Absolution 43 – Die junge Christiane Paul

Katha lachte Paul an. Und die Welt lachte mit ihr.

Schon seit jeher hatte Kathas Äußeres Paul an die Schauspielerin „Christiane Paul“ erinnert. „Die junge Paul“, selbstverständlich nicht die alte. So ticken die Hormone. „Die junge Paul“ hatte es Paul seit jener Nacht angetan. Er hatte sie zufällig im Fernsehen gesehen, in jenen Tagen, als das Fernsehen für Pauls Generation noch existierte. Wie lange mochte das her sein? Fünf Jahre. Sechs Jahre. Eine Ewigkeit. Paul war ein noch junger Kerl gewesen, der es nicht nötig hatte sich vor dem Rechner in Träumen zu verlieren. Bestimmt würde der junge Paul, den alten verabscheuen, wenn er sein Schicksal antizipieren könnte.  

„Im Juli“ hieß der Spielfilm von Fathi Akin, in dem „die junge Paul“ und Moritz Bleibtreu einen Roadtrip nach Istanbul bewältigten, um nicht weniger als die Liebe zu finden. Der reale Paul hatte Katha gerade vor ein paar Stunden kennen gelernt gehabt und genau in dieser Nacht, in welcher dieser Film lief, kam er nachhause, was zu dieser Zeit noch das Haus seines Vaters war, und sah mit druffer, verliebt verschobener Optik „die junge knackige Paul“ aus dem Empfangsgerät lächeln. Nein. Strahlen. „Die junge Paul“ strahlte ihn aus dem Fernseher an – und Pauls Herz ging auf. Die Ähnlichkeit zu Katha schien ihm verblüffend, obwohl „die junge Paul“ in dem Film afrikanisch geflochtene Haar trug und ihre eindrucksvollen Titten doch ein wenig zu groß und saftig waren, um mit denen von Katha zu vergleichen gewesen wären. Tatsächlich war es der Körper der jungen Frau gewesen, welcher ihn nicht weiter durch das Programm zappen ließ. Gefangen nahm ihn letztendlich doch nur ihr Lächeln. Ihre Aura. Ihre einnehmende Ausstrahlung, die es Paul schon damals erschwerte, zwischen der echten Katha und der Schauspielerin zu unterscheiden. In diesem Moment, auf dem Sofa seines Vaters, wurde die Figur auf dem Bildschirm eins mit dem Mädchen, dass er gerade zum ersten Mal getroffen hatte. Fast automatisch spürte Paul eine ungeheure Verliebtheit in sich, die weit über die Banalität des Sexes hinausging. Ob das die Drogen waren? Oder ein Fingerzeig einer höheren Instanz? Nun. Das spielte jetzt keine Rolle. Ebenso, wie es in Zukunft keine Rolle spielen würde. „Die junge Paul“ im Film lächelte weiter. Sie wuchs im Film vor Pauls Augen zu einer Über-Frau heran. Nicht weil sie eine „Sex-Bombe“ war. Es war ihr offenes Schauspiel ohne Visier, dieser Blick, der gleichzeitig Mut und Verletzlichkeit ausstrahlte. Sie wirkte kokett devot, obwohl sie doch in jeder Situation die Zügel über den weiteren Filmverlauf in der Hand hielt… Sie war mehr Frau, als jegliche kalte Hollywood-Schauspielerin, die Paul jemals in der Flimmerkiste gesehen hatte. Sie war so, wie sich Paul eine komplette Frau vorstellte. Eine komplette Persönlichkeit, nicht nur ein lächerlich überzeichnetes Idealbild einer Frau. Sie war ein junges Mädchen und eine erwachsene Frau in einer Erscheinung. Und. Sie war auch Katha… Und Katha war „die Paul“.  

