Die Ingenieurskunst des Lebens

„Impfungen.“
„Impfungen?“

Der Sound ist Brettlaut wenn auch nicht ultrahart. Es ist so ein House-Gedöns. Furchtbar überflüssig. Doof. Lustig. Albern. Eingehend.

Wir lenzen in der Sitzecke des „Einfalt“ Clubs, die Füße am und auf dem Tisch. Transsexuelle Männer/Frauen – was auch immer, tanzen mehr oder wenig euphorisch um uns herum.  Eine Alkoholschwangere Szene mit Cocktail-Flecken und –Flächen auf den Polstern, Zigarettenasche auf ihren Shirts; dort drüben schüttet ein ehemaliger Kerl einem ehemaligen Soldaten GHB ins Glas. Ich sehe das und proste ihnen grinsend zu.

Dann frage ich noch einmal nach: „Wie jetzt Impfung?“

Mein Freund sagt: „Nicht direkt Impfung. Es ist eher so…“ In solchen Moment ist es okay und normal das man sich während des Gesprächs die ganze Zeit anschreit, anders würde das gar nicht vonstattengehen; die Leute kommen als solche Orte um sich glücklich ins Gesicht zu schreien:  „Früher, als der Mensch noch so Urmensch war!!!!“

Ich: „Neandertaler?!!!“

Er: „Ein wenig später!!! Da konnten die Vormenschen noch nicht schwimmen!!!“

„Vor-Mensch klingt gut!“

„Die fielen da also in nen Fluß oder von mir aus in ein stehendes Gewässer!!!! Und gingen da unter wie ein Stein!!!“

„Mit den Armen geplanscht werden sie sicherlich haben!!! Haha!!! Stehendes Gewässer!“

„Hahaha! (lacht er mit mir) Aber sicherlich. Ersoffen sind sie dennoch, jokay?!!!“

„Jap!!“

„Bis irgendwann einmal jemand entdeckt hat, dass man mit den Bewegungen von Armen und Beinen über Wasser bleiben kann. Seitdem können die Schwimmen!!!“

„Ich glaube ja eher, die haben sich das von Fröschen abgeguckt.“
„Von Fröschen?!“

„Ja, die schwimmen doch auch so wie wir!“

„Na von mir aus. Worauf ich aber eigentlich hinaus will ist, dass man sich dieses Wissen von Generation zu Generation weitergeben hat. Das mit dem Schwimmen meine ich jetzt. Das ist so was wie eine psychologische Impfung. Erst absaufen wie ein Stein – da starben bestimmt tausende Vormenschen daran. Dann ZACK! Impft man sich gegen den Tod durch Ertrinken durch Schwimmbewegungen!“ Er macht Brustschwimmbewegungen.

„Komische Ansicht. Aber okay.“

„Jokay. Genau. Und so geht das weiter. Ich meine, die Menschheit impft sich nach und nach gegen immer mehr Sachen. Nicht nur gegen Dinge die dich umbringen können, wie Krankheiten oder so, sondern auch mit Verhaltensweisen oder Errungenschaften IMPFEN sie sich! Verstehst du?! Das zunehmende Wissen der Menschheit ist quasi wie eine vorlaufende Impfung gegen den Tod. Heute sterben wir an Sachen, die in 100 Jahren nur noch lächerlich sind.“
„Vielleicht baut man dann auch Freizeitparks wie heute. Ich meine. Früher, großes Drama vor dem Ertrinken. Heute ist es Freizeitbeschäftigung und Erholung das zu machen.“

„Genau, genau. Das ist quasi die Ingenieurskunst des Lebens. Eine bewusste Evolution!“

Wir stoßen miteinander an, während der Freund des ehemaligen Mannes, der Soldat, langsam immer müder wird und seitlich umkippt.

Das geschieht gerade. Darüber reden wir. Wichtiger wäre jedoch darüber zu sprechen, worüber wir nicht reden. Nie.

Er ist einer meiner besten und ältesten Freunde. Wir haben uns alles gesagt und das meiste davon über die Jahren doch wieder vergessen; es wäre auch unmöglich sich alles zu merken, all das Leid, das Elend, die Wünsche und die Hoffnungen, die einen Menschen all die Jahre antreibt und das man sich gegenseitig gesteht. Was bleibt, ist das Gefühl füreinander, ein Wissen übereinander, dass man weiß wie der andere tickt, was er fühlt, denkt, was er braucht.

Es ist nicht die Masse dessen was wir zueinander sagten, sondern gewisse Gegebenheiten unserer Historie, einzelne Szene, krasse Verdichtungen unserer Selbst, die der andere versteht, die er fähig ist zu lesen.

Und doch sind wir Freunde aus Gewohnheit.

Ich bin schwer enttäuscht von meinem Freund.

Vor zwei Jahren wurde ich auf der Geburtstagsparty seiner Freundin (seiner jetzigen Frau) als „Judensau“ beschimpft; er war damals schon im Bett gewesen. Am Tage danach kam mein Freund zu mir, entschuldigte sich für Szene und das er so ein Verhalten in keinster Weise dulden würde.

Der Typ der mich beschimpft hatte, wurde nur später der Trauzeuge seiner Freundin und als Endprodukt wurde ich nicht einmal mehr zu Hochzeit eingeladen, ausschließlich nur zum Junggesellenabschied. Ich habe ihm das Verziehen. Es ist ja auch eine blöde Situation.

Das Ganze ist jetzt lange her und wäre auch kein Problem, wäre da nur nicht das Geschwätz, dass er dauernd absondern würde, dieses ultracoole, pseudointellektuelle Gerede, schlimmer noch, sein Getexte von „Haltung“, obwohl er – darauf will ich hinaus – diese Haltung nur in seinen Worten vertritt, nicht durch seine Handlungen. Man kann jemanden noch so sehr verbal in die Arme nehmen, ihm Recht und Unterstützung zusagen, um ihn dann einfach zurückzulassen und auszuschließen wenn es „ernst“ wird, weil man in Wahrheit doch andere Prioritäten setzt. Das ist ärgerlich. Es ist sogar schlimm. Aber wir sind halt Freunde. Da vergibt man sich so was schon einmal. Man kennt sich ja. Und doch bleibt da ein finsterer Bei- und salzig bitterer Nebengeschmack.

Das Problem ist dabei nicht wirklich WAS er tut, nein, sondern dass er vorher so vehement etwas anderes zu sein behauptet; warum kann er nicht einfach die Fresse halten und sich ohnehin so entscheiden wie er es macht? Weshalb muss er vorher aufschwätzen, also lügen und sich als selbst als Clown und Labertasche deformieren?

Ich weiß nicht warum die Leute so sind. Weshalb sie nicht einfach der sein können, als den sie sich selbst sehen.

Und mit all diesem Background-Wissen sage ich in den Moment hinein: „Du hast doch keine Ahnung von Impfungen!!!“

Der Freund des bewusstlosen, ehemaligen Soldaten kommt zu uns herüber und fragt, ob wir seinen Freund mit ihm in sein Auto tragen können. Dem wäre schlecht geworden und er würde ihn dann nachhause fahren.

„Klar“, sage ich und packe den bewusstlosen Typen an. Trage ihn raus zum Auto von dem Kerl.

Man will ja nicht unhöflich sein.