Hans Söllner und Böhse Onkelz – Verschwörungstheoretiker in Zeiten der Krise

Es ist ganz gut in diesen Tag die Schriftstellerei als Hobby zu haben. Jeden freien Tag schreibe ich an meinem neuen Buch „Stereotyp“. Einmal in der Woche versuche ich einen passablen Blog-Eintrag zu schreiben. Das Wichtigste ist dabei, Spaß am Schreiben zu haben. Diesen einmal-in-der-Woche-Gedanken hatte ich schon vor Corona. In Corona-Zeiten ist es nur schwer, sich nicht aufzuregen und den Spaß wirklich zu finden. Es geht uns doch allen gleich. Wir haben verlernt Langeweile auszuhalten und scrollen viel zu viel durch das Handy. Und. Posten und teilen komisches Zeug.

Viele Jahre hatte ich absichtlich Facebook-Freunde, mit denen ich nicht die gleiche Meinung teile. Anfangs waren das mehr entfernte Bekannte, mit denen man nicht viel zu tun hat. Facebook-Freunde. Keine echten Freunde halt. Mit der „Flüchtlingskrise“ bemerkten viele von uns, dass sie (auch gerade über die „sozialen“ Medien) auch nicht die Meinung von guten, echten Freunden teilen. Das muss man aushalten. Das ist Freundschaft. Und das musste ich lernen. Nicht aushalten muss aber nicht, wenn die irgendeinen Quatsch posten. Dazu kann man sich äußern. Öffentlich und privat. Auch das ist Freundschaft, die die anderen aushalten müssen. Zurzeit jedoch kicke ich viele Freunde raus oder schalte sie auf stumm. Manchmal ist es einfach zu dumm oder anstrengend. Wie gesagt. Meinung darf und sollte jeder haben. Ich muss mir das aber nicht geben, wenn es zu abdreht ist.

Hans Söllner war so etwas wie der Held meiner Jugend. Ein Mann, der sich was traut. Ebenso wie die Böhsen Onkelz. Ebenfalls „die Band, die sich traut Dinge auszusprechen, worüber andere nur schweigen“. Als Jugendlicher hat mich das sehr beeindruckt und geprägt. Ich bin tatsächlich jemand geworden, der offen seine Meinung äußert und sich deswegen einige Türen verbaut und Freunde verloren hat. Deswegen werde ich nicht gleich als Held gefeiert wie die Onkelz und der Söllner (kennt man den außerhalb Bayerns überhaupt noch?). ich bin einfach nur ein Typ. Irgendein Kerl. Ich lebe mit meinem Image. Verdiene aber nicht daran, wie die Onkelz, die sich dem absolut verlogenen Ausverkauf hingegeben haben (siehe Band reunion. Verarsche der eigenen Fans). Oder Hans Söllner. Mit dem es das Finanzielle nicht annähernd so gut gemeint hat. Da gibt es interessante Dokus und Youtube Videos. Schaut mal rein, wenn ihr wie ich Jahrzehntelang den Söllner aus den Augen verloren habt.

Der Söllner lebte immer von seinem Image, nicht anders zu können. Und ich glaub ihm das sogar. In vielen Dingen der Meinungsfreiheit war er ein Vorreiter. Er bestand darauf seine Meinung vertreten zu dürfen und hat sich selbst damit finanziell ruiniert. Davor kann man jetzt Respekt haben oder ihn auslachen. Das steht jedem frei. Dieser Aspekt ist auch nicht das Thema meines Textes. Und ich will vorweg gleich sagen, dass ich dem Mann nichts Böses will. Wie gesagt. Er glaubt sicherlich zu denken, er könne nicht anders. Genauso wie er sich Jahrzehnte lang für das Kiffen eingesetzt hat, bevor es en Vogue war. Ich mag weder Kiffer noch kiffen an sich (dann nehmt doch gleich LSD wenn ihr was LERNEN wollt), er hat das aber durchgezogen mit all dem Gegenwind, den es in einem Freistaat wie Bayern geben musste. Wie gesagt. Dafür kann man Respekt haben oder ihn beschimpfen. Er selbst sagt, er habe inzwischen mit dem Kiffen aufgehört: Mir doch egal ob der kifft oder nicht.

Auf Hans Söllner bin ich durch Facebook wieder aufmerksam geworden. Ist schon ein paar Jahre her. Dort wurden seine Statements geteilt und ich war nicht wenig überrascht, als er sich als Impfgegner präsentierte. Ich finde das tatsächlich ziemlich lächerlich. Denn auch wenn Impfen natürlich gefährlich sein kann (kein Medikament wirkt bei allen Menschen gleich), haben uns die Impfungen an sich ziemlich den Arsch gerettet. In Zeiten von Corona hört man auch überraschend wenig von den Impfgegnern. Hm. Genauso wie sich die öffentliche Meinung zu Dietmar Hopp recht schnell geändert hat… Und ich denke mir halt, okay, das ist nicht besonders helle Herr Söllner. Er hat dann genauso argumentiert, wie er immer argumentiert: Man solle nachdenken und sich nichts vorschreiben lassen. Darüber musste ich leise schmunzeln. Hier geht es ja nicht darum eine faschistische Rassentrennung abzuschaffen oder gleiche Bezahlung für alle Geschlechter. Ne. Es geht um Impfungen. Es ist mir nie in den Kopf gegangen, warum das ein Streitthema geworden ist.

