Merkel muss weg – Teil 2 und die drei Dolchstosslegenden.

So dala. Jetzt geht es wieder gut. Migräne vorbei. Wo waren wir? Ach genau. Nachdem Merkel weg gemobbt wurde, kommen die Ausländer weg. Und dann die „falschen Religionen“. Die psychisch Kranken. Und wer sonst halt irgendwie anders ist. Damit Deutschland wieder rein ist. Denn viele Leute leiden schwer an der Unreinheit des Volkes. Wirklich.

Gerade ist bei mir in der Arbeit ein Computer-Techniker, den ich eigentlich schon seit vielen Jahre kenne. Von seiner Einstellung wusste ich jedoch nichst. Vor einer knappen Woche war die deutsche Nationalmannschaft auf dem Cover unseres örtlichen Käseblatts und der Techniker (nennen wir ihn „Stecker“) begann daraufhin darüber zu schimpfen, dass in unserem Nationalteam ja gar keine Deutschen seien. Die sind doch alle viel zu dunkel. Und ich so: „Na ja. Wenn die hier geboren wurden und nen deutschen Pass haben…“ „Unsinn! Das sind doch keine Deutschen!“ Und ich so: „Aha.“

Der erzählte mir dann gleich von dem Reservisten-Treffen von dem er gerade käme. Da sind noch aufrechte Leute. Ob ich denn beim Bund war? Tatsächlich habe ich meinem Land gedient. Bin da jetzt aber nicht sonderlich stolz drauf. Wir haben da auch nichts gemacht oder gelernt was mich jetzt zu Über- oder auch nur zum besseren Menschen erheben würde. Eher im Gegenteil. Das sagte ich dann auch so, sinngemäß Arthuer Schopenhauer zitierend, der dieses tolle Statement abgeliefert hat, dass derjenige (Schopenhauer hat das natürlich mir viel mehr Schnörkel und Blumen am Wegesrand gesagt), der nicht stolz auf sich selbst sein kann, stolz auf sein Land ist. Mit der Religion sei es ähnlich, meinte ich. Um den alten Wehrdienstverehrer etwas zu beschwichtigen. Man kann ja Leute die auf die 60 zugehen bei dem Thema nicht mehr einfangen. Die leben in ihrem eigenen Wahn. Dass donnerte er mir dann auch so rüber, dass man auf Deutschland und die Bundeswehr SEHR WOHL stolz sein könne. Sogar noch auf die Wehrmacht, damals im Krieg. Ihr kennt die Geschichte, diesen verdrehten Irrsinn:

Im zweiten Weltkrieg gab es ja die Nazis. UND die Wehrmacht. Die Nazis waren die ganz, ganz Bösen (nun gut, das stimmt auch) und die guten Soldaten dagegen war die deutsche Wehrmacht. Die tapferen Wehrmachtskrieger, die unter höchsten moralischen Konflikten dass tun mussten, was die bösen Nazis ihnen aufzwangen. Denn eigentlich wollten sie gar nicht kämpfen. Wehrmacht-Soldaten haben niemals irgendwelche Kriegsverbrechen begangen. Haben niemals Frauen vergewaltigt. Sinnlos Zivilisten getötet und auch keine Juden umgebracht. Die haben nur den Feind besiegt… Diese Mär von der guten Wehrmacht ist so was wie die zweite Dolchstoßlegende (wenn auch keine echte). Der ersten Dolchstoßlegende folgend, hätten die tapferen deutschen Soldaten den ersten Weltkrieg eigentlich gewinnen können. Wären sie nicht von der eigenen Heimat durch Defätismus verraten worden – quasi Dolchstoß von hinten aus den eigenen Reihen. Im gleichen trüben Wasser fischen auch diejenigen, die nach dem zweiten Weltkrieg behaupten, dass die Wehrmacht-Soldaten nur gut waren. Während die Nazis für alles verantwortlich sind. Es ist zwar bewiesen, dass auch die Wehrmacht ihren Teil dazu beitrug (siehe Partisanen-Kämpfe), dass sogar polnische Kollaborateure an Massenerschießungen und Lynch-Aktionen beteiligt waren, aber irgendwie muss man ja (wenn man es denn unbedingt will) auf deutsche Soldaten im zweiten Weltkrieg stolz sein. Die waren nicht so wie die Nazis und die Polaken. Und so geht das dann in den Köpfen weiter.

