Von der Angst, gefressen zu werden

Während der neue Staubsauberroboter durch die neue Wohnung flitzt, ist mal wieder die Zeit gekommen die Gedanken öffentlich auszubreiten. Denn. Es ist schon unglaublich wieviel Zeit so ein Umzug in Anspruch nimmt. Kraft sowieso. Wobei es noch ungeheuerlicher ist, wie stark man sich geistig und körperlich von solchen Kleinigkeiten aus dem Tritt bringen lässt. Andere bekommen oder verlieren Kinder im gleichen Zeitraum. Wir. Sind nur umgezogen. Raus aus der kleinen schnuckeligen Wohnung. Rein in das neue Haus. Eine spießige und zugleich schöne helle Doppelhaushälfte. Der Schritt nach vorne ist in dem Fall ein Schritt zurück, da ich in diesem Haus einst aufgewachsen bin. Jetzt. Bin ich wieder da. Und die Vergangenheit mit mir.

Es ist schon seltsam in ein Haus mit so viel persönlicher Geschichte zurückzuziehen. Viele Jahre in diesen Mauern waren die schwierigsten meines Lebens. Jede Familie hat ihr Drama. Jeder Mensch sein persönliches Martyrium. Und der hohle Spruch von der Geschichte, die einen immer wieder einholt, erweist sich einmal mehr als wahr.

Tagsüber ist alles in Ordnung. Wir haben die alten Gemäuer mit dem Krempel vollgestellt, den wir (meine Frau und ich) in der gemeinsamen Wohnung in den letzten drei Jahren angehäuft haben. Es sind die gleichen Regale mit der Hundertschaft an Büchern. Das Kanapee. Die Bilder an den Wänden. Fast genauso wie in den letzten Jahren. Doch wenn es Nacht wird, treten diese Dinge in den Hintergrund. In der Nacht kommen die Geister. Scherzhaft sprachen meine Frau und ich darüber, dass echte Geister in diesem Haus gar nicht zugange seien könnten, da vor diesem Haus hier bisher nur nackte Natur gewesen war. Wiesen und Wälder. In diesen Wänden ist meines Wissens nach keiner gestorben. Und doch… Sobald die Sonne unser Tal verlassen hat, kommen die Geister aus den Ecken. Sie sind nicht neu. Die Dämonen waren schon immer da. Zeit meines Lebens verfolgen sie mich hier. Diese krampfhaft realen Einbildungen. Schon als Kind, dann als Jugendlicher, wie auch als junger Mann warf ich immer einen angsterfüllten Blick über die Schulter, wenn ich zwischen den Zimmern wechselte. Irgendetwas schien mich hier in diesem Haus immer aus den Schatten zu belauern. Monster mit spitzen Zähnen. Kobolde mit fiesen Messern. Den Schritt zu beschleunigen wenn ich die Etage wechselte, wurde mir zur Gewohnheit.

Ganz schlimm ist es im Keller. Den Keller packe ich nachts auch heute nicht. Zu verschlungen lang und verwinkelt undurchsichtig ist er mir geblieben. Die letzten paar Schritte die Stufen hinauf, fühle ich mich immer noch gleich von hinten an den Schultern gepackt. Beim Umzug war das kein Problem. Letzte Woche ging es dann wieder los. Die Geister öffneten aus den Ecken ihre hungrigen Augen. Mein Schritt wurde schneller. Mein Stressspiegel stieg. Mit einem Mal war ich wieder 10 Jahre alt und Pennywise mir wieder dicht auf den Fersen. Dieses Mal würde es… Und dann blieb ich unvermittelt im Keller stehen. Wie lächerlich die Situation doch war. Ich bin inzwischen 38 Jahre alt. Ein Meter 95 groß. Handwerker mit der entsprechenden Physis. Was zum Himmel sollte denn bitteschön aus den Ecken kommen und so einen geraden Mann wie mich bedrohen? Zu meiner Drogenzeit mit dem irren Blick und der schweren Lederjacke, war ich es, der anderen alleine durch meinen Auftritt Angst einflößen konnte. Und jetzt? Jetzt stand ich in meinem Keller und hatte Angst vor dem schwarzen Mann. Genauer gesagt hatte ich Angst vor mir selbst und meiner Phantasie. Lächerlich! Selbstbewusst ging ich nach oben. Wo kommen wir denn da hin? Dieser Tag war gelaufen. Aber ein paar Tage später sah es gleich wieder ganz anders aus. Die Dämonen die uns heimsuchen, sind in uns selbst. Die Geister die uns bedrohen, unsere eigene Vergangenheit. Wovor fürchtet sich mein Unterbewusstsein? Vor der Brutalität meines Vaters? Den Schlägen meiner älteren Schwester? Der Verachtung meiner Mutter? Meiner eigenen Wut, die ich mir selbst einst gegenüber ausdrückte? Was sind es für Dämonen, die mich heute noch davor Angst haben lassen, im eigenen Haus gefressen zu werden? Denn. Um nicht weniger geht es. Die Sorge, von der eigenen Furcht in Stücke gerissen zu werden. Dafür. Kann man leider nicht zu alt werden. Denn die Geister werden nicht weniger. Im Gegenteil. Das hier. Ist die Fortsetzung des Horrors. Und in den Fortsetzungen, wird noch einmal eine Schippe draufgelegt

Das Haus der kalten Ecken

Der „Jonas Komplex“ von Thomas Glavinic ist wie ein Triptychon geschrieben. Eine der drei Geschichten handelt von einem kleinen Jungen, einem Schachgenie, dass, wie es das Klischee über „Schachgenies“ und „Genies“ im Allgemeinen  in der Literatur oft an sich hat, ein einsamer Außenseiter ist, der zuhause niemand hat und auch dort draußen, in der großen Welt, streifen ihn die Menschen nur wie Geister, die kommen und gehen, aber niemals längere Zeit bei ihm bleiben, ähnlich Reisebekanntschaften, die auch immer nur kurz auftreten und verschwinden.

