Absolution – 3 – Verliebt in Sarah

Paul folgte seinem Freund Chris. Sie wanden sich wie zwei Schlangen ihre Bahn an den stehenden oder tanzenden Leuten vorbei. Paul folgte Chris. Denn er war viel zu druff um die Initiative zu ergreifen. Er traute sich aus einem natürlichen, inneren Bedürfnis heraus nicht einmal die anderen Club-Besucher auch nur mit seinem Körper zu streifen. So zart fühlte sich seine berauschte Seele an. Die Misubishis hatten ihn ganz „gentle“ gemacht.

An der breiten und langen Club-Bar waren ein Bestell- und ein Anlehnplatz frei. Paul lehnte sich erschöpft beseelt an. Chris bestellte die Getränke. Irgendwie schien Chris alles zu machen. Immer. Die ganze Zeit. Dabei und vielleicht gerade deswegen bekam er nicht den Respekt den er dafür verdient hätte. Merkwürdig. Dass das Nichts-Tun für andere mehr Respekt auslösen kann, als sich selbst hinzugeben. Das Bier das Chris Paul reichte war super kalt und von Wasser beschlagen, so als ob der Barkeeper direkt in eine Fernsehwerbung gegriffen hätte um es dann Chris zu geben. Dieses Bier. War in diesem Moment. Das beste Getränk der ganzen Welt. Paul war Chris unendlich dankbar dafür. Doch Chris wollte auch etwas für sein Geschenk. Etwas ungleich wertvolleres: Chris wollte das Paul zuhörte. „Zuhören“ ist kostbarer als „Sprechen“.

So hörte Paul Chris Worten zu. Die nicht gerade eine große Überraschung verbargen. Denn Chris war verliebt in Sarah. Genau. In die Sarah. Die Schönheit ihres Clans. Die Frau. Die so fantastisch aussah, dass sie mit ihrem Aussehen jede Club-Tür für sie öffnen konnte.

Sarah war der mächtigste Mensch den Paul kannte. Das war schon immer so gewesen. Sarah hatte diese Macht, diese Aura, die die Welt um sie herum krümmt. Die sie in diesem ganz besonderen Licht darstellte. Sarah war schön, wenn nicht fast perfekt. Sarah war das Schönheitsideal. Nicht eines dieser Schönheitsideale, die sich im Laufe der Jahrzehnte ändern, so wie es sich von großen Brüsten und breiteren, „weiblicheren“ Hüften zu schlanker Taille, breiten Wangenknochen und Laufstegsehnigen Schultern entwickelt. Nein. Sarah würde immer als Schönheit betrachtet werden, vielleicht mal mehr oder weniger. Aber ihre Schönheit würde die Jahrhunderte überstehen, ganz egal wie der Feminismus auch abgehen würde: Ihre fantastische Äußerlichkeit würde sie immer objektifizieren.

Das war schon in ihrer Kindheit so gewesen, in ihrer Jugend, sowie auch zu diesem Zeitpunkt im Club, wo sie eine Frau in der zweiten Hälfte der 20ger war. Nur war sie ebenso verloren an das Märchen von Peter Pan, wie es die „verlorenen Jungs“ in der Geschichte waren. Sarah war nicht Wendy. Denn Wendy hat Peter Pan nie geliebt…

Sarah wollte nie erwachsen werden. Und ihr unbedingter Wille Spaß zu haben, machte aus ihr eine sehnige, blonde Drogenschönheit, ohne Kinder, ohne festen Mann und obwohl sie einen hatte, doch nie zu jemanden mit festen Wohnsitz. Sarah war wie ein Groupie der Rolling Stones: Seit einer Ewigkeit on Tour. Bis die Tour der Lebensinhalt wird.

