Stereotyp – 6 – Blutflecken kann man mit Zitrone entfernen

Vielleicht lag es an dem Unfall, den er vor ein paar Monaten gehabt hatte. Paul hatte in seinem Kinderzimmer mit dem kleinen Udo Lohmeyer „gespielt“. Wenigstens hatte es mit Spielen angefangen. Was zu Beginn ein harmloses „Cowboy und Indianer“-Spiel sollte, einbrannte sich zu einem handfesten Gerangel, wer von beiden Jungs „Chingachgook“ sein durfte. „Chingachgook“, der in den Filmen von dem Serben Gojko Mitic verkörpert wurde, war zu jener Zeit Pauls absoluter Held. Er MUSSTE einfach „Chingachgook“ sein. Nur war das ebenfalls auch bei seinem Freund Udo auch der Fall. Und der hatte überhaupt keine Lust stattdessen den weißen „Harmonika“ zu verkörpern. Es war wie so oft: Erst lachten die jungen Steppkes über ihre Uneinigkeit, schon rangelten sie am Boden miteinander, welcher Stärke wohl Recht behalten würde. Udo Lohmeyer war zwar ein halbes Jahr älter als Paul, doch Paul war größer. Deswegen ging jeder ihrer Kämpfe unterschiedlich aus. Sowohl Paul als auch Udo mussten die ganze Zeit Lachen, während sie miteinander kämpften. Schließlich hatte es Paul doch noch geschafft, sich auf den jungen Lohmeyer zu setzen, was in ihrer Welt bedeutete, dass der Kampf vorbei und gewonnen war. Nur wollte Udo sich nicht damit abfinden. Er stieß Paul, dessen Konzentration durch seinen vermeintlichen Sieg schon abgenommen hatte, mit seinem rechten Knie von sich fort, wodurch Paul über Udo Lohmeyers Kopf nach vorne wegschleudert wurde und mit vollem Schwung gegen den alten Heizkörper geschleudert wurde. Genau. Gegen den Knauf. Paul spürte den dumpfen Aufschlag und lachte einfach weiter. Zu sehr war sein Verstand noch von der heiteren Kampfstimmung eingenommen, in der er sich gerade noch befunden hatte. Paul landete wieder rückwärts fallend auf seinem Hintern und dreht sich zu Udo um.

„Hey! Ich hatte doch gewonnen!“ lachte Paul Udo an, der sich inzwischen auch schon wieder aufgesetzt hatte. Udos Augen waren groß als er Paul ansah. Jegliche Farbe glitt aus Udos Gesicht.

„Dein… Dein…“ brachte Udo nur von sich und zeigte auf Paul. Der griff nach oben auf seinen blutigen Kopf. Spürte etwas Nasses. Klebriges. Führte seine Hand wieder vor seine Augen. Sah das Blut von der Platzwunde die er sich geschlagen hatte. Und fing gleichzeitig wie wild zu heulen und zu schreien an. Udo Loymeyer wich weiter von Paul zurück. Er kroch regelrecht in Pauls Spielzeug-Regal und konnte den Blick nicht von Paul abwenden, dem das Blut in Strömen über sein Gesicht lief und von ihm herabtropfte. 

„Was ist denn jetzt schon…“, Pauls Mutter hatte das Zimmer betreten. Mit der geöffneten Tür und dem dazugehörigen Knauf in der Hand stand sie ohne ihre schöne weiße Schürze im Raum und begriff sofort was geschehen war, auch wenn sie: „Was habt ihr denn schon wieder…?“ Trotz allem bewegte sie sich nicht. Die Jungs sahen sie nur beide heulend an, während das Blut wie frisch vom Fass aus Pauls Kopf zu sprudeln schien. „Mama! Mama!“ schrie er hilflos. Seine Mutter sah zu Boden. Auf den grünen Teppichboden, mit dem Pauls kleines Zimmer ausgelegt war.

Die ersten Worte seiner Mutter zu Paul waren: „Paul! Paul! Du blutest ja den ganzen Teppich voll! Pass doch auf!“ Paul sah auf den Boden, sah das viele Blut in den Teppich sickern und wurde noch panischer. Der Junge dachte, er müssen sterben. Den Teppich hatte er dabei ganz vergessen. Paul schrie nur noch mehr. Plötzlich erschien die Mutter von Udo im Zimmer, die nebenan mit Pauls Mutter Kaffee getrunken und Zigaretten geraucht hatte.  Beruhigend legte Frau Lohmeyer Pauls Mutter die Hand auf die Schulter. „Hiltrud“, meinte Frau Lohmeyer, „Mach dich nicht verrückt. Mit Zitrone geht das sehr gut wieder raus.“ Dieser Satz und diese Weisheit würde Paul sein ganzes Leben lang nicht wieder vergessen. So auch in diesem Moment, als er alleine gelassen und verlassen dastand. Bestimmt hatten ihn seine Eltern deswegen verlassen, weil er damals den ganzen Teppich vollgeblutet hatte. Sicherlich war es diese Geschichte gewesen. Zitrone hatte das Problem nämlich nicht ganz gelöst… Auf jeden Fall war sich Paul sicher: Er war schuld, dass er jetzt in dieser Situation steckte. Paul. Hatte es verdient. Und weinte und weinte. Noch nie hatte ein Mensch so viele Tränen verbraucht, wie dieser Junge in diesem Moment. Es lief ihm aus den Augen und aus der Nase, so als könnte die Flut die Zeit zurückdrehen. Als könnte er Abbitte leisten. Als könnten die Tränen und der Rotz irgendetwas ändern. Doch niemand kam. Und keiner half. Bis der Junge schließlich keine Tränen mehr im Kopf hatte. Bis er einfach nicht mehr konnte. Und leblos lag in dem Gebüsch lag. Wie tot. Wie achtlos fortgeworfener Müll. Und das Allerschlimmste in dieser grausamsten Situation, die sich ein Kind nur ausmalen konnte, war das seine Eltern sich nicht einmal von ihm verabschiedet hatten. Dass sie ihm keine Worte mit auf den Weg gegeben hatten. Keinen Grund für ihr Handeln. Keine Erklärung. Nicht einmal dafür hatten sie ihn genug geliebt. Der Vater hatte ihn ermahnt gehabt, seinen Namen für sich zu behalten. Selbst sein eigener Name war Schande geworden.