Dieser Junge, der erinnert mich schwer an mich selbst. Wahrscheinlich geht das vielen Kindern so, die dieses insgesamt eher mäßige Buch lesen. Es ist eben auch ein Buch über die Einsamkeit und wie man damit umgeht. Wie man alleine gelassen wird oder die Einsamkeit sucht; der Junge sucht sie nicht. Er hat den Drang am Leben teilzunehmen und geliebt zu werden. Doch da ist nur die kalte, leere und für ein Kind viel zu große Wohnung, die in der Tatsächlichkeit der Erwachsenen eher schmal bemessen zu sein scheint, da sie, im Gegensatz zum Knaben, eine Ahnung davon haben, dass ihnen die ganze Welt offen stehen könnte.

 

Das Kind kennt jeden Winkel dieser vertrauten Wohnungszelle, in der es darauf wartet bis jemand kommt, der es, wenn auch nicht gleich liebt, zumindest füttert. Geschieht das nicht, wenn keiner da ist, es nicht einmal die Perspektive gibt um diese oder jene Uhrzeit „jemanden“ anzutreffen, was häufiger vorkommt als es sich die helikopternden Eltern der Gegenwart vorstellen können, sucht man sich halt irgendwo im Haus etwas zu Essen, Konservendosen mit irgendeinem eingelegten Obst, alte Kekse, zur Not auch einen vertrockneten, zumindest leicht süßen Tee… Und erforscht auf diesen Expeditionen alle verstecken Winkel des Hauses, entdeckt Dinge und verstaubte Ecken, die von Erwachsenen längst vergessen wurden. Ein Haus kann eine komplette alte Welt sein. Voller Erinnerungen, ohne Gegenwart. Das Haus ist einfach da, in all den Stunden, in denen es keine Freunde gibt, da die etwas Besseres zu tun haben, an jenen nicht enden wollenden Nachmittagen, an denen DIE was mit ihren Eltern machen und man selbst nur das nervige Kind ist, dass in der heilen Welt anruft – und genervt abgewimmelt wird: „XY hat keine Zeit.“ „Schade…“ Ich nämlich schon… Viel zu viel davon…

 

Wenn Vater zuhause ist, ist er betrunken. Er hat es ja auch nicht leicht. Das hört das Kind aus seiner betrunkenen Stimme heraus. Die Frau weg. Und die anderen „Weiber“ machen nur Ärger. Wohin ist die schöne Familie die man sich aufgebaut hat? Da ist nur dieser fremde Junge im eigenen Haus, der weder mit ihm noch mit sich selbst etwas anzufangen weiß… Das Kind, dessen Namen man selbst ausgesucht hat, ist zu einem Fremden herangewachsen.

Ich erinnere mich noch an die Abende, als mein Vater im Essenzimmer schlief. Sturzbetrunken, den Kopf auf der Tischplatte. Schnarchend. Niedergestreckt wie ein gefällter Baum. Neben sich das halbleere Weizenbierglas. Daneben das immer gleich wieder ganz leere Schnapsglas. In dem „Bärwurz“ war. Dieser seltsame klare Schnaps aus der Steinflasche, der einen abgestanden apathischen Geruch aus dem leeren Glas heraus atmete. Der Junge hatte kein Mitleid mit Vater; der auch nicht mit ihm. Denn wenn Vater nicht kaputtgetrunken im Esszimmer am Tisch lag, machte er Radau. Der Junge bekam es ab, da er zu jung zum Davonlaufen war. Seine größeren Schwestern hatten es da einfacher. Sie waren alt genug und konnten je nach Belieben aus den Ruinen der Familie davon fahren, oder sich zumindest abholen lassen.   Von tapferen Rittern in schnellen Wagen mit lauter Musik. Nena sang. „Ich geh mit dir wohin du willst“.

 

Vater war kein Schläger, aber auch kein Mann des Wortes. Und vielleicht taten sie gerade deswegen der jungen Seele so weh, da die Worte nicht geschwollen gewählt waren, sondern schwer und bloß waren wie die Tatzen eines Bären, die auf ungeschützte nackte Haut schlagen. Dass der Junge nichts wert ist, darf es sich häufiger anhören. Schlecht erzogen sowieso. Und die Schuld darüber trägt die Mutter… Das typische Blahblah des gepeinigten und verlassenen weißen Mannes.

Natürlich liebte Vater ihn. Der Junge ihn auch. Es ging nicht um einen Mangel an Liebe und Verständnis. Die Situation war es, die grausam war. Wäre da nur jemand gewesen, der sowohl Vater als auch Sohn gesagt hätte, dass Situationen nur vorrübergehende Erscheinungen sind. Und wirklich: Mit den Jahren lernten sie nebeneinander her zu leben. Irgendwann war dieses finstere Mittelalter ihres Lebens vergessen. Für den Vater auch vergeben, was für das Kind unmöglich geworden war, da sich diese finstere Mittelalter der Isolation in seine DNA einbrannte, wie es bei Kindern landläufig der Fall ist. Und aus dem Kind wurde Mann. Und Mann lernte zu Trinken. Aber niemals, noch kein einziges Mal in meinem Leben, habe ich mich mit meinem Vater betrunken. Obwohl ihm das unglaublich viel bedeuten würde.

„Zuhause“ habe ich nie vermisst.