 

Sie wollte immer nur Spaß haben, so wie alle das wollen, und was spräche schon dagegen? Nur wenn einem durch das Aussehen alle Türen offenstehen und man überall in dunklere und hellere Ecken vordringen kann, verändert das einen. Die Macht wird zu einer Natürlichkeit. Und plötzlich wird man von seiner Umgebung „leicht“ genannt. So werden Menschen schnell beurteilt, die leicht im Leben voran kommen. Die Dinge geschenkt bekommen weil sie etwas ausstrahlen. Weil sie etwas bekommen können, was für uns unerreichbar ist. Sie werden zu „leichten Frauen“, da es für uns so unfassbar schwer erscheint, das Gleiche zu bekommen. Und ganz egal ob das stimmt oder nicht, solche Behauptungen können zu Prophezeiungen werden, denen wir nicht entkommen können.  Nur fragt hinterher niemand, ob zuvor die Henne oder da Ei da war. Später, war Sarah immer so gewesen.

 

Getuschelt wurde schon früh. Das ist die Kehrseite der Schönheit. Sie nennt sich „Phantasie“. Denn wer so aussieht, bei dem stellen sich die Jungs und besonders die Mädchen, alles vor. Ihr Urteil ist ebenso klar, wie vernichtend es ist. Sarah war für ihr Umfeld immer wie eine Griechische Göttin: Makellos und doch menschlich.  Viel zu menschlich. Personifiziert. Besonders wenn man ein Mädchen ist, das gerne Lacht. Und mit den „bösen Jungs“ (die wie immer nur die ein wenig „älteren Jungs“ waren, sich aber ganz böse fühlten und gaben) mitgeht. Die Phantasie der anderen machte Sarah zu dem, was sie noch gar nicht war. Das fing klein an.

Sarah war die Erste, die Jungs auf den Mund küsste. Sie war die Erste, die mit Zunge küsste. Und selbstverständlich war sie die Erste, die ihn in den Mund nahm.

 

Nicht dass Sarah selbst solche Geschichten über sich erzählte. Nein. Auf jeden Fall nicht zu Anfang. Aber was soll ein Kerl der mit so einer klassischen Schönheit intim wird, denn anderes erzählen? Der blöde Kerl muss die Schönheit auf sein Niveau herunterziehen. Er muss sie beschmutzen um in ihrem Licht nicht zu verglühen. So wurde geredet. Nach und nach. Mehr und mehr. Und irgendwann dachte sich unsere Sarah, dass wenn sie schon von keinem mehr als Heilige betrachtet wird, sie auch keine sein muss. Sie wollte Spaß haben, sich amüsieren und was sprach dagegen? War es denn wirklich so eine Bürde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen? Sarah war nicht dumm. Kein Mensch ist wirklich dumm. Und nur ein anderes Weltbild als andere zu haben, macht dich nicht zu einer dummen Schlampe. Das sagen nur Leute, die neidisch sind, die sich einer komischen Moral unterwerfen, weil sie innerlich hässlicher sind als in ihrem durchschnittlichen Äußeren. Manche Leute wollen dich einfach nur mit Dreck bewerfen, um dich auf ihr Niveau herunterzuziehen.

 

Es ist  nicht leicht eine Schönheit unter den Gewöhnlichen zu sein. Es ist nicht leicht von jedem angestarrt und reduziert zu werden. Da spielt es auch keine Rolle ob man die Situation einfach als leicht und gegeben betrachtet, ob man über sie hinweg lächelt. Was einem auch wieder als gewisse „Begrenztheit“ ausgelegt wird. Schöne Menschen tun sich viel schwerer gemocht und als „authentisch“ betrachtet zu werden, als der Durchschnitt. Schönheit hat immer auch den Ruf der Falschheit. Und der Stumpfheit. Das mag sogar stimmen, nur liegt diese „Falschheit“ nicht in der DNA der Schönheit begraben. Die „Falschheit“ liegt darin, dass man das Richtige im Falschen ist. Die Perle im Durchschnitt. Und so wird eine Perle vom Pöbel gerne aus Unwissenheit und Verachtung als „Fälschung“ deklariert und deklassiert, ohne dass sie sich überhaupt die Mühe machen sie wirklich anzusehen. Es ist leicht darüber zu urteilen, was man niemals haben wird.

