Sterotyp – 3 – Das Ende der DDR und das Ende von Paul Fleming

Paul Flemings Geschichte begann am 30. September 1989, als der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher um 18.59 Uhr auf dem Balkon des Palais Lobkowicz stand, um dort den mit Sicherheit bekanntesten Halbsatz der deutschen Geschichte auszusprechen: „Wir sind heute zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise…“ Die letzten drei Worte „…möglich geworden ist“ gingen im frenetischen Jubel der in die Botschaft in Prag geflohenen DDR-Flüchtlingen unter. Dieser Halbsatz markierte nicht nur das Ende der „Deutschen Demokratischen Republik“, er steht ebenso sehr für das Ende von Paul Flemings bisherigen Leben. Paul war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 7 Jahre alt, Bürger der DDR, und wie es bei einem Siebenjährigen anzunehmen ist, verstand er weder was gerade geschehen war, als seine Mutter und sein Vater sich weinend vor dem Fernseher in den Armen lagen, noch was für Auswirkungen dieses Ereignis für sein Leben haben würde. Das West-Fernsehen im Röhrenfernseher jubilierte. Vater und Mutter stießen lachend mit dem Marillen-Schnaps aus der großen Flasche an, dessen Geruch der kleine Paul immer so gemocht hatte. „Der erste Schritt ist getan“, frohlockte der Vater. Aus Spaß fügte er zu Pauls Mutter hinzu: „Hiltrud! Du kannst schon einmal die Koffer packen!“ Paul freute sich einfach mit seinen Eltern. Waren seine Eltern glücklich, war er glücklich. Der Junge war noch in einem Alter, in dem es nur einzelne Momente gab. Ereignisse, die scheinbar vollkommen zusammenhanglos einfach passierten. Es gab keinen großen Plan des Lebens. Kein Ende. Jeder Tag war für ihn: Einfach da. Auch wenn er langsam begann ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass die Welt einem gewissen Rhythmus zu folgen schien. Mit sieben hatte er keine Chance, zu erahnen was noch kommen konnte.

Paul wusste nicht viel über seine Eltern. Ob sein Vater bei der Stasi oder Maler war, spielte im Nachhinein ohnehin keine Rolle mehr. Nicht einmal, ob sein Vater beides war. Paul erinnerte sich als er erwachsen war nur noch an Fetzen seines kindlichen Lebens. Daran zum Beispiel, wie sein Vater immer recht spät, meistens nach Sonnenuntergang, von der Maler-Arbeit nachhause kam. Erst ging es in die Arbeit, dann in die Gaststätte. Schloss Paul die Augen roch sein Vater für ihn immer nur nach Zigaretten und Ketwurst. Oft war der Vater betrunken. Meistens war er betrunken. Doch ansonsten war er ein sanfter Mann, der hin und wieder einen Farbklecks in seinen blond gelockten Haaren übersehen hatte und wegen denen der kleine Paul seinen Vater immer wieder für eine Art Engel hielt. Der siebenjährige Paul liebte seinen Vater, wie die meisten Kinder ihre Väter lieben: Abgöttisch. Vater machte alles. Vater konnte alles. Vater wusste alles. Sein Vater war wie Gott. Ebenso wie seine Mutter. Zwei Seiten einer göttlichen Medaille. Ein einzelnes Wesen. Untrennbar miteinander vereint. Mutter. Die Mutter. Seine Mutter, die immer für Paul da war. Die ihm Geschichten im kalten Zimmer vorlas. Sogar die gruseligen, die der kleine Paul so sehr mochte, für die er eigentlich noch zu klein war. Was Vater nicht wusste, hatte die liebe Mama Paul schon längst beantwortet. Schloss der ältere Paul in Gedanken an sie seine Augen, sah er noch immer aus der bodennahen Kinderperspektive die Schürze seiner Mutter wie ein Ballkleid um sie herumschweben. Es ist schon merkwürdig in welchem Lichte wir die Menschen in Erinnerung behalten. Gerade jene Menschen, die uns am Meisten Unrecht angetan haben.  Paul liebte die Weihnachtszeit in der Kleinstadt. Und er liebte noch mehr die Plätzchen und vor allem den Teig, den die Mutter jedes Jahr zubereitete. Dann roch es so wunderbar nach Vanille in der ganzen Wohnung. Nicht einmal die unaufhörlichen, eigentlich alles erstickenden Rauchschwaden von Mutters „Cabinet“-Zigaretten, konnten den Geruch überdecken. Der junge Paul wusste nicht viel über die Zukunft. Dennoch war er sich sicher, dass in Zukunft jedes Jahr zur Weihnachtszeit ihre Wohnung nach Vanille riechen würde. Paul war davon so überzeugt, wie es nur Kinder sein können. Seine Überzeugung war so stark und widerstandsfähig wie eine Burg, die von fleißigen Handwerkern in einen Felsen hineingehauen worden war. Was hätte auch geschehen sollen? Für das Kind war die Zukunft klar umrissen.

