Menschenkenntnis

Eben. Gerade. Stand ich am Fließband. Bei der Kasse. Beim Rewe. Drei Kunden vor mir war ein älterer Mann. Verschlissene Schildmütze. No-Name-Trainingsjacke. Alkoholiker-Gesicht; definitiv eine Alkoholiker-Nase. Der wollte sich zusätzlich zu seinen Besorgungen Zigaretten kaufen, hatte irgendwas mit einem Gutschein durcheinander gebracht und nun zu wenig Geld. Immer wieder zog er ein paar Cent aus seinen Taschen und der picklige Azubi an der Kasse zählte sie. Es reichte wieder nicht. Es mutete wie ein Spiel an, bei dem nicht klar war wer zuerst aufgab. Der Kunde oder das materialisierte Gesicht des Rewe-Unternehmens. Das zog sich ungelogen ein paar Minuten so hin und ich dachte mir: Wollen wir doch mal nicht so sein. Ich entschuldigte mich und reichte dem Jungen an der Kasse mit der Marco Reus Frisur 2 Euro. Der fehlende Betrag. Mir wurde von dem Alten zugenickt. Er sah mich nur aus dem Augenwinkel an. Der Jüngling lächelte erleichtert auf. Eine Minute später war ich an der Reihe und der junge Marco Reus bedankte sich noch einmal für das Geld. Worauf ich nur ehrlich sagen konnte: Ich hatte auch schon mal zu wenig Geld dabei. Da lachte Marco nur. So in Gedanken: „Das DABEI war hier nicht das Problem.“ Aber gar nicht böse.

Ich gehe dann also da so raus und da lädt der Mann mit der Alkoholiker-Nase sein Zeug in den Kofferraum seines alten Autos und ich denke mir so: „Warum eigentlich nicht?“ Gehe rüber und frage ihn freundlich, ob ich nicht auch eine Zigarette haben könnte. Und er sieht mich an und sagt: „Nein.“ Steigt in sein Auto und fährt davon.

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Gewohnheitslisten

 

 

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Ich besitze ein giftgrünes Notizbuch im DIN A 4 Format mit weißen Sprenkeln, dessen Seiten mathematisch kariert sind. Mein Vater kaufte es mit einer Reihe anderen vor über 20 Jahren bei einem Urlaub in der Tscheslowakei, also in einem Land, dass es heute so nicht mehr gibt, und ich erinnere mich noch wie stolz und wichtig ihm diese unbedruckten Bücher damals waren. Am Ende landen diese Dinge auf die man einmal stolz war, konsequenterweise in einem, dieses Mal in unserem Keller. Von dort zog ich es vor wiederrum ungefähr 13 Jahren hervor und begann damit, jeden Film den ich zum ersten Mal ansah, dort einzutragen. Seit dem 30.11.2003 sind es – verklagt mich nicht auf Lückenlosigkeit – 1516 Filme gewesen.

Der Gedanke zu diesem Listenwesen drängte sich mir auf, da ich zu jener Zeit fast täglich in die Videothek ging und Filme auslieh, in einer so großen Zahl sogar, dass ich manche Videokassetten 2 bis 3 Mal auslieh, da ich einfach nicht mehr wusste, das ich sie schon gesichtet hatte. Nun. Mit der Liste. Konnte ich nachschlagen. Was ich nebenbei so gut wie nie getan habe. Sie aber in die Liste einzutragen, das wurde mir unglaublich wichtig. Ich mache das auch heute noch, wobei es mich eher nervt.

 

Das sollte jetzt eine Metapher dazu sein, warum ich in den letzten Wochen und auch schon Monaten keinen Blog mehr geführt habe: Es war alles zu einer unattraktiven Gewohnheit verkommen, die auf einem Grund basiert, die man in der gegenwärtigen persönlichen Entwicklung der blanken Jetzigkeit nur noch erahnen kann.

 

Auch meinen eigenen Blog lese ich so gut wie nie wieder, keine Ahnung wie ihr es mit euren haltet. Der Blog ist für mich immer mehr eine Liste gewesen, dessen Register man täglich aufzufüllen hat, zugegebener maßen mit Tagebuchartigen Zügen, denn der, der schrieb, war ich im Jahre des Monats am Tage in der Stunde: Einzigartig. Kein anderer. Ich, das vergangene Ich, eine fast schon vergessene Kompletterzählung, sowie ein Film  je nach Betrachtung immer auch ein Meilenstein oder ein Relikt seiner Zeit ist.

