Der Terroranschlag in Berlin und seine Gewinner und Verlierer

Am 10.03.2006 raste nicht weit von hier ein Kleintransporter ungebremst in einer Trauergemeinde. Der Fahrer hatte einen Herzinfarkt erlitten und töte damit 3 Menschen und verletzte 50 schwer. Daran musste ich denken als gestern die Meldung durch getickert wurde, dass ein LKW mit hoher Geschwindigkeit in einen Weihnachtsmarkt in Berlin gerast ist und (Stand heute, am Tage danach) 12 Menschen tötete und ebenfalls 50 schwer verletzte.

Meine Freundin und ich sprachen diese Woche darüber, dass wir letztes Jahr an Silvester in München einer Terrorwarnung ausgesetzt waren und was für ein Zufall das war, dass wir am Neujahrstag genau in dem gleichen Mc Donalds waren, in dem Monate später ein einzelner Amokläufer wahllos sein Feuer auf Passanten eröffnete (noch heute liegen dort Blumen um der Toten zu gedenken).

Ein leichtes Gefühl von Terror glaube ich deswegen zu kennen und deshalb würde ich nicht in den Tenor einstimmen, dass der Terror jetzt auch UNS erreicht hat. Für mein Gefühl spielt es keine Rolle ob Leute in Frankreich oder Berlin von fahrenden Mordmaschinen getötet werden: Es ist gleich schlimm. Es ist für mich die gleiche Gesellschaft.

Schlimm, tragisch, unmenschlich, wahnhaft und viel zu unfair ist so ein Terroranschlag immer. Und vor allem feige. Wobei ich aus meiner Warte heraus gar nicht sagen kann (Stand jetzt) aus welchen Motiven der Mörder gehandelt hat, der (das folgt alles meinem Wissensstand nach) den Fahrer des LKWs töte und das Gefährt stahl um damit zu töten. Sicher ist, dass es aus Hass auf unsere Gesellschaft geschah. Religiöse Motive drängen sich auf, die drängten sich aber auch auf bei dem Amokschützen in München und bei dem absichtlichen Absturz des German Wings Flugzeug auf. Noch. Wissen wir so gut wie gar nichts. Halbinformationen hängen im Raum, nach denen der Attentäter aus Pakistan kommen soll, hier schon straffällig war und mehrfach seinen Namen gewechselt haben soll (wobei man inzwischen nicht einmal mehr sicher ist, ob sie den richtigen Mann haben).

Für meinen Begriff gibt es Terroranschläge – und Terroranschläge. Eine Form des Terroranschlags ist die einer Organisation, Al-Qaida am 11ten September von mir aus. Die andere Form ist der irre Einzeltäter. Ich finde, das sind zwei unterschiedliche Dinge, auch wenn es am Ergebnis nicht viel ändert, dem Tod und das Leid der Opfer. Der Unterschied ist, dass man gegen eine Organisation vorgehen kann, gegen Einzeltäter ist dieser Kampf fast sinnlos. Organisationen kann man infiltrieren, sie verfolgen und zerschlagen. Der Einzeltäter ist einfach nur einer unter Millionen. Ironischer weise ist es schwerer einen Einzelnen aufzuhalten, als eine ganze Organisation.

Sollte es sich beim dem Mörder um einen Menschen handeln, der in Deutschland Schutz gesucht hat, greift natürlich die AFD-Rhetorik, die wie immer nach solchen Gewalttaten um sich greift. Ja, dann hat dieser Mensch den Schutz den wir ihm geboten haben ausgenutzt um Mitbürger wie dich und mich zu ermorden. Das ist schlimm. Und ja. Es sind Millionen Menschen zu uns gekommen und ja, rein Mathematisch gesehen besteht ein erhöhtes Gefahrenpotential, dass es viele Gewalttäter unter diesen Flüchtlingen gibt (so wie es immer ein erhöhtes Gefahrenpotential gibt, wenn viele Menschen irgendwohin kommen, schließlich steigt mit jedem Menschen das statistische Risiko einer Kriminellen Tat, egal aus welcher Kultur er kommt u welche Hautfarbe er hat). Das ist nicht von der Hand zu weisen. Richtig ist aber auch. Das verhälnismäßig wenige der Flüchtlinge  Straftaten begehen (außer der Straftat, sich illegal in diesem Land aufzuhalten, was auch schon ein Teil der Statistik ausmacht). Und wenn wir schon bei unfairer Mathematik sind, was wäre geschehen wenn wir (gerundet) eine Millionen Menschen nicht nach Europa gelassen hätten, und deswegen davon (geschätzt) 30000 gestorben wären? Wie viele Tote Flüchtlinge ist dann ein Europäer wert? Diese Mathematik ist Menschenverachtend. Doch wer A sagt…

Ich will diesen Anschlag nicht kleinreden. Ich glaube, dass das niemand macht – auch wenn ihr Menschen wie mich als Gutmenschen verlacht – das hat auch keiner bei den Terror-Anschlägen in Paris gemacht.  Nur bei dem was im Bataclan geschehen ist, fühlte ich mich mehr angegriffen als bei dem was jetzt in Berlin passiert ist, denn Feiern und auf Konzerte gehen ist nun einmal meine Lebensart. Und ich habe nicht damit aufgehört auf Konzerte zu gehen, nur weil es verrückte Menschen auf der Welt gibt. Auf Weihnachtsmärkte gehe ich eigentlich nicht. Und ich werde jetzt auch nicht anfangen demonstrativ Glühwein zu saufen und mich auch noch dabei abzulichten, um unsere freiheitlichen Werte zu unterstreichen. Was für ein Unsinn. Es gilt das Gleiche. Heute wie damals. Ja. Ihr könnte uns töten. Ja. Ihr könnt uns erschrecken. Aber nein. Wir werden uns nicht ändern.