Deswegen mochte Sarah die Partydrogen. Nicht weil die Männer auf Drogen nicht weniger geil oder die Frauen auch nur ansatzweise weniger schnippisch und neidisch wären. Aber auf Drogen ist ab einem gewissen Punkt eh alles egal. Irgendwann kippt die Stimmung, alle fühlen sich gleich. Auf einer Situation unter Drogen, kann sich selbst eine Schönheit mit einem Normalo richtig normal unterhalten. Die Blödheits-Urteils-Schranke zwischen einander ist weg. Und du bist nur der, der du bist. Nicht einmal mehr Frau oder Mann. Es sind nur zwei Menschen die sich unterhalten. Die miteinander tanzen, rauchen, trinken… Es mag sein dass die Drogen Sarah nicht schöner machten, sie erlösten sie aber auch von ihrer Schönheit. Sie machte sie menschlich. Für sich und für andere. Wenigstens für eine gewisse Zeit. Bis zu der Zeit, in der das Herz eines Freundes auf sie aufmerksam wurde.

Chris sah in ihr nicht dass was die Leute über sie erzählen. Nicht einmal dass, was er über sie wusste. Chris sah nur die Göttin in ihr. Und das war es was er Paul erzählte. Der da so lehnte. Und nur zuhörte und doch gleich wieder vergas. Der das alles total schön fand was sein Freund ihm da erzählte – die Tablette wirkte immer stärker in ihm, anstelle an Kraft zu verlieren – und dabei doch sehr tragisch. Sarah. War einfach nicht die Liga von Chris. Im Guten wie im Schlechten. Und das Schlimme daran war, das Chris das wusste. Chris war bewusst, dass das Leben kein „romantische Komödie“ war, in der der Held irgendwann alle Grenzen überwindet. Ganz sicher war Chris auch kein Held.

Wenn die Tiere aufhören zu sprechen

Was machen Kindern wenn sie spielen? Sie trainieren es erwachsen zu sein. Zwar macht ihnen ihr Spiel Spaß und es unterhält sie, doch sie loten auch die Realität aus. Noch können Tiere sprechen. Noch können Menschen fliegen. Noch sind Männer stärker als Frauen. Aber nach und nach drängt sich immer mehr der erlebte Alltag, immer mehr Wirklichkeit in ihr Spiel. Die Traumwelt wird realistisch.

Sind die Kinder dann alt genug, hören sie auf zu spielen. Auch ihr Umfeld sagt: Jetzt ist Schluss mit der Spielerei. Dafür bist du zu alt. Jetzt kommt der Ernst des Lebens. Genug trainiert also. Schluss mit den Träumen. Und setz das um was du gelernt hast: Ein Mensch der Gegenwart zu sein. Und das bedeutet  nur noch Spiele zu spielen, die unterhalten, die aber jegliche Form von Traum verbieten. Träume lernen nicht fliegen. Im Gegenteil.

Wir müssen aufhören die Kindheit und die Jugend zu idealisieren.

Die „Sportfreunde Stiller“ im Roxy in Ulm, es war der 29.04.2017

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Jetzt auch noch die „Sportis“? Ja. Inzwischen gehe ich überall hin. Hauptsache. Es macht Spaß. Ein (bezahlter) Besuch bei den Sportis ähnelt meinem einstmaligen Konzert-Besuch bei Scooter: Das ist so weit weg von mir selbst, dass man es einfach mal gemacht haben muss. Also kaufte ich mir im Vorfeld die 6 Lieder von ihnen die mir schon immer irgendwie (heimlich) gefallen haben und hörte sie hoch und runter. Dabei stellte ich fest, dass ich diese Lieder wirklich mag. Ja. Viel zu poppig und softrockig für meinen gängigen Geschmack, na und? Man kann ja nicht immer den gleichen Mist hören. Und bei „Geschenk“ geht mir einfach das Herz auf, egal wie kitschig das Lied auch ist.

Mit den Wochen freute ich mich richtig auf den Auftritt und ganz besonders darauf, die Texte mitsingen zu können, denn seien wir mal ehrlich, wann kann man schon noch catchy deutsche Texte aus sich heraus singen?

