Bemerkenswert

Die Bücher "Absolution" und "Verlorene Jungs" von Paul Fleming umsonst in ihrem eBook-Shop

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Ich habe muss für die „Umsonst-für-alle-Variante“ entschieden, da eh nicht viel Geld für mich dabei herausspringt und ich lieber gelesen werde, als mehr schlecht als recht 10 Euro im Monat damit zu verdienen.

Viel Spaß damit!

Absolution 51 – Der Angriff

„Wo bist du mit deinen Gedanken, Paul!!!“

Déjà-vu?

Die Explosion ist so ungeheuerlich stark, dass Paul wie ein sprichwörtliches Insekt durch die Luft geschleudert wird. Der entfesselte Explosionsdruck trifft ihn völlig unerwartet in seine rechte Körperhälfte und drückt ihm dabei sämtlichen Sauerstoff aus seinen Lungen. Er nimmt kaum wahr wie ihn eine undurchsichtige Wolke aus Erde umschließt, dafür umso heftiger, wie die kleinen Geschosse aus Erde auf ihn herabprasseln, als er wie ausgespuckt, knochenhart mit seinem linken Schlüsselbein auf den Boden aufgeschlagen ist. Reflexhaft verkrümmt versucht er wieder Luft zu bekommen, doch da ist nur der aufgedonnerte Staub, der sich durch das Einatmen nun auch noch in seine Lungen bohrt. Paul verschluckt sich und keucht.  Er windet sich vor Schmerzen und presst apathisch seine rechte Hand auf die verletzte Schulter. Selbst im  Körper von Banyardi war das eine heftige Nummer. Gar nicht auszudenken, was mit seinem untrainierten Drogenkörper passiert… Dann erfolgt die zweite Explosion. Der Einschlagspunkt ist noch ein wenig näher als bei der ersten Detonation, da Banyardis Körper jedoch inzwischen auf dem Boden liegt, wird er nicht noch einmal weggewirbelt. Da ist nur wieder sehr viel Staub, wenn auch weniger Lärm. Wahrscheinlich hat sein Trommelfell schon bei der ersten Explosion einiges abbekommen; die nächsten Einschläge von – was aus immer- ziehen an ihm und dem Dorf der Mi-Cock vorbei und sprengen dafür den Dschungel auseinander. Der Dschungel, dessen tierische Bewohner ansonsten zu jeder Tages- und Nachtzeit aus vollen Kehlen zu schreien scheinen, schweigt. Die Ersten, die zu kreischen beginnen, sind nicht die Tiere. Es sind die Menschen. Stöhnen und Wehklagen wimmert durch den Dschungel.

Paul drückt Banyardis angeschlagen Körper würgend auf alle Viere hoch und erbricht eine Melange aus Speichel, Dreck und Magensäften. Dann kommt die Erinnerung. Bevor das Volk der Ma-Fag mit seinen Gefangen, den Mi-Cock, bombardiert wurde, stand Banyardi mit Ylva und seiner Mutter zusammen, und… Mutter? Wie vom Blitz getroffen, alle Schmerzen ignorierend, steht Paul auf.

„Mutter?“

Das Dorf der Ma-Fag sieht aus als würden hier gerade Szenen für den Film „Apocalype now“ gedreht werden. Überall ist Rauch. Zerstörte, brennende Hütten. Zerfetzte Menschenleiber. Aufgewühlter Boden. Es sieht noch unechter aus, als es sich anfühlt. So viele zerrissene Menschenleiber; Paul hätte gar nicht gedacht, dass es SO VIELE Ma-Fag gibt…

„MUTTER!“

Paul reibt sich die Augen. Sein/Banyardis Körper ist über und über mit Staub bedeckt.

„Wo bist du?!“

Und wer hatte ihn vorhin eigentlich Paul genannt? Er war vorhin nicht Paul gewesen… Später schon… Alles ist so verwirrend… Und was ist mit Ylva? Unterbewusst nimmt Paul das Knacken war. Er dreht sich nach links zurück. Dann sieht er wie die Bäume fallen. Der Wald bricht mittig geteilt auseinander und eine unfassbar große Schneise entsteht. Wie in einem verdammten Zeichentrickfilm.  Kurz und lächerlich muss Paul bei dem Anblick an ein Bild in einer Bibel denken, welches er einmal als kleines Kind gesehen hat, in welchem Gott das Meer teile, um die Israeliten zu retten. Nur. Dass dieser Anblick nichts mit „Retten“ zu tun hat. Denn jetzt taucht der Drache auf. Ein verdammter Drache LÄUFT durch den Dschungel, als würde er durch dünnes Schilf gehen.

Und Paul sagt nur: „Okay…“

„PAUL!“ schreit Ylva zu ihm hinüber, worauf er den Kopf wendet. Ylva rennt auf ihn zu. Eine der Explosionen hat ihr die Kleidung von ihrem ebenfalls mit Staub und Schlamm überzogenen Körper gerissen. Ihre Titten hüpfen und springen dabei lächerlich rotierend vor ihr herum. Wie in dem unerotischsten Softporno aller Zeit. Bei ihm angekommen bleibt sie nicht stehen, sondern packt Paul an seiner rechten Hand und zieht ihn mit sich: „Wir müssen hier weg! Sofort!“ Sie rennen einfach los. Sie springen über den zerborstenen Bambus des Ziegengeheges. Über die toten, verbrannten oder noch gerade so stöhnende Ziegen. Über den einen oder anderen Leib eines Menschen. Brennendes Gras. Den kleinen Weg entlang. In die Mitte des Dorfes.

Ylva und Paul sind die Einzigen, die in das Dorf fliehen, während sich alle anderen Überlebenden vor dem Drachen in den Dschungel retten. Es gibt keine Gegenwehr. Keine tapferen Krieger, die glauben es mit dem Monster auf sich nehmen zu können. Währenddessen schießt der Drache wieder und wieder seine Feuerbälle auf das Dorf ab. Aus den Augenwinkeln erkennt Paul wie auch Mi-Cock unter den Flüchtigen sind. Irgendwer muss sie aus ihrem Gefängnis gerettet haben. Gut.

„Warum zum Teufel laufen wir IN das DORF?!“ brüllt Paul Ylva an. Schon längst hat sie seine Hand losgelassen, damit sie schneller laufen können.

„Weil wir die….“ Und etwas Unverständliches.

