Lieber rechts als arm

Es ist schon verblüffend wie schnell der Rassismus-Zug im letzten Monat Dampf aufgenommen hat. Vollkommen normale, vernünftige Leute werfen mit Argumenten und (unironischen) Bezeichnungen um sich, dass man nicht nur den Kopf darüber schütteln kann oder dagegen argumentieren, nein, man bekommt eine richtige Wut und Kopfschmerzen von der ganzen Scheiße.

Zuerst: Ich verstehe jede Frau, jeden Mann mit Frau und selbstverständlich auch jeden Mann, der/die hier aufgewachsen sind, die hier leben und es sich schön kuschelig warm in ihrem Leben gemacht haben, dass dieser nichtenden wollende Flüchtlingszustrom ihr/ihnen/ihm Angst macht. Natürlich. Da kommen ja nicht nur die Guten und erst Recht nicht nur die Gebildeten.

 

Nachdem den Medien vorgeworfen wurde, dass sie zu spät berichtet hätten, wird jetzt viel zu vieles zu früh „berichtet“, was sich im Nachhinein als Ente herausstellt (siehe Freiburg, siehe vergewaltigtes Mädchen in Berlin, siehe verhungertes – oder erfrorenes – Kind usw. usf.); die Hysterie ist nun schon so groß, dass es fast kaum mehr eine Rolle spielt was wirklich geschehen ist, es geht nur noch darum, was DENKBAR wäre. Was man der anderen Fraktion zutrauen würde.

Also ja, da kommen nicht nur die Guten und nein, es sind nicht alle böse, und nein, den Medien kann man nicht trauen, wenn man selbst nur das Hören will, was einem in sein Weltbild passt.

 

Ich bin jetzt 35 Jahre alt und mir ist nicht erst seit der Aktion von Stephan Weidner im Jahr 2007 klar – in der er für den SPIEGEL ein eigenes Interview über sich erfunden hat, was die dann abgedruckt haben, als er nicht mit dem zufrieden war, dass er dem Reporter gab – dass man so gut wie jede Nachricht a) zuerst einmal kritisch betrachten sollte, da sie b) aus verschiedenen Medien-Häuser kommen, die verschiedene politische Einstellungen in die Perspektive hineinbringen, wie man eine Tatsache betrachten kann und c) dass Nachrichten schon immer geschönt werden. Das hat mit dem Kalten Krieg nicht aufgehört, in der mir in meiner Kindheit ständig erzählt wurde, dass die Amerikaner doch die total Guten sind – und wenn man erwachsen wird versteht man, dass die ebensolche Dreckschweine waren und sind wie die Russen. Wie es in Twin Peaks so schön heißt: Die Eulen sind nicht das was sie scheinen – mit Meldungen ist es ebenso.

Dennoch „entsage“ ich nicht den großen Medienhäusern und muss mir nicht meine „politische Bildung“ bei Ken FM abholen. Man sieht sich Alles ein wenig an und sortiert das aus, bis man sich selbstständig eine Meinung gebildet hat.

In der Youtube-Generation dagegen kann man so lange durch die Video-Blogs klicken, bis man schließlich genau die Meinung erzählt bekommt, die man hören will: „Der hat sowas von Recht! Musst du dir ansehen!“

Niemand hat NUR Recht. Das muss man verstehen.

Man muss dialektisch Denken, um zu seiner Meinung zu kommen, anders wird es nichts und niemand wird dir vorkauen, was richtig und was falsch ist – außer du stehst auf Meinungsmache.

Die, die jetzt von den Massenmedien enttäuscht sind, sind glaube ich aber auch die, die Klaus Kleber immer alles geglaubt haben. Kein Wunder das man sich betrogen vorkommt. Wie? Ach? Der nette Fernseh-Onkel ist ja gar nicht DIE Wahrheit…

 

Und das sind genau die Typen (Youtube ole ole) die immer gesagt haben: „Ach, in der Welt geht es so ungerecht zu. Da gehört einmal was gemacht!“ In Umfragen wurde dann gesagt, dass man gerne ein wenig von seinem Reichtum abgeben würde, damit es auch ärmeren Leuten in Entwicklungsländer besser gehen könnte.

