Stereotyp – 4 – Die Reise in den Westen

Da saßen sie nun, eingequetscht in den „guten Wartburg“, wie Großvater sein treues Gefährt stets nannte. Am Steuer der Herr Papa, neben ihm auf dem Beifahrersitz die Mama, hinten die Großeltern und in der Mitte hilflos eingequetscht der kleine Paul, der damals noch ganz anders hieß. Mehrfach hatten sich die Großeltern darüber beklagt, Paul doch zuhause zu lassen, da es einfach viel zu eng auf der kleinen Rücksitzbank des Wartburg sei. „Das wird schon irgendwie gehen“, nickte der Vater mit seiner Zigarette im Mund nach hinten, „heute ist der Junge bares Geld wert. Auch für den wird uns die BRD Geld geben. Endlich zahlt es sich mal aus, ein Kind gezeugt zu haben.“ Da lachte die Frau Mama. Die Großeltern seufzten. Die Grenzen waren auf, das wussten sie. Und doch hatten die Großeltern, die fast ihr ganzes Leben in der Deutschen Demokratischen Republik verbracht hatte, Sorge, nicht mehr in das geliebt/verhasste Land zurückgelassen zu werden. In ihrer Welt waren noch keine harten Fakten geschaffen worden. Schließlich standen die Panzer der UdSSR noch vollbetankt und vor neugierigen Blicken versteckt im Land.

„Nicht nach Berlin“, gab der Vater die Marschrichtung aus. Dabei wäre es für die Familie näher gewesen, in der geteilten Landeshauptstadt in den Westen zu gehen. „Denn da wollen sicherlich alle hin. Die Ost-Berliner sowieso. Und bestimmt werden auch die Berlin Wessis mal in den Osten schauen. Da kommen wir doch nicht voran. Am Ende macht der Kohl die Geldschatulle zu. Ne. Wir fahren einfach über den Grenzübergang Marienborn.“

„Wird da nicht auch total überfüllt sein?“ warf die Oma ein.

„Das ist ja noch weiter!“, entrüstete sich der Großvater.

„Schnickschnack!“ winkte der Vater ab. Der Wartburg hatte sich schon auf den Weg gemacht. „So viel weiter ist das nun auch nicht.“ Und so ging sie los. Paul Flemings erste Reise in den Westen.  Sein Vater und seine Mutter waren in Hochstimmung und sagen zum Hohn alte Volkslieder der DDR. Dabei rauchten sie unaufhörlich wie die Schornsteine des deutschen Wirtschaftswunders. Die Großeltern saßen stumm und bockig auf der Rückbank. Paul konnte kaum aus dem Fenster sehen vor lauter Familie und Rauch um sich herum. Einerseits war es eine gute Wahl von Pauls Vater gewesen, nicht nach Berlin zu fahren, wo Hundertausende Menschen sich über die alten und neu geschaffenen Grenzübergänge drängten. Beamte verteilten Millionen Visa und vor den Sparkassen und Banken entstanden Menschenschlangen die über hundert Meter lang sein konnten. Das Problem mit dem Grenzübergang Helmstedt/Marienborn war nur: An diesem Tag sollten bis zu 14000 Autos die Grenze von Ost nach West überqueren, was erhebliche Wartezeiten erzeugte. Die Grenzbeamten der DDR waren heillos überfordert. Das Warten tat der guten Stimmung von Pauls Eltern keinen Abbruch. Soweit waren sie schon gekommen, die paar Minuten oder Stunden waren auch schon egal. Den Großeltern dagegen wurde in dem Auto-Meer aus Trabanten und Wartburg immer mulmiger. Die Füße taten ihnen weh und sie konnten die Euphorie der Menschen, die aus ihren Autos Johlten und Winkten wenn die Schlange sich wieder für einige Meter in Bewegung setzte, immer noch nicht ganz teilen. Irgendwann war es dann war es soweit. Ein sichtlich erschöpfter Grenzer winkte sie zu sich heran. Der Vater grinste den Beamten mit dem erschöpften Blick an. Der nickte nur und winkte sie weiter. Vater trat aufs Gas.

„Brauchen wir denn keine VISA!!“ Der Großvater beugte sich erschrocken zu seinem Schwiegersohn nach vorne.