„Weil was?“

„Weil wir die Kugel…“

„WAAAS?!!!“

„Weil wir die Kugel brauchen! Ohne sie war alles umsonst!“
Ein weiterer Feuerball schlägt hinter ihnen ein und schleudert sie auf den Boden. Ylva und Paul knallen der Länge nach auf ihre Bäuche und bleiben stöhnend liegend. Irgendwer schreit ein „Vorwärts!“ aus der Richtung des Drachen. Weder Paul noch Ylva reagieren darauf. Wieder ist Paul auf allen Vieren. Er schüttelt den Kopf hin und her. Wie ein Tier. Um wieder zu Sinnen zu kommen. Dabei erspäht er die verängstigten Kinder der Familie Mischaa unter deren Hütte kauern. Panisch flehen ihre Augen zu Paul hinüber. Große, schwarze, ängstliche Augen. Dicke, ehrliche Kinder-Tränen.

„Haut ab! Versteckt euch im Dschungel! Raus aus dem Dorf!“ Die Älteste der Mischaa-Kinder ist die erste die aus ihrer Schockstarre erwacht und auf Pauls winkende Handzeichen ihre jüngeren Geschwister in den Dschungel scheucht.

„Die KUGEL!“ brüllt Ylva von der anderen Seite. Sie steht schon wieder auf.

„Wo verdammt?!“

„Sie ist vergraben! Unter dem Dorfplatz!“ Sie muss den Platz meinen, an dem die Gemeinschaftstreffen der Dorfgemeinde abgehalten werden. Fast hätte Paul noch ein „Warum?!“ zu ihr hinübergeworfen, nur ist ihm klar, dass das jetzt auch schon keine Rolle mehr spielt.

Paul springt auf die Beine, brüllt: „Los! Los! Los!“ Und sie rennen die letzten 100 Meter bis zum zentralen Platz im Dorf. Ein Blick über die Schultern zeigt ihm, dass der Drache mit irgendetwas beschäftigt zu sein scheint. Wertvolle Sekunden machen sich breit. Ylva und Paul kommen am Festplatz und plötzlich erscheint Paul der eigentlich kleine Zeremonienplatz als eine riesige Ebene.

Noch einmal die Frage: „Wo verdammt?“

Ylvas und Pauls Augen treffen sich. „In der Mitte! Da wo das Feuer gemacht wird!“

„Na super….“
Paul rennt auf die kalten, verkohlten Holzstücke zu. Genau in deren Mitte und wirft so schnell er kann die schwarz verrußten Überbleibsel zur Seite. Das war der leichte Teil. Der schwierige ist es, den Boden zu öffnen. „Ein Königreich für eine Schaufel“, flucht Paul in sich hinein. Hinter seinem Rücken donnern schon wieder Explosionen durch den Boden. Zwar ein gutes Stück weit hinter ihnen. Aber doch. Ylva und Paul buddeln den trockenen Teil der Erde weg. Dann wird es lehmig und richtig schwierig. Ihre Finger bohren sich in den Erdboden. Fingernägel splittern und brechen. Paul schnappt sich ein Stück Holz und schlägt auf den Boden ein.

„Wie tief müssen wir?“
Ylva schüttelt nur ahnungslos den Kopf. Sie weint dabei. Paul gräbt verbissen weiter. Trotz seiner verletzten Schulter. Aus den Augenwinkeln bemerkt er einen Schatten heranhuschen, doch er reagiert nicht darauf. Als Ylva von starken Armen umschlossen wird, sieht Paul dann doch auf. Der Schweiß rinnt ihm in Sturzbächen über sein Gesicht. Er schüttelt sich um ihn nicht in seine Augen zu bekommen. Es ist Murdock, der Ylva in den Arm genommen hat. Ylvas Vater. Eine Nanosekunde lang wundert sich Paul darüber, wie ähnlich Murdock dem alten Gott des Krieges ähnelt, bis auf die langen Haare.

„Was macht ihr hier? Ich habe euch gesucht! Die anderen sind alle…“ Bellt er seine Tochter an.

„Kugel…“ bringt sie nur hervor. Murdock lässt seine Tochter los und packt Paul an seiner heilen Schulter an: „Warum setzt du deine Kräfte nicht ein! Los Junge!“

Pauls Kopf wankt überrascht ein Stück von dem Übermenschengroßen fort: „Kräfte?!“

„Deine KRÄFTE!“

Die Männer sehen sich an. Im Hintergrund schießen immer wieder und wieder Feuergeschosse in die Lunge dieses Planeten. Die Erde bebt.

„Er… Er hat sie noch nicht… Entdeckt!“ Dieses Mal ist es Ylva die ihren Vater am Unterarm packt. Murdock blinzelt. Danach nickt er. „Dann muss es wohl so sein.“ Er greift hinter seinen Rücken und holt einen kleinen Dolch hervor, welchen er Paul reicht: „Grab damit.“ Verdutzt nimmt Paul den schweren, metallenen Dolch in seine rechte Hand. In der Welt der Ma-Fag gibt es kein bearbeitetes Metall in dieser Qualität. Paul lacht kurz auf. Schüttelt seinen Kopf und meint: „Ich will gar nicht wissen wo du den die ganze Zeit versteckt gehabt hast.“ Er beginnt zu graben. Mit dem Dolch ist es einfach die Erde aufzureißen. Schnell entsteht ein breites Loch, dass von Murdocks Schaufelgroßen Händen in Windeseile vergrößert wird. Hoffnung kommt in Paul auf; vielleicht können sie es wirklich schaffen. Und. Ist es absurd zu glauben, dass wenn man in seinen Träumen stirbt, man auch wirklich stirbt?

Murdock hebt wirbelt herum. „Sie sind da?“ Ylva schreit vor Schreck auf, so dass auch Paul nicht anders kann al sich umzusehen. „Verdammte Reptilienmenschen“, knurrt Murdock. Er steht auf. Und seine ganze Körperspannung zeigt an: Er ist zu allem bereit. Murdocks nordischer Körper glänzt wie ein einziges großes Muskel in der südländischen Sonne. Seine kalte Entschlossenheit in den Augen gibt Paul das Gefühl, als wäre dieser Krieger, nur für diesen Moment geboren worden. Paul hat viele Filme gesehen. Viele verrückte Kameraperspektiven. Viele Maskeraden, die kleine Männer groß, und Trottel cool erschienen ließen. Nur so eine Aura wie die, die von diesem Mann ausgeht, hat er noch nie erlebt. Das Einzige was Paul nicht versteht, weshalb der tapfere Mi-Cock-Anführer von „Reptilienmenschen“ spricht. Die Männer haben doch eindeutig Vogelköpfe. Wie muskulöse ägyptische Götter sehen die Truppe von etwa 20 Feinden an. „Horus“-Monster, wohin er sieht.

„Grab.“ Knurrt Murdock zu Paul hinunter. Und obwohl Paul sofort wild und schnell damit fortfährt die zentrale Feuerstelle der Ma-Fag umzugraben, denkt er in seinem Innersten, dass das „Grab“ von dem Murdock gerade sprach, ihr aller sein würde. Paul sieht nicht, wie Murdock sich in Bewegung setzt.

