Bea – die Weltreisende

Bea ist der egoistischste Mensch den ich kenne. Dabei ist sie ungeheuer sympathisch. Sie ist kein falscher aufgesetzter Charakter, sie handelt nicht aus Berechnung, auch wenn man das meinen könnte. Sie spielt nicht mit ihrer Aura. Ihre Sympathie ist ihr einfach angeboren. Ein wenig setzt ihr Gegenüber es ihr aber auch einfach voraus, durch diese Wohl-Fühl-Aura die Bea ausstrahlt. Klischees werden vom Gegenüber gesehen und in Details gefunden, die unweigerlich da, in Wahrheit aber nicht frappierend wichtig sind. „Bea, die Hippie-Tussi“, so wird sie oft bezeichnet.

Die „Hippie-Tussi“ bezieht sich auf ihren Kleidungsstil, die Batik-Klamotten, die alten, wirklich abgewetzten und gealterten Jeans, die nichts mit künstlich abgeschrubbten Designer-Jeans zu tun haben. Und selbstverständlich ist sie die Hippie-Tussi wegen ihrer blonden langen Haare, die ihr bis „über den Arsch gehen“ – das ist wenigstens der Ausdruck der Männer dafür. Trotz dieser langen Haare erinnert sie gar nicht an eine deutsche Frau, nicht an die Lorelei. Sie wirkt amerikanisch. Zudem lacht sie viel. Und sie ist gut anzusehen. Ihr Anblick und ihr sorgloses Auftreten wirft uns zurück in die 60ger Jahre des vergangenen Jahrhundert, als alles möglich schien und die Menschheit in eine neue Zeitrechnung aufbrach. Was wird wohl kommen nach der Revolution?

Die Frage war nicht ob es ein Utopia geben würde, sondern nur, wie schön es werden wird, oder etwa noch schöner als man sich vorstellt könnte? Keiner dachte an Dystopien. Keiner dachte an den Kater danach. Dass alles noch viel schlimmer kommen könnte, als es vorher war. Keiner hatte ein Auge für das, was hinter dem blonden Hippie-Mädchen steckte, das lachte, strahlte und meinte, man solle sich locker machen. Denn zu jedem Image das wir so sehen wollen, wir gelernt haben es zu sehen, gibt es eine wahre Geschichte, die nicht viel mit dem Abbild zu tun haben. Hinter jedem Symbol steckt ein Mensch.

 

Die Wahrheit ist auch, dass Bea Weltreisende ist. Bea war schon auf jedem Kontinent der Welt, in dem die Sonne mehr Hitze produziert, als dass sie ruht. Afrika, Lateinamerika, Asien, Australien sowieso; Australien, dieses Schnellrestaurant für die Fernwehvortäuschenden. Der Kontinent der zerplatzen Träume, dem Bea jede realness absprach, da „aussteigen“ dort industriell betrieben wird. Ganz im Gegensatz zu Afrika.

 

Bea war überall, wo du schon immer hinwolltest. Sie stand auf jedem Postkarten-Klischee, eroberte jedes kleine, versteckte, geheime Landschaftswunder, nachdem du dich sehnst. Vom weißen Strand über die schwarzen Berge.  Sie hat Nationen erkundet, die du bewunderst, und noch mehrere von jenen, vor denen du Angst hast. Bea hat die Welt gesehen, erlebt und blieb unverletzt (bis auf dem Ausschlag des Fernwehs selbst, der immer wieder in ihren Gehirnwindungen zu jucken beginnt).  Ja. Am Ende war sie einfach nur wieder da. Unsere Bea. In denselben Klamotten wie immer. Mit Augen, die uns sahen und gleichzeitig durch uns hindurch blickten. Wie lange war sie diesmal weg gewesen? Ach ja. 9 Monate. Und was bei uns so los war? Nicht so viel eigentlich…

Zwar fragt man dann viel nach: Was hast du alles erlebt? Was hast du gesehen? Wen hast du getroffen? Ging es dir gut? Wobei die Frage in Wahrheit lauten sollte: Was treibt dich immer wieder davon und warum hält dich nichts hier?

 

Bea ist in meinem Alter. Und sie hat kein Haus. Keinen festen Wohnsitz. Keinen Ex-Mann. Kein Kind. Sie hat alle Freiheiten die wir nicht haben. Sie besitzt nichts. Und wird von nichts besessen. Das Einzige was wir mit ihr teilen ist eine Form der Vergangenheit. Sie ist hier geboren. Sie ist hier aufgewachsen.

