Absolution – 14 – Erfundene Erinnerungen

5.

Ein paar Stunden später saß er wieder mit brennenden Augen vor seinem Bildschirm.

Paul dachte an die Frauen die er gehabt hatte. Meistens an jene Zeit, als er noch ein Jugendlicher war und die Frauen Mädchen. An die Unschuld ihrer Berührungen. Dem schamvollen Ertasten. Dem Erforschen der eigenen Lust. Wie weit man zu gehen bereit war.

Er rief sich die Szenen nicht nur ins Gedächtnis, er erlebte sie noch einmal neu. Jedes Detail. Sogar jedes Atemgeräusch, jeder Blick… Jeden einzelnen Sieg, den er auf dem liebevollen Schlachtfeld der Sexualität  gewonnen hatte. Wie ein Geistkörper fuhr er zurück durch die Zeit, schlich unbemerkt in seinen jungen Körper, und schmeckte und erlebte die Mädchen und Frauen immer wieder neu. Und oh Wunder: Je häufiger er mit den Drogen durch die Zeit zurückreiste, desto mehr Details entdeckte er. Manchmal sogar ganz neue Situationen oder andere Tatsachen, als er sich noch vor einiger Zeit daran erinnern konnte. Das ging so weit, bis er irgendwann, verschwitzt, mit blutig geschürften Penis, in seinem nassgeschwitzten Bett lag, und sich fragte, was war denn nun wirklich passiert? Hatte die Droge ihm geholfen sich besser zu erinnern? Oder war der Drogenrausch nur eine zweite, bessere Wirklichkeit gewesen, die er sich ausgedacht hatte?

 

Er wusste. Wir erinnern uns in Wahrheit nicht so sehr an Erinnerungen. Erinnerungen erinnern sich an Erinnerungen; wir erinnern uns an eine Vision der Vergangenheit, die wir uns – jedes Mal wenn wir allzu fest daran glauben – ein wenig anders zu recht legen. Drogen sind nicht besonders gut um Wahrheit zu erforschen. Und doch… Vielleicht war es doch so gewesen, wie er es sich apathisch im Drogenrausch vorgestellt hatte. Sicherlich hatte er doch was mit dem Mädchen A gehabt – er hatte es nur vergessen gehabt…

Am nächsten Tag glaubte er sich wieder erinnern zu können. Ja. Nein. Das hatte er sich in seiner Drogengeilheit nur ausgedacht… Doch ein kleiner Makel blieb auf seinem Herzen zurück. Es hatte sich doch so real angefühlt. BESSER als die Realität. Und als er sich auf dem Wochenende darauf, und auf dem darauf folgenden wieder in diese Scheinwelt seiner Vergangenheit  begab, als die Szenarien immer bildlicher, größer und wahrhaftiger geworden waren, wurde er sich sicher, dass es so geschehen war wie er sich JETZT daran erinnerte. Sein Verstand musste ihn bisher belogen haben…

Er konditionierte sich und seine Erinnerungen neu – und merkte es nicht einmal. Auch. Wenn er immer mehr von sich selbst, von seiner eigenen Vergangenheit in Frage stellte. Da er mit niemanden darüber sprach, spielte es keine Rolle was er über seinen One-Night-Stand mit dem Mädchen XY dachte zu wissen. Doch langsam. Nach und nach. Hatte er das Gefühl, sich selbst nicht mehr trauen zu können. Was war denn nun wahr? Und was hatte er sich ausgedacht? Spielte das überhaupt eine Rolle? Die Grenzen. Die Verfugungen zwischen Traum und Wirklichkeit lösten sich nach und nach auf. Was keine große Reaktion in Paul auslöste. Ihm war es egal was wahr war und was nicht. Hauptsache er konnte es wieder und wieder durchleben. Seine Realität war wie eine Menge Filmmaterial. Filmmaterial und Nachdrehs, welches er erst im Schnitt zu einem fertigen Film zusammenfügte. Bis er am Ende nicht mehr wusste, wie die Original-Version ausgesehen hatte. War das denn so wichtig? Hatte das irgendeine Auswirkung auf sein Leben wenn er glaubte mit der oder der intim gewesen zu sein? War er das Produkt seiner Vergangenheit? Oder das Produkt seiner Einbildungen? Oder war er Beides? Es war doch egal ob Katha und er vor einem Jahr aneinander herumgefummelt hatten. Oder er Sarah schon einmal geküsst hatte. Ob Judith ihm damals einen geblasen hatte. Oder ob all das nur in seinem Kopf geschah. Er war er. Und die Frauen waren die Frauen. Und die Droge war die Droge. Er könnte ewig so weiter machen und dabei glücklich sein. Was war falsch daran?