Als die Tränen versiegt waren und sein durchnässtes Gesicht durch den Frost der ihn umgab immer kälter und kälter wurde, versuchte sich der Knabe ungelenk aus dem kleinen Gehölz zu befreien. Als ihm dies gelungen war, suchte er seinem Kinderanorak nach der Mütze, die eine Frau, die er vor einer Stunde noch „Mutter“ genannt hatte, in seine Tasche gesteckt hatte. Mit der Mütze wischte sich das Kind sein Gesicht trocken. Hiernach setzte er sie sich auf den Kopf. Paul sah sich in der Dunkelheit um. Etwas musste geschehen. An den Tod durch erfrieren dachte er nicht. Der Tod war ein viel zu abstraktes Gebilde. Paul fror und dies war Grund genug um sich in Bewegung zu setzen. Übermorgen würde er 8 Jahre alt werden und als quasi 8-Jähriger wusste er, dass er beim Schlittenfahren immer geschwitzt hatte, nachdem er den Schlittenhügel im Park jedes Mal aufs Neue erklommen hatte. Also musste er sich bewegen und am vernünftigsten war es, sich der Straße entlang zu bewegen. Straßen führen zu Städten. Oder wenigstens zu Lichtungen. Er müsste Menschen finden. Irgendwen. Irgendeinen Erwachsenen. Oder auch nur eine Scheune, in der er Wärme und ein Dach finden konnte. Ob Paul wollte oder nicht. Jetzt war sein Leben ein Abenteuer geworden. Trotzig folgte er der Straße in die Richtung, in welche seine Eltern verschwunden waren.

Stereotyp – 5 – Nicht alle Eltern lieben ihre Kinder über alles

Paul hatte sich gerade noch so in sein Bettchen geschleppt. Dort angekommen fiel er sofort in tiefen Schlaf. Die lange Reise in den Westen hatte seinen Tribut gefordert.

Als Paul schlief, war das Haus nicht untätig. Reisverschlüsse und Schnallen wurden bewegt. Pakete geöffnet. Winkel durchsucht. Erinnerungen bewertet. Schubladen und Schranktüren aufgeschwungen, offen stehengelassen, noch einmal inspiziert. Schlösser erledigter Bereiche fielen krachend zu. Und selbst wenn hier und da etwas zu Boden polterte, weckte es Paul nicht. Der Junge schlief traumlos wie ein Stein. Sicher, behütet, glücklich. Zur gleichen Zeit stapften die Füße sanfter Riesen durch die Wohnung. Fröhlich wurden ausgelassene Worte hin und her geworfen. Abgewogen, was – und was nicht…? Im Zweifel wurde gegen das angeklagte Kleidungs- oder Erinnerungsstück entschieden. Diese blaue Bluse? Eine BRAUNE Krawatte? Welches Buch ist unverzichtbar? Welcher Gegenstand ist praktisch? Was bekommt man „überall“? Und was benötigt man eigentlich um ein neues Leben zu beginnen? Am Ende ging es schneller als Beide gedachte hatten. Noch ein letztes Bier, eine letzte Zigarette, dann gingen sie schlafen. In der letzten Nacht. Sie machten sich keinen Vorwurf überstürzt zu handeln. Denn wer würde Wasser einen Vorwurf machen, wenn es nach Jahrzehnten unter Druck und Verschluss den Damm durchbricht? Wer könnte es nicht nachvollziehen, wenn eine jahrelang eingesperrte Hauskatze ihre erste Chance zur Flucht ergreift? Und wer würde es nicht verstehen, wenn jemand, der sein ganzes Leben lang unter einer großen Last leben und leiden musste, diese spontan und im ersten Moment abwirft? Sie waren niemanden einer Erklärung schuldig. Seit ihrer Geburt in diesem Land mussten sie sich, ihre ganze Existenz, nach fremden Maßstäben messen und messen lassen. Sicher. Hiltruds Mutter hatte Recht: Es war nicht alles schlecht gewesen. Na und?

Am Morgen danach erwachte der kleine Paul gut erholt in seinem Bettchen für Kinder. Das Haus, die die Wohnung seiner Eltern beinhaltete, war in Stille gehüllt. Paul blieb entspannt liegen. Er blieb dabei ebenso still und leise wie die Gemäuer, die ihn umgaben. Der Junge hatte aus der Trachtprügel gelernt, die er letztes Jahr bekommen hatte, als er an einem Wochenende seine Eltern zu früh geweckt hatte. Nun lag Paul einfach da, unter seiner Decke. Nur sein Kopf ragte hervor. Und wartete. Und lauschte. Er erinnerte sich nicht mehr im Detail daran, wie sein Vater ihn letztes Jahr in die kleine Küche gebracht hatte, um ihm dort die kleine Schlaf- und danach die Unterhose herabzuziehen, wo Papa ihn mit der flachen Hand den nackten Hintern verdrosch. Ebenso wenig erinnerte sich Paul daran, wie seine Mama, nachdem Paul nicht aufhören konnte zu heulen wie ein Häufchen Elend, ihn daraufhin abermals über ihn Knie legte und mit dem Kochlöffel so lange auf seinen schon wieder entblößten Popo einschlug, bis der hölzerne Kochlöffel abbrach. All dies hatte Paul vergessen. Nicht aber, wie er zum Geburtstag kein Geschenk bekam, da „der Junge ja den Kochlöffel zerbrochen hatte“. Der Mangel an Geschenken war ihm in diesem Moment eine größere Bestrafung, als es die Schläge bedeutete. Nur sein Unterbewusstsein würde diesen Moment nie wieder vergessen, den Moment als Mama so hart zuschlug bis der Kochlöffel zerbrach und Mama und Papa, als sie begriffen was gerade geschehen war, darüber zu lachen begannen. Nein. Doch. Auch wenn Paul Fleming es in diesem Moment in seinem Bettchen nicht mehr wusste, würde er diese Kochlöffelszene nie wieder vergessen. Darüber hinaus wusste Paul nicht einmal den Grund, warum er gezüchtigt wurde. Wie sollte er damals auch wissen, was „Blasen“ bedeutet? Wozu „Sex“ überhaupt dienlich ist.

Das Haus blieb still. Übermorgen. Am Montag war Pauls Geburtstag. Vielleicht würde er dieses Jahr etwas geschenkt bekommen. Nur meldete sich jetzt langsam unangenehm und penetrant seine Blase. Er verdrückte es sich noch ein wenig, bis der Druck schließlich zu groß wurde und er sich auf die Toilette schlich. Komisch. Im Gang stand der große Koffer. Der Fernreisekoffer, der so groß war, dass selbst Papa ihn kaum tragen konnte. Und drei weitere, kleine Reisetaschen. Paul schaffte es ohne die Eltern zu wecken zurück in sein Kinderbett und kroch wieder unter seine Decke. Mama und Papa würden sicherlich bald aufwachen. Bestimmt würde die Wohnung gleich wieder nach Zigaretten riechen und Papa seine Witze erzählen, die Paul oft nicht verstand. Mit leerer Blase lag es sich wieder schön und gemütlich in seinem Bett. Um ihn herum hingen Bilder an den Wänden, die Paul mit Bleistiften gezeichnet hatte. Womöglich würde Paul Mama bald fragen, ob er sie abnehmen dürfe. Schließlich war er bald 8 Jahre alt. Da war er doch schon zu alt für solche Strichmännchen an den Wänden. Nur das Pappmasche Herz mit dem golden verzierten „Mirko“-Schriftzug würde er hängen lassen. Das mochte er.

