Stereotyp – 6 – Blutflecken kann man mit Zitrone entfernen

Vielleicht lag es an dem Unfall, den er vor ein paar Monaten gehabt hatte. Paul hatte in seinem Kinderzimmer mit dem kleinen Udo Lohmeyer „gespielt“. Wenigstens hatte es mit Spielen angefangen. Was zu Beginn ein harmloses „Cowboy und Indianer“-Spiel sollte, einbrannte sich zu einem handfesten Gerangel, wer von beiden Jungs „Chingachgook“ sein durfte. „Chingachgook“, der in den Filmen von dem Serben Gojko Mitic verkörpert wurde, war zu jener Zeit Pauls absoluter Held. Er MUSSTE einfach „Chingachgook“ sein. Nur war das ebenfalls auch bei seinem Freund Udo auch der Fall. Und der hatte überhaupt keine Lust stattdessen den weißen „Harmonika“ zu verkörpern. Es war wie so oft: Erst lachten die jungen Steppkes über ihre Uneinigkeit, schon rangelten sie am Boden miteinander, welcher Stärke wohl Recht behalten würde. Udo Lohmeyer war zwar ein halbes Jahr älter als Paul, doch Paul war größer. Deswegen ging jeder ihrer Kämpfe unterschiedlich aus. Sowohl Paul als auch Udo mussten die ganze Zeit Lachen, während sie miteinander kämpften. Schließlich hatte es Paul doch noch geschafft, sich auf den jungen Lohmeyer zu setzen, was in ihrer Welt bedeutete, dass der Kampf vorbei und gewonnen war. Nur wollte Udo sich nicht damit abfinden. Er stieß Paul, dessen Konzentration durch seinen vermeintlichen Sieg schon abgenommen hatte, mit seinem rechten Knie von sich fort, wodurch Paul über Udo Lohmeyers Kopf nach vorne wegschleudert wurde und mit vollem Schwung gegen den alten Heizkörper geschleudert wurde. Genau. Gegen den Knauf. Paul spürte den dumpfen Aufschlag und lachte einfach weiter. Zu sehr war sein Verstand noch von der heiteren Kampfstimmung eingenommen, in der er sich gerade noch befunden hatte. Paul landete wieder rückwärts fallend auf seinem Hintern und dreht sich zu Udo um.

„Hey! Ich hatte doch gewonnen!“ lachte Paul Udo an, der sich inzwischen auch schon wieder aufgesetzt hatte. Udos Augen waren groß als er Paul ansah. Jegliche Farbe glitt aus Udos Gesicht.

„Dein… Dein…“ brachte Udo nur von sich und zeigte auf Paul. Der griff nach oben auf seinen blutigen Kopf. Spürte etwas Nasses. Klebriges. Führte seine Hand wieder vor seine Augen. Sah das Blut von der Platzwunde die er sich geschlagen hatte. Und fing gleichzeitig wie wild zu heulen und zu schreien an. Udo Loymeyer wich weiter von Paul zurück. Er kroch regelrecht in Pauls Spielzeug-Regal und konnte den Blick nicht von Paul abwenden, dem das Blut in Strömen über sein Gesicht lief und von ihm herabtropfte. 

„Was ist denn jetzt schon…“, Pauls Mutter hatte das Zimmer betreten. Mit der geöffneten Tür und dem dazugehörigen Knauf in der Hand stand sie ohne ihre schöne weiße Schürze im Raum und begriff sofort was geschehen war, auch wenn sie: „Was habt ihr denn schon wieder…?“ Trotz allem bewegte sie sich nicht. Die Jungs sahen sie nur beide heulend an, während das Blut wie frisch vom Fass aus Pauls Kopf zu sprudeln schien. „Mama! Mama!“ schrie er hilflos. Seine Mutter sah zu Boden. Auf den grünen Teppichboden, mit dem Pauls kleines Zimmer ausgelegt war.