 

Advertisements

Smartphones im Hallenbad

„Hilflos“ ist man dann recht schnell. Dazu reicht schon ein Smartphone, wohin keines gehört. Schon fühlt man sich überrumpel, übervorteilt, entblößt. Daran habe ich gar nicht gedacht, an diese Möglichkeit ob, und dass… Nicht einmal als wir vorhin das Schwimmbad betraten und da dieser Comic hing, der von der Frau, in dem sie einmal in einer Burka, einmal im Bikini und einmal in Straßenkleidung abgebildet ist, mit dem Zusatz auf Englisch, Arabisch und Deutsch, dass Frauen in jedem Aufzug zu respektieren seien. Und da ist dann dennoch auf einmal dieses Handy in der wechselnden Hand dieser 4 Typen, Jungs für mich, so Typen um 20, die sich selbst als super cool und sympathisch empfinden, im Wasser herum tollend, hinein hechtend, lachend, „angekommene Flüchtlinge“, die mit ihren Blicken, Gesten und Bewegungen die Räumlichkeit so sehr dominieren, das die restliche Hallenbad-Besucher sich dazu bewegt fühlen, einen großen Bogen um sie zu schwimmen, obwohl es nur ein standardisiertes Schwimmbecken ist, 5 Schwimmbahnen breit.

Als Mann denke ich mir anfangs nicht viel dabei, außer dass, was ein Mann immer schnell und oft denkt, nämlich das es mir lieber wäre wenn diese „Jungs“ nicht da wären, besonders auch deshalb, weil ich selbst einmal in dem pubertären Alter war, in dem sie mir erscheinen, auch wenn ich nie Flüchtling war, nie, nicht einmal ansatzweise, und wie stark ich mich ebenfalls in ihrem Alter fühlte, und wie blöd mir das heute vorkommt, wie pubertär, wie unausgewachsen. Das Smartphone nehme ich nicht wahr, meine Freundin macht mich darauf aufmerksam.

 

Es ist ziemlich brutal wie so ein Smartphone am falschen Ort das Gleichgewicht zwischen der Menschen verschieben kann, besonders, da diese Telefone heute WASSERDICHT sind und man auch noch unter Wasser damit Fotos machen kann, was sich hier im künstlichen gechlorten Indoor-Wasser anbietet. Mir ist unwohl in der Situation. Fühle mich schwach und unmännlich, da ich nichts unternehme, auch wenn im Prinzip nichts passiert, gegen das ich aktiv eingreifen könnte. Ich lasse meine Freundin neben mir schwimmen, ich zwischen ihr und den Typen, damit da ein gewisser Abstand zu den Kerlen und dem Ding ist, dass Fotos macht.

Die Kerle kauern sich immer wieder als halbrundes Grüppchen am Beckenrand zusammen, wie eine Wasserballmannschaft ohne die lächerlichen Badekappen, sehen sich Fotos an, die sie scheinbar voneinander gemacht haben, als sie in der Wasser sprangen; die vielleicht aber auch unter Wasser aufgenommen wurden, und Frauenkörper zeigen, wer weiß das schon?

Vom Herz her bin ich kurz davor einfach rüber zu schwimmen und mich hinter sie zu stellen, damit ich auch in das Wasserdichte Display, des Multifunktionsgeräts sehen könnte. Wären dann da ein Foto von meiner Freundin, über oder unter Wasser: Aber dann!