Und es ist und bleibt ein feiger Mord, der nichts mit dem Begriff „Märtyrer“ zu tun hat, wenn man Leute hinterrücks erschießt oder überfährt. JEDE Religion verurteilt das.

Ich habe die AFD erwähnt, die natürlich gleich wieder „Merkel“ (so wird die Kanzlerin sogar jetzt schon in der Tagesschau genannt) und den Flüchtlingen die Schuld gibt. Wäre dieser Mann ohne MERKEL hier? Man weiß es nicht. Ganz egal wie sich die Umstände in der nächsten Zeit klären: Die direkte Schuld hat bis jetzt und in alle Zeit der, der tötet. Und jene, die hetzen, sei es in einer Regierungspartei, der Opposition oder auf der Straße. Hat derjenige Schuld der Mitleid hat? Der Mitgefühl zeigt? In anderen Kulturen mag dies der Fall sein. Vielleicht wird es auch bei uns irgendwann soweit kommen, wenn die Gefühllosen gewinnen. Jene, die Menschen hassen weil sie anders sind. Weil sie die falsche Religion haben. Oder die falsche Hautfarbe. Noch ist er aber zum Glück nicht soweit.

Ich fand es auch nicht gut dass so viele Flüchtlinge unregistriert in dieses Land kamen; zu ändern ist es jetzt nicht mehr. Da könnt ihr noch so viel Hass verbreiten und mit dem Hass genau das erzeugen, was ihr euch vorgestellt habt: Eure selbsterfüllenden Prophezeiungen. Das ist ja der Witz an solchen Organisationen wie der AFD, dass sie nicht sinnvoll gegen das Ankämpfen was sie befürchten, nein, sie forcieren die Entwicklung lieber um am Ende sagen zu können: Seht wie Recht wir hatten. Doch wer wirklich Angst um dieses Land hat, der muss gegen die Angst ankämpfen, gegen den Terror arbeiten und keinen Gewinn daraus schlagen.

So werden wir Alle verlieren.

Carola – die Suchende (Absolution, Figurenzeichnung)

Sind Menschen so wie sie sind? Oder werden Menschen zu dem gemacht, was sie werden? Wer trägt Sorge für die Entwicklung eines Charakters? In welche Freiräume kann ein Mensch stoßen, wenn ihm nur bestimmte gewährt werden?

 

Carola ist vielleicht nicht der stärkste Mensch den ich kenne, doch sie zählt zu neugierigsten. Und obwohl einige Verhaltensforscher  aus ihr typisches, fast klischeehaftes Benehmen für eine Person ihres Alters, ihrer Herkunft und ihrer Generation herauslesen würden, sehe ich in ihr nur ein Individuum, dass ihre eigenen Erfahrungen finden muss, dem es nicht hilft, ob sich viele ihrer Generation ähnlich verhalten, denn jede ihrer Entscheidungen und Kämpfe sind ihre Kämpfe, ihre Hindernisse, die sie bewältigen und gewinnen muss, auch wenn die Steppe ihres Schlachtfelds der Selbstverwirklichung von den Findlingen der verknöcherten Vergangenheit von anderen weites gehend bereinigt wurde.

 

Carola wuchs hier bei uns auf dem Land auf. Ich kannte sie, als sie noch ein Kind war. Und obwohl ihre große Schwester und ich den gleichen Freundeskreis hatten, ist es nicht so wie in den von Juli Zeh geschriebenem Dorf-Buch, nach welchem alles auf dem Land jeden angeht oder zumindest niemanden etwas  verborgen bleibt oder man gleich den Werdegang von jedem aufgedrängt bekommt. Mit den Jahren verlor ich sie aus den Augen. Eine Weile war sie nur die Freundin von Freunden. Und dann die Freundin von einem Bekannten, dem ich nicht viel Respekt zollte und es immer noch nicht mache. Wahrscheinlich, weil ich Männer viel härter aburteile als Frauen. Da ich weiß was es bedeutet ein Mann zu sein und meine Linie zwischen Verständnis und Unverständnis deshalb klar definiert wird.

 

Sie machte eine Ausbildung. Sie machte noch eine. Sie hatte ihren Freund. Das hätte es sein können. Manchmal ist es das auch einfach gewesen. Da spielt es auch keine Rolle ob man auf dem Land oder in der Stadt lebt. Kind und Haus. Das war es aber nicht. Die Beziehung ging zu Bruch und nein, in ihr zerbrach nichts wie der Singer und Songwriter in mir gerne texten würde, nur weil es gut klingt. Im Gegenteil. Sie wuchs daran.