Wie es dann oft so ist hatte ich am Tag des Geschehens gar nicht übermäßig Bock. Schon mittags in Ulm angereist und dort viel herumgerannt, viel zu viel gut gegessen und dann auch noch vorgetrunken – ich bin ja keine 35 mehr…

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Grob geschätzt passen so 2000 Leute in das „Roxy“, was natürlich sehr kuschelig ist – und anstrengend. Ich war jetzt schon auf hunderten Konzerten und ich musste gestern feststellen, dass man bei den Sportis genauso schlecht durch die Menge von Punkt A zu Punkt B laufen kann, wie bei den Einstürzenden Neubauten; bei den Neubauten wird extrem viel gestarrt und jeder Quadratmeter verteidigt, bei den Sportis haben dass die meist weiblichen Fans ebenso gehandelt. Komischer coincidence bei gerade diesen nicht sehr ähnlichen Bands.

Der Platz muss also „verteidigt“ werden und da steht mal also Stunden vor Anpfiff  dumpf in der Menge und langweilt sich. Merkwürdig ist: Ich bin summa summarum bestimmt schon Wochenlang vor Bühnen herumgestanden und habe auf Band-Auftritte gewartet. Jedoch vergisst man diese Zeit im Nachhinein immer wieder komplett und stellt sich eine Woche später wieder total gelangweilt und doch motiviert für das nächste happening an.  Zum Glück bin ich ein Trinker.

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Die Vorband der „Sportfreunde Stiller“ waren die „Kytes“. Austauschbarer Softrock auf einem angenehmen Niveau. Eine dieser idealen Vorbands die im Prinzip alles richtig machen. Nur kam ich mit der Art des Sängers nicht ganz klar, der mir ein wenig zu selbstbesoffen und bayrisch überheblich rüberkam – auch wenn er gut singen konnte. Aber. Das war mein Problem. Die machten dass ganz gut und waren mit dem Herzen dabei, was an den wenigsten Konzertbesucher vorbei ging. Außer vielleicht an Empathielosen Monstern wie mir.

Die Sportis kamen dann um 5 nach 9 auf die Bühne. Wir standen auf der „Peter“-Seite und dann ging es mit einer der beiden neuen Singles los (die andere kam eh danach), dazu wurde noch die heute du gerade vom FC Bayern eingetütete deutsche Meisterschaft gefeiert. Wenigstens von den Sportis. Dass da nicht jeder mit ihnen „Juhu!“ rufen muss ist klar und auch okay, und daran sieht man dass die Band zwar gefallen will, hier aber auch klare Kante zeigt. Mir gefällt so etwas. Auch wenn ich den FC Bayern scheiße finde.

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Gepackt hat es mich dann erst bei „New York, Rio, Rosenheimer“, einen meiner 6 Songs die ich hören wollte und die ich auch alle 6 präsentiert bekam. Das hat richtig Spaß gemacht und für „meine“ Songs haben sich die 40 Steine schon gelohnt.

Würde mich jemand fragen ob die „Sportfreunde Stiller“ eine sehr gute Band sind, könnte ich das gar nicht beantworten; und so geschah es dann auch. Sänger Peter fragte ziemlich am Ende in die Menge, ob denn alle Spaß hätten und ich machte mit meiner Hand die „Na ja“-Bewegung. Ich bin fast 2 Meter groß und stach da wohl aus der Menge der kleinen Mädchen ziemlich heraus, ob ich wollte oder nicht. Darauf meinte Peter, nachdem er den Mann neben mir abgefeiert hatte, dass der HERR daneben wohl nicht ganz überzeugt sei – also ich. Das stimmte aus folgendem Grund: Die Sportis haben tolle Lieder, bloß nur nicht genug davon. Zwischendurch kommen halt so austauschbare Rockblasen, die auch von der Vorband hätten sein können. Wenn man Fan ist  feiert man die Stücke selbstverständlich mit ab, als „Besucher“ (wie ich mich jetzt mal bezeichne) waren diese Stücke aber nur sehr mau und ich sehnte mich währenddessen nach einem alkoholischen Kaltgetränk. Aus Spaß sagte der Peter, jetzt fühle es sich von mir unter Druck gesetzt. Dabei war es genau anders herum.

