Fight Club im Fussball-Stadion

„Ist ein Fußballturnier, ist dem Pöbel alles egal.“

„Wer sagt denn das?“

„Na die Medien.“
„Hm. Stimmt ja jetzt auch nicht. Man sollte nicht vergessen, dass die Medien nur noch über Fußball berichten… Es wird einem normalen Menschen fast schon erschwert an normale Infos zu kommen.“

„Vor ein paar Jahren haben die im Bundestag in der Zeit unbeliebte Gesetze durchgedrückt. Hat ja keiner gemerkt.“

„Welche UNBELIEBTEN Gesetze denn?“

„Ja keine Ahnung.“

„Mhm…“
„Auf jeden Fall wird so getan, als hätten wir nur noch Fußball im Kopf während so ner EM.“
„Weil wir der Pöbel sind?“

„Na ja… Vielleicht sind wir schon eher das Pack.“

„Immerhin sind wir in der Gewerkschaft.“

„Pack ist dann auch ein wenig übertrieben. Und als Bildungsferne Schicht würde ich nur die Jungs in der Nachtschicht bezeichnen.“

„Sehr witzig.“

„Aber es ist doch eh Quatsch. Als würden wir uns ansonsten nur über die Flüchtlingskrise, Griechenland oder unsere Renten unterhalten. Der Normalo ist ein Depp. Der redet da kaum drüber. EM hin oder her. Soma gibt es immer…“

„Soma… Weißt du, das Wort „Flüchtlingskrise ist furchtbar. Weißt du warum?“

„Tja…“

„Krisen enden.“

„Genauso wie Kriege… Das hast du aus the wire, stimmts? Krieg gegen die Drogen…“

„Jo.“

„Vielleicht geht es auch darum, dass wir bei so einer WM unsere Leute rumlaufen sehen. Fussballer sind doch in Wahrheit auch eher Pöbel, so denken doch die Anderen. Die Gebildeten.“

„Die Anderen… Hm…“

„Ja du weißt doch. Gut aussehen dürfen Fußballer. Am Besten sind sie noch lustig. Mehr wird denen aber auch nicht zugestanden. Die sind doch für DIE ANDEREN auch nur ein Haufen Hauptschüler. Und das ist noch milde ausgedrückt. So wie wir. Ein Fußball-Spieler ist quasi das Idealbild, der König und zugleich  Prototyp der Proleten. Muskulös. Gut aussehend. Eher selten in ner Bibliothek anzutreffen.“

„Ein Fußballer muss ja nicht klug sein.“
„Kann er aber! Und das wird von den Anderen gerne absichtlich übersehen.“

„Dann noch der richtige Abschaum. Das totale Pack. Die Nazi-Schläger.“

„Die Hooligans… Hm. Weißt du was mich wundert? Du und ich, wir würden niemals Karten für so ein Spiel bekommen. Die Schläger schaffen das aber cool easy. Wo bekommen die die Tickets eigentlich her?“

„Hooligans müssen nicht im Stadion sein um Prügeln zu können.“
„Manche aber schon. Meine Theorie ist ja, dass das gar nicht das Pack ist, dass da zum Schlagen auf die Straße geht.“

„Die mit den Reichsfahnen sind kein Abschaum?…“

„Ich sag nicht das sie kein Abschaum sind, ich sage nur, dass das keine Hartzer oder Geringverdiener sein müssen; woher sollen die eigentlich das Geld für so ne Karte haben?“
„Das unterstellt man recht schnell.“

„Ja. Die Medien suggerieren das nur. Weil. Alle gleich sind. Die Zuschlagen. Zuschlagen ist gleich dumm.“

„Und das stimmt nicht?“

„Ein Bekannter von nem Freund von mir ist Manager bei BMW und der macht bei so was gerne mit. Dafür nimmt der sich extra Urlaub.“

„So ein Filial-Leiter?“
„Ne. So richtig Manager. Der geht gerne zu solchen Kloppereien. So richtig aufs Maul. Der findet das gut. Das reinigt die Seele: Irgend nem Fußball-Ausländer aufs Maul zu hauen.“
„Und das Hotel zahlt bestimmt auch noch die Firma.“

„Würde mich nicht wundern.“

„Schon eine krasse Vorstellung. Manager die normale Fußball-Fans zusammenschlagen.“

„Eigentlich passt das doch voll ins Klischee-Bild.“

„Ist das nicht etwas zu… Fight Club?…“

„Ja und? Glaubst du die Leute gehen nur aus den RICHTIGEN Gründen in den Fight Club? Glaubst du so eine Selbsterlösung ist per se etwas Gutes?“

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Gewinnen kann jeder

Nach der Ansprache von Crazy Cadoc, muss er schwer schlucken, während sein Unterbewusstsein sich an eine ähnliche extreme Szene erinnert.