Es dauerte schließlich noch eine gute Weile, gegen Mittag, bis Paul die erste Zigarette in der Wohnung roch. Bald darauf erlauschten Pauls Ohren durch die Wand, dass sich Mama und Papa unterhielten. Wie immer konnte er nicht hören was sie sprachen, nur dass sie es taten. Allen Anschein nach waren sie nur noch nicht bereit aufzustehen. Paul hatte Hunger. Blieb aber brav liegen. „Brav sein“ hatte sich noch immer bewährt.

Beim mittäglichen Frühstück hatten seine Eltern gute Laune. Sie lächelten und umarmten sich viel. Auch Paul wurde immer wieder in der Arm benommen. Viel häufiger als gewöhnlich. Selbst Papa strich dem Jungen übermäßig oft, fast schon penetrant durch die Haare. Und mehr als drei Mal sagte er zu seinem Kind, dass heute ein besonderer Tag sein würde. Es gab da Dinge, die getan werden müssten. Und auf die Frage, WAS denn getan werden müsse, antwortete Papa in einem Moment der Schwäche mit einem fast schon traurigen Blick, dass sein Sohn ihn eines Tages verstehen würde. Wahrscheinlich. Vermutlich… Dann nahm Papa wieder einen Schluck West-Kaffee und goss seinem Sohn West-Kakao-Pulver ein, welches sie gestern gekauft hatten; und dieser Kakao war richtig gut. „Richtig, richtig gut“, lachte der Kleine und Mama schmierte ihrem Kind die gute, selbstgemachte Marmelade aufs Brot. Obwohl heute noch gar nicht Sonntag war.

Nach dem Frühstück wurde Paul ein wenig plötzlich auf sein Zimmer geschickt. Mama hatte unvermittelt zu Weinen begonnen. Die Töne des Radios und fröhliche Musik übertönten ihr Schluchzen als der Junge in seinem Zimmer war. Paul verstand nicht, was geschehen war. Wieso Mama plötzlich so traurig werden musste. Ob sie sich wehgetan hatte. Am liebsten wäre er einfach zu ihr in die Küche gegangen und hätte sie in die Arme genommen. Vielleicht würde sie das ein wenig aufmuntern. Doch Paul sollte in seinem Zimmer bleiben, erklärte der Papa noch eine Wartezeit später. Sie würden ihn dann holen. So spielte Paul mit seinem Spielzeug, bis es dunkel wurde. Dann öffnete sich seine Kinderzimmertüre zum letzten Mal.

„So dala“, lächelte der Vater schief. „Jetzt müssen wir aber los.“

„Wohin denn?“ Paul war erstaunt. Schon wieder ein Ausflug? Gut. Na ja… Vielleicht hatte das was mit seinem Geburtstag zu tun!

„Das“, seine Mutter stand hinter dem Papa, „Ist eine Überraschung.“

„Eine schöne Überraschung?“ fragte Paul mit großen Augen. Er ließ sein Spielzeug, Spielzeug sein und stand auf. Seine Eltern wechselten einen Blick. Dann erklärte seine Mutter mit schiefer Stimme: „Sind denn nicht alle Überraschungen schön?“

„Oh ja!“ freute sich Paul unverhohlen.

„Na dann ab ins Auto!“

Paul rannte lachend an seinen Eltern vorbei den nun leeren Flur hinaus, das Treppenhaus hinab, hüpfte regelrecht in seine Schuhe und eilte hinunter zum „guten Wartburg“, in den bereits die Koffer und Taschen geladen worden waren. Die Mutter trug dem Jungen noch Kopfschüttelnd seine Jacke, seine Mütze und die kleinen Handschuhe hinterher, in die sich Paul wiederwillig zwängte. Nur die Wintermütze stopfte Mama in die Seitentasche den kleinen Anoraks. Wieder einmal schlugen die Türen zu. Heute ohne Großeltern. Dann ging es los; einen Kilometer weiter stoppte Pauls Vater den Wartburg wieder. Hatten sie etwas vergessen? Pauls Mama drehte sich zu ihm um.

„Wir spielen jetzt ein kleines Spiel!“ Ihre Stimme klang fest und spröde. „Du rutscht jetzt so tief du kannst nach unten.“ Seine Mutter zeigte hinter die Rücklehnen der Fahrersitze. „Und dabei setzt du das hier auf.“ Sie zeigte ihm einen unförmigen Lappen, der sich in Pauls Händen als kleinen Mehlsack erwies. Er sah sie fragend an. „Den setzt du auf, wenn du hinuntergekrochen bist. Und dann bist du ganz brav und still.“

„Bekomme ich dann die Überraschung?!“
„Oh ja.“ Sie seufzte. Lächelte. „Natürlich.“

So tat Paul wie es ihm von seiner Mutter gesagt wurde. Er setzte sich den nach Mehl riechenden, den sogar nach Mehl schmeckenden Sack auf, und kroch wild entschlossen zwischen die Sitze. Was für ein Abenteuer! Und dabei hatten sie am Tag zuvor schon ein ganz anderes Abenteuer erlebt! So viele Autos hatten am Grenzübergang gestanden. Noch nie hatte Paul so viele Autos gesehen gehabt. Was wohl heute passieren würde? Vielleicht würde nun jeder Tag ein Abenteuer beinhalten? Vielleicht bedeutete genau das, erwachsen zu sein und zu werden. Die Reisetaschen, zwischen denen Paul die kurze Strecke lang gesessen hatten, kippten auf die ganze Länge der Rücksitzbank um. Paul konnte es genau spüren, doch obwohl dadurch sein Raum zwischen den Sitzen, der ohnehin schon knapp bemessen war, noch enger wurde, blieb das Kind ruhig und still. Er hatte auf die Anweisung der Mutter sogar die Augen geschlossen, damit er kein Mehl in die Augen bekäme. Mit der Zeit, mit den Minuten, die zu einer knappen Stunde reiften, traute sich Paul immer wieder die Augen ein wenig zu öffnen. Nur selten sah er matte Lichtscheine, die durch das Säckchen dämmerten. Tatsächlich lauschte er die ganze Zeit nur dem dumpfen Dröhnen des Wartburg, der hier, auf dem Boden des Gefährtes, noch 10 Mal lauter zu Ächzen schien. Seine Eltern: Schwiegen. Nicht einmal das Radio dudelte durch die Nacht oder erzählte vom größten Tag in der näheren deutschen Geschichte. Nicht einmal vom Wetter wurde berichtet. Es herrschte eine fast greifbare, bedrückend menschliche Stille in dem in der Deutschen Demokratischen Republik gefertigten Wagen. Nur einmal hörte Paul seine Mutter sagen: „Ich glaube, ich pack das nicht, Walter…“ Worauf der Vater tonlos antwortete: „Das wird schon.“ Plötzlich fuhr das Auto von der Straße ab und hielt auf einem steinigen, vermutlichen kiesigen Untergrund an. Der Vater brachte den Motor zum Verstummen. Stille kehrte ein. Niemand sprach.