Und jetzt, wo „der Rest der Welt“ nicht nur arm und dumm ist, sondern AUCH Internet hat und dadurch erkennen kann, dass es den Reichen (das sind übrigens wir) viel besser geht als ihnen, denken sie: Wir kommen jetzt mal rüber und werden auch ein wenig reich.  Finde ich jetzt nicht prickelnd (dabei habe ich mich mit meiner Patenschaft für das schwarze Kind in Afrika so wohlig und gnädig gefühlt – ich mache was!), besonders wenn Alle auf einmal kommen. Verdenken kann ich es aber niemanden, der lieber hierher kommt und ein klein wenig mehr so ist wie du und ich, als irgendwo für einen Hungerlohn in Afrika nichts zu verdienen oder in Syrien erschossen zu werden.

Was habt ihr denn gedacht? Das die Welt immer weiter dabei zusieht, wie wir immer fetter und fauler werden und wir ihnen ein paar Brotkrumen hinwerfen und alles gut? Und nein, ich habe im Prinzip auch keinen Bock meinen Wohlstand aufzugeben (schließlich arbeite ich doch hart!), doch ich kann auf jeden Fall auch nicht behaupten, dass ich mich groß darüber wundere, dass es so kommt, wie es kommt; nur dass es auf einen Schlag eine Millionen Menschen in einem Jahr sein würden die nach Deutschland drängen, hätte ich nicht gedacht. Aber es sind MENSCHEN. Keine Heuschrecken, keine Monster, und nicht ausschließlich Verbrecher. Menschen die so gut wie möglich ihr einziges Leben leben wollen, wie sie können. Dass das jetzt bei uns sein soll finde ich jetzt auch nicht so toll, aber ich kann es verstehen.

 

Komischerweise bin ich mit der Einstellung bald schon alleine. Wie gesagt: Der Rassismus nimmt zu. Und komischerweise geht es jetzt, einen Monat nach dem Silvester-Schock, immer weniger um Frauen-Rechte und/oder Sozialisationsproblemen; es geht um das Geld. Der Kapitalismus schlägt wieder knallhart zu. Leute, die als es noch „keine Probleme“ gab, sehr gönnerhaft daherredeten, sind jetzt lieber Menschenhasser, als ärmer.

Ich stehe dazu: Ich habe auch Sorgen vor Überfremdung. Habe davor Angst, dass  die Werte die wir hier leben, langsam aber stetig über Bord geworfen werden.  An denen müssen wir festhalten. Und dafür braucht es INTEGRATION derer, die da sind. Und nicht Ausgrenzung. Die, die da sind und nicht mehr weggeschickt werden, die muss man integrieren und zwar um unserer selbst willen. Denn jene die uns heute verstehen, sind nicht die Parallelgesellschaft von morgen. Und das kostet. Es kostet Geld und Nerven. Dabei werden wir leider nicht nur Dankbarkeit zu spüren bekommen.

Aber es wollen immer weniger Leute hier Zugeständnisse machen. Sie wollen dass Alles so bleibt wie es ist; dafür haben sie ja auch die Merkel gewählt. Aber man kann die Zeit nicht festhalten. Man kann nicht immer Jugendlich sein. Man kann nicht immer nur größere Fernseher kaufen. Und man kann nicht hunderte von Jahren diejenige Gesellschaft sein, der es am Besten geht. Das Leben ist ein einziger  Wandel. Aber das wollen viele nicht erkennen. Sie wollen sich lieber aus- oder besser: abgrenzen.

Realität bleib draußen.

Das geht nun einmal schwer mit einem Flüchtlingsheim vor der Nase. Mit der Fremde in der eigenen Nachbarschaft. Aber die Probleme der Welt gehen nicht weg nur weil man Leistungen kürzt oder eine Brandbombe auf ein Dach wirft.

Natürliche Exzesse

Es ist ungefähr 5 Uhr in der Früh als ich auf den Balkon trete. Die Stadt liegt still und feucht vor mir, leise vibrierend wie ein Organ. Aus der Ferne hört man das Zischen der Straßen, welches uns wie rauschendes Blut umgibt. Die Lichter in den Fenstern sind geschlossen. Eine untrügerische Ruhe liegt wie ein Nebel, wie Atem,  über allem.

Ich stütze mich am Geländer ab. Kann die feuchte Erde der Blumentöpfe riechen.

Aus Fernseh-Erinnerungsgründen denke ich über einen Tsunami nach den ich gerade gesehen habe, der die akkurat  angelegten und bepflanzten Felder auf der japanischen Insel mit einer Lawine Müll einfach hinfort fegte. Eine geballte, unglaubliche Naturgewalt.  Menschen, Tiere, Hoffnungen – Alles unter sich begrabend. Und ich wundere mich dabei über den Umstand, dass die meisten Menschen nicht direkt durch die Fluten sterben müssen, sondern ironischer weise von ihrem eigenem Hab und Gut erschlagen und durchbohrt werden, von dem ganzen Mist, der ihnen ihr Leben lang so verdammt wichtig war… Das ist es was uns die Natur zurückgibt, wenn wir sie wie einen Topf behandeln, den wir zum Überkochen bringen.

