Verglüht

Carim war 16 Jahre alt. Er war begabt, er war jung – und er dachte ihm gehört die Welt. Das tat sie auch, für ein paar Minuten, als seine Jugendliebe, die ein Jahr ältere Klara mit ihm ins Bett ging. Sein ganzes Leben schien sich auf diesen Punkt hin entwickelt zu haben.

Carim war ein wunderschönes Kind. Aufgeweckt, gute Auffassungsgabe und ein kleines Wunder am Fußball. Sein Vater liebte seinen Sohn, wie Väter solche Kinder lieben. Er ging jedes Mal mit seinem Sohn zum Training und wenn kein Training war, forderte er seinen Sohn selbst im Garten heraus, doch für Carim waren diese Herausforderungen einfach nur Spaß, da er sie fast schon zu locker meisterte. Der Junge würde seinen Weg gehen, davon waren alle überzeugt. Seine Regale begannen sich mit kleinen Pokalen zu füllen und Carim achtete darauf, dass sie sich nicht mit Staub füllten.
Die Schule musste angesichts dessen zurückstecken, doch niemand – nicht einmal die Lehrer – stießen sich daran. Carims Talent würde in Zukunft seine Defizite ersetzen. Natürlich. Man musste dem Jungen nur einmal zusehen wie er den Ball verteidigte, mit ihm zauberte, ganz intuitiv. Und auch wenn er in der Schule nicht viel Ahnung hatte, hatte er (und wahrscheinlich sogar deswegen) seine Mitschüler immer hinter sich. Der Kleine war ein Anführertyp, dem selbst die Klassenkameraden großes zutrauten.
Carim fühlte sich nicht wie ein Sonnenkind. Es war alles ganz natürlich. Die Aufmerksamkeit die er genoss, seine Talente, seine Siege; all das konnte gar nicht anders sein. Es war sein Schicksal. Und auf seinem Höhepunkt, verließ ihn sein Schicksal.

Klara wurde bald schwanger – und wollte das Kind. Carim. Stand zu ihr. Nur stand Carims Vater nicht zu seinen Sohn. Ein Kind? Mit dieser deutschen Schlampe? Dass sollte sich der kleine Star von morgen gleich lieber aus dem Kopf schlagen. So ein… Wahnsinn! Und wie unehrenhaft das für die Familie wäre. Nein. Carim musste die Klara loswerden. Immerhin hatte die sich schwängern lassen! Doch Carim blieb dabei. Und umso mehr der Vater tobte, desto stärker stand Carim zu Klara. Carim war es gewohnt zu siegen und insgeheim war er sich sicher, dass er auch jetzt gewinnen würde, so wie er jedes Mal hinten im Garten seinen Vater früher oder später besiegt hatte.
Der Junge wusste nichts von Ehre und Religion, sein Leben lang wollte er nur Fußball spielen und deswegen begriff er auch nicht, dass es dieses eine Mal um etwas ganz anderes ging, als sonst. Dieser Disput, dieser Streit würde alles verändern, nur konnte Carim das nicht kommen sehen. Hierfür hatte er keine Augen, keine Feinfühligkeit. Und selbst als die Familie ihn verstieß, sah er das Problem nicht. Schließlich war er begabt: Sie nicht. Er würde seinen Weg schon gehen.