Mit Corona habe ich es verstanden. Denn auch jetzt plädiert Hans Söllner auf Facebook dafür, sich nicht an Verbote zu Halten und Rauszugehen. Verstehe ich nicht. Der Söllner ist wie ich Bayer. Noch dürfen wir draußen spaziergehen. Oder verstehe ich da was falsch? Dann fabuliert er davon, dass Leute die keine Angst haben, anderen Angst machen. Ich sag es zum 1000sten Mal: Meine Frau ist Arzt. Die arbeitet in diesen Wochen quasi an der Front. Für uns alle. Und wusstest ihr, dass in Italien schon 60 Ärzte und 2000 Leute in der Pflege an Corona gestorben sind? Meine Frau hatte die Zahlen und das wären dann in etwa ein Viertel aller Corona-Toten in Italien. Klar machen wir uns Sorgen. Aber Angst? Die Menschen haben weniger Angst, als der Musiker sich das vorstellt oder uns attestiert. Man kann auch Angst mit Vernunft verwechseln. Der Herr Söllner hat immer vor den gleichen Dingen Angst. Dass DIE DA OBEN mit uns machen was sie wollen. Aha. Ich glaube nur, kein Politiker in Deutschland will eine Ausgangssperre. Weil die sind eh mehr oder weniger von der Wirtschaft gekauft (siehe Wählerstimmen). Das schadet den Politikern nur. Und Söder dann mit Orban vergleichen Herr Söllner. Geh bitte. Warum nicht gleich mit Hitler?

Das Söllner-Problem ist die Söllner-Methode: Die da oben haben Unrecht. Der kleine Mann hat Recht. Und das ist Quatsch, wenn man sieht was „der kleine Mann“ so wählt und denkt. Pauschalisierungen helfen da halt nicht. Ich bin auch kein Freund von Markus Söder. Der hat sich auch nie dafür beworben, man of the year zu werden. Dennoch halte ich sein Vorgehen für richtig. Es gibt sogar Vergleichsbeispiele. Siehe China und Singapur. Das sind natürlich keine gewählten Demokratien. Das sind Diktaturen. Aber ihr Vorgehen hat funktioniert. Wahrscheinlich auch deswegen, weil es dort keine Defätisten gibt, die in Krisenzeiten gegen das Allgemeinwohl schießen. Ich habe auch erst ein Video gesehen von diesem KenFM-Typen. Der hat sich original ein Gitter vor die Kamera gestellt und gesagt, man dafür nichts mehr sagen. MAN DARF ALLES SAGEN! Man oder frau dürfen halt auch darauf antworten. Es ist vollkommen richtig Politiker eines Landes kritisch zu betrachten, die eine Notstandsgesetzgebung in Kraft treten lassen. Es sollte jedoch auch hinterfragt werden, ob das sinnvoll ist. Und ja. Der Mainstream kann durchaus im Recht sein. Mainstream macht nicht zwangsläufig alles falsch. Man muss differenzieren können. Es geht nämlich nicht nur um die Corona-Toten selbst. Es geht auch darum, wie viele Menschen sterben müssen, weil es Corona gibt. Nicht verstanden? Schon jetzt, wo unser medizinischen System noch nicht zusammengebrochen ist, sterben Menschen WEGEN Corona. Nicht AN Corona (das aber auch). Wichtige Operation werden schon jetzt nicht mehr gemacht. Da wird dann gesagt okay. Der Mann/die Frau ist über 80, da machen wir die Operation nicht mehr, da wir Kapazitäten freihalten müssen. Ich hab das aus erster Hand. Schon jetzt wird selektiert. Und wenn das große Sterben erst einmal losgeht (wir hoffen alle, das es nicht geschieht), werden nicht mehr nur die Leute an Corona sterben, es sterben auch die, die nicht behandelt werden können, da wegen Corona die Kapazitäten erschöpft sind. Es geht schon lange nicht mehr wer direkt an Corona stirbt. Noch mal: Es sterben Leute wegen Corona, obwohl sie es gar nicht haben.

Aber immer alles in Frage stellen. Immer alles anzweifeln. Das ist das Lebensmodel von Hans Söllner. Die Masse ist dumm. Man selbst Im Recht. Das typischen Bild eines Verschwörungstheoretischen Kiffers. Ein alter weißer Mann. Der Recht haben will. Und wichtig sein will. Hier geht es schon lange nicht mehr um „Aufstehen“. Auch nicht um Vernunft. Mein Blog heißt ja „Strategien gegen Vernunft“, da ich mal ein Buch geschrieben habe mit der Forderung, man möge doch bitte die gängige Vernunft in Frage stellen, um zu einer besseren, neuen Vernunft zu gelangen. Heute liest sich so ein Wunsch wie ein ad absurdum. Die neue Vernunft scheint nämlich nur der eigene Egoismus zu sein, da keiner der alten weißen Männer bereit ist, seine Position zu hinterfragen oder zu ändern. Seien es die Obrigkeitshassenden Kiffer. Oder die Friday for future beschimpfenden Leute, die alle, die den Planeten retten wollen, als Wahnsinnige und Naivlinge darstellen. Die neue Vernunft scheinen Fake News zu sein, die sich an allem orientieren was Gefühl ist. Nur nicht an Wissenschaft und Zahlen (da hat der Benecke neulich ganz schon Eindruck hinterlassen).

Die Geister die ich rief. Alter frustrierter weißer Mann. Du bist zu dem geworden, was du am meisten hasst.

In dem Zusammenhang kann mir gerne mal jemand sagen, was die verlogenen Böhsen Onkelz (die Bands die immer so ehrlich war haha) jetzt über ihre „Medien-Schelten“ sagen. Ist ihre in Teilen natürlich auch verständlich Kritik zu den Medien, diese nur lächerlich oft auf jedem Album aggressiv wiederholt haben, inzwischen dazu übergegangen, dass auf ihren Konzerten „Lügenpresse!“ gebrüllt wird? Schreibt so was doch mal in die Kommentare Leute. Würde mich interessieren…

Und weißt du was. Hans. Ich gehe jetzt spazieren. Weil ich das darf. Genauso wie du. Nur hab ich wirklich keine Angst, im Gegensatz zu dir. Und dann. Dann bleibe ich im Haus. Weil ich mir Sorgen um andere Menschen mache. Weil ich das will.