Carola wollte mehr als die kleine Stadt sein, wollte hinaus in die große Welt, wollte Dinge erleben, austesten und ihre eigenen Grenzen kennenlernen. Dinge. Die man vor einigen Jahrzehnten ausschließlich Männern vorbehalten hätte und über die der restriktive Großvater in uns Dörflern nur missbilligend den Kopf geschüttelt haben könnte, wenn er sie in die gleiche Projektionskategorie wie Sarah verurteilt hätte. Carola aber ließ man die Dinge durchgehen, ohne sie gleich „leicht“ zu nennen. Denn Carola wirkte nicht „leicht“. Sie wirkte entschlossen. Auch wenn es immer schwer zu sagen ist, wozu eigentlich.

 

Sarah und Carola sind Freundinnen. Und so wie es mit Freundinnen ist, die nicht zusammen aufgewachsen sind, ist es schwer zu sagen, wie viel die eine in der anderen von sich erkennt, was da eigentlich verortet ist, dass die Menschen einander erkennen lässt. Vielleicht sieht Carola in Sarah genau das Gegenteil von der kleinen, kleinen Stadt, mit ihren kleinen Beziehungen und kategorisierenden, wenn nicht gar deklassierenden Beurteilungen.

Drogen spielten auch bei Carola eine Rolle. Und Frauen die gerne einmal konsumieren, die… Doch Drogen machen dich nicht automatisch zum Opfer. Sie sind nur Ausdruck für eine gewisse Unzufriedenheit. Für eine Sehnsucht, nach… Drogenkonsum ist ein Pendel, ein Seismograph, der – und das gehört bei jedem dazu, der gerne einmal was nimmt – eine Weile lang stärker ausschlägt. Das normalisiert sich in den meisten aller Fälle wieder. Daran wächst ein Charakter, wenn er nicht darüber stolpert und nie wieder in den richtigen Tritt kommt.

 

Carola hatte nach ihrer ersten und der zweiten Ausbildung sich dafür entscheiden, den zweiten Bildungsweg einzuschlagen, um das nachzuholen, was ihr in der Kleinstadt fehlte. Und doch kehrte sie immer wieder zurück zu uns auf das Land, um komplett zu sein. Später dann brachte sie die Stadt hinaus zu uns, auf die mathematisch abgezirkelten Felder, und zeigte ihr das Leuchten der Sterne.

 

Carola war immer auf der Suche gewesen. Und ihr Weg ist auch heute noch nicht beendet. Ist sie stark? Ist sie verwirrt? Will auch sie nicht erwachsen werden? Oder ist sie einfach nur das perfekte Beispiel dafür, dass die Biografien und Grenzen zwischen Frauen und Männern heute kaum mehr zu unterscheiden sind?  Vor einigen Jahrzehnten noch hätte es ihr an Möglichkeiten gefehlt, nach sich selbst zu können und ihr wäre es für immer verwehrt geblieben, bei sich selbst anzukommen. Auch ohne Kind. Dafür mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit.

Sarah – die Partymaus (Absolution)

Sind Menschen so wie sie sind? Oder werden Menschen zu dem gemacht, was sie werden? Wer trägt Sorge für die Entwicklung eines Charakters? In welche Freiräume kann ein Mensch stoßen, wenn ihm nur bestimmte gewährt werden?

 

Sarah ist der mächtigste Mensch den ich kenne. Das war schon immer so gewesen. Sarah hat diese Macht, diese Aura, die die Welt um sie herum krümmt. Die sie in diesem ganz besonderen Licht darstellt. Sarah ist schön, wenn nicht fast perfekt. Sarah ist das Schönheitsideal. Nicht eines dieser Schönheitsideale, die sich im Laufe der Jahrzehnte ändern, so wie es sich von großen Brüsten und breiteren, „weiblicheren“ Hüften zu schlanker Taille, breiten Wangenknochen und Laufstegsehnigen Schultern entwickelt hat. Nein. Sarah würde immer als Schönheit betrachtet werden, vielleicht mal mehr oder weniger. Aber ihre Schönheit würde die Jahrhunderte überstehen, ganz egal wie der Feminismus abgehen würde: Ihre fantastische Äußerlichkeit würde sie immer objektifizieren.

Das war schon in ihrer Kindheit so gewesen, ihrer Jugend, sowie auch jetzt, wo sie eine Frau in der zweiten Hälfte der 20ger ist, nur ebenso verloren an das Märchen von Peter Pan, wie es die „verlorenen Jungs“ in der Geschichte waren. Sarah ist nicht Wendy. Denn Wendy hat Peter Pan nie geliebt…

Sarah wollte nie erwachsen werden. Und ihr unbedingter Wille Spaß zu haben, machte aus ihr eine sehnige, blonde Drogenschönheit, ohne Kinder, ohne festen Mann und obwohl sie einen hatte, doch nie zu jemanden mit festen Wohnsitz. Sarah ist wie ein Groupie der Rolling Stones: Seit einer Ewigkeit on Tour. Bis die Tour der Lebensinhalt wird.

 

Sie wollte immer nur Spaß haben, so wie wir alle das wollen, und was spräche dagegen? Nur wenn einem durch das Aussehen alle Türen offenstehen und man überall in dunklere und hellere Ecken vordringen kann, verändert das einen. Die Macht wird zu einer Natürlichkeit. Und plötzlich wird man von seiner Umgebung „leicht“ genannt. So werden Menschen schnell beurteilt, die leicht im Leben voran kommen. Die Dinge geschenkt bekommen weil sie etwas ausstrahlen. Weil sie etwas bekommen können, was für uns unerreichbar ist. Sie werden zu „leichten Frauen“, da es für uns so unfassbar schwer erscheint, das Gleiche zu bekommen. Und ganz egal ob das stimmt oder nicht, solche Behauptungen können zu Prophezeiungen werden, denen wir nicht entkommen können.  Nur fragt hinterher niemand, ob zuvor die Henne oder da Ei da war. Später, war Sarah immer so gewesen.

