Die Abwesenheit von Licht

Außerordentliche Dinge ausprobieren zu können, ist ein Privileg. Dabei muss man gar nicht auf den Mond reisen, mit 1000 Frauen schlafen oder von mir aus mit einem Sumo-Meister ringen können. Das Außergewöhnliche entsteht da und dort, wo man normalerweise nicht ist.

Als „Pokemon Go“ erschien, nahm ich mir die nächsten drei Wochen frei. In meinem Beruf geht das. Es gibt noch Jobs, bei denen sich Leute herumdrücken können und nicht jeder Arbeitnehmer wie ein gehetztes Tier durch eine Koppel aus Stein und Glas gehetzt wird. Freundin habe ich keine. Weshalb also nicht einmal etwas „besonderes“ ausprobieren. Nach Thailand fahren kann ja jeder.

Ich wohne in einem Dorf, das fast nur aus der dort angesiedelten christlichen Behinderteneinrichtung besteht (die immerhin fast 1000 vom Leben Benachteiligter Unterkunft gibt). Dort gibt es noch vereinzelte Geschäfte, solche Verschläge, die es schon immer gab, in einem Dorf, in dem gerade einmal ein 25 Quadratmeter großer Lebensmittelladen vorhanden ist (ein kleiner Edeka), nur kaum Sinn ergeben, Geschäfte wie „Schmidts Schusterei“, „Klaras Brautmoden“ und „Donderers Tischlerei“. Noch nie habe ich Leute in diese Geschäfte ein- und ausgehen sehen. Dennoch „florieren sie“, wenn man sich nach ihnen erkundigt.

In diesem Dorf gibt es überraschend viele Pokemons. Nicht nur Land-Pokemons, einfach viele. Und als dieses inzwischen Weltbekannte Spiel herauskam, war es mir am Anfang außerordentlich peinlich mit Anfang 30 an der Straßenecke neben einer behinderten Lehrgruppe zu stehen und virtuelle Viecher zu fangen, obwohl die geistige Behinderten oder die bezahlten Vertreter der Behindertenindustrie sicherlich schon einmal verrückteres gesehen haben.

Wie man es sich vorstellen kann ist an einem Ort wie diesem, einem gigantischen Reha- und Versorgungszentrum mit zigtausenden Quadratmeter voll Grünanlagen nachts überhaupt nichts los. Ein Eldorado für Vergewaltiger, wenn es hier irgendjemand gebe, den man vergewaltigen könnte. Früher zog ich immer einen Vergleich mit der Motorcity in Wolfsburg. Oder die „Warsteiner-World“, in Warstein. Gigantische Industrie- und Lebenskomplexe, in denen in der Nacht nicht nur tote Hose ist, sondern Hosen vor Langeweile gleich mit sterben würden. Jetzt, nach drei Wochen, würde ich diesen Vergleich nicht mehr ziehen.

 

Also nahm ich mir drei Wochen frei, ging schwer einkaufen und legte meinen Lebensrhythmus so, dass ich erst um 6 Uhr abends aufstand und erst in der Früh ins Bett ging. Denn das Außergewöhnliche für mich war nicht nur in friedlicher Ruhe Pokemons zu sammeln, nein, es ging mir darum ein paar Wochen gar keine Menschen mehr sehen zu müssen. Nicht Frau Bosch von gegenüber, die mir immer wieder gerne eine Gurke aus ihrem Garten schenkt. Keine Arbeitskollegen, keine Postboten, keine Freunde und erst Recht nicht meine Ex-Freundin.

Niemand.

 

Können sie sich vorstellen 3 Wochen lang wirklich GAR niemanden zu treffen?

 

Und plötzlich fühlt man sich doch wie auf dem Mond.

 

Die Nacht ist ja nicht leer, nur weil die Vielzahl der Personen, die unser Leben bestimmen, am  Schlafen ist. Zwar gibt es hier keine nächtlichen Putzabteilungen oder Überwachungsdienste (wozu auch? In Baden-Württemberg geht alles seinen strukturierten Gang und man kann auch am Tag saubermachen; Ordnung und sie zu schaffen ist hier nicht peinlich), es sind die Tiere, die die Herrschaft in der Nacht übernehmen. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie sehr das Tierreich die Welt der Menschen immer noch bevölkert, einfach nur weil  keiner hinsieht. Schon oft musste ich, dumm, starr, unaufmerksam für die echte Welt, im letzten Moment von meiner Pokemon-Jagd zur Seite springen, um nicht einen echten Igel oder Frosch zu zertreten. Unter den Augen von verschiedenen Katzen und Katern, die wie Könige mittig und faul auf der Straßen liegen und mich träge beobachteten.