„Ach scheiß drauf“, winkte der nur ab. „Glaubst du hier haben alle ein Visa?!“

„Aber was ist wenn sie uns nicht mehr zurücklassen?!“

 „Vater“, Pauls Mutter drehte sich zu ihrem Vater nach hinten: „Die werden noch froh sein, wenn wir überhaupt zurückkommen.“

„Ach…“, seufzte die Großmutter und nahm Pauls Hand. Paul lächelte sie an. Er hatte sie immer gemocht. Die kleine dünne, grauhaarige Mutter seiner Mutter. „Es war ja nicht alles schlecht“, seufzte sie dann noch.

„Außerdem werden die uns am Auto erkennen“, zwinkerte Pauls Vater in Richtung Rücksitzbank.

Die Familie war nicht nur wegen des Geldes in die BRD gekommen. Es ging darum endlich das tun und lassen zu können, was ein freier Bürger wollte und konnte. Das Geld war nur die beste, wenn auch peinliche Ausrede für die lange Fahrt. Die Freiheit die sie dabei genossen, war mehr wert als jeder Geldschein. Sie kamen sich auch nicht vor wie Bettler, als sie ein paar Kilometer später an einer Sparkasse in einem Menschenpulk anstanden, in welchem sie sofort neue Freunde fanden. Nur Ost-Deutschler waren hier: „Wie daheim!“ lachte ein Mann mit Schnauzbart im Alter von Pauls Vater sie an. „Und doch ganz anders“, nickte Pauls Mutter dem fremden Mann glücklich zu. Dann umarmten sie sich. Einfach so. Der Fremde und die Frau. Im Glück vereint. Und obwohl Pauls Vater von der eifersüchtigen Sorte war, hatte er nicht dagegen, wie ein anderer Kerl seine Alte in die Arme nahm. Nie wieder hatte Paul sich so viele Menschen umarmen sehen. „Als wäre Deutschland zu einer verdammten Sekte geworden“, spottete er später über diese Zeit. Zwar tat es allen Ost-Deutschen sichtlich gut das Begrüßungsgeld in den Händen zu halten, doch die Menschen waren nicht aus Gier hier. Tatsächlich war die Familie in dem Supermarkt, den sie nach der Sparkasse aufsuchten, ziemlich erschlagen von der Auswahl und dem Angebot. So etwas kannte sie von zuhause nicht. Und ein wenig mussten sie sich schon fragen, wozu der Westen diese riesige Auswahl überhaupt brauchte. Nein. Sie waren keine gierigen Menschen. Sie waren einfach nur hungrig. Ihr Hunger war von jener Art, wie ihn Jugendliche verspüren, die von ihren Eltern zulange zuhause eingesperrt werden, obwohl die Kinder wissen, was für eine faszinierende Welt dort draußen liegt. Sicherlich würde im Westen nicht alles besser sein. Doch sie hatten es sich verdient, sich ihr eigenes Bild von dieser Welt zu machen. Denn sie waren keine Kinder mehr. Und das Geld war nur ein Symbol für aufkommende Möglichkeiten. Paul durfte seinen eigenen Hundertmarkschein auf der ganzen Rückfahrt selbst in den Händen halten. Auch wenn der Herr Papa nachts, als sie wieder zuhause ankamen, ihm den Schein wieder abnahm. Für Paul reicht es, ihn überhaupt halten zu dürfen. Es war ein ganz neuer Schein und Paul hatte darauf geachtet, dass er an keiner Stelle zerknittern würde. Der Schein war wie eine Auszeichnung für Paul. Eine bedruckte Medaille. Hinten war das Brandenburger Tor. Vorne ein ernst und dennoch milde schauender Mann mit Hut.

„Endlich wieder daheim“, seufzten die Großeltern. Und hätten ihre Kinder sie gefragt, hätten sie zugegeben, dass dies ein ganz besonderes Abenteuer für sie gewesen war. Es stellte nur niemand diese Frage. Kaum in den eigenen vier Wänden angekommen umarmten sich Papa und Mama noch einmal und küssten sich lange. Dann sahen sie sich lange, vielleicht ein wenig zu lange, gegenseitig verliebt in die Augen. „Und morgen wird gepackt!“ lachte der Vater und klapste seiner Hiltrud auf den gut erhaltenen Hintern.

