Absolution 49 – Ansage an die Konkurrenz

Der Fettsack bahnte sich wie ein geisteskranker Pac-Man seinen Weg in das Haus: Immer den Gang entlang. Scheinbar hatte er keine Ahnung wohin er musste, das „body count“-Kommando hinterher. Die Frau – vermutlich die Hausherrin – wurde auch von Paul sofort hinter sich gelassen, dabei schenkte nur er ihr ein entschuldigendes, leicht peinlich berührtes Lächeln. Vielleicht war dieses Lächeln sogar der Grund, warum die Frau noch einen weiteren Moment zögerte, bevor sie wie irre zu Schreien begann. Ein, zwei falsche Abbiegungen und dunkle, ideenlos normal eingerichtete Räume später, fand der Fettsack die Person die er suchte, der Hauptgrund und Mittelpunkt ihrer abendlichen Aktion: Den Baader. Und obwohl Paul den Herren Baader noch niemals jemals irgendwo bewusst gesehen hatte, weder auf der Straße noch in der Zeitung, klingelte es jetzt in seinem Kopf, um welchen Kerl es sich hier in Fettsacks Kopf drehte. Der Typ war der Besitzer der „Metzgerei Baader“, einem kleinen Konkurrenten des Fettsacks-Imperiums. An normalen Tagen wäre der kleine Leberkäspanscher für Fettsack nicht einmal der Rede wert gewesen, außer es ginge um miese Qualität und verfettete Produkte, schlechte Haltung; was man nun einmal so über die Konkurrenz so behauptet. Paul fand die Wurst vom Baader aber auch nicht so geil. Tatsächlich viel zu fettig. Jedoch war Paul auch klar, dass es hier nicht mehr nur um die Wurst ging. Jetzt ging es um Alles.

Der Baader machte das, was die meisten Deutschen ohne bewusste Probleme an einem Mittwochabend taten. Er saß in seinem Wohnzimmer vor der Glotze und aß. Ein halbes Hähnchen mit Kartoffelsalat. Der ganze Raum roch danach. Schön würzig. Vielleicht war der Baader doch nicht so ein schlechter Metzger wie der Fettsack immer behauptete. Auf das anstürmende „body count“-Kommando reagierte er ebenfalls so, wie man es von den meisten Deutschen erwarten konnte. Er sank erschrocken in sein eigenes Sofa und war baff vor Schreck. Fettsack: „Jetzt pass mal auf du mieser kleiner Wichser! Was schreibst du an meine Wand?! Was schreibst du an meine Waaaand!!! Was du an meine Wand schreibst?!“ Der Fettsack war mit seinem Kommando zwischen Tisch und Fernseher stehen geblieben, zeigte mit seinem nackten Finger auf dem Mann und schrie. Die Türsteher-Menschen neben sich. Irgendwo daneben stand Paul. Ganz daneben, noch in der Türe die Frau, bei der es sich wohl um Frau Baader handelte. Im Fernseher RTL. Über dem Sofa ein Bild von „Hundertwasser“. Der alte Baader, Mitte 50, dick, dreiviertel Glatze, Brillenträger, war bisher sicherlich jeden Tag der Herr über sein eigenes Leben gewesen – bis zu diesem Zeitpunkt. Fürchterlich erschrocken und traumatisiert brachte er nur ein wiederholtes: Ich… Ich… Ich… Ich…“ hervor, dass den Fettsack nicht sehr beeindruckte. Der stemmte nur seinen rechten Fuß mit der ganzen Sohle auf den Fernsehtisch, ohne dabei (Zufall) den Hähnchenteller zu berühren, lehnte sich nach vorne, drohte weiter mit seinem Zeigefinger und machte die Ansage: „Wenn ich NOCHMAL! IRGENDWAS! An meiner Wand lese! Mit dem du versuchst mein GESCHÄFT zu ruinieren! Dann mach ich dich ALLE! Ich schick meine Russen vorbei! Und dann nehmen sie deine Bude auseinander!“

Hier. Legte der Fettsack eine kleine theatralische Pause ein. Wahrscheinlich nur so, damit der Baader die Info verarbeiten konnte. Jedoch. Sagte einer der Russen mit starken Akzent in die Stille:

„Wir sind keine Russen…“
Der Fettsack: „WAS?!“

„Wir sind keine Russen. Wir sind Ukrainer.“
Der Fettsack drehte sich entnervt um und sah den Typen an. Mit fragenden Händen raunte er zu dem Kerl: „Das spielt doch über KEINE ROLLE!“

Der Sprecher des „body count“-Kommandos entgegnete darauf nur: „Für uns schon!“

Der Fettsack wirbelte wieder zu Baader herum und fragte ihn amüsiert: „Interessiert dich ob die Russen sind oder nicht?“ Der brachte nur ein „Äh“ hervor. „Oder sie Frau Baader?“ an Frau Baader gewandt. Die schüttelte nur eingeschüchtert mit dem Kopf, da sie nun auch noch Teil der Szene wurde. Wieder an den Kerl gewandt: „Es ist jetzt gerade nicht so wichtig…“ Etwas beruhigt und scheinbar sogar von der Szene belustigt wandte er sich wieder dem sprachlosen Baader zu. Wollte etwas sagen, dann kam ihm ein Gedanke, worauf er sich Paul zuwandte: „Die Klitschkos sind doch Ukrainer, oder?“

Paul: „Ähm. Tja. Tatsächlich stimmt das…“

Der Fettsack wirbelte wieder herum.

„WENN DU NOCH EINMAL IRGENDEINEN SCHEISSDRECK AN MEINE WAND SCHREIBST! DANN SCHICKE ICH DIR MEINE KLITSCHKOS AUF DEN HALS, VERSTANDEN!“ brüllte darauf der Fettsack wieder auf den Baader ein. Der Baader wurde darauf noch bleicher, seine Frau klammerte sich ängstlich an den Türrahmen ihrer Wohnzimmertüre und die Ukrainer lächelten ein wenig ob ihrer Bezeichnung als Klitschkos; das klang schon viel besser.

Baader: Nickte.

Und der Fettsack. Zuckte mit den Schultern. Drehte sich um und sagte ruhig und ausgelassen: „Okay. Wir sind hier fertig.“  Das „body count“-Kommando machte sich wieder auf den Weg nach draußen. Nur Paul konnte es sich nicht verkneifen noch zu bemerken: „Und ganz ehrlich: Hundertwasser ist scheiße.“ Der Fettsack tätschelte noch im Hinausgehen den Knackarsch der Frau vom Baader. Packte richtig tief rein.

