zwei Druckbarrieren, die sich meistens die Waage halten: Der Druck von außen, der auf den innen Druck unserer Schädel trifft. Sind beide Kräfte gleich stark, merken wir gar nicht, dass hier zwei Mächte am Werk sind, die aufeinander einwirken. Da ist es wie mit der Anziehungskraft der Sonne, oder des Mondes. Solange da nicht aus den Bahnen läuft, nehmen wir es gar nicht wahr.

„Stress“ ist der Auslöser, der das Gleichgewicht der Kräfte durcheinander bringt. Die Arbeit. Die Freundin. Der Herzkranke Vater. Die Zukunft. Die Wünsche und Süchte, die man dachte überwunden zu haben. Die animalische Geilheit. Die Sorgen des Alltags. Der Jahreszeitwechsel. Das Sodbrennen. Die Lipome unter der Haut. Die Qualen unserer Mitmenschen, die auf uns einprasseln. All das bringt das Kräfte-Verhältnis durcheinander. Und dann kann ich die Geräusche hören. Und unter Schmerzen, dieses merkwürdige Licht in meinem Kopf sehen.

Jeder ist sein eigenes U-Boot. Angefüllt mit einer Besatzung von Experten, die Alle wissen was zu tun ist, um das Boot auf Kurs – und wichtiger – am Laufen zu halten. Da werden Wartungsarbeiten ausgeführt. Maschinen repariert. Befehle angenommen. Torpedos geladen und in Position gebracht. Nicht selten wird auch geschossen. Im Prinzip aber taucht unser U-Boot fast blind mit veralteten Karten durch eine trübe, undurchsichtige schwarze Suppe, halb blind mit überholter, prähistorischer Technik, mal höher, näher an der Meeresoberfläche, so dass wir fast das Licht der Sonne sehen können, meistens jedoch tief im Marianen-Graben unseres Erlebnishorizonts, wo kaum mehr ein Leben möglich ist; der Druck ist einfach zu hoch. So ungeheuerlich groß, dass er einen zerquetschen kann, ganz egal wie viele Überdruckventile unsere Besatzung auf und zudreht.

Kein Wunder das wir ständig Tabletten gegen unsere Schmerzen fressen.

Das sind die anderen Tage.

Wenn du auf einer Wiese liegst. Und sich der Himmel ein wenig nach innen wölbt. Bis die Schmerzen in deinem Kopf beginnen unerträglich zu werden.

Leider. Lassen sich manche Dellen nicht mehr ausbeulen. Bis wir schließlich zum „Herren Doktor“ rennen und flehen: „Doktor, Doktor ich werde verrückt!“