Absolution – 26 – Dieser furchtbare Satz

Mich rechtfertigen…“

Müssen sich Helden denn rechtfertigen?2

Ich habe getötet… Paco wurde…“

Ihr habt den Stamm beschützt.“

Die Meinung einer Mutter über ihren Sohn ist unerschütterlich. Sie wird für immer das Gute in ihm sehen. Ganz egal was er auch macht. Ganz gleich wie er sich auch nennen mag. Er wird immer ihr kleiner Sohn bleiben. Nie ein Mörder oder Vergewaltiger. Eine seiner beiden Mütter hat sich für ihn entschieden. Das Gefühl der Liebe in seinem Herz zu seiner Mutter mag nicht abflauen. Während sich Paul im Stillen selbst nicht darüber im Klaren ist, ob diese bedingungslose Liebe nicht doch die Triebfeder für alles schlechte in der Welt ist. Diese Liebe, die die seinen total einschließt, sie behütet, sie niemals fallen lässt. Währenddessen sie alle anderen Menschen mit ihren Realitäten und Gewissheiten zu Lügner und Objekten verkommen lässt. Doch was hätten die Söhne mit den Frauen getan, wäre nicht das Beschützer-Tier auf den Plan getreten?

Banyardi steht auf. Der Zweifel in ihm kommt aus einer anderen Welt. First-world-problems. Der Krieger hingegen schreitet voran. Er verlässt die Hütte, deren Dach er noch letztes Jahr mit Paco erneuert hat. Die Hütte, die für jetzt und wahrscheinlich für immer sein zuhause sein würde. Kein vier- oder gar sechsarmiger Riese würde etwas daran ändern. Paco war nicht umsonst gestorben (da war er, dieser furchtbare Satz…). Sein Freund war ein Vertreter seines Stammes gewesen. Nichts ist in dieser Welt größer als der eigene Stamm. So wie überall unter den Göttermonden.

Im Dorfe der Ma-Fag lebt es sich nah beieinander. Hütte steht an Hütte. Fenster an Fenster. Die Ausgangspforten sind auf den den Dorfplatz gerichtet, auf welchem jetzt das große Feuer des Ältestenrates lodert. Angefacht von den Magieren und ihren Handlangern.

Die Köpfe der Kinder, die in den Hauseingängen sitzen und lauschen, was die Alten und Weisen zu sagen haben, dessen Sinn sie doch nicht verstehen, heben sich beim Anblick von Banyardi. Für die Kinder ist Banyardi ein Held. Ihre Gesichter hellen bei seinem Anblick auf. Jegliche Müdigkeit ist mit einmal aus ihren Wangen verschwunden. Dank Leute wie Banyardi würde es kein Leid in der Gemeinschaft geben. Dank ihm würde sie immer gut schlafen können. Würde ihre Mutter immer für sie da sein. Würden auch sie eines Tages zu Kriegern werden. Ehrenvolle Recken, die die Götter weiterhin stumm aber gnädig stimmen würden. Ihr Lachen ist entrückt und gläubig, noch mehr sogar bei den Jugendlichen, die als Hüter der Kinder mit in den Hütten zurück geblieben sind. Ihr Weltbild hat das Kindesalter längst verlassen. Ihre Gläubigkeit ist durch die Routine der Erwachsenenwelt ein Fels geworden. Paul. Erinnert das arrogante Grinsen der Ma-Fag Jugendlichen an die Beifallklatschenden Gesichter auf dem Wiener Heldenplatz, als…

Banyardi ist ein Symbol geworden. Seine breite, starke Brust gleicht einer wehenden Fahne.

Noch kann Paul die Worte der Ältesten nicht verstehen. Trotzdem erkennt er die Stimme von Kamyor. Ein weiteres Schlüsselerlebnis prasselt auf Paul ein. Kamyor. Wieder ploppen Polaroids wie Pop-Ups in seinem Kopf auf. Kamyor, der Dorfälteste. Der ehemalige Lehrer der Dorfkinder.

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Absolution – 18 – Stimmen im Wald

Es klang wie Geisterstimmen. Ein Hallen. Vielleicht sogar ein Nachhallen. Aus einer unbestimmten Entfernung. Jedoch aus einer eindeutigen Richtung. Die Freunde sehen sich an. Dann ziehen sie zeitgleich ihre Speere aus den toten Jungtieren. Paul musste seinen Fuß auf das Mädchen stellen, um den Speer aus den Rippen zu lösen. Es ist nicht unproblematisch frisch erlegte Beute zurückzulassen. Das Fleisch muss bevor es verdirbt in das Dorf zurückgebracht und verarbeitet werden. Vor allem sollte die Beute vor anderen Tieren geschützt werden. Das wissen die Beiden natürlich. Es spielt nur in diesem Augenblick keine Rolle. Diese Stimmen, sie klingen nicht bedrohlich. Eher einladend. Fröhlich. Fast glaubt Paul ein Kichern herauszuhören. Doch das kann nicht sein. Nicht in diesem Teil des Dschungels. Keiner ihres Clans würde sich hier aufhalten. An den Grenzen ihres Gebietes. Ansonsten dürfte niemand hier sein. Hier. Gibt es nichts zu Lachen. Vielleicht, waren es doch Geister? Stimmen aus dem Jenseits… Sie markieren die Stelle mit ihrer Beute – das Muttertier war zu groß um es in einen möglichen Kampf mitzunehmen – und gehen vorsichtig  in gebeugter Haltung voran. Paul und Paco teilen den gleichen Verdacht, von woher die Stimmen zu ihren Ohren wandern. Hier in der Nähe musste der kleine Wasserfall sein. Ein guter Ort um zu fischen oder andere Tiere zu erlegen, wenn sie zum Wassertrinken diesen Ort besuchen mussten. Jedoch zu abgelegen für das Dorf der Ma-Fag, wie sie ihren Stamm nannten. Waren das Wassergeister? Innerlich lachte Paul auf. Wassergeister… Wäre das nicht wunderbar?

Ein paar hundert Meter weiter spähten sie durch das Dickicht. Nein. Das sind keine Wassergeister. Eindeutig nicht. Das sind Weiber. Junge, pralle Weiber. Die sich am Wasserfall waschen und – wie es oft bei den Weibern der Fall ist – nicht auf ihre Sicherheit bedacht sind. Wieder sehen  Paco und Paul sich an. Sie kennen diese Frauen und Mädchen nicht. Solche Frauen. Blonde weiße Frauen. Haben sie noch nie im Leben gesehen. Ihr goldenes Haar glänzte in der Sonne und ihre Körper sind von einer Üppigkeit, die aller Frauen fremd sind, die Paco und Paul je gesehen haben.   Dabei spielt es an sich keine Rolle, dass sie die Frauen nicht kennen. JEDER Fremde ist ihnen fremd. Die zwei Jungs kennen ohnehin nur die Frauen aus dem Dorf. Andere. Hatten sie noch nie im Leben gesehen.

Ihr Leben war ihr Stamm. Die Ma-Fag. Ihr Territorium, der Dschungel. Okay. Doch mehr hatten sie von dieser Welt noch nicht gesehen. Höchstens die dürren Krieger aus anderen Dörfern. Nur sehen die aus wie Paco und Paul. Dünne Jäger mit starken Muskeln und von der Sonne verbrannter Haut. Solche schwedischen Model-Girls sind ihnen absolut fremd.

Der  echte Paul. In der realen Welt. Lächelte schief. Er wusste genau wie die Geschichte weitergehen würde. Er hatte diese Geschichte schon tausendmal erlebt.