Das Haus der kalten Ecken

Der „Jonas Komplex“ von Thomas Glavinic ist wie ein Triptychon geschrieben. Eine der drei Geschichten handelt von einem kleinen Jungen, einem Schachgenie, dass, wie es das Klischee über „Schachgenies“ und „Genies“ im Allgemeinen  in der Literatur oft an sich hat, ein einsamer Außenseiter ist, der zuhause niemand hat und auch dort draußen, in der großen Welt, streifen ihn die Menschen nur wie Geister, die kommen und gehen, aber niemals längere Zeit bei ihm bleiben, ähnlich Reisebekanntschaften, die auch immer nur kurz auftreten und verschwinden.

Dieser Junge, der erinnert mich schwer an mich selbst. Wahrscheinlich geht das vielen Kindern so, die dieses insgesamt eher mäßige Buch lesen. Es ist eben auch ein Buch über die Einsamkeit und wie man damit umgeht. Wie man alleine gelassen wird oder die Einsamkeit sucht; der Junge sucht sie nicht. Er hat den Drang am Leben teilzunehmen und geliebt zu werden. Doch da ist nur die kalte, leere und für ein Kind viel zu große Wohnung, die in der Tatsächlichkeit der Erwachsenen eher schmal bemessen zu sein scheint, da sie, im Gegensatz zum Knaben, eine Ahnung davon haben, dass ihnen die ganze Welt offen stehen könnte.

 

Das Kind kennt jeden Winkel dieser vertrauten Wohnungszelle, in der es darauf wartet bis jemand kommt, der es, wenn auch nicht gleich liebt, zumindest füttert. Geschieht das nicht, wenn keiner da ist, es nicht einmal die Perspektive gibt um diese oder jene Uhrzeit „jemanden“ anzutreffen, was häufiger vorkommt als es sich die helikopternden Eltern der Gegenwart vorstellen können, sucht man sich halt irgendwo im Haus etwas zu Essen, Konservendosen mit irgendeinem eingelegten Obst, alte Kekse, zur Not auch einen vertrockneten, zumindest leicht süßen Tee… Und erforscht auf diesen Expeditionen alle verstecken Winkel des Hauses, entdeckt Dinge und verstaubte Ecken, die von Erwachsenen längst vergessen wurden. Ein Haus kann eine komplette alte Welt sein. Voller Erinnerungen, ohne Gegenwart. Das Haus ist einfach da, in all den Stunden, in denen es keine Freunde gibt, da die etwas Besseres zu tun haben, an jenen nicht enden wollenden Nachmittagen, an denen DIE was mit ihren Eltern machen und man selbst nur das nervige Kind ist, dass in der heilen Welt anruft – und genervt abgewimmelt wird: „XY hat keine Zeit.“ „Schade…“ Ich nämlich schon… Viel zu viel davon…

 

Wenn Vater zuhause ist, ist er betrunken. Er hat es ja auch nicht leicht. Das hört das Kind aus seiner betrunkenen Stimme heraus. Die Frau weg. Und die anderen „Weiber“ machen nur Ärger. Wohin ist die schöne Familie die man sich aufgebaut hat? Da ist nur dieser fremde Junge im eigenen Haus, der weder mit ihm noch mit sich selbst etwas anzufangen weiß… Das Kind, dessen Namen man selbst ausgesucht hat, ist zu einem Fremden herangewachsen.

Ich erinnere mich noch an die Abende, als mein Vater im Essenzimmer schlief. Sturzbetrunken, den Kopf auf der Tischplatte. Schnarchend. Niedergestreckt wie ein gefällter Baum. Neben sich das halbleere Weizenbierglas. Daneben das immer gleich wieder ganz leere Schnapsglas. In dem „Bärwurz“ war. Dieser seltsame klare Schnaps aus der Steinflasche, der einen abgestanden apathischen Geruch aus dem leeren Glas heraus atmete. Der Junge hatte kein Mitleid mit Vater; der auch nicht mit ihm. Denn wenn Vater nicht kaputtgetrunken im Esszimmer am Tisch lag, machte er Radau. Der Junge bekam es ab, da er zu jung zum Davonlaufen war. Seine größeren Schwestern hatten es da einfacher. Sie waren alt genug und konnten je nach Belieben aus den Ruinen der Familie davon fahren, oder sich zumindest abholen lassen.   Von tapferen Rittern in schnellen Wagen mit lauter Musik. Nena sang. „Ich geh mit dir wohin du willst“.

 

Vater war kein Schläger, aber auch kein Mann des Wortes. Und vielleicht taten sie gerade deswegen der jungen Seele so weh, da die Worte nicht geschwollen gewählt waren, sondern schwer und bloß waren wie die Tatzen eines Bären, die auf ungeschützte nackte Haut schlagen. Dass der Junge nichts wert ist, darf es sich häufiger anhören. Schlecht erzogen sowieso. Und die Schuld darüber trägt die Mutter… Das typische Blahblah des gepeinigten und verlassenen weißen Mannes.