Bis hin zur Dolchstoßlegende Teil 3. Die Geschichte, die sich nicht nur um den Verrat an den deutschen Soldaten dreht, sondern gleich um die Deutschen als Ganzes: Angela Merkel will das Volk austauschen!

Sie will die Deutschen vernichten! Die Volksverräterin! Sie hasst die Deutschen die sie gewählt haben so sehr, dass sie sie mir Arabern ersetzt! Weil! Ja warum eigentlich?

Na ja wenigstens ist Merkel schuld wenn Ausländer hier Verbrechen begehen! DIE hat sie reingelassen! Dass ist wie wenn ein Freund von mir einen Freund zu mir nachhause mitbringt. Worauf der Freund vom Freund dann meine Schwester tötet. Dass ist dann auch meine Schuld! Ganz sicher sogar. Oder?

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Merkel muss weg

Was bedeutet dieser Slogan „Merkel muss weg“? Dumme Frage. Er steht als Synonym für „Ausländer raus“. Denn welches Problem haben manche Leute mit unserer Bundeskanzlerin (die fast gar nicht mehr so genannt wird außer: Merkel. Was so klingt, als wäre die Frau ein Gegenstand)? Dass sie die Energiewende verbockt hat? Dass sie die Automobil-Industrie nicht im Griff hat die uns belügt und vergiftet? Dass die Industrie an sich sie schon längst in der Tasche hat wegen dem Todschlagargument gegen jeglichen Politik, genannt „Arbeitsplätze“? Dass sie Trump nicht in den Griff bekommt? Ne. Es geht einzig und alleine um die Asylanten-Frage.

Selbstverständlich hat Frau Doktor Merkel bei dem Thema weiß Gott nicht alles richtig gemacht. Aber auch nicht alles falsch. Denn für mein Befinden war es durchaus richtig und menschlich zu einem bestimmten Zeitpunkt die Grenzen zu öffnen. Danach hätte sie ihre Politik konsequent umsetzen müssen und nicht mal in die eine und dann in die andere Richtung rudern dürfen.

Angela Merkel und ihre Regierungsparteien sind inzwischen Getriebene der AFD, deren einziges Motto ohnehin nur ist: Merkel muss weg. Also Ausländer raus. Und davon lassen sich alle Parteien treiben, weil sie einfach kein Mittel finden gegen den Fremdenhass und die Angst der „kleinen Leute“ gegen Überfremdung. Argumente ziehen da schon lange nicht mehr. Und selbst Erfolgsmeldung bei der Integration werden von ihren Gegnern sarkastisch weg gelächelt. Das Merkelsche „Wir schaffen das“ wird nur mit Hohn übergossen. Selbst wenn wir dabei sind es zu schaffen. Jede Meldung über Verbrechen von Ausländern (am Besten von Asylanten) wird mehr gefeiert als verurteilt. Es gilt als Bestätigung für den eigenen Fremdenhass, der durch die Verbrechen legitimiert wird. Selbstverständlich ist es schlimm und verachtenswert wenn Frauen und Kinder vergewaltigt werden. Dem kann man nichts entgegensetzen. Denn als Normaldenker und -fühlender kann man sich ja schlecht hinstellen wenn Deutsche junge Mädchen und Frauen vergewaltigten und dann sagen: „Siehste mal. In der Statistik sind die Deutschen natürlich führend. Denn viel mehr Deutsche misshandeln und töten Frauen in Deutschland. Viel, viel mehr.“ Der moralisch Überlegene kann so nicht argumentieren. Er kann den Einzelfall nicht nehmen und auf das große Ganze ummünzen. Denn ein einzelnes Verbrechen ist nicht Aussagekräftig für eine Menschengruppe. Und die Frage ob der Asylant das gleiche Verbrechen auch in seiner Heimat verübt hätte, spielt keine Rolle. Denn das Opfer im Ausland wird nicht wie das deutsche Opfer als Mensch gesehen. Was Ausländern Ausländern antun, dient in der AFD-Welt nur dazu, DEN Ausländer an sich zu verurteilen.