 

Damals war er noch ein kleiner Junge gewesen. 7, acht, vielleicht auch 10 oder 6 Jahr alt, er wüsste es nicht mehr und es macht auch keinen Unterschied wie viele Lenze er damals zählte. Es war ohnehin schon längst und tief verschüttet, im Bergwerk seiner Seele.

In jener unbestimmten Zeit, wollte er zu einer „Bande“ dazugehören. In seiner Kindheit gab es so etwas noch. Klar definierte Gruppen, die sich, wenn sie das Wort verstanden hätten, „cool“ vorkamen zusammen abzuhängen.  Und auch wenn man im Prinzip nicht wirklich beliebt oder „besonders“ war, gab es doch Möglichkeiten zu so einer Bande zugehören: Eine Mutprobe. Solche Dinge gab es früher, in der der Proband, der Weltraumaffe, in eine Situation geschossen wurde, in der er sich beweisen und Charakter zeigen musste. Was für eine herrliche alte Zeit. Als noch nicht der Materialismus Kinder ihren Rang zuordnete. Nein, der Charakter war es, der geprüft, gewogen und hiernach als gut oder schlecht befunden wurde. Überflüssig zu erwähnen, dass auch diese Gesellschaftsstruktur nicht zu jedem fair sein konnte, denn wie die finanziell Ausgestoßenen heute gab es damals jene, die einfach nicht so taper oder lebensmüde sein konnten wie die anderen.

 

Er konnte sich beim besten Willen nicht an die Rede vom Banden-Chef Udo Kovacic erinnern. Denn Erinnerungen an uralte Erinnerungen sind immer durchsetzt mit der jeweiligen Gegenwart, aus der man zurückdenkt, weswegen immer mehr bewertete Vergangenheit zum Damals dazu addiert wird.

Sicher war, dass Kovacic wollte, dass er eine Schlägerei verlieren sollte. Ungesichert ist der Text der folgenden Rede:

„Du beginnst einen Kampf – und du verlierst ihn! Du gehst rüber zur Bande von Max, redest die dumm von der Seite an und lässt dir ein paar ordentlich reinhauen. Aus dem ganz einfachen Grund: Wer einmal ein paar verpasst bekommen hat, der ist ein richtiger Kerl. Und wer einmal einen Kampf verloren hat, der weiß was Wut und Ehre wirklich bedeutet. Denn mit der Schande des Verlierens ist mehr moralische, innere Ehre verbunden als mit einem Sieg. Gewinnen kann im Prinzip jeder. Glück gehört bei jedem Kampf dazu. Die Tagesform auch. Du aber, du wirst verlieren. Ich weiß, du hast Angst zu Kämpfen. Und du hast Angst vor den Schmerzen. Das ist normal. Und das ist auch sehr gut so. Aber diese Erfahrung wird dich abhärten. Sie wird einen Mann aus dir machen. Dann gehörst du zu uns. Und WIR passen auf das unseren Leuten nichts passiert.“

 

Daraufhin musste der Junge der er damals war, schwer schlucken, so wie jetzt. Dann ging er los, fing Streit an und bekam ordentlich aufs Maul. Und ja, er wurde Teil der Bande von Udo Kovacic. Viel wichtiger jedoch war es die Erfahrung gemacht zu haben, dass man, selbst wenn man der eindeutige Verlierer ist, als Gewinner aus einer Situation hervorgehen kann. Denn du gewinnst, wenn du eine Prüfung überstehst und deine Schlüsse daraus ziehst.

Das wusste er auch jetzt. Hier, in der Gefängnisdusche, umringt von nackten Männern.

Okay, er war Zeit seines Lebens nicht immer auf der Gewinnerstraße geblieben. Hatte trotz vieler Prüfungen nicht jedes Mal die richtigen Schlüsse gezogen. Ein schlechter Kerl war er deshalb nicht geworden. Nur in das Gefängnis hatte es ihn gebracht. „Versuchter Totschlag“. Wie das so klingt. Es war nur eine Schlägerei gewesen, die eskaliert war. Totschlagen wollte er niemanden, so etwas passiert eher, denn in einer Schlägerei gibt es keine Energie-Leiste wie bei Videospielen oder einen Schiedsrichter der dir, während du voll bist mit Adrenalin und „im Tunnel“, sagt, wann es zu viel wird. Er ist kein schlechter Kerl. Er selbst würde sich selbst als sehr anständig bezeichnen. Mit Werten. Komischerweise können einen diese Werte, die gesellschaftlich akzeptiert und von jedem Maulhelden anerkannt sind, dich schnell in den Knast bringen, wenn du sie verteidigst.