 

Getuschelt wurde schon früh. Das ist die Kehrseite der Schönheit. Sie nennt sich „Phantasie“. Denn wer so aussieht, bei dem stellen sich die Jungs und besonders die Mädchen, alles vor. Ihr Urteil ist ebenso klar, wie vernichtend es ist. Sarah war für ihr Umfeld immer wie eine Griechische Göttin: Makellos und doch menschlich.  Viel zu menschlich. Personifiziert. Besonders wenn man ein Mädchen ist, das gerne Lacht. Und mit den „bösen Jungs“ (die wie immer nur die ein wenig „älteren Jungs“ waren, sich aber ganz böse fühlten und gaben) mitgeht. Die Phantasie der anderen machte Sarah zu dem, was sie noch gar nicht war. Das fing klein an.

Sarah war die Erste, die Jungs auf den Mund küsste. Sie war die Erste, die mit Zunge küsste. Und selbstverständlich war sie die Erste, die ihn in den Mund nahm.

 

Nicht dass Sarah selbst solche Geschichten über sich erzählte. Nein. Auf jeden Fall nicht zu Anfang. Aber was soll ein Kerl der mit so einer klassischen Schönheit intim wird, denn anderes erzählen? Der blöde Kerl muss die Schönheit auf sein Niveau herunterziehen. Er muss sie beschmutzen um in ihrem Licht nicht zu verglühen. So wurde geredet. Nach und nach. Mehr und mehr. Und irgendwann dachte sich unsere Sarah, dass wenn sie schon von keinem mehr als Heilige betrachtet wird, sie auch keine sein muss. Sie wollte Spaß haben, sich amüsieren und was sprach dagegen? War es denn wirklich so eine Bürde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen? Sarah war nicht dumm. Kein Mensch ist wirklich dumm. Und nur ein anderes Weltbild als andere zu haben, macht dich nicht zu einer dummen Schlampe. Das sagen nur Leute, die neidisch sind, die sich einer komischen Moral unterwerfen, weil sie innerlich hässlicher sind als in ihrem durchschnittlichen Äußeren. Manche Leute wollen dich einfach nur mit Dreck bewerfen, um dich auf ihr Niveau herunterzuziehen.

 

Es ist  nicht leicht eine Schönheit unter den Gewöhnlichen zu sein. Es ist nicht leicht von jedem angestarrt und reduziert zu werden. Da spielt es auch keine Rolle ob man die Situation einfach als leicht und gegeben betrachtet, ob man über sie hinweg lächelt. Was einem auch wieder als gewisse „Begrenztheit“ ausgelegt wird. Schöne Menschen tun sich viel schwerer gemocht und als „authentisch“ betrachtet zu werden, als der Durchschnitt. Schönheit hat immer auch den Ruf der Falschheit. Und der Stumpfheit. Das mag sogar stimmen, nur liegt diese „Falschheit“ nicht in der DNA der Schönheit begraben. Die „Falschheit“ liegt darin, dass man das Richtige im Falschen ist. Die Perle im Durchschnitt. Und so wird eine Perle vom Pöbel gerne aus Unwissenheit und Verachtung als „Fälschung“ deklariert und deklassiert, ohne dass sie sich überhaupt die Mühe machen sie wirklich anzusehen. Es ist leicht darüber zu urteilen, was man niemals haben wird.

Deswegen mochte Sarah die Partydrogen. Nicht weil die Männer auf Drogen nicht weniger geil oder die Frauen auch nur ansatzweise weniger schnippisch und neidisch wären. Aber auf Drogen ist ab einem gewissen Punkt eh alles egal. Irgendwann kippt die Stimmung, alle fühlen sich gleich. Auf einer Situation unter Drogen, kann sich selbst eine Schönheit mit einem Normalo richtig normal unterhalten. Die Blödheits-Urteils-Schranke zwischen einander ist weg. Und du bist nur der, der du bist. Nicht einmal mehr Frau oder Mann. Es sind nur zwei Menschen die sich unterhalten. Die miteinander tanzen, rauchen, trinken… Es mag sein dass die Drogen Sarah nicht schöner machten, sie erlösten sie aber auch von ihrer Schönheit. Sie machte sie menschlich. Für sich und für andere. Wenigstens für eine gewisse Zeit.

Den Blick frei geradeaus

Schreibt doch mal wieder etwas. Denn nur wer Lebenszeichen sendet, wer sich meldet und sich gehör verschafft, der ist auch real für die anderen begreifbar; aha, so so, mhm. Wenns denn sein muss.

 

Es war ein sehr befreiendes Gefühl vorgestern meine alte Wohnung zu übergeben, es fühlte sich fast wie eine Beichte an. Dass diese Beichte kommen werden müsste, davor trug ich schon seit Jahren Sorge. Denn diese Wohnung, das war ja auch ich gewesen. Wie viele Stunden hatte ich mich dort alleine eingesperrt und Line um Line Speed gezogen? Und wie viele Stunden fraß ich dort Drogen   mit Freunden? Wie viel Gläser forderte dort mein Alkoholiker-Herz? Und wie viele Lügen verkaufte ich meiner damaligen Freundin als Wahrheit, während sie in meinen Armen lag?