Die ersten Worte seiner Mutter zu Paul waren: „Paul! Paul! Du blutest ja den ganzen Teppich voll! Pass doch auf!“ Paul sah auf den Boden, sah das viele Blut in den Teppich sickern und wurde noch panischer. Der Junge dachte, er müssen sterben. Den Teppich hatte er dabei ganz vergessen. Paul schrie nur noch mehr. Plötzlich erschien die Mutter von Udo im Zimmer, die nebenan mit Pauls Mutter Kaffee getrunken und Zigaretten geraucht hatte.  Beruhigend legte Frau Lohmeyer Pauls Mutter die Hand auf die Schulter. „Hiltrud“, meinte Frau Lohmeyer, „Mach dich nicht verrückt. Mit Zitrone geht das sehr gut wieder raus.“ Dieser Satz und diese Weisheit würde Paul sein ganzes Leben lang nicht wieder vergessen. So auch in diesem Moment, als er alleine gelassen und verlassen dastand. Bestimmt hatten ihn seine Eltern deswegen verlassen, weil er damals den ganzen Teppich vollgeblutet hatte. Sicherlich war es diese Geschichte gewesen. Zitrone hatte das Problem nämlich nicht ganz gelöst… Auf jeden Fall war sich Paul sicher: Er war schuld, dass er jetzt in dieser Situation steckte. Paul. Hatte es verdient. Und weinte und weinte. Noch nie hatte ein Mensch so viele Tränen verbraucht, wie dieser Junge in diesem Moment. Es lief ihm aus den Augen und aus der Nase, so als könnte die Flut die Zeit zurückdrehen. Als könnte er Abbitte leisten. Als könnten die Tränen und der Rotz irgendetwas ändern. Doch niemand kam. Und keiner half. Bis der Junge schließlich keine Tränen mehr im Kopf hatte. Bis er einfach nicht mehr konnte. Und leblos lag in dem Gebüsch lag. Wie tot. Wie achtlos fortgeworfener Müll. Und das Allerschlimmste in dieser grausamsten Situation, die sich ein Kind nur ausmalen konnte, war das seine Eltern sich nicht einmal von ihm verabschiedet hatten. Dass sie ihm keine Worte mit auf den Weg gegeben hatten. Keinen Grund für ihr Handeln. Keine Erklärung. Nicht einmal dafür hatten sie ihn genug geliebt. Der Vater hatte ihn ermahnt gehabt, seinen Namen für sich zu behalten. Selbst sein eigener Name war Schande geworden.

Als die Tränen versiegt waren und sein durchnässtes Gesicht durch den Frost der ihn umgab immer kälter und kälter wurde, versuchte sich der Knabe ungelenk aus dem kleinen Gehölz zu befreien. Als ihm dies gelungen war, suchte er seinem Kinderanorak nach der Mütze, die eine Frau, die er vor einer Stunde noch „Mutter“ genannt hatte, in seine Tasche gesteckt hatte. Mit der Mütze wischte sich das Kind sein Gesicht trocken. Hiernach setzte er sie sich auf den Kopf. Paul sah sich in der Dunkelheit um. Etwas musste geschehen. An den Tod durch erfrieren dachte er nicht. Der Tod war ein viel zu abstraktes Gebilde. Paul fror und dies war Grund genug um sich in Bewegung zu setzen. Übermorgen würde er 8 Jahre alt werden und als quasi 8-Jähriger wusste er, dass er beim Schlittenfahren immer geschwitzt hatte, nachdem er den Schlittenhügel im Park jedes Mal aufs Neue erklommen hatte. Also musste er sich bewegen und am vernünftigsten war es, sich der Straße entlang zu bewegen. Straßen führen zu Städten. Oder wenigstens zu Lichtungen. Er müsste Menschen finden. Irgendwen. Irgendeinen Erwachsenen. Oder auch nur eine Scheune, in der er Wärme und ein Dach finden konnte. Ob Paul wollte oder nicht. Jetzt war sein Leben ein Abenteuer geworden. Trotzig folgte er der Straße in die Richtung, in welche seine Eltern verschwunden waren.

Der Bus, der nicht langsamer werden darf

Dass mit der Migräne, ist anstrengend. Ich habe sie nicht oft. Einmal im viertel Jahr. Spaß macht es natürlich dennoch nicht. Es ist dann ein sehr typischer Verlauf.

 Im ersten Moment an dem ich es bemerke, kann ich einen zentralen Punkt in meinem Sichtfeld nicht mehr fokussieren. Wie eine Art „blinder Fleck“. Bald darauf erscheint ein kleiner „Blitz“. Er schimmert wie ein kleines elektronisches Ikon, dass sich langsam immer weiter und weiter ausdehnt, bis ich gar nichts mehr erkennen kann. Schließlich dehnt es sich soweit aus, dass ich es nicht mehr bemerke: Dann erst kommen die schlimmen Kopfschmerzen. Sobald ich schlecht sehe trinke ich deswegen so schnell wie möglich sehr viel Wasser (meine eigentliche Sünde besteht darin, tagtäglich zu wenig davon zu trinken), wodurch ich teilweise den Migräne-Anfall verhindern kann. Vielleicht sind diese Anfälle auch gar keine echten Anfälle, sondern nur Einbildungen, die durch das Wasser vorübergehen. Vor meinen Augen blitzt und krieselt es eh immer. Ich sehe die Welt schon lange nicht mehr so wie normale Menschen. Doch das ist ein anderes Thema. Es hilft jedoch auch nicht. Sollte nach dem Wasser „der Blitz“ trotzdem erscheinen, folgen die Lösungen der chemischen Industrie. Sie helfen die Schmerzen zu lindern; ich bin ihr sehr dankbar.