 

Ich hatte mir Mühe gegeben meine Betrachtung ins Weltgeschehen einzuordnen (auch wenn es eher umgekehrt der Fall war) und irgendwann war die Energie vom Tage Null weg, aufgebraucht, versprüht, was auch mit dem Jahr 2016 zu tun hat. Ein Jahr der Umwälzungen, von den Meisten von uns nicht positiv konnotiert.

In diesem Jahr habe ich wenige Blogs oder auch Zeitung gelesen, mehr Kurznews, wie es in der Gegenwart der Fall ist und die haben mich nicht intellektuell stimuliert, nein, sie haben meinen Geist beschnitten, ihn mit ihrer blanken Fülle erschlagen (was ich hier oft zum Thema machte). Zudem waren mir die Veränderungen, die Themen zu komplex um sie mit dem löcherigen mir zur Verfügung stehenden Schmetterlingsfangnetz meiner eigenen Psychologie zu fangen, und katalogi- und kategorisieren; die Menge an Umwälzungen war mir einfach to much als sie auf simple Formeln zu reduzieren, was leider wieder von anderen übernommen wurde. Das war schwach von mir, denn gerade in diesem Jahr wäre es wichtig gewesen dauerhaft und überall die richtige Haltung auszustrahlen und von sich zu geben. Aber ich war so erschlagen von der Arbeit, so gelangweilt von dem Listenwesen meiner Philosophie und auch viel zu satt von meinem persönlichen und sozialen Wohlstand, als dass ich noch Lust gehabt hätte mich an den Übergroßen Debatten zu beteiligen. Es kam viel zusammen was mir als Ausrede dient. Und doch fehlte mir die letzten Wochen das gewisse Etwas, durch das ich mich komplett fühlte. Also muss ich wieder Schreiben lernen, was in unserem Fall Sprechen lernen bedeutet.

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Als ich die Film-Liste begann, dachte ich, dass jeder gesehene Film auch irgendwie ein Teil von mir sein würde, da er mich mit seiner Geschichte, seiner Handlung, mehr oder weniger prägt und dass ich bestimmte Genres von Filmen sehen müsste, um der zu werden, der ich bin, auch, wenn ich viel lieber die schnelle und kurzweilige Unterhaltung hätte, die mich nicht fordert und mich menschlich nicht voranbringt und ganz egal wie Mühsam es war sich  viele Jahrelang die Arthouse-Filme, die Lars von Triers und die Hanekes anzusehen, hatte ich damals doch auch Recht: Man muss sich selbst bis zu einem gewissen Grad fordern, gerade geistig, sonst ist man nur noch ein Streaming-Dienstdurchklicker, der dünne Serielle Unterhaltung als großen Gesellschaftsroman missversteht… Also ja, nach der schlechten zweiten Jahreshälfte 2016 ist es wieder Zeit geworden sich selbst eine Stimme zu geben, sich selbst zu quälen und sich Gedankensphären auszusetzen, die mich nicht nur fordern, sondern überfordern. Was solls? Also ran an den Speck.

Heute ist mein erster Urlaubstag, mal sehen ob das so klappt wie ich mir das vorstelle.

 

Und an meine Blog-Freunde: Hallo Leute, schön das ihr noch da seid 🙂

Lieblingsband: LCD Soundsystem live

Es gibt beste Bands, und Lieblingsbands 😉

Und auch wenn die Combo um James Murphy und Nanxy Whang nicht mehr ganz so taufrisch sind, egal. Sie sind die perfekte Band zum TANZEN und zum MITSINGEN

(Habe ich hier im „neuen“ Blog eigentlich schon das Video gepostet wo ich auf dem Southside fast eine Ein-Mann-Party zu LCD Soundsystem gemacht habe? Nein? Hier klicken – der Depp mit Brille und schwarzem Longsleeve in der Mitte)

Die Neureichen der Nüchternheit

Heute war ich beim Arzt. Vorsorgeuntersuchung. Ich dachte mir: „Nun ja Bürschen. Ist ja nicht so dass du den besten Lebenswandel hattest. Zu viel Alkohol. Zuviel Tabak. Zu viel Speed, XTC, Kokain… (LSD hätte man natürlich immer ein wenig MEHR nehmen sollen, egal) Mach doch mal lieber die Vorsorgeuntersuchung. Besser ist das. Ernährst dich eh nur von Fertiggerichten, Stress und Red Bull (das wahre Männergetränk). 35 bist du jetzt auch schon fast 10 Monate. Mach mal hin.“

Der Computer sagt zu meinen eingereichten und von ihm analysierten Proben: „Hey yo! Hast das alles gut weggesteckt Bruder. Wenn du keinen Krebs hast, bist du sogar vollkommen gut durchgekommen. High 5!“

Und ich so: „Whaaaat?!“

 

Saubere Sache das Ergebnis. Finde ich natürlich sehr gut.