Diese Wohnung war meine „Festung der Einsamkeit“, nur war ich kein Superman, ich war ein ganz armes Würstchen. Ein Lügner, ein Dieb, ein Bastard – und ich war sogar noch stolz darauf…

Es war ja schon immer so, dass ich nur das Schlechte in der Vergangenheit sehe…

 

Natürlich war auch vieles gut und toll gewesen. 10 Jahre, eben nicht nur die gleiche Scheiße. Bei einer Beichte aber denkt man nicht an die Triumphe und die Freiheit, man denkt nicht auf direktem Weg an die Liebe, nur auf schuldbeladenen Umwegen. Auch wenn es die Redewendung gibt, beichtet man niemals seine Liebe oder sein Glück. Es geht nur um Schuld und Peinlichkeiten. Eines Tages aber will ich meine Glück beichten können.

Als ich ein paar Minuten vor der Schlüsselzurückgabe alleine in der Wohnung war, überkam mich dann doch die Melancholie, und mit ihr fast ein Lächeln. Dort war ich einmal schwitzend zusammen gebrochen. Da hatte ich immer meinen Stoff versteckt (vor wem eigentlich?). Hier war mein PC gestanden, mein Leuchtturm in die Außenwelt… Das Alles würde mir überhaupt nicht fehlen.

Mit 35 Jahren stand ich dort und sah auf ein ganzes Lebenskapitel zurück, das nicht nur aussah wie eine leere Wohnung mit weißen Fließen, es fühlte sich auch so an. Ich habe mich selbst sehr gehasst in diesen vier Wänden. Ja. Verachtet sogar. Hatte versucht mich mit meinem Glück langsam umzubringen. Das ist die Wahrheit… Aber wenn das die Wahrheit ist, warum ist mein Gesicht jetzt schon durchfurcht von Lachfalten? Da entkommt mir ein Lächeln.

Mein Vermieter konnte die Schuld selbstverständlich nicht sehen, er erahnte es sicherlich nicht einmal. Er hat nicht die richtigen Augen und nicht den richtigen Verstand um zu verstehen, weshalb ich mich um vieles nicht gekümmert hatte, weshalb meine Wohnung in bestimmten Grau-Bereichen sehr verwahrlost war. Es gibt Gründe für das Menschliche Tun. Und somit waren die Löcher in der Wand, die herausgefallenen Schubladen oder Scharnierlosen Schränke mehr als die Produkte meiner Handwerklichen Unfähigkeit. Sie waren Zeichen der Sucht und der Selbstzerstörung. Anzeichen einer grundlegenden Scheißegaligkeit.

Ich bin höflich zu meinem Vermieter. Er ist ein netter Kerl. Und er sieht natürlich nur SEINE Wohnung und nennt mich die ganze Zeit den „idealen Mieter“, da ich nie viel forderte, einigermaßen ordentlich war und vor allem immer pünktlich zahlte. Hatte ich das schon früher so verstanden. Dann hätte ich keine Angst vor diesem Moment gehabt, in dem ich vor ihm Rechenschafft ablegen muss. Und ja klar, es war keine Rechenschaft, für niemanden, nur vor mir selbst, und das fühlte sich noch befremdlicher an. Da war ich doch glatt davongekommen. Wie ist denn das passiert?

 

Jetzt sitze ich vor meinem alten PC, in meiner neuen, schönen Wohnung und habe das Gefühl als würde ich über deinen Fremden schreiben. Und das ist ein gutes Gefühl. Das Ironische ist, dass ich früher so hohe Stücke auf mich selbst hielt und ich den Typ von damals gar nicht mehr leiden kann. Ich bewundere ihn um seine Ideale, ja. Um seine Wut. Und auch um seine Fähigkeit blind für die Lösung der eigenen Probleme zu sein und sich in Literatur und Geschichten zu stürzen, um in der Abstraktion eine Lösung zu finden… Ich war zwar nie eine richtiger, doch mehr Künstler als vor 5 bis 10 Jahren werde ich nie wieder sein. Und ich habe es überlebt.

 

Gestern war eine alte Freundin bei mir, die 8 Monate in Südamerika war und nur zurückgekommen ist, um ihr Leben wieder aufzulösen und abzuhauen. Raus aus Deutschland, wo wir uns alle im Bekanntenkreis die Geschichte von unseren schleichenden Arbeitserkrankungen erzählen: Depressionen. Burnout. Verschlissene Körper. Dagegen sie mit ihrer fröhlichen Art und des Selbstbestimmung, mit diesem ungeheuren Egoismus auf jeden und alles zu scheißen, und frei zu sein. So kann ich nicht sein, will ich auch nicht. Doch ihr Egoismus – nennt es Selbstbestimmung – flößt mir Respekt ein, jedoch auch Mut. Den Mut, auch wenn man sich jetzt in die konservative Ecke gestellt hat, einen neuen Lebensabschnitt auch anzunehmen. Schließlich bin ich ein Überlebender, und ja, scheißdrauf, selbst wenn ich diesen Umstand idealisieren sollte, kann und werde ich daraus Energie schöpfen. Ihr werdet schon sehen.