Der Name des Regisseurs war „Faith“ was so viel bedeutete wie Schicksal. Der Name des Hauptdarstellers „Bleibtreu“… Wie konnte der Film kein Zeichen sein? Selbst als Paul einige Monate später feststellen musste, dass der Name des Regisseurs keineswegs „Faith“ sondern „Fathi“ lautete. Nur spielte dieser Umstand schon lange keine Rolle mehr… Nun schon gar nicht mehr. Seine „junge Paul“ lag verschmitzt lächelnd in seinen Armen. Und Paul war am Ende seiner Reise angekommen. Hier dürfte Pauls Film nun enden. Katha und Paul lächeln sich verliebt an, während die Kamera Abschied nimmt. Abblende.

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Absolution 33 – Eine Welt ohne Schauspieler

Eine dreiviertel Stunde, eine Flasche „Fritz Kola“ und 0,6 Gramm eher mäßiges Pep später, befindet sich Paul wieder im Körper Banyardis. Was die letzte Zeit mit einer starken psychischen Anstrengung verbunden war, gelang ihm nun, ohne dass er es forcieren musste. Er musste es nicht einmal wollen. Der Übergang vollzog sich ähnlich des Einschlafens, denn wie zu Beginne eines Traumes konnte sich Paul nicht an den Moment des Wechsels in einen anderen Bewusstseinszustand erinnern. Es war wie durch eine offene Tür ins Paradies zu treten, nach dem er sich nach dem ganzen Wirrwarr mit Katha außerordentlich sehnte. Plötzlich war die „andere Welt“, wie Paul sie unterbewusst schon bezeichnete, jene geworden, in der er sich sicherer und behüteter fühlte, als in seinem tatsächlichen Leben. Die Fronten waren ebenso geklärt, wie die Ziele. Warum konnte es im normalen Leben nicht genauso sein? Warum konnte er nicht einfach Kathas Held sein? Und warum wusste er nicht einmal für sich, ob er das überhaupt wollte?

Kaum war er in Banyardis muskulösem, wildem Körper angekommen, fühlte er sich endlich bei sich selbst angekommen. Die Verwandlung „in“ Banyardi war wie ein Upgrade zum Superhelden. Banyardi kennt keine Zweifel. Keine Furcht. Banyardi ist ein Fels. Ein Mann wie ein Nietzsche Zitat, dessen „Formel meines Glücks“ lautete: „Ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel.“

Banyardi würde sich die Frauen so nehmen wie er wollte. Er würde sich auch niemals lächerlich machen. Niemals wanken. Niemals zweifeln. Banyardi stand über der Meinung der anderen. Seine Welt war einfach und deswegen voller Hoffnung.

 

Die Welt der Ma-Fag liegt schon in der Dämmerung. Der Krieger ist auf dem Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock. Erschüttert über dieser Erkenntnis öffnet er dumpf seinen Mund und bleibt stehen, denn: Noch nie wusste Paul, was Banyardi vorhatte und woher er kam. Bisher war Paul immer einfach nur in die Welt der Ma-Fag eingetaucht, ohne auch nur im mindesten zu wissen, was sein Auftrag ist. Er war einfach nur immer dagewesen. Mitten im Geschehen. Jetzt ist sich Paul bewusst, indessen Banyardi seinen Weg fortsetzt, dass er auf den Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock ist, die von den männlichen Gefangenen separiert worden waren. Und. Banyardi hatte bereits eine weitere Begegnung mit Ylva geführt. Die blonde Frau vom Wasserfall, die den Jungen mit so stolzem Blick Paroli geboten hat. Die Tochter Murdocks.

