Sunset clubbing mit Sedef Adasi in Augsburg – Corona-Party

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Neue Probleme fordern kreative Lösungen. Dachte sich das „Theater Augsburg“ und bietet inzwischen eine kleine Lösung für das Problem der geschlossenen Clubs an. Jeden Donnerstag wird im Martini-Park zwei Stunden lang aufgelegt. Vorne die DJ. In abgekreideten Planquadraten in Front kann man dann auf seinem Stuhl rumlümmeln oder dort tanzen. Keine Ahnung, wie viele Quadrate das waren. Es hat auch nicht ganz funktioniert. Auf einem Video, dass ich gemacht habe, sieht man halt auch eindeutig, wie die „Raver“ auf die Abstandsregeln scheißen und zumindest bei ihren Freunden einfach ohne Mundschutz herumlaufen. Uns alte Männer haben indes keine jungen Frauen belästigt. Die Aktion dauerte eh nur 2 Stunden. Und ich als nüchterner Autofahrer kam bei der ganzen Geschichte leider nur so semi-gut rein.

Ich mag Sedef Adasi. Hab sie mal nem Festival in Friedberg gehört. Frauen die Auflegen, sind mir schon länger sympathisch, als dass es „in“ ist. Und so als Augsburger Urgewächs mit einer Residency im „Blitz“ in München, kann man so einen Act ja auch mal lokal supporten; es gibt ja eh nichts, wohin man mit guten Gewissen gehen kann. Der Martini-Park ist eine schöne Anlage. Da könnte man ruhig mal öfters hingehen oder etwas veranstalten. Nur das mit der Hygiene hat mich nicht so überzeugt. Ich komme ja fast frisch aus einem Aufenthalt im Allgäu, wo es im Hotel wirklich an jeder zweiten Ecke einen Desi-Spender gab. Hier wurde nur so pro forma auf Masken- und Abstandsregelung geachtet. Jetzt mag man sagen: „Fleming. Sei doch nicht so ein Spießer. Unter freiem Himmel feiern, da kann doch nicht viel passieren.“ Im Normalfall stimmt das. Sogar im Corona-Normalfall. Doch meine Frau ist schwanger und da muss ich sie nicht mit Corona anstecken, nur weil ich die Sehnsucht habe, mich noch einmal wie 20 zu fühlen und die nicht gut genug auf ihre Besucher achten. Und ja genau: Nirgendwo habe ich mich weniger 20 gefühlt, als gestern dort im Martini-Park.

Am Sound hat es nicht gelegen. Die Frau Adasi spielte als zwei Platte gleich eine von Peggy Gou. Da kann weiß man schon, wo die Richtung hingeht. Chillige Housetunes. Ein wenig Techhouse. Nix wildes. Die will doch nur spielen. Trotzdem hatte ich niemals vor, da herumzutanzen. Nüchtern auch noch. Bei hellichstem Sonnenlicht (auch wenn es zuvor einen Wolkenbruch gegeben hatte und sich die Wolkendecke nur zäh lichtete, ein paar Tropfen inklusive). Und neben einem und drum herum in ihren nicht ganz so eingehaltenen Quadraten, die zu meist jungen Leute, die sich ihres Lebens freuten. Irgendwie kam ich mir selten so alt vor, wie gestern. Was Dunkelheit alles ausmachen kann.

Dennoch. Heute Morgen in der Retroperspektive, fand ich es eine gute Idee, den Ausflug gemacht zu haben. Nicht nur wegen Corona. Mehr wegen der Comfort-Zone. Möglich, dass das auch zusammenhängt. Denn wegen Corona sitzen wir ja immer noch ein wenig zuhause fest. Und man gewöhnt sich auch sehr gut, an das festsitzen. An den häuslichen Wohlstand. Die Herumliegerei. Nein. Lieber sich ein wenig fehl am Platz unter jungen Leuten fühlen, als sich in sich selbst abzuschotten und nur das zu machen, was einen zu 100 Prozent abholt. Die Verdummungsgefahr ist in solchen Szenarien stark erhöht. Also stellt da drüben noch ein paar Desi-Spender mehr auf und achtete ein wenig mehr auf die Abstandsregeln – dann sehen wir uns nächste Woche.

Und an meine Freunde im Club-Gewerbe: Ist mir schon klar, dass ihr nicht die Möglichkeiten einer geförderten Kultur-Veranstaltung habt. Trotzdem müsst ihr kreativ sein. Dann geht da auch was. Die Leute sind bereit, auch neue Wege zu gehen.

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Orlando – Was ist mit der Anteilnahme?

Ich hab ein wenig gewartet und habe über die „Ereignisse“, über das Morden in Orlando, nachgedacht. Es sollte bekannt sein dass dort ein fanatischer Mörder in einem Schwulenclub, dem „Pulse“, 50 Menschen erschoss und fast genauso viele verletzte.