Pauls anfängliche Euphorie hatte sich inzwischen gelegt. Sein Rücken schmerzte ihm und er hatte sich mehr als einmal verkniffen seinen Eltern die drängende Frage zu stellen, wie lange es noch dauern würde, endlich die große Überraschung geschehen würde. Die Luft im Sack war dann nach dem anfänglich angenehmen Mehlgeruch doch recht stickig geworden. Außerdem wurde ihm ein wenig schlecht, wie er dort auf dem Boden eines fahrenden Autos liegen musste. Jetzt sprach er doch aus, was er so lange für sich behalten hatte: „Mama? Sind wir jetzt endlich da? Mir tut mein Rücken weh…“ Paul konnte nicht sehen, wie seine Mutter ihre Augen schloss und sie damit einen Strom leiser Tränen zum Erliegen brachte. Er sah auch nicht, wie sie ihre Hände vor ihren Mund legte um nicht zu schreien. Ebenso wenig, wie sein Vater seine rechte Hand auf das Knie seiner Frau Hiltrud legte und die Mutter ihre linke Hand auf die seine legte, ohne damit aufzuhören ihre rechte panisch auf ihren zitternden Mund zu pressen, während ihr die Tränen wie Sturzbäche über die Finger ihrer Hand tropften. Die Eltern sahen sich nicht an. Dann atmete Pauls Vater tief ein. Es klang fast wie ein Stöhnen. Auf einen kurzen Moment der Starre löste er seinen Sicherheitsgurt und öffnete die Fahrertür. Paul konnte genau fühlen, wie sein großer, schwerer Vater das Auto verließ. Die Tür ließ er hinter sich geöffnet und wie als hätte sie jemand gerufen, trat die Novemberkälte in das Auto hinein. Dann öffnete der Vater die hintere Wartburg-Türe auf der Fahrerseite. Er schob die Reisetasche zur Seite und zog seinen Sohn zwischen den Sitzen hervor. Ausgesprochen sanft und vorsichtig. Er wollte dem Jungen unter keinen Umständen unnötige Schmerzen zufügen. Obwohl sein Sohn dafür eigentlich schon zu groß gewachsen war, hielt sein Vater Paul wie ein Kleinkind in seinen starken Armen. Endlich wollte Paul den Mehlsack abnehmen, doch Vater meinte: „Einen Moment noch.“ Daraufhin wurde Paul auf den Boden abgesetzt, dessen Rücken jetzt in veränderter Haltung nur noch mehr weh.

„Sag zu niemanden ein Wort, wer du bist und woher du kommst“, waren die letzten Worte, die sein Vater an ihn richtete. Kurz lies Pauls Vater seine schwere Hand ein letztes Mal auf Pauls Kopf ruhen, der noch immer von dem lächerlichen Mehlsack verdeckt wurde. Dann stieg der Mann ohne Sohn in sein Auto, schloss die Türe und der Wartburg fuhr davon, ohne dass sich jemand umsah. Paul riss sich den Sack von seinem Kopf und konnte in der unbestimmten Dunkelheit der Nacht, irgendwo im Nirgendwo Deutschlands, den Rücklichtern des Wartburg nur noch hinterher sehen, bis sie nach einer Biegung nach rechts ganz verschwanden. Seine Eltern waren fort. Paul sah sich um. Links herum. Rechts herum. Da war gar nichts. Nichts. Überhaupt nichts. Nur Dunkelheit und… Bäume. Schwarze Bäume im grafitschwarz der Nacht. Ganz weit oben, glaubte das verlassene Kind die Wipfel von Tannenbäumen erkennen zu können. Es könnte sich um einen Parkplatz oder eine Haltebucht in einem Wald handeln. Irgendwie so etwas. Oder etwas ganz Anderes. Was nicht zu leugnen war: Es war dunkel, kalt und windig. Paul war starr vor Angst. Was geschah hier? Was lief hier falsch? Warum machten Mama und Papa das mit ihm? Aus dem Urquell seiner Seele stieg ein ungeheurer, physischer Schmerz seine Kehle hinauf. Eine Welle aus Qualen brauch aus seinem Innersten hervor, die der kleine Junge alle die Jahre seiner jungen Existenz in sich selbst versteckt gehabt hätte und nun wie aus einem geöffnete Gefäß aus ihm hervorschoss. Seine Augen begannen sich schlagartig mit Tränen zu füllen, als der Kummer wie ein ehrlicher Geist mit einem Urschrei ähnlichem Laut aus seinem Mund explodierte.

Zu keiner Sekunde vermutete Paul hinter dem, was gerade geschehen war, einen Scherz. So viel Ironie hatte der kleine Junge noch nicht erlernt. Dafür war das Kind noch zu sehr in seiner infantilen Welt gefangen, in der jedes Wort wahr und ewig galt. Der Gedanke daran, dass dies „witzig“ sein könnte ihm zu keinem Augenblick in den Kopf. Paul. Heulte einfach nur. Er heulte und heulte heiße Tränen und sackte auf der Stelle, genau an dem Punkt, an dem ihn sein Vater abgesetzt hatte, zusammen. Er versuchte nicht einmal, dem Auto zu folgen. Machte sich keine theatralischen Mühen, an seinem Schicksal irgendetwas zu ändern.Paul konnte es sich nicht erklären: Was hatte er Schlimmes getan? Was hatte er nur falsch gemacht, damit seine Eltern ihn hier einfach zurückließen? War er so ein schlechtes Kind gewesen? War denn nicht gerade noch alles gut gewesen? Oder nicht? Paul war doch heutemorgen so leise gewesen, als er auf die Toilette ging! Hatte sie ihn doch gehört? Oder war es etwas Anderes? Paul weinte und weinte und weinte und suchte und suchte in seinem kleinen, unerfahrenen Selbst nach dem Grund seines Vergehens und mit der damit verbundenen Strafe, nicht mehr Teil dieser heilen, schönen Familie zu sein. Unvermittelt stand der Junge schreiend und schluchzend auf, sein ganzer Hals tat ihm schon grausam weh und doch brüllte er so laut er konnte: „PAPAaaaaa! MAMAaaaaa!“ In die ihn alles umschließende und verschluckende Dunkelheit. Er rannte los, einfach gerade aus, streckte seine kleinen Ärmchen aus, so als ob da jemand wäre, als ob dort vielleicht doch noch seine Eltern in der Dunkelheit ständen, in deren Arme er laufen müsste. Pauls kleine Beine rannten und rannten und rannten, bis er hundert Meter weiter über einen abgeschnittenen Baumstumpf stolperte und schreiend vor Angst (vor Angst, vor Angst, vor Angst) vor der ganzen Welt in das spitze Dickicht eines unmöglich mit den Augen zu erkennenden Strauches fiel, welcher mit seinen kleinen, eiskalten Zweigen gnadenlos Pauls makelloses und von Tränen durchnässtes Gesichtchen zerschnitt. Der Junge spürte die Schmerzen kaum und blieb in dem Strauch in einer Haltung zwischen wage- und senkrecht in einem 75 Grad Winkel liegen. Gehalten und aufgespießt von den blättrigen Armen des Strauches. Dort heulte und schrie und schrie und heulte der ausgestoßene Sohn: „PAPA! MAMA! Papa… Mama…“ Bis dem kleinen Jungen die Stimme versagte. Da hing er nun in der unangenehm stechenden und doch ironischerweise sanften Umarmung des dichtbewachsenen Busches. Ja. Einen wilden Moment lang klammerte sich das Kind Paul sogar in den Strauch, griff ganz tief hinein, als ob das Gewächs ein Mensch sei, der ihn halten könnte. Damit ihn wenigstens dieser Busch umarmen und trösten könnte. Wenn da schon sonst niemand mehr war, der ihn festhielt. Keiner mehr, der ihn liebte.