 

Ich hab die Drogen gut überstanden. Hab neulich auch die letzten Freunde gekickt von denen ich lange dachte, sie wären meine Freunde – waren sie aber nicht (ich halte solange an den falschen Freunden fest, da ich Angst habe verlassen zu werden, da mich Mama damals zurück lies, glaubt der Psychologe in mir). Und wohne nun mit einer schönen, jungen, intelligenten Ärztin zusammen, die ich über alles liebe.

 

Mir geht es super. Besser kann es einem Menschen nicht gehen. Ich bin so glücklich wie ein verdammter Märchenprinz am Ende der Geschichte.

Aber… Und jetzt?

Das ist das Problem. Märchen enden. Der arme, trostlose Schlucker, der von der bösen Hexe, die seine Mutter war, alleine gelassen und verstoßen wurde, hat den bösen Drachen der Sucht besiegt, wohnt in seinem perfekten Schlösschen mit seiner Braut – und nun ist ihm (nach dem Abspann) langweilig.

Hm. Tja. Ja… Schon, schon…

Das ist die Sache wenn man solche Kicks erfahren hat, dass man glaubt Barfuß über die Sonne gegangen zu sein: Die Normalität fühlt sich echt fade an…

Was undankbar ist. Ich habe so ein tolles Leben. So eine tolle Frau, die so viel für mich aufgegeben hat. Und ich scheine trotzdem undankbar zu sein. Was nicht stimmt. Ich bin überhaupt nicht undankbar. Für alles. Das ist sogar das einzige Gebet was ich (wirklich) jede Nacht in mein Kissen flüstere: „Danke lieber Gott, dass mein Leben sich so entwickelt hat im Gegensatz zu dem was war.“ Denn mir ging es richtig, richtig scheiße und dreckig. Also so richtig. Und jetzt ist mein Leben super.

Und trotzdem fehlt mir der crazy shit. Das ist halt das Problem bei uns Neureichen der Nüchternheit: Wir müssen uns an euer Tempo erst einmal gewöhnen. Wir wollen es ja. Und wir wollen so sein wie ihr. Nur nicht… Ganz so… Obwohl. Was war man vorher?

Das dachte ich mir erst als ich bei einer Freundin auf Facebook las, dass ihre Freunde „sooo verrückt!“ seien. Aber die sind nicht verrückt. Kein bisschen. Das sind nur angepasste Primaten, die halt auch noch Drogen nehmen. Wenn überhaupt. Und so ähnlich war ich ja auch. Nur das Leben fühlte sich schneller und extremer an. War es manchmal. Nur bei Gott nicht die meiste Zeit. Die meiste Zeit war der shit nur anstrengend. Und verdammt… Vielleicht fehlt mir sogar der Stress… Wenn man es so gewohnt ist gestresst zu sein…

Ich wollte es meinem Hausarzt – der von meinem Leben keine Ahnung hat – schon bei der Vorsorgeuntersuchung sagen, als er nach Tabak und Alkohol in meinem Leben fragte: „Ja, geht so. Aber ich habe lange Drogen genommen.“

Arzt: „Wie lange?“

Ich mache alle drei Hände auf und zähle die Finger ab, und murmel: „Scheiße. Fast 15 Jahre… 10… Aber doch eher 15…“

15 Jahre Stress, Ekstase und Depri-Phasen. Kein Wunder das einem die Normalität zunehmend langweilig vorkommt. Vorkommen muss. Das ist irgendwie sehr unfair. Doch auch sehr logisch.

Nun. Ich werde mich daran gewöhnen. Und mir eine Aufgabe im Leben suchen. Ein neues Hobby. Irgendwas. Was das Leben ein wenig mehr besonders macht… Den „Muh-Deckel“ auf der Müllermilch-Flasche habe ich schon mal nicht gefunden (ich brauche nicht mal das Geld, es wäre nur nett so eine „besondere Erfahrung“ im Leben zu machen). Doch die Suche ist ein Anfang 😉

 

Hätte alles viel schlimmer kommen können. Sehr gut.