Wie findet man Vertrauen zu einer Person, die man gefangen hält? Über die man verfügen und richten könnte, wie es einem beliebt? Die Ältesten hatten entschieden: Durch Menschlichkeit – und Schwäche. Menschlichkeit signalisierte der Mann, der vor ihren Augen ihren Beschützer, wenn das Biest nicht sogar ihr Freund war, getötet hatte, in dem er sich auf die gleiche Stufe stellte, wie die Gefangene. Er ermahnte die Wärter der Gefangenen sie gut zu behandeln und sprach davon, dass auch die Ma-Fag eines Tages Geflüchtete sein könnten, sollten die Mi-Cock recht behalten. Würden die Wachen es denn nicht auch wollen, dass ihren Frauen kein Leid zugefügt werden würde? Würden sie selbst denn nicht Obdach bei Fremden finden wollen, würden sie vertrieben werden? Und was wäre wenn es tatsächlich diesen einen großen Feind gäbe, gegen den sie alle zusammenstehen mussten, ganz egal aus welchem Teil der Welt die künftigen Alliierten kommen würden? Das müssten sich die Wachen doch einmal klarmachen!

 

Tatsächlich war das alles nur Show für die Gefangenen, denn noch niemals hatte ein Bübchen wie Banyardi den tapferen Kriegern der Mi-Cock überhaupt irgendetwas zu sagen gehabt. Bei den Mi-Cock gab es eine klare Rangordnung, die an das Alter geknüpft war, nicht an Erfolge. Was für Erfolge außer der Jagd könnte so ein Wald-Volk schon vorweisen könne?  So nickten die Krieger nur müde und sahen erschöpft vor lauter Langeweile in den Urwald. Sollte er doch reden, der Kleine.

Noch viel schlimmer als das Schauspiel der Wachen war der Beginn dieser ganzen Szene, die sich Masiyo ausgedacht hatte. Sie sollte als Türöffner zum Vertrauen der Gefangen benutzt werden. In diesem Szenario stürzte sich Masiyo als Vergewaltiger auf die eingesperrten Weiber, vor welchem Banyardi die Frauen retten sollte. Dadurch würde Banyardi als tapferer Held und Retter der Frauen ihre Gunst erwerben. Jedoch geriet die Aktion genau zu der Farce die eintreten musste, wenn sich zwei Ureinwohner vornehmen, Theater zu spielen, ohne jemals auch nur ein Schauspiel gesehen zu haben, nein, ohne überhaupt zu wissen, was Theater ist. In der Welt der Ma-Fag gibt es zwar gewissen Riten und Feste, die sich jedoch ausschließlich an den Jahres- und Mondzeiten, sowie an den Brunftzeiten der Tiere orientieren. Das Wort „Schauspieler“ gibt es un Dorf nicht. Wozu auch? Die Ma-Fag sind ehrliche Leute, denen es gar nicht in den Sinn kommt dem Gegenüber etwas vorzuspielen. Schließlich kennt im Ma-Fag-Dorf jeder jeden und es ist geradezu lächerlich seinem Nachbarn, der ohnehin alles über einen weiß, eine große Lügengeschichte vorzuspielen. Gerade deshalb empfand Masiyo seine Geschichte auch als so genial: In seiner Welt hatte er etwas erfunden, was es bei den Ma-Fag nicht gab. Das „So tun, als ob“. Schließlich kannten die Mi-Cock die Ma-Fag nicht, wie sollten sie also zwischen Wahrheit und dem Schauspiel unterscheiden können? Eine geniale Idee für einen Dorflehrer, der niemals das Dorf verlassen hatte. Masiyo ist wahrlich ein großer Geist. Ein Visionär, der etwas erdacht hatte, was kein Ma-Fag vorher auch nur denken konnte. Der Plan MUSSTE einfach funktionieren.

 