Da musste doch ein Grund sein. Es musste eine Erklärung dafür geben, warum Paul diese Behandlung von seinen Eltern verdient hatte. Irgendwas war passiert. Auf die schlimmste Art und Weise. Und Paul, dieses schlechte, schlechte, böse, dumme Kind hatte es nicht einmal bemerkt.

Stereotyp – 4 – Die Reise in den Westen

Da saßen sie nun, eingequetscht in den „guten Wartburg“, wie Großvater sein treues Gefährt stets nannte. Am Steuer der Herr Papa, neben ihm auf dem Beifahrersitz die Mama, hinten die Großeltern und in der Mitte hilflos eingequetscht der kleine Paul, der damals noch ganz anders hieß. Mehrfach hatten sich die Großeltern darüber beklagt, Paul doch zuhause zu lassen, da es einfach viel zu eng auf der kleinen Rücksitzbank des Wartburg sei. „Das wird schon irgendwie gehen“, nickte der Vater mit seiner Zigarette im Mund nach hinten, „heute ist der Junge bares Geld wert. Auch für den wird uns die BRD Geld geben. Endlich zahlt es sich mal aus, ein Kind gezeugt zu haben.“ Da lachte die Frau Mama. Die Großeltern seufzten. Die Grenzen waren auf, das wussten sie. Und doch hatten die Großeltern, die fast ihr ganzes Leben in der Deutschen Demokratischen Republik verbracht hatte, Sorge, nicht mehr in das geliebt/verhasste Land zurückgelassen zu werden. In ihrer Welt waren noch keine harten Fakten geschaffen worden. Schließlich standen die Panzer der UdSSR noch vollbetankt und vor neugierigen Blicken versteckt im Land.

„Nicht nach Berlin“, gab der Vater die Marschrichtung aus. Dabei wäre es für die Familie näher gewesen, in der geteilten Landeshauptstadt in den Westen zu gehen. „Denn da wollen sicherlich alle hin. Die Ost-Berliner sowieso. Und bestimmt werden auch die Berlin Wessis mal in den Osten schauen. Da kommen wir doch nicht voran. Am Ende macht der Kohl die Geldschatulle zu. Ne. Wir fahren einfach über den Grenzübergang Marienborn.“

„Wird da nicht auch total überfüllt sein?“ warf die Oma ein.

„Das ist ja noch weiter!“, entrüstete sich der Großvater.

„Schnickschnack!“ winkte der Vater ab. Der Wartburg hatte sich schon auf den Weg gemacht. „So viel weiter ist das nun auch nicht.“ Und so ging sie los. Paul Flemings erste Reise in den Westen.  Sein Vater und seine Mutter waren in Hochstimmung und sagen zum Hohn alte Volkslieder der DDR. Dabei rauchten sie unaufhörlich wie die Schornsteine des deutschen Wirtschaftswunders. Die Großeltern saßen stumm und bockig auf der Rückbank. Paul konnte kaum aus dem Fenster sehen vor lauter Familie und Rauch um sich herum. Einerseits war es eine gute Wahl von Pauls Vater gewesen, nicht nach Berlin zu fahren, wo Hundertausende Menschen sich über die alten und neu geschaffenen Grenzübergänge drängten. Beamte verteilten Millionen Visa und vor den Sparkassen und Banken entstanden Menschenschlangen die über hundert Meter lang sein konnten. Das Problem mit dem Grenzübergang Helmstedt/Marienborn war nur: An diesem Tag sollten bis zu 14000 Autos die Grenze von Ost nach West überqueren, was erhebliche Wartezeiten erzeugte. Die Grenzbeamten der DDR waren heillos überfordert. Das Warten tat der guten Stimmung von Pauls Eltern keinen Abbruch. Soweit waren sie schon gekommen, die paar Minuten oder Stunden waren auch schon egal. Den Großeltern dagegen wurde in dem Auto-Meer aus Trabanten und Wartburg immer mulmiger. Die Füße taten ihnen weh und sie konnten die Euphorie der Menschen, die aus ihren Autos Johlten und Winkten wenn die Schlange sich wieder für einige Meter in Bewegung setzte, immer noch nicht ganz teilen. Irgendwann war es dann war es soweit. Ein sichtlich erschöpfter Grenzer winkte sie zu sich heran. Der Vater grinste den Beamten mit dem erschöpften Blick an. Der nickte nur und winkte sie weiter. Vater trat aufs Gas.

„Brauchen wir denn keine VISA!!“ Der Großvater beugte sich erschrocken zu seinem Schwiegersohn nach vorne.

„Ach scheiß drauf“, winkte der nur ab. „Glaubst du hier haben alle ein Visa?!“

„Aber was ist wenn sie uns nicht mehr zurücklassen?!“

 „Vater“, Pauls Mutter drehte sich zu ihrem Vater nach hinten: „Die werden noch froh sein, wenn wir überhaupt zurückkommen.“

„Ach…“, seufzte die Großmutter und nahm Pauls Hand. Paul lächelte sie an. Er hatte sie immer gemocht. Die kleine dünne, grauhaarige Mutter seiner Mutter. „Es war ja nicht alles schlecht“, seufzte sie dann noch.

„Außerdem werden die uns am Auto erkennen“, zwinkerte Pauls Vater in Richtung Rücksitzbank.