Als die Autotüren wieder ins Schloss dumpften meinte der Fettsack ganz ausgeglichen und sichtlich selbstzufrieden: „Das lief ja ganz ordentlich.“

Paul verzog daraufhin den Mund zu einer abschätzigen Grimasse in Richtung seines Freundes und sprach: „Aber das mit dem Fenster. Das war der nicht…“

„Jupp“, stimmte der Fettsack zu. „Glaube ich auch nicht.“

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Absolution 48 – Die besten Ideen kommen einem auf Drogen

Warum hatte er nur zugesagt? Hatte Paul denn nicht schon genug eigene Probleme? Mal von seiner Zusage abgesehen kurz mal eine ganze Fantasy-Welt retten zu müssen, wäre er jetzt lieber bei Katha und würde mit ihr Kuscheln. Oder ihr nach einem spaßigen Fick ins Gesicht spritzen. Normale-Leute-Zeug also. Das galt nur nicht für Leute wie ihn. Denn jetzt saß er hier in dieser beschissenen Bonzenkarre, diesem gigantischen roten Audi. Dem RS6. Dieser fahrende, grelle Lippenstift, welchen im Normalfall nicht der Fettsack selbst lenkte, sondern dessen Frau. Im Moment jedoch besaß der Fettsack einen Führerschein; wobei die Gründe weshalb er ihn wieder eingeklagt hatte (tatsächlich hatte der Fettsack den Führerschein wegen einer Hausdurchsuchung abgeben müssen, bei der er mit einer Geldstrafe und Führerscheinentzug davongekommen war) erstens aus DEM PRINZIP bestand, denn, der Fettsack war dieses Mal nicht mit Drogen am Steuer erwischt worden und hatte deswegen den Staat Bayern ob der Unfairness verklagt, trotzdem den Führerschein abgeben zu müssen, zweitens (und wichtiger) dem Umstand, dass er als Führerscheinbesitzer nicht den ganzen Tag twentyfourseven drauf sein konnte, denn irgendwann würde er ja doch mal wieder Autofahren müssen, als ausnüchternde Maßnahme quasi und schließlich drittens konnte man den Lappen hin und wieder wirklich gut gebrauchen um selbst von A nach B zu kommen, so wie in diesem Fall.

Auf die Frage ob der Fettsack nicht schon bei Chris vorbeigesehen hätte, war die Antwort wie zu erwarten „Als erstens natürlich“ gewesen. „Den hab ich an die Wand geklatscht, dass seine Füße bloß noch so zum Boden gebommelt sind und hab ihn mal ner richtig heftigen Umfrage unterzogen“, fuhr er weiter fort.“
Paul: „Und?“

„Wie und? Nix und! Konnte ihm ja schlecht nen Finger abschneiden. Der hat aber auch so schnell zu Flennen angefangen. Ist wirklich schwer zu sagen ob er es war. Bin mir sicher, dass der wegen mir und Sarah nen Film schiebt. Aber… Ob das für so ne Aktion mit der dem Graffiti reicht? Ich meine. Der weiß doch wer ich bin. Und er ein Niemand. Aber selbst dem muss klar sein was für ne Kettenreaktion das nach sich zieht. (Pause) Dass es Chris war ist vielleicht auch einfach ZU offensichtlich.“

Der Lippenstift von Audi mit seinen vielen, vielen Pferdchen unter der Haube schnitt ruckartig durch die Gäßchen des Dorfes in welches der Fettsack sie gebracht hatte. Paul hasste es wenn Leute schnell fuhren und dann glaubten, sie seien GUTE Autofahrer. Wer schnell fährt, fährt in Pauls Sichtweise nicht gut. „Sportlich“ hatte in seiner Denkweise nichts auf einer öffentlichen Straße verloren. Die zwei anderen Typen im Audi mochten dabei einer anderen Meinung sein. Paul kannte die nicht. Sie sahen auf jeden Fall viel gefährlicher aus, als Paul es auf die Waage brachte. Mit Sicherheit waren sie beim Fettsack-Chris-Besuch auch am Start gewesen. Mit absoluter Sicherheit. Die Zwei saßen wie zwei Sack voller Türsteher auf der hinteren Sitzbank des Lippenstifts, nur dass Paul die Beiden noch nie an der Tür des Bosporus gesehen hatte. Keine Ahnung wo man solche Kerle herbekommt. Die Art jedoch wie der Fettsack seine Nase beim Autofahren und Schwitzen nach oben zog, gaben Paul eine Vorstellung. Paul sollte nur als höherer (O-Ton-Fettsack: ) „body count“ mitkommen, denn durch einen mehr wäre ihr Auftreten furchteinflößender. Drei sei eine gute Zahl von Leuten. Vier jedoch schon ein ganzes Team. So wie im Sport. Dass „body count“ eigentlich „Opferzahl“ bedeutete und nicht „Körperzahl“, ließ Paul einfach mal unerklärt. Die Ironie war zu groß für so eine krasse Situation.

Moment mal? Hatten die Typen auf dem Rücksitz etwa Waffen dabei?

„Du sagst einfach gar nichts und stehst nur cool da. Bistn großer Typ. Einfach grimmig schauen. Oder ne. Schau einfach neutral. Mach den Schweizer“, instruierte ihn noch der Fettsack, als sie vor einem unscheinbaren Einfamilienhaus irgendwo in einem für Paul namenlosen Kaff hielten – und Paul war hier in der Gegend aufgewachsen. Als die Türen dumpf ins Autoschloss gefallen waren, fühlte sich Paul ein wenig wie in dieser amerikanischen Serie „Ozark“, bei der in jeder Folge immer und die ganze Zeit viel zu viel passiert und die Protagonisten nie auch nur einen Tag zur Ruhe bekommen können. Dabei war es jetzt auch schon wieder Mittwoch. Wenn Paul es schon nicht fertiggebracht hatte dem Fettsack abzusagen, hätte er ihn wenigstens danach fragen sollen, zu wem zum Teufel er ihn überhaupt brachte? War das so ne Art Drogenbaron hier? Oder nur ein Dealer oder…? Wen zur Hölle hatte sich der Fettsack ausgerechnet, dass er ihm „Junkie“ an seine Scheibe geschmiert haben könnte?

In den meisten Dailysoaps gäbe es keine Handlung mehr, würden sich die Leute nur einmal anständig über ihre Motive und Probleme aussprechen.

Auf dem Klingelschild stand „Baader“ und die Hausglocke machte ganz Sitcomstylisch: DingDong. Da standen sie nun. Der durchtrainierte Fettsack mit seinen Schlägern. Und seinem Kindergartenfreund Paul. Es fühlte sich an wie die eine Szene aus einem Gangsterfilm, die nachträglich herausgeschnitten werden würde. Als das Licht im Gang zur Haustüre angeknipst wurde, dachte sich Paul noch kurz: „Baader? Momentchen Mal, ist das etwa?“ Und schon wurde die Türklinke von innen betätigt und eine vollkommen normal aussehende Frau in ihren Vierzigern stand in der Türe. Sie war dürr, hatte blond gefärbte Haar, war nicht unmodisch gekleidet – und sah überhaupt nicht aus nach Puffmama oder Drogenmutti. Nein. Sie sah aus wie der personifizierte Mittelstand. Zu Pauls steigender Überraschung hatte der Fettsack genau damit gerechnet, denn noch bevor ein „Ja bitte?“ aus dem überraschten O-Mund der Frau entweichen konnte, machte Pauls Freund die Ansage: „Und jetzt geht´s los!“ Stieß dabei die Frau zur Seite und das „body count“ Kommando stürmte voll rein.

Fettsack: „BAAAAAAADER! Wo steckst du Mistkerl?!“

Absolution 40 -Die Perspektive der Schnecke

Noch ein paar Stunden später an jenem Tag, an dem er sich inzwischen noch ausgebombter und breiiger im Kopf fühlte als in der Arbeit, saß Paul auf dem Bett von Chris. Es war keine gute Idee den Besuch bei Chris so schnell wie möglich durchzuziehen, nur um ihn hinter sich zu haben. Geistig war er nicht im Mindesten auf der Höhe für so ein Gespräch. Auf vielen Ebenen wäre es klüger gewesen, noch ein paar Nächte durchzuschlafen. Sich zu sammeln. Klar zu kommen. Aber. Paul wollte diesen ganzen Unsinn weghaben. Paul. Hatte einfach genug eigene Probleme.