Absolution 49,5 – Alles wieder auf Anfang?

„Also alles wieder auf Anfang…“

„Kommst du noch mit zu mir?“
„Ins Bosporus? Klar… Warum?“

„Das Übliche.“

„Das Übliche“ bestand wie zu erwarten aus dem Einatmen von Kokain. Obwohl er relativ oft mit dem Fettsack kokste, kamen sich die Beiden in der dadurch erweckten Geistesfassung selten näher. Selten war Paul so gefühlskalt wie auf Kokain. Und immer. Immer wurde der Fettsack auf dem Zeug geil. Seine Finger tappten dann geheimnisvollen Mustern folgend über sein Smartphone. Schrieb er seiner Frau? Wo war die überhaupt? Hatte die irgendwer noch einmal gesehen? Gab es die noch? Oder schrieb er vielleicht Sarah? Oder sonst wem? Und warum musste der Fettsack die Frau vom Baader so krass anpacken? So richtig tief sein. So richtig tief… Was lief hier eigentlich im Genauen? Jedoch. Es interessierte Paul in dem Ausmaß, in dem es ihm egal war. Sein Mund öffnete sich ein paar Mal in dem Versuch seine Fragen zu formulieren – er ließ es dann doch lieber wieder sein.  Das Kokain verschluckte seine Gedanken. Auch schon egal. Er konzentrierte sich lieber darauf Katha eine Whatsapp mit vielen küssenden Smileys zu schicken. Und auf die nächste Line.

Vitali und Vladimir. Die beiden Klitschko-Stuntdoubles. Waren gar nicht erst mit Hinaufgekommen. Dafür war Bobby noch aufgetaucht. Und es wurde geredet. Über die Aktion von geradeeben. Und sonst eh irgendwie alles. Eine Szene wie auf Valium.

Bobby beglückwünschte Paul zu seiner Beziehung zu Katha. Was Paul peinlich war. Während der Fettsack Paul schon wieder davor warnte, dass Frauen einen nur kontrollieren wollen. Frauen seien nur da, um hart gefickt zu werden. Das ist nun mal so. Und Paul dachte an Sarah. Und er dachte an Chris. Und an eine Fensterscheibe, die eingeschlagen wurde.

„Am besten in den Arsch. Damit sie wissen wo der Hammer hängt.“ Dabei drehte sich der vom Koks wie ein Irrer schwitzende Fettsack einen Long-Paper-Joint. Paul und Bobby sahen sich zweifelnd an. Und ohne dass sie es aussprechen mussten, wunderten sie sich darüber, was aus ihrem Freund Fettsack geworden ist. Aus diesem Typen. Der immer so gerne gelacht hat.

Dann begann Bobby coole Scheiße zu erzählen.

Und Katha.

Schickte Paul ein GIF zu. In dem zwei Katzen miteinander kuscheln.

Absolution 47 – Die Wahrheit über die Mi-Cock

„Wir konnten sie nicht in der Schlacht besiegen. Unsere tapfersten und mutigsten Krieger mussten ihr Leben lassen, doch sie konnten sie nur aufhalten. Uns Zeit verschaffen. Ein Sieg war unmöglich. Ein solcher Feind war uns noch nie begegnet. Andere skrupellose Königreiche, die unser Land wollten, jawohl. Doch solche Bestien? Ich weiß was du fragen willst, Paul. Wie sehen diese Bestien aus? Doch diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Und ich weiß, wie verrückt das klingt. Sie müssen doch Gesichter haben. Arme, Beine, eine Körpergröße, vielleicht einen Schwanz! Doch niemand kann es mit Genauigkeit sagen. Nur, dass sie für jeden der sie sieht, ein anderes Aussehen besitzen… Vielleicht macht genau das ihren Schrecken aus? Manche sehen riesige Spinnen, Insekten oder anderes Getier. Andere berichteten von Reptilien, die gebaut waren wie Menschen. Nur vollkommen nackt und… Glitschig. Wieder andere sahen ganz normale Menschen, nur mit pechschwarzer Haut und wulstigen Lippen. Krause Haare. Menschen wie du und ich… Nur… Schwarz…. Die einen erzählten von Feuerfontänen, welche sie spien. Andere sprachen nur von normalen Hieb- und Stichwaffen… Ich weiß nicht ob diese Berichte den eigenen Phantasien oder unzähligen Einzelerlebnissen entsprangen. Vielleicht war alles davon wahr. Vielleicht auch nichts… Ich kann nur sagen, dass wir keine Möglichkeit hatten, diesen Feind zu besiegen. Noch nie habe ich meinen Vater so hilflos gesehen. Er ist ein stolzer Mann, Paul. Jemand, der auf alles entweder eine Antwort weiß, oder zumindest jemanden findet, der sie ihm gibt. Solche Monster kannte nicht einmal er. Keiner von uns. Wir haben nicht einmal einen Namen für sie. Wir nennen sie Monster oder Dämonen. Es gibt keinen Ausdruck für sie, der ihnen gerecht werden würde. Was ist schon eine Bestie?“

„Hast du denn gar keinen von ihnen gesehen?“

„Ich… Ich will nicht darüber sprechen… Mit ein wenig Glück siehst du sie vielleicht nie. Mit ein wenig Glück haben wir dich ganz umsonst hierhergeholt.“

„Und ohne dieses Glück?“

„Ich muss dir nun wirklich von Thorfinn erzählen. Thorfinn war der Sohn von Klove. Sie Beide gehörten unserem Stand von Weisen an. Dabei musst du wissen. Unser Volk teilte sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch in drei verschiedene Stände. Wir lebten in Einklang miteinander. Jeder diente dem anderen, doch keiner hätte ohne den anderen überleben können. Jeder hatte in seinem Stand eine genaue Aufgabe, die er zu erfüllen hatte. In diese Aufgaben wurde man hineingeboren. Ehelichungen zwischen den Ständen waren verboten.“
„Wieso?“

„Weil es sich nicht gehört, wenn die Tochter eines Weisen einen Arbeiter heiratet.“

 „Wieso?“

„Ich… Verstehe deine Frage nicht? Es ist so.“

„Und wieso ist es jetzt nicht mehr so?“

„Da unser Volk in dieser Form nicht mehr existiert. Was hier angekommen ist, sind nur noch die Scherben unseres Volkes. Jetzt sind wir alle gleich. Bis wir wieder einen Ort zum Leben gefunden haben, in der sich die Stände neu errichten können. Vor der Flucht gab es für jedes Problem eine Lösung, in Form einer Person. Wie ich schon sagte. Jeder hatte eine Aufgabe. Ein Mi-Cock ohne Aufgabe gibt es nicht. Alles war genau aufgeteilt.“