Das traurige Ende der Geschichte war ein absolut überzogenes, grauenvolles Schauspiel von Masiyo und Banyardi, dessen Lächerlichkeit seines Gleichens suchte. Alles daran improvisiert. Nichts war einstudiert (auf den Gedanken vorher zu üben, wären die beiden Wilden nie im Leben gekommen). So ging schief was schiefgehen konnte. Das Timing stimmte nicht. Der Mut zu Aktion fehlte total. Dass sie sich nicht versprochen und damit gänzlich verraten hatten, war schon alles. Hätten sie wenigstens die Wachen in ihre Idee eingeweiht doch die lagen einfach nur gelangweilt in der Sonne und verzogen keine Miene, als Banyardi theatralisch und mit großen Worten (und wenig Kraftaufwand) den Erektionslosen Masiyo von Ylva riss. Masiyos Gesicht war bei der ganzen Geschichte rot wie eine Tomate ob der Peinlichkeit, Ylva überhaupt so nahe zu kommen. Noch nie hatte der alte Dorflehrer eine andere Frau berührt als seine eigene. Schon gar nicht so eins junges und pralles Weib wie Ylva. So gab der „Vergewaltiger“ nach dem Eingreifen des Heldens auch sofort auf und trollte sich. Nicht in Hast, Furcht oder mit sonstigen großen Gesten: Er ging einfach davon, als hätte er gerade ein Bier von einer Bar geholt. Nach dem Motto: „Meine Aufgabe ist erledigt. Ich geh dann mal nachhause.“  Die ganze Szene war furchtbar unglaubwürdig und Banyardi hatte kurz das Gefühl, das Ylva und die Frauen es sich verkneifen müssten laut los zu lachen, als Masiyo – wenn auch nicht gleich pfeifend – vollkommen gechillt seines Weges ging.

Paul stöhnte im Kopf Banyardis peinlich berührt auf, als ihm diese Farce gewahr wurde. Absolut lächerlich.

Unterhaltungsfilme und Kunstfilme müssten unterschiedlich bewertet werden

Superhelden-Filme sind nicht „auch für Erwachsene“. Das sind Kinderfilme für Erwachsene. Sie haben einen starken Einfluss auf die Infantilisierung der Gesellschaft. Und ja. Ich lese mit 37 auch noch gerne Mangas. Und die sind manchmal kindischer als so ein nordischer Gott oder ein Kapitän Amerika. Der Unterschied ist nur, dass ich diese Bücher (oder Filme) mit einem lachenden Auge lese, während die Marvel- und DC-Trottel immer mit einer so lächerlichen Ernsthaftigkeit daher kommen. Seien wir ehrlich: Die Filme sind totaler Unterhaltungsschmarrn – dagegen ist nichts zu sagen. Ich habe früher auch gerne die Schwarzenegger und Stallone Klamotten angesehen. Die sind ebenso Müll wie Ironman- und X-Men-Abenteuer. Und haben damit ihre Daseinsberechtigung. Aber nehmt den Müll doch nicht so ernst.

Irgendwie und sowieso wäre ich für ein neues Bewertungssystem: Unterhaltungsschrott bekommt seine eigene Bewertungsskala. Und richtige Filme, vom Lars von Trier bis Godard, eine andere. Man kann doch nicht ernsthaft „Fast and furious“ dieselbe Punktzahl geben wie einem Film von Rainer Werner Fassbinder. Das ist grotesk. Ich bewerte doch Van Gogh auch nicht in der gleichen Skala wie Andy Warhol. Das ist verrückt. Mein Vorschlag: Anspruchsvolle in einem Punkte-System von 1 bis 10: Grün. Unterhaltungskram. 1 bis 10: Aber in blau.

So einfach wäre das.

Absolution – 24 – Die Einbrecher

Ganz egal was auch passiert: Das Leben ist kein Film. Paul war wegen diesem unberechenbaren Ereignis nicht „schlagartig nüchtern“. Ganz im Gegenteil. Seine Versuche in diesen besonderen Bereich seiner Traumwelt einzudringen hatten ihn immer mehr und mehr Speed nehmen lassen, so dass er nur ziemlich prall im Sessel hing. Wie der berühmte Boxer in den Seilen. Seine Balkontüre war von einem Rollladen verschlossen, den er zwar bis ganz unten heruntergelassen hatte (um vor neugierigen Blicken aus höheren Wohnungen geschützt zu sein), den er aber nicht komplett geschlossen hatte. Die Lichtritzen des Rollladens waren noch immer geöffnet. Pauls lethargischer nach hinten verdrehter, praller Kopf konnte die Konturen einer Person erkennen, die versuchte zwischen den Ritzen hindurch zu sehen. Das war absurd. Paul befand sich im ersten Stock. Welcher Einbrecher bricht am helllichten Tag im ersten Stock in eine Wohnung an? Und welcher Trottel würde dabei so einen Krach veranstalten? Paul bewegte sich nicht. Er sah weiter auf den Schatten und stellte sich tot wie ein Tier. Das Video in seinem PC war auf „Pause“ gestellt. Wer zu Hölle? War das sein Nachbar?