Am 9ten November fiel in Berlin die Grenzmauer, die 28 Jahre lang den Osten vom Westen der Stadt getrennt hatte. Die Deutschen lagen sich freudig in den Armen und die Welt blickte ungläubig auf die friedliche Revolution im ehemals so kriegerischen Deutschland. Im Hause von Pauls Familie saßen wieder Alle beisammen. Zu den Eltern hatten sich die Großeltern und ein paar Nachbarn gesellt und zu dem Marillen-Schnaps wurde Bier gereicht.  Selbstverständlich lief das West-Fernsehen nebenbei, auch wenn die Familie mit ihren Freunden gedanklich schon einen Schritt weiter war. Pauls Eltern begrüßten die Wende und das augenscheinliche Ende der DDR mit hochgehaltenen Gläsern und sahen schon goldene Zeiten auf sich zukommen. Die Großeltern und Nachbar dagegen blieben skeptisch. Zu viel war geschehen die letzten Monate. Zu hart war die Polizei der DDR gegen seine eigenen Bürger vorgegangen. Und wer konnte schon wissen welchen Plan die Genossen aus Russland für Deutschland vorgesehen hatten? Glasnost hin, Perestroika her. Woher sollten einfache Leute wie die hier versammelten wissen, wie stark Michail Gorbatschow wirklich im eigenen Staatsapparat war? Und würden die sowjetischen Truppen tatsächlich in den Kasernen bleiben? Da konnte ein Sekretär für Informationswesen namens Günter Schabowski noch so viel von einer neuen Regelung für Reisen in das westliche Ausland erzählen. Konnte und durfte Schabowski das überhaupt entscheiden? „Da könnt ihr euch noch so viel freuen und Bier trinken. Abgerechnet wird immer erst am Ende“, dozierte der Großvater. Doch. Pauls Eltern hörten gar nicht zu. Es gab nur noch immer mehr Schnaps und Bier, gepaart mit der lautgefeierten Hoffnung, den Sozialismus endlich hinter sich zu lassen und Teil der BRD zu werden. Teil der sozialen Marktwirtschaft. Endlich würde es in der DDR auch vorangehen. Die Großeltern sollten sich darüber freuen, so etwas noch erleben zu dürfen. Der kleine Paul würde eine spannende, ja, eine fantastische Zukunft vor sich haben. Er müsse nicht mehr Teil des Staatsapparats werden um etwas zu werden; Paul könnte nach dieser Nacht schlichtweg ALLES werden.

Dabei begriff der kleine Paul auch heute nichts von den weltverändernden Ereignissen, die sich direkt vor ihm abspielten. Ebenso wie er die Worte Genschers in Prag nicht deuten konnte, genauso wie er die Diskussionen um die Anfang September begonnen Montagsdemonstrationen im Familienhaus und in der Nachbarschaft nicht entschlüsseln konnte, verstand er auch heute nicht was da im Fernsehgerät gezeigt wurde. Paul sah mit seinem kindlichen Verstand nur ein paar merkwürdige Leute auf einer Mauer an einem merkwürdigen Tor herumzutanzen. Auf dem Tor war ein schöner Reiterwagen. Paul wunderte sich noch, warum keiner der Erwachsenen der toller Reitwagen auffiel. Ansonsten wurde viel gelacht im Fernseher. Dann interviewten für Paul unsichtbare Reporter, von denen er nur das Mikrofon sehen konnte, eine Vielzahl von Menschen. Einige von den Interviewten waren total erschlagen vor Euphorie, während andere angaben, dass dies nur das logische Ende der letzten Wochen und Monate war. Irgendwie war das Ganze wie Silvester für Paul. Mit diesen scheinbar unendlichen Menschenströmen im Fernseher und dem Alkohol zuhause. Alles schien ein großer Geburtstag oder gleich ein Staatliches Volksfest zu sein. Dazu zeigten die Kameras immer wieder die Bilder von Trabanten und einem Schlagbaum. Viel gefahren wurde also auch. Wo und wohin blieb für Paul auch nach mehrmaligen Erklärungen des Vaters unklar. Um den Vater aber nicht zu verärgern, nickte Paul einfach dem freudigen Papa zu.