Es sind kühle, wenig emotionale Gedanken. Nur eine Metapher unter vielen, die vergehen, sich auflösen und verschwinden, wie alle anderen zuvor, die sich ein Mensch für greifbare Tatsachen ausgedacht hat.

Unwichtig also, klingt aber gut.

Mein Blick wandert die Straße entlang. Haltlos. Ohne konkrete Dinge zu erfassen. Deswegen bin ich weder überrascht, noch verwundert, als sich ganz hinten eine Tür öffnet. Ganz langsam und leise. Es ist eine Frau. Keine Ahnung wer das ist. Sie stiehlt sich regelrecht aus dem Haus. Schleicht davon. Zwei Häuser weiter. Wo  – Dank des Bewegungsmelders – kurz ihr blondes Haar aufleuchtet und ich glaube, Frau Müller erkennen zu können.

Hm? Die ist doch verheiratet? Was macht die denn um diese Uhrzeit noch hier draußen?

Direkt unter mir, aus dem Hausausgang meines Mehrparteienhauses, scheint auch plötzlich Licht. Dann schlägt leise die Türe ins Schloss und der Lichtstrahl ist zugeklappt. Ich sehe im Mondlicht Herr Yildiz unter mir aus dem Haus kommen, und wie er verstohlen unter den Buchen entlang nachhause läuft. In seinem eigenen Hauseingang kommt ihm Herr Ivanov entgegen. Sie nicken sich zu. Scheinen aber nichts zueinander zu sagen. Sie verwehren sich gegenseitig den Blick, ohne sich aber gänzlich ignorieren zu können. Auch Ivanov geht die Straße entlang. Raucht dabei aber noch eine, um hinter meinem Blickfeld sicherlich zu seiner Familie zurückzukehren. Und bevor ich noch „Was geschieht hier?“ denken kann, gehen irgendwo in der Straße noch ein paar Türen auf, und Leute, Nachbarn oder auch nicht, stehlen sich aus Wohnungen, um zurück zu ihren Familien und Partnern zu schleichen.

Es ist 5 Uhr 15. Heimkehrstunde.

Die Geliebten. Die Liebhaber. Oder anders ausgedrückt die „Ehebrecher“ und „Fremdgeher“, je nach Perspektive, schleichen sich zurück in ihr normales Leben.

Alle scheinen ein geheimes Leben zu haben. Wenigstens sieht das von hier oben so aus. Jeder hat eine Frau neben seiner Frau. Einen Kerl neben seinem Kerl. Oder gleich ein gleichgeschlechtliches Abenteuer. In der „Affäre“ holen sie sich die Kicks ab, die sich zuhause nicht auszuleben trauen.

Frau Müller nimmt ihn in den Mund und schluckt. Herr Ivanov lässt sich gerne fesseln. Herr Yildiz hat es gerne in seinen eigenen Hintern. Frau Schmidt bekommt weibliche Ejakulationen. Herr Carstensen leckt Muschis.

All das. Machen sie zuhause nicht. Überall. Nur nicht zuhause. Zuhause geht das nicht. Dort können sie nicht ihre sexuellen Phantasien, ihre perversen Praktiken ausleben, denn der Kick ist nicht WAS sie machen, sondern dass sie etwas mit jemanden anderen machen. Der Nervenkitzel ist die Schuld, das Verbrechen – und wenn man sich schon einmal selbst verurteilt hat, kann man weiter über die Strenge schlagen. Denn wenn der Damm einmal gebrochen ist… Dann…

Es ist ein stetiges Treiben und Gehen da unten geworden. Jeder scheint es mit jedem zu treiben. Manchmal schämen sie sich, andere verbergen es gar nicht. Ja. Jeder mit jedem. Und jeder bescheißt jeden. Jede Paarung ist möglich. Nur nicht die mit seinem eigenem Partner.

Ich gehe ins Bett. Und denke noch ein wenig über die Globalisierung und den Treibhauseffekt nach, über übervolle Töpfe, die dampfend ihren Schaum auf heiße Herdplatten tropfen.

Dann schlafe ich ein.