Sein Nachbar von unten war ein komischer Kerl. Paul konnte die ganze Nacht die Musik anhaben. Er konnte die ganze Nacht schwatzende Leute durch sein Treppenhaus gehen lassen. Er konnte auch tagelang zu lange seine Mülltonne auf der Straße stehen lassen. Alles kein Problem. Das Einzige was Paul für diesen Kerl nicht tun durfte war, sein Auto zu nahe an den Audi des Nachbarn stellen. Die Beiden hatten Stellplätze nebeneinander. Aber trotzdem musste Paul sein Auto mindestens (mindestens!) 30 Zentimeter weiter rechts von der Trennlinie abstellen, sonst gab es Ärger mit dem Nachbarn. Da spielte es auch keine Rolle dass Paul immer sehr vorsichtig aus seinem Auto ausstieg. Oder dass der Nachbar niemals Beifahrer hatte. Nein. Es ging dem Typen einfach nur darum, dass Paul seinem Auto fern blieb. Und Paul tat es. Denn wenn er es nicht tat. Wenn er etwa 15 Zentimeter näher oder gar AUF der Trennlinie parkte, stand mit absoluter Sicherheit ein 50 Jähriger mit Bierbauch und Cappy vor seiner Türe, der – egal um welche Uhrzeit – Paul aus seiner Wohnung klingelte, ihn schließlich dazu drängte, sein Auto „um zu parken“, also es 15 Zentimeter weiter nach rechts zu stellen. Wenn sich Paul somit einen Irren vorstellen könnte, der nachmittags auf seinen Balkon klettern würde, konnte er sich nur seinen Nachbarn vorstellen. Diesen Psychopathen. Der nichts im Leben zu haben schien, außer diesem blöden Auto. Diesen scheiß Audi. Den er auch noch die ganze Zeit mit angeschalteten Nebelleuchten fuhr. So. Als wäre er etwas Besseres. Und Paul war deutsch genug gewesen um nachzusehen, ob man die im NORMALFALL überhaupt anhaben darf, die Nebelleuchten: Es ist nicht erlaubt.

Es pochte noch einmal an der Türe. Der Rolllanden schwang plastisch umher. Nein. Das war nicht sein Nachbar. Paul. Bewegte sich noch immer nicht. Saß still wie eine Eidechse. Er traute sich nicht einmal zu blinzeln. Denn er hatte den zweiten Kerl bemerkt, der versuchte durch das Wohnzimmer-Fenster hinein zu ihm hinein zu sehen. Was zur… War das Wirklichkeit? Geschah das gerade hier tatsächlich? Oder?… War das wieder so eine abgefahrene Phantasie?…

„Hey!“ rief der, der gegen den Rollladen pochte. „Ich kann sie sehen! Kommen sie mal her!“

Drei Dinge fielen Paul schlagartig ein. Erstens: Die wenigsten Einbrecher siezen ihre Opfer. Zweitens hatte ein Gerüst an seiner Hauswand gelehnt, als er von der Arbeit zurück kam. Über dieses waren die Einbrecher auf seine Etage gelangt. Ziemlich clever… Und drittens: Waren das gar keine Einbrecher. „Ich kann sie sehen! Sie sitzen da! Und sind… Kommen sie einfach mal her!“ Denn drittens erinnerte sich Paul daran, dass er vor ein paar Tagen ein Flugblatt in seinem Briefkasten hatte, in dem die Anwohner wegen den Malerarbeiten dazu aufgerufen waren, die Balkone zu räumen. Paul hatte seinen Balkon leer geräumt. Er hatte nur vergessen das Thermometer seines Vormieters aus der Wand zu schreiben.