🙂

Speed-Kater

Nennt man in Wahrheit gar nicht so, oder: Ich meine einfach was anderes.

Heute in der Arbeit. Vor etwa drei Stunden. Ging ich eine Treppe bei unseren Lagertanks hoch (die Tanks selbst besitzen eine Höhe von ungefähr 6 bis 8 Metern). Da wurde mir unvermittelt eine Millisekunde lang schwindlig wurde, bis ich plötzlich einatmen musste wie ein Ertrinkender, der gerade noch im letzten Moment auftauchen konnte. Ein wirklich krasser Moment. Damit war es vorbei.

Mit „vorbei“ meine ich diesen monatelangen Zustand, in dem ich mich befunden habe. Darin  ist es wirklich so, als läge eine Decke über deinem Bewusstsein, ein wirklich wahrer Sumpf im Sichtfeld. Alles ist gedämpft. Die Die Welt fühlt sich unscharf an. Nur noch starke Gefühlsregungen sind möglich und ich dämmere dahin, während ich arbeite, lese, schreibe, fernsehe, ficke. Zwar vergesse ich immer wieder, dass ich mich „komisch“ fühle. Fühlt man sich aber Wochen (dieses Mal Monatelang) „komisch“, nimmt man das gar nicht mehr als Komischness war. Es wird einfach Normalität.

Ich hatte das seit Berlin im Frühjahr, wovon ich mir auch ein nerviges Knacksen im Kiefer mitgebracht habe, immer wenn ich meinen Mund zu weit aufmachen – Ecstasy sei Dank. Seit Berlin bin ich gar nicht mehr richtig aufgewacht. Aber weil ich ja Jahrelang teilweise jedes Wochenende sehr viel Chemie… Fraß! Dennoch aber uch immer mal wieder Pausen machte, wusste ich, dass dieser versumpfte Zustand sich irgendwann einmal aufhellen würde wie der Nebel in einem britischen Hochmoor (okay, ich war noch nie in England, stelle es mir aber so vor).

Seltsam ist, wie schnell und schlagartig die Welt um mich herum klar wurde – und das es bis jetzt sogar anhält. Normalerweise sind diese „Klarheitsmomente“ nur von kurzer Dauer. Der Nebel kommt zurück. Und bevor man ganz „geheilt“ ist, nimmt man eh wieder was.  Dann geht es wieder abwärts ins Sumpfloch.

Jetzt nehme ich nichts mehr. Gott sei Dank. Und ich bin wieder ich selbst. Kann besser denken, reden, reagieren. Hoffe, dass das so bleibt. Und ich nicht doch wieder gierig werde.

Echt krass. Das war vorhin gerade wirklich wie in einer Filmszene, wie in Pulp Fiction.

Den Blick frei geradeaus

Schreibt doch mal wieder etwas. Denn nur wer Lebenszeichen sendet, wer sich meldet und sich gehör verschafft, der ist auch real für die anderen begreifbar; aha, so so, mhm. Wenns denn sein muss.

 

Es war ein sehr befreiendes Gefühl vorgestern meine alte Wohnung zu übergeben, es fühlte sich fast wie eine Beichte an. Dass diese Beichte kommen werden müsste, davor trug ich schon seit Jahren Sorge. Denn diese Wohnung, das war ja auch ich gewesen. Wie viele Stunden hatte ich mich dort alleine eingesperrt und Line um Line Speed gezogen? Und wie viele Stunden fraß ich dort Drogen   mit Freunden? Wie viel Gläser forderte dort mein Alkoholiker-Herz? Und wie viele Lügen verkaufte ich meiner damaligen Freundin als Wahrheit, während sie in meinen Armen lag?

Diese Wohnung war meine „Festung der Einsamkeit“, nur war ich kein Superman, ich war ein ganz armes Würstchen. Ein Lügner, ein Dieb, ein Bastard – und ich war sogar noch stolz darauf…

Es war ja schon immer so, dass ich nur das Schlechte in der Vergangenheit sehe…

 

Natürlich war auch vieles gut und toll gewesen. 10 Jahre, eben nicht nur die gleiche Scheiße. Bei einer Beichte aber denkt man nicht an die Triumphe und die Freiheit, man denkt nicht auf direktem Weg an die Liebe, nur auf schuldbeladenen Umwegen. Auch wenn es die Redewendung gibt, beichtet man niemals seine Liebe oder sein Glück. Es geht nur um Schuld und Peinlichkeiten. Eines Tages aber will ich meine Glück beichten können.