Ich bin ein sehr hektischer Mensch. Mich „unruhig“ zu nennen wäre ein Euphemismus. Es ist jetzt aber nicht so, dass ich Migräne bekommen würde, wenn ich mich zu sehr aufrege. Das Gegenteil ist der Fall:Wenn sich mein Körper zu sehr entspannt, sagen wir nach einer Hochzeit, einem Urlaub, der Entbindung seines Kindes oder nach einem Umzug, entspannt sich mein Geist und die Migräne schlägt zu. Einen gewissen Stresslevel brauche ich also um nicht ständig Migräne zu bekommen; zu viel Stress macht mich jedoch auch wahnsinnig und vor allem Schlaflos. Es ist wirklich ein Witz. Egal was ich mache, ich mache mich krank. Außer. Ich halte die Linie. Schere nicht nach links oder rechts aus. Und bin gerade so in der Spur. Dann ist alles gut.

Mich mit dem Bus aus dem Neunziger Jahre Film „Speed“ zu vergleichen, halte ich für mehr als logisch. In diesem Film mit Keanu Reeves muss der Bus mit den Geiseln über 50 Meilen pro Stunde fahren. Ansonsten wird die Sprengvorrichtung des Terroristen ausgelöst und der Bus gesprengt. Fährt der Bus jedoch zu schnell, baut er einen Verkehrsunfall. Spannender Film. Blöde Situation. Mein Leben.

Mein Roman auf Bookrix

Hallo Jungs und Mädels. Oder Mädels und Jungs. Klingt vielleicht besser. Nach jetzt doch schon einiger Zeit offline vom Blog wollte ich mich mal wieder zurückmelden. Und Mann! Habe ich schon immer diese Beiträge in Blogs gehasst, wenn man einen alten Blog aufruft und sich da irgendein sonstwer „zurück meldet“. Nur. Um dann ganz von der Bildfläche zu verschwinden. Jetzt bin ich wohl genauso ein Trottel. Tatsache ist aber, dass ich inzwischen drüben bei Bookrix meinen Roman „Verlorene Jungs“ hochgeladen habe.

Bookrix hatte ich gar nicht auf dem Schirm. Meine Frau hat mir davon erzählt, nachdem ich schon vom Kraftakt einer  Romanveröffentlichung  die Schnauze voll hatte. Denn. Die Verlage wollten ihn nicht. Was eigentlich okay ist. Würde ansonsten nur Qualitätsscheiß veröffentlicht werden – was meiner Meinung nach definitiv nicht der Fall ist. Oder aber der Ausdruck „Qualitätsscheiß“ trifft wie die Faust aufs Auge auf die Strategien und Bücher des Deutschen Büchermarktes. Das Zeug ist über weite Strecken so selbstverliebt (in Bezug auf Gestaltung, Branchenvisionen, wie – ganz schlimm – der grottige Inhalt), dass es für mich unlesbar geworden ist. Und ich dann doch irgendwie Bock hatte mein Werk irgendwie rauszuhauen. Nicht das ich erwarten würde damit viel Geld zu verdienen. Leider werde ich wohl noch ein paar Jahrzehnte ehrlicher Arbeit nachgehen müssen. Auch okay. Aber da wir zum Glück in Zeiten leben, in denen jeder seine eigene Vision eines Buches, Textes, Videos, Films, Sounds, was weiß ich veröffentlichen kann, fand ich es nur richtig meinen „Text zur Nacht“ in irgendeiner Weise online zu stellen. Und zwar nicht als Fortsetzungsromans. Sondern als abgeschlossenes Werk.

