Wie die Industrie unsere Lebensmittel schützt

 

An meinem neuen Buch schreibe ich dank Corona wie ein Bekloppter. Die meisten Probleme für meine Handlung kann ich aus dem Internet wegrecherchieren. Internet: Ganz tolle Sache. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, wie toll das Internet ist, dass wir es gar nicht mehr so wahrnehmen. In all seiner Geilheit der Informationsvorkommen. Extrem praktisch und hilfreich. Und eben nicht nur die Geburtsstätte von Hass, Dummheit und Fehlinformationen. Leider kann man nur nicht alles im Internet recherchieren. Für mein Buch wollte ich ganz praktisch wissen:

Kann man ein Produkt in einem Supermarkt kaufen, um dann diese gekaufte Ware in einem anderen Supermarkt noch einmal auf die Kasse zu legen? Also: Kann man für ein und dieselbe Ware zweimal bezahlen?

Ich dachte okay. Höchstwahrscheinlich zieht der/die Kassierer/in das Produkt über den Scanner und es wird via Strichcode nur der Preis angezeigt und abgerechnet. Dabei leben wir in einer digitalen Gegenwart. Ich selbst komme aus dem Lebensmittelbereich und ich weiß was Chargen-Rückverfolgungen sind; jedes Produkt (sagen wir eine Zahnpasta-Tube) ist Teil einer bestimmten Produktionscharge. So eine Charge (bestehend aus z.B. einer Palette Zahnpasta-Tuben) wird von der Produktionsfirma ausgeliefert und kann im Fall der Fälle zurückverfolgt oder zurückgerufen werden. Bei jeder einzelnen Zahnpasta kann man also genau ermitteln, aus welcher Charge sie kommt, wann und wo sie hergestellt wurde. Sogar genau welche Grundstoffe und Produktionsmittel verwendet wurden, die wiederum aus anderen Chargen hervorgegangen sind. Dazu kommen die Mengenbestände in den Supermärkten selbst. Wenn mehr verkauft wird als vorhanden, müsste es doch auffallen. Wird dies also alles vernachlässigt und nur im Fall der Fälle abgerufen – oder „stört“ meine von einem Supermarkt in den Anderen gebrachte Zahnpasta-Packung am Supermarkt-Scanner den geregelten Zahlungsablauf?

Meine „Helden“ im Buch kaufen sich ein Produkt. Öffnen es. Verändern es. Und bringen es dann wieder in einen Supermarkt. Theoretisch würde sogar das gleiche Geschäft für die Aktion ausreichen. Bei der beispielhaften Zahnpaste müsste man den Alu-Verschluss von der Tube lösen und ihn nach der Behandlung einfach wieder ankleben. Theoretisch könnte man ganze Ravioli-Dosen austauschen und/oder behandeln, um sie danach wieder in den Supermarkt zu bringen. So ein papier-Etikett ist schnell gewechselt. Denn kaum jemand achtet ja darauf, ob man ein Produkt in den Supermarkt MITBRINGT. Denn kein normaler Mensch will im Zweifelsfall für das gleiche Produkt doppelt bezahlen. Also geht das? Oder sind unsere Produkte so gut geschützt, dass die Kasse zu blinken anfängt und sagt: Dieses Produkt kenne ich nicht! Das Produkt von diesem unschuldig involvierten Kunden könnte vergiftet sein!

Also bin ich zu „Rewe“ und habe mir eine Packung „Odol-med 3“ Zahnpasta gekauft. Habe sie in den „Edeka“ mitgenommen und geschaut was passiert. Natürlich habe ich im „Edeka“ noch ein paar andere Sache dazugelegt. Und als ich dann leicht nervös am Fließband an der Kasse stand, stellte ich zu meiner Belustigung fest, wie alt und langweilig ich geworden bin. Vor 10 Jahren habe ich noch Drogen gekauft, ständig eine große Klappe riskiert und bin keinem Streit aus dem Weg gegangen (Motto: Wenn ihr Ärger wollt, den könnt ihr haben!) und nun fühle ich Depp mich wie ein kleiner James Bond, nur weil ich eine Zahnpasta-Packung zweimal kaufe. Toller Held! Lange Rede, Sinn kurz: Ja, es funktioniert. Du kannst ohne Problem Produkte zuhause öffnen und sie wieder in den Supermarkt mitbringen. Was es damit genau auf sich hat, könnt ihr irgendwann in meinem neuen Buch erfahren. Aber. Habt ihr nicht auch von diesen irren Leuten gehört, die im Supermarkt Produkte vergiften? Mit Spritzen oder sie öffnen sie oder was weiß ich…. Warum machen die Trottel das vor Ort? Und warum schützt uns die Industrie nicht vor solchen Anschlägen? Die Daten werden eh erfasst. Die Chargen sind bekannt. Wahrscheinlich ist ihnen die Sicherheit ihrer Kunden einfach zu teuer.

Meine Mutter ist schuld.

Paul verlor seine Mutter in seinen Jugendjahren und auch wenn er sich das niemals eingestehen würde, so hatte ihn das sehr geprägt.

Er verlor sie nicht auf einen Schlag. Es gab nicht „das Ereignis“. Sie verwelkte über die Jahre vor seinen Augen, ohne dass das Kind welches er war, begreifen konnte was damals vor sich ging.

Mutter liebte ihn. Vielleicht nicht mehr oder weniger als seine beiden Geschwister und er stellte auch keine Vergleiche an, wen Mutter mehr liebte. Aber sie liebte ihn. War immer für ihn da und wenn man im Nachhinein verstand wie sehr abgekoppelt diese Frau von der Realität war, war es auch kein Wunder, wie „anders“ sie sich als andere Mütter verhielt.