Seine geliebte Klara bekam die Zwillinge, und Carim ein Stipendium an einer Fußballschule. Mit dem bisschen Geld von ihren Eltern ging es, gerade so, auch wenn Klaras Eltern nicht viel hatten. Carims Zukunft erschien ihnen Pfand genug. Als dann die Fußball-Karriere vorbei war, änderte sich alles. Es gibt einen Namen dafür: „Verletzungspech“. Für Carim gab es nicht DIE Verletzung die alles veränderte, sondern es war der Zahn der Zeit, die Stollen seiner Gegner die an ihm nagten. Und plötzlich ging es ganz schnell. Während er gerade noch für ein bisschen Kicken schwarz gut bezahlt wurde, bekam er nicht einmal mehr legal besonders viel auf die Hand, und wer sich sein Geld nicht erspielen kann, der muss dafür arbeiten – und wer arbeitet, hat kaum mehr Zeit zum Spielen.
Carim wurde einer von uns. Die Träume verblassten. Die Füße wurden schwer. Das Lachen erstarb. Und der Vater blieb seinem Wort treu. Die Kinder waren ihr Glück, doch eben diese Kinder, die Zwillinge, waren auch das Gewicht, welches das junge Paar erdrückte. Umso mehr. Als Carims Karriere zu scheitern begann.
Ihre „besten Jahre“ hatte sie Carim geschenkt, worauf der nur abwinkte. Dass meinte sie nicht so. Denn sie war doch seine Klara. Während seine Freunde und Bekannten ständig irgendwelche Disco-Bekanntschaften nagelten und die „Beziehungen“ bald wieder auseinandergingen, war Carim doch mit SEINER Liebe zusammen; was die anderen aus den Clubs und den Cafés mitbrachten, waren in Carims Augen „Austauschbare Menschen“, die sie zwar körperlich anziehend fanden, ihnen menschlich aber nichts gaben. Seine Freunde nahmen fast wahllos Frauen mit zu sich ins Bett, doch was waren das für Frauen? Was waren das für Menschen? Austauschbare Seelen, für die sich keiner Zeit nahm um sie wirklich kennen zu lernen. Ihnen allen ging es doch nur um die Oberfläche, um Sex, um den kleinen Höhepunkt und Vorteil, den sie aus dem anderen ziehen können – um sie dann wegzuwerfen. Carim empfand das als traurig und dumm. Die Menschen werfen ihre Angel aus und glauben weil sie sich selbst zum Köder gemacht haben, dass das Glück anbeißen müsste, und kaum merken sie, dass der andere etwas kompliziert ist, geben sie auf. Carim dagegen hatte eine RICHTIGE Beziehung. Eine gewachsene. Eine, an der die Problemen und Schwierigkeiten des Lebens sich die Zähne ausbissen. Klara und Carim hatten sich getest – und sich für stark genug empfunden. Sie hatten mehr als nur eine „Beziehung“ zu einander. Sie vollendeten sich gegenseitig.
Natürlich war es schwer. Carim hatte drei Jobs. In der Videothek, bei einem Lieferservice und jobbte schwarz auf dem Bau. Und auch Klara musste anpacken, doch irgendwie schafften sie es. Bis Klara feststellte, dass ihre besten Jahre nicht hinter, sondern vor ihr lagen: Carims beste Jahre lagen hinter ihm. Nicht ihre. Sie ließ die Kinder (seine Kinder, die er ihr angehängt hatte) zurück und ging ein Jahr nach Indien, um von dort lesbisch zurück zu kommen. Nicht dass sie lesbisch war, es war einfach nur ihre „lesbische Phase“, so wie Carim nur eine Phase in ihrem Leben gewesen war, eine Phase, in dem einzigen Leben, dass sie nun einmal hatte. Die Zeit sickerte durch ihre Finger…

Und während Klara sich verwirklichte, musste Carim sich um alles kümmern, was Klara zurückgelassen hatte: Die Kinder, und die Schulden. Und hier zeigte sich die Kraft, die einmal in Carim gesteckt hatte: Seine Kämpfernatur. Aus den drei Jobs wurden 4 – und die Kinder immer dazu. Seine geliebten Kinder, die irgendwie keine Großeltern mehr hatten, als nun auch noch Klara weg war. Hin und wieder halfen die Nachbarn, Freunde, doch im Endeffekt war Carim ständig unterwegs. Immer auf Achse um Geld zu verdienen, die Kinder zu versorgen und ihnen das zu geben, was er nicht haben würde: Eine Zukunft. So gingen die Jahre dahin.
Die Kinder wuchsen heran und aus Carim dem Jungen, wurde Carim der Mann. Der einsame Mann. Während seine Klara sich selbst immer wieder neu erfand und selbst fand, glaubte er noch immer an seine Theorie der austauschbaren Menschen. Er würde schon noch den richtigen Menschen finden, und als die Kinder langsam, nach und nach, größer und selbstständiger wurden, merkte Carim, dass er eine Chance hatte, er musste nur noch ein paar Jahre durchhalten, ein paar Jahre, dann hätte er es geschafft und er würde endlich Zeit für sich haben; vielleicht würde er einfach gar nicht mehr arbeiten und nur noch von der Stütze leben… Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg. Pizzas mussten ausgeliefert, Böden geschruppt, Hausaufgaben gemacht, Filme sortiert, Essen gemacht, Geschichten vorgelesen, Autos gewaschen, Fenster verputzt, Kassen bedient, Kinder abgeholt, gefüttert und geliebt – all dieses musste WERDEN, in einer mehr oder weniger normalen Woche, in der er einem gefühlten dutzenden Jobs nachging. Carim stand immer unter Strom, war immer müde und immer unterwegs. Er machte alles alleine, machte alles richtig und beschwerte sich nie, war der Erste der kam, der Letzte der ging und höflich und freundlich und müde. Und ein guter Vater. Und nur sehr selten blickte er auf die alten, verstaubten Pokale im Keller…

Bis zu dem denkwürdigen Tag als Carim verglühte. Es war ein ganz normaler Tag, Stress zwischen zwei Terminen, die Kinder mussten koordiniert werden und er hatte schon die Mülltüten in der Hand, an diesem trockenen, wolkenlosen Sommertag. Die Sonne war dabei sich hinter den Bergen zu verstecken und Carim rannte aus dem Haus und rief seinen Zwillingen noch zu, was sie und wie sie etwas zu erledigen hätten, als er Feuer fing und verbrannte. Carim war 35 Jahre alt, als die Flammen von ihm Besitz ergriffen und ihn von innen her so sehr verbrannten, dass nicht einmal Knochen von ihm übrig blieben, denn ganz gleich wie sehr die Kinder und dann die Nachbarn versuchten das Feuer zu löschen, dass aus Carim heraus loderte: Es konnte nicht gelöscht werden. Die Ursache wurde nie gefunden.
Die Leuten waren erschüttert und fragten: Warum?