Tatsächlich ist es aber so, dass ich keinen von ihnen dabei ertappt hätte, wie sie das Handy als Spanner-Werkzeug eingesetzt haben. Der Rest ist Kopfkino.

 

Meine Freundin sagt, es mache ihr nichts aus. In der Großstadt im Hallenbad war ihr das, wenn sie mit ihrer Mutter unterwegs war, auch schon untergekommen, viel extremer und penetranter. Diese Erklärung. Macht es für mich natürlich nicht besser. Wie jeder Mann in dieser Situation denke ich mir nur, dass  es die Situation nur irgendwie schlimmer macht, wenn sie sagen muss: Es macht mir nichts aus. Da will Mann gleich zuschlagen. Dazwischen gehen. Wie man es früher gemacht hätte. Als man so alt war wie diese Typis.

Sie sagt zu mir: „Du regst dich mehr darüber auf, als ich.“

Das mag stimmen. Und wer kennt schon die Wahrheit? Und hätte ich nicht als Jugendlicher (nicht mehr in dem Alter dieser Kerle, eher ein halbes Dutzend Jahre vorher) auch mit dem Gedanken gespielt, was Ähnliches zu machen? Aber das waren nur Gedanken.

 

Als die Jungs weg sind schwimmen alle Besucher wieder schön ihre Bahnen. Es ist nichts passiert. Und es ist irgendwie doch sehr viel passiert. Entspannung sieht man in den Gesichtern der Frauen, von denen mir nur die vom Schwimmen roten Köpfe sichtbar sind, die an mir vorbeitreiben.

 

Am Hallenbad-Eingang sehe ich mir die „Benimm-Regeln“ an, suche nach einem Absatz, in dem etwas über „Smartphones“ steht. Da ist nichts. Von „Respekt“ gegenüber Frauen kann ich lesen. Ich finde dabei, dass es der Respekt gebiert, kein Handy mit ins Schwimmbecken zu nehmen. Und fühle mich dadurch auf der richtigen Seite der Medaille. Beim Hinausgehen sehe ich in den Glaskasten des Bademeisters, der auch nur in sein Smartphone starrt.

Der Text zur Nacht – Versuch eines Nachworts

Irgendwann blickt man auf dieses vertraute, plötzlich scheinbar fremde Leben zurück, und wundert sich, wundert sich darüber, wie krank und zerstört man damals war, wie verloren, und wie wenig Hilfe und Unterstützung man bekam, von denen, die man liebte, brauchte und für die man auch selbst dagewesen war. Zwar hatte man immer wieder – so weit wie möglich – ein Geheimnis aus der Sucht gemacht, doch jetzt, Jahre später, wo der Kopf langsam aufgeht wie ein verkrampfter, verzogener Muskel der vom Bewusstsein gedehnt und reaktiviert wird, jetzt, wenn ich die Gespräche mit meinen langjährigen Freunden suche und ich von ihnen und vor mir zugebe, wie absolut verloren, krank und Drogensüchtig ich war, wie unnormal dieses Leben, mein Leben, von statten ging und mit wie viel Gewohnheit und Normalität wir an die Sache herangingen, absolut blind für die Wahrheit: Dass wir krank und hilflos waren, den Fluss hinab trieben wie ein ausgedörrte Zweige, die sich durch einen kleinen, seichten, nicht einmal starken, Windstoß vom Baum des Lebens lösten, herab fielen, da die Verbindungen ohnehin nicht mehr stark zum gesunden Baum-, Trieb- und Knospenwerk zu nennen gewesen wären.
Ja. Ich war krank. Wir alle waren das.