 

„Crazy“ Cadoc, der Mann hier hinter Gittern, der, der die Ansagen macht, hatte ihm gerade geflüstert, dass er ihn anal vergewaltigen würde. Nicht später. Jetzt gleich. Hier in der Dusche.

„Ich werde das nicht tun, weil ich auf so hässliche Wichser wie dich stehe. Damit hat das gar nichts u tun. Mein Ding sind Frauen. Hübsche Frauen. Du weißt schon… Solche, die für einen Loser wie dich zu heiß sind. Nein. Das ist kein sexuelles Ding. Hier geht es um Macht. Verstehst du? Wenn ich dir mein Ding rein ramme und dir damit deine Jungfräulichkeit nehme, dann gehörst du mir – auf ewig. Ich werde dich damit brechen. Dich und deinen Stolz. Und immer wenn du an mich denkst, werde ich der sein, der dich in den Arsch gefickt hat. Du wirst es nicht zugeben wollen: Aber dein Arsch wird auf ewig MIR gehören. Selbst wenn du auf den Geschmack kommen solltest… Aber hey, sorry. Das will ich dir nicht einmal unterstellen. Nein. Ich werde dir jetzt zeigen, wo DU hier in der Rangordnung stehst. Ich und die Jungs könnten dir natürlich ein paar Reinhauen, und ich glaube, du bist nicht blöd. Du würdest schon verstehen wie der Hase hier läuft. Ich will aber nicht nur dass du mich rational verstehst. Ich will, dass du meine Überzeugung spürst. Und danach wirst du auch ewig meine kleine Hure bleiben. Du gehörst mir.“

Dann geht es los.

 

Und er weiß, wie er da von den anderen Schlägern auf den Boden gedrückt wurde, bis er kaum mehr Luft bekommt, dass Crazy Cadoc Unrecht behalten würde. Udo Kovacic würde Recht behalten. Du darfst nur nicht an einer Situation zerbrechen. Du musst sie annehmen und daran wachsen. So zu denken war verrückt. Besonders wenn man so ein stolzer Mann ist wie er. Aber man muss noch verrückter als ein Crazy Cadoc sein, um in so einer Situation zu überstehen.

Großvaters Vermächtnis

Tommy braucht Hilfe, denn Tommy zieht mit seiner Freundin in das Haus seines Großvaters. Sein Großvater, der Alois, hatte das Haus in den 50ger Jahren, nach der Kriegs-Gefangenschaft, mit seinen eigenen Händen gebaut. Er hatte es nicht nur mit dem Architekten GEPLANT wie das heute der Fall ist, den Bau dann ÜBERWACHT, wie es einem der Gastgeber im frisch errichteten Eigenheim in unseren Tagen mit Whiskey-Glas in der Hand so stolz erzählt, als hätte er selbst die Ziegel geschlagen und nicht nur ausgesucht. Nein. Der Alois hat das mit seinen Brüdern und Freunden alles selbst gemacht, vom Ausheben des Kellers bis zum Legen der Ziegel auf dem Dach. Mit jenen Brüdern und Freunden, die der Krieg ihm gelassen hatte.

„Scheiß alter Dreck“, flucht Steve draußen im Gang, wie er da versucht neue Kabel in die Wände zu ziehen, „alle Schächte sind total überladen mit diesen Schrottkabeln!“ „Vor 60 Jahren hat man halt noch anders gearbeitet als heute. Und es hat ja bis heute gut gehalten“, meint Tommy dazu, ein wenig trotzig, ein wenig peinlich berührt und doch ebenso ein kleines bisschen stolz auf seinen Großvater. Durch seiner Hände Arbeit.

 

Ich bekomme davon gar nichts mit. Drinnen im Haus zerlege ich mit weitausholenden Schlägen die Küche. Vor jedem Hieb überlege ich mir die Mathematisch richtige Schlagrichtung um die Nägel und den Leim zu überlisten, dann KRACH! und die Küche geht ein klein wenig mehr ihrem Ende im Bauschutt entgegen.