Arzt und Arbeiter in Zeiten von Corona

Meine Frau ist Arzt. Sie arbeitet in einem kleinen Krankenhaus, in dem der Corona-Hype noch nicht so sehr abgeht. Dh die Vorbereitungen laufen, die Covid-Kranken lassen zum Glück noch auf sich warten.

Am Wochenende hat meine Frau Doktor in der Nacht eine Patientin aufgenommen. Ganz ohne Corona-Symptome. Irgendwas mit Demenz. Keine Ahnung weswegen genau die alte Frau da war. Sie hat wegen der Demenz meine Frau Doktor aber auch geschlagen. Ja. So etwas kommt häufiger vor. Demente schlagen um sich. Und nicht nur die. So etwas vergisst man als gesunder Mensch ganz gerne. Dass das Leben keine sterile Arztserie ist. Auf jeden Fall hatte die verwirrte Prügeldame keine Corona-Symptome, weswegen meine Frau nicht in vollem Corona-Defence-Anzug angetreten ist. Blöd das sich jetzt herausgestellt hat, dass die demente Dame zu ihrer anderen Erkrankung auch Corona hat. Und meine Frau wie gesagt nicht geschützt war. Jetzt folgt also das übliche Prozedere. Abstrich wurde schon genommen – und meine Frau darf weiterarbeiten. Genau. Richtig gelesen. Zum Glück haben weder sie noch ich Symptome.

Ich hab davon in der Arbeit über den Messenger erfahren – und war deswegen sauer auf meinen Arbeitgeber, dass wir nicht einmal 10 Minuten zuvor die Köpfe zusammengesteckt haben. Social distancing. Schon klar. Das sah in den letzten 2 Wochen so aus, dass wir in unserem Betrieb wegen den nichtigsten Gründen nicht nur weniger als 1,5 Meter getrennt zusammenstanden. Nein. Schulter an Schulter MUSSTE gearbeitet werden. Klar. Wir stellen Getränke her und die Leute sollen auch in Zukunft noch saufen. Trotzdem wurde bei uns einen Scheiß darauf gegeben, wenn ich (oder sonst wer) sagte, bleibt doch ein wenig auseinander. Bayern. Einig. Abstandhalten? Ja von wegen. Die blöden Handwerker. Die blöden UNVERZICHTBAREN Handwerker. Tun so, als wäre nichts. Ich weiß nicht wie es bei euch aussieht. Doch bei uns in der Stadt sind überall Baustellen. An jeder zweiten Ecke werden Straßen aufgerissen und Glasfaserkabel verlegt – wozu? Diese Glasfaserkabel hat es die letzten 2000 Jahre nicht gebraucht. Jetzt aber. Ganz wichtig. Müssen sie verlegt werden. Es ist doch tatsächlich kein Wunder, dass ein totalitäres Regime wie China Corona unter Kontrolle gebracht hat, während bei uns nur halbherziger Scheiß veranstaltet wird. Ja, ja. Die Wirtschaft ist wichtig usw. usf. Wenn die aber so wichtig ist. Dann macht mal einen ordentlichen Shutdown und lasst die Menschen keine Arbeit machen, die „übrig geblieben“ ist. So wird gar nichts eingedämmt.

Inkonsequent auf dem Haufen stehen. Mehr passiert nicht.

Der Corona-Virus hat Fridays for Future zerstört?

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In dieser Welt lebe ich. So etwas sehe ich ständig in verschiedenen Whatsapp-Verläufen – und schlimmeres. Und natürlich denke ich mir, was läuft falsch mit diesen Leuten? Meinungsfreiheit, klar. Denk darf jeder was er will. Nur was soll dieser kleine Hass? Dieser ganze Wir-hassen-Greta-Blödsinn, da sich die Männer (meistens sind sie es) in ihrem Lebensmodell bedroht fühlen. Dabei kenne ich diese Leute, die so etwas „teilen“ sogar… Diesen kleinen Hass. Ich finde ja, dass der Hass auf Whatsapp, in all diesen „Patrioten-Gruppen“ viel schlimmer ist als auf Facebook: Denn es ist nicht öffentlich. Man ist nur unter Gleichgesinnten und kommt dann immer weiter und tiefer in diese Abwärtsspirale des Hasses. Angefeuert von der Blödheit, der Krasseste zu sein (ich weiß wovon ich rede, den gleichen Quatsch kann man mir bei anderen Themen nämlich auch vorwerfen. Erkenne dich selbst). Dabei denke ich mir nur, wie man gegen die Umwelt sein kann. Wie kann man saubere Luft und die Zukunft seiner Kinder so hassen?

Wie gesagt. Da gibt es viel schlimmere Bilder (ich musste für diesen Blog-Eintrag auch noch eine exakte Kopie von diesem blöden Bild erstellen, doch wofür kann ich „paint“?). Es musste trotzdem genau diese lächerliche Todesanzeige sein, denn es hat mich auf einen Gedanken gebracht. Denn nicht nur das ich mit dieser Meinung auf diesem Meme nicht  d’accord gehe. Es ist auch so totaler Unsinn. Denn. Der Corona-Virus hat die „Fridays for Future“-Bewegung nicht getötet. Im Gegenteil. Corona hat es geschafft die Ziele von Fridays for Future umzusetzen. Die Meisten von uns kennen die Satellitenbilder von Italien und China vor Corona. Die Luft ist besser geworden. Corona ist der Katalysator, um die Wirtschaft zu stoppen. „Dank“ Corona gibt es kaum mehr Inlands- und Auslandsflüge. Es wird viel weniger CO2 ausgestoßen. Die Grenzen sind so gut wie dicht. Es gibt keinen Tourismus mehr. Und die Leute kaufen inzwischen fast zwangsläufig mehr „regional“. Diese Todesanzeige ist totaler Schwachsinn. Der totale Hass. Der nichts versteht. Die Menschen mögen die Leidtragenden sein (und das ist schlimm). Doch die Natur ist der Gewinner. Biologen haben so ein Szenario schon lange vorhergesagt. Wir sind nicht die erste Art vor Lebewesen, die sich für die Herrscher der Welt hält und dann auf radikale Art von der Natur in ihre Schranken verwiesen wird. Ich gehe jetzt natürlich nicht so weit zu behaupten, dass es gut ist, dass es den Corona-Virus gibt. Nein. Doch wenn man die Auswirkungen dieses tödlichen Virus auf das globale Wirtschaftssystem und auf den Planeten betrachtet, könnte man fast meinen Greta hat den Virus erfunden, um ihre Zukunft zu retten. Es passt perfekt.