„Es gab die Weisen, die Arbeiter. Und wer war der dritte Stand?“

„Die Feuerwächter. Sie lebten in den Bergen…“

„Ich hätte jetzt den Adel erwartet. Die Herrscher.“

„Das sind die Weisen. Wer sollte denn sonst befehlen, außer den Weisen? Worüber lachst du?“

 „Ach… Unsere Völker sind sich unterschiedlicher als du dir vielleicht vorstellen magst.“

„Wieso? Erzähl mir von deinem Volk! Ich will alles wissen! Bitte erzähl mir von dir!“

„Öhm… Ach… Erzähl mir zuerst von Thorfinn. Ehrlich gesagt kann ich dir nicht genau sagen, wieviel Zeit mir bei euch bleibt. Ich weiß nicht wie ich es beeinflussen kann, hier zu sein oder gehen zu müssen. Ehrlich gesagt wollte ich bisher immer nur wieder weg… Ich verstehe ohnehin nicht wie das Alles funktioniert.“

„Es ist Magie.“

„Nun. Das ist eine etwas dürftige Erklärung. Denn selbst wenn es so etwas wie Magie gäbe, muss sie nach irgendwelchen Gesetzen funktionieren. Selbst Zauberei hat einen Ursprung, der mit irgendwelchen Umständen verbunden sein muss.“

„Magie ist wie die Sonne. Sie ist immer schon dagewesen.“

„Oh… Glaub mir… Die Sonne ist von meinem Volk gut erforscht worden.“

„Ihr wart auf der SONNE?“

„Ne. Ne, ne. Wir haben sie beobachtet. Den Mond haben wir besucht… Du musst wissen, dass mein… VOLK, ähm die Fähigkeit hat die Erde zu verlassen.“

„Den Mond! Magie!“

„Nein… Es ist… Eine besondere Form von Magie. Vereinfacht gesagt gibt es mehrere Orte wie die Welt in der wir leben. Du hast eine davon gesehen. Ich auf jeden Fall. Als ich deine Kugel berührt habe, sah ich eine weitere Welt, du natürlich auch.“

„Die große Kugel?“
„Genau. Die Sonne ist so etwas ähnliches.“
„Wir müssen sie finden.“

„Wen? Die Sonne?“

„Nein, die anderen Kugeln!“

„Ich… Verstehe nicht…“

„Wir müssen sechs Kugeln finden. Diese hier, ist nur eine davon.“

„Es gibt noch fünf… Wo sind sie?“

„Deswegen haben wir dich gerufen. Du musst mir helfen die Kugeln zu finden!“

„Wie soll ich denn?… Ich hab keine Ahnung wie ich diese Dinger finden könnte.“

„Ist dir irgendetwas aufgefallen als du hierhergekommen bist? Ist dir irgendein Ort besonders vertraut?“
„…“

„Irgendwas?!“

„Tja… Ganz ehrlich… Mir ist nichts aufgefallen.“

„Du wirst es sicher noch verstehen…“

„Was hat das mit dieser Thorfinn-Geschichte zu tun? Und was bringt es alle 6 von diesem Kugeln zu besitzen.“

„Wenn wir alle 6 Kugeln haben, können wir die Dämonen besiegen.“

„Und wie?“

„Das weiß ich nicht. Das hat Klove uns nicht verraten.“

„Wo ist Klove? Ist er bei Thorfinn?“
„Sie sind Beide gestorben. Klove wurde gefressen.“

„Das ist übel. Und Thorfinn?“

„Ich… Ich weiß es nicht… Er ist in ein Licht gegangen.“

„Der Logik aller Filme nach lebt er also noch…“

„Film?“

„So nennen wir unsere Überlieferungen. Wir erzählen sie uns zu unserer Unterhaltung.“

„Thorfinn sollte das Medium sein, durch das wir die Pforte in deine Welt öffnen. Klove wusste wie groß die Bedrohung ist. Er hat sogar seinen eigenen Sohn geopfert… Ban… Paul. Nachdem was ich gesehen habe, glaube ich nicht an ein Überleben von Thorfinn…“

„War auch nur eine Vermutung…“

„Also? Hilfst du uns? Hilfst du dieser ganzen Welt zu überleben? Wenn du eine Belohnung benötigst ich… Ich habe natürlich bemerkt wie du mich ansiehst, und…“

„NEIN! Nein, nein… Ich weiß nicht… Du bist außerordentlich hübsch und… Ich… Ich… Weißt du… Jetzt… Jetzt wo das Ganze irgendwie real geworden ist… Also vorher, bevor ich die Kugel berührt habe… Da… Versteh mich nicht falsch. Du bist unglaublich geil… Aber jetzt… Nicht so… Nicht in der Realität…“

„Bin ich denn nicht nur eine weitere Frau für dich? Eine Wilde?“

„Ja… Und nein… Das warst du. Also du nicht echt für mich warst… Jetzt… Jetzt bist du für mich zu einem Menschen geworden… Ich weiß das klingt bescheuert…“
„Ist es wegen deiner Freundin? Wegen Techno?“

„Was?“

„Du meintest du liebst Techno.“

„Äh nein. Das ist. Das ist Musik. Doch da ist jemand. In meiner Welt… Egal… Weißt du. Irgendwie ist jetzt alles anders. Das alles hier“ Banyardis Arme machen eine ausholende Geste. „Ist plötzlich Wirklichkeit geworden… Du… Du hast mich überzeugt.“

„Also hilfst du mir?“

„Ja… Nur… Wie?“

„Das ist fantastisch! Wir müssen die Kugel finden, die hier im Dorf ist!“

„Hier im Dorf? Ich dachte wir begeben uns auf eine Reise oder so…“

„Das sind wir schon. Wir sind schon auf der Reise die Kugeln zu finden. Oder warum glaubst du ist ein Volk, dass so stark ist in der Gefangenschaft deiner Ureinwohner? Was denkst du warum wir hier sind?“

„Ihr… Ihr habt euch gefangen nehmen lassen?“ „War das denn nicht vom ersten Augenblick an offensichtlich?“

Absolution 45 – Fantasy ist ein Witz

15

„Was hast du gesprochen?“

„Ach scheiße…“

„Was du gerade zu mir gesprochen hast?“

Paul lacht Ylva über Banyardis Mund in ihr Gesicht: „Bin ich doch wieder hier. Ich glaub´s ja nicht.“

Ylva sieht ihn mit großen Augen an. Sie flüstert: „Wusste ich es doch…“
Wieder steht Paul im Körper des Wilden Banyardi im Urwald und wieder redet er mit Ylva, dem weiblichen Superwesen jeglicher Männerphantasien. Was für ein Zufall. Selbstverständlich schickt ihn seine Phantasie zu dieser heißen Mieze zurück und nicht zu den anderen Dschungelbewohnern. Was haben die ihm auch schon zu bieten? Nur hat Paul jetzt keine Lust mehr.