„So oder so“, erklärte der Nachbar Schmid mit hochrotem Alkoholkopf, „muss man jetzt mal schauen wie es da drüben so ist. Es gibt doch auch sicherlich noch Begrüßungsgeld.“

„Begrüßungsgeld! Stimmt!“ Pauls Familie lachte. Wenn sich jemand ein wenig Luxus verdient hatte, dann die Bürger der DDR. Dieses Begrüßungsgeld wurde schon den 70ger Jahren Bürgern der DDR gezahlt, wenn sie es schafften in den Schwesterstaat BRD rüber zu machen. Der alte Lohmeyer hatte davon einmal erzählt. Weil der Freund von seinem Schwager hatte vor ein paar Jahren… Und letztes Jahr sollte es sogar erhöht worden sein. Auf 120 Mark! Auch wenn diese Information sich am nächsten Tag teilweise als falsch herausstellen sollte (das Begrüßungsgeld erhöhte sich nur auf 100 D-Mark), waren Pauls Eltern festentschlossen gleich morgens in die BRD zu fahren und sich das Geld abzuholen. Und sich die BRD einmal anzusehen. Es musste am nächsten Tag sein. Denn der nächste Tag war ein Freitag. Das musste unbedingt noch vor dem Wochenende erledigt werden. An Arbeiten war ohnehin nicht zu denken.

„Aber es sind 4 Stunden Fahrt von hier!“ wand der Großvater ein, worauf Pauls Vater nur mit glasigen Blick antwortete: „Und wenn es 40 wären! Jetzt dürfen wir endlich rüber!“

So stieg ein paar Stunden später die ganze Familie in das alten „Wartburg“-Auto des Großvaters. Zwar hatte Pauls Vater vor Jahren selbst einen Trabanten beantragt, doch selbst wenn dieser bewilligt worden wäre, hätte er kaum das Geld aufbringen können, um ihn zu bezahlen. Doch ab heute war alles anders. Wartezeiten sollten der Geschichte angehören. Die Bürger der DDR hatten lange genug gewartet.

Absolution – 26 – Dieser furchtbare Satz

Mich rechtfertigen…“

Müssen sich Helden denn rechtfertigen?2

Ich habe getötet… Paco wurde…“

Ihr habt den Stamm beschützt.“

Die Meinung einer Mutter über ihren Sohn ist unerschütterlich. Sie wird für immer das Gute in ihm sehen. Ganz egal was er auch macht. Ganz gleich wie er sich auch nennen mag. Er wird immer ihr kleiner Sohn bleiben. Nie ein Mörder oder Vergewaltiger. Eine seiner beiden Mütter hat sich für ihn entschieden. Das Gefühl der Liebe in seinem Herz zu seiner Mutter mag nicht abflauen. Während sich Paul im Stillen selbst nicht darüber im Klaren ist, ob diese bedingungslose Liebe nicht doch die Triebfeder für alles schlechte in der Welt ist. Diese Liebe, die die seinen total einschließt, sie behütet, sie niemals fallen lässt. Währenddessen sie alle anderen Menschen mit ihren Realitäten und Gewissheiten zu Lügner und Objekten verkommen lässt. Doch was hätten die Söhne mit den Frauen getan, wäre nicht das Beschützer-Tier auf den Plan getreten?

Banyardi steht auf. Der Zweifel in ihm kommt aus einer anderen Welt. First-world-problems. Der Krieger hingegen schreitet voran. Er verlässt die Hütte, deren Dach er noch letztes Jahr mit Paco erneuert hat. Die Hütte, die für jetzt und wahrscheinlich für immer sein zuhause sein würde. Kein vier- oder gar sechsarmiger Riese würde etwas daran ändern. Paco war nicht umsonst gestorben (da war er, dieser furchtbare Satz…). Sein Freund war ein Vertreter seines Stammes gewesen. Nichts ist in dieser Welt größer als der eigene Stamm. So wie überall unter den Göttermonden.

Im Dorfe der Ma-Fag lebt es sich nah beieinander. Hütte steht an Hütte. Fenster an Fenster. Die Ausgangspforten sind auf den den Dorfplatz gerichtet, auf welchem jetzt das große Feuer des Ältestenrates lodert. Angefacht von den Magieren und ihren Handlangern.

Die Köpfe der Kinder, die in den Hauseingängen sitzen und lauschen, was die Alten und Weisen zu sagen haben, dessen Sinn sie doch nicht verstehen, heben sich beim Anblick von Banyardi. Für die Kinder ist Banyardi ein Held. Ihre Gesichter hellen bei seinem Anblick auf. Jegliche Müdigkeit ist mit einmal aus ihren Wangen verschwunden. Dank Leute wie Banyardi würde es kein Leid in der Gemeinschaft geben. Dank ihm würde sie immer gut schlafen können. Würde ihre Mutter immer für sie da sein. Würden auch sie eines Tages zu Kriegern werden. Ehrenvolle Recken, die die Götter weiterhin stumm aber gnädig stimmen würden. Ihr Lachen ist entrückt und gläubig, noch mehr sogar bei den Jugendlichen, die als Hüter der Kinder mit in den Hütten zurück geblieben sind. Ihr Weltbild hat das Kindesalter längst verlassen. Ihre Gläubigkeit ist durch die Routine der Erwachsenenwelt ein Fels geworden. Paul. Erinnert das arrogante Grinsen der Ma-Fag Jugendlichen an die Beifallklatschenden Gesichter auf dem Wiener Heldenplatz, als…

Banyardi ist ein Symbol geworden. Seine breite, starke Brust gleicht einer wehenden Fahne.