Greta gewinnt.

Das bedingungslose Grundeinkommen gegen die Corona-Krise?

Ausnahmesituationen bringen meistens komische Nebeneffekte mit sich. Das ganze Land ringt direkt oder indirekt mit den Auswirkungen der Corona-Krise (endlich mal macht das Wort „Krise“ einen Sinn, da diese Krise im Gegensatz zur Flüchtlingskrise aller Berechnung nach enden wird), viele Menschen können ihrer Arbeit nicht nachgehen und bangen um ihre Existenz. Eine Großzahl meiner Freunde und Familienangehörigen müssen via Kurzarbeit ihr Geld verdienen, was natürlich eine unschöne Sache ist. Denn die Rücklagen sind knapp – wenn überhaupt vorhanden. Ich und meine Frau arbeiten in Systemrelevanten Jobs. Von Kurzarbeit spricht bei meinem Job noch keiner. Könnte jedoch auch kommen. Ich muss also arbeiten, bin jedoch als Bayer wie jeder andere am Wochenende in unserem Haus eingesperrt. Ja. Wir wohnen in einem Haus. Das ist schon angenehm. Hin und wieder gehen wir spazieren, was sich in diesen Zeiten wie ein Ausflug in den Gefängnishof anfühlt. Und natürlich wird viel durch das Handy gescrollt. Facebook. Instagram. Ihr wisst schon. Dabei stieß ich auf einen Artikel, den eine Bekannte geteilt hat. Er ist von Change.org und (ich weiß jetzt nicht wie man es bezeichnet) als Titelbild des Eintrags/Links steht dort ein rot durchgestrichenes „Hilfskredite“. Darunter: „Grundeinkommen für 6 Monate“. Und obwohl jeder Mensch Petitionen starten und unterstützen kann wie er will, finde ich das nicht gut.

Denn. Es gibt ja nicht nur Hilfskredite. Es gibt auch Soforthilfen (wenigstens hier im bayerischen Freistaat), die nicht zurückgezahlt werden müssen (bis 30000 Euro – ist ja auch nicht wenig). Den Begriff „Hilfskredite“ kann man schnell googeln und herausfinden was dahintersteckt. Es gibt verschiedene Programme, die mittelständischen und anderen Unternehmen helfen sollen, durch die Krise zu kommen. Und ja. Manches Geld muss man zurückzahlen. Anderes nicht. Über die Fairness und Unfairness solcher Programme kann man lange debattieren. Die einen fühlen sich ungerecht behandelt, Kredite für eine Krise aufzunehmen, für die sich nichts können. Während wieder andere sich darüber echauffieren, dass überhaupt Staatliches Geld an Unternehmer und Firmen verschenkt wird (auch dieses Geld kommt ja auch irgendwoher und wird jetzt nicht schnell gedruckt).

Klar. Ich bin jetzt kein totaler Idiot. Die Wirtschaft muss stabilisiert werden. Den Menschen geholfen. Ich will ja auch nicht, dass die Menschen reihenweise arbeitslos werden. Deswegen finde ich diese Mischung aus Soforthilfe und Krediten gar nicht so verkehrt. Denn wer weiß schon genau wie es dem Betrieb vor der Krise ging? Seien wir man nicht naiv. Gerade in Krisenzeiten stopfen sich unmoralische Menschen die Taschen voll.

Diesen Aufruf von Change.org hat eine Bekannte von mir geteilt, die Künstlerin ist. Also so richtig Kunst studiert hat. Ausstellt. Und davon sicherlich mehr schlecht als recht lebt. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. So nahe sind wir uns jetzt nicht. Sie ist aber – um diese Debatte im Keim zu ersticken – eine nette Person und ich hab Sympathien für sie und ihr Schaffen. Dennoch schmeckt mir das nicht, wenn Leute, die schon Hilfen bekommen (können), dann für ein 6 Monatiges Grundeinkommen trommeln.