 

„Pokemon Go“ wurde nach ein paar Nächten langweilig. Dennoch machte ich weiter. Weiterhin ging ich nach draußen. Es war die Menschenleere die mich anzog. Es ist leicht sich in der Wohnung einzusperren und die Welt nicht hineinzulassen. Wohl aber durch die Welt zulaufen und kaum jemanden zu treffen (ein Auto- oder Fahrradfahrer, ein Betrunkener, oder Beides), keinem Mensch-Tier in die Augen sehen zu müssen, das hatte schon etwas…

Auf der einen Seite wurde mir Mitte der zweiten Woche ein wenig mulmig. Es macht mich aber auch süchtig. Diese Stille. Diese Freiheit. Diese Einsamkeit. Ich fühlte mich wie ein Forscher auf der dunklen Seite des Mondes, während der Rest der Menschen auf der hellen Seite herum krakelt und sich für die Meister des Universums hält, ignorant dafür, was es sonst noch zu erforschen und zu fürchten gibt. Ich fühlte mich wie in einer Parallelwelt, die ich „Freiheit“ nannte. „Ich mache drei Wochen Urlaub in Freiheit“, sagte ich mir. Und ich erschrak dabei ein wenig vor dem Klang meiner eigenen Stimme.

 

Paradoxerweise verflog meine Angst vor der Dunkelheit nicht vollständig. Zwar wurde es besser, nur hin und wieder hatte ich das Gefühl, verfolgt oder beobachtet zu werden. Ich erklärte mir das so, dass mein Verstand etwas kompensieren wollte. Da ich nun einmal NICHT mehr ständig von Leuten umgeben war, suchte mein Verstand einen Ausgleich und BILDETE sich ein, dass da jemand sei. Lange ignorierte ich den Impuls darauf auch körperlich zu reagieren, dann drehte ich mich doch um, schlagartig, und suchte mit meinen Menschenaugen die Dunkelheit ab. Aber da war nichts. Nur dann, wenn ich in die Dunkelheit hinein starrte… Ich weiß nicht… Es erklärt sich wohl am Leichtesten mit Nietzsches Parabel von dem Abgrund,  der, wenn ein Mensch lange genug hinunter starrt, in den Menschen zurückstarrt.

Mit der Dunkelheit ist es genauso.

Nur kann man vor einem Abgrund davon laufen. Die Dunkelheit verfolgt dich. Es ist sogar egal ob du dich in ein Haus rettest, eine Sparkassen-Filiale z.B. oder in dein eigenen Wohnort, wo dir jeder Winkel bekannt und von dir eingerichtet und damit ausgeleuchtet wurde: Die Dunkelheit ist immer da. Sie geht nicht weg, selbst wenn du das Licht anknipst. Die Dunkelheit. Die Finsternis. Ist wie ein Nebel, der nur kurz nicht zu sehen ist, doch nie verschwindet.

 

An meinem letzten Abend, einem Samstag, zwang ich mich – es war eine Mutprobe – hinaus auf das Feld zugehen. Es gibt zwar eine Straße, zwei Kilometer entfernt, die die beiden Nachbardörfer verbindet, ich aber wollte den Feldweg nehmen, der auf verschlungenen Pfaden die gleiche Richtung einschlägt, jedoch auch in verschiedene Himmelsrichtungen auswuchert, am über zwei Meter hohen Mais vorbei. Vor bis zur Mitte, wo der hölzerne Jesus steht, vor dem ich schon als Kind Angst hatte. Dieser blutende Mann aus Holz machte mir schon immer Angst. Der Schmutz der Witterung machte seine Gesichtszüge nur noch realer. Und der Erlöser hatte von seinem Schrecken nichts eingebüßt. Dem war ich mir sicher. So ging ich also, nachdem ich den Ort drei Wochen lang extra wegen ihm gemieden hatte, absichtlich nach draußen. Ich wollte keine Angst mehr vor der Dunkelheit haben. Und als ich dann schließlich dort war, war es ein wenig freaky, es war aber auch nicht schlimm. Dort oben das Mondlicht. Die Sterne. Hier unten das Symbol des aufgehängten Toten, der nicht wirklich tot ist. Der wieder kommt…  Und ein paar Kilometer entfernt die Lichter der Dörfer. Links und rechts von mir. Dazwischen viel Nichts.

Ich wendete mich wieder um und wollte zurückgehen, hörte aber von irgendwoher vom Feld, Leute lachen. Sicherlich waren es irgendwelche Jugendliche, die in einem Bauwagen, an einem kleinen See oder sonst wo unter freien Himmel, am Feiern waren. Als ich jung, im selben Alter war hatten wir das auch getan. Und Mann, das war gar keine schlechte Zeit gewesen. Ich entschloss, zur Feier der Nacht. Da einfach einmal vorbei zu gehen. Ich hatte es überstanden. Warum nicht einen Rum-Cola aus einem schlecht gespülten Plastikbecher trinken. Vielleicht hatten die auch einen Joint. Irgendwie würde man sich schon einig werden. Ich sehnte mich plötzlich nach menschlicher Gesellschaft. Sogar nach der von der zurückgebliebenen Landjugend.