Wie vor ein paar Monaten bei dem Konzert der „Eagles of death metal“ wurde hier konkret, sogar noch konkreter, meine Lebensart angegriffen, wobei das nichts mit meiner sexuellen Orientierung zu tun hat. Das Nachtleben war mein Leben und ist noch immer meine Lebenseinstellung und auch wenn ich in meinem Dasein nicht viel in Schwulenclubs unterwegs war tanzte ich fast zwei Jahrzehnte zu Musik, die nicht nur sehr tolerant jeder Art von Sexualität gegenüber war und ist, nein es geht noch weiter, denn House und Techno ist von den Schwulen groß gemacht worden. Meine Anteilnahme ist bei den Opfern. Wirklich.

 

In Folge des miesen und feigen Anschlags habe ich bei irgendeinem Online-Medium, verlinkt über Facebook, einen bewegenden Artikel gelesen, in denen der Autor, selbst homosexuell, darauf pocht, dass das kein Anschlag auf „unsere gemeinsame Lebensart“ war, sondern auf die der Homosexuellen. Die Begründung ist gut: Der schwulen Club ist der Ort, an dem homosexuelle Männer (oder auch lesbische Frauen) sich endlich frei fühlen können, ohne sich beobachtet und in eine Ecke gestellt fühlen zu müssen. Der Gay-Club als „sichere Zone“, in welcher man Vorurteilsfrei der sein kann, für den man vor der Tür verspottet oder wenigstens belächelt wird. Und mit dem Anschlag auf diese sichere Zone hat der Mörder versucht den Menschen  die letzte Sicherheit zu nehmen, an Orten, in denen sie sie selbst sein können.

Wie gesagt, eine gute Begründung.

 

Ich bemängele dennoch die Ausgrenzung der Anteilnehme, die einem normalen, mitfühlenden Hetero wie mir da entgegentritt. Natürlich hat der Autor Recht. Und er hat allen Grund um wütend zu sein und hier eine konkrete Linie zu ziehen: Überall ihr mit euren Vorurteilen und Klischees – hier wir. Das macht alles Sinn.

Anteilnahme sollte man dennoch nicht ablehnen.

 

Im Normal- und Glücksfall werde ich niemals spüren, wie es ist vergewaltigt zu werden, wie es ist in einem Krieg zu leben, wie es ist wenn Freunde und Familie einen gewaltsamen Tod sterben. Ich werde so Gott will niemals wirklich hungern müssen. Oder von Fremdenhass verfolgt werden. Ja ich weiß, ich, du, wir haben sehr privilegierte Leben. Auch wenn der eine oder andere zu einem besonderen Kreis zählt. Dem Kreis der Geschändeten. Dem Zirkel der Verachteten. Der Gruppe der Traumatisierten. Ich will das jetzt nicht auf „jeder hat seine Last zu tragen“ herunter brechen, ein wenig geht es dennoch darauf zu.

Das Problem an diesen Kategorisierungen ist nur, dass durch dieses Grüppchen-Denken andere ausgeschlossen werden. Wisst ihr, ich weiß nicht wie es ist ihr zu sein, wie könnte ich? Dabei weiß ich dennoch wie es ist, ein empathischer Mensch zu sein.

Schmerzen und Leid definieren dich. Sie stellen dich abseits und in diesem Abseits stehen noch andere Menschen und ja, mit ihnen kann man geschlossen gegen die Gesellschaftlichen Konventionen an leben, um das zu sein, was im Prinzip jeder von uns ist: Normal. Jeder auf seine Art. Das ist ja auch etwas Gutes. Die Gruppe gibt Zuspruch, Halt und du findest Gleichgesinnte. Man sollte sich nur nicht in seiner Gruppe abschotten und sich – auch wenn man es auf der einen Hand natürlich ist – für etwas Besonderes halten und dadurch wieder Leute ausschließen, denn das ist die Kehrseite der Medaille: Auf Ausgrenzung erfolgt in einer Minorität nur wieder Ausgrenzung der Majorität und so sollte es nicht sein. Wenn Menschen Anteilnahme, ehrliche Anteilnahme ablehnen, stoßen sie den Anteilnehmenden vor den Kopf: Und stoßen ihn in die falsche Richtung. Auf bedingungslose Akzeptanz und Anteilnahme sollte man eben genauso damit reagieren. Denn wenn wir die Schmerzen, das Leid und die Schmach nur für uns und unsere Gruppe postulieren, stoßen wir die anderen von uns fort, was einen Teufelskreislauf zur Folge hat.

 

Ja. Nein. Ich werde es zum Glück nie erleben meine Sexualität unterdrücken und verstecken zu müssen. Das macht mich zu einem glücklichen Menschen. Dafür bin ich dankbar. Und ich weiß dass es bei manchen von euch nicht so ist. Aber deswegen sollten wir uns dennoch gegenseitig erlauben, mitfühlend mit den anderen zu sein. Denn der Mangel an Mitgefühl für uns (auch für uns selbst) treibt uns nur weiter auseinander. So wie es jeden einsamen Versager, der später als Amokläufer endet, von uns weggetrieben hat.