„Können sie das hier wegmachen? Können wir das wegwerfen?“

Paul stellte sich weiter tot. An der Türe hatten sie nicht geklingelt. Jetzt hieß es zu warten wer früher aufgibt. Die. Oder er. Und egal ob sein Herz bis zu seinem Hals schlug. Ganz gleich ob er total durch war und die Kontrolle über diese Situation verloren hatte. So hatte er doch Zeit. Er würde ganz sicherlich nicht nackt aufstehen, seine Drogen wegräumen, den Porno weg-xen und dann zu den Handwerkern hinaus gehen. Einfach tot stellen. Und dieses peinliche Worst-Case-Szenario überstehen. Wie hätte er auch damit rechnen können, dass diese Typen an einem Freitagnachmittag zu Streichen beginnen würden?

„Vielleicht arbeitet der?“ meinte die zweite, viel jüngere Stimme. Anscheinend der Lehrling.

„Arbeiten. Sehr witzig.“

Die Beiden standen an seinem Balkon und starrten durch die Ritzen auf Paul mit seinem schlappen, heraushängenden Schwanz. Der wiederrum sie anstarrte.

Irgendwann gaben sie auf. Sie lösten sich von dem Balkon und arbeiteten weiter. Paul drehte sich um. Machte den Ton leiser. Nahm wieder seinen Penis in die Hand. Und machte mit seiner Arbeit weiter.

Paul ist zurück im Dorfe der Ma-Fag

Das Zeitalter der Schatten

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Ich war in Singapur. Ich war in Thailand. Dann war ich krank. Wenn man sich von einer Magen/Darm-Geschichte und einer 40 Stündigen Reise erholt, hat man plötzlich, gezwungenermaßen, wieder die Möglichkeit mehr Filme anzusehen. Auf „prime“ gibt es Filme von Kim Je-Woon. Seine Meisterwerke wie „I saw the devil“ (keine Ahnung ob der bei Amazon uncut ist), „the good, the bad, the wierd“, „ a bittersweet life“, oder auch den Mist den er ohne Lee Byung-hun, sondern mit Arnold Schwarzenegger gemacht hat, „the last stand“. „The age of shadows“ kannte ich jetzt nicht, sehr gut!

Gerade ist der letztgenannte  Film vorbei und er lässt mich motiviert zurück. Zwar ist der Film ganz anders als die anderen von dem Meisterregisseur (weniger spektakulär inszeniert, kaum verrückte Kamera-Fahrten, keine gigantische Überraschung am Ende), doch die Story hat es mir angetan. Es geht um Korea in den 19 Zwanzigern, als es noch von Japan besetzt war. Die Geschichte die Kim Je-Woon erzählt, ist die Geschichte des Widerstandes gegen das japanische Regime und das ist eigentlich keine motivierende Angelegenheit. Wir Deutschen wissen natürlich dass die Japaner unsere Alliierten aus dem zweiten Weltenkrieg waren – damit erschöpft es sich aber auch schon mit dem Wissen.

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Meine Freundin und ich sind tatsächlich in Singapur ins Nationalmuseum gegangen, um etwas mehr um Singapur zu erfahren, oder besser: Wie das Regime von Singapur sich selbst und seine Geschichte präsentiert. Denn Singapur ist – auch wenn die Stadt unglaublich schön und bling,bling ist – eine Diktatur. Wir haben dann ziemlich über den Krieg der Singapurer gegen die Japaner gelacht, denn das war keine große Geschichte: Die Singapurer hatten keine Chance. Das Witzige für einen Deutschen ist nur, wie traumatisiert sich Singapur noch heute dafür gibt, dass da nur ein paar Tage Krieg geführt wurden. Krieg ist immer schlimm, keine Frage. Doch im Verhältnis zu dem was in Europa passiert ist, ist das wirklich ein Witz. Jedoch nach diesem Film kann ich das Trauma in Singapur (das trotzdem auch Propaganda ist) besser verstehen, denn was die Besatzung anderer Länder angeht war Japan in dieser Zeit wohl ein ziemliches Arschloch. Als Quelle dafür habe ich nicht nur diesen Film. Sondern auch andere.