Auf Bookrix kann man seine Werke für die dortige Gemeinschaft online stellen oder verkaufen. Die Bookrix-Betreiber bieten es für ein paar Prozente auch an, euer Buch in alle möglichen E-Book-Vertriebe zu bringen. Wofür ich mich entschlossen habe. Natürlich ist das jetzt nur von meiner Frau und mir lektoriert – so what? Wenigstens konnte ich so meine Version der Wahrheit, meine Vision eines Romans online bringen. Natürlich beinhaltet das kleinere Fehler. Dafür zahlt man dann aber auch weniger Geld, als über 20 Euro für ein blödes Buch von Helene Hegemann (welcher Irre kauft denn so was?).

Klar.

Bookrix ist mehr auf (wie ich die letzten Tage bemerkt habe – das ist aber keine abschließende Meinung) junge Leute ausgelegt. Oder eher so Groschenromane. Ich will nicht sagen, dass ich da reinpasse. Das meine ich jetzt gar nicht abwertend. Das meiste was da steht, könnte ich gar nicht selbst schreiben. Aber. Ich habe halt eine andere Vorstellung davon, was ein Buch sein soll. Und deswegen passe ich da im Moment sehr gut hin. Weil ich da machen kann was ich will. Auch. Wenn die Themen dort  (viel Romantik und Fantasy) nicht meine sind. Gibt man da „Drogen“ oder „Techno“ ein – werden kaum bis gar keine Treffer in der Suchleiste angezeigt. Dann ist das halt so.

Hier im Blog will ich trotzdem aktiv bleiben. Na ja. Vielleicht ein wenig aktiver als die letzten Monate. Nächstes Jahr ziehen meine Frau und ich von einer Wohnung in ein Haus. Und vielleicht. Finde ich dort mehr Ruhe zum Schreiben als hier in der kleinen Wohnung.   Auf jeden Fall habe ich endlich Ideen wie es bei „Absolution“ weitergehen soll (da hatte ich gerade einen ziemlichen Hänger).

Soweit erst einmal.

Der, der ich heute bin

Ich komme aus der Dusche. Trockne mich mehr oder minder gut ab. Gehe in mein Schlafzimmer. Setze mich auf mein Bett. Gefühlt ist das Bad meine letzte Bastion gegen die Schreckensherrschaft des „Entertainment“. Gefühlt habe ich nur hier mein Handy nicht in der Hand. Den Rechner oder den Fernseher nicht am Laufen. Die Play Station am Stöhnen. Im Bad. Da hat man alle Hände und Köpfe voll zu tun. Da ist Ruhe. Von „Jamaika“. Von Wolfenstein. Von Netflix. Vom Alk. Vom Konsumrausch. Ja. Die Duscherei mit ihren Instandhaltungsmaßnahmen nervt gewaltig.

Vor meinem Bett ist DER Schrank. Der einzige Schrank in unserer Wohnung, der diesen Namen verdient. Ich ziehe ihm eine Schublade aus seinen Eingeweiden. Blicke in das Wirrwarr seines Inneren, das aus unsortierten Socken besteht. Es sieht aus wie eine echte Bauchgrube. Meine Hände suchen zwei „Gleiche“. Der Kopf sieht zu. Und wie die Hände ihre Finger tief in Wolle und Kunststofffasern  stecken, glaube ich einen Stempel auf der Innenseite meines rechten Handgelenks zu erspähen. Zweiter Blick: Da ist kein Stempel. Woher auch? Ich bin doch gar nicht aus gewesen. Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Ja. Ich war die letzten Tage immer „an“.

„Stempel“ bedeutet für mich Nachtleben. Ausgehen. Die große Feirerei. Und da sitze ich nun. Nachdem ich mir den Schmutz der Arbeit abgewaschen habe. Denke an Früher.

Als „Früher“ noch „Jetzt“ war, dachte ich an die Zukunft, so wie es in dem wundervollen Manga „Planetes“ abgebildet ist, an eine bestimmte Szene:

Ein Arbeiter. Der Mann oder Vater einer der Hauptfiguren. Repariert ein Windrad. Eine richtige Windkraftanlage. Dutzende Meter über dem Boden. Im nächsten Paneel sieht der Leser eine dunkle Rückblende, in welchem derselbe Arbeiter, sichtlich jünger, auf einem Punk-Konzert wie ein Irrer zur Sache geht. Totaler Abgehnismus. Zerbrochene Flaschen. Stahlketten als Schmuck. Stage diving. Krach.  Die totale Zerstörung. Nah am Tod. Nah am Leben. Er war der Frontsänger. Rock´n Roll.

Auf der nächsten Seite liegt der Held altersweise an ein Windrad gelehnt. Er raucht und ist mit sich selbst zufrieden. Dem Leser wird klar, dass dieser Mann zwei Leben gelebt hat, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber auch. Dass der gezeichnete Mann mit seiner Vergangenheit im Reinen ist.