„Jetzt ist Schluss, YL-VA!“ grinste Paul sowohl amüsiert als auch genervt die Mi-Cock-Prinzessin an. „Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß.“

„Banyardi! Was war der letzte Satz, den ich zu dir gesagt habe?“

Darauf zuckt er mit den Schultern. „Davon abgesehen, dass es mir total Wurst ist was Banyardi gerade gesagt hat, weiß ich es nicht. Okay?

„O… Was?“ Ylva macht erschrocken einen Schritt zurück. Doch. Ihre Augen bleiben neugierig. Sie ist weder so überrascht wie Paul es erwartet hätte, noch scheint sie Angst vor dem Wechsel in Banyardis Kopf zu empfinden.

„Ich wusste das in dir zwei Seelen leben“, mit dem Satz macht sie wieder zwei Schritte an Banyardi heran. „Ich wusste, dass die Zeremonie etwas gebracht hat. Nur das du… Und hier… Und erst jetzt…“

Paul schiebt Ylva sacht drei Schritte von sich weg. Sie war eindeutig zu nah gekommen, was sich für Paul noch immer sehr unangenehm anfühlt. Außerdem hat er jetzt eine Freundin.

„Ja, ja“, winkt Paul ab. „Zeremonie. Ma-Fag. Mi-cock. Blahblahblah. Gute Frau. Ich brauche all das nicht mehr. Ehrlich gesagt, denke ich, dass ich das nie gebraucht habe. Kein Plan was mein Unterbewusstsein das ausgeheckt hat.“

„Du verstehst nicht!“ Ylva will sich wieder auf Paul zu bewegen. Sie lässt es nach einer Sekunde des Zögerns. „Wir haben dich gerufen.“

„Natürlich habt ihr mich gerufen! Euch gibt’s ja auch alle gar nicht. Euch gibt es nur in meinem Kopf. Der denkt aber, dass er euch braucht. Das ist aber Bullshit. Ihr seid alle nur Projektionen meines…“ Paul muss schlucken. „Wahnsinns… Durch dich geile Sau kom-pen-SIERE ich nur irgendwas in meinem Kopf. Das ist jetzt aber vorbei. Ich bin jetzt nicht mehr alleine.“

„Wer bist du? Erzähl mir nur wer du bist! Sag mir ob du der bist, den wir gerufen haben?“
„Mann das war noch Zeiten als ich mir druff einen runterholen konnte und meine RUHE hatte… Wie soll denn das in Zukunft laufen? Ihr macht mir JEDES Mal meinen Film kaputt…“
„Wer glaubst du, dass du bist? Gerade warst du noch ganz anders. Gerade haben wir noch über den Dschungel gesprochen und…“

„Ich habe keine Ahnung von. DSCHUNGEL. Ich lebe im verdammten 21 Jahrhundert. In einem Haus (Paul formt mit zwei Finger ein Strichhäuschen in die Luft) und gehe ar-beiten. Kennt ihr ja nicht… Ich liebe TECHNO auch wenn jeder Idiot heutzutage ELECTRO dazu sagt. Ist komisch. Ich weiß. Ist aber so.“

„Wer ist diese Techno?“
Paul lässt den Kopf überzeichnet sinken: „Echt jetzt?“
„Wie ist ein Name? Dein richtiger Name?“
„Paul. Mein Name ist Paul.“

„Und du kommst aus einer anderen Zeit?“

„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich vom gleichen Planeten komme wie ihr Wilden.“
„Paul, hör mir zu.“ Ylva geht wieder auf ihn zu, ergreift seine beiden Hände und blickt ihm von unten tief in seine Augen. „WIR haben dich gerufen, weil wir deine Hilfe brauchen. Die Mi-Cock sind der Grund weshalb du hier bist. Noch bevor die Monster uns überfallen haben, noch vor unserer Flucht, haben wir eine Zeremonie abgehalten um jemanden wie dich zu holen. Wir dachten, du würdest in den Körper von Thorfinn eintauchen… Der arme Thorfinn… Er…“

„Nichts davon ist wahr“, Paul reißt grob seine Hände aus Ylvas Griff. „Ist dir außerdem schon mal aufgefallen das es in jeglicher Unterhaltungsgeschichte immer einen ERLÖSER geben muss? Von Star Wars über Matrix bist zu Herr der Ringe. Das ist so DÄMLICH und unkreativ. Das ist alles Bullshit!“

„Was?“

„Das ist alles UN-SINN!“

„Bitte sei nicht so laut. Die Ma-Fag werden auf uns aufmerksam…“

„Na wenn schon?! Es GIBT keine Ma-Fag! Verstehst du? Ach… Wie solltest du das auch verstehen?…“
„Banyardi… Paul… Wir haben dich gerufen, damit du mir helfen kannst sie zu finden.“

„Was zu finden denn?“ Paul breitet seine Arme aus.“ „Was zum Teufel glaubt ihr denn hier finden zu können?“

Eine Hand legt sich auf Pauls kräftige Banyardi Schulter. Unwirsch dreht Paul sich um und wischt sie weg. Erschrocken taumelt Maya zurück. „Mein Sohn, was ist geschehen?“ Paul hält inne. Maya zu Sehen verändert etwas in ihm. Banyardis Gefühle zu seiner Mutter stürzen über ihn herein. Sofort bereut er es seine Mutter so brüsk behandelt zu haben. „Mutter… Ich… Ich wollte nicht… Ich wusste nicht…“ Und sofort sah er in ihren Augen, dass es gut war. Maya würde es ihm nicht allzu lange verübeln, aus der Rolle gefallen zu sein. Hierfür. Traf ihn keine Schuld.