Ebenso wahr ist es, dass wir natürlich selbst schuld an unserer Krankheit waren. Wir hatten die Realität auf eine zu leichte Schulter genommen, hatten uns selbst überschätzt, was aber spielt das für eine Rolle, wenn man am Ende wirklich nur krank und fertig ist, woher diese Krankheit kam? Hat denn der Suchtkranke, ebenso wie derjenige, der an einer Geschlechtskrankheit leidet, nicht das gleiche Recht auf Versorgung und Hilfe verdient wie jener, der eine Krankheit durch Unachtsamkeit oder aus ihm nicht nachvollziehbaren Quellen? Auch, wenn man eindeutig persönliche Fehler gemacht hat? Aber es ist schwer in unserer Gemeinschaft zwei Dinge gleichzeitig anzuerkennen: Fehler UND Krankheit? Das geht schwer zusammen in der halbherzigen Toleranz eines scheinbaren Perfektionismus, der uns allerorts indoktriniert wird…

Da war diese Zeit, in der ich gar nicht mehr Leben wollte. Wozu auch? Es gab nichts was mich hielt, was mich glücklich machte. Kein Wunder dass ich damals zu Rauchen begann… Da waren nur die Drogen und das Trauma, dass dieses Nachtleben der einzige Anker zum Dasein sein konnte und das Nachtleben ist nun einmal eine schwere Geliebte, da sie einen aufzehrt und einen mit kurzer Lebenserwartung zurücklässt – und ja natürlich, irgendwo hat man sich doch frei dafür entschieden. Ein Paradox, ja. Doch war diese Entscheidung nicht das eigentliche Hauptmerkmal der Krankheit? Und ist es nicht mehr als logisch dass man sich im Krankheitsfall an das Umfeld hängt, in dem man sich auskennt, dass man liebt?

Ich hätte zu dieser Zeit sicherlich auch keine Hilfe angenommen. Dafür war ich viel zu arrogant, selbst bezogen und blind. Später ist irgendwann und damit eh egal. Und irgendwie hing man die ganze Zeit mehr im Gestern als in der Gegenwart fest; trauerte um alte Liebe, seien es Frauen, Freunde, Musik und Familie. Drogensucht ist wie eine alte Platte, die immer wieder an der gleichen Stelle springt. Man hängt fest.
Also nein. Ich will mich gar nicht beschweren, dass meine Freunde, meine Familie nicht für mich da waren, da sie es a) teilweise gar nicht wusste und b) ich diese Hilfe gar nicht angenommen hätte. Wundern muss ich mich aber dennoch, dass einen nie jemand zur Seite genommen und gefragt hat: „Du Fleming? Ist mit dir alles in Ordnung? Kann ich etwas für dich tun?“ Und um noch ehrlicher zu sein könnte ich nicht einmal sagen, ob das nicht doch jemand versucht hätte…

Ich wollte nicht mehr leben, gefangen im süßen Thanatos, dabei fühlte ich mich so unglaublich lebendig, leuchtete, glühte so stark aus meinem Innersten heraus, dass ihr, die keine starken chemischen Drogen genommen habt, das wahrscheinlich gar nicht verstehen könnt. Ich fühlte mich so lebendig, wohlwissend dass ich mich damit zugrunde richtete und gerade dieser absolut überzogene, grenzenlose Drang sich lebendig zu fühlen, war das größte Symbol meines Todestriebes; lieber jetzt und sofort verglühen, als mit den Konsequenzen meines Daseins klar kommen zu müssen, das war meine Formel, auch wenn ich sie erst jetzt entschlüsseln kann. Denn diese Krankheit ist wie ein großes Bild, dessen ganze Ausmaße man erst erkennen kann, wenn man zwei Meter zurücktritt.
Es war nicht alles schlecht – ach was, so etwas zu sagen ist Unsinn. Alles war super, schön, Übermenschen überlebensgroß. Man hatte die besten Freunde, die schönsten Träume und war von den tollsten Frauen umgeben. Und das war nicht nur Lüge, schlecht und asozial wie einen die Drogen-Prävention der 80ger und 90ger Jahren beibringen wollte, das war auch die Wahrheit. Würde ich alles noch einmal so machen, hätte ich die Chance dazu? Nein, sicherlich nicht. Deswegen gibt es selbstverständlich dennoch Momente die ich niemals hergeben wollen würde, die so unglaublich wichtig und schön waren und es in meinem Herzen immer noch sind. Und auf der anderen Hand ist all das Leid was ich verursacht habe, dass mir unendlich leid tut, für das ich mich schäme und selbst nicht verstehe; Drogensucht und Krankheit ist eine Sache, aber was getan wurde, wurde von mir getan und da gibt es keine Ausreden. Dazu muss man stehen.