Die Argumentation ist klar: Wenn ich sicher 6 Monate Geld bekomme, kann ich mit diesem Geld planen und Projekte starten. Es ist nur ein Grundeinkommen. Keine Millionen. Und jetzt kommt es darauf an, wie man zum Grundeinkommen an sich steht. Wisst ihr. Als ich 17, 18, oder von mir aus 20 Jahre alt war, wäre ich durchaus für ein Grundeinkommen gewesen. Klar. In diesem Alter ist man sehr empfänglich für diese Idee. Man kann seine Träume leben und verwirklichen. Automatisch FAUL muss man nicht sein, als Grundeinkommen-Empfänger. Das ist ein Vorurteil. Ich bin aber keine 20 mehr. Ich werde in diesem Jahr 40. Die Hälfte meines Lebens habe ich einen Job gemacht, den ich nicht besonders mag. Auf der einen Seite kann man jetzt sagen: „Selber schuld du Idiot“. Während ich auf der anderen Seite betonen will und muss, dass nicht jeder seinen Traumjob machen kann. Es gibt nun einmal Jobs, die einfach gemacht werden müssen, wie wir gerade in diesen Tagen vorgeführt bekommen. Das sind oft undankbare Jobs mit mieser Bezahlung. Schlechten Arbeitszeiten. Oder körperlich so zermürbend, dass wir keine guten alten Frauen/Männer abgeben werden. Doch die Jobs müssen gemacht werden. Und wir brauchen Geld. Sei es nun als Bäcker, Getränkehersteller, LKW-Fahrer, Kassierer oder Pflegekraft (und ja, jeden dieser Jobs kann natürlich auch eine Frau machen). Das sind Jobs, wo man sich nicht einfach mal so eine Auszeit nehmen kann, um dann Bedingungsloses Grundeinkommen zu erhalten, da du im Normalfall wieder schwer in deinen Beruf einsteigen kannst. Jobs gibt es nicht ohne Ende. Du kannst dir bei solchen Karrieren nicht einfach Auszeiten nehmen. Besonders nicht, wenn man wie ich auf dem Land lebt. Wenn du raus bist, bist du raus. Nicht zwangsläufig. Nicht für immer. Doch die Gefahr ist da. Also. Ein Bedingungsloses Grundeinkommen würde diesen Teil der Gesellschaft. Diesem UNVERZICHTBAREN Teil der Gesellschaft. Nicht viel bringen. Wir können nicht einfach so Auszeiten nehmen und Projekte starten. Nein, wir sind es, die euch in Krisen-Zeiten eure Nahrung herstellen, bringen usw. usf. Jetzt in diesem Zeitgeist der aktuellen Tage mag man brav „Danke, danke“ zu uns sagen und Lieder von Balkonen trällern. Doch im Normalfall bekommen wir Arbeitssklaven nicht einmal ein Lächeln von „euch“ (wer immer „Ihr“ auch seid). Also. Tut mir leid. Ich muss jetzt in den Tenor einstimmen, der gerade durch die Online-Plattformen wandert: Bezahlt doch lieber einmal die Systemrelevanten Leute richtig, anstatt darüber zu fabulieren Menschen fürs Nichtstun zu entlohnen.

Das ist jetzt kein Diss gegen die Kunst. Ich bin selbst künstlerisch tätig (auch wenn ich davon nicht lebe) besuche viele Veranstaltungen und gehe gerne ins Museum. Kunst muss unterstützt werden. Doch es geht ja nicht um eine bessere Unterstützung der Kultur und Kunst in diesem Land, sondern um ein Grundeinkommen für jene, die sonst etwas machen wollen, außer an der Kasse zu stehen.

Tut mir leid.

In diesen Zeiten nach einem BEDINGUNGSLOSEN Grundeinkommen zu trommeln, empfinde ich denen gegenüber unsolidarisch, die euch dieses Grundeinkommen ermöglichen könnten. Und. Die davon nichts haben werden. Wir. Die Systemrelevanten Trottel. Ja. Ich verdiene gut, hab einen sicheren Job. Und werde im Alter trotzdem ein halber Krüppel sein: Ich arbeite körperlich schwer. Deswegen sind mir natürlich bessere (also fairere) Renten und eine bessere Bezahlung für z.B. Altenpflegekräfte wichtiger als ein Grundeinkommen für angehende DJs und Bildermaler, die sich selbstverwirklichen wollen und auf die Hilfe des Allgemeinwohls hoffen. Denn sollte der große Rubel bei Frau Künstler und Herren DJ einmal rollen, wird dann ja leider auch nichts an die Gesellschaft zurückgegeben. Es war ja ein bedingungsloses Grundeinkommen. Kein Hilfskredit.

Zertifiziert geht die Welt zugrunde. Oder: Die Deutschen – auf ewig Nazis?

Okay, krasser Titel. Vielleicht ein wenig überspitzt. Dabei will ich auf ein etwas anderes Thema hinaus, als der eine oder die andere vermuten. Es ist allseits bekannt, dass die Deutschen (wir Deutschen) nicht die größten Völkermörder aller Zeiten sind. Mao und Stalin hatten viel mehr Menschenleben auf dem Gewissen als Hitler (hier geht es um die reinen Zahlen an Ermordeten). Dennoch sind die Nazis als die größten Völkermörder aller Zeiten in die Geschichte eingegangen. Diese Annahme fußt darauf, WIE unsere Vorfahren gemordet haben: Kalt und industriell. Jeder kennt die abscheulichen Bilder aus den Konzentrationslagern. Berge von ausgehungerten, zu Tode gequälten Menschen. So einen Wahnsinn an korrekt geplanten und durchgeführten Massenmord haben die Deutschen exklusiv.

Schlagen wir den Bogen zurück zur Überschrift. Ich mache ja gerne extreme Vergleiche. Und wenn man sieht wie Deutschen nach der Nazi-Zeit die Industrialisierung vorangetrieben haben. Mit extremer Genauigkeit. Detailversessenheit. Korrekt bis auf den letzten Millimeter ihrer Auto- und sonstigen Produktion. Engagiert auch das kleinste Problem mit deutscher Ver- und Besessenheit zu lösen und zu optimieren. Nun. Da drängt sich mir die Frage auf, ob die Deutschen mit ihrer überzogenen Art industriell und penibel zu arbeiten, nicht genau da weitergemacht haben, wo die Nazis aufgehört haben. Denn die Industrialisierung wird aus der heutigen Perspektive nicht nur als die Bahnbrechende Idee angesehen, die uns alle reich gemacht hat. Sie gilt auch als das Werkzeug, welches die Existenz der Menschen auf diesen Planeten gefährdet. Doktor Mark Benecke zufolge lässt sich der Klimawandel nicht mehr aufhalten und das Schicksal der Menschheit so wie wir sie kennen ist auf kurz oder lange besiegelt. Und wer hätte den Klimawandel stärker befeuert als die tüchtige Leistung aus deutschen Industrie-Schloten? Wenn wir in der Arbeit gute Dinge (Werkzeuge, Produktreste oder das Produkt selbst – in meinem Fall „Bier“) unter dem Deckmantel, dass wir ein Zertifizierter Betrieb sind und Vorgaben erfüllen müssen, einfach wegschmeißen oder sonst irgendwie vernichten, obwohl sie noch „gut“ sind, sage ich gerne meinen Slogan: „Zertifiziert geht die Welt zugrunde.“ Und das stimmt.