Der Niveauvolle Absturz

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Den Satz habe ich noch nie begriffen, bedenkt man, dass man immer und überall aufgefordert wird, unter seiner Würde behandelt zu werden. Siehe „Subways“, „Ikea“ usw. diese Orte, an denen man aufs härteste Gedutzt wird, total lässig und Amerikanisch soll das sein. Ich. Finde. Das gar nicht lässig. Es ist unhöflich auch wenn man hier noch nicht vom totalen Verlust der Würde sprechen kann.

Als Fußball-Fan (von Eishockey ganz zu schweigen) ist es auf eine andere Art schwer seine Würde zu behalten, da der von der Gesellschaft vorgeschriebene Fan-Code, dieses Wie-ein-Fan-auszusehen-und-sich-zu-verhalten-hat, ultrabrutal und unwürdig ist. Ohne Ballermann-Auftreten und Gegröle scheint es nicht zu gehen. Noch schlimmer dieses grauenhafte (noch einmal: grauenhafte) Merchandise in Schwarz/Rot/Geld (von wegen GOOOLD): Nichts gegen Schals… Doch was sollen diese Maler/Fischer-Cappys, Pickelhauben oder Perücken in den Nationalfarben? Diese eingefärbten Sonnenbrillen, die angemalten Gesichter und die Fähnchen-Mützen? Die Speedsuits, die Schwarzrotgelben Blümchenketten, Cowboy-Hüte, Zylinder oder altgriechischen Kampfhelme? Und nun mal ehrlich: Welcher Bierbäuchige Fan sollte ein Trikot tragen, in das eigentlich ein Mario Götze oder Schweinsteiger passen sollte?

Weshalb ist das Fan-Verhalten oft so Stil- und ja, Würdelos? Weshalb brauchen die Massen überhaupt diesen Herdentrieb, dessen Vorbild der irische Dorfsäufer aus dem 18ten Jahrhundert ist? Da würde sich sogar James Joyce im Grabe umdrehen…

Man muss diese Gesellschaftsspiele nicht mitspielen und am Ende greift einen doch der Gruppenzwang am Schlawickel und zieht einen mehr oder weniger hinein…

Weshalb verfallen unsere Sitten so derart, schon im Kleinen? Es ist ja nicht „der Einzelne“, es ist das große Ganze. Das „Öööööööööiiiiiii!!!“ der Betrunkenen ist zu dem Schlachtruf ganzer Generationen geworden. Und bedenke: Heute wird weniger gesoffen als früher. Und die Gesellschaft ist sehr viel freier als noch vor 40, 30 oder sogar vor 20 Jahren; wovon müssen sich die Leute denn heute noch freifeiern und trinken, als vor der eigenen Langeweile? Nimmt uns der Wohlstand die Würde? Steht die Dystopie von „Idiocracy“ nicht schon längst in den Startlöchern?

Die kultivierte Dummheit, die man mit der kultivierten Niveaulosigkeit gleichsetzen kann, ist allgegenwärtig. Auch. Und gerade weil diese Niveaulosigkeit anfangs sicherlich – und davon bin ich überzeugt – aus der Ironie geboren wurde, bis aus dieser Ironie eine Lebenshaltung geworden ist; das ist in etwa so wie es Leute gibt, die die Ironie von K.I.Z. oder eines Mc Fitti als ernste Überzeugungen auffassen. Solche Trottel gibt es. Und sie bestimmen, nach und nach unsere Würde.

Es geht nicht nur um die Verrohung der Sitten. Es geht viel mehr um die Einstellung dazu, wie man sich einen Traumgeisteszustand imagisiert und dann auch durchlebt.

Ich weiß, dass ist jetzt mal wieder sehr schwarz in schwarz geschrieben und das Thema kommt immer wieder bei mir. Doch ich werde nicht wanken. Und immer wieder für den Niveauvollen Absturz eintreten. Den es gibt. Und der jedem zusteht.  So wahr mir Gott helfe.

 

Menschen sind gestorben für die 40 Stunden Woche.

„Schlief ich? Hatte ich geschlafen?“

 

Schon lange, schon viel zu lange bin ich nicht mehr zum Schreiben gekommen. Die Arbeit, dieser versuchte, Wochentägliche Selbstmord für Geld, hat mich daran gehindert. Jetzt habe ich gerade geschlafen gehabt. Hatte nämlich den „Not-Aus“ drücken müssen, nachdem der Körper nicht mehr konnte, da der Geist mich heute Nacht schon 2,5 Stunden vor Arbeitsbeginn wach geklingelt hatte. Wecksignal: Stress! Stress! Stress!

Und der Kopf so in einer Melange aus Halbschlaf, Wahn und Zielgerichtetheit überhaupt nicht mehr zumachen will.

 

Jetzt, nach der Schlaferei kaufte ich mir die neue „DJ Kicks“-Mix-CD von Moodymann und während sie gezogen wurde, hörte ich das oben eingebundene „Dance yourself clean“, geschrieben vom großen James Murphy, interpretiert von MS MR.

Wie ich da so sitze, beschädigt von dem sozialen Arbeitswahn den einen modernen Menschen die Festplatte von der Medulla Oblongata meißelt, und dem Vibe des Songs lausche, denke ich mir so, ganz Mitte dreißig und kaputt vom Erwachsenen-Leben: „Ja, ja. Sich selbst gesund schlafen…“ Vollkommen im Klaren darüber, dass es TANZEN heißt, nicht schlafen. Der Schlaf ist der Tanz der Nüchternen. Der Ausweg derer, die sich nicht mehr freitanzen können. Und eine kleine, gemeine, extrem dreckig fiese Traurigkeit überkommt mich.