Heute sehe ich milder auf mich und meine Freunde. Nicht herablassend, nein. Die Distanz zur Vergangenheit macht mich nur zu einem reuigen, milderen Menschen. Wahrscheinlich hätte ich das früher „Altersdummheit“ genannt und vielleicht stimmt das ja auch. Was bleibt ist die Vergangenheit mit der man hadert und- da springt die Platte wieder – die man gerne einmal wieder zurückhaben würde, nur für ein paar Stunden, ein Wochenende, einen Tag. Doch das geht nicht. Ja. Man kann druff sein und sich in seiner eigenen Melancholie sonnen. Aber das bin nicht ich von damals, das bin ich der ich heute bin. Drogen machen aus dir vielleicht einen Zeitreisenden, nicht aber dein jüngeres Ich. Denn es reist immer der, der du an einem bestimmten Zeitpunkt ist mit der Zeitmaschine, und das ändert alles. Menschen sind Menschen, keine Symbole.
Was will ich eigentlich sagen?
Ich weiß nicht. Es gibt keinen Major Point auf den ich hinaus will. Würde nicht sagen das ich heute klüger bin als damals. Ich bin einfach ein anderer geworden. Der ebenso ein Arsch ist und sein kann, wie meine frühere Ausgabe. Heute begreife ich vielleicht besser, dass ich wahrscheinlich nicht so lange leben werde wie ihr anderen und vielleicht auch nicht so gut altern werde. Krebsrisiko, Spätfolgen. Plötzlich klingt das nicht mehr nach Abstraktion. Das klingt nach morgen. Übermorgen. Viel zu bald.
Selber schuld? Ich weiß nicht. Menschen haben gute Gründe um Drogenkrank zu werden. Und das sollte man ihnen nicht auch noch vorhalten, auch wenn es unmöglich ist mit Süchtigen nicht die Geduld zu verlieren. Ich will auch gar kein Mitleid haben. Ach Gott nein. Darauf bin ich gar nicht aus. Noch ist nichts passiert. Noch geht es mir gut. Doch wer einen Roman über seine Drogensucht verfasst, muss auch die späteren Kapitel im Auge behalten, in der sich die Perspektive gewechselt hat. Ich wollte ja nie bewundert, bemitleidet oder von besonders vielen Menschen gehört werden:
Von Anfang an wollte ich nur meine eigene Wahrheit erzählen. Und das ist ein verdammt großes Unterfangen.

Angler-Latein

Der Regen nieselt herab und hinterlässt Spuren , wie die flachen Steine, die Vater so gern und männlich über den Weiher springen ließ.

Sie sitzen auf ihren Sport-Camping-Stühlen am See, ihre Angelruten im Ständer, und warten darauf, dass einer anbeißt. Im Nieselregen, denn da beißen die Fische besser. Und für den Menschen gibt es passende Kleidung.

„Hast du erst den Kingsley von Bayern gesehen? Wie der auf der Tribüne während des letzten Spiels herumgelaufen ist? Und du machst Witze über unseren Aubameyang“, sagt und lächelt der Ältere, ein gestandener Mann um die 50, zu dem Jüngeren, den Blick dabei  frei geradeaus.

„Weißt du was? Diese Typen sind doch einfach nur Affen. Das hat mit Mode nichts zu tun. Das ist einfach nur lächerlich. So kann man doch nicht herumlaufen. Das hat auch nichts mit Rassismus zu tun. Aber Affen sind das…“ spricht der 20 Jahre jüngere, ebenfalls ohne seinen Kollegen anzusehen.