Später, als die Frau lange fort war, weggesperrt in einer Einrichtung mit 24 Stunden Umsorgung, erinnerten sich er und seine Geschwister nur daran, was ihre Mutter ihnen alles vorenthalten hatte, was ihnen im Vergleich zu anderen Kindern gefehlt hatte.

Mutter liebte ihre Kinder und wollte sie vor allem beschützen. Für sie waren ihre Kinder immer ihre Babys und sie ließ sie, auch wenn andere Eltern dies vom Gedanken her ähnlich praktizieren, nie erwachsenwerden. Sie wollte die Kinder vor allem schützen, was sie vergiften könnte. „Gift“ war sowohl die Ernährung, als der unsittliche Umgang mit den Geschlechtern und davor versuchte sie Paul und seine Schwestern zu behüten, einerseits durch Aufklärung, andererseits durch die blanke Abwesenheit davon. Sie konnte stundenlang über die Giftigkeit von Zucker referieren, den Zusatzstoffen im Essen, der Monsterdroge „Coca Cola“ oder der heilenden Wirkung von Dinkelkorn (sie blieb zeitlebens ein Dinkelfan und war davon überzeugt, das Dinkel Krebs heilen konnte), nur von den Vorzügen oder auch Gefahren der Sexualität   erzählte sie nie. Sie erzog ihre Kinder in einer Reformhaus-Gesundheitsblase, der sich mit katholisch religiösem Eifer für die Monogamie aussprach, was sicherlich auch daran lag, dass ihre Ehe sich langsam als ein einziges Desaster darstellte.

Am Ende wollen Kinder, ganz egal ob sie 7 oder 37 Jahre zählen, genau das haben, was ihnen in der Kindheit verwehrt blieb. Und so sprachen Paul und seine Schwestern Jahre, Jahrzehnte später, nur über das, was ihnen versagt blieb, am Meisten blieb der Entzug von Zucker in Gedächtnis. Zucker, Süßigkeiten, das gab es für sie nicht. Und es wurde fast schon ein Klassiker das Paul auf fast jeder Familien-Feier die Geschichte von dem „Lutscher“ erzählte.

Mutter hatte ihm einen „Lutscher“ geschenkt. Einen von diesen biologischen Dingern, ohne Farbstoff, mit reichlich wenig Zucker und noch weniger Geschmack. Kein Riesen-Lolli oder etwas dergleichen. Ein ganz normaler Lutscher. Paul durfte ihn eine Minute lang genießen, dann stellte sie ihn ein Glas. MORGEN dürfte er daran weiterlecken. Sie gab Wasser in das Glas um ihn „frisch“ zuhalten und am nächsten Tag – wir können es uns denken – war der Lutscher verschwunden. Der kleine Paul war am Boden zerstört. Auch wenn er sich daran nicht erinnern konnte, wie sehr er nach dem „Verschwinden“ des Lutschers geweint hatte, so vergaß er doch nie die Geschichte an sich. Die Geschichte darüber, wie er von seiner Mutter um einen weiteren Genuss betrogen wurde.

 

Seine Mutter glaubte, durch den Entzug von Giften die Kinder auf die Zukunft vorbereiten zu können, doch sie verstand nicht, dass sich Kinder, dass sich Jugendliche hin und wieder die Finger verbrennen, sich immer wieder Gefahren aussetzen müssen, um komplette erwachsene Menschen zu werden. Seine ältere Schwester Claudia, die ein paar Jahre jünger war als sein Bruder Kurt, wurde durch den „Schutz“ der Mutter nicht auf die harten Tatsachen der Liebe vorbereitet.

Claudia ging in den 80ger Jahren, den Jahren von Pauls Kindheit, auf eine Klosterschule, und die Nonnen fühlten sich auf dieser gymnasialen Klosterschule nicht verpflichtet im Biologie-Unterricht ihre Schützlinge über die sexuellen Tatsächlichkeiten aufzuklären. Es lag nicht nur an den Nonnen, auch am Zeitgeist selbst, der in einer Kleinstadt (einem großen Dorf mit angeschlossener Kloster mit Behinderteneinrichtung) auch in den späten 80gern eines noch nicht wiedervereinten Deutschlands vorherrschte, dass man auf die sexuelle Aufklärung nicht so viel Wert legte, auch wenn das „Video-Heim-System“ und der „Playboy“ sich Mühe gaben, wenigstens in irgendeiner Form ihren Beitrag zu leisten. Es war eine naive Zeit, in der entweder gar nicht über die Sexualität gesprochen wurde (wie in unserer Familie) oder nur über die Romantik von Hollywood-Filmen, in denen „Dirty Dancing“ wirklich schon als „dirty“ empfunden wurden. Claudia war eine unterzuckerte Prinzessin, die sich unter dem Liebesakt zwar vorstellen konnte was dort geschah, die Realität aber kam für sie mehr einer Vergewaltigung gleich, die mit ihren Schrecken an die Hochzeitsnacht einer arrangierten Zwangsehe erinnerte, in der der Mann schon fast sein ganzes Leben hinter sich gebracht hat und die „Frau“ ein kleines Dummchen von 13 Jahren ist, das nicht erahnen konnte welche Schrecken ihr die Wirklichkeit über „gemachte Liebe“ beibringen würde. Und auch wenn viele Faktoren dazu beitrugen, dass Claudia nicht verstand wie schmerzhaft es sein konnte, einfach so „durch gefickt“ zu werden, blieb die Wut immer bei ihrer Mutter zurück. Mutter. Die sich selbst als Heilige empfand die über den Dingen stand und damit  ihr Umfeld in den Dreck warf…

 

Ein weiterer verworfener Text für den Roman… Der Stil hat mir nicht gefallen…