Ich bin mir sicher, dass die Deutschen noch ein paar Tage vor ihrer Auslöschung darauf bestehen werden, alles KORREKT zu machen. Bis auf die Zahl nach dem Komma. So sind wir nun einmal. Besonders ich. Wir machen die meisten Dinge exakt wie ein Nazi. Und. Um den Deckel auf meine These zu machen. Vielleicht werden unsere Nachfahren eines Tages auf die Generation meiner Väter zurückblicken. Die Vater-Generation. Also die Nachgeborenen des Krieges. Die auf eine andere Art, unbewusst, doch mit überdeutscher Präzession genau dort weitergemacht haben, wo die Nazis aufgehört haben: Mit ihren Taten auf industrielle Weise so viele Menschen wie möglichen zu töten. Nicht mit Absicht. Doch mit deutscher Genauigkeit. Wenn es darum geht Vorgaben zu erfüllen machen die Deutschen Millionenüberstunden. Die Schlote müssen für uns immer qualmen. Egal ob es Leichen sind, die wir in unseren Öfen verbrennen. Oder ob der Rauch das Klima erwärmt und wir alle Menschen für unseren Wohlstand opfern. Korrekt muss es nur sein. Bis auf die zweite Stelle nach dem Komma. Ich weiß, gewagte These. Na und?

Absolution 41 – Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“

Kapitel 14

Manchen Theorien zur Folge sind unsere Träume keine Reflektionen auf unser Tag-Leben, sondern es verhält sich umgekehrt: Die Traumwelt ist die echte Welt und das Tag-Leben nur der Sammel- und Versuchsballon der dazu dient, Eindrücke für die tatsächliche Wirklichkeitsebene zu speichern, um schließlich in der von uns so genannten „Traumebene“ neues Leben und Zusammenhänge entstehen zu lassen. Von dieser Perspektive aus betrachtet, hätte Paul gar kein Leben. Fast immer waren seine Träume ein grabdunkles, tiefes Schwarz, welches am Ehesten noch mit einem schwarzen Loch zu vergleichen war, in dem seine Erlebnisse nicht aufgearbeitet wurden; sie wurden einfach nur zu einer Eiskalten Singularität spagettisiert, aus der es keine Rückkehr mehr zu geben schien.  Seine schlaflosen Nächte gaben ihm die verlockende Vorstellung zu wissen, wie es sich anfühlen müsste, tot zu sein. Der Tod: Eine dunkle, schwarze, nichts verarbeitende Stille der Seele. Ein Wortloses, ersticktes Unterbewusstsein. Frei jeder Hoffnung, Zukunft oder Vergangenheit. Bei jedem Erwachen beschlich ihn das Gefühl, dass sein eigenes Unterbewusstes nichts mit ihm zu tun haben wollte.

„Katha ficken“. Immer noch eine gute Idee. Doch wie und wann hatte er das notiert… Und warum?…

Heute war noch minus einen Tag bis zum Wochenende. Er war sich darüber klar, es diesmal sein zu lassen. Es seien lassen zu müssen. Keine Ur-Völker mehr mit Fantasy-Problemen. Keine Ylva oder andere Spinnereien. Dieses Wochenende würde er sein Leben geschissen bekommen. Und da er aus dem letzten Wochenende was gelernt hatte, schrieb er heute, an diesem Freitag, voller Motivation und kaltem Bewusstsein: „Leben geschissen bekommen“ auf ein Post-It und klebte es an die gleiche Stelle, an der er sich noch vor ein paar Tagen geraten hatte, es Katha zu besorgen.  Kurz und gar nicht lächerlich nickte er dem Post-It in seinem Badezimmer zu, dann tippte er auf seinem Handy eine Nachricht für Katha ein, ob sie nicht mal Bock hätte mit ihm was zu machen. Kino oder so. Morgen wäre klasse. Er würde sich sehr darüber freuen. Am liebsten würde er gerne heute. Nur heute, war leider Familientag. Schon wieder. Danach machte sich Paul fertig für die Arbeit. Nicht ohne sich mit wild pochendem Herzen darüber freuen zu dürfen, wie Katha ihm ebenfalls freudig zusagte.

 

Nach der Arbeit besorgte er sich die obligatorische Dose Gulaschsuppe. Wie immer die von „Fleischmann“. Der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ war eine Marotte von Pauls Familie. Ein Running-Gag und Familien-Tradition in einem, die jedes Jahr am gleichen Datum abgehalten wurde. Zur Erinnerung an den verhängnisvollen Tag, als Pauls Mutter sie verlassen hatte. Dieser Tag war so wohl merkwürdig als auch lächerlich gewesen, denn auch wenn sich manche Ereignisse Monate, vielleicht sogar Jahrelang vorher überdeutlich andeuten, waren am Ende doch alle überrascht gewesen, dass wirklich geschah was alle hatten kommen sehen. Von einem Tag auf den anderen war „Mutter“ weggewesen und Vater stand mit seinen beiden Kindern und der Karate-Schule alleine da. Alle hatten gewusst, dass dieser Tag kommt, außer Paul wahrscheinlich, der noch zu jung war um die Zeichen zu deuten. Er war viel zu sehr Muttersöhnchen gewesen um zu verstehen, dass es andere Prioritäten in Mutters Leben gab. Und Vater war sich seiner Sache viel zu sicher gewesen. Viel, viel zu sicher. „Soll die Alte mal drohen und toben. Am Ende wird sie es doch nicht durchziehen“, so simpel und lange auch richtig waren seine Gedanken gewesen. Nur Pauls Schwester hatte die Situation realistisch gesehen und die Familie deswegen seelisch und geistig schon lange aufgegeben. Für sie war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Mutter ihre Frau stand… Dann war sie fort und die Familien-Geschichte, die in Mutters Kopf „gar nicht mehr schlimmer hätte sein können“, war genau das geworden: Viel schlimmer als sie es sich selbst hätte vorstellen können oder wollen. Was nun keine Rolle mehr spielte, da sie selbst nun endlich nichts mehr mit diesen grauenhaft selbstverliebten Leuten zu tun hatte. Während die zurückgebliebenen Kinder und der Mann fassungs- und wortlos vor den Scherben ihrer Vergangenheit standen.