„Und da kommst du dann zu mir gerannt?!“ Chris tat entsetzt und overactete dramatisch. Die Hände flogen in die Luft, der Kopf gleichzeitig von links nach rechts. Theatralischer ging es kaum. Chris wirbelte in seinem Zimmer herum. Drehte sich mal hierhin, mal dorthin. Stellenweise verblüffte es, dass kein Gegenstand von einem Regal gestoßen wurde und klirrend wie splitternd am Boden zerbrach. Paul wusste dennoch nicht, ob das jetzt Show war oder er Chris die Performance nun abkaufen sollte, oder musste. War Chris nur sauer darüber, weil Paul ihn sofort erwischt hatte? Oder war Chris wirklich beleidigt, da Paul ihn in der Fettsack-Junkie-Geschichte überhaupt verdächtigte? Die Müdigkeit in Pauls Kopf war dichter und stärker als jeglicher Nebel oder alle trüben Schleier, die in den Geschichten der Gebrüder Grimm für undurchsichtige Verhältnisse führen.

„Was heißt denn zu dir gerannt? Ich meine. Das war am Wochenende. Und da kommen einem mit der Zeit halt solche Gedanken…“

„Denkt der an mich!“ seufzte Chris. Kopfschüttelnd. Übertrieben lächelnd, geistig wie körperlich eine Grimasse ziehend. Jedoch ohne – und das fiel selbst Paul in seinem dämmrigen Zustand auf – Paul in die Augen sehen zu können.

„Du hast dich doch erst nach Fettsack und Sarah erkundigt… Als du die Bea-Geschichte erzählt hast.“

„UND?“

„Wie und? Ich mache mir halt Sorgen…“

„Um wen? Um den Fettsack oder um mich?“

Paul war sprachlos. Nicht weil er wirklich baff war. Sein Gehirn verweigerte inzwischen schlichtweg den Dienst. Paul fühlte sich leer und dumm.

„Wen hast du denn lieber?“ grinste Chris und sah Paul in dessen hilflosen Augen. Direkt in seinen leeren Kopf.

„Darum geht es doch gar nicht…“

„Was hat er denn je für dich getan?“

„Öhm… Das ist jetzt ne ziemliche Frauenfrage. Fällt mir jetzt spontan nichts ein. Aber ich bin mir SICHER. Er hat viel für mich getan.“ Paul empfand sich selbst so hilflos und stumpf, wie er sich gerade präsentierte. Er konnte sich selbst beim Hilflossein beobachten, ohne auch nur im Geringsten etwas dagegen unternehmen zu können.

 

Die Sonne schien immer noch fröhlich zum Fenster herein. Vögel zwitscherten idyllisch auf dem Baum vor dem Fenster.

Chris wohnte noch immer bei seinen Eltern. Der Vater von Chris hatte Paul vorhin hereingelassen. Paul hatte den Vater von Chris noch nie leiden können, diesen ganzen Typ von Vater, den er für Paul repräsentierte, der sich als der beste Freund seines Sohnes aufspielte. Furchtbar.

Es gab Jahre. Da war Paul sehr oft bei Chris gewesen. Als sie Beide noch jung waren. Nüchtern. Voller Hoffnungen.  Jene Jahre des Menschseins, wenn man nicht mehr miteinander spielt und das gemeinsame Reden und Denken entdeckt, wie aneinander entwickelt. Paul hatte Chris immer gemocht. Deswegen sagte er nach der Gesprächsstille: „Darum geht es wirklich nicht… Darf ich mir denn keine Sorgen machen?“

„Mach dir lieber um den Junkie Sorgen… Oh…“

Paul: „Hm?“

Eine kleine Schnecke hatte sich auf das Fensterbrett verirrt und steuerte blind in die Tiefen von Chris Zimmer. Der griff sie sachte an ihrem runden Panzer an, hob sie hoch. Zwei Sekundenlang betrachtete er das hilflose Tier in seiner Hand, dass mit seinem schleimigen Körper versuchte, festen Untergrund zu finden. Diese zwei Sekunden erschienen Paul als der einzige Moment während des Besuches, in dem Chris sich normal verhielt, in dem Chris, der richtige Chris war. Sein Freund Chris. Nach diesen 2 Sekunden warf er die Schnecke nicht einfach achtlos aus dem Fenster in das Nichts des Gartens (wie Paul es getan hätte). Er setzte die Schnecke auf den heranreichenden Ast des Kastanienbaums vor seinem Fenster.  „Schon komisch“, sinnierte Chris vor sich hin (oder zu Paul? Es war nicht klar in diesem Moment), „Wir Menschen bewegen uns immer so hastig und strukturiert durch die Welt. Glauben ständig einen Plan zu haben. Und dann kommt so eine Schnecke daher und zeigt uns, dass es auch ganz andere Möglichkeit und Perspektiven gibt. Dass eine Wand keine Grenze ist, sondern tatsächlich ein neuer Weg. Wir Idioten sehen das bloß nicht.“

Das klang schön für Paul. Seine Aufmerksamkeit reichte nicht aus für Zwischentöne.  Er wollte nur noch nachhause. Schlafen.

„Ich weiß nicht wer das Bosporus besprüht hat. Tut mir leid.“

Paul nickte zu den Worten seines Freundes. Was hätte er auch sonst machen sollen?

Absolution 38 – Tätersuche

Dreizehn schlaflose, wirre Stunden später stand Paul verplant im Lidl und konnte sich nicht entscheiden, welche Tiefkühlpizza besser zu seinem Charakter passte: Eine No-Name oder „Doktor Oetker“. Unvermittelt spielte sein  Smartphone „Human after all“ von Daft Punk ab. Pauls Reaktion darauf war ein Seufzen und Fummeln in seinen Taschen nach dem Telefon. Es war heute in der Arbeit schon hart genug gewesen. Irgendwie hatte er sich durchgemogelt, ohne allzu viel Aufsehen zu erregen. Wie so oft. Er hatte Dienst nach Vorschrift abgespult, mit dem Motto: Lieber heftiger ranklotzen, dann stellt auch niemand irgendwelche dummen Fragen. Sich nur nicht gehen lassen, konzentriert bei der Arbeit bleiben. Die ersten Stunden waren wie immer die beschissensten gewesen. Hatte man die aber mal hinter sich, klappte auch der Rest des Tages. Nur nicht der Stimme im Kopf nachgeben, dass man doch voll im Arsch sei und einfach heimgehen sollte; die Variationen der Ausreden um früher zu gehen sind unendlich und wurden mit den Wochen dennoch immer dämlicher. Er konnte nicht schon wieder einfach abhauen. Also einfach durchziehen. Um danach zuhause ins Bett fallen zu können. Und nun doch wieder Daft Punk… Der Fettsack rief an. Natürlich.

„Servus. Dicker, bist du fertig mit der Arbeit?“

„Ich bin MEHR als fertig… Ich bin Hundemüde und…“ begann Paul zu lamentieren.

„Du bist IMMER Hundemüde! Du musst sofort vorbeikommen! Hast du das Bild nicht bekommen?“

„Doch, klar. Heftige Sache… Aber ich bin so im Arsch…“
„Ausreden gibt´s da jetzt nicht. Kriegsrat. Du musst rüberkommen. Heute! Müdigkeit vortäuschen zählt nicht!“
„Wieso denn vortäuschen?…“
Pause.