Das Leben. Ein Tanz nach der  Melodie eines großen, kapitalistischen, weltumspannenden Gesamtorchesters, Sektion Deutschland. Untergruppe: Warsteiner. In der Kreisklasse hier, in der ich gerade lebe, bin ich selbst ein Stück des Sounds, der den ganzen Pop der Produktion am Laufen hält; viel zu klein um ein richtiges Geräusch zu sein, nur ein Hintergrundrauschen im großen Tamtam der Rhythmus-Sektion.

 

Meine Freundin hat gesagt: „Lass dich doch krankschreiben. Du musst nicht Alles selbst machen. Ist doch nicht dein Bier.“ Wahrheit. Aber sie versteht nicht diesen geheimen Schwur, diese ausgemachte Blödheit eines arbeitstätigen Mannes, dessen Unterbewusstes Tun für das Handeln des Kollektivs richtig und gut sein will, so wie der Jäger zu Beginn der Neuzeit, als wir noch in Höhlen lebten, sich mit seinen Arbeitskollegen daran machte das Mammut zu töten, um die Gesellschaf mit seinem Mitwirken zu ernähren, wohlwissend, dass er oder seine  Freunde bei diesem Wahn ein viel zu großes Tier zu Tode zu hetzen – bei seiner ARBEIT also – ums Leben kommen könnte. Nicht nur für dich und mich Schatz! Es geht um das große Ganze. Um das Team. In Wahrheit gehe ich doch für uns ALLE arbeiten/jagen, was auch immer. Denn die Selbstzerstörung ist ein Dienst an der Gesellschaft. Denn wenn sich jeder krankschreiben lassen würde wegen dem Stress, dann würde doch keiner mehr das Mammut  erlegen…

Oder irgend so ein Blödsinn den Mann sich einredet. Verdammt… Ich wollte doch  keine billigen Wortspiele mehr mit „Mann“ machen… Die deutsche Sprache  ist eh viel zu männlich geraten. Grüße an Thomas Meinecke von hier…

Auf jeden Fall hat das irgendwas mit „Ehre“, „Herdentrieb“ und einem vollkommen falsch verorteten Gefühl des Anstands zu tun, wenn man sich kaputt macht für den Lohn der Arbeit, der neben dem unsichtbaren Geld (wenn man es wenigstens noch in die Hände bekäme!) vor allem Hohn und Spott zu sein scheint. Denn merke dir, mein Freund: Niemand  wird jemals danke zu dir sagen. Außer er will etwas von dir – und das auch nur, wenn er gesellschaftlich auf dem gleichen Rang oder unter dir steht.

 

Ja. Tanzt euch selbst frei von der großen Melodie der Sklaventreiber. Nicht nur im Schlaf. Geht raus. Auf die Tanzflächen dieses Planeten.

Und lasst euch kräftig am Arsch lecken.

 

Und by-the-way und was ich schon lange einmal sagen wollte: Es sind Menschen gestorben für die 40 Stunden Woche. 

Das ist kein Spruch. Das ist die Wahrheit. Also lasst euch nicht ausnutzen.

 

 

 

Die neuesten Attentate auf die Freiheit

Ich glaube nicht dass ich etwas unglaublich Wichtiges oder gar Neues zu den Geschehnissen gestern in Paris beitragen kann. Und dennoch ist es wichtig in diesen Zeiten seine Meinung zu sagen, auch wenn man nicht derjenige ist, der die Debatte auf ein neues Level heben kann.

Das Spiel habe ich gestern live im Fernsehen mit verfolgt, sowie die betroffene Berichterstattung zu den Anschlägen von dem ziemlich hilflosen Sportreporter Matthias Opdenhövel und einem am Boden zerstörten Mehmet Scholl. Heute habe ich viel auf Facebook zu dem Thema gelesen, Phoenix gesehen und nach all dem ist mir klar, dass ich nichts mehr sagen kann, was nicht schon ein anderer vor mir gesagt hat – und ich finde gerade das bemerkenswert, dass die meisten von uns ziemlich gleich ticken, wir solche Taten (egal wo auf der Welt) verurteilen und echte Pazifisten sind, was bedeutet dass wir nie eine Waffe in die Hand nehmen würden um unsere Ansichten durchzusetzen, wobei wir sicherlich auch in der komfortablen Lage sind, dies nicht tun zu müssen. Dennoch: Fast jeder in unserer Gesellschaft lehnt die Gewalt ab und ich finde, dass das ein gutes Zeichen von uns ist, ganz egal wie das von Außen auch wahrgenommen wird.

„Die großen Terroranschläge“ und Katastrophen seit dem 11.09.2001 nehme ich wie die meisten Leute immer auf dieselbe Art und Weise wahr, nämlich vor dem Fernseher oder dem PC (egal in welchen Ausführungen, Hosentaschenpassend oder nicht), gebannt, scrollend und zappend. Leider ist da auch schon eine gewisse Abstumpfung und Gewohnheit mit dazugekommen. Denn es handeln sich im Prinzip immer um die gleichen, überflüssigen Bilder von grundlos traumatisierten Menschen und Politiker mit ernstem Blick; grundlos deswegen, weil diese Anschläge den Attentätern nichts gebracht haben, außer dass die Gesellschaft immer mehr zusammensteht, wie es bisher der Fall war.