Im Esszimmer hängen noch schwarzweiß Bilder von einem wüst schnauzbärtigen Mann im Nietzsche-Stil und einer hübschen, Bäuerlichen Frau in Schürze und Kopftuch. Den Ur-Großeltern von Tommy. Die den Krieg nicht überlebt haben. Tommy weiß nicht einmal mehr, welchen Krieg.

 

Der Alois, Tommys Opa, war nie mehr wirklich aus der Gefangenschaft, aus dem zweiten Weltkrieg zurückgekehrt. Ja. Er hat dieses Haus gebaut. Hat seinen Sohn bekommen. Den Bruno, den Vater von Thomas, der für uns der der „Tommy“ ist. Und dennoch war der sogenannte „Lois“, wenn auch körperlich unversehrt, geistig extrem kriegsversehrt, ständig betrunken durch dieses alte Haus  gelaufen. Die Geschichten und Erinnerungen von Tod und Angst in seinem Kopf. Eingebrannt wie eine Prägesignatur bei einem Zuchtrind; er würde immer dem Krieg gehören. Tommy hat mir so einiges über seinen Großvater erzählt. Und. Es hatte mich sehr an meinen eigenen Opa erinnert. Hieb! KRACH! Geht die Vergangenheit und all ihre Schmerzen zugrunde.

Es staubt in der Küche. Noch mehr im Bad. Wo der Metin die Fließen von den Wänden meißelt. Und wir Alle atmen den Staub der Vergangenheit ein. Räuspern uns. Und spucken aus.

 

Als die Küche verschlagen ist und wir deren Überreste draußen in den großen, anonymen, alten Metall-Container geworfen haben (ich habe noch nie einen NEUEN Bauschuttcontainer gesehen), gehe ich in die Küche und nehme mir den großen Eichenholzschrank vor. Tommy hilft mir ihn so in den Raum zu legen, dass ich ihn am Leichtesten in seine Einzelteile zerschlagen kann. Plötzlich.

Als ich die Rückwand zertrümmere. Fällt eine große Schatulle heraus. Der Holzwandschrank hatte eine verstecke Zwischenwand. Tommy und ich machen „Oho!“ Gesten und Gesichter.

In der großen Schatulle – ich weiß gar nicht ob das Wort SCHA-Tulle passend ist, es ist nur das einzige Wort was mir dazu einfällt – sind alte Fotos. NACKTBILDER, vergilbt. Amateur-Aufnahmen. Und Tommy lacht mich peinlich berührt an: „Das ist meine Großmutter!“

„Der Lois, der alte Schelm“, lache ich. „Das braucht dir nicht peinlich sein…“ Ich überlege, dann weiter: „Du Tommy. Du musst mir einen Gefallen tun wenn ich mal sterbe.“

„Hm?“ Geistesabwesend:  „Tun ist schlechtes Deutsch.“

„Wenn ich mal tot bin, dann geh durch die Wohnung, Haus, wie auch immer und vernichte den ganzen Porno-Kram der bei mir herumliegt.“

„Echt? Du hast noch Porno-Kram?“

„Ähm. Ich meine. Lösche meine Festplatte.“

„Versprochen Großer.“

Unter den Fotos von Oma, in der sie vielleicht Mitte 20 gewesen sein muss, sind noch andere Fotos. Sie sind alt, dabei aber erkennbar neuer als die von der nackten Großmutter. Sie haben einen Rot-Stich. Vielleicht aus den 60gern? Siebzigern? Darauf sind eine junge Frau. Sie sieht nicht sehr glücklich aus. Da so an den Stuhl gefesselt. Irgendwer hat sie geschlagen. Eine schöne junge Frau. Toller, wirklich geiler Körper, gutes Gesicht. Komische, veraltete Frisur.

„What the fuck?…“ Tommy schaut mich an. Und darunter sind noch mehr Fotos. Polaroids. Die noch AKTUELLER sind. Wieder eine junge, hübsche Frau. Eher. Ein Mädchen. Wieder wurde sie an den gleichen Stuhl gefesselt. Wieder wurde sie geschlagen.

Als ich den Hintergrund sehe, murmle ich, nicht erschrocken, abwesend: „Das ist doch hier im Keller oder?“

Tommy und ich sehen uns an. Ganz unten in der Box ist: „Hanf?“ Tommy ist verwirrt, hält mir das hin, was er für Hanf-Fasern hält. Nicht der zum Rauchen. Sondern so einer, mit dem man Dampf-Leitungen isoliert.

Ich: „Tommy. Das ist kein Hanf.“

Und er: „Das sind Haare!“

Er lässt sie fallen. Auch die Schatulle. Und wir stehen da. Sprachlos. Während Metin drüben die Fließen von der Wand meißelt das es nur so staubt.