Dann der Fettsack: „Dicker. Ich brauch dich.“

„Oh fuck… Ja. Ich bring noch meinen Scheiß heim. Bin Einkaufen.“

Eine halbe Stunde später saß Paul tatsächlich auf dem Sofa im Bosporus. Er war total durch. Und beeindruckt. Wie der Fettsack den „Junkie“-Schriftzug so schnell von der Scheibe bekommen hatte.

„Mitm Golfschläger.“ War die Antwort. „Erschien mir als schnellste und beste Lösung… Diese Wichser!“

Paul (langsam im Kopf): „Mitm Golfschläger?“

Boris, den alle Bobby nennen, drehte sich abschätzig zu Paul um und erklärte es ihm schmunzelnd: „Du Trottel. Er hat die Scheibe eingeschlagen.“

Paul mochte Bobby. Zwar war er einer dieser „falschen Freunde“, mit denen sich der Fettsack umgab. Einer von den Typen, mit denen er nichts gemeinsam hat, außer die Sucht nach Drogen und Partys. Trotzdem mochte Paul Bobby. Vor ein paar Jahren waren sie sogar einmal sehr gute Freunde gewesen. Dann aber, hatte das Leben so gespielt.

Paul total überfordert: „Wo hast du denn GOLFSCHLÄGER her?“

Fettsack: „Ist doch egal! Mann!“ Er zog vor lauter Wut die Bong schlürfend durch. Schüttelte kurz den Kopf und lies den Rauch wieder aus seinen Lungen qualmen. „Die mach ich fertig!“

„Und wen?“ fragte Paul, der immer noch irritiert über das Golfer-Geheimnis seines Freundes war und nuckelte an seinem Spezi.

„Irgendwelche NEIDER!“ raunte der Fettsack.

„Joa“, nickte Bobby. „Ist ne Theorie. Verdammter Kleinstadt-Scheiß. Die gönnen es halt niemandem seinen Erfolg auszuleben. Weil die nichts auf die Reihe bekommen als über andere zu lästern.“

Die anderen Zwei nickten.

„Ich hab dir das aber schon dutzende Male gesagt: Du musst dich mehr unters normale Volk mischen. Die zerreißen sich doch hinten rum das Maul über dich. Du glaubst gar nicht wie oft ich auf dich angesprochen werde, was denn jetzt wieder bei dir los war“, fuhr Bobby fort und stopfte sich neben zu einen Topf für die Bong.

„Scheiß drauf… Ich hab keinen Bock unter Leute zu gehen…“ grummelte der Fettsack.

Paul sah müde Bobby dabei zu, wie er den Topf durch die Bong sog. Dann lachte Bobby: „Unter Leute… Unter Leuten… Klingt nach Juli Zeh. Hast du das gelesen?“

Paul: „Hä?“

Bobby: „Na UNTER LEUTEN! Das Buch von Juli Zeh!“
„Was? Ne… SPIELTRIEB hab ich mal gelesen. Fand ich aber… Poh… Sehr unglaubwürdig geschrieben.“
„Die hatte doch noch… Die hatte doch noch… Mensch…“ Bobby rang mit seinem bekifften Selbst, „So´n anderes Buch… Irgendwie mit Staatlicher Überwachung oder so. Internet… Weiß nicht mehr… (Pause) Das war aber gut.“
Paul: „Ja… Puh…“

Fettsack: „WAS JUCKT MICH FUCKIN JULI ZEH, MANN!“

Bobby, total bekifft: „Das nenn ich mal ne Kritik. Voll korrekte Message, Diggi.“

„Mann! Fuck!“ fluchte der Fettsack. „Ich will wissen welcher Psycho, das scheiß JUNKIE auf meine Scheibe gesprayt hat!“

„Ach gesprayt… Deswegen Golfschläger… Da hätte es Terpentin aber auch getan. Geht ganz easy wieder ab“, merkte Paul an.

Fettsack: „Auch schon egal. Mir war danach… Scheiß auf die Scheibe… Wichtiger ist, WER das war. Gar keine Ideen?“

Paul: „Hast du irgendwen abblitzen lassen? Gibt´s irgendwer der sich von dir beschissen fühlt?“

„ICH HAB NIEMANDEN BESCHISSEN! Was ich hier Geld für den Scheiß raushaue! Da bin IMMER ICH der Beschissene! Ich zahle IMMER MEHR für korrektes Zeug. Aber meistens dann doch wieder nur MIST den sie mir verticken wollen!“

„Könnten wir beim Thema bleiben? Irgendwelche Feinde?“, Paul riss sich zusammen und wollte die Unterhaltung voranbringen. Sonst würde er hier nie wieder wegkommen.

„Ich hab keine Feinde…“
Mit einem schiefen Blick auf Bobby, der inzwischen einfach nur platt im Kanapee hing wie ein Boxer in den Seilen. „Oder ehemaligen Freunde?“

Blitzgescheit und plötzlich sehr wach sah Bobby Paul an und machte: „Hm.“
„Ganz ehrlich. Kein Plan“, der Fettsack resignierte ein wenig.

„Mit dem Neid. Mit dem hast du wahrscheinlich recht“, auch Bobby riss sich jetzt zusammen. „Doch wen interessiert das denn überhaupt? Scheiß doch auf die ganzen Deppen, die einem ehrlichen Händler und Großverdiener seinen Erfolg streitig machen wollen.“

Paul: „Stimmt doch. Wenn´s die einzige Aktion in der Richtung bleibt, dann verbuch das unter Neider. Und ganz ehrlich. Könnte schlimmer sein.“

„Es könnte aber auch noch schlimmer werden“, grollte der Fettsack.

„Da hast du Recht“, nickte Paul und trank sein Spezi leer. Er nahm sich vor einmal mit Chris zu reden. Nein. Er musste mit Chris reden. Ansonsten fiel ihm kein Verdächtiger ein. Doch das konnte er dem Fettsack nicht sagen.

„Was sagt eigentlich deine Frau dazu?“ erkundigte sich Paul.

 

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Ketamin in der „Wilden Renate“ in Berlin

Wie das halt so ist. Man reist durch die ganze verdammte Republik, durch die ganze abgefuckte Provinz, um schließlich in der Hauptstadt von Ostdeutschland anzukommen. So was merkt man nämlich ganz schnell wenn man durch den Osten fährt, dass Berlin nämlich vor allem die Hauptstadt von Ostdeutschland ist. Vom Rest ist man ziemlich weit entfernt. WEST-Berlin hin oder her. Das hier ist der Osten. Nirgendwo gibt es so viele antisemitische Überfälle in der Bundesrepublik. Ganz klares Ossi-Ding. Oder Dortmund. Aber da bin ich das letzte Wochenende ja nicht hin.

Ich habe eh keinen Plan warum Berlin immer als so tolerant dargestellt wird, denn, nirgendwo wird man auf offener Straße so grundlos und saublöd angemacht wie hier. Das gibt es nicht einmal in Bayern. So was ist doch konservativ. Leute blöd anwichsen wegen nichts. Okay. Meistens ist es dann auch wirklich eh egal was für ne Hautfarbe oder Geschlecht das verabscheute Gegenüber dann hat: Hier hasst einfach jeder jeden. Wenn nicht jeder jedem gerade scheißegal ist. Was dann mit Toleranz verwechselt wird.