„Ich muss um Verzeihung bitten Mutter. Der Rat hat mich gebeten mit Ylva zu reden.“

„Welcher Rat mein Sohn?“

„Ähm. Kamyor hat mich gebeten.“

Absolution 38 – Tätersuche

Dreizehn schlaflose, wirre Stunden später stand Paul verplant im Lidl und konnte sich nicht entscheiden, welche Tiefkühlpizza besser zu seinem Charakter passte: Eine No-Name oder „Doktor Oetker“. Unvermittelt spielte sein  Smartphone „Human after all“ von Daft Punk ab. Pauls Reaktion darauf war ein Seufzen und Fummeln in seinen Taschen nach dem Telefon. Es war heute in der Arbeit schon hart genug gewesen. Irgendwie hatte er sich durchgemogelt, ohne allzu viel Aufsehen zu erregen. Wie so oft. Er hatte Dienst nach Vorschrift abgespult, mit dem Motto: Lieber heftiger ranklotzen, dann stellt auch niemand irgendwelche dummen Fragen. Sich nur nicht gehen lassen, konzentriert bei der Arbeit bleiben. Die ersten Stunden waren wie immer die beschissensten gewesen. Hatte man die aber mal hinter sich, klappte auch der Rest des Tages. Nur nicht der Stimme im Kopf nachgeben, dass man doch voll im Arsch sei und einfach heimgehen sollte; die Variationen der Ausreden um früher zu gehen sind unendlich und wurden mit den Wochen dennoch immer dämlicher. Er konnte nicht schon wieder einfach abhauen. Also einfach durchziehen. Um danach zuhause ins Bett fallen zu können. Und nun doch wieder Daft Punk… Der Fettsack rief an. Natürlich.

„Servus. Dicker, bist du fertig mit der Arbeit?“

„Ich bin MEHR als fertig… Ich bin Hundemüde und…“ begann Paul zu lamentieren.

„Du bist IMMER Hundemüde! Du musst sofort vorbeikommen! Hast du das Bild nicht bekommen?“

„Doch, klar. Heftige Sache… Aber ich bin so im Arsch…“
„Ausreden gibt´s da jetzt nicht. Kriegsrat. Du musst rüberkommen. Heute! Müdigkeit vortäuschen zählt nicht!“
„Wieso denn vortäuschen?…“
Pause.

Dann der Fettsack: „Dicker. Ich brauch dich.“

„Oh fuck… Ja. Ich bring noch meinen Scheiß heim. Bin Einkaufen.“

Eine halbe Stunde später saß Paul tatsächlich auf dem Sofa im Bosporus. Er war total durch. Und beeindruckt. Wie der Fettsack den „Junkie“-Schriftzug so schnell von der Scheibe bekommen hatte.

„Mitm Golfschläger.“ War die Antwort. „Erschien mir als schnellste und beste Lösung… Diese Wichser!“

Paul (langsam im Kopf): „Mitm Golfschläger?“

Boris, den alle Bobby nennen, drehte sich abschätzig zu Paul um und erklärte es ihm schmunzelnd: „Du Trottel. Er hat die Scheibe eingeschlagen.“

Paul mochte Bobby. Zwar war er einer dieser „falschen Freunde“, mit denen sich der Fettsack umgab. Einer von den Typen, mit denen er nichts gemeinsam hat, außer die Sucht nach Drogen und Partys. Trotzdem mochte Paul Bobby. Vor ein paar Jahren waren sie sogar einmal sehr gute Freunde gewesen. Dann aber, hatte das Leben so gespielt.

Paul total überfordert: „Wo hast du denn GOLFSCHLÄGER her?“

Fettsack: „Ist doch egal! Mann!“ Er zog vor lauter Wut die Bong schlürfend durch. Schüttelte kurz den Kopf und lies den Rauch wieder aus seinen Lungen qualmen. „Die mach ich fertig!“

„Und wen?“ fragte Paul, der immer noch irritiert über das Golfer-Geheimnis seines Freundes war und nuckelte an seinem Spezi.

„Irgendwelche NEIDER!“ raunte der Fettsack.

„Joa“, nickte Bobby. „Ist ne Theorie. Verdammter Kleinstadt-Scheiß. Die gönnen es halt niemandem seinen Erfolg auszuleben. Weil die nichts auf die Reihe bekommen als über andere zu lästern.“

Die anderen Zwei nickten.

„Ich hab dir das aber schon dutzende Male gesagt: Du musst dich mehr unters normale Volk mischen. Die zerreißen sich doch hinten rum das Maul über dich. Du glaubst gar nicht wie oft ich auf dich angesprochen werde, was denn jetzt wieder bei dir los war“, fuhr Bobby fort und stopfte sich neben zu einen Topf für die Bong.

„Scheiß drauf… Ich hab keinen Bock unter Leute zu gehen…“ grummelte der Fettsack.

Paul sah müde Bobby dabei zu, wie er den Topf durch die Bong sog. Dann lachte Bobby: „Unter Leute… Unter Leuten… Klingt nach Juli Zeh. Hast du das gelesen?“

Paul: „Hä?“

Bobby: „Na UNTER LEUTEN! Das Buch von Juli Zeh!“
„Was? Ne… SPIELTRIEB hab ich mal gelesen. Fand ich aber… Poh… Sehr unglaubwürdig geschrieben.“
„Die hatte doch noch… Die hatte doch noch… Mensch…“ Bobby rang mit seinem bekifften Selbst, „So´n anderes Buch… Irgendwie mit Staatlicher Überwachung oder so. Internet… Weiß nicht mehr… (Pause) Das war aber gut.“
Paul: „Ja… Puh…“

Fettsack: „WAS JUCKT MICH FUCKIN JULI ZEH, MANN!“

Bobby, total bekifft: „Das nenn ich mal ne Kritik. Voll korrekte Message, Diggi.“

„Mann! Fuck!“ fluchte der Fettsack. „Ich will wissen welcher Psycho, das scheiß JUNKIE auf meine Scheibe gesprayt hat!“

„Ach gesprayt… Deswegen Golfschläger… Da hätte es Terpentin aber auch getan. Geht ganz easy wieder ab“, merkte Paul an.

Fettsack: „Auch schon egal. Mir war danach… Scheiß auf die Scheibe… Wichtiger ist, WER das war. Gar keine Ideen?“

Paul: „Hast du irgendwen abblitzen lassen? Gibt´s irgendwer der sich von dir beschissen fühlt?“

„ICH HAB NIEMANDEN BESCHISSEN! Was ich hier Geld für den Scheiß raushaue! Da bin IMMER ICH der Beschissene! Ich zahle IMMER MEHR für korrektes Zeug. Aber meistens dann doch wieder nur MIST den sie mir verticken wollen!“

„Könnten wir beim Thema bleiben? Irgendwelche Feinde?“, Paul riss sich zusammen und wollte die Unterhaltung voranbringen. Sonst würde er hier nie wieder wegkommen.

„Ich hab keine Feinde…“
Mit einem schiefen Blick auf Bobby, der inzwischen einfach nur platt im Kanapee hing wie ein Boxer in den Seilen. „Oder ehemaligen Freunde?“

Blitzgescheit und plötzlich sehr wach sah Bobby Paul an und machte: „Hm.“
„Ganz ehrlich. Kein Plan“, der Fettsack resignierte ein wenig.