Sterotyp – 3 – Das Ende der DDR und das Ende von Paul Fleming

Paul Flemings Geschichte begann am 30. September 1989, als der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher um 18.59 Uhr auf dem Balkon des Palais Lobkowicz stand, um dort den mit Sicherheit bekanntesten Halbsatz der deutschen Geschichte auszusprechen: „Wir sind heute zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise…“ Die letzten drei Worte „…möglich geworden ist“ gingen im frenetischen Jubel der in die Botschaft in Prag geflohenen DDR-Flüchtlingen unter. Dieser Halbsatz markierte nicht nur das Ende der „Deutschen Demokratischen Republik“, er steht ebenso sehr für das Ende von Paul Flemings bisherigen Leben. Paul war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 7 Jahre alt, Bürger der DDR, und wie es bei einem Siebenjährigen anzunehmen ist, verstand er weder was gerade geschehen war, als seine Mutter und sein Vater sich weinend vor dem Fernseher in den Armen lagen, noch was für Auswirkungen dieses Ereignis für sein Leben haben würde. Das West-Fernsehen im Röhrenfernseher jubilierte. Vater und Mutter stießen lachend mit dem Marillen-Schnaps aus der großen Flasche an, dessen Geruch der kleine Paul immer so gemocht hatte. „Der erste Schritt ist getan“, frohlockte der Vater. Aus Spaß fügte er zu Pauls Mutter hinzu: „Hiltrud! Du kannst schon einmal die Koffer packen!“ Paul freute sich einfach mit seinen Eltern. Waren seine Eltern glücklich, war er glücklich. Der Junge war noch in einem Alter, in dem es nur einzelne Momente gab. Ereignisse, die scheinbar vollkommen zusammenhanglos einfach passierten. Es gab keinen großen Plan des Lebens. Kein Ende. Jeder Tag war für ihn: Einfach da. Auch wenn er langsam begann ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass die Welt einem gewissen Rhythmus zu folgen schien. Mit sieben hatte er keine Chance, zu erahnen was noch kommen konnte.

Paul wusste nicht viel über seine Eltern. Ob sein Vater bei der Stasi oder Maler war, spielte im Nachhinein ohnehin keine Rolle mehr. Nicht einmal, ob sein Vater beides war. Paul erinnerte sich als er erwachsen war nur noch an Fetzen seines kindlichen Lebens. Daran zum Beispiel, wie sein Vater immer recht spät, meistens nach Sonnenuntergang, von der Maler-Arbeit nachhause kam. Erst ging es in die Arbeit, dann in die Gaststätte. Schloss Paul die Augen roch sein Vater für ihn immer nur nach Zigaretten und Ketwurst. Oft war der Vater betrunken. Meistens war er betrunken. Doch ansonsten war er ein sanfter Mann, der hin und wieder einen Farbklecks in seinen blond gelockten Haaren übersehen hatte und wegen denen der kleine Paul seinen Vater immer wieder für eine Art Engel hielt. Der siebenjährige Paul liebte seinen Vater, wie die meisten Kinder ihre Väter lieben: Abgöttisch. Vater machte alles. Vater konnte alles. Vater wusste alles. Sein Vater war wie Gott. Ebenso wie seine Mutter. Zwei Seiten einer göttlichen Medaille. Ein einzelnes Wesen. Untrennbar miteinander vereint. Mutter. Die Mutter. Seine Mutter, die immer für Paul da war. Die ihm Geschichten im kalten Zimmer vorlas. Sogar die gruseligen, die der kleine Paul so sehr mochte, für die er eigentlich noch zu klein war. Was Vater nicht wusste, hatte die liebe Mama Paul schon längst beantwortet. Schloss der ältere Paul in Gedanken an sie seine Augen, sah er noch immer aus der bodennahen Kinderperspektive die Schürze seiner Mutter wie ein Ballkleid um sie herumschweben. Es ist schon merkwürdig in welchem Lichte wir die Menschen in Erinnerung behalten. Gerade jene Menschen, die uns am Meisten Unrecht angetan haben.  Paul liebte die Weihnachtszeit in der Kleinstadt. Und er liebte noch mehr die Plätzchen und vor allem den Teig, den die Mutter jedes Jahr zubereitete. Dann roch es so wunderbar nach Vanille in der ganzen Wohnung. Nicht einmal die unaufhörlichen, eigentlich alles erstickenden Rauchschwaden von Mutters „Cabinet“-Zigaretten, konnten den Geruch überdecken. Der junge Paul wusste nicht viel über die Zukunft. Dennoch war er sich sicher, dass in Zukunft jedes Jahr zur Weihnachtszeit ihre Wohnung nach Vanille riechen würde. Paul war davon so überzeugt, wie es nur Kinder sein können. Seine Überzeugung war so stark und widerstandsfähig wie eine Burg, die von fleißigen Handwerkern in einen Felsen hineingehauen worden war. Was hätte auch geschehen sollen? Für das Kind war die Zukunft klar umrissen.