Also wieder los. An hohen Mais-Quadern vorbei, immer den Geräuschen nach. Weiter. Vorwärts ins Nichts. Das Holz-Jesus-Erlebnis steckte halb bewusst, halb unterbewusst in meinen Knochen, und meine Nerven waren doch mehr angespannt, als ich es mir eingestehen wollte. Das Gefühl nahm zu.

Überall schien es plötzlich zu Rascheln, zu Fiepsen, der Mais zu knacken. Horrorfilme aus meiner Kindheit kamen mir in den Sinn. „Kinder des Korns“, so ein Stephen Kind Mais-Horror-Sekten-Film. Oder „Kinder des Zorns“? Auf alle Fälle war der Mais mit Blut befleckt und die Kinder hatten mit stumpfen Sicheln jeden über dreißig…. An „Signs“ musste ich denken. Und das ich Angst hätte, einfach so in die Reihen der Maisstauden zu treten. Der Mais kam mir vor wie ein Labyrinth der  Angst. Nicht das ich mich dort verlaufen oder verloren gehen könnte. Nein. In meiner lebhaften Fantasie würde ich dort vor lauter Enge und Leere ersticken.

Endlich war der Mais hinter mir. Ich traute mich nicht ihm nachzusehen. Mais kann wie Abgründe und Finsternis sein… Glauben sie es mir.

Ich ging an dunklen, leeren Felder-Parzellen vorbei, hinüber zu einem Gebüsch und ich wurde mir langsam unsicher, ob ich überhaupt in die richtige Richtung laufe. Sicherlich schallt die Party über das ganze Tal hinweg, in dem ich mich befand. Hallte umher. Aber. So falsch konnte ich nun auch nicht liegen. Und. Umkehren durch den Mais war keine Option. Nicht wenn es nicht sein müsste. Also weiter. Immer weiter, weiter durch die Dunkelheit, sich selbst dazu zwingend, nicht über Tiere und Tollwut nachzudenken; Tollwut ist in Mitteleuropa schon seit Jahrzehnte ausgestorben, ist aber auch eine verrückte Krankheit, quasi DIE Geisteskrankheit an sich, die spät oder lange nach einem Biss ausbrechen kann, unweigerlich zum Tode führt und Menschen absolut verrückt aber auch extrem ruhig macht, verbunden mit dem Drang andere Menschen zu BEIßEN! Um sie mit der Krankheit anzustehen! Wahrscheinlich kommen daher die Horrorgeschichte über ZOMBIES! Lebende Totgeweihte, die andere Menschen beißen. Und wer weiß woher die Behinderungen in meinem Heimatdorf denn in Wahrheit kommen! Und wenn ein entlaufender Beißer von dort, hier und jetzt… usw. usf.; es klappte also nur bedingt mit dem Ignorieren von zu viel Gedanken.

Ich lief  und lief. Hinaus in die Nacht. In die Dunkelheit. Nachdem ich wochenlang keinen wirklichen Menschen gesehen, geschweige denn GESPROCHEN hätte, um (Ironie, Ironie) jetzt auf eine Party zu gehen, die ich – was total abstrus war – ums Verrecken nicht finden konnte. Nein. Ja. Ich stand mitten auf einem Feld und hier war nur ein großes Baum. Eine Kastanie. Der einzige Baum den ich erkenne. Riesig groß und gigantisch im Mondlicht. Wie Kino-Regisseure den Baum des Lebens zeigen würden. Und noch immer die Stimmen und das Gelächter der Party. Aber hier war nichts.

Noch ein paar Schritte. Nur um den Baum herum. Und auf der anderen Seite des Baumes. Da fand ich etwas. Keinen Baumwagen. Keinen See und auch keine Leute. Da stand einfach, einfach so am Boden im feuchten Gras, ein silberner alter Kassettenrekorder aus den 80ger Jahren, einfach so im Gras, aus dem – voll aufgedreht – die Partygeräusche herauskamen. Eine Aufzeichnung, von viel Zugeproste, Lachen. Und Tara. Panik schnellte in mir hoch, noch höher als ich es mir jemals, Maisfeld hin, Tollwut her, hätte vorstellen können.

Der Kassettenrekorder war SO laut und die Party klang so echt und… Um mich herum… Wie echt, alles…  Als würde ich schon längst vor einer Bar stehen… So klar und real… Und ich dachte mir: „Ausschalten. Einfach nur ausschalten! Wer weiß wer dieses Dinge hier hin und wozu….“ Und dann machte es ZACK! Wie es bei alten Kassettenrekordern der Fall ist. Der „Play“-Knopf schnellte in die Höhe und es kehrte Grabesstille ein.

 

Als ich mich ängstlich umsah erwartete ich eine Horde von Menschen, Hunderte von ihnen hinter mir zu sehen, die grinsend auf mich zeigten: Und mich dann auslachten.