Daran muss ich denken, während ich dem nicht vorhandenen Stempel hinterher lächle. An die Partys. An den Rausch. An die Freunde. An den Wahnsinn. An die damalige Normalität um die Jahrtausendwende – und das Jahrzehnt danach. Diese ständige Ausnahmesituation in die ich mich damals hinein manövriert hatte. Eine Situation die sowohl lächerlich als auch lebensgefährlich war. Eine einstmals alternativlose Lebensphase.

Ich finde eine passende Socke zu der ersten, die ich in der Hand halte. Mein Ying zu meinem Yang.  Nicke. Und bin einen Moment lang genau der, den ich mir damals erträumt habe. Ein Kerl. Mit seiner Vergangenheit. Aber auch mit einer neuen Zufriedenheit. Aus dem Gefühl von damals, als ich den Manga zum ersten Mal las, ist meine Wahrheit geworden. Mein altes Ich wäre zufrieden mit mir.

Ich schließe die Schublade. Ziehe die Socken an. Dann gehe ich rüber zu meiner Freundin, ohne auch nur einen Moment weiter an die Szene zu denken.

Planetes - Manga

Menschenkenntnis

Eben. Gerade. Stand ich am Fließband. Bei der Kasse. Beim Rewe. Drei Kunden vor mir war ein älterer Mann. Verschlissene Schildmütze. No-Name-Trainingsjacke. Alkoholiker-Gesicht; definitiv eine Alkoholiker-Nase. Der wollte sich zusätzlich zu seinen Besorgungen Zigaretten kaufen, hatte irgendwas mit einem Gutschein durcheinander gebracht und nun zu wenig Geld. Immer wieder zog er ein paar Cent aus seinen Taschen und der picklige Azubi an der Kasse zählte sie. Es reichte wieder nicht. Es mutete wie ein Spiel an, bei dem nicht klar war wer zuerst aufgab. Der Kunde oder das materialisierte Gesicht des Rewe-Unternehmens. Das zog sich ungelogen ein paar Minuten so hin und ich dachte mir: Wollen wir doch mal nicht so sein. Ich entschuldigte mich und reichte dem Jungen an der Kasse mit der Marco Reus Frisur 2 Euro. Der fehlende Betrag. Mir wurde von dem Alten zugenickt. Er sah mich nur aus dem Augenwinkel an. Der Jüngling lächelte erleichtert auf. Eine Minute später war ich an der Reihe und der junge Marco Reus bedankte sich noch einmal für das Geld. Worauf ich nur ehrlich sagen konnte: Ich hatte auch schon mal zu wenig Geld dabei. Da lachte Marco nur. So in Gedanken: „Das DABEI war hier nicht das Problem.“ Aber gar nicht böse.

Ich gehe dann also da so raus und da lädt der Mann mit der Alkoholiker-Nase sein Zeug in den Kofferraum seines alten Autos und ich denke mir so: „Warum eigentlich nicht?“ Gehe rüber und frage ihn freundlich, ob ich nicht auch eine Zigarette haben könnte. Und er sieht mich an und sagt: „Nein.“ Steigt in sein Auto und fährt davon.

Gewohnheitslisten

 

 

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Ich besitze ein giftgrünes Notizbuch im DIN A 4 Format mit weißen Sprenkeln, dessen Seiten mathematisch kariert sind. Mein Vater kaufte es mit einer Reihe anderen vor über 20 Jahren bei einem Urlaub in der Tscheslowakei, also in einem Land, dass es heute so nicht mehr gibt, und ich erinnere mich noch wie stolz und wichtig ihm diese unbedruckten Bücher damals waren. Am Ende landen diese Dinge auf die man einmal stolz war, konsequenterweise in einem, dieses Mal in unserem Keller. Von dort zog ich es vor wiederrum ungefähr 13 Jahren hervor und begann damit, jeden Film den ich zum ersten Mal ansah, dort einzutragen. Seit dem 30.11.2003 sind es – verklagt mich nicht auf Lückenlosigkeit – 1516 Filme gewesen.

Der Gedanke zu diesem Listenwesen drängte sich mir auf, da ich zu jener Zeit fast täglich in die Videothek ging und Filme auslieh, in einer so großen Zahl sogar, dass ich manche Videokassetten 2 bis 3 Mal auslieh, da ich einfach nicht mehr wusste, das ich sie schon gesichtet hatte. Nun. Mit der Liste. Konnte ich nachschlagen. Was ich nebenbei so gut wie nie getan habe. Sie aber in die Liste einzutragen, das wurde mir unglaublich wichtig. Ich mache das auch heute noch, wobei es mich eher nervt.