Am 9ten November fiel in Berlin die Grenzmauer, die 28 Jahre lang den Osten vom Westen der Stadt getrennt hatte. Die Deutschen lagen sich freudig in den Armen und die Welt blickte ungläubig auf die friedliche Revolution im ehemals so kriegerischen Deutschland. Im Hause von Pauls Familie saßen wieder Alle beisammen. Zu den Eltern hatten sich die Großeltern und ein paar Nachbarn gesellt und zu dem Marillen-Schnaps wurde Bier gereicht.  Selbstverständlich lief das West-Fernsehen nebenbei, auch wenn die Familie mit ihren Freunden gedanklich schon einen Schritt weiter war. Pauls Eltern begrüßten die Wende und das augenscheinliche Ende der DDR mit hochgehaltenen Gläsern und sahen schon goldene Zeiten auf sich zukommen. Die Großeltern und Nachbar dagegen blieben skeptisch. Zu viel war geschehen die letzten Monate. Zu hart war die Polizei der DDR gegen seine eigenen Bürger vorgegangen. Und wer konnte schon wissen welchen Plan die Genossen aus Russland für Deutschland vorgesehen hatten? Glasnost hin, Perestroika her. Woher sollten einfache Leute wie die hier versammelten wissen, wie stark Michail Gorbatschow wirklich im eigenen Staatsapparat war? Und würden die sowjetischen Truppen tatsächlich in den Kasernen bleiben? Da konnte ein Sekretär für Informationswesen namens Günter Schabowski noch so viel von einer neuen Regelung für Reisen in das westliche Ausland erzählen. Konnte und durfte Schabowski das überhaupt entscheiden? „Da könnt ihr euch noch so viel freuen und Bier trinken. Abgerechnet wird immer erst am Ende“, dozierte der Großvater. Doch. Pauls Eltern hörten gar nicht zu. Es gab nur noch immer mehr Schnaps und Bier, gepaart mit der lautgefeierten Hoffnung, den Sozialismus endlich hinter sich zu lassen und Teil der BRD zu werden. Teil der sozialen Marktwirtschaft. Endlich würde es in der DDR auch vorangehen. Die Großeltern sollten sich darüber freuen, so etwas noch erleben zu dürfen. Der kleine Paul würde eine spannende, ja, eine fantastische Zukunft vor sich haben. Er müsse nicht mehr Teil des Staatsapparats werden um etwas zu werden; Paul könnte nach dieser Nacht schlichtweg ALLES werden.

Dabei begriff der kleine Paul auch heute nichts von den weltverändernden Ereignissen, die sich direkt vor ihm abspielten. Ebenso wie er die Worte Genschers in Prag nicht deuten konnte, genauso wie er die Diskussionen um die Anfang September begonnen Montagsdemonstrationen im Familienhaus und in der Nachbarschaft nicht entschlüsseln konnte, verstand er auch heute nicht was da im Fernsehgerät gezeigt wurde. Paul sah mit seinem kindlichen Verstand nur ein paar merkwürdige Leute auf einer Mauer an einem merkwürdigen Tor herumzutanzen. Auf dem Tor war ein schöner Reiterwagen. Paul wunderte sich noch, warum keiner der Erwachsenen der toller Reitwagen auffiel. Ansonsten wurde viel gelacht im Fernseher. Dann interviewten für Paul unsichtbare Reporter, von denen er nur das Mikrofon sehen konnte, eine Vielzahl von Menschen. Einige von den Interviewten waren total erschlagen vor Euphorie, während andere angaben, dass dies nur das logische Ende der letzten Wochen und Monate war. Irgendwie war das Ganze wie Silvester für Paul. Mit diesen scheinbar unendlichen Menschenströmen im Fernseher und dem Alkohol zuhause. Alles schien ein großer Geburtstag oder gleich ein Staatliches Volksfest zu sein. Dazu zeigten die Kameras immer wieder die Bilder von Trabanten und einem Schlagbaum. Viel gefahren wurde also auch. Wo und wohin blieb für Paul auch nach mehrmaligen Erklärungen des Vaters unklar. Um den Vater aber nicht zu verärgern, nickte Paul einfach dem freudigen Papa zu.