Ich bin es, der als erstes die Sprache wiederfindet: „Ich glaube, dein Opa hat dir nicht JEDE Geschichte über den Krieg erzählt.“

Und Tommy meint nur Kreidebleich: „Wir sollten uns den Garten mal genauer ansehen.“

Gewalt gegen Frauen

Silvester wirkt nach. Seien es die Erlebnisse und Gefühle die ich selbst in München in der Silvester-Nacht hatte, sowie die schleppende Berichterstattung aus Köln, aus derselben Nacht. Zufällig waren wir das Jahr zuvor zur Jahreswende auch in Köln gewesen, deswegen gibt es dazu von mir eine besonders emotionale Bindung dazu, eines dieser „Hätte-auch-uns-passieren-können“-Gefühle, auch wenn Deutschland vor einem Jahr noch ein ganz anderes Land war.

 

Auch wenn ich weiterhin für ein menschliches Miteinander bin, für Offenheit, Toleranz und auch ein gutes Stück weit für Vergebung, ja, sogar bereit bin einen Schritt zurückzugehen in meinem Selbstverständnis, und einen Quadratmeter Boden meiner eigenen Überzeugungen für andere aufgeben würde, wurden in Köln Grenzen überschritten, die nicht überschritten werden dürfen. Nicht bei uns. Nicht anderswo.

Ohne vorzuverurteilen zu wollen. Ohne mit dem Finger auf Leute zeigen zu wollen, die eine große Gruppe sind und unter denen es nicht nur „schwarze Schafe“, sondern schwarze Wölfe gibt, ist dies selbstverständlich ein Integrationsproblem. Und ich habe nicht vor mich auf die Debatten einzulassen, ob dies nun wirklich Muslime waren, die diese Verbrechen verübt haben, obwohl sie als betrunken geschildert wurden, was Muslime ausschließen sollte, ob die jungen Männer aus Afrika oder sonst woher unter sexuellen Druck stehen, den sie nicht ablassen können (als ob nicht jeder Mann schon einmal unter dem Druck gezwungener sexueller Enthaltsamkeit gestanden hätte, deswegen aber nicht gleich zum Vergewaltiger wird) oder ob das einfach „nur“ eine Sache von Bildung und kultureller Unterschied ist: Das ist mir vollkommen egal. So ein Verhalten geht einfach nicht. Man muss dafür kein Verständnis haben und darf sogar keine Begründungen oder Ausreden suchen: Es geht einfach nicht. Wer solche Dinge macht verspielt jeglichen Kredit den man ihm bis dato zugestanden hat. Und wer diese Dinge macht darf sich auch nicht wundern, wenn die Wut die man dadurch auslöst in eine generelle Verurteilung einer ganzen Bevölkerungsgruppe gipfelt.

 

Das was man diesen Frauen konkret in dieser Nacht genommen hat, werden sie niemals wieder bekommen. Ihre Seelen sind beschädigt und eine gewisse Form der Angst und Unsicherheit kann sie ihr ganzes Leben lang begleiten. NIEMAND kann ihnen das wiedergeben. Und ich verstehe jede Frau in diesem Land, die nun Angst hat vor Übergriffen, obwohl ihnen, mir, uns allen klar ist, dass dieses Ereignis in seiner Extremität bisher ein Novum ist, und rein statistisch gesehen die Gefahr viel größer ist von Bekannten, Verwandten oder scheinbaren „Freunden“ vergewaltigt zu werden; doch was sagen schon Statistiken aus? Wir wissen alle, dass Statistiken nicht die Zukunft vorhersagen können…

 

Dieses Ereignis hat die Sprengkraft die Meinungen zu ändern, Menschen den Blick auf das Gegenüber zu trüben, Angst und Hass zu schüren. Und gerade jetzt müsste man noch entschlossener aufeinander zu gehen, müsste noch mehr zu Integration beitragen und nicht nur nach besserer Überwachung, nach noch mehr Schutz rufen, auch, wenn diese Forderung eine Selbstverständlichkeit ist, denn wir wollen unsere Freiheit nicht um deren Freiheit aufgeben; da sind wir also angelangt. Bei „wir“ und „deren“.