Die Sportis sprechen zwar sehr locker mit dem Publikum (was sie häufiger und sehr sympathisch machen), ich halte aber ein Gespräch mit jemanden auf einer Bühne der 15 Mal lauter ist als du selbst für absolut sinnlos, da es immer von oben herab geschieht und es keine gleichgestellten Gesprächs-Parteien sind, weswegen man als In-der-Menge-Steher eh auf die eine oder andere Art den Kürzeren zieht (sehr analytisch ausgedrückt). Deswegen machte ich eine aufpeitschende Handbewegung und er sagte irgendwas davon, dass ich es wohl „härter“ wollte. Und im Prinzip stimmt das auch. Nur wollte ich es nicht „Sportfreunde Stiller hart“, sondern einfach nur härter und vor allem besser 😉

Der Witz ist, dass sie mit „Applaus, Applaus“ und „Ich roque“ genau das brachten was ich hören wollte. Nur sind diese Songs leider nur die Kirschen auf der Sahnetorte. Also ist meine Antwort darauf ob ich das bekommen habe was ich mir von dem Konzert erhofft habe und ob ich die Band für sehr gut halte ein klares „Jein“. Es war richtig und spaßig dorthin zu gehen. Aber nein. Noch mal brauche ich das leider nicht, obwohl ich manche Songs von ihnen abfeiere, vor mich hin singe und fast schon mechanisch dazu meine Freundin küssen muss.

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Die Zugaben schenkten wir uns, denn es wurde schon alles gespielt was wir hören wollten; wozu also noch Songs anhören die einem eh nicht gefallen? Und ein „54, 74, 90…“ mit Bayern München Konfetti-Regen (siehe Facebook) brauche ich nicht. Das Lied ist eines ihres Schlechtesten und wie die Ironie oft so spielt ist es ihr erfolgreichstes.

Sollte es mich mal wieder auf ein Festival verschlagen und da stehen irgendwo die Sportfreunde auf der Bühne herum, würde ich wieder hingehen. Ein Muss ist die Band leider nicht. Nicht einmal als Fc Bayern Fan würde ich behaupten. Ihre Daseinsberechtigung und ihren Platz in der deutschen Pop-Geschichte haben die drei Jungs allemal. Und ich hoffe dass sie noch lange weiter machen und guter Lieder schreiben. Sich aber auch weiterhin Kritik gefallen lassen 😉

Die Eine-Millionen-Eier-Idee

Ohne zu wissen warum, summte ich gerade Weihnachtslieder bei meinem Duschgang. Heute ist Ostern. Denkbar unpassend also. Eigentlich müsste es ja Osterlieder geben, die die ganze Zeit im Radio (sei es beim Einkaufen oder im „normalen“) hoch und runter gespielt werden; warum gibt es die eigentlich nicht? Ostern ist doch eh der wichtigere Feiertag bei uns Christen, wieso also keine passenden Lieder dazu schreiben?… Osterkitsch kann doch ebenso funktionieren wie Weihnachtskisch, auch wenn Weihnachten als der kuschligere Event gilt.

Diese Idee kommt mir vor wie die Erfindung einer neuen App – mit der Idee könnte man doch Millionen Euros verdienen. Da hängt ein ganzer Industriezweig dran. Wieso wirtschaftet die Musikindustrie so einseitig? Schließlich gibt es doch auch Schokolade-Produkte zu Weihnachten und zu Ostern: Weshalb gibt es keine passende Musik dazu?

Jetzt müsste ich nur noch Musik machen, also schreiben und produzieren, können… Wer kann mir helfen und will dabei selber halb so reich werden wie ich es werde?

Frohe Ostern!

Der Stefan mit dem Rohr

Alle paar Monate kommt ein Schweißer in die Firma, um gebrochene Edelstahl-Leitungen und –Halterungen nach zu schweißen. Stahl bewegt sich wenn es extremen Temperaturen ausgesetzt ist. Das kommt vor.

Dieses Mal kam ein neuer Schweißer. Beim alten wurde ein Gehirntumor entdeckt. So von jetzt auf gleich musste er operiert werden.

 

1: Was hältst du vom neuen Schweißer?

2: Wir kennen uns irgendwie.

1: Ach ja? Wie? Irgendwie?