 

Das sollte jetzt eine Metapher dazu sein, warum ich in den letzten Wochen und auch schon Monaten keinen Blog mehr geführt habe: Es war alles zu einer unattraktiven Gewohnheit verkommen, die auf einem Grund basiert, die man in der gegenwärtigen persönlichen Entwicklung der blanken Jetzigkeit nur noch erahnen kann.

 

Auch meinen eigenen Blog lese ich so gut wie nie wieder, keine Ahnung wie ihr es mit euren haltet. Der Blog ist für mich immer mehr eine Liste gewesen, dessen Register man täglich aufzufüllen hat, zugegebener maßen mit Tagebuchartigen Zügen, denn der, der schrieb, war ich im Jahre des Monats am Tage in der Stunde: Einzigartig. Kein anderer. Ich, das vergangene Ich, eine fast schon vergessene Kompletterzählung, sowie ein Film  je nach Betrachtung immer auch ein Meilenstein oder ein Relikt seiner Zeit ist.

 

Ich hatte mir Mühe gegeben meine Betrachtung ins Weltgeschehen einzuordnen (auch wenn es eher umgekehrt der Fall war) und irgendwann war die Energie vom Tage Null weg, aufgebraucht, versprüht, was auch mit dem Jahr 2016 zu tun hat. Ein Jahr der Umwälzungen, von den Meisten von uns nicht positiv konnotiert.

In diesem Jahr habe ich wenige Blogs oder auch Zeitung gelesen, mehr Kurznews, wie es in der Gegenwart der Fall ist und die haben mich nicht intellektuell stimuliert, nein, sie haben meinen Geist beschnitten, ihn mit ihrer blanken Fülle erschlagen (was ich hier oft zum Thema machte). Zudem waren mir die Veränderungen, die Themen zu komplex um sie mit dem löcherigen mir zur Verfügung stehenden Schmetterlingsfangnetz meiner eigenen Psychologie zu fangen, und katalogi- und kategorisieren; die Menge an Umwälzungen war mir einfach to much als sie auf simple Formeln zu reduzieren, was leider wieder von anderen übernommen wurde. Das war schwach von mir, denn gerade in diesem Jahr wäre es wichtig gewesen dauerhaft und überall die richtige Haltung auszustrahlen und von sich zu geben. Aber ich war so erschlagen von der Arbeit, so gelangweilt von dem Listenwesen meiner Philosophie und auch viel zu satt von meinem persönlichen und sozialen Wohlstand, als dass ich noch Lust gehabt hätte mich an den Übergroßen Debatten zu beteiligen. Es kam viel zusammen was mir als Ausrede dient. Und doch fehlte mir die letzten Wochen das gewisse Etwas, durch das ich mich komplett fühlte. Also muss ich wieder Schreiben lernen, was in unserem Fall Sprechen lernen bedeutet.

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Als ich die Film-Liste begann, dachte ich, dass jeder gesehene Film auch irgendwie ein Teil von mir sein würde, da er mich mit seiner Geschichte, seiner Handlung, mehr oder weniger prägt und dass ich bestimmte Genres von Filmen sehen müsste, um der zu werden, der ich bin, auch, wenn ich viel lieber die schnelle und kurzweilige Unterhaltung hätte, die mich nicht fordert und mich menschlich nicht voranbringt und ganz egal wie Mühsam es war sich  viele Jahrelang die Arthouse-Filme, die Lars von Triers und die Hanekes anzusehen, hatte ich damals doch auch Recht: Man muss sich selbst bis zu einem gewissen Grad fordern, gerade geistig, sonst ist man nur noch ein Streaming-Dienstdurchklicker, der dünne Serielle Unterhaltung als großen Gesellschaftsroman missversteht… Also ja, nach der schlechten zweiten Jahreshälfte 2016 ist es wieder Zeit geworden sich selbst eine Stimme zu geben, sich selbst zu quälen und sich Gedankensphären auszusetzen, die mich nicht nur fordern, sondern überfordern. Was solls? Also ran an den Speck.

Heute ist mein erster Urlaubstag, mal sehen ob das so klappt wie ich mir das vorstelle.

 

Und an meine Blog-Freunde: Hallo Leute, schön das ihr noch da seid 🙂