Sie angeln seit ein paar Jahren zusammen, seitdem sie sich kennen. Sie können gut miteinander. Der Ältere lädt den Jüngeren auch hin und wieder zu seiner Frau mit ein, zum Essen, angenehme Mahlzeiten sind das. Der Jüngere, ohne Frau, revanchiert sich, immer.

Man mag sich,  achtet sich und bleibt sich doch nichts schuldig.

Es nieselt weiter. Sie würden die Stimmung nicht kalt nennen. „Ein wenig feucht“ könnte man sagen. Feucht aber ist ganz okay.

„Hast du das gelesen? Dass die Amerikaner 415 Schiffscontainer mit mehr als 5000 Tonnen Munition nach Deutschland schaffen?“

„Ne. Wo stand denn das?“

„Im Internet. Im Waechter.“

„Mhm.“

„Ich sag dir. Die zetteln da noch einen Krieg an. Offiziell heißt es zwar, dass wäre nur zu Übungszwecken, doch aus so ner Übung kann sehr schnell ein Ernstfall werden.“
„Da kannst du Recht haben.“

„Die verdammten Amerikaner. Die brocken uns das mit den Russen ein, und wenns dann losgeht, sind wir die Ersten, die überrannt werden.“
„Ach du. Nichts wird so heiß gegessen, wie es…“

„Ja, ja… Wissen tut man gar nichts… Trotzdem. So was kommt aber nicht in den Mainstream-Medien. Deswegen sichte ich andere Sachen.“

„Ja, hast du erzählt. Wisnewski und Udo Ulf…“

„Ulfkotte heißt der. Finde ich sehr gut. Habe ich dir von dem das eine Video geschickt?“

„Ja hast du. War ganz  interessant.“

„Sage ich doch.“

Nur die Beiden sind am Weiher, obwohl das Wetter so ideal ist. Es ist auch deswegen ideal, weil keine Wanderer oder Spaziergänger vorbeikommen. Die Beiden haben gerne ihre Ruhe. Niemand bedrängt sie jetzt. Und die Welt mit ihren Möchtegern Spezialisten ist weit, weit weg. Auch, wenn die Politik immer ganz nah bleibt.

„Gut dass sie die Grenzen zugemacht haben. Das kann so doch nicht weitergehen.“ Wer hat das gesagt? Es spielt keine Rolle.

Der Alte würde dem Jungen gerne sagen, dass er es nicht so schwer nehmen soll. Und das es vielleicht mal an der Zeit wäre, eine Freundin zu suchen. Doch der Alte weiß auch, dass das meistens nicht so gut kommt, wenn man jemanden, der seit längerer Zeit alleine ist, eine Freundin anrät. Das ist immer ein kleinwenig blöd. Denn der Ratschlag alleine hilft ja niemanden. Davon taucht auch plötzlich kein Mädel hier am Weiher auf. Erst Recht nicht DAS Mädel. Trotzdem würde es wohl dem Jüngeren gut tun, so ein Weib. Auch, wenn er es sich sicherlich nicht eingesteht. So sind die Männer. Lieber überzeugte Eremiten als sich einzugestehen, dass die Lösung für manche Dinge nicht in einem selbst, sondern in einem anderem liegt… Vielleicht hat das auch was mit Stolz zu tun. Und den Stolz muss man überwinden wenn man kein Womanizer ist. Denn die ersten paar Mal fällst du bei den Weibern nicht nur auf die Schnauze, ach was, du machst dich richtig lächerlich bei ihnen. Und das kratzt am Ego. Und das ist genau das, was ein Mann nicht braucht. Besonders wenn man gerade „auf der Suche“ ist. Schon eine schlimme Zeit in der Männer für ihre Annäherungsversuche verlacht werden können. Früher war das irgendwie anders. Da war das weniger lächerlich, früher, bevor… Auch wenn es immer schon ein wenig peinlich war, na und?  Wen interessiert denn schon das blöde Gerede der anderen? Wen das Gegacker der falschen Frauen?

Doch all das sagt der alte Freund nicht.

„Gefühlt sind die doch jetzt schon überall“, geht das Gespräch weiter.