Was ist also wenn „Merkel weg wäre“? Die Bundeskanzlerin und ihr Handeln sind soweit nach rechts gerutscht, dass sich im Prinzip nicht mehr viel ändern würde. Nur im Detail. Host Seehofer hin oder her. Nein. Der wichtigste Punkt bei einer Absetzung der Bundeskanzlerin wäre, dass die AFD gewonnen hätte. Und was kommt danach? Ganz einfach. Die Merkel-Kollaboratuere müssen weg. D.h. Alle die jetzt regieren und die Merkelsche Politik mittragen. Und dann kommen die Ausländer weg. Ganz egal ob sie hier geboren wurden oder nicht. Denn der Ausländer ist eine Hautfarbe und eine Religion. Ahnenforschung wird wieder sehr populär werden.

 

Den Text setze ich irgendwann mal fort. Leide sehr unter Migräne…

Tränengas gegen Dummheit

Niedergeknüppelt von Edelstahl-Tanks, die befüllt und entleert werden wollen; ausgezehrt von rasenden Pumpen, die aufheulen, wenn sie ihre Arbeit verrichten; erdrosselt von zu viel CO2, dass wir zum Leerdrücken der Behälter benötigen; genötigt von der Uhr, die immer zu wenig Zeit anzeigt; geschafft also liege ich auf meinem U-förmigen Kanapee, mit „Fenster auf“, und versuche „Erschlagt die Armen“ von Shumona Sinha zu lesen, eine tieftraurige Erzählung aus Frankreich über das Flüchtlingsproblem mit autobiografischen Zügen, die natürlich überhaupt nicht zu meiner Ermunterung beitragen würde, wenn da nicht der unglaublich tolle Stil wäre, in dem das Buch verfasst wurde. Liest sich also super. Dieses Elend. Der Welt.

Nur zur Ruhe komme ich nicht.

Draußen schreien die Kinder. Direkt vor meinem Fenster. Ich könnte sie mit kleinen, trockenen Papierbällen bewerfen, so nahe sind sie. Die Kinder schreien und plärren, plärren und schreien, und schreien und plärren, nur unterbrochen von dem mahlendem Geräusch von Hartplastikreifen, die über den Asphalt mahlen wie diese Planierraupe über die Totenschädel am Anfang des „Terminators“. Wenigstens fühlt es sich in meiner Seele so an.

Die Kinder schreien die ganze Zeit. Mutter schreit hinterher. Pause. Dann wird weiter geschrien. Immer im Kreis herum.

Mir reicht es.

 

Ich mache die Glotze an und dort laufen Nachrichten. Nachrichten aus Brasilien. Auch dort wird geschrien was das Zeug herhält. Es wird eine Demonstration gezeigt, nicht Olympia, irgendwie aber scheint dass aber doch das Gleiche zu sein. Eine Stimme aus dem Off erklärt, dass die Leute mit ihren Masken, die gerade mit Tränengas beschossen werden bis die Phalanx aus Polizeisoldaten in ihren Kunststoffpanzern auf sie Jagd machen, für ein besseres Sozialsystem und für mehr Bildung demonstrieren.

Ich denke mir dazu: „Ganz logisch eigentlich. Die Ungebildeten wollen mehr Bildung. Und weil sie gänzlich ungebildet sind, demonstrieren sie mit Gewalt. Woher sollen sie es denn besser wissen?  Wie könnten sie mit Worten oder Parolen argumentieren? Wer sollte ihnen schon vorstehen? Und welche Sprache müsste der Rädelsführer sprechen? Sie sind doch dumm und sozial schwach. Sie wissen es nicht besser.“ Und weiter: „Das ist die vernünftigste Demonstration die ich je gesehen habe.“

ZAPP mache ich die Glotze aus und bin ein wenig traurig, selbst nicht so vernünftig zu sein wie die Brasilianer, die sich dabei (was man auch nicht vergessen sollte) auf der anderen Hand auch gänzlich unfair und unsportlich allen anderen Olympia-Nationen gegenüber verhalten, da die Brasilianischen Zuschauer alle anderen Konkurrenzländer ausbuhen. Das müssen dann wohl die gebildeten Brasilianer sein.

 

Vor meinem Fenster schreit nur noch ein Kind: „BINO!“ Schreit das Mädchen. Oder vielleicht ist es auch ein Junge. Zu kindisch spitz ist die Stimme, um wirklich eine Unterscheidung fällen zu können. Wenigstens ich kann es nicht. „BIIIIIIINO!“ „Biiiiiiiiiinooooooooooo!“  Bino ist wohl ein Tier. Eine Katze, sicherlich. Ein Hund ist blöd genug, der hätte reagiert. Es klingt ein wenig traurig, wie ein Sirenen-Ruf aus einem Märchen, nach Walt Disney. Nach Feivel der Mauswanderer.