„So oder so“, erklärte der Nachbar Schmid mit hochrotem Alkoholkopf, „muss man jetzt mal schauen wie es da drüben so ist. Es gibt doch auch sicherlich noch Begrüßungsgeld.“

„Begrüßungsgeld! Stimmt!“ Pauls Familie lachte. Wenn sich jemand ein wenig Luxus verdient hatte, dann die Bürger der DDR. Dieses Begrüßungsgeld wurde schon den 70ger Jahren Bürgern der DDR gezahlt, wenn sie es schafften in den Schwesterstaat BRD rüber zu machen. Der alte Lohmeyer hatte davon einmal erzählt. Weil der Freund von seinem Schwager hatte vor ein paar Jahren… Und letztes Jahr sollte es sogar erhöht worden sein. Auf 120 Mark! Auch wenn diese Information sich am nächsten Tag teilweise als falsch herausstellen sollte (das Begrüßungsgeld erhöhte sich nur auf 100 D-Mark), waren Pauls Eltern festentschlossen gleich morgens in die BRD zu fahren und sich das Geld abzuholen. Und sich die BRD einmal anzusehen. Es musste am nächsten Tag sein. Denn der nächste Tag war ein Freitag. Das musste unbedingt noch vor dem Wochenende erledigt werden. An Arbeiten war ohnehin nicht zu denken.

„Aber es sind 4 Stunden Fahrt von hier!“ wand der Großvater ein, worauf Pauls Vater nur mit glasigen Blick antwortete: „Und wenn es 40 wären! Jetzt dürfen wir endlich rüber!“

So stieg ein paar Stunden später die ganze Familie in das alten „Wartburg“-Auto des Großvaters. Zwar hatte Pauls Vater vor Jahren selbst einen Trabanten beantragt, doch selbst wenn dieser bewilligt worden wäre, hätte er kaum das Geld aufbringen können, um ihn zu bezahlen. Doch ab heute war alles anders. Wartezeiten sollten der Geschichte angehören. Die Bürger der DDR hatten lange genug gewartet.

Bemerkenswert

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Viel Spaß damit!

Absolution 51 – Der Angriff

„Wo bist du mit deinen Gedanken, Paul!!!“

Déjà-vu?

Die Explosion ist so ungeheuerlich stark, dass Paul wie ein sprichwörtliches Insekt durch die Luft geschleudert wird. Der entfesselte Explosionsdruck trifft ihn völlig unerwartet in seine rechte Körperhälfte und drückt ihm dabei sämtlichen Sauerstoff aus seinen Lungen. Er nimmt kaum wahr wie ihn eine undurchsichtige Wolke aus Erde umschließt, dafür umso heftiger, wie die kleinen Geschosse aus Erde auf ihn herabprasseln, als er wie ausgespuckt, knochenhart mit seinem linken Schlüsselbein auf den Boden aufgeschlagen ist. Reflexhaft verkrümmt versucht er wieder Luft zu bekommen, doch da ist nur der aufgedonnerte Staub, der sich durch das Einatmen nun auch noch in seine Lungen bohrt. Paul verschluckt sich und keucht.  Er windet sich vor Schmerzen und presst apathisch seine rechte Hand auf die verletzte Schulter. Selbst im  Körper von Banyardi war das eine heftige Nummer. Gar nicht auszudenken, was mit seinem untrainierten Drogenkörper passiert… Dann erfolgt die zweite Explosion. Der Einschlagspunkt ist noch ein wenig näher als bei der ersten Detonation, da Banyardis Körper jedoch inzwischen auf dem Boden liegt, wird er nicht noch einmal weggewirbelt. Da ist nur wieder sehr viel Staub, wenn auch weniger Lärm. Wahrscheinlich hat sein Trommelfell schon bei der ersten Explosion einiges abbekommen; die nächsten Einschläge von – was aus immer- ziehen an ihm und dem Dorf der Mi-Cock vorbei und sprengen dafür den Dschungel auseinander. Der Dschungel, dessen tierische Bewohner ansonsten zu jeder Tages- und Nachtzeit aus vollen Kehlen zu schreien scheinen, schweigt. Die Ersten, die zu kreischen beginnen, sind nicht die Tiere. Es sind die Menschen. Stöhnen und Wehklagen wimmert durch den Dschungel.

