Der Text zur Nacht (186) Ich scheiß auf Ibiza

Auf dem unteren Fach des Glastisches liegt eine DVD-Hülle. Irgendwas mit Techno heißt das Ding. Eine echte, gekaufte DVD. Eine dieser unzähligen Dokumentationen über Techno und wie alles begann – davon gibt es Dutzende. Die Idee ist: Weil man das Gefühl von Techno nicht beschreiben kann, erzählen die Protagonisten von damals (meistens die DJs oder Club-Betreiber), wie sie alles erlebt haben, diese außergewöhnliche Zeit in der die Jugend Deutschlands und natürlich vornehmlich Berlins den Traum von einer besseren Gesellschaft träumte; hat man jedoch ein paar dieser Dokus gesehen (bei denen man gleich erkennt welche für das Fernsehen produziert werden, wenn die eigentlich überflüssige doch unvermeidliche Marusha auftaucht) hat man schnell das Gefühl eine Mischung aus einem 90ger Jahre Hippie-Nachruf mit einem gewissen Guido Knopp Touch zu sehen, da in diesen Zusammenschnitten immer wieder die gleichen Wahrheiten ein wenig anders vertont und/oder bebildert werden, dieses „Wie-Alles-Damals-Und-Besser-War“ und am Ende klopfen sich alle DJs gegenseitig etwas auf die Schultern, wie toll sie doch sind. Selten kommt da Kritik auf und dann geht es auch nur um das olle Kommerz vs. Underground-Gedöns. Ich habe viele von diesen Dingern gesehen. Aber. Mit mir hat das nichts zu tun. Rein gar nichts.

Ich habe es eingangs im Text schon einmal erwähnt. Als ich dazukam, da gab es diesen ganzen Wahnsinn schon. Die Clubs, die DJs und den Sound. Deswegen gehen diese Geschichtsstunden an mir und meiner Persönlichkeit vorbei. Trotzdem guckt man das gern, da es FAST das ist, was man ist…
Dann gibt es da natürlich auch noch Dokumentationen über gewisse „Kult“-Clubs (produziert für die selbigen), die ebenfalls in weiten Teilen nur Selbstbeweihräucherungen sind, da man mit Worten diese Schönheit die man dort sich erlebt und ertanzt hat, nicht greifen kann – das klingt dann nur für diejenigen geil, die wirklich in diesem Club waren und dann erfüllt das Ganze im Prinzip auch nur den Zweck eines Nostalgie-Pornos.
Apropos Porno: Von Ibiza mit ihren „unglaublichen“ Partys schwappen jedes Jahr immer mehr gefilmte DJ-Gigs ins Netz, siehe „Dance-Trippin-TV“ usw. usf. Diese Mitschnitte haben für mein Gefühl jedoch nichts mit Techno zu tun. Mal von der Kommerzialisierung des alljährlichen ibizenkischen Sommers abgesehen und dass dort ohnehin nur die „Schönen und Betuchten“ feiern gehen, transportieren die Bilder aus den dortigen „besten Clubs der Welt“ (siehe: Space) nur eine Message und zwar die des Sexes. Es werden fast immer nur hübsche Frauen beim Tanzen gezeigt – und natürlich der Superstar DJ ala Carl Cox. Der Carl ist ein göttlicher DJ, doch diese Mitschnitte sind im Prinzip nicht mehr als Onaniervorlagen für die druffen Daheimgebliebenen, die die geilen Weiber anglotzen und zum dem Sound mit dem Kopf mitnicken während sie es selbst nicht vom Kanapee geschafft haben. Also selbst wenn ich auf Ibiza-Techno stehen würde, wäre ich in solchen Produktionen nicht zu sehen, da ich einfach nicht fotogen genug für diesen Blick auf die Szene wäre. Schönheit gehört zu den Dingen, die wir alle gerne sehen. Nur. Hat Schönheit nicht besonders viel mit der Wahrheit zu tun. Sie ist ein Teil der Wahrheit, selbstverständlich. Nur wenn die Normalität draußen bleiben muss, dann hat das nichts mit Techno und Freiheit zu tun. Das ist elitärer Unsinn und es ist wirklich schade, dass wir einen wichtigen Teil der Szene dorthin verloren haben; Frage: Warum haben wir das zugelassen? Und ich meine nicht den Ausverkauf, sondern das geht schon bei der Türsteher-Politik los…
Wer die Macht über die Bilder hat, hat auch die Deutungshoheit und diese verloren wir schon beim Ablichten der Love Parade. Feiern ist mehr als Sex… Es gibt diesen sehr wahren Ausspruch, dass sich das ganze Leben um Sex dreht, außer Sex selbst, denn dort geht es um Macht (nicht immer, aber weites gehend). Zu Techno zu feiern ist wie Sex – ohne unterdrückerische Macht über jemand auch nur ansatzweise ausüben zu wollen. Es ist besser als Sex. Es ist reiner. Die transportierten Bilder sind also ein Missverständnis. Eine Teilwahrheit. In der wir nicht vorkommen. Auch nicht vorkommen WOLLEN. Unsere Wahrheit ist nicht zeigbar und kann auch nicht abgefilmt werden.