„Biiiiiiiinoooo!“

Die Stille vor dem nächsten Ruf.

Wieso versteht das Kind nicht, dass die Katze nicht zu ihr kommen will? Wahrscheinlich sitzt oder liegt Bino da sogar irgendwo, außer Reich-, doch in Sichtweite des Kindes, und zuckt nicht mal mit den Schnurrhaaren wegen den Aufmerksamkeitsversuchen des Kindes. „Bi-NO!“ Da kommt ja richtig Musik hinein.

Und dann ist es mir klar. Wird mir das Offensichtliche verständlich. Das Kind kann es gar nicht besser wissen, woher denn auch? Den ganzen Tag wird das Kind von der Mutter genauso gerufen. Da hat der/die Kleine es her. Da wurde es angelernt: Mama war´s. Weitergegeben von Mutter zu Kind, die es irgendwann einmal ihrem Kind weitergibt. Und so weiter. Über Generationen hinweg. Das Traurige an der Situation ist nur, dass dieses ganze Geschrei, dieses ganze Gebrüll überhaupt nichts bringt. Da können sich Kinder und Mütter die Kehlen wundbrüllen: Da reagiert keiner. Erst wenn der Brüllende aktiv wird, auf das Kind oder die Katzw zu springt, kommt Realität in die Bude. So lange könnt ihr brüllen wie ihr wollte. Und das machen sie auch. Sie brüllen und rufen und gestikulieren, wie sie es schon seit Jahrhunderten machen. Dabei rufen sie nicht einander Worte zu, sondern Befehle aneinander vorbei. Konditioniert darauf zu brüllen und gleichzeitig nicht zuzuhören.

Ich schaue aus dem Fenster und gucke, ob da nicht auch gleich Tränengas abgeschossen wird. Leider nein.

Darf man vergangenen Freunden Schlechtes wünschen?

Normal mache ich das nicht. Obwohl. Wer mich nicht wirklich kennt und nur mit mir Umgang hat, muss fast denken, dass ich allen Menschen etwas Schlechtes wünsche. Denn kaum wird die Atmosphäre ein wenig familiärer, bin ich der König von „Strong Language“. Der und der soll sich dann plötzlich schnell ficken, ein anderer soll Krebs bekommen, sich mit Aids anstecken, verrecken, „dummes Arschloch“, „hässliche Fotze“; blah blah. Das meine ich natürlich in keiner Sekunde auch nur einen Hauch ernst. Die „starke Sprache“ soll nur meine Emotionen wieder geben, und darin bin ich ein sehr ehrlicher Mensch. Außerdem empfinde ich  „krass sein“ auch als lustig und unterhaltsam. Okay, mit dem Alter wird das auch immer weniger. Wie gesagt, das ist nur die Oberfläche.

 

Ich habe mich von ein paar alten Freunden getrennt, während andere sich natürlich ganz klar von mir getrennt haben, was aber auch nicht sooo oft vorkommt. Ich melde mich immer wieder gerne bei Leuten und wenn man eine Freundschaft oberflächlich pflegt und die gleichen Erwartungen hat, ist das vor lauter Entspannung auch total okay (das ist etwas, was ich lernen musste…). Man muss eben auch loslassen können und verstehen, dass Menschen sich von einem wegentwickeln, auch wenn dir viel an ihnen gelegen hat.

Bei den von mir beendeten Freundschaften gibt es ganz wenige Personen, die ich ihm nachhinein fast hasse. Das ist sehr schade, denn früher hätte und habe ich alles für diese Menschen gemacht – sie für mich nur leider nicht. Bei diesen Freundschaften stehen dann die ganze Zeit über Missverständnisse im Raum, wie kleine Felsen auf einem englischen Rasen. Er/sie und ich glauben diese kleinen Missverständnisse anders zu deuten, und im Großen und Ganzen freut man sich über den schönen englischen Rasen, im Nachhinein kann einem aber auch klar werden, dass es genau diese – egal wie großen – Felsen waren, die den Rasen komplett zerstört haben; entweder man hat einen englischen Rasen oder nicht. Punkt um.