„Arbeiten sollen die…“

„Und sich anpassen.“

„Und uns nichts wegnehmen. Mit ihren jetzt schon verlorenen Generationen.“

„Denk an Köln und die Frauen.“

 

Daheim vor dem Bildschirm kratze ich mich am Kinn. Kann man das so schreiben? Kann man das so lassen? Steckt da nicht zu viel Persönliches drin? Also nicht von mir, aber… Na ja, genau darum geht es… Und ich poste es doch im Blog, am Besten mit dem Titel „Angler-Latein“. Daran sollte man sehen können, dass es nicht ganz so ernst gemeint ist – obwohl doch, schon auch ein wenig ernst. Aber so halt mit Metaebene, doppeldeutig gemeint. Also ernstgemeint, ja. Böse gemeint, nein.

Schließlich geht es hier um einen Freund, den man anders in Erinnerung hatte, schätzte, und jetzt nicht mehr versteht, es aber doch noch gerne würde.

Wer einen Blog betreibt der sollte gelernt haben, dass es beim Schreiben selbst nicht so sehr darum geht Überzeugungen zu verbreiten, nein, es geht darum sich beim Schreiben in neue Dinge hinein fühlen zu können. Schreiben heißt Lernen. Vielleichten sollten alle Menschen schreiben und veröffentlichen, um dadurch seine eigene Meinung wiegen, nur nicht verdrehen zu lassen.

Ich poste den Text über meinen fiktiven, realen Freund am See. Und einen Tag später steht er vor meiner Tür, aufgebracht, wilde Augen, hektische Körpersprache und schreit: „Du bist das größte Arschloch das ich jemals getroffen habe!“ Ich darauf, erfreut:  „Sehr gut, dann komm herein und lass uns darüber sprechen!“ Und er dann: „Ne du. Leck mich am Arsch!“ Und dann geht er.

Sexuelle Blindheit

Als ich vor zwei Wochen den ICE von München nach Dortmund nahm, war dies der letzte Tag an dem Bundesweit über eine längere Zeit die Software für die Sitzplatzreservierungen in den Zügen ausfiel. Das schaffte Bewegung im Zug. Ich selbst hatte keine Reservierung und wurde also – wie viele andere auch – immer wieder aufgescheucht und musste mir einen neuen Platz suchen, bis ich schließlich einen festen Platz an einem Vierer-Tisch fand.

Beim stetigen „Umziehen“ hatte ich aber die Gelegenheit gefunden zurückgelassene Zeitschriften einzusammeln und war nun ordentlich eingedeckt mit den aktuellen Ausgaben des Spiegels, des Kickers und der Spex, während ich auch noch zwei Bücher (von Rainald Goetz und David Foster Wallace) mit mir führte; ich war also sehr gut versorgt. Ich las und blätterte hier und dort und überall, ganz vertieft an den Schmarrn der Information, den mein Kopf nicht gespeichert hat und ich mich heute so gut wie überhaupt nicht mehr daran erinnern kann, was mir damals so wichtig erschien.

Mir gegenüber saß eine Frau, etwa 10 Jahre älter als ich, die die „Zeit“ weit über den dafür viel zu knappen Tisch ausgebreitet hatte (wo zum Teufel liest man so eine Zeitung anständig?) und ebenfalls sehr ins Lesen vertieft war. Da wir uns dank der Bahnüblichen Verspätungen (insgesamt eine ganze Stunde) sehr lange gegenüber saßen, kamen wir ins Gespräch über die Dinge, die wir lasen. Der Bachmann-Preis für Goetz, die Schönheit der Bücher von David Foster Wallace usw. Ich dachte mir: „Nettes Gespräch.“ Und wendete mich wieder meinem Lesematerial zu.