2: Selber Jahrgang. Parallelklassen und so. Man kennt sich nicht, und hat halt doch miteinander gesprochen. Damals. In der Jugend. Schon komisch wie die Dinge sich entwickeln. Ein Freunde von ehemaligen Freunden oder so.

1: Und?

2: Ja passt schon. Ist gut drauf und hat Ahnung von dem was er tut.

1: Na wenigstens hat er die, wenn du schon keinen Plan hast.

2: Sehr witzig.

 

Dann redet man also mit dem Kerl von früher, der in der Vergangenheit keine tragende Rolle im eigenen Leben gespielt hat, auf Augenhöhe. Respekt macht viel aus. Und als Stefan, der neue Schweißer auch noch einen ganzen Mohnkuchen für die Schicht mitbrachte, war die Stimmung bei allen richtig gut. „Unsere Sympathien sind käuflich“, lachten wir mit vollem Mund.

Stefan hat einen Sohn, erzählt er. Stefan ist geschieden, sagt er. Stefan hat seine eigene, kleine Firma. So Ich-AG mäßig. Und Stefan kann sich vor Angeboten nicht retten. „Denn wenn du hart arbeitest und sofort zur Stelle bist, dann macht das viel wett wenn du nur Einer bist“, hat er erzählt.

Später dann, ging ich auf die Toilette. Ich stellte mich an ein Pissoir und ließ ein angestautes Stöhnen von mir, dass ich früher nur beim Sex abgegeben hätte. Darüber lächle ich. Und muss an den Woody Allen Film von neulich denken, in welchem seine Filmpartnerin erklärte, dass sie zu oft schlechte Orgasmen hätte. Was Allen gar nicht verstehen konnte, denn bei ihm sei auch noch der schlechteste Orgasmus „ein voller Schuss ins Schwarze“. Ich höre wie hinter mir Gestöhnt wird. Wie jetzt?… Unser Betrieb ist so klein, dass unsere Männer-Toilette nur zwei Pissoirs und eine (selbstverständlich) abgegrenzte Toiletten-Kabine enthält. Das Gestöhne kommt aus der Kabine. Ich spitze die Ohren. Ja! Nein… Das ist eine Videoaufnahme die da läuft. Da bin ich mir sicher. Irgendwer streamt einen Porno auf seinem Handy. Da ist Musik im Hintergrund. Ganz leise. Und scheinbar zwei Männer. Das hört man an ihrem Dirty Talk.

Ich gehe dann raus. Wasche mir die Hände. Und dann kommt wohl auch Stefan. Ein paar Minuten später verlässt er die Kabine. Redet mit mir beim Essen als wäre nichts gewesen. Er scheint erleichtert zu sein. Und ich muss zugeben dass ich Stefan noch weniger kenne, als dass ich dachte.

Yolocaust

Ich mag Shahak Shapiras künstlerische Arbeit, auch wenn er kein großartiger Redner ist. Seit einer Weile folge ich ihm bei Facebook und sein Yolocaust-Projekt sollte wirklich einer großeren Menge an Leute zugänglich sein.

Vielleicht habt ihr schon davon gehört, es geht um Selfies am Holocaust-Mahnmal in Berlin. Einfach hier klicken 

(Ich habe das auf dem Handy erst gar nicht verstanden – man muss mit dem Curser über die Bilder fahren)

Dabei will ich nicht einfach nur mit dem Finger auf andere zeigen. Auch ich war vor Jahren mit Freunden dort und wir haben dort Fotos von uns gemacht, einfach weil das Mahnmal selbst ein imposanter Bau ist; deswegen wollten wir nicht Pietätlos sein. Wenn man ehrlich ist denkt man dort kaum an das wofür es eigentlich steht. Das ist der Nachteil der einzigartigen Architektur.

Fühlbar als Mahnmal wurde es mir damals erst, als ich richtig tief hinein ging und der Lärm Berlins durch die Architektur abgeschottet wurde. Das hat etwas bewegt.

Recht muss man Shapira dennoch bei seinem Foto-Projekt geben, der mit seiner Fotomontage daran erinnert was es eigentlich darstellt.