Na gut, vielleicht nicht gerade das beste Beispiel.

 

Es ist schon seltsam wenn man so viel Liebe und Zeit in Personen investiert, um dafür weder Anerkennung noch Verständnis zu bekommen. Besonders hart ist es dann, wenn diese „Liebe“ nur ein Aneinander-Vorbei-Reden ist. Man handelt selbstlos und so wird das dann auch interpretiert. „Liebe“ (gerade die zu Freunden) sollte niemals ganz vorbehaltlos sein, sonst geht mit dem Mangel an Gegenliebe auch schnell die Würde verloren. Worauf ich also hinaus will: Darf man einem Freund, für den man viel getan hat und in dem man viel investiert hat, später hassen und ihm etwas schlechtes wünschen, weil er ein schlechter Freund war? Weil er nicht sehen wollte, wie gut man es mit ihm gemeint hat?

Man darf natürlich ALLES. Doch ist es rechtens?

Aber ist denn der Hass nicht genau die richtige Reaktion auf enttäuschte Liebe? Zeigt sich denn in der Größe der Abneigung nicht die vorherige Zuneigung?

Fakt ist:

Auf manche „beste Freunde“ würde ich nicht einmal mehr pissen wenn sie brennen würden. Das ist natürlich sehr schade. Es ist aber auch. Richtig. Wie ich finde. Manchen Hass haben sich die Leute nun einmal verdient. Besonders wenn man sie besser kennt als jeder andere.

Die verlassene Familie

„Tagsüber sind die Politiker in Heidenau. Nachts die Nazis.“ So ähnlich  hatte ich das gestern gelesen gehabt, irgendwo im Netz,  auf dem Smartphone, wo alle Informationen wie Fast-Food-Brei ineinander verschwinden, da ich sie dort eher in der Intensität von Werbespots wahrnehme, als wirkliche Nachrichten. Ich denke daran während ich die Gesichter der Familie meines Schwagers in einer kurzen Tisch-rund-um-Kamerafahrt abtaste. Sind diese Bauern/Proleten auch so drauf? Oder sind das meine Vorurteile?

Es ist Kindergeburtstag. Mein kleiner Neffe Timmi hat Geburtstag, er ist 7 Jahre alt geworden. Timmi hat strohblondes Haar und ein heiteres Gemüt. Natürlich trägt er ein FC Bayern-Trikot. Wir sind in Bayern.

Würde ich Timmi danach fragen, weshalb er Bayern-Fan ist, würde er das Gleiche sagen, wie Millionen Kinder auf der ganzen Welt: „Weil mein Papa das auch ist.“  Ich blicke in die Gesichter am Tisch, denke noch einmal kurz an „Heidenau“ und da ist noch einmal der Satz, verbunden und dabei doch zusammenhanglos, ohne Pathos: Weil mein Papa das auch ist…

Mein Vater ist schon vor einer Weile weg. Der Kindergeburtstag läuft schon seit 4 Stunden. Ich bin spät dran. Mein Schwager Thomas, der Vater von Timmi, hat mir ein Stück Torte hingestellt, die selbst angeschnitten noch aussieht wie ein Fußball, die ich esse und dazu brav lobe. Schwager Thomas meint darauf: „Den hat Claudia ausgesucht.“

Claudia… Meine Schwester. Seine Frau.

Die ihn vor ein paar Wochen verlassen hat – die Kinder hat sie bei ihm zurückgelassen. Seine Familie sieht ihn mitleidig an. Der Moment schwebt eine Sekunde über der Szene. Stillstand. Einige Blicke heben sich auf ihn. Andere wenden sich in Gedanken ab. Münder werden geöffnet. Doch keiner sagt etwas. Und ich nur so um die Situation zu retten: „Ich finde die Torte TROTZDEM gut.“ Erleichtertes Auflachen um mich herum; die Doppeldeutige Aussage wurde als guter Witz anerkannt.

Meine Schwester hat einen „Neuen“, und den „Alten“ mit den Kindern zurückgelassen. Harte Geschichte. Heftige Geschichte. Nicht mal jetzt am Geburtstag ihres Jüngsten ist sie da. Kein Bisschen, womit ich meine, dass sie bis auf diese kurze Episode überhaupt gar keine Erwähnung an diesem Nachmittag gefunden hat. Wenigstens nicht als ich dort war.