„Wo ist Mutter?“ hatte Paul seine Schwester und den Vater gefragt, als er abends vom Nachmittagsunterricht zurückgekommen war. Er hatte sich morgens nur kurz darüber gewundert, dass für ihn kein Pausenbrot vorbereitet war und hatte sich aus Vaters Geldbörse den kleinstmöglichen Schein genommen. Die Schule hielt genug Prüfungen und Teenagergeilheit für ihn bereit. Da konnte er sich nicht auch noch vom Familienleben ablenken lassen. Paul war schon immer ein Spätentwickler gewesen. Und sollte es auch bleiben.

„Fort“, seine Schwester hatte nur noch schief lächeln können.

„Wie fort? Wann kommt sie wieder?“

„Ja weg! Ganz weg!“ hatte sein Vater laut gekläfft gehabt, laut und böse und deprimiert.

„Wie weg?“ Wie hätte es Paul auch verstehen können?

„WEG! WEG!“ hatte Pauls Vater ihn wie noch nie in seinem Leben zuvor angeschrien und hatte mit seiner massigen Karateschulfaust auf den Tisch gedroschen, so dass jener erbebte wie unter der Hand Gottes.

So war das also gewesen. Weg, weg… Niemand hatte geweint. Keiner hatte jemand umarmt. Einfach nur weg, weg. Auf immer. Wahrscheinlich auf ewig.

Wäre dies eine Fernsehfamilie gewesen, wäre nun der übliche Trostmechanismus angesprungen. Menschen hätten einander versichert, nichts dafür zu können. Dass es jetzt schon „irgendwie weitergehen würde“. Dass die Familie jetzt zusammenhalten müsste, wie nie im Leben zuvor. Dass es irgendwie gar nicht so schlimm wäre. Irgendwie… Nur war diese Familie keine Fernsehfamilie. Niemand sprach ein Wort. Jeder hing in seinem Kopf fest. Das Undenkbare war zum Unsagbaren geworden.

Bis.

Bis Vater aufstand und die ersten drei Lebensmittel aus dem Schrank nahm, die sich ihm dargeboten hatten: Drei Dosen Gulaschsuppe. Jeder von einem anderen Hersteller. Dass eine von ihnen sogar abgelaufen gewesen war: Geschenkt. Vater schüttete die drei ungleichen Dosen zusammen und die wurden dann von den drei ungleichen Familienmitgliedern wortlos verspeist. Es hatte ebenso nach nichts geschmeckt, wie sich die Situation angefühlt hatte. Es hatte das Salz gefehlt. Ebenso wie das Brot. Salz und Brot hatten die Familie verlassen. Und so sollte es auch bleiben. Für immer. Dann war das Leben einfach weitergegangen, wie es immer der Fall ist.

 

Um an diesen Tag zu erinnern, kam die verstümmelte Familie jedes Jahr zusammen. Vater. Schwester und Bruder brachten jeder eine Dose Gulaschsuppe mit, die sie wie jedes Jahr zusammenmischten und aßen. Jedes Mal darauf wartend, dass Mutter hereinkäme und Salz und Brot auf den Tisch stellen würde. Im ersten Jahr hatte Vater kurz geweint. Danach nie wieder. Auch nicht. Als seine neue Frau die Drei nur kopfschüttelnd ansah und in die Küche ging. Und das brachte und wurde, was sie alle so lange vermisst hatten. „Ihr seid doch bekloppt“, hatte die neue Mutter kopfschüttelnd geraunt und die Suppe gesalzen. „Ihr wisst doch gar nicht was gut ist.“ Worauf sich nach Jahren der Tradition keine Gefühlsregungen zu zeigen, ein Lächeln in ihre Gesichter schlich.

Zum heutigen Tage war diese Tradition, der „Internationale-Gulaschsuppen-Tag“ wie Paul ihn nannte, Pauls liebstes Familienfest geworden. Nie war er so ausgelassen mit seiner Familie, als zu diesem Fest. Selbst der obligatorische Hans und das unpassend viel zu tiefe Dekolleté seiner Nichte konnten Paul nicht irritierend. Diese Gulaschsuppe. War jedes Jahr das beste Essen, welches er sich nur vorstellen konnte. Dabei mochte er weder die neue Frau seines Vaters, noch seine Familie besonders gern. Aber dennoch…

 

Einen Tag später schmeckte Kathas Mund nach Gummi-Bärchen.