Von meinem hierher gezogenem Kollegen bekomme ich erst Mal eine rein gewürgt: „Hör auf so schwäbisch zu sprechen! Das mögen die Leute hier nicht!“ Und ich: „Was willsch denn du? Ich komm hald von da. S´sagt ja auch keiner was wenn einer von Berlin runter kommt: Red mal gscheid. Du Penner. Ich hasse dich, weil du mir die Nachbarschaft gentrifizierst.“ Weil Gentrifizierung. Das weiß der Berliner nicht, der zu 90 Prozent vom verhassten Toursimus lebt, gibt es eben auch in München, Stuttgart, Augsburg: Überall. Da musst du dann halt schon ins Ruhrgebiet oder in den Osten gehen um dem zu entkommen.. Da bekommst du dann halt auch deinen liebgewonnen Antisemitismus.

Die Berliner Clubs hängen mir schon lange zum Hals raus. Trotzdem gehen wir da natürlich hin. Was in der ersten Nacht immer problematisch ist: Ich bin noch gar nicht vom Kopf her angekommen und muss mich dann von irgendwelchen Arschgeburten an der Türe beurteilen lassen. Mag ich nicht. Wir wollten dann ins „Suicide“. Weil aber Liebesparade (Irgendwas) in Berlin war, war da ein gutes Line-Up gebucht. Nichts gewesen mit der leichten und schnellen Türe. Also dann doch gleich in „die wilde Renate“. Letztes Mal waren wir noch bei der Neueröffnung beim Club gegenüber, in der „Magdalena“; gibt es schon nicht mehr. An der Tür dann also Anstehen und blöde Blicke von blöden Türstehern. Die zwar gar nichts für den Umstand können, trotzdem das Gesicht des beschissenen Berlins sind. Klar. Man will nicht jeden Deppen im Club haben. Doch so was ist halt auch keine Lösung. Wir kommen dann rein, weil mein Kollege sagt, wir sind „Bordell-Nacht-Besucher“. Das ist da so ne Partyreihe. Und dann wird man gleich angegoscht, wegen mir wäre man fast nicht rein gekommen. Ich stand da nur. Und hab nichts gesagt: Aber nach der Ansage hat man gleich gar keinen Bock mehr. Da fährt man durch die ganze verschissene Republik zum Freund, und darf sich von dem Anhören, dass man Schuld ist irgendwo nicht reinzukommen: Was ist dir wichtiger? Die saublöde Location – oder der Freund der einen besucht? Das Ketamin was man drinnen kaufen kann. Ach so. Ja klar. Liebe steht im Raum…

Drinnen also erst Mal Streit. Immer der gleiche Streit über Erwartungshaltungen von dem oder von mir. Müßiges Thema. Das ewiggleiche. Bis man es dann gut sein lässt.

In der „Renate“ darf nicht gefilmt oder fotografiert werden. Da muss man dann wie im Kindergarten seine Handykameras abkleben.

Die Renate ist aber auch ne coole Location. Sehr Berlin like und ich mag ja Club mäßiges Sightseeing. Da bin ich gerne Tourist. Was dem einen sein Eiffelturm. Ist mir mein Cocoon-Club. Ultraschall. Watergate. Oder hier halt der „Salon – zur wilden Renate“. Die Renate ist einfach nur ein mehrstöckiges, verwinkeltes Haus, mit kleinen Zimmerchen, in denen zwar Floors sind, da aber irgendwie wieder Wohnzimmer und Club-Atmo in einem Mit Beichtstuhl und Vulva. Für so was ist Berlin bekannt. Ist auch ehrlich gesagt ganz cool. Gerade wenn man früh genug kommt, um mit zu erleben, wie die Floors nacheinander öffnen. Wie ein Fächer, der sich ausbreitet. Das war cool und machte Spaß. Auch wenn ich nicht auf Krawall gebürstet war. Mit Ende dreißig. Braucht man halt ein paar Stunden um anzukommen.

Der Freund war dann natürlich weg. Ketamin für sich kaufen. Und ich wippte und nippt da so. Alleine. Während die jungen Leute um mich herum feierten. Ich kam mir da schon ziemlich einsam und alt vor. Kein Wunder.

Der Freund kam dann zurück. Plärrte einen an, dass er jetzt Keta hätte. Und dass man nun gefälligst mitkommen solle. Auf Toilette. Zum Nehmen. Und ich: Näh. Ich hab genug Quatsch genommen. Jetzt reicht es aber. Ich will nichts Neues mehr ausprobieren. Ich will einfach nur am Leben sein. Und mich daran freuen.

Ich holte mir dann nen Longdrink und gab Trinkgeld (so euphorisch wie die sich bedankt haben, kommt dass da einmal im Jahr vor) und suchte und fand meinen Freund. Ehrlich gesagt weiß ich nicht viel über Ketamin. „Nahtod-Erfahrungen“ und „Pferdeberuhigungsmittel“ kommen mir in den Sinn. Beobachtet habe ich so was nie. Wie so etwas aussieht?

Mein Kollege stand mit weit ausgebreiteten Armen in der Ecke von einem kleinem Floor (roter, grüner Raum – was weiß ich) und hielt sich damit alle anderen Menschen vom Leib. Seine Zunge war mehr als träge. Der Verstand entrückt. „ÜÜÜäää üüüäää ääää“. Mehr kam da eigentlich nicht raus. Ich setzte ihn dann lieber auf ein Sofa. Wo er mir irgendwas davon erzählte, dass er das Universum sehen könnte. Tiefere Einblicke in unglaubliche Verhältnisse, wurden da behauptet. Mit einer Gestik, die er von einem irischem Dorftrunkenbold aus dem 18ten Jahrhundert gelernt zu haben schien. Der war vollkommen hinüber. Absolut. Vollkommen. Hinüber. Er torkelte und fiel über alles was da war (Menschen, Möbel, Emotionen) und war einfach total im Arsch. Ich übertreibe nicht wenn ich sage, dass Johnny Depp bei seiner Darstellung des Äther-Rausches in „Fear and Loathing in Las Vegas“ nüchterner und beherrschter rüberkam als mein Freund auf Ketamin. Ich dachte dann irgendwie, dass es eine gute Idee wäre ihn an die frische Luft zu bringen – was sich mehr als schwierig gestaltete, wenn man durch den ganzen Club im ersten Stock muss. Der war vollkommen hinüber. Kugelte am Boden herum. Blieb da einfach liegen. Gerne hätte ich sein Verhalten gefilmt – nur gerade wegen solchen Aktionen ist das Filmen hier verboten.

Ehrlich. Ich gehe jetzt bald seit 20 Jahren auf Techno weg. Habe mehr Drogen genommen und Druffis gesehen, als es sichtbare Sterne am Himmel gibt. So etwas. Ist mir jedoch noch nie untergekommen. Er lag dann da in ausgelaufenem Bier wie ein Schildkröte auf dem Rücken, in so einem kleinem Boot, was da als Zierde in der Gegend herumsteht. Klar kann man sich da auch rein setzen und schön drauf sein und die Sterne bewundern. Oder halt voll im Arsch sein und Stöhnen. Seine total Überdosierung wurde mir dann zu blöd. Ich stellte ihn irgendwann auf die Beine. Machte ihm die Jacke zu. Und brachte ihn irgendwie nach draußen. Wo wir einen netten schwarzen Taxi-Fahrer fanden, der auch solche Ruinen von Menschen nach hause fährt.

Die Tage danach waren sehr schön in Berlin. Der erste Tag. War von unermesslichem Grauen durchzogen. Nicht weil es so „unglaublich heftig war“. Ne. Es war eher unglaublich langweilig. Denn so ein Verhalten ist bei weitem nicht abendfüllend.