„Mit dem Neid. Mit dem hast du wahrscheinlich recht“, auch Bobby riss sich jetzt zusammen. „Doch wen interessiert das denn überhaupt? Scheiß doch auf die ganzen Deppen, die einem ehrlichen Händler und Großverdiener seinen Erfolg streitig machen wollen.“

Paul: „Stimmt doch. Wenn´s die einzige Aktion in der Richtung bleibt, dann verbuch das unter Neider. Und ganz ehrlich. Könnte schlimmer sein.“

„Es könnte aber auch noch schlimmer werden“, grollte der Fettsack.

„Da hast du Recht“, nickte Paul und trank sein Spezi leer. Er nahm sich vor einmal mit Chris zu reden. Nein. Er musste mit Chris reden. Ansonsten fiel ihm kein Verdächtiger ein. Doch das konnte er dem Fettsack nicht sagen.

„Was sagt eigentlich deine Frau dazu?“ erkundigte sich Paul.

 

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Absolution 37 – Der Anfang vom Ende

Kapitel 13

„Puh“, puhte Paul. Zurück in der realen Welt, rieb er sich erst einmal die roten, wunden Augen. Schlief er? Hatte er geschlafen?…

Die Wände seiner Wohnung waren kalt und steril.

Was war diese andere Welt? Wahnvorstellung? Traum? Wirklichkeit? Zeitvertreib?… Einfach nur ein Ausweg seines Verstandes sich vor einer Realität zu retten, mit der er schon lange nicht mehr klarkam? Spielte es überhaupt eine Rolle? Was juckten ihn diese blöden Kinder. Immerhin schmerzte ihm nach diesem Trip keine Stelle seines Körpers. Er war weder wundgelegen, noch wundonaniert. Seine Rückmuskulatur vom falschen Sitzen nicht verzogen. Tatsächlich hatten seine „Kurztrips“ in die Welt des Dschungelvolkes die ganze Idee seiner einsamen Sessions über den Haufen geworfen. Es zog sich weder Pornografie rein, noch hatte er seine Triebabfuhr. Er wusste nicht einmal, ob die Drogen überhaupt noch wirkten; okay, ohne die Drogen gäbe es auch keine Reisen. Schließlich musste er immer „drauf sein“ sein, um in der anderen Welt „drin zu sein“. Merkwürdig blieb, dass er sich in der anderen Welt immer mehr wie in der Wirklichkeit gab… Er war nicht mehr der, der die Geschichte formte und alle Figuren beherrschte. Er entschied nicht mehr wie es weitergehen würde, noch wie sich die Leute zu verhalten hatten. Irgendwie… Wurde sein Wahn von dem von ihn erdachten Figuren demokratisiert… Was passiert da? Dennoch war nicht abzustreiten, dass ihn diese „Reise ins Ich“, dieser Fantasy-Trip ebenso süchtig machte, wie seine Selbst-Sex-Sessions zuvor… Paul hatte viel über sie nachgedacht, über diese Porno-Träume. Warum er es tun musste, weshalb er diese Form der Selbstbeherrschung brauchte… Und so irre es war: Es ergab Sinn. Es machte einfach Sinn vor den Leiden der Tatsächlichkeiten in eine bessere Welt zu fliehen, in der er der omnipotente König aller Möglichkeiten und Lebensformen war. Aber dass jetzt… Irgendwie… Fehlten ihm seine Sexträume. Und doch… Vielleicht war dieser Fantasy-Kram einfach nur ein Ausweg, den ihm sein Verstand aus seinem selbsterwählten Dilemma der Einsamkeit zeigen wollte. Möglich, dass dieses Fantasy-Zeug eine unterbewusst logische Fortsetzung seines Dilemmas war. Ob es sich hierbei nun um einen Ausweg oder eine Verschlimmerung der Situation handelt, konnte er bei Gott nicht feststellen. Wie auch immer.

Er seufzte abermals. In seinem Zimmer roch es nach Lösungsmittel. Vielleicht. War es auch nur der Geschmack in seinem eigenen Mund.

Wasser. Hilft. Immer.

Er fühlte sich gar nicht verspannt wie sonst, als er sich ziellos in seinen 4 Wänden umsah. Nur müde. Ja. Müde war er. Was eine gute Sache war. Schlaf ist und bleibt die einzige Form von Erlösung…

Ein Lichtschein an der Wand erregte seine Aufmerksamkeit. Hatte er den Kühlschrank aufgelassen? Paul verdrehte seinen zähen Körper in die Richtung des Geräts. Er konnte sich gar nicht… Auf war das Ding trotzdem. Das Kühlschranklicht war die einzige fremde Lichtquelle im Raum, bis auf den PC-Bildschirm, der unterkühlt sein trauriges Licht an die sterilen Wände warf. Das Surren des Kühlaggregats als das einzige Geräusch im Raum. Viel lauter als der schnaufende Ventilator seines Rechners.

Mit leicht verspannten, knacksenden Gliedern ging Paul hinüber zu seinem Kühlschrank, in seine Küche, bei der zu allem Überfluss auch noch die Türe auf war und theoretisch die Nachbarn hineinsehen konnten. Paul schloss den surrenden Kühlschrank.

Pauls innere Stimme: „Hm. Das Gehirn speichert nicht jeden unsinnigen Kram, den wir Menschen machen. Sonst würden wir verrückt werden.“ Irgendwo hatte er das mal gelesen. Wahrscheinlich im Internet. Klang trotzdem logisch. Neben dem Kühlschrank standen zwei Flaschen Wasser, von denen er zwar auch nicht wusste wann er sie dort hingestellt hatte (Paul stellte nie 2 geschlossene Flaschen nebeneinander irgendwohin), nur war ihm dieser Umstand egal. Er nahm einen tiefen Schluck, schnappte nach Luft und fasste in dem fürs erste Mal das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen. Ist nicht so besonders gut zu viel Chemie in einem trockenen Mund zu haben. Nicht das ihm auch noch vom Speed die Zähne abfaulen.

Seine Beine fühlten sich weich an. Wie aus Gummi. Jeden Schritt den er hinüber in sein Bad machte, ist vorsichtig gewählt und exorbitant leise, so als ob er an jemanden vorbeischleichen müsste. Eine unbewusste Reaktion auf die absolute Stille, die ihn umgab. Er verfiel oft in dieses Nächtliche Schleichen durch seine Wohnungen und hatte sich selbst daran gewöhnt. Auch aus den Nachbarwohnungen war kein Geräusch zu hören. Es war schon zu spät. Zu dunkel. Zu sehr Schlafenszeit. Das einzige Geräusch schien das Rauschen des Mondes zu sein, wie er dort oben über das Firmament glitt.