Die Dame hatte ihre Jugend schon lange hinter sich gebracht und war damals sicherlich keine absolute Schönheit gewesen, wenn auch eine ansehnliche Frau. Ihr bedacht sehr schlanker Körper könnte ein Indiz für Kinderlosigkeit oder auf eine hohe Selbstdisziplin schließen lassen, wozu auch ihre sehr ausgesuchte und nicht übertrieben dezente Kleidung passte. Die Sprache derer sie sich bediente gefiel mir sehr. Ruhig, bedacht und an mancher Stelle dann doch wieder ein wenig hibbelig. Nicht zu Damenhaft, trotzdem mit einem kleinem Hang zum Altmodischen… Sie hatte Stil. Den ich mochte. So wie man als kleiner Junge den Aura und den Stil mag, den die Lehrerin vorne an der Tafel ausstrahlt, nichts forciert sexuelles, wenn auch sehr weibliches. Ein Stil, den ich an den allermeisten Frauen die ich kenne, schwer vermisse, ihn aber zum Glück schon bei der ersten Begegnung mit meiner jetzigen (und hoffentlich ewigen) Freundin wiederfand; für mich und meine Ästhetik sind die meisten Frauen viel zu laut, ja, fast schon zu vulgär.

Die namenlose Frau verabschiedete sich höflich in Duisburg und stieg aus. Inzwischen hatte der Zug sich so weit geleert, dass ich ans Fenster rutschen konnte, von wo aus ich der Dame zusah, wie sie ihren dort wartenden Lebensabschnittspartner küsste, umarmte, und mich dann durch das Fenster von außen wie ein kleines Mädchen über die Schulter ihres Geliebten eindeutig schmachtend ansah, weiter sogar mich anblickte, als der Mann sich schon längst aus der Umarmung gelöst hatte; ich lächelte ihr zu und dachte für mich: „Hoppla. Die fand mich wohl doch ziemlich besser als erwartet.“ Sie stand noch da wie ein kleines Mädchen mit Hundeaugen. Sprach mit ihrem Kerl und sah zu mir hoch. Und dann setzte sich der ICE endlich wieder in Bewegung.

Ich erzähle diese kleine Episode natürlich nicht deswegen um zu zeigen, was für ein verhinderter Casanova ich bin, nein, es ist nur eine typische Geschichte meines Lebens, da ich fürs Flirten vollkommen unempfänglich bin, leider. Man könnte da fast schon von einer Flirt-Blindheit sprechen, da ich viel zu ernst und doch ausufernd in Gedanken bin, um die leichten Nuancen heraushören, die das Spiel ausmachen. Wobei. Nicht nur die… Ja. Bei mir muss sich eine Frau fast schon auf den Schoß setzen damit ich kapiere was los ist.

Im Nachhinein lustig ist auch die Geschichte wie wir aus Stuttgart nach dem Abtanzen im damals noch existierenden Rocker33 auf dem Weg nachhause waren, und eine damalige Freundin süß zu mir hauchte: „Und jetzt gehen wir noch zu dir…“ Worauf ich, absolut überrascht und nicht verstehend sie anraunte: „Was wollen wir denn bei mir? So ein Quatsch! Ich will jetzt heim und meine Ruhe haben!“ Nicht weil ich sie nicht gerne mitgenommen hätte, nein, sondern es ist leider wirklich so, dass ich viel zu dumm und unaufmerksam bin. Zu plump. Zu grobmotorisch…
Da könnte ich einige Geschichten erzählen, die mir erst im Nachhinein („Oh scheiße!“) klar wurden.

An meine Unfähigkeit Frauen gegenüber musste ich denken, als gestern auf Facebook eine alte Bekannte „gefällt mir“ bei einem Beitrag von mir gedrückt hatte, die einstmals im Kesselhaus vor mir stand, mit MDMA in der Hand, die sie mir hinhielt, und meinte: „Das nehmen wir jetzt. Und dann ficken wir im Fliegen.“ Woraus auch nichts wurde, weil ich viel zu überfordert mit der Situation war; jeder ging zu sich nachhause… Ein Held und Casanova bin ich nur in Gedanken. Und meine Reaktionen hatten nie was mit den Frauen zu tun, immer nur mit mir selbst…

Da kann ich nur froh sein, jetzt in festen und besten Händen zu sein. Glücklich aufgeräumt 🙂