Wenn euch mein Beitrag zur „Wilden Renate“ gefallen hat, empfehle ich euch meinen Roman „Verlorene Jungs“. In dem erzähle ich am Beispiel eines verrückt/normalen Wochenendes von meinem durchgeknallten Techno- und Drogenleben. Klickt entweder hier bei Amazon oder hier Bookrix rein, von wo aus ihr auf weitere eBook-Shops Zugriff bekommt.

Viel Spaß damit!

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Psychische Probleme bei der eigenen Hochzeit

Grundsätze der Physik: Ein Körper kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.

Vorab hätte ich mir nicht gedacht, was für ein Stress so eine Hochzeit ist. Genauso wenig hätte ich erwartet, dass ich jetzt, ein paar Tage nach der Feier, wegen psychischen Überlastungsproblemen krankgeschrieben sein würde. Starke Burnout-Symptome hatte ich zuletzt vor über einem Jahr und ich war tatsächlich auf einem guten Weg, wieder richtig gesund zu werden, jedoch… Wieder einmal war es die Mischung aus Arbeitsstress und privaten Aufgaben, die mich über meine Grenzen brachten. Dabei hatte ich das auf der Arbeit kommuniziert. Mehrmals war ich dort lautstark in Erscheinung getreten und donnerte, dass es nicht funktioniert wenn man eine ungelernte Arbeitskraft „mal so kurz über dem Sommer“ (unserer Hauptsession) in meinen alten Arbeitsbereich stellt, während ich einen anderen mache und dennoch meinen alten Arbeitsbereich vorbereiten soll. Bei Sortenwechsel umstelle. Und schließlich die Anlagen reinige. Denn alleine dass kam jeden Tag auf etwa 4 bis 5 Stunden, zu meiner eigentlichen Arbeit, die ein Vollzeitjob ist. Und man kann auf Dauer nicht 12,5 Stunden in 8,5 Stunden Tageswerk pressen. Denn Überstunden waren zwar eine Option, nur hilft es nicht mit Überstunden zu argumentieren, wenn ein Arbeitsbereich in den anderen greifen muss, da es sonst zu Verzögerungen kommt. Zudem bin ich Hygiene-Arbeiter und ich kann mich nicht einfach so durch den Tag schludern. Denn die von Vorgesetzten hingeworfene Aussage „Mach mal schnell“ ist nicht mit Sauberkeit vereinbar. Hygiene hat keine Grauzone. Entweder etwas ist sauber – oder nicht. Und dann zu argumentieren: „Hey, ich war gar nicht vor Ort sondern woanders“ hilft nicht. Es ist doch dein Arbeitsbereich, oder?

Am Ende habe ich meinen Vorgesetzten nur noch angeschrien: Dass er keine Ahnung von der Arbeit habe. Wie ein General hinter den feindlichen Linien, der erst mit Stundenlanger Verspätung erfährt, was an der Front geschieht. Manche Vorgesetzte. Wollen nicht sehen. Dass ihr Plan mehr Wollen als Möglichkeit ist.

Und dann die Hochzeit. Ich habe mich sehr darauf gefreut verheiratet zu sein. Und ich bin das jetzt auch. Nur der Weg dahin ist schon ziemlich steinig und schwer wenn beide Partner Vollzeit und der andere auch noch mit 24 Stunden-Schichten arbeiten. Da gibt es nun einmal selten die Option dass man vormittags zum Konditor gehen kann wegen der Torte, da die Konditoren nur vormittags arbeiten. Nicht zu vergessen die Details, die dann wieder hinzu kommen, wie dass man ein Brautpaar für die Torte selbst suchen muss, da dieser Konditor mit der speziellen Torte das nicht anbietet. Überhaupt: Diese ganzen Details bei einer Hochzeit sind der Wahnsinn. Jeder will (ganz Instagram like) individuell bei seiner Hochzeit sein. Wir eigentlich nicht. Wir wollten nichts großartiges. Aber trotzdem scheint sich der Markt für den „schönsten Tag im Leben“ dorthin entwickelt zu haben. Es wie Lego für romantische Irre: Alles folgt einem Detail, einem Detail, einem Detail… Von Lieferproblemen für Hochzeitssackos oder was weiß ich ganz zu schweigen (davon abgesehen, dass wir auf dem Land leben und nur dann in die Stadt kommen, wenn alle am Einkaufen sind, abends, nach der Arbeit…). Insgesamt ist das ehrlich gesagt nichts dramatisches. Doch wenn beide Partner Vollzeit arbeiten, werden aus den Details kleine Berge, hinter denen noch mehr Berge stehen, viel größere sogar, die man erst nicht sehen konnte – obwohl sie höher sind als die Erhebung davor.

Wir machten an einem Wochenende die Trauung mit Familie. Am zweiten, die Party für die Freunde. Es war Beides sehr schön. Und bei der Trauung war noch alles paletti. Es war vielleicht ein zu heißer Tag, doch wir freuten uns über die Sonne, über das Gelingen unserer Pläne und sogar über die Familie. Es war keine große Eventhochzeit. Doch wer meinen Blog ein wenig kennt weiß, dass ich genug „Events“ im Leben habe. Ich führe ein gutes Leben, in dem viel mit Party und Freizeitaktivitäten geschieht. Und wenn man dann mal an der Hochzeit keinen berühmten oder berüchtigten DJ oder Band hört, sondern nur in ein teueres Hotel geht, dann ist das kein Schaden, sondern der Verzicht auf etwas was man ansonsten eh macht, und immer noch mehr als sich viele Leute leisten können.

Mitte der Woche haute es mich dann aber psychisch um.

Vielleicht lag es auch mit an meinem Junggesellenabschied, wobei ich da im Nachhinein nicht zu viel hineininterpretieren will. Fest steht aber: Den auch noch fast spontan organisieren zu müssen, hat meiner Psyche nicht geholfen. Seitdem war alles irgendwie doppelt belastet. Und es fühlte sich alles undankbar an. Nichts was ich tat wurde dem gerecht, wie es sein sollte. Dieser Gedanken kam aus mir selbst heraus. Zudem ist er einer meiner Grundprobleme, die (siehe Psychotherapie) in meiner Kindheit verwurzelt sind. Ich. Das ungeliebte, vergessene, letzte Kind, dass allen irgendwas beweisen will – und doch nur getadelt wird. In schwachen Momenten kommt das einfach wieder hoch. Wenn man dann den ganzen Tag nur am Rennen, Rennen und Rennen ist, um in der Arbeit und danach sich und anderen etwas beweisen will, und man ständig das Gefühl hat niemals anzukommen, dann macht es irgendwann einfach mal „Knacks“. Ich verlor absolut den Boden unter den Füßen und litt an einem starken Erschöpfungssyndrom. Ich kam dann auch gar nicht mehr wirklich auf die Beine, obwohl die anstehende Hochzeitsparty für Freunde ein glatter Erfolg für alle Gäste war – nur für mich leider nicht ganz. Die Menschen sahen in meinen Augen und in meinem Verhalten, wie schlecht es mir ging und taten das Schlimmste, was man mir antun kann: Sie hatten Mitleid mit mir. Ich weiß, das klingt seltsam. Denn es waren und sind meine Freunde, die mir etwas Gutes tun wollten. Und doch gab mir diese übertriebene Freundlichkeit und die Aufbauversuche eine Weile lang ziemlich den Rest. Es war einfach peinlich und erniedrigend, dass sie es sehen konnten, wie ich die Kontrolle zu verlieren schien. Und dabei hatte ich mich doch für so einen taffen Typen gehalten. Am Morgen nach der Party hab ich nur noch geheult… Obwohl die Party selbst ein Erfolg war. Auch für mich. Ich überwand mich sogar noch mein DJ-Set auf meinem DJ-Controller im Garten zu spielen (Burnout-Symptome hin oder her, ich hatte mich so lange darauf vorbereitet; ich sage absichtlich immer SYMPTOME, da ich nicht an einem alles zersetzenden Burnout litt, denn dass wäre eine ganz andere Nummer gewesen) und unseren Freunden schien es auch nicht nur aufgesetzt viel Spaß zu machen, nein, sie warfen sogar im Garten ihre Schuhe in die Ecke und tanzten teilweise barfuß in dieser kalten, Sternenklaren Sommernacht zu meiner Musik. Wieder war mir ihr Wohlwollen eher peinlich – auch wenn ich unglaublich dankbar dafür war. Das hat mir sehr viel bedeutet. Dass mich die Leute unterstützt haben. Ich weiß, was Freundschaft ist. Aber selten war es mir so wichtig, wie in diesem Moment.