Noch kann Paul die Worte der Ältesten nicht verstehen. Trotzdem erkennt er die Stimme von Kamyor. Ein weiteres Schlüsselerlebnis prasselt auf Paul ein. Kamyor. Wieder ploppen Polaroids wie Pop-Ups in seinem Kopf auf. Kamyor, der Dorfälteste. Der ehemalige Lehrer der Dorfkinder.

Absolution – 18 – Stimmen im Wald

Es klang wie Geisterstimmen. Ein Hallen. Vielleicht sogar ein Nachhallen. Aus einer unbestimmten Entfernung. Jedoch aus einer eindeutigen Richtung. Die Freunde sehen sich an. Dann ziehen sie zeitgleich ihre Speere aus den toten Jungtieren. Paul musste seinen Fuß auf das Mädchen stellen, um den Speer aus den Rippen zu lösen. Es ist nicht unproblematisch frisch erlegte Beute zurückzulassen. Das Fleisch muss bevor es verdirbt in das Dorf zurückgebracht und verarbeitet werden. Vor allem sollte die Beute vor anderen Tieren geschützt werden. Das wissen die Beiden natürlich. Es spielt nur in diesem Augenblick keine Rolle. Diese Stimmen, sie klingen nicht bedrohlich. Eher einladend. Fröhlich. Fast glaubt Paul ein Kichern herauszuhören. Doch das kann nicht sein. Nicht in diesem Teil des Dschungels. Keiner ihres Clans würde sich hier aufhalten. An den Grenzen ihres Gebietes. Ansonsten dürfte niemand hier sein. Hier. Gibt es nichts zu Lachen. Vielleicht, waren es doch Geister? Stimmen aus dem Jenseits… Sie markieren die Stelle mit ihrer Beute – das Muttertier war zu groß um es in einen möglichen Kampf mitzunehmen – und gehen vorsichtig  in gebeugter Haltung voran. Paul und Paco teilen den gleichen Verdacht, von woher die Stimmen zu ihren Ohren wandern. Hier in der Nähe musste der kleine Wasserfall sein. Ein guter Ort um zu fischen oder andere Tiere zu erlegen, wenn sie zum Wassertrinken diesen Ort besuchen mussten. Jedoch zu abgelegen für das Dorf der Ma-Fag, wie sie ihren Stamm nannten. Waren das Wassergeister? Innerlich lachte Paul auf. Wassergeister… Wäre das nicht wunderbar?

Ein paar hundert Meter weiter spähten sie durch das Dickicht. Nein. Das sind keine Wassergeister. Eindeutig nicht. Das sind Weiber. Junge, pralle Weiber. Die sich am Wasserfall waschen und – wie es oft bei den Weibern der Fall ist – nicht auf ihre Sicherheit bedacht sind. Wieder sehen  Paco und Paul sich an. Sie kennen diese Frauen und Mädchen nicht. Solche Frauen. Blonde weiße Frauen. Haben sie noch nie im Leben gesehen. Ihr goldenes Haar glänzte in der Sonne und ihre Körper sind von einer Üppigkeit, die aller Frauen fremd sind, die Paco und Paul je gesehen haben.   Dabei spielt es an sich keine Rolle, dass sie die Frauen nicht kennen. JEDER Fremde ist ihnen fremd. Die zwei Jungs kennen ohnehin nur die Frauen aus dem Dorf. Andere. Hatten sie noch nie im Leben gesehen.

Ihr Leben war ihr Stamm. Die Ma-Fag. Ihr Territorium, der Dschungel. Okay. Doch mehr hatten sie von dieser Welt noch nicht gesehen. Höchstens die dürren Krieger aus anderen Dörfern. Nur sehen die aus wie Paco und Paul. Dünne Jäger mit starken Muskeln und von der Sonne verbrannter Haut. Solche schwedischen Model-Girls sind ihnen absolut fremd.

Der  echte Paul. In der realen Welt. Lächelte schief. Er wusste genau wie die Geschichte weitergehen würde. Er hatte diese Geschichte schon tausendmal erlebt.