Irgendetwas muss passiert sein. Damit…

 

Man kann nicht so leben ohne ein Egoist zu sein. Ich weiß nicht, gibt es eine gute Form des Egoismus? Eine verzeihbare, wie eine Krankheit für die man nichts kann? Du kannst nicht immer wieder dein bürgerliches Leben zurücklassen, alle Brücken abbrechen, die du in den Reisepausen errichtet hast und jenen keine Verletzungen zufügen, die sich dir nahe fühlen. Du kannst nicht immerzu fortgehen ohne Beziehungen in die Oberflächlichkeit gleiten zu lassen, in dem du sie einfrierst, um sie bei Gelegenheit wieder aufzutauen. Das muss man können. Das muss man wollen. Das muss man auch müssen müssen.

Um tatsächlich frei zu sein, musst du egoistisch sein. Das ist die Wahrheit. Auch die Hippies waren egoistisch. Sie dachten weder an später, noch an ihre Eltern. Sie dachten nur an sich. Und wie unglaublich stark sie sich fühlten. Was sie bewegen und für sich erleben konnten. Und 70 Jahre später feiern wir immer noch ihren Mut.

Carola – die Suchende (Absolution, Figurenzeichnung)

Sind Menschen so wie sie sind? Oder werden Menschen zu dem gemacht, was sie werden? Wer trägt Sorge für die Entwicklung eines Charakters? In welche Freiräume kann ein Mensch stoßen, wenn ihm nur bestimmte gewährt werden?

 

Carola ist vielleicht nicht der stärkste Mensch den ich kenne, doch sie zählt zu neugierigsten. Und obwohl einige Verhaltensforscher  aus ihr typisches, fast klischeehaftes Benehmen für eine Person ihres Alters, ihrer Herkunft und ihrer Generation herauslesen würden, sehe ich in ihr nur ein Individuum, dass ihre eigenen Erfahrungen finden muss, dem es nicht hilft, ob sich viele ihrer Generation ähnlich verhalten, denn jede ihrer Entscheidungen und Kämpfe sind ihre Kämpfe, ihre Hindernisse, die sie bewältigen und gewinnen muss, auch wenn die Steppe ihres Schlachtfelds der Selbstverwirklichung von den Findlingen der verknöcherten Vergangenheit von anderen weites gehend bereinigt wurde.

 

Carola wuchs hier bei uns auf dem Land auf. Ich kannte sie, als sie noch ein Kind war. Und obwohl ihre große Schwester und ich den gleichen Freundeskreis hatten, ist es nicht so wie in den von Juli Zeh geschriebenem Dorf-Buch, nach welchem alles auf dem Land jeden angeht oder zumindest niemanden etwas  verborgen bleibt oder man gleich den Werdegang von jedem aufgedrängt bekommt. Mit den Jahren verlor ich sie aus den Augen. Eine Weile war sie nur die Freundin von Freunden. Und dann die Freundin von einem Bekannten, dem ich nicht viel Respekt zollte und es immer noch nicht mache. Wahrscheinlich, weil ich Männer viel härter aburteile als Frauen. Da ich weiß was es bedeutet ein Mann zu sein und meine Linie zwischen Verständnis und Unverständnis deshalb klar definiert wird.

 

Sie machte eine Ausbildung. Sie machte noch eine. Sie hatte ihren Freund. Das hätte es sein können. Manchmal ist es das auch einfach gewesen. Da spielt es auch keine Rolle ob man auf dem Land oder in der Stadt lebt. Kind und Haus. Das war es aber nicht. Die Beziehung ging zu Bruch und nein, in ihr zerbrach nichts wie der Singer und Songwriter in mir gerne texten würde, nur weil es gut klingt. Im Gegenteil. Sie wuchs daran.

Carola wollte mehr als die kleine Stadt sein, wollte hinaus in die große Welt, wollte Dinge erleben, austesten und ihre eigenen Grenzen kennenlernen. Dinge. Die man vor einigen Jahrzehnten ausschließlich Männern vorbehalten hätte und über die der restriktive Großvater in uns Dörflern nur missbilligend den Kopf geschüttelt haben könnte, wenn er sie in die gleiche Projektionskategorie wie Sarah verurteilt hätte. Carola aber ließ man die Dinge durchgehen, ohne sie gleich „leicht“ zu nennen. Denn Carola wirkte nicht „leicht“. Sie wirkte entschlossen. Auch wenn es immer schwer zu sagen ist, wozu eigentlich.

 

Sarah und Carola sind Freundinnen. Und so wie es mit Freundinnen ist, die nicht zusammen aufgewachsen sind, ist es schwer zu sagen, wie viel die eine in der anderen von sich erkennt, was da eigentlich verortet ist, dass die Menschen einander erkennen lässt. Vielleicht sieht Carola in Sarah genau das Gegenteil von der kleinen, kleinen Stadt, mit ihren kleinen Beziehungen und kategorisierenden, wenn nicht gar deklassierenden Beurteilungen.