Als ich ein paar Minuten vor der Schlüsselzurückgabe alleine in der Wohnung war, überkam mich dann doch die Melancholie, und mit ihr fast ein Lächeln. Dort war ich einmal schwitzend zusammen gebrochen. Da hatte ich immer meinen Stoff versteckt (vor wem eigentlich?). Hier war mein PC gestanden, mein Leuchtturm in die Außenwelt… Das Alles würde mir überhaupt nicht fehlen.

Mit 35 Jahren stand ich dort und sah auf ein ganzes Lebenskapitel zurück, das nicht nur aussah wie eine leere Wohnung mit weißen Fließen, es fühlte sich auch so an. Ich habe mich selbst sehr gehasst in diesen vier Wänden. Ja. Verachtet sogar. Hatte versucht mich mit meinem Glück langsam umzubringen. Das ist die Wahrheit… Aber wenn das die Wahrheit ist, warum ist mein Gesicht jetzt schon durchfurcht von Lachfalten? Da entkommt mir ein Lächeln.

Mein Vermieter konnte die Schuld selbstverständlich nicht sehen, er erahnte es sicherlich nicht einmal. Er hat nicht die richtigen Augen und nicht den richtigen Verstand um zu verstehen, weshalb ich mich um vieles nicht gekümmert hatte, weshalb meine Wohnung in bestimmten Grau-Bereichen sehr verwahrlost war. Es gibt Gründe für das Menschliche Tun. Und somit waren die Löcher in der Wand, die herausgefallenen Schubladen oder Scharnierlosen Schränke mehr als die Produkte meiner Handwerklichen Unfähigkeit. Sie waren Zeichen der Sucht und der Selbstzerstörung. Anzeichen einer grundlegenden Scheißegaligkeit.

Ich bin höflich zu meinem Vermieter. Er ist ein netter Kerl. Und er sieht natürlich nur SEINE Wohnung und nennt mich die ganze Zeit den „idealen Mieter“, da ich nie viel forderte, einigermaßen ordentlich war und vor allem immer pünktlich zahlte. Hatte ich das schon früher so verstanden. Dann hätte ich keine Angst vor diesem Moment gehabt, in dem ich vor ihm Rechenschafft ablegen muss. Und ja klar, es war keine Rechenschaft, für niemanden, nur vor mir selbst, und das fühlte sich noch befremdlicher an. Da war ich doch glatt davongekommen. Wie ist denn das passiert?

 

Jetzt sitze ich vor meinem alten PC, in meiner neuen, schönen Wohnung und habe das Gefühl als würde ich über deinen Fremden schreiben. Und das ist ein gutes Gefühl. Das Ironische ist, dass ich früher so hohe Stücke auf mich selbst hielt und ich den Typ von damals gar nicht mehr leiden kann. Ich bewundere ihn um seine Ideale, ja. Um seine Wut. Und auch um seine Fähigkeit blind für die Lösung der eigenen Probleme zu sein und sich in Literatur und Geschichten zu stürzen, um in der Abstraktion eine Lösung zu finden… Ich war zwar nie eine richtiger, doch mehr Künstler als vor 5 bis 10 Jahren werde ich nie wieder sein. Und ich habe es überlebt.

 

Gestern war eine alte Freundin bei mir, die 8 Monate in Südamerika war und nur zurückgekommen ist, um ihr Leben wieder aufzulösen und abzuhauen. Raus aus Deutschland, wo wir uns alle im Bekanntenkreis die Geschichte von unseren schleichenden Arbeitserkrankungen erzählen: Depressionen. Burnout. Verschlissene Körper. Dagegen sie mit ihrer fröhlichen Art und des Selbstbestimmung, mit diesem ungeheuren Egoismus auf jeden und alles zu scheißen, und frei zu sein. So kann ich nicht sein, will ich auch nicht. Doch ihr Egoismus – nennt es Selbstbestimmung – flößt mir Respekt ein, jedoch auch Mut. Den Mut, auch wenn man sich jetzt in die konservative Ecke gestellt hat, einen neuen Lebensabschnitt auch anzunehmen. Schließlich bin ich ein Überlebender, und ja, scheißdrauf, selbst wenn ich diesen Umstand idealisieren sollte, kann und werde ich daraus Energie schöpfen. Ihr werdet schon sehen.