Schwierige Freundschaften

Vor nun auch schon ein paar Wochen war ich in Berlin. Ich besuchte dort einen Freund und diese Besuche waren in den letzten Jahren nie besonders leicht. Einerseits lag das an unserer schwierigen Beziehung zueinander, die gerade durch die Freundschaft eine anstrengende Komponente zweier Magneten besitzt, die sich je nach Jahreszeit abstoßen und dann doch wieder anziehen, andererseits an unseren persönlichen Ichs, an unserer Subjektivität, in der jeder sein eigenes Leben lebt das er in die Beziehung zum Anderen mit hinein bringt. Ich für meinen Teil lasse meine Probleme selten heraus, versuche mir daran die Schuld zu geben und sie im Stillen zu verarbeiten. Im Gegenzug ist es aber nicht so, dass er seine Probleme ständig herauslässt und anderen die Schuld gibt. Es kommt mir eher so vor, dass ich bei meinen Besuchen oft der Tropfen bin, der sein Fass zum Überlaufen bringt. Das ist sowohl schade als auch ehrenvoll für mich. Vor allem ist es sehr anstrengend. Für beide Seiten.

Wir sind nun einmal nicht mehr die Kerle, die wir vor 10, 15 oder 20 Jahren waren und ich will das auch nicht zurück. Nichts sollte vergangener als die eigene Vergangenheit sein. Mit nichts sollte man mehr im Reinen sein als mit dem vergangen Ich. Und mit nichts ist vermutlich schwerer klar zu kommen.

 

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In der gewissen Nacht gingen wir also zu den „Suicide Girls“, einer Burlesque – Tanzshow aus Amerika in „Huxleys neuen Welt“, die Kriese begann schon vorher. Denn Alkohol ist auch schon unter 60 Prozent ein Brandbeschleuniger. Nach dem Auftritt der ewig strahlenden, lachenden Damen  die mit ihren Titten und Ärschen wackelten und ein wenig Ruhe in unseren Sturm der Freundschaft brachten, schlug mein Freund auf mich ein, so sehr, dass mir gleich Bahnmitarbeiter zur Hilfe kommen wollten, die die Szene aus ihrem Fenster beobachteten; ich hab sie einfach weg gewunken. Mir war klar, dass das vom physischen Gewalt-Faktor kein Problem für mich war, auch wenn mein Freund es durchaus ernst meinte und mir ein paar Tage später noch immer einige Stelle am Körper „weh taten“. Dabei war mir auch klar, dass es in Wahrheit gar nicht um mich ging in seiner Wut, denn er warf mir vor „den ersten tollen Abend seit langem“ kaputt zu machen. Was ihn so wütend machte war nicht dieser typischen Tropfen zu viel, also diese Nacht und unsere Auseinandersetzung, es war sein Leben darum herum: „Der erste tolle Abend seit langem“ bedeutet im Umkehrschluss…

An diesem Punkt hätte ich noch Mitgefühl haben können, als er später einfach so aus der U-Bahn sprang und mich in ihr zurückließ – ohne Handy, nachts, in einer mir absolut fremden Großstadt, keine Ahnung wie ich nachhause kommen sollte oder auch nur in die Wohnung  meines Freundes von der ich a) keine Ahnung hatte wie ich dort überhaupt hingelangen sollte, in welchen Stadtteil ich überhaupt fahren musste und b) wie ich aus ihr meinen Autoschlüssel heraus bekommen könnte – war es mit dem Mitgefühl vorbei. Er hatte mich einfach zurückgelassen, mich, seinen Freund, der extra wegen ihm 8 Stunden mit dem Auto zu ihm gefahren war, und zwar deswegen, weil er mit seinem eigenen Leben unzufrieden war.  Na vielen Dank aber auch.

 

Später sagte ich noch Dinge wie man sie so sagt wenn man wütend ist,“ dass es das war!“, dass man sich nie wieder sieht, usw, usf. Während man noch etwas später halt doch noch über Whatsapp die Verbindung hält. Meine Freundin nimmt mich schon gar nicht mehr ernst wegen meiner Inkonsequenz. Möglich das sie Recht hat. Ich weiß nicht. Ich bin nicht gut darin Beziehungen zu beenden.