Jetzt sind beide Hochzeitsevents vorbei. Was bleibt sind schöne Bilder. Meine Frau sieht traumhaft auf. Und ich konnte durch mein Beisein ihre Schönheit schmücken. Wir haben überschwängliche Hochzeitsvideos, Grußbotschaften, die meine Freunde uns schickten. In denen ich mehr Freude lesen kann, als in jeder mit Herzchen voll gekleisterten Messenger- oder Whatsapp-Nachricht die wir später bekamen. Das war auch wichtiger als all das Geld was wir bekamen. Witziger Fun-Fakt: Ich hatte nie damit gerechnet überhaupt Geld zu bekommen. Mir war klar, dass ich bereit war für das Vergnügen meiner Freunde locker 1000 Euro auszugeben, aber dass sie mir fast genauso viel schenken würden. Damit. Hätte ich nicht gerechnet.

Am Ende habe ich alles so bekommen wie ich es wollte, auch, wenn ich nicht der war, der ich sein wollte. Es war nicht unsere Party für uns. Sondern unsere Party für andere. Und das war okay. Und süß. Wie mein bester Freund (obwohl ich nichts von solchen Wertungen halte, doch in diesem Zusammenhang und der Mühe die er sich machte, hat er den Titel verdient) aufgeregt eine kleine Rede für uns hielt. Das sind Dinge, die ich nicht vergessen will. Die guten Sachen. Vielleicht bleiben am Ende wirklich nur die guten Erinnerungen übrig. Und über die schlechten Ding kann man später eh immer Lachen.

Was soll ich nach der Geschichte anderen Leuten bieten, die ebenfalls unter großem Stress bei solchen Events stehen, was sicherlich sehr viele sind: Nichts. Es hilft halt auch nichts wenn man sagt: „Nimm es nicht so schwer. Reg dich nicht auf. Alles wird gut.“ Leider. Reichen solche Worthülsen nicht. Ich habe nichts was ich euch mitgeben kann und das ist auch okay so. Ihr müsst damit selber klar kommen und wenn ihr das alleine nicht schafft, dann sucht euch Hilfe. Es ist keine Schande. Es ist keine Schande den Menschen an eurer Seite, mit dem ihr euer ganzes Leben verbringen wollt damit zu belasten, noch eure Familie, oder eure Freunde. Klar. Es wird nicht jeder Verständnis dafür haben. Wenn ich mit meinem Vater darüber sprechen will, dann ist es so, als würde ich eine andere Sprache sprechen. Er versteht absolut nicht was ich ihm sagen will. Aber das ist okay. Findet eure Leute, die die gleiche Sprache sprechen wie ihr – und ich bin mir sicher, ihr werdet sie finden. Ihr seid nicht alleine. Und eine Hochzeit MUSS auch nicht der schönste Tag im Leben sein. Das Produkt eurer Liebe ist die Hochzeit, nicht umgekehrt. Und am Ende wird hoffentlich auch für euch ein Tag zurückbleiben, den ihr jedes Jahr wieder gerne feiert. Das ist wichtiger als all der Perfektionismus, die irgendwelche Fakeprofil von verstellten, optimierten und vielleicht sogar gecasteten Leuten im Internet euch glauben machen wollen. Niemand ist perfekt. Nur die Liebe die ihr zueinander spürt, sollte es sein.

Mein Junggesellenabschied mit Dixon in München und im Barfly Augsburg

Es war nicht zu erwarten, dass ich an meinem Junggesellenabschied mit Bauchladen oder Tutu durch deutsche Innenstädte oder ICEs ziehen würde. Scheiße nein. Warum seine Würde abgeben, wenn man heiratet? Ich wendete mich einfach an den meiner Freunde mit dem meisten Vorstellungsvermögen. Und ja, ich meine Geld. Zudem ist er mein ältester Freund, der nicht damit aufhören kann, mich seinen „besten“ zu nennen. Was kann da schon schief gehen?

Freund: „Ich kenn da ne voll geile Prostituierte über meinen Dealer, die für uns strippen kann!“

Ich: „Na ja. Ist ja sonst nicht soooo meins. Aber was soll´s? Ist ja nicht ein Tag wieder andere auch.“

Freund: „Okay. Koks und Stripperin!“

Eine Woche später.

Freund: „Ja das mit der Stripperin wird wohl besser nichts. Da hat meine Frau was dagegen!“

Ich: „Ähm. Okay…“

Freund: „Aber ich pack uns zwei Tussen in die Limo, die ein wenig ihre Ocken zeigen.“

Ich: „Okay… Warum nicht?“

Freund: „Cool.“

Eine Woche später.

Freund: „Jaaa… Das mit den Tittenweibern geht auch nicht… Hat meine Frau auch was dagegen…“

Ich: „Aha.“
Freund: „Muss ja nicht sein…“

Noch eine Woche später.

Freund: „Du, der Dave ist krank. Da sind wir eh nur 4 Leute, brauchen wir keine Limo! Ich fahr zum Bahnhof! Cool easy!“

Ich: „Wie? Dave ist krank? Das ist aber schade. Scheiß auf die Limo. Aber meine Freunde hätte ich gerne dabei gehabt…“

Ein Tag später.

Freund: „Wohin willst du denn zum Essen gehen?“

Ich: „Ach. Nichts großartiges. Murphys Law. Da bekommt man was zu Essen und zu Trinken.“

Freund: „Ja locker! Da muss ich keinen Tisch reservieren.“

Ich: „Ja… Ähm… Momentchen mal. Ich würde es schon ganz gut finden, wenn da ein Tische reserviert wäre…“
Freund: „Aha…“

Da wurde es mir dann langsam zu bunt. Ich wusste, dass Dixon in einer kleinen Open-Air-Bar im Münchner Olympiapark auflegen würde. Und schlug dass dann vor. Mein Freund: „Klar. Organisier dass doch mal. Ach. Und Koks gibt’s gerade keins. Willst du nicht lieber Pep?“

Ich: „Ich wollte eigentlich dieses Mal gerade kein Pep… Das ist immer so anstrengend. Und du weißt doch, dass ich ein Problem damit hatte… Aber wenn´s sein muss.“
Freund: „Dann kommst du vorher bei mir vorbei. Wir ziehen was und dann fahr ich zum Bahnhof.“

Ich: „Ich finde es eigentlich nicht so cool wenn du druff fährst.“

Freund: „Ach… Den Bullen fahr ich einfach davon…“

Eine Stunde später.