Über uns gibt es keine Dokumentationen. Niemand will unsere Fressen sehen. Unsere Aussagen sind viel zu banal und tausend Mal schon erzählt worden. Doch wir sind es, die dem ganzen Scheiß seit über 10 Jahren, Wochenende für Wochenende, die Stange halten. Ohne uns, gäbe es das Ganze nicht. In den Berichterstattungen hingegen geht es nie um uns. Da sind wir Underground im Underground im Underground. Weil wir eben nicht wie Sven Väth um die Welt jetten und vor den schönsten Kulissen der Welt tanzen, sondern im grauen Ruhrgebiet oder im biederen Baden Württemberg. Das ist nicht schön genug, ganz gleich wie wahr es auch ist. Deswegen ist es für die Menschen die dort feiern nicht weniger wichtig, gerade für die Menschen, die es nicht so schön haben sollte die Musik doch die Antwort sein – oder anders ausgedrückt – da wo man sonst bieder, moralisch und langweilig ist muss der Suchende in der Musik Erlösung finden können und nicht sonstwo an irgendwelchen Traumstränden an der nicht zuletzt die Liebe käuflich ist, dort, kann es ja jeder.

Ich weiß noch wie Sven Väth damals auf der TDK Time Warp aufgelegt hat (der „Gude-Laune“-Gig, ich war da) und später hat er es in München noch mal wieder holt; er quatschte ins Mikrofon irgendwas davon, wer alles auf Ibiza stehen würde. Die Leute jubelten (gut, wann nicht?), doch ich kam mir einfach nur verarscht vor, denn, was interessiert mich Ibiza? Ich bin hier und jetzt da und will dass der beste Väth aller Zeiten eine legendäre Party raushaut, ich bin nicht deswegen gekommen dass er mir was von ner Party an nem Ort erzählt, an dem ich nicht bin und auch nicht sein werde, auch nicht sein will. Das war so abgehoben bescheuert und kaputt in der Situation, dass man am liebsten mal dem Herren Väth auf die Schulter geklopft hätte um zu fragen: „Sag mal geht´s noch Alter? Da unten stehen mehr als paar Jugendliche und alte Liebhaber deiner Kunst die dich verehren, für dich ihr schwer verdientes Geld ausgeben und du machst dich über sie lustig in dem du ihnen mit Orten kommst, wo sie sich das Feiern gar nicht leisten können und dass es dort viel geiler ist als hier? Merkst du eigentlich noch irgendwas?“

Meine Generation hat keine Helden aus dieser Richtung. Selbstverständlich haben manche eigene Sachen geschaffen. Es gibt herausragende, später geborene DJs und Produzenten und natürlich die neuen Club-Betreiber mit ihren neuen Konzepten (wieder zum Großteil aus Berlin) aber das sind alles nur Nachlassverwalter von früheren Ideen. Etwas wirklich Neues hat sich keiner mehr getraut. Und das ist das wirklich traurige an der Geschichte:
Die alten DJs und Protagonisten dokumentieren ihren Aufstieg und ihr Scheitern an der Wirklichkeit, so wie die Hippies einst gescheitert sind und nur noch ihre Erinnerungen vermarkten – und da sie ihr Versagen so sehr zelebrieren (und sogar damit noch ihr Geld verdienen) graben sie künftigen Ideen den Idealismus ab. Denn. Wenn sie scheiterten, dann müssen wir das doch auch, oder? Wirklich?

Ich sehe den zappelnden Andi neben mir an. Nein. Solche Typen gibt es im Fernsehen nicht. Nicht einmal solche Szenen wie diese jetzt hier. Es ist zu wahr und zu echt, also zu deprimierend um das ab zu filmen oder nachzuerzählen. Deswegen ist das Alles hier nichts weniger als die Wahrheit. Die ganze Wahrheit, und die will man weder hören noch ertragen.

Einen Moment lang wundere ich mich, dass ich mich gar nicht mit Andi streite. Gründe hätte ich genug dafür. Dennoch reden wir kein Wort über das was vorgefallen ist. In meinem Kopf ist diese ausgelutschte Leere und ich wüsste nicht einmal, wo ich anfangen sollte mich über ihn zu beklagen. Andi ist ein Egoist und Ignorant. Das ist nun aber auch nichts Neues. So ein verrückter, wenn auch netter Irrer wie er kann gar nicht anders als auf einer bestimmten Ebene ein Arschloch zu sein. Wir sehen das nur nicht unter seinem ganzen „Wiek-Wiek-Ich-bin-So-ein-Kind“-Scheiß. Wobei sich als erwachsener Mensch so zu präsentieren natürlich absolut ignorant gegenüber der Wirklichkeit ist… Die Zeichen sind da – und wir wundern uns dennoch darüber. Da wir die Menschen nicht so sehen wie sie sind, sondern so, wie wir sie sehen wollen. Es ist eine Wirklichkeitsblindheit auf allen Ebenen.