Eine Silvester-Party-Nacht in München -mit Terrorwarnung

Die Eilmeldung von SPIEGEL-Online verkündete: „Terrorwarnung in München Hauptbahnhof und Bahnhof Pasing“. Da war es 10 oder 5 vor 12 in der Silvester-Nacht. Kein guter Zeitpunkt um die Masse zu warnen und zu beruhigen, die gerade dabei war das alte Jahr mit tausenden Lunten in die Vergangenheit zu schießen.

Wir standen im wolkigen Nebeldunst der Luftfeuchtigkeit auf einer Isar-Brücke, der noch verstärkt wurde von den stetigen Explosionen des Feuerwerks. Eine unübersichtliche Situation, optisch wie emotional. Eine psychologische Melange aus kollektiver Freude über den Neujahres-Beginn und einem ebenso allgemeinem Gefühl des Unbehagens bei all jenen, die die Warnung über einen möglichen Mordanschlag vernommen hatten.

Dann der große Knall. 12 Uhr. Silvester. „Frohes Neues!“ Küsse und Explosionskörper. Nur zwei Haltestellen vom Hauptbahnhof entfernt. „Große Menschenansammlungen“ sollte man meiden, was für ein Wahn, wenn man bedenkt, dass in diesem Augenblick ganz Deutschland auf den Straßen stand und lächelnd zum explodierenden Himmel hinaufblickte. Trotzdem spielte das in unsere Überlegung hinein, die große Party im „Mixed Munich Arts“ erst einmal nicht zu besuchen; wäre ich Terrorist – das hat uns Paris gezeigt – würde ich eine Ansammlung von chemisch und sexuell dekadenten Menschen nicht ganz von meiner Todesliste streichen.

 

So strichen wir durch das Münchner Glockenbachviertel, lachend, feixend, betrunken, vorbei an all den Schwulenkneipen und den ganzen anderen Bars, von denen leider eine Vielzahl in der Silvesternacht geschlossen blieben. Wir stahlen eine Flasche Champagner, wie einen heißen Kuchen der zum Kühlen hinausgestellt wurde, vom Fensterbrett. Und da wir lange keine Kneipe fanden auf die wir uns einigen konnten, wich die Terrorgefahr irgendwann dem entnervten Umstand, dass man „jetzt doch mal irgendwo ankommen könnte“, so planlos wie wir uns in dieser ersten Neujahrsstunde verhielten, würden wir sicherlich keine Anschlagsopfer werden. Verloren im Nirgendwo. Das Einzige was uns an die fanatischen Mörder erinnerte, waren die besorgten Nachrichten und telefonischen Anfragen von Familienangehörigen, die im Fernsehen „davon“ gehört hatten.

„Bitte passt auf euch auf.“

Abends. Im alten Jahr.  Waren wir im „Ibis“ eingecheckt, unter all den Italienern, in Nieselregen. Dann das Essen an der Theresienwiese im „Lenz“ mit Freunden und neuen Bekannten, mit denen wir ins – ach was für ein schöner Name für eine Kneipe – „Für Freunde“ gingen, dieser abgerissene kleine Schuppen mit dem Geruch nach Pissoir-Duftkugeln, der einen angenehm befriedeten Hamburgerischern Touch hatte. Wortwörtlich scharfe Drinks. Gruppenfotos.

 

Es gab dann noch kleinere Dramen mit der U-Bahn, da die Terroristen hier einiges durcheinander gebracht hatten, mehr zum Glück nicht. Total betrunken und ohne von IS-Terroristen bombardiert oder von deren Kalaschnikows durchsiebt worden zu sein, fielen wir in die Betten unseres Billig-Hotels. Zu betrunken zum  richtigen Schlafen, weshalb wir uns später noch zum Dösen in das Gästebett einer Freundin dieser Nacht einquartierten – dann ging es wieder raus zu der Party zu der wir anfänglich wollten. In den Techno-Club „Mixed Munich Arts“.

Viele unbescholtene Bürger hätten so eine 24 Stunden-Techno-Party auch Terror genannt. Durchgehende Dauerbeschallung. Zerstörtes Publikum. Der Veranstalter bat darum, keine Videos oder Fotos von diesem ganztägigen Zusammenbruch zu machen.

 

Wobei man auch nicht das fotografieren kann, was in den Köpfen der Verrückten vorgeht, sondern nur das, was wirklich zu Sehen ist. Und das war, wie immer, eine Horde verschwitzter, teils halbnackter Feierverrückter, die jetzt, um 16 Uhr im neuen Jahr auch schon ziemlich vernichtet und endfertig versuchten weiter, immer weiter und weiter zu Feiern. In dieser Industrie-Anlage des elektronischen Glücks, wo der Feierwille der Volkes maschinell verarbeitet wurde, wie am Fließband. Wir. Unausgeschlafen, schwach und doch in vielerlei Hinsicht fitter als die Meisten hier, freuten uns an dem straighten Beat von „Marcel Dettmann“ aus Berlin, der es wirklich schaffte pünktlich um 16 Uhr die Decks zu entern, nachdem er heute schon in Amsterdam und Berlin aufgelegt hatte.

Das Tanzen machte Spaß und schüttelte einen noch einmal richtig durch. Es wurde an den richtigen Stellen gejubelt, an den falschen gingen die Hände nach oben. Jede Party ist auf ihre Art ein Mahnmal der Freiheit. Eine Feier für die Freiheit und gegen die Engstirnigkeit der lebensverneinenden anderen.

Froh dass „nichts passiert war“, fuhren wir dann mit dem Auto – und nicht mit dem Zug über den Hauptbahnhof – nachts nachhause. Es war eine komische Nacht, in es zu viel und irgendwie auch zu wenig  von allem gab, ein gut dosierter Absturz also, bei dem man danach froh ist, es erlebt doch auch hinter sich gebracht zu haben.

„Frohes Neues“ Leute. Wir dürfen keine Angst haben. Trotz Bombenstimmung.