 

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Gedanken zur letzten SPEX-Ausgabe

Mehr als rührselig habe ich gerade die letzte Ausgabe der SPEX ausgepackt. Ein kurzes Durchblättern hat mich dann gleich abgeschreckt: Bäh. Seitenweise Rückblicke und Melancholie wohin man sieht. Nun. Sei es ihnen vergönnt. Das Musik-Magazin SPEX hat sich immerhin fast 38 Jahre gehalten und wurde schon seit mindestens 15 Jahren totgesagt – was ungefähr genau die Zeit ist, seitdem ich sie lese. Andauernd wurde ich mit der These konfrontiert, dass die SPEX früher relevant war. Heute schon lange nicht mehr. Für mich schon. Für mich war die SPEX ein Fenster in eine andere Welt der Musik, von der ich im gleichen Maße angezogen wie abgestoßen war. SPEC-CDs waren nicht selten unhörbar für mich. Und doch. Stieß man in den Artikeln immer wieder auf Perlen der Musik. Und ganzen Inseln voller Haltung. Das hat mich bis zum Ende fasziniert. Die SPEX holte mich immer wieder aus meiner Bubble, in der ich jetzt wahrscheinlich versinken werde. Ja. Ich fand es schon immer toll mich mit Musik zu beschäftigen, mit der ich mich wenig bis gar nicht identifizieren konnte. „Radiohead“ und „LCD Soundsystem“ wurden ein großes Thema für mich, wie „Sohn“, „Apparat“, „Get Well Soon“, „DJ Koze“, „Frank Ocean“, „Zebra Katz“, „Alt-J“ oder wie sie alle hießen oder noch heißen mögen. Vor der SPEX war ich straight Techno. Aber der Techno-Hype war, gerade auf seinem Höhepunkt angelangt (Anfang der Nuller Jahre) für mich schon vorbei; Techno war tot und man ging trotzdem noch hin. Selbst die besten Dinge überleben sich. Die SPEX öffnete für mich Türen und Räume, in die ich alleine stolpern musste, ganz ohne meine Techno-Haudegen-Freunde. Plötzlich waren Electro/New Rave für mich interessant und auch HipHop und Indie wurden bemerkt. SPEX stand für mich immer für eine Öffnung dem Anderen gegenüber, lange bevor in dem Magazin der Geschlechterkampf klar für die Frauen entschieden wurde. Denn die SPEX wollte nicht nur Teil einer Diskussion sein. Nein. Sie lebte es auch vor, in dem fast ganze Ausgaben Frauen gewidmet wurden. Das fand ich immer ganz toll. Transgender und queere Themen waren hier (neben dem Kampf gegen den Rassismus) die normalsten Dinge der Welt. Für einen Kerl wie mich. Anfang 20. Jetzt 39. Aus einer Kleinstadt. Abgetrennt von den Hotspots der Zeit. Ein Faszinosum.

Zusammenfassend würde ich die SPEX als den Club bezeichnen, in den ich am liebsten ging. Es war nicht der Cocoon-Club oder das U 60311 in Frankfurt, nicht das Ultraschall, das Heizkraft oder das Nachtwerk in München. Und erst Recht kein Laden im langweiligen und konservativen Berlin, Tresor hin, Kater holzig her. Nein. Für mich, dem Kleinstadt-Hippster, war die SPEX eine Art Lieblingslocation, in der man zu jeder Tages- und Nachtzeit gehen konnte, um dort altbekannte Bands und DJs zu hören und diesen ganzen neuen verrückten Scheiß, der irgendwie faszinierend, oft aber auch viel zu bemüht klang. Da stand ich dann an der Bar im Club SPEX, nippte an meinem verwässerten Whiskey neben Schwarzen, Transgender und Möchtegern-Indie-Stars und unterhielt mich im Mode-Teil über die Kunst, nicht ganz wie ein Penner herumzulaufen und die richtigen Filme zu sehen. In manchen Monaten dieser mehr als 15 Jahre war ich jede Woche mehrmals in diesem Club. Während es natürlich auch ein paar Jahre gab, in denen ich zwar an dem alten Laden vorbeiging, das Magazin jedoch kaum aufschlug. Wenn aber, fand ich hier immer wieder neue Impulse, um mein „erwachsenes Leben“ in Frage zu stellen. Wahrscheinlich wäre ich weniger links ohne die SPEX.  Vermutlich wäre ich auch weniger liberal was andere Lebensformen angeht. Tatsächlich wäre ich ohne die SPEX mehr Kleinstadt als mir lieb ist. Die SPEX war nie meine Haltung, sie half nur, sie richtig zu definieren.

Ich erinnere mich noch gut wie ich einmal ein Gewinnspiel dort gewann, mit Karten für Marteria (Marsimoto in dem Fall) und mit einem Gastauftritt von Casper. Da standen wir also. Besoffen. Und lebten 2, 3 Stunden in einer Welt, in der wir nicht hingehörten. Und das war doch was Gutes, wenn man plötzlich vor einer ganz anderen Bühne, vor ganz anderen Führern steht, als dass man es von sich selbst denken würde. Tatsächlich hätte ich das auch ohne die SPEX geschafft. Man muss ja einfach nur hingehen. Man muss sich nur auch inspirieren lassen.

Jetzt wird die SPEX also geschlossen. Noch einmal treten wie ein in die Heiligen Hallen, für die einige Menschen nur Verachtung übrighaben, weil sie nicht mehr für das standen, was sie einmal waren. Während sie für andere immer noch alles bedeuten.

Es wird ein Leben ohne SPEX geben. Ohne freien Print-Musik-Journalismus. Dafür mit tumben und arroganten Einzelmeinungen in Blogs und Vlogs; okay, was die Überheblichkeit und Arroganz der SPEX-Redakteure angeht, werden wenigsten sie die Zeitschrift überdauern und weitervererbt werden.  Am Ende habt ihr es so gewollt. Also beschwert euch nicht. Wenn die Welt bald nur noch aus den Inselblasen der Playlists auf Spotify bestehen; die Mainstrem-Disco Spotify öffnet ihre Toren noch weiter, während die SPEX ausgefeiert hat. Schade. Doch irgendwann muss jeder alte Laden mal schließen. Ich hab ihm viel zu verdanken. Ein letzter Whiskey. Ein letzter Tanz. Und ein letztes großes Kopfschütteln über die unsagbar schlechte SPEX-CD: Danke für alles. Euer Abonnent.