Die Wahrheit, ist einfach: Sie hat die Kinder nie gewollt. Und ihn nie wirklich geliebt. Vielleicht dachte sie es. Aber wer sie gut kennt, so wie ich, der weiß, dass sie in Wahrheit immer nur sich selbst geliebt hat. Davor habe ich auf eine komische Art sehr viel Respekt, bei all meiner Abgestoßenheit vor ihrem Tabu-Bruch die Kinder zu verlassen, denn ich kann leichter alle anderen lieben, als mich selbst.

Sie wollte ja nie wie unsere Mutter werden, und nun, wie ich den verlassenen Timmi mit seinem Muffin im Mund da so ansehe, hatte sie ihm genau das angetan, was unsere Mutter…

Mein kleiner Scherz hat – wenn auch nicht für mich – im Raum etwas ausgelöst. Die Stimmung ist lebhafter geworden. Wohl weil die Familie meines Schwagers meiner Antwort auf die Torte als moralische Verortung meinerseits in der Frage der zerbrochenen Ehe interpretiert. Es wird mehr Bier geöffnet, euphorischer angestoßen und herzlicher Gelacht als zuvor. Da bellt auch schon der Hund weil der Pizza-Lieferant  gleich klingt, und schon werden die Party-Pizza-Stücke überall hin verteilt (auch ich bekomme sofort eines, als „Nachspeise zur Torte“, wie mir zugezwinkert wird) und mampfend Späßchen gemacht. Die Esserei hebt noch einmal die gute Laune und schon werden die Witze derber, anzüglicher und die jungen Mädchen in der Runde werden dar ob zum Erröten gebracht. Klarer Schnaps wird eingeschenkt. „Zum Verdauen“ – als wäre der Verdauungsvorgang ohne Schnaps gar nicht vorstellbar.

Selbst mich steckt diese überraschend gute Atmosphäre an, und ich proste den Hinterwäldlern zu, während sie ihre Phrasen heraushauen. Ich vergessen momentan meine Abneigung gegen diese Menschen, die nur darauf beruht, dass wir unterschiedliche Charakter sind, und nicht weil irgendjemand besser oder schlechter wäre, und lasse mich vom Moment und vom Bier treiben, auch in den Bewusstsein, noch mit dem Auto nachhause fahren zu müssen, um dort dann (bald) meine Ruhe zu haben.

Die Kinder sind glücklich.

Auch Timmi, der vergnügt auf seinem neuen Smartphone die Bilder die er von uns geschossen hat, mittels einer App in groteske Monster verwandelt. Alles super. Heile Welt. So viel Spaß hatten wir in dieser Gemeinschaft, so zusammengewürfelt, noch nie.

Da wird mir klar, WIESO wir so gut drauf sind: Weil die Familie meines Schwagers endlich einmal befreit auftrumpfen kann. Weil. Meine Schwester. Claudia. Die Mutter von Timmi. Nicht mehr da ist. Diese Feier ist für sie eine Erleichterung. Ein Triumph über meine Schwester. Die für sie die böse Hexe ist. Die Oberhexe. Die Schlampe. Die Hure… Ja. Sie sind glücklich weil sie nicht mehr da ist. Sie sind froh über ihre Abwesenheit. Denn das ist wahre Freude in solchen Kreisen, an solchen Orten, in solchen Zeiten: Die Abwesenheit von Dingen, die uns zusetzen, die wir nicht leiden können, die uns stören. Endlich kann der ganze Hass in Form von Freude nach außen ausbrechen, den sie solange und dermaßen bitterlich zurückgehalten haben. Die böse Hexe ist tot und hat am Ende gezeigt (wie in allen gerechten Märchen), weshalb sie von allen so gehasst wurde. Wie konnte sie nur? Wie kann sie nur? Was ist sie nur für ein Mensch? Ohne sich auch nur eine Sekunde lang die Frage zu stellen, was man selbst für ein Mensch ist, und warum andere Menschen sich so verhalten, wie sie es tun.

Am Ende haben sie doch gewonnen. Die ehrenvollen, braven Einwohner aus diesem 600 Seelen-Kaff.

Jetzt wo.

Sie weg ist.

Wird Alles besser.

Es sind nur 200 Kilometer von hier bis nach Heidenau. Und es ist tiefste Nacht.