 

Gestern war ich zum Schwimmen im Hallenbad. Ich bin dort alleine hingegangen (wie jeden Wochentag in meinem Urlaub) und habe dort zwischen den Rentnern und vor allem den älteren Damen meine Bahnen gezogen. Und egal wie alt eine Frau ist und egal wie wenig Interesse von einem selbst besteht, noch ob ich bewusst überhaupt einen Gedanken daran verschwendet hätte, kommt mir das andauernde Lächeln der alten Damen unglaublich wohlwollend und interessiert vor. Ein wahrer Mann kennt nun mal keine Höflichkeiten vom anderen Geschlecht. Totaler Unsinn, ich weiß. Bei uns ist es gerade anders herum: Wir müssen uns darüber klar werden, dass das nur Höflichkeit ist, und nicht mehr. Während ansonsten von der „versteckten Sexualität“ die Rede ist. Ich kam mir also unglaublich anziehend und männlich in dieser Oma-Gesellschaft vor und musste daran denken, dass ich bei meinem vorletzten Berlin Besuch meinem Freund druff erzählt hatte (hatte damit angegeben) mit wem ich schon „was hatte“, was natürlich eine unglaublich blöde Idee war, da man druff nicht gerade gut argumentieren kann – und – weil wir natürlich immer auf die gleichen Frauen und Mädchen gestanden hatten. Mit den meisten Frauen war nicht viel passiert und selbst wenn, dann war das nun wirklich 20 Jahre her. Das war schon gar nicht mehr wahr. Die Meisten von denen sind inzwischen aus unserem Leben verschwunden oder verheiratet (was das Gleiche ist) und deswegen spielte es für mich keine große Rolle, lange, lange her – wenn es überhaupt passiert ist (man redet sich mir Jahren dann doch einiges ein – besonders wenn man Drogen nimmt – und vergisst auch wieder sehr viel – besonders wenn man Drogen nimmt). Ausformulieren konnte ich das aber nicht, zu sehr schepperte das XTC in meiner Birne und zu peinlich war mir das Ganze im Nachhinein. Und auch er sagte ja selbst, dass das keine große Geschichte sei – bis ich Monate später, als er am Bahnsteig auf mich einschlug eine Ahnung davon bekam, dass dem wohl doch nicht so war. Ich hatte – ganz Inception mäßig – einen Gedanken in seinen Kopf gepflanzt, und jeder denkt seine Gedanken auf seine eigene Art zu Ende. Und plötzlich vergleicht man sein Leben mit einem anderen, auch wenn der Vergleich nur eine Erfindung, eine Illusion ist, denn im Kopfkino über den anderen sind die Bilder immer größer, knackiger und auch erfolgreicher, als in der Realität, da wird dann aus ein wenig realer Grabscherei ein Halbstündiger Hardcore Porno. Und so kommt eines zum anderen. Und der Freund, den man bisher in eine Schublade kategorisiert hatte, ist plötzlich etwas ganz anderes. Von einer Minute auf die nächste.

 

Das sind Zeilen, die zu nichts führen. Ich will niemanden denunzieren, will mich nicht profilieren. Ich mache mich ja meistens eher kleiner als das ich bin. Ich will es einfach nur aus mir heraushaben. Dieses Missverständnis in der Freundschaft. Dieses Ungleichgewicht. Dass es in Wahrheit gar nicht gibt. Diese Irrtümer übereinander.

 

Es ist bald Weihnachten und so kitschig das klingt, würde ich mir jetzt einfach eine Zeit der Besinnung und Vergebung wünschen. Eine Zeit, in der man einfach mal gut sein lässt und sich selbst nicht an anderen misst, sondern sein Gegenüber akzeptiert. Du bist du, weil du bist wer du bist. Und ich bin ich, weil ich der werden musste, der ich bin. Die Menschen sollten sich nicht vergleichen, da jeder auf seine Art lächerlich ist. Da jeder sein Paket zu tragen hat. Nur verbirgt es der eine, während der andere nicht aufhören kann über sein Glück oder über seine Probleme zu reden.

Wir sind alle nur Menschen. Und wir könnten – noch kitschiger – alle einfach Freunde sein.