Firmenphilosophie (Guerilla)

„Du bist ja ein Linker“, sagte mein Vater zu mir. Das war damals im Zug gewesen, als wir nach Stuttgart fuhren. Ich war kein Kind mehr, fühlte mich aber in weiten Strecken noch so – ich mit 15 fühlte sich damals viel kindlicher an, als heutige 15 Jährige auf mich wirken, ich war wohl das, was man einen geistigen Spätzünder nennt, am liebsten hätte ich wohl mein Leben lang nur mit Action-Figuren gespielt – und natürlich war ich schon oft mit dem Zug gefahren. Dennoch hatte ich vorher die Frage gestellt: „Wer fährt eigentlich schon in der ersten Klasse?“

Vater: „Leute die das Geld dazu haben. Und natürlich Firmenreisende. Die bekommen das von ihrem Unternehmen bezahlt.“

Ich: „Mhm. Ich dachte die bekommen Mietwagen oder so.“

„Das natürlich auch. Die Firma kann in gewissen Fällen sehr viel für einen guten Arbeiter springen lassen. Oft werden solche Kunden dann sogar von Fluggesellschaften oder so bevorzugt, weil sie wissen, dass es dort mehr Geld zu holen gibt als bei Otto-Normalverbraucher.“
Ich: „Verstehe ich nicht.“

„Was gibt es denn daran nicht zu verstehen?“

„Tja. Ich meine. Kunden sind doch wohl Beide. Der normale Otto und der, der auf Firmenkosten reist. Warum werden dann die Firmentypen bevorzugt? Ist Ottos Wert und Geld denn weniger wert?“
„Da geht es nur um das Geld. Firmen haben nun einmal mehr Geld als Privatleute. Deswegen hoffieren sie die.“

„Ja… Aber ohne das Geld was die normalen Ottos in die Firmen stecken, also wenn die was kaufen oder irgendwas in Auftrag geben, haben diese Firmen doch gar kein Geld. Am Anfang steht doch immer der kleine Mann. Wieso wird der dann nachteilig behandelt?“

„Na weil der nicht so viel zahlen kann wie eine große Firma. Deswegen hat man zum Beispiel vor Bosch und Siemens mehr Respekt als vor einem Herr Schmidt.“
„Aber ohne den Herren Schmidt der die Produkte von Bosch kauft, gibt es Bosch doch gar nicht! Wieso haben die dann weniger Respekt vor dem Herr Schmidt? Mit dem fängt doch alles an und hört alles auf! Menschen gibt es schließlich auch ohne Firmen, aber die Firmen nicht ohne die Menschen.“

„Oh je… Mein Sohn ist ein Linker.“

„Bin ich das?“

War ich das?

Das mit DEM Linken habe ich damals nicht verstanden. Dafür war ich zu jung. Und auch Jahre später zerbrach ich mir den Kopf darüber, ob mein Vater, wenn er eben kein Linker ist, ein Rechter sei; Nazis sind jetzt ja auch nicht gerade dafür bekannt große Kapitalisten zu sein… Nein. Ja. Ich bin im Prinzip genau das, was mein Vater auch schon damals war, ein konservativer Mensch, nur bedeutet „konservativ“ für mich nicht gegen der Fortschritt und intolerant zu sein, sondern sich an gewissen Werten zu orientieren. Ganz vorne dabei: Der Humanismus. Was kann den falsch daran sein, Humanist zu sein?

Auch heute empfinde ich es noch als sehr unfair, wenn Firmenangehörige mir irgendwo vorgezogen werden. Business vor Economy-Class. Wieso ist das so?

Das Kapital ist schuld. Natürlich.

Es ist nicht humanistisch und orientiert sich an keinen gesellschaftlichen, sondern an Markt-Werten. Um das Kapital zu erwirtschaften verfolgt jedes Unternehmen eine eigene, wenn auch oft zu anderen Unternehmen identische, Firmenphilosophie – ich finde alleine schon das Wort geil, da sich darin ausdrückt, dass das mit den einzelnen Menschen die dort arbeiten, oft nichts zu tun hat. Es ist die Philosophie der Firma. Aha. Kann denn eine Kapitalistische Wertegemeinschaft philosophisch sein? Und wenn ja, darf solch eine Firmenphilosophie über dem Humanismus stehen? Denn diese „Vision“ einer Firma die in ihrer Philosophie zum Tragen kommt, orientiert sich am Kapital, nicht am Menschen, denn das zu erwirtschaftende Kapital ist der Grund für den Erhalt dieser Wertegemeinschaft und fordert es heraus, andere Leute, die nicht Teil dieses Unternehmens sind, wenn nicht gleich zu schaden, so doch zu benachteiligen um den Umsatz oder gleich den Gewinn eines Unternehmens im Gegensatz zur Konkurrenz zu vergrößern. Eh klar…

Ich finde nur, dass keine Wertegemeinschaft über einer anderen stehen sollte. Sei es eine Firma, eine Religion oder auch nur ein Fußballverein. Es sollte nichts per se BESSERES geben, auch wenn die Meinungen darüber was zu bevorzugen ist, natürlich unterschiedlich ausfallen und Jedem selbst überlassen sind.

Man kann doch nicht die „Identität“ einer Firma, Religion oder eines Staates (wie die Philosophie hier auch genannt wird) über die reale Identität von Menschen stellen. Und doch ist es so: Firmen sind mehr wert als Menschen. Sie gehen über Leichen, für den Profit.

Ja. Für mich ist ein Kunde ein Kunde. Und ein Bürger ein Bürger. Jeder ist gleich. Niemand ist gleicher. Selbstverständlich hat jeder andere Talente und/oder Vorfahren und je nachdem andere finanzielle Möglichkeiten; das ist in Ordnung. Nur für mein Befinden sollten Geschäftsreisende und – kunden keine Privilegien genießen.

Das mag daran liegen, dass ich ein Kinder der 80ger bin, wo die Menschen noch brav und in Reihe in der Post an Schaltern anstanden und einfach warten mussten, bis sie an der Reihe waren. Das war doch ein gutes System. Nervig, doch demokratisch.

Alleine schon die Macht sich über das System des Schlagestehens hinwegzusetzen zu können, zeigt eine Schieflage der Gesellschaft an sich an: „Ich kann etwas, was du nicht kannst. Ich bin besser als du.“

Bist du das?

Wie war das noch einmal mit der verfassungsrechtlich garantierten Würde? Kann man diese Würde erwirtschaften? Wirklich?

So in etwa war meine Grundhaltung, als ich die Guerilla-Schneiderin kennenlernte.