Die Familie war nicht nur wegen des Geldes in die BRD gekommen. Es ging darum endlich das tun und lassen zu können, was ein freier Bürger wollte und konnte. Das Geld war nur die beste, wenn auch peinliche Ausrede für die lange Fahrt. Die Freiheit die sie dabei genossen, war mehr wert als jeder Geldschein. Sie kamen sich auch nicht vor wie Bettler, als sie ein paar Kilometer später an einer Sparkasse in einem Menschenpulk anstanden, in welchem sie sofort neue Freunde fanden. Nur Ost-Deutschler waren hier: „Wie daheim!“ lachte ein Mann mit Schnauzbart im Alter von Pauls Vater sie an. „Und doch ganz anders“, nickte Pauls Mutter dem fremden Mann glücklich zu. Dann umarmten sie sich. Einfach so. Der Fremde und die Frau. Im Glück vereint. Und obwohl Pauls Vater von der eifersüchtigen Sorte war, hatte er nicht dagegen, wie ein anderer Kerl seine Alte in die Arme nahm. Nie wieder hatte Paul sich so viele Menschen umarmen sehen. „Als wäre Deutschland zu einer verdammten Sekte geworden“, spottete er später über diese Zeit. Zwar tat es allen Ost-Deutschen sichtlich gut das Begrüßungsgeld in den Händen zu halten, doch die Menschen waren nicht aus Gier hier. Tatsächlich war die Familie in dem Supermarkt, den sie nach der Sparkasse aufsuchten, ziemlich erschlagen von der Auswahl und dem Angebot. So etwas kannte sie von zuhause nicht. Und ein wenig mussten sie sich schon fragen, wozu der Westen diese riesige Auswahl überhaupt brauchte. Nein. Sie waren keine gierigen Menschen. Sie waren einfach nur hungrig. Ihr Hunger war von jener Art, wie ihn Jugendliche verspüren, die von ihren Eltern zulange zuhause eingesperrt werden, obwohl die Kinder wissen, was für eine faszinierende Welt dort draußen liegt. Sicherlich würde im Westen nicht alles besser sein. Doch sie hatten es sich verdient, sich ihr eigenes Bild von dieser Welt zu machen. Denn sie waren keine Kinder mehr. Und das Geld war nur ein Symbol für aufkommende Möglichkeiten. Paul durfte seinen eigenen Hundertmarkschein auf der ganzen Rückfahrt selbst in den Händen halten. Auch wenn der Herr Papa nachts, als sie wieder zuhause ankamen, ihm den Schein wieder abnahm. Für Paul reicht es, ihn überhaupt halten zu dürfen. Es war ein ganz neuer Schein und Paul hatte darauf geachtet, dass er an keiner Stelle zerknittern würde. Der Schein war wie eine Auszeichnung für Paul. Eine bedruckte Medaille. Hinten war das Brandenburger Tor. Vorne ein ernst und dennoch milde schauender Mann mit Hut.

„Endlich wieder daheim“, seufzten die Großeltern. Und hätten ihre Kinder sie gefragt, hätten sie zugegeben, dass dies ein ganz besonderes Abenteuer für sie gewesen war. Es stellte nur niemand diese Frage. Kaum in den eigenen vier Wänden angekommen umarmten sich Papa und Mama noch einmal und küssten sich lange. Dann sahen sie sich lange, vielleicht ein wenig zu lange, gegenseitig verliebt in die Augen. „Und morgen wird gepackt!“ lachte der Vater und klapste seiner Hiltrud auf den gut erhaltenen Hintern.

Sterotyp – 3 – Das Ende der DDR und das Ende von Paul Fleming

Paul Flemings Geschichte begann am 30. September 1989, als der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher um 18.59 Uhr auf dem Balkon des Palais Lobkowicz stand, um dort den mit Sicherheit bekanntesten Halbsatz der deutschen Geschichte auszusprechen: „Wir sind heute zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise…“ Die letzten drei Worte „…möglich geworden ist“ gingen im frenetischen Jubel der in die Botschaft in Prag geflohenen DDR-Flüchtlingen unter. Dieser Halbsatz markierte nicht nur das Ende der „Deutschen Demokratischen Republik“, er steht ebenso sehr für das Ende von Paul Flemings bisherigen Leben. Paul war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 7 Jahre alt, Bürger der DDR, und wie es bei einem Siebenjährigen anzunehmen ist, verstand er weder was gerade geschehen war, als seine Mutter und sein Vater sich weinend vor dem Fernseher in den Armen lagen, noch was für Auswirkungen dieses Ereignis für sein Leben haben würde. Das West-Fernsehen im Röhrenfernseher jubilierte. Vater und Mutter stießen lachend mit dem Marillen-Schnaps aus der großen Flasche an, dessen Geruch der kleine Paul immer so gemocht hatte. „Der erste Schritt ist getan“, frohlockte der Vater. Aus Spaß fügte er zu Pauls Mutter hinzu: „Hiltrud! Du kannst schon einmal die Koffer packen!“ Paul freute sich einfach mit seinen Eltern. Waren seine Eltern glücklich, war er glücklich. Der Junge war noch in einem Alter, in dem es nur einzelne Momente gab. Ereignisse, die scheinbar vollkommen zusammenhanglos einfach passierten. Es gab keinen großen Plan des Lebens. Kein Ende. Jeder Tag war für ihn: Einfach da. Auch wenn er langsam begann ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass die Welt einem gewissen Rhythmus zu folgen schien. Mit sieben hatte er keine Chance, zu erahnen was noch kommen konnte.

Paul wusste nicht viel über seine Eltern. Ob sein Vater bei der Stasi oder Maler war, spielte im Nachhinein ohnehin keine Rolle mehr. Nicht einmal, ob sein Vater beides war. Paul erinnerte sich als er erwachsen war nur noch an Fetzen seines kindlichen Lebens. Daran zum Beispiel, wie sein Vater immer recht spät, meistens nach Sonnenuntergang, von der Maler-Arbeit nachhause kam. Erst ging es in die Arbeit, dann in die Gaststätte. Schloss Paul die Augen roch sein Vater für ihn immer nur nach Zigaretten und Ketwurst. Oft war der Vater betrunken. Meistens war er betrunken. Doch ansonsten war er ein sanfter Mann, der hin und wieder einen Farbklecks in seinen blond gelockten Haaren übersehen hatte und wegen denen der kleine Paul seinen Vater immer wieder für eine Art Engel hielt. Der siebenjährige Paul liebte seinen Vater, wie die meisten Kinder ihre Väter lieben: Abgöttisch. Vater machte alles. Vater konnte alles. Vater wusste alles. Sein Vater war wie Gott. Ebenso wie seine Mutter. Zwei Seiten einer göttlichen Medaille. Ein einzelnes Wesen. Untrennbar miteinander vereint. Mutter. Die Mutter. Seine Mutter, die immer für Paul da war. Die ihm Geschichten im kalten Zimmer vorlas. Sogar die gruseligen, die der kleine Paul so sehr mochte, für die er eigentlich noch zu klein war. Was Vater nicht wusste, hatte die liebe Mama Paul schon längst beantwortet. Schloss der ältere Paul in Gedanken an sie seine Augen, sah er noch immer aus der bodennahen Kinderperspektive die Schürze seiner Mutter wie ein Ballkleid um sie herumschweben. Es ist schon merkwürdig in welchem Lichte wir die Menschen in Erinnerung behalten. Gerade jene Menschen, die uns am Meisten Unrecht angetan haben.  Paul liebte die Weihnachtszeit in der Kleinstadt. Und er liebte noch mehr die Plätzchen und vor allem den Teig, den die Mutter jedes Jahr zubereitete. Dann roch es so wunderbar nach Vanille in der ganzen Wohnung. Nicht einmal die unaufhörlichen, eigentlich alles erstickenden Rauchschwaden von Mutters „Cabinet“-Zigaretten, konnten den Geruch überdecken. Der junge Paul wusste nicht viel über die Zukunft. Dennoch war er sich sicher, dass in Zukunft jedes Jahr zur Weihnachtszeit ihre Wohnung nach Vanille riechen würde. Paul war davon so überzeugt, wie es nur Kinder sein können. Seine Überzeugung war so stark und widerstandsfähig wie eine Burg, die von fleißigen Handwerkern in einen Felsen hineingehauen worden war. Was hätte auch geschehen sollen? Für das Kind war die Zukunft klar umrissen.