 

Die Überraschung die im Bad auf ihr wartete, registrierte er sofort. Nicht jedes Detail springt einem auf Speed gleich ins Auge. Je nach Draufheitsgrad kann man schon mal Details übersehen, wie Handwerker auf dem Balkon oder andere, vergleichbare Dinge, die gerade nicht im Aufmerksamkeitsfokus des Druffis liegen. „Spontan“ ist man selten auf Drogen. Doch was im Fokus liegt und einen gewissen Erwartungsgehalt besitzt, wird mit höchster Disziplin vom Verstand erfasst und verarbeitet. Das war bei dem Post-It-Zettel nicht der Fall, der mittig auf seinem Badezimmerspiegel klebte. Paul bemerkte ihn aber sofort. Seine Reaktion war: Totale Verwirrung. Seine ganze Körpersprache, sein ganzes Gesicht wurde zu einem einzigen: „Hääähhh? What the…?“ Er kniff seine Augen zusammen um mit seinen von den Drogen geweiteten Pupillen etwas erkennen zu können, riss den Klebezettel von seinem Spiegel und konnte darauf seine eigene, krakelige Schrift dechiffrieren, die ihm mitteilte: „Katha ficken.“ Paul. War baff. Wann hatte er?… Und warum? Er ließ den Zettel sinken und blickte sich selbst mehr als ratlos in dem Spiegel an. Sie sahen sich in die Augen. Er und der andere. Dieser Fremde, der ebenfalls so überrascht war wie er selbst.

„Katha ficken?“ seine eigene Stimme erschreckte ihn. Ebenso wie Paul sein eigenes Spiegelbild nicht geheuer war. Das war es ihm nie, wenn er Drogen genommen hatte. Sich nur nicht zu lange selbst in die Augen schauen. Schnell inspizierte er noch einmal das Post-It. Das war seine Handschrift. Keine Frage. Nicht schöngeschrieben. Aber trotzdem. Wann und… Warum? Hatte er das aufgeschrieben und an seinen beschissenen Spiegel geklebt? Damit er es selbst finden würde? Warum musste er sich überhaupt daran erinnern? War es denn nicht offensichtlich das er… Was von Katha WOLLTE? Weshalb sollte er ZUR ERINNERUNG so einen blöden Zettel ausfüllen? Was wollte er selbst sich damit sagen? Wieder sah er sein dumm guckendes Ich im Spiegel an. Die Vulgarität seiner Notiz verdutzte ich noch mehr. „Ficken“ zu denken war kein Problem für ihn. Aber als AUFGESCHRIEBENE Notiz? Das passte nicht zu ihm. Was ist denn hier los?

„Cool bleiben.“ Sagte er sich in Gedanken. „Das ist jetzt ein wenig strange. Okay. Aber… Könnte schlimmer sein. Man sollte vielleicht nicht zu viele Drogen nehmen, wenn man eh ein wenig durch ist. Und der Schlafmangel! Denk an den Schlafmangel! Ja genau! Den darf man nie außeracht lassen. Der führt oft zu einigem Irrsinn. Gut das du mich daran erinnerst… Klar. Kein Problem… Mit wem rede ich überhaupt?“

Das wurde ihm jetzt doch ein wenig zu irr… „Hör auf mit dir selbst zu reden! Gute Idee! Ahhh!… Halts Maul!“ Paul zerknüllte den Zettel, machte schwunghaft das Licht aus, ging durch das Wohnzimmer wieder hinüber in sein Schlafzimmer und warf sich nackt in die Laken. „Einfach. Ruhe. Jetzt. Niemand sagt was!“

So lag er da. In der Stille. Eine Minute lang. Zwei Minuten. Dann gingen die Gedanken wieder von vorne los. Sich in der Dunkelheit von irren Drogen-Gedanken überrennen lassen, die sich dann im Kreise drehen, bis sie plötzlich zu einem Strudel aus Wahnsinn werden, in der er sich immer wieder die gleichen Fragen stellte, bis er auf irgendeine Lösung kam, die er dann dank der Drogen wieder sofort vergessen würde, und das alles wieder von vorne beginnen würde, wie in schon viel zu vielen Nächten, ne, auf den Scheiß hatte er jetzt keinen Bock. Zu oft war er in absoluter Dunkelheit dagelegen und hatte sich selbst verrückt gemacht und jeden möglichen Unsinn eingeredet, bis er am Ende gar nicht mehr wusste, was wahr ist und was er sich ausgedacht hatte; Dunkelheit und Drogen: Ganz schlechte Idee. Er war viel zu unkonzentriert um jetzt klar zu bleiben… Reize! Er brauchte Reize. Irgendwas, was ihn ablenken würde. Das Handy! Natürlich! Alle sehen auf ihr Handy um sich abzulenken! Guter Plan, dann würde er diesen blöden Zettel gleich vergessen haben. Irgendein Quatsch auf Instagram würde ihn bestimmt unterhalten. Was sollte das auch mit dem Zettel? Ist doch eh egal. Ist doch nicht schlimm. Manchmal, ist man halt ein wenig durch. Passiert. Und das nicht zum ersten Mal. Wahrscheinlich auch nicht zum letzten…

Er ertastete neben seinem Bett das am Ladegerät angesteckte Smartphone, stöpselte es ab, machte es an (das Licht war hell, erschreckend hell und doch sehr angenehm in der Dunkelheit seiner Drogenparanoia) und sah sofort, dass der Fettsack ihm vor etwa drei Stunden eine Whatsapp-Nachricht geschickt hatte. Es war ein Foto, unter dem stand: „Weißt du irgendwas darüber?“ Paul kniff wieder die Augen zusammen. Das Handy war schon verdammt grell in dieser absoluten Dunkelheit. Aber er kannte das was auf dem Bild war. Das Foto zeigte… Wenn er das richtig sah und sein Kopf das Bild richtig zusammenfügte. Eine Außenaufnahme des Bosporus. Dem kleinen Club vom Fettsack. Die ehemalige Dönerbude. Auf dem Handyfoto war es eindeutig Nacht. Im Gebäude war es dunkel. Nur hatte von außen jatte irgendwer mit rosa Sprühfarbe: „Junkie“ auf die Scheibe gesprüht. Ja. Also. Irgendwer hatte an Fettsackshaus „Junkie“ geschrieben. Alter Falter! Harte Suppe… Was für ein Scheißdreck… Ob er darüber irgendwas wusste? Woher sollte Paul?… Wie in alles in der Welt?… Was zum Henker?… Warum sollte gerade er? Der Fettsack dachte doch nicht etwa?

Paul. Begriff. Nichts.

Er knippste das Zimmerlicht an. Warf das Handy in die Laken und holte sich aus dem Kühlschrank ein kaltes Bier. Er köpfte es und setzte sich vor dem Kühlschrank auf dem Boden. Ganz ruhig bleiben.