Auf der anderen Seite habe ich mehr Sorge vor dem was jetzt kommen wird, als dass ich über diese Mordtat betroffen wäre, vor allem ob nun wieder die „Sicherheitsvorkehrungen verstärkt werden“ und  wie wird die Gesellschaft reagieren, gerade in diesen Zeiten in denen wir viele Flüchtlinge aufnehmen? Denn. Ich kann sehr gut verstehen wer jetzt Angst davor hat sich den Terror ins eigene Haus zu holen. Dazu habe ich diesen Banner auf Facebook gesehen, der das Dilemma gut zusammenfasst:

(Die Rechte für das Bild liegen nicht bei mir. Sie sind aber auf ihm abgedruckt)

Die Vernunft wird in dieser Debatte nicht immer die Oberhand behalten und es liegt an uns die Debatte richtig zu führen (und ja, ich bin mir der Ironie bewusst, dass ich hier „gegenvernunft“ heiße, das bedeutet jedoch nicht unvernünftig oder dumm zu handeln/zudenken, nein, es bedeutet gegen die Vernunft, die man nicht mehr hinterfragt und der man blind folgt).

Die größte Anzahl von Todesopfern sind in der Nacht bei dem Konzert der amerikanischen Band „Eagles of death metal“ zu beklagen, die meiner Einschätzung nach einfach als Symbol für Amerika (da es sich um eine amerikanische Rockband handelt) und deren Lebensstil herhalten mussten; sollte es dabei tiefere Zusammenhänge geben, bin ich gespannt.

Es ist sicherlich nicht das erste Mal das ein Rockkonzert in einer Halle oder ein DJ-Gig in einem Club von fanatischen Mordkommandos angegriffen wurden, und viele Todesopfer und Schwerstverwundete zu beklagen sind, wenn auch ansonsten nicht direkt im Herzen Europas.

Die Band selbst kannte ich gestern noch gar nicht, obwohl sie schon auf mindestens einem Festival spielten, dass ich besucht habe (das war damals das Southside im Jahre 2012). Im Zuge der Vorgänge habe ich heute einmal dort hinein gehört und fand die Band gar nicht mal so übel, was somit folgerichtig für mich und mein Umfeld bedeutet würde, das ich/wir dort auch einmal hingehen könnten oder würden. Nicht gleich nach Paris. Aber wenn sie einmal in München oder in Bochum/Köln gespielt hätten, wäre ein Besuch im Bereich des Möglichen gewesen. Die Band an sich wird jetzt nichts für die Tat können, ich will nur darauf hinaus, dass diese Ereignisse ein direkter Anschlag auf meinen Lebensstil sind. Es ist nicht einfach nur ein willkürliches Attentat auf einen Zug oder einen Bus in dem die Mörder möglichst viele Todesopfer erreichen wollten: In diesem Fall geht es eindeutig um unseren westlichen, freiheitlichen Lebensstil.

Ich kann mich noch gut an die Stimmung nach dem 11.September erinnern  und wie wir das Wochenende danach trotzdem zu Sven Väth ins Heizkraftwerk gefahren sind und eine wirklich krasse und unvergessliche Party abfeierten. Und auch wenn ich jetzt nicht mehr 21 bin, so würde ich ein solches Party-Trotzverhalten als die richtige Reaktion auf das Massaker in Paris ansehen.

Man darf jetzt keine Angst bekommen und sich nicht dieses Weltbild der Unterdrückung und Angst aufdrängen lassen. Natürlich sind Konzerte und Partys oberflächliche Welt- und Kulturbilder, ebenso wie Mode, Musik und die Kunst an sich; nichts davon braucht man für das nackte Überleben. Aber es geht darum was wir mit diesen Begriffen verbinden, unseren freiheitlichen und vor allem toleranten Lebensstil, miteinander zu feiern, zu tanzen und zu lachen, auch wenn das nicht immer als Speerspitze des intelligenten Verhaltens herhalten kann und darf. Ich bin sicherlich der Letzte der den Hedonismus der Nacht unreflektiert über alles andere stellt, bin keiner der jeglichen Anstand und Würde an der Garderobe abgibt. Nichtsdestotrotz bleibt die Möglichkeit es zu tun, eine Basis unserer Gesellschaft. Das ist die Freiheit des Individuums sich ausleben zu können. Das ist die Freiheit der Kunst. Nicht zu vergessen die Gleichstellung der Frau und sexuell Andersorientierter.

Ich hoffe nicht dass diese verklemmten Mörder uns soweit bringen, dass wir Angst haben müssen auf Großveranstaltungen zu gehen, die dafür gedacht sind, uns Freude zu bereiten; ja, ich hoffe sie können uns nicht unsere Freude selbst nehmen. Leider leben wir in einer Welt, in der unsere Werte immer wieder auf die Probe gestellt werden und jetzt heißt es, solche Situationen auszuhalten. Und daran zu wachsen.

Von solchen Durchhalteparolen kann man heute bestimmt so einige im Netz finden, sei es darum. Wir sind keine Schweigende Masse. Und was ist richtiger, als wenn viele das Gleiche sagen?