Am 9ten November fiel in Berlin die Grenzmauer, die 28 Jahre lang den Osten vom Westen der Stadt getrennt hatte. Die Deutschen lagen sich freudig in den Armen und die Welt blickte ungläubig auf die friedliche Revolution im ehemals so kriegerischen Deutschland. Im Hause von Pauls Familie saßen wieder Alle beisammen. Zu den Eltern hatten sich die Großeltern und ein paar Nachbarn gesellt und zu dem Marillen-Schnaps wurde Bier gereicht.  Selbstverständlich lief das West-Fernsehen nebenbei, auch wenn die Familie mit ihren Freunden gedanklich schon einen Schritt weiter war. Pauls Eltern begrüßten die Wende und das augenscheinliche Ende der DDR mit hochgehaltenen Gläsern und sahen schon goldene Zeiten auf sich zukommen. Die Großeltern und Nachbar dagegen blieben skeptisch. Zu viel war geschehen die letzten Monate. Zu hart war die Polizei der DDR gegen seine eigenen Bürger vorgegangen. Und wer konnte schon wissen welchen Plan die Genossen aus Russland für Deutschland vorgesehen hatten? Glasnost hin, Perestroika her. Woher sollten einfache Leute wie die hier versammelten wissen, wie stark Michail Gorbatschow wirklich im eigenen Staatsapparat war? Und würden die sowjetischen Truppen tatsächlich in den Kasernen bleiben? Da konnte ein Sekretär für Informationswesen namens Günter Schabowski noch so viel von einer neuen Regelung für Reisen in das westliche Ausland erzählen. Konnte und durfte Schabowski das überhaupt entscheiden? „Da könnt ihr euch noch so viel freuen und Bier trinken. Abgerechnet wird immer erst am Ende“, dozierte der Großvater. Doch. Pauls Eltern hörten gar nicht zu. Es gab nur noch immer mehr Schnaps und Bier, gepaart mit der lautgefeierten Hoffnung, den Sozialismus endlich hinter sich zu lassen und Teil der BRD zu werden. Teil der sozialen Marktwirtschaft. Endlich würde es in der DDR auch vorangehen. Die Großeltern sollten sich darüber freuen, so etwas noch erleben zu dürfen. Der kleine Paul würde eine spannende, ja, eine fantastische Zukunft vor sich haben. Er müsse nicht mehr Teil des Staatsapparats werden um etwas zu werden; Paul könnte nach dieser Nacht schlichtweg ALLES werden.

Dabei begriff der kleine Paul auch heute nichts von den weltverändernden Ereignissen, die sich direkt vor ihm abspielten. Ebenso wie er die Worte Genschers in Prag nicht deuten konnte, genauso wie er die Diskussionen um die Anfang September begonnen Montagsdemonstrationen im Familienhaus und in der Nachbarschaft nicht entschlüsseln konnte, verstand er auch heute nicht was da im Fernsehgerät gezeigt wurde. Paul sah mit seinem kindlichen Verstand nur ein paar merkwürdige Leute auf einer Mauer an einem merkwürdigen Tor herumzutanzen. Auf dem Tor war ein schöner Reiterwagen. Paul wunderte sich noch, warum keiner der Erwachsenen der toller Reitwagen auffiel. Ansonsten wurde viel gelacht im Fernseher. Dann interviewten für Paul unsichtbare Reporter, von denen er nur das Mikrofon sehen konnte, eine Vielzahl von Menschen. Einige von den Interviewten waren total erschlagen vor Euphorie, während andere angaben, dass dies nur das logische Ende der letzten Wochen und Monate war. Irgendwie war das Ganze wie Silvester für Paul. Mit diesen scheinbar unendlichen Menschenströmen im Fernseher und dem Alkohol zuhause. Alles schien ein großer Geburtstag oder gleich ein Staatliches Volksfest zu sein. Dazu zeigten die Kameras immer wieder die Bilder von Trabanten und einem Schlagbaum. Viel gefahren wurde also auch. Wo und wohin blieb für Paul auch nach mehrmaligen Erklärungen des Vaters unklar. Um den Vater aber nicht zu verärgern, nickte Paul einfach dem freudigen Papa zu.

„So oder so“, erklärte der Nachbar Schmid mit hochrotem Alkoholkopf, „muss man jetzt mal schauen wie es da drüben so ist. Es gibt doch auch sicherlich noch Begrüßungsgeld.“

„Begrüßungsgeld! Stimmt!“ Pauls Familie lachte. Wenn sich jemand ein wenig Luxus verdient hatte, dann die Bürger der DDR. Dieses Begrüßungsgeld wurde schon den 70ger Jahren Bürgern der DDR gezahlt, wenn sie es schafften in den Schwesterstaat BRD rüber zu machen. Der alte Lohmeyer hatte davon einmal erzählt. Weil der Freund von seinem Schwager hatte vor ein paar Jahren… Und letztes Jahr sollte es sogar erhöht worden sein. Auf 120 Mark! Auch wenn diese Information sich am nächsten Tag teilweise als falsch herausstellen sollte (das Begrüßungsgeld erhöhte sich nur auf 100 D-Mark), waren Pauls Eltern festentschlossen gleich morgens in die BRD zu fahren und sich das Geld abzuholen. Und sich die BRD einmal anzusehen. Es musste am nächsten Tag sein. Denn der nächste Tag war ein Freitag. Das musste unbedingt noch vor dem Wochenende erledigt werden. An Arbeiten war ohnehin nicht zu denken.

„Aber es sind 4 Stunden Fahrt von hier!“ wand der Großvater ein, worauf Pauls Vater nur mit glasigen Blick antwortete: „Und wenn es 40 wären! Jetzt dürfen wir endlich rüber!“

So stieg ein paar Stunden später die ganze Familie in das alten „Wartburg“-Auto des Großvaters. Zwar hatte Pauls Vater vor Jahren selbst einen Trabanten beantragt, doch selbst wenn dieser bewilligt worden wäre, hätte er kaum das Geld aufbringen können, um ihn zu bezahlen. Doch ab heute war alles anders. Wartezeiten sollten der Geschichte angehören. Die Bürger der DDR hatten lange genug gewartet.