 

Ich habe auch viel darüber gelesen, dass man diese Sache nicht politisieren soll, dass es doch in Wahrheit doch wie immer darum geht, dass hier Männer Gewalt gegen Frauen ausüben, und dass man das nun nicht verklären soll, nein, man solle anerkennen, dass dies nicht nur ein ethnisches, sondern ein generelles Problem ist, und ja, natürlich: Das ist so. In diesem Fall ist es aber mehr. Und das meine ich nicht um von mir als Mann abzulenken (auch wenn man mich und meine „Art“ dadurch unter Generalverdacht stellt – damit kann ich leben, denn ich weiß wie ich bin, und andere leider nicht), von der generellen Gewalt und der Unfairness mit denen Frauen auch in unserer Gesellschaft behandelt werden, nur in diesem speziellen Fall (der vielleicht gar nicht so speziell ist, wenn in Stuttgart und Hamburg ähnliche Verbrechen geschehen sind) geht es um mehr als ein generelles Problem zwischen den Geschlechtern, sondern um eine konkrete Tat. Und auch wenn das für manche eine Vorverurteilung ist, eine Woche nach dieser Silvester-Nacht, so glaube ich doch den massenhaften Augenzeugenberichten und den Stimmen der Betroffenen mehr, als der großen Vernunft die besagt, dass man erst einmal die Ermittlungsergebnisse abwarten soll.

Ja ich weiß, dass nicht alle so sind, die in unser Land geflüchtet sind, im Wahrheit weiß das jeder. Und ja ich weiß auch, dass nicht alle Männer hier in Deutschland Frauen wie gleichwertige Mitmenschen ansehen, schließlich gibt es hier genug Strömungen die Frauen als Dinge darstellen, als Gut, als Objekte (und das geht nicht erst bei der Pornografie los, das beginnt in den Massenmedien). Dennoch ist es in diesem konkreten Fall schwer nicht politisch zu denken, wenn man von den Ausmaßen und den Schrecken dieser Nacht hört.

 

Die Fragen sind wie immer, was bleibt? Was wird kommen? Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Und gerade die, die am Meisten behaupten zu wissen was die Zukunft bringt, wissen es am Allerwenigsten. Was ich aber glaube zu wissen, wenigstens für mich, ist die Überzeugung das wir unsere Werte nicht aufgeben dürfen, das wir in unserem Land unseren Frauen nicht das Gefühl geben dürfen, nicht mehr sicher zu sein, nicht mehr frei zu sein, und das wir deswegen endlich – verdammt noch mal – die totale Gleichstellung de facto umsetzen müssen, also auch eine Genderunabhängige Bezahlung und Behandlung, damit auch der Letzte versteht das es keine Unterschiede von Mensch zu Mensch geben darf, dass eine Frau auch hier genauso viel wert ist wie ein Mann.

 

Ich weiß nicht was die Integration bringen wird; ich war ja nie so blauäugig zu sagen, dass das ganze „Projekt“ ohne Blut und Schmerzen vorangehen wird. So verblendet war ich dann doch nie, egal wie humanistisch ich auch drauf bin. Jeder wusste immer, dass schlimme Dinge passieren würden und dass bereits schlimme Dinge geschehen. Verluste und Schmerz gibt es auf beiden Seiten, und es wird noch Jahrzehnte dauern, bis man nicht mehr von „Seiten“ spricht. Ja, wer weiß ob eines Tages alles so weit gekommen ist, dass wir wirklich EINE Gesellschaft geworden sind, doch auch selbst wenn das einmal Wirklichkeit geworden ist, wird das was den Frauen in Köln, Stuttgart und Frankfurt geschehen ist,  für sie nie eine Anekdote der Geschichte geworden sein, es wird immer ihr persönliches Schicksal bleiben. Und sollte dann, irgendwann, das komplette Politische aus der Diskussion verschwunden sein, hoffe ich inständig, dass man sich daran  nicht nur als einen „typischen“ Fall von Gewalt gegen  Frau erinnert, nein, ich hoffe das in dieser zukünftigen Zeit die Männer an sich beschämt auf unsere Zeit zurückblicken, und sich nicht mehr erklären können, wie es soweit gekommen ist, da in dieser Zukunft keine Gewalt mehr zwischen den Geschlechtern ausgeübt wird. Und ich glaube daran, dass das mehr ist als eine Utopie. Das ist unsere Zukunft.

Gewalt als Zeichen von Schwäche

Nach der 0 zu 1 Heimpleite des FC Augsburg, bei der er neben einem großen, nervigen Typen und seinen Freunden gesessen war, die für den FC Ingolstadt krakelten, obwohl sie ihrem Akzent nach eindeutig aus der Region hier kamen, verließ er das Stadion in dem  Geistesabwesenden Verlierertrott, den Fans nach einer Heimniederlage ihren Füßen und vor allem ihrem Schultern angedeihen lassen. Sieg oder Niederlage – danach gemessen wird aus einem normalen Samstag ein Tag der Euphorie oder der Depression.