In „the age of shadows“ fällt aber auch dieser tolle und irgendwie doch total blöde Satz, der in jedem Film über eine Widerstandsbewegung vorkommt: „Lass unseren Tod nicht sinnlos gewesen sein.“ Oder war es: „Lass unser Leben nicht sinnlos gewesen sein“? Egal. Ich. Der ich gerade wieder gesund werde und deswegen auch ziemlich gut drauf bin 😉 Hab mir da gedacht: Momentchen Mal! Ist mein Leben denn nicht dann komplett sinnlos wenn ich irgendwann im Alter friedlich sterbe? Was habe ich denn mit meinem Leben, mit meinem Tod bewegt? Also habe ich mich entschlossen, dass ich mich, keine Ahnung, wenn ich einfach SPÜRE, dass das Ende langsam naht, sei es wegen einer Krankheit (bei mir und meinem Lebenswandel zu 101 Prozent Krebs) oder sonst etwas, mich dann also als Zeichen für irgendeine Bewegung oder Idee irgendwo in die Luft sprenge um irgendetwas damit auszusagen: BAMM. Ein schönes Leben gehabt und dann auch noch ne Message am Schluss. Voll klug finde ich.

Überhaupt.

Wäre das doch eine geile Gesellschaft wo das Menschen kurz vor ihrem Tod immer wieder machen? So als eine Art Gegenbewegung gegen das langweilige und konformistische Leben, dass wir alle führen? Die Alten als die Weisen, die die Gesellschaft aufrütteln: Was haben sie denn noch zu verlieren?

Gutes Thema für eine Kurzgeschichte. Oder für eine veritablen Selbstmord.

Josef Hader GANZ privat – „Wilde Maus“

 

Josef Hader ist eh toll. Jeder mag ihn und das was er macht. Filme, Kabarett, Drehbücher – Wurscht: Guter Mann.

Bereits zum zweiten Mal in meinem Leben stellte der wichtigste, beste, klügste und lustigste aller jetzt lebenden Österreicher einen Film in Augsburg vor. Das letzte Mal war es „Das ewige Leben“. Dieses Mal war es „Wilde Maus“, der Film, bei dem Hader nicht nur die Hauptrolle spielt, denn hier hat er auch das Drehbuch geschrieben und erstmalig Regie geführt.

Die Leute vom Kino-Dreieck hatten unsere Karten verplant, deswegen waren wir bei der falschen Aufführung im kleineren Kino mit schlechten Plätzen, bei den beiden fast synchron laufenden Vorstellungen. Wir, die „Thalia“-Leute, mussten nach der Vorstellung runter ins „Mephisto“, wo dann der Josef Rede und Antwort stehen sollte.

„Wilde Maus“ ist ein unterhaltsamer Film über die Sprachlosigkeit in Beziehungen, dessen Rahmenprogramm der Rachefeldzug eines gescheiterten Journalisten gegen seinen Ex-Chef bildet.

