Die Metaebene zu „the hateful 8“

Wir waren gestern bei „the hateful 8“ im Kino und gingen ein wenig unbefriedigt aus dem Kino. Nach den „Basterds“ und „Django“ hatte ich einen Film mit einem großen Kniff erwartet und den hat „the hateful 8“ nur auf der Metaebene. Das ist nichts Schlimmes. Die „höhere Ebene“ ist nur so versteckt, dass sie dem „gewöhnlichen“ Kino-Zuschauer einfach verborgen bleibt. Der sieht nur ein paar Leute die sich über den Haufen schießen und das mit einem ordentlichen Gore- Anteil. Es ist sogar so viel Blut, dass sie der Handlung nicht hilft, sondern einen ziemlich blind für das macht, was die Protagonisten  sagen und tun.

 

Der folgende Text wird einige Spoiler enthalten, also ab hier nicht weiterlesen wenn man den Film noch sehen will. Und bei dem Rest gehe ich davon aus, dass er den Film gesehen hat.

 

Tarantino schafft es in diesem Dialoghaltigen Film nicht, gute Dialoge zu schreiben. Die Figuren sind einem weites gehend ziemlich egal und bis auf die Erzählung (plus Rückblende/oder ist es nur eine Vision?) von Samuel ist der ganze Film  kaum auf einen Moment verdichtet. Es zieht sich über die komplette Handlung. Das ist natürlich eine Verbeugung vor „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder anderen Genre-Klassikern, es verlangt einem aber auch viel Geduld ab. Das ist sicherlich vom Regisseur gewollt, ist nur für den selbigen ziemlich schwach, wenn man seine anderen Filme mag.

 

Jede Figur in diesem Film ist böse und handelt unmoralisch. Nur ein Protagonist entwickelt sich wirklich weiter und am Ende sind entweder alle Tod oder dem Tod geweiht. Eine direkte Moral die Tarantino dir ins Gesicht ledert, gibt es also nicht. Das geschieht auf einer anderen Weise.

„The hateful 8“ ist eine Parabel über Kopfgeldjäger/Gesetzeshütern, die auf Verbrecher treffen. Doch es ist mehr. Es eine Geschichte über Rassismus und noch viel mehr darüber, dass auch „Gesetzesvertreter“ schlimmere Verbrecher sein können, als die Leute, die sie jagen. Das folgende „10 kleine (Pardon) Negerlein“-Prinzip nimmt der Geschichte nur die Tiefe, da die Figuren an sich gar keine Möglichkeit haben um sich zu entwickeln, was zeigt, dass Tarantino in der Enge einer Hütte keine packendes Kammerspiel inszenieren kann, weswegen er auf der einen Hand kein guter Theaterregisseur wäre. Auf der anderen Hand will er das auch gar nicht unter Beweis stellen.

Tarantino benutzt die Figuren um eine Geschichte über Amerika zu erzählen, über Polizeigewalt, über deren Willkür, jedoch auch über Rassismus, in welcher der Schwarze aber auch nicht einfach nur der „Gute“ ist (erinnert euch an die Szene, in der Samuel erzählt, wie der Kerl ihm seinen dicken schwarzen Schwanz lutscht, und tauscht hier die Rolle aus, schwarz gegen weiß, und überdenkt wer sich hier wem für einen Decke erniedrigt, im gesellschaftlichen Sinn).

 

Die beiden roten Faden die sich durch die Geschichte ziehen, sind die Selbstjustiz und die Lüge; nicht umsonst lässt er den „Engländer“ die Geschichte des Henkers erzählen, der seinen Job ohne Emotionen nachgeht, nur für Geld, als Broterwerb, was sein Handwerk zu einem gerechten Handwerk macht, da er ohne persönlichen Bezug oder Urteil ans Werk geht, während die Selbstjustiz immer nur eine unfaire Form von Rache ist, die auf Selbstbefriedigung setzt, und eben nicht auf kühle Gerechtigkeit, und aus dieser Geschichte wird schlussendlich in der vorletzten Einstellung der berühmte Schuh, während sich die beiden „Helden“ am Ende darüber kaputt lachen (man kann sich bei dem Gelächter sogar eine passende blutige Erektion in ihren Hosen vorstellen), wie Daisy an dem Galgen stirbt, dessen Strick sie selbst halten, ja, „der Henker“ (Kurt Russel) war gerecht, sie sind es aber nicht, sie verstehen nicht den Unterschied zwischen einem Urteil und Meuchelmord; und nicht umsonst lässt Tarantino kurz vor dem Tod aus dem gefälschten Lincoln-Brief vorlesen, dessen Echtheit der naive Henker länger als Wahrheit voraussetzt (eine weiter Möglichkeit zur Interpretation: Man muss naiv sein um einem Schriftstück/dem Gesetz zu vertrauen), und nicht umsonst sind die meisten Charaktere nicht das, was sie am Anfang vorgeben zu sein, teilweise dürfen die Schauspielerischen Handlung gar nicht zur vorgegebenen Vita der Hüttenbewohner passen.

 

Ja. Tarantino hat auf der Metaebene den Swag voll aufgedreht (es gibt schließlich noch mehr davon, man erinnere sich daran, dass der verlogene Lincoln-Brief der Samuel-Figur das Leben gerettet hat und er dazu meint, dass ein schwarzes Mann solche Dinge braucht um gehört zu werden usw. usf.) doch man muss sich wirklich hinsetzten und über das Ganze noch einmal tüchtig nachdenken. Macht man das nicht, sieht man nur einen hohlen Plot, in der nach dem Vorbild von Anime/Mangas, oder japanischen Regisseuren wie Takashi Miike oder nach Kitano die Menschen praktisch zerfetzt werden oder teilweise explodieren. Und der Clou dass einer im Keller versteckt war… Nun ja. Das ist kein Twist, das ist einfach Verarsche des Zuschauers (denn wenn ich schon weiß das vermutlich ein Verräter unter den Leuten ist, trinke ich nicht jeden Kaffee und schaue sicherlich auch mal im Keller nach…), denn die Erzählung macht absichtlich den Anschein, dass es sich nur um die Leute im Raum  dreht…

Wer nicht genau hinsieht, findet hier nur eine hohle, wenn auch brutale Handlung. Und ohne arrogant wirken zu wollen, das machen die meisten Leute auch nicht. Deswegen gefiel ihnen auch der meiner Meinung nach dürftige „Django“, der zwar ein perfekter Unterhaltungsfilm mit typischen Tarantino-Momente und grandiosen Schauspielern war und ist, auf der Meta-Ebene jedoch nichts zu erzählen hatte – außer das ein Schwarzer Kopfgeldjäger war. Nun ja. Das trägt auch keinen ganzen Film.

Nein. Ja. Nach dem Kino fand ich „the hateful 8“ wirklich mehr als dürftig. Aber er hat etwas. Und sollte reichlich für Diskussionen mit den Kumpels auf dem Heimweg sorgen.