Ich: „Du. Ich hab darüber nachgedacht. Also bevor du uns druff in der Gegend herum fährst, fährt lieber meine VERLOBTE. Denn die will auch jemand haben der nicht vor der Hochzeit verunglückt!“

Freund: „Cool. Sie soll fahren.“

Und schon zu diesem Zeitpunkt war ich Bock sauer. Ich kaufte noch ein paar Dosen Mischgetränke und dann ging es los. Ich holte meinen anderen Freund ab (der auch noch Ärger wegen einer anderen Geschichte genau an diesem Tag hatte), brachte dessen Kinder noch zu gemeinsamen Freunden. Raste dann zu meinem „besten Freund“ wo wir noch schnell Pep zogen und meine VERLOBTE uns dann zum Bahnhof brachte, wo mein dritter Freund dazustieß. Ich kaufte alle Tickets für alle und dann fuhren wir los. Im Zug nach München. Yeah. Junggesellenabschied. Die Stimmung war verhalten. Wir tranken noch Alk und zogen noch etwas. Alle gut drauf. Bis auf meinen besten Freund, der schon einen Tag länger wach war und kein Wort sprach. Gar keins. Er war nur körperlich da. Schwitzte. Während die anderen sich um Schadensbegrenzung bemühten. Und ich dachte mir: Scheiß drauf. Das lass ich mir nicht kaputt machen.

Ich manövrierte unsere beschwipsten Ärsche vom HBF zum Olympiapark. Suchte die Location. Und dann ging es los. Wir wippten uns in den Sound ein. Und mein bester Freund stand an der Seite so als wäre er nicht da. Er starrte uns nur hohl an. Und A, der Typ, den wir am Bahnhof getroffen haben, sagte lachend zu mir: „Normal habe ich kein Mitleid mit dir. Aber heute tust du mir echt leid.“ Und so lächerlich es klingt: Diese Feststellung tat in diesem Augenblick unglaublich weh. Eine Nanosekunde lang hatte ich echte Tränen in den Augen. Ich hatte alles organisiert. Meine verdammte Verlobte hatte uns sogar zum Bahnhof gefahren. Zudem regnete es jetzt wie aus Kübeln in der spärlich überdachten Open-Air-Location am Olympiasee. Im Saluti da Capri.

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Der Alkohol und Dixon halfen. Und Zigaretten. Sehr viele Zigaretten. Wir drei anderen tauten langsam richtig auf. Mein bester Freund nicht wirklich. Auch wenn er versuchte guten Willen zu zeigen und ein paar Runden springen ließ. Wir anderen tanzten da so herum und machten das Beste draus. Und dann war es auch gut. Scheiß die Wand an. Wir waren hier. Es war mein verfickter Junggesellenabschied. Den hat man auch nur einmal im Leben. Der Dixon war für seine Verhältnisse auch ziemlich gut. Die letzte halbe Stunde tanzte ich sogar wirklich richtig; nicht dieses Pseudotanzen, wie man es manchmal abspult, sondern ganz versunken in die Musik. Deswegen mache ich das ja seit bald 20 Jahren.

Während die Dixon-Crew und sein Publikum weiter ins „Blitz“ zogen (wo die gleichen Djs weiter auflegen würden), hatten wir vor wieder nach Augsburg zurück zu fahren. Ins Barfly. Der Pächter ist ein alter Bekannter von uns. Und ich so zu meinem besten Freund: „Du hast schon die Gästelisten-Plätze für uns klar gemacht?“ Er so: „Ja für dich und mich.“ „Und die anderen Beiden?“ „Ja ne….“ Ich also Handy raus und dem alten Bekannten geschrieben. Der super nett und freundlich: „Kein Problem. Ich entschuldige mich jetzt schon für die Musik.“ Da musste ich schmunzeln.

Wir also wieder zum HBF, ich als Reiseleiter. Kennt sich ansonsten sonst keiner aus mit den Öffis. Am HBF dann knapp der Zug nach Augsburg verpasst. Der best friend: „Nehmen wir ein Taxi. Ich zahl.“ Eigentlich ne gute Idee. Bis wir eine Stunde oder anderthalb verloren, weil wir im Stau standen. Die Stauumfahrung des Navis funktionierte nicht. Und irgendwann war ich mit den Nerven fix und fertig. Es hatte GAR NICHTS funktoniert. Nichts. Ich war wirkich fertig als wir gegen eins oder halb 2 im Barfly ankamen, dass nur noch bis 4 auf haben würde: Ich bestellte krasse Jägermeister-Runden. Und der eine – von wem kann wohl die Rede sein? – der bis zur Taxi-Fahrt von München nach Augsburg nach München kaum das Maul aufbekommen hatte, faselte Unsinn oder redete lieber mit Türstehern – oder war gar nicht aufzufinden. Es war mir inzwischen egal. Mir war alles egal. Ich ließ es mir einfach nicht nehmen. Da war auch die volle Ladung „Backstreet Boys“ und „Britney Spears“ egal. Wir drei brachten das anständig zu Ende. Und im Taxi zurück ins Kuhkaff ging das wirre Gerede meines besten Freundes weiter. Ich war natürlich auch nicht mehr nüchtern und ließ es gut sein.

Ein paar Schlaflose Stunden später schrieb ich meinem „besten Freund“ eine Nachricht, wie enttäuscht ich von allem war. Dass ich alles selbst planen musste. Und der ruft mich an: Und gibt mir die Schuld. Schließlich hätte ICH den langweiligen DJ ausgesucht! Er hätte ja gar nicht nach München gewollt! Außerdem hätte ich so krasse Nasen Pep aufgelegt! Er wäre einfach nicht klar gekommen darauf. Ich sei der Krasse! Außerdem habe er den Masterplan in der Hinterhand gehabt! Ich hab ihn nur durchkreuzt. ER hätte eine Agentur in der Hinterhand gehabt!

Ich so: Als du nicht einmal einen Tisch im Murphys Law reservieren konntest, habe ich mir einfach Sorgen gemacht. Das war immerhin drei Tage vor dem Junggesellenabschied. Den Dixon hatte ich damals in Paris nicht gehört. Zugegeben. Warum auch nicht? Ist doch mein Tag. Da kann ich doch den DJ hören, den ich hören will! Und welche Agentur stellt innerhalb von drei Tagen einen Junggesellenabschied auf die Beine, wo man Nachts sicherlich noch ins Barfly gehen würde, was er fest eingeplant hatte? Und ich habe ihm keine einzig Line gelegt. Die zuhause hatte er sich selbst gemacht, auch die im Zug. Zwar hatte ich das Pep ausgebreitet ja, aber ich hatte auch die Verpackung viel zu weit aufgerissen und war deswegen damit beschäftigt, das überall herum pudernde Pep in einer Tempoverpackung zu retten, als er sich seine Line machte und zog. Ich machte mir meine erst danach… Es war einfach alles gelogen.

Und er. Ein unfähiger Trottel.

Das ist dabei nicht einmal überraschend, wenn man seinen ständigen Lebenswandel kennt. Wenn man aber die ganze Zeit als „bester Freund“ tituliert wird. Hätte man sich ein wenig mehr erwartet. Einfach. Irgendwas.