Stereotyp – 1 – Techno ist etwas für Idioten

Am „Jahrestag der Gründung der vereinigten Staaten von Europa“, befand sich Paul Fleming in einem Technoclub. Ausgerechnet Techno. Paul hatte diesen Techno-Raver-Unsinn schon immer gehasst.  Diese furchtbare elektronische Nicht-Musik, die von allen, die sie „abfeiern“, auch nur mit bewusstseinsvermindernden Drogen ertragen werden kann. Wenn man sich den unmündigen Bürger einmal zugute führen wollte, musste man nur in einen Techno-Club gehen und sich die Gesichter dieser Wohlstandskrüppel zu Gemüte führen. Mit ihren panisch starrenden, schlicht wahnsinnigen Augen. Den sinnlos mahlenden Kiefern. Und ihrer verschwitzten, pickeligen Haut. Manche Menschen trugen ihren Charakter tatsächlich im Gesicht.  Von dem Unsinn, den diese Unmenschen von sich gaben, einmal ganz zu schweigen. Denn wenn sie nicht wie selbstverliebt geile Roboter stakkatohaft tanzten, erbrachen sich die „Raver“ aufeinander mit ihrer ekelhaft feuchten, brülllauten Aussprache. Ganze Sturzbäche von geistiger Galle spien sie sich ständig gegenseitig in ihre Gesichter. Ohne Luft zu holen. Ohne nachzudenken. Doch wohin hätte Paul in so einer Situation in Berlin auch sonst gehen sollen?

„Bumsvoll“ war der Laden. Diesen Ausdruck hatte einer dieser Techno-Schreiaffen vorhin Paul gegenüber gebraucht, was der nur fade lächelnd abgenickt hatte. Diese verdammten Feiertage. Es war so schon schlimm in diesen „Läden“, wie die Techno-Affen ihre Clubs nannten, an den Feiertagen war es nur noch umso schlimmer. Paul konnte vor lauter Touristen kaum die Hand vor den Augen sehen. Dann hatte der dumme Techno-Schreiaffe noch zwei, drei weitere Male auf die Bumsvolligkeit des Ladens hingewiesen. Er schrie Paul weiter an, was für eine furchtbare Situation das sei in den Berliner Technoclubs.  Vor lauter Bumsvolligkeit traf man kaum mehr normale Menschen, also ECHTE Berliner in den angesagten, also guten Läden. Da müssten Typen wie er und Paul doch ein kleinwenig zusammenhalten, lachte und spuckte der Typ weiter. Paul. Nickte dem schwitzenden, stierenden Kerl einfach nur zu. Denn ganz egal wie furchtbar sich dieser Techno-Raver-Unsinn für ihn anfühlte: Draußen, im Vorher seines Lebens war es noch viel furchtbarer gewesen. Was konnte es da schaden mit einem ihm wildfremden Kerl via Jägermeister Bruderschaft zu trinken? Der Jägermeister riss Paul die Augen auf. Der Fremde lachte ihn brüderlich an. Klapste ihm auf die Schulter und frohlockte lachend: „Geht doch!“

Der Laden in dem sie sich befanden und in welchem sich die Menschen wie Kälber in einer Schlachtanlage drängten, hieß „Wilde Barbara“. Die „Wilde Barbara“ entsprach der dritten Generation von Techno-Clubs.  Nach den verbotenen illegalen Raves und nach den danach legal angemieteten Industriehallen, waren ganze, ehemalige Wohnhäuser das neueste Dinge in Berlin. Es gab nicht mehr den Hauptfloor mit dem Main-DJ. Im Jahre 2015 war auf jedem Stockwerk, in jedem Raum Party angesagt. Überall wurde gefeiert und so etwas Ähnliches wie getanzt. Alles war durchzogen mit dieser Mega-Underground-Berlin-Attitüde, die sich durch abgeklebte Handykameras und verrücktes Level-Design der einzelnen Locations wiederspiegelte. Jeder Raum musste als Event ein wenig aus dem Rahmen gefallen erscheinen, ohne allzu sehr zu irritieren. Da stand dann also ein alte Leute-Sofa und -Tisch neben einer Art Kachelofen in einem Folterkeller, dafür hingen die Klischee-Gittern und -Ketten an den Wänden. Dazu lief monotoner Minimal-Sound oder angesagter House von einem jedem Anwesenden unbekannten DJ, der gerade durch seine Unbekanntheit in diesem Räumen den Spirit eines Weltklasse-DJs anhaftete, ganz gemäß dem Berliner Motto: Hauptsache Underground – nur nicht zu berühmt sein. Die Besucher, die im gefühlten Alter von 18 bis 88 waren, saßen auf dem Sofa, dem Tisch und auf dem Kachelofen herum, schrien sich gegenseitig an, lachten ein Lachen, dass wegen der Druck aus den Boxen nirgendwo ankam und zeigten sich gegenseitig auf ihren Smartphones Bilder von Ecstasy, welches sie gerade im Begriff waren zu kaufen oder vor einer Stunde, fünf Tagen oder zwei Jahren gekauft hatten. Was diese Techno-Haus-Clubs nun von Großraumdiskos mit mehreren Floors und Sangria unterschied, konnte Paul beim besten Willen nicht erkennen. Er war aber weiß Gott auch nicht die Zielgruppe dieses Drogenlochs, in der nun schon zum zweiten Mal ein Rudel von halbnackten Feuerschluckern durch die Gänge zog und warme Luft verbreitete. Paul sollte es recht. Dies. War genau das, was er jetzt brauchte. Hier war jeder so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ihn sicherlich keiner wiedererkennen würde. Ob er Ketamin wolle? Er mit ihm, da drüber auf der Toilette? Sein neuer „Freund“ geiferte ihn an. „Nein danke.“ Dass waren die ersten Worte, die Paul Fleming in diesem Laden von sich gab, und doch fasten sie alles was er sah treffend zusammen. Sein Schreiaffen-Freund stand auf und verschwand „auf Toilette“. Währenddessen schwang sich ein etwa 20 Jähriger Kerl mit Hippster-Bart und roten Haaren voller Bartwichse auf die oberste Stufe des Kachelofens, zog sein Shirt aus und brüllte etwas unverständliches in die leicht amüsierte Menge, bevor er fast umgehend vom Ofen abrutschte und Kopfüber auf den Boden knallte. Vermutlich hatte ihm ein Reiseführer-Vlog so ein Verhalten in einem Berliner Technoclub nahegelegt. Hashtag: Echtesberlin. Die Raver dankten es ihm mit hämischen Gelächter. Paul schüttelte nur den Kopf und dachte an die Worte seines Freundes Niti: „Wenn der Erfolg den wenigen Recht gibt, gibt der Misserfolg den vielen Unrecht.“