Drogen spielten auch bei Carola eine Rolle. Und Frauen die gerne einmal konsumieren, die… Doch Drogen machen dich nicht automatisch zum Opfer. Sie sind nur Ausdruck für eine gewisse Unzufriedenheit. Für eine Sehnsucht, nach… Drogenkonsum ist ein Pendel, ein Seismograph, der – und das gehört bei jedem dazu, der gerne einmal was nimmt – eine Weile lang stärker ausschlägt. Das normalisiert sich in den meisten aller Fälle wieder. Daran wächst ein Charakter, wenn er nicht darüber stolpert und nie wieder in den richtigen Tritt kommt.

 

Carola hatte nach ihrer ersten und der zweiten Ausbildung sich dafür entscheiden, den zweiten Bildungsweg einzuschlagen, um das nachzuholen, was ihr in der Kleinstadt fehlte. Und doch kehrte sie immer wieder zurück zu uns auf das Land, um komplett zu sein. Später dann brachte sie die Stadt hinaus zu uns, auf die mathematisch abgezirkelten Felder, und zeigte ihr das Leuchten der Sterne.

 

Carola war immer auf der Suche gewesen. Und ihr Weg ist auch heute noch nicht beendet. Ist sie stark? Ist sie verwirrt? Will auch sie nicht erwachsen werden? Oder ist sie einfach nur das perfekte Beispiel dafür, dass die Biografien und Grenzen zwischen Frauen und Männern heute kaum mehr zu unterscheiden sind?  Vor einigen Jahrzehnten noch hätte es ihr an Möglichkeiten gefehlt, nach sich selbst zu können und ihr wäre es für immer verwehrt geblieben, bei sich selbst anzukommen. Auch ohne Kind. Dafür mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit.

Sarah – die Partymaus (Absolution)

Sind Menschen so wie sie sind? Oder werden Menschen zu dem gemacht, was sie werden? Wer trägt Sorge für die Entwicklung eines Charakters? In welche Freiräume kann ein Mensch stoßen, wenn ihm nur bestimmte gewährt werden?

 

Sarah ist der mächtigste Mensch den ich kenne. Das war schon immer so gewesen. Sarah hat diese Macht, diese Aura, die die Welt um sie herum krümmt. Die sie in diesem ganz besonderen Licht darstellt. Sarah ist schön, wenn nicht fast perfekt. Sarah ist das Schönheitsideal. Nicht eines dieser Schönheitsideale, die sich im Laufe der Jahrzehnte ändern, so wie es sich von großen Brüsten und breiteren, „weiblicheren“ Hüften zu schlanker Taille, breiten Wangenknochen und Laufstegsehnigen Schultern entwickelt hat. Nein. Sarah würde immer als Schönheit betrachtet werden, vielleicht mal mehr oder weniger. Aber ihre Schönheit würde die Jahrhunderte überstehen, ganz egal wie der Feminismus abgehen würde: Ihre fantastische Äußerlichkeit würde sie immer objektifizieren.

Das war schon in ihrer Kindheit so gewesen, ihrer Jugend, sowie auch jetzt, wo sie eine Frau in der zweiten Hälfte der 20ger ist, nur ebenso verloren an das Märchen von Peter Pan, wie es die „verlorenen Jungs“ in der Geschichte waren. Sarah ist nicht Wendy. Denn Wendy hat Peter Pan nie geliebt…

Sarah wollte nie erwachsen werden. Und ihr unbedingter Wille Spaß zu haben, machte aus ihr eine sehnige, blonde Drogenschönheit, ohne Kinder, ohne festen Mann und obwohl sie einen hatte, doch nie zu jemanden mit festen Wohnsitz. Sarah ist wie ein Groupie der Rolling Stones: Seit einer Ewigkeit on Tour. Bis die Tour der Lebensinhalt wird.

 

Sie wollte immer nur Spaß haben, so wie wir alle das wollen, und was spräche dagegen? Nur wenn einem durch das Aussehen alle Türen offenstehen und man überall in dunklere und hellere Ecken vordringen kann, verändert das einen. Die Macht wird zu einer Natürlichkeit. Und plötzlich wird man von seiner Umgebung „leicht“ genannt. So werden Menschen schnell beurteilt, die leicht im Leben voran kommen. Die Dinge geschenkt bekommen weil sie etwas ausstrahlen. Weil sie etwas bekommen können, was für uns unerreichbar ist. Sie werden zu „leichten Frauen“, da es für uns so unfassbar schwer erscheint, das Gleiche zu bekommen. Und ganz egal ob das stimmt oder nicht, solche Behauptungen können zu Prophezeiungen werden, denen wir nicht entkommen können.  Nur fragt hinterher niemand, ob zuvor die Henne oder da Ei da war. Später, war Sarah immer so gewesen.