Der Augsburger FC hatte auch wirklich schlecht gespielt. Ohne Ideen. Sogar ohne Leidenschaft.

Eine gute Anzahl der Besucher strömte direkt vom Stadion zum Plärrer, dem großen Volksfest in der Fuggerstadt. Sie tragen Lederhose und Dirndl. Er nicht. Ohnehin war er alleine gekommen und würde ebenso alleine gehen. Den heißen Asphalt entlang. Zur überfüllten Straßenbahn. Nachhause. Der Ort, an dem er mit seiner Frau und seinem Kind lebt. Doch wenn zuhause der Ort ist, wo das Herz ist, wo ist dann sein Zuhause?

Seine Frau hasst ihn. Sie hat auch allen Grund dazu. Sie wollte das Kind nicht, nicht von ihm – hatte es dann aber doch bekommen und ihn behalten, so wie man einen Ausschlag zu lange Zeit erträgt und nicht wirklich behandelt… Es war nicht immer alles schlimm gewesen. Da gab es diese Jahre der Hoffnung. In der dieser kleine, hilflos Wurm mit seiner Aura auch die zerstrittesten Menschen versöhnen kann. Babys haben magische Kräfte, die sie auf der Gefühlsebene ausspielen. Sie verzaubern dich. Sie retten dich. Nur leider sind diese magischen Kräfte wie immer nicht von langer Dauer. Magie verfliegt. Das hat sie immer getan.

Seine Frau verachtet ihn. Sie hasst seine Unbildung. Seine Dummheit. Die ihm wie ins Gesicht geschrieben steht. Er hat nie studiert. Nicht einmal Abitur. Sie natürlich schon. Die Germanistin, die im Leben viel Besseres verdient hätte als ihn. Den Klotz am Bein. Den ungebildeten Handwerker. „Der Dummkopf“, das sagte sie die ganze Zeit zu ihm. „Du Dummkopf!“ „Du Blödmann.“ „Du dummes Arschloch!“ Sie trichterte ihm ein, dass er Schuld an ihrer Miesere war. Und er glaubt es ihr bis aufs Blut. Und so sah man ihn manchmal fast weinend in der Kirche stehen, wenn die Messe an der Stelle angekommen ist an dem die Gläubigen auf sich selbst zeigen und zusammen sprechen: „Durch meine Schule. Durch MEINE SCHULD. Durch meine GROßE Schuld.“

Sie hat ja Recht. Sie hatte etwas Besseres verdient. Nicht ihn. Den ungebildeten Hohlkopf, der sprachlich und gedanklich zu keinem Zeitpunkt mit ihr mithalten kann. Ja. Er ist ein Idiot. Ein Dummkopf. Nie auf ihrer Höhe.

Aber er liebt  sie. Manchmal denkt er, dass das etwas ändert. Diese Liebe. Doch in klareren Moment wird ihm immer wieder spürbar, dass auch diese Liebe ein Teil seiner Dummheit ist. Liebe allein ändert nichts.

Er liest keine klugen Bücher. Weiß nichts über die Tiefe der Themen. Über die Umstände. Die Kausalitäten, die die Gegenwart bestimmen.

Er hat keine gebildeten Freunde. Nur alte „Kollegen“, mit denen er früher an Motorrädern herum geschraubt hat. Mit denen er die Lieder der Böhsen Onkelz sang, die von Aufrichtigkeit und Zusammenhalt handelten.

Er hat Angst vor den Asylanten, da er Angst um die Zukunft seines Kinds hat. Und er verabscheut die Bildungsintelligenzija aus dem Fernsehen, diese Politiker und Böhmermanns, die so superklug über seine Ängste lachen und zetern, ohne ihn auch nur ein wenig verstehen zu wollen.

Er weiß, dass die Asylanten auch nur Menschen sind, die vor Krieg und Tod flüchten. Ja. Er würde es genauso machen. Würde sein Kind und seine Frau retten. Aber in seiner stumpfen Welt erscheint es ihm auch legitim, Angst und Vorurteile über diese Menschen zu haben, da ihm bisher schon kein Mensch bei seinem Problem geholfen hatte, niemand ihn ernst nahm, und wenn jetzt noch mehr Hilfsbedürftige kommen, ist der Traum von seiner und der Rettung seiner Familie gänzlich ausgeträumt. Der Traum, kein Niemand mehr zu sein. Will das keiner verstehen? Dass es nicht darum geht den Anderen ihre empfangene Hilfe zu neiden, sondern darum, dass einem selbst nie geholfen wurde? Es geht um Respekt. Die Art von Respekt, die einem selbst nie zu Teil wird, nur den anderen, weil das Elend der anderen immer wichtiger zu sein schien, als das was man selbst durchlebt… Wie kann man jetzt „Unterstützung“ und „Solidarität“ predigen, ohne sie vorher der eigenen Gesellschaft gegeben zu haben?