Ich hatte bis nach der ersten Stunde viel gelacht und mit dem Toiletten-Gang gewartet. Dann schien mir der Moment gekommen. Also schnell rausraus und loslos auf Toilette, nur nichts verpassen. Ich dann also rein zu den Pissoirs und da stand dann Josef Hader, der schon voll dabei war. Es war strange, denn ich konnte sein Gesicht gar nicht sehen, wusste aber doch dass er es war. Und sich so richtig danebenstellen und Pimmel-Bruder mäßig zu ihm  rüber schauen wollte ich dann auch noch. Denn. Welche Momente könnten denn privater sein als diese? Dass ist schon eine unangebrachte, ungerechtfertigte Penetrantheit, wenn man nicht einmal beim Pinkeln seine Ruhe hat… Ich schaue ja schon beim Vorbeifahren immer schon demonstrativ NICHT bei Autounfällen nach, was da passiert ist, da ich diese Starrer so abartig blöd finde, wie könnte ich jetzt den armen Mann da beim Pinkeln begaffen? Und trotzdem war ich alleine mit Josef Hader auf einer Toilette. Blöde Situation irgendwie. Gerade weil ich dieses Promi-Ding gar nicht mag, dieses automatische Klassendenken, was sich da im Kopf abspielt, eben weil man am Ende doch hinschauen, irgendwas tun will, da man den Kerl und das was er macht gut findet und auf irgendeine Art mit dem in Kontakt treten will. Eine unwürdige Situation. Nicht nur auf einer Toilette. Denn man stellt den Promi über sich…

Als ich dann wieder alles eingepackt hatte, hatte der Künstler seinerseits seine Hände fertig gewaschen; ja, Josef Hader wäscht seine Hände nach dem Pinkeln, ein Vorbild in allen Lebenslagen. Der sah mich dann so an und sagte leise und schüchtern: „Hallo…“ Und ich gleichzeitig: „Guter Film“, „Wilde Maus“, ihr wisst schon, den ich gerade drinnen im Kino mit meinen Freunden ansah. Ein Kompliment kann ja schnell eine Reaktion provozieren. Falsch gedacht. Und dann war er schon wieder weg.

Für ihn eine Szene zum Vergessen, für mich etwas besonderes. Ganz schlimm: Ich werde jetzt ewig erzählen dass ich JOSEF HADER beim Pinkeln getroffen habe; das sagt einiges über mich aus. Viel mehr aber auch, wie der Mensch so funktioniert. Denn der hat mich – natürlich – sofort vergessen als er zur Türe raus war, während ich total geflasht war. Und dabei ging es natürlich um die natürlichste und privateste Sache der Welt. Sich die Hand geben wäre da eh nicht angebracht gewesen.

„Wilde Maus“ ist ein guter Film. Einer der wie zu erwarten Spaß macht, der aber auch Schwächen besitzt. Die Wandlung des Charakters zum Negativen, Depressiven ist in seiner Totalität und Rücksichtslosigkeit nicht ganz nachzuvollziehen, dabei gibt es aber auch ein paar offensichtliche Logiklöcher und Drehbuch-Kniffe:

SPOILER dass er seiner Frau nicht sagt, dass er gekündigt wurde ist zwar wichtig für die Story, es IST sogar die Story, bleibt jedoch total unlogisch. So verhalten sich die Leute nur in Filmen und Büchern SPOILER ENDE.

Trotzdem ein empfohlen sehenswerter Film mit tollen Schauspielern, der ein angenehmes Rundumpaket abliefert (Spaß, Tiefgang und nicht überzogene Arthousigkeit), der jedoch auch auf der Metaebene gut funktioniert, man denke an die ständigen im Hintergrund ablaufenden Radio-Nachrichten über Tod, Terror und Krieg, die die Stimmung des Protagonisten wiederspiegeln. Da wurde viel ins Detail hingearbeitet.

 

Wir saßen dann später im „Mephisto“ wirklich in der ersten Reihe und hörten uns das Werbeprogramm Haders an, dass er auf die Fragen des Publikums abspulte, dass von sehr gefälligen Lachen und Klatschen begleitet wurde; es muss auch wirklich immens anstrengend wenn einen ALLE gut finden und bei jedem schiefen Scherz begeistert Lachen, einen Anstarren und man nicht einmal auf der Toilette seine Ruhe hat.