 

Getuschelt wurde schon früh. Das ist die Kehrseite der Schönheit. Sie nennt sich „Phantasie“. Denn wer so aussieht, bei dem stellen sich die Jungs und besonders die Mädchen, alles vor. Ihr Urteil ist ebenso klar, wie vernichtend es ist. Sarah war für ihr Umfeld immer wie eine Griechische Göttin: Makellos und doch menschlich.  Viel zu menschlich. Personifiziert. Besonders wenn man ein Mädchen ist, das gerne Lacht. Und mit den „bösen Jungs“ (die wie immer nur die ein wenig „älteren Jungs“ waren, sich aber ganz böse fühlten und gaben) mitgeht. Die Phantasie der anderen machte Sarah zu dem, was sie noch gar nicht war. Das fing klein an.

Sarah war die Erste, die Jungs auf den Mund küsste. Sie war die Erste, die mit Zunge küsste. Und selbstverständlich war sie die Erste, die ihn in den Mund nahm.

 

Nicht dass Sarah selbst solche Geschichten über sich erzählte. Nein. Auf jeden Fall nicht zu Anfang. Aber was soll ein Kerl der mit so einer klassischen Schönheit intim wird, denn anderes erzählen? Der blöde Kerl muss die Schönheit auf sein Niveau herunterziehen. Er muss sie beschmutzen um in ihrem Licht nicht zu verglühen. So wurde geredet. Nach und nach. Mehr und mehr. Und irgendwann dachte sich unsere Sarah, dass wenn sie schon von keinem mehr als Heilige betrachtet wird, sie auch keine sein muss. Sie wollte Spaß haben, sich amüsieren und was sprach dagegen? War es denn wirklich so eine Bürde im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen? Sarah war nicht dumm. Kein Mensch ist wirklich dumm. Und nur ein anderes Weltbild als andere zu haben, macht dich nicht zu einer dummen Schlampe. Das sagen nur Leute, die neidisch sind, die sich einer komischen Moral unterwerfen, weil sie innerlich hässlicher sind als in ihrem durchschnittlichen Äußeren. Manche Leute wollen dich einfach nur mit Dreck bewerfen, um dich auf ihr Niveau herunterzuziehen.

 

Es ist  nicht leicht eine Schönheit unter den Gewöhnlichen zu sein. Es ist nicht leicht von jedem angestarrt und reduziert zu werden. Da spielt es auch keine Rolle ob man die Situation einfach als leicht und gegeben betrachtet, ob man über sie hinweg lächelt. Was einem auch wieder als gewisse „Begrenztheit“ ausgelegt wird. Schöne Menschen tun sich viel schwerer gemocht und als „authentisch“ betrachtet zu werden, als der Durchschnitt. Schönheit hat immer auch den Ruf der Falschheit. Und der Stumpfheit. Das mag sogar stimmen, nur liegt diese „Falschheit“ nicht in der DNA der Schönheit begraben. Die „Falschheit“ liegt darin, dass man das Richtige im Falschen ist. Die Perle im Durchschnitt. Und so wird eine Perle vom Pöbel gerne aus Unwissenheit und Verachtung als „Fälschung“ deklariert und deklassiert, ohne dass sie sich überhaupt die Mühe machen sie wirklich anzusehen. Es ist leicht darüber zu urteilen, was man niemals haben wird.

Deswegen mochte Sarah die Partydrogen. Nicht weil die Männer auf Drogen nicht weniger geil oder die Frauen auch nur ansatzweise weniger schnippisch und neidisch wären. Aber auf Drogen ist ab einem gewissen Punkt eh alles egal. Irgendwann kippt die Stimmung, alle fühlen sich gleich. Auf einer Situation unter Drogen, kann sich selbst eine Schönheit mit einem Normalo richtig normal unterhalten. Die Blödheits-Urteils-Schranke zwischen einander ist weg. Und du bist nur der, der du bist. Nicht einmal mehr Frau oder Mann. Es sind nur zwei Menschen die sich unterhalten. Die miteinander tanzen, rauchen, trinken… Es mag sein dass die Drogen Sarah nicht schöner machten, sie erlösten sie aber auch von ihrer Schönheit. Sie machte sie menschlich. Für sich und für andere. Wenigstens für eine gewisse Zeit.