Am Ende fühlen wir uns alle wie die ungeliebten Kinder eines Vater Staats, der die verlorenen Söhne oder gebildeten Schwestern uns selbst vorgezogen hat…

Er weiß auch, er ist kein Mann mehr. Nicht wie sein Vater einer war. Erst recht nicht wie sein Großvater. Sie waren keine Berserker, Machos oder Schläger. Sie waren nicht gewalttätig. Sie waren einfach nur Männer, die sich nichts vorschreiben ließen. Die kamen wann sie wollten,  und besonders gingen wann sie wollten. Sie, die Kinder, standen nicht im Mittelpunkt. Und wie er daheim seinen FC Augsburg-Schal abnimmt, findet er es das auch ganz gut so. Es ist gut wenn sich das Leben um die Schwachen der Gesellschaft dreht. Um die Frauen und Kinder. Doch der Rest muss auch einen Wert haben.

„Mann ist ein Schimpfwort“ hatte Thomas Meineke neulich in einem Interview gesagt, und würde unser FC A Fan diese Worte aus dem Mund eines Mannes hören, hätte er vielleicht zu weinen begonnen.

Mann… Lass mich nicht hängen…

Ja. Nein. Männer sind keine Männer mehr. Vielleicht ist das gut so. Vielleicht ist das schlecht. Gewalt an sich wird als etwas Dummes, Schlechtes dargestellt und womöglich stimmt das auch. Nur warum fühlt es sich für ihn so an, als würde man damit aussagen, dass auch das Mann sein an sich dumm und schlecht wäre?

Ja. Nein. „Wer sich nicht mit Worten sondern mit Händen verteidigen muss ist dumm“, das hatte man ihm sein Leben lang vorhergebetet. Und ja, er ist sich sicher, dass das die Wahrheit ist. Nur. Was bleibt dir wenn du zu dumm bist um dich mit Worten zu verteidigen, und die anderen (Frau, Arbeit, Medien) die ganze Zeit mit ihren überheblichen, für dich viel zu klugen Worten, auf dich einprügeln? Ja. Du bist wahrscheinlicher dümmer als sie. Okay. Aber hast du deswegen nicht ein wenig Gnade verdient? Ein wenig Mitgefühl? Und gibt es da nicht diesen Spruch dass ein Hund, der in die Ecke getrieben wird dazu gedrängt wird, zuzubeißen? Und was ist, wenn man den Hund an diesem Punkt schon so weit konditioniert hat, dass er nicht einmal jetzt mehr beißen kann? Was bleibt da für ein Wesen übrig?

Er ist noch nicht einmal zur Türe ins Wohnzimmer hinein, schon schreit seine Frau ihn an. Den Dummkopf. Und wieder einmal ballt er schon die Hände in seinen Taschen zu Fäusten, die er aber nie herausholt. Er weiß nicht viel. Er weiß aber, dass er seiner Frau körperlich in allen Belangen überlegen ist. Ja. Womöglich auf keinem anderen Gebiet. Nur in der Physis. Das ist seine einzige Trumpfkarte. Die Trumpfkarte, die die körperlich schwachen Leute ihm durch ihre Intelligenz und schlauen Reden nur nicht ausspielen lassen. De facto hat er Nichts. Nur Spott. Und Häme. Und wenn er eines Tages nicht mehr anders kann und seine Faust, oder auch nur die flache Hand, aus seiner Hosentasche ziehen würde, würden sie nach seinem „Schwächeanfall“, über ihn herfallen und in der Luft zerreißen. Den Schläger. Das Monster. Den Abschaum. Der typische Dummkopf. Der MANN.

Im Wohnzimmer nennt ihn die Furie, die er in Wahrheit so sehr liebt, einen „Schlappschwanz“, vor seinem Sohn, und spuckt ihm noch weitere Beleidigungen ins Gesicht.

Schade dass auch der FC Augsburg nicht gewonnen hat.

Das wäre doch immerhin „etwas“ gewesen.