Natürlich liebte Vater ihn. Der Junge ihn auch. Es ging nicht um einen Mangel an Liebe und Verständnis. Die Situation war es, die grausam war. Wäre da nur jemand gewesen, der sowohl Vater als auch Sohn gesagt hätte, dass Situationen nur vorrübergehende Erscheinungen sind. Und wirklich: Mit den Jahren lernten sie nebeneinander her zu leben. Irgendwann war dieses finstere Mittelalter ihres Lebens vergessen. Für den Vater auch vergeben, was für das Kind unmöglich geworden war, da sich diese finstere Mittelalter der Isolation in seine DNA einbrannte, wie es bei Kindern landläufig der Fall ist. Und aus dem Kind wurde Mann. Und Mann lernte zu Trinken. Aber niemals, noch kein einziges Mal in meinem Leben, habe ich mich mit meinem Vater betrunken. Obwohl ihm das unglaublich viel bedeuten würde.

„Zuhause“ habe ich nie vermisst.

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Der Text zur Nacht (223) Ich will nachhause.

Vielleicht sind es auch nur die Drogen.

„Zuhause“. Dieses Wort trage ich oft in meinem Herzen, es stolpert regelmäßig aus meiner Seele, nicht aber weil ich „Zuhause“ angekommen bin, nein, es ist die Sehnsucht nach einer Heimat, die ich längst verloren habe und bewusst gar nicht mehr kenne.

Selbst als ich noch bei meinem Vater wohnte, oder jetzt, wenn ich in meinen gemietet vier Wänden sitze, kommt oft und unvermittelt dieser Satz daher, manchmal denke ich ihn nur unbewusst aus meinem Ich heraus. Manchmal spreche ich ihn auch in die Stille meiner Einsamkeit: „Ich will nachhause.“

Dabei weiß ich gar nicht. Wo das sein soll. Wo ist das? Dieses Zuhause?

Heimat ist für mich ein verlorener, ein zerstörter Begriff. Wie ein Vertriebener aus einem Garten Eden, ohne Möglichkeit zurückzukehren. Wie ein Flüchtling, der in Wahrheit ein Vertriebener ist, und nur nachhause will, zu seiner damals noch intakten Familie; nachhause in die Vergangenheit. Bevor der Krieg des Erwachsenwerdens mich für immer entstellte.

(Denn die Menschen erlangen durch das Erwachsenwerden keinen Charakter wie man fälschlicherweise glaubt; „Charakter“, „Erwachsen“, das sind nur Begriff für die Vernarbungen unseres inneren Kindes, für die Entstellungen unserer Reinheit).

Ich weiß nicht wo ich daheim bin. Vielleicht nehme ich deswegen Drogen. Obwohl… Ja… Nein… Ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass ich keines dieser Opfer sein will, deren Psychologie so einfach gestrickt und damit erklärbar wäre: Ja klar, die Kindheit ist daran schuld.

Das Trotz-Ich in mir lässt ein Kausales Nachdenken über mich selbst nicht zu.

„Heimat“ war für mich schon immer ein anderes Wort für „Erlösung“ gewesen…

Leider gibt es keine Erlösung mehr.

Ich will nachhause…

„Doch Bommerland ist abgebrannt“…

Ich will nachhause… In das Tal meiner Erinnerungen. Wo Maikäfer fliegen und blühen.

Wie oft flüchtete ich schon von sonst wo (aus der Schule, der Arbeit, von Freunden, Feinden und Gliebten) zu dem Ort an dem ich lebte, mein Jugendzimmer, eine meiner Single-Wohnungen, nur um dort schreckliche Einsamkeit unter Menschen oder alleine vorzufinden, doch keine Ruhe vor den Stürmen der Seele, vor dem unbewussten Bewusstsein am falschen Ort, in der falschen Zeit zu sein.

Das Herz und seine Seele sind die einzigen Koordinaten, nach denen wir in  der Raumzeit manövrieren können.

Heimat. Erlösung… Ich weiß nicht. Vielleicht geht es auch nur um Vergebung…

Ich will nachhause.

Zurück in die Kindheit. Wo man bedingungslos lieben und geliebt werden kann. Nachhause in die Unschuld…

Denn wisst ihr? (Seufzen) Es fällt mir nicht leicht es euch so zu sagen: Aber ich habe viele schlimme Dinge getan… Wirklich schlimme Dinge… Gegen Menschen die ich liebte. Auch wenn ich es nicht wollte. Gar nicht… Doch ich habe es getan… Es ist meine Schuld. Nicht die von jemand anderem.

Es war immer meine eigene Schuld.

Der Finger zeigt auf mich: „Durch meine Schuld. Durch meine Schuld. Durch meine große Schuld…“

Hier schließt sich die Türe.

Ich entwinde mich aus Alex Umarmung.