Paul drückt Banyardis angeschlagen Körper würgend auf alle Viere hoch und erbricht eine Melange aus Speichel, Dreck und Magensäften. Dann kommt die Erinnerung. Bevor das Volk der Ma-Fag mit seinen Gefangen, den Mi-Cock, bombardiert wurde, stand Banyardi mit Ylva und seiner Mutter zusammen, und… Mutter? Wie vom Blitz getroffen, alle Schmerzen ignorierend, steht Paul auf.

„Mutter?“

Das Dorf der Ma-Fag sieht aus als würden hier gerade Szenen für den Film „Apocalype now“ gedreht werden. Überall ist Rauch. Zerstörte, brennende Hütten. Zerfetzte Menschenleiber. Aufgewühlter Boden. Es sieht noch unechter aus, als es sich anfühlt. So viele zerrissene Menschenleiber; Paul hätte gar nicht gedacht, dass es SO VIELE Ma-Fag gibt…

„MUTTER!“

Paul reibt sich die Augen. Sein/Banyardis Körper ist über und über mit Staub bedeckt.

„Wo bist du?!“

Und wer hatte ihn vorhin eigentlich Paul genannt? Er war vorhin nicht Paul gewesen… Später schon… Alles ist so verwirrend… Und was ist mit Ylva? Unterbewusst nimmt Paul das Knacken war. Er dreht sich nach links zurück. Dann sieht er wie die Bäume fallen. Der Wald bricht mittig geteilt auseinander und eine unfassbar große Schneise entsteht. Wie in einem verdammten Zeichentrickfilm.  Kurz und lächerlich muss Paul bei dem Anblick an ein Bild in einer Bibel denken, welches er einmal als kleines Kind gesehen hat, in welchem Gott das Meer teile, um die Israeliten zu retten. Nur. Dass dieser Anblick nichts mit „Retten“ zu tun hat. Denn jetzt taucht der Drache auf. Ein verdammter Drache LÄUFT durch den Dschungel, als würde er durch dünnes Schilf gehen.

Und Paul sagt nur: „Okay…“

„PAUL!“ schreit Ylva zu ihm hinüber, worauf er den Kopf wendet. Ylva rennt auf ihn zu. Eine der Explosionen hat ihr die Kleidung von ihrem ebenfalls mit Staub und Schlamm überzogenen Körper gerissen. Ihre Titten hüpfen und springen dabei lächerlich rotierend vor ihr herum. Wie in dem unerotischsten Softporno aller Zeit. Bei ihm angekommen bleibt sie nicht stehen, sondern packt Paul an seiner rechten Hand und zieht ihn mit sich: „Wir müssen hier weg! Sofort!“ Sie rennen einfach los. Sie springen über den zerborstenen Bambus des Ziegengeheges. Über die toten, verbrannten oder noch gerade so stöhnende Ziegen. Über den einen oder anderen Leib eines Menschen. Brennendes Gras. Den kleinen Weg entlang. In die Mitte des Dorfes.

Ylva und Paul sind die Einzigen, die in das Dorf fliehen, während sich alle anderen Überlebenden vor dem Drachen in den Dschungel retten. Es gibt keine Gegenwehr. Keine tapferen Krieger, die glauben es mit dem Monster auf sich nehmen zu können. Währenddessen schießt der Drache wieder und wieder seine Feuerbälle auf das Dorf ab. Aus den Augenwinkeln erkennt Paul wie auch Mi-Cock unter den Flüchtigen sind. Irgendwer muss sie aus ihrem Gefängnis gerettet haben. Gut.

„Warum zum Teufel laufen wir IN das DORF?!“ brüllt Paul Ylva an. Schon längst hat sie seine Hand losgelassen, damit sie schneller laufen können.

„Weil wir die….“ Und etwas Unverständliches.

„Weil was?“

„Weil wir die Kugel…“

„WAAAS?!!!“

„Weil wir die Kugel brauchen! Ohne sie war alles umsonst!“
Ein weiterer Feuerball schlägt hinter ihnen ein und schleudert sie auf den Boden. Ylva und Paul knallen der Länge nach auf ihre Bäuche und bleiben stöhnend liegend. Irgendwer schreit ein „Vorwärts!“ aus der Richtung des Drachen. Weder Paul noch Ylva reagieren darauf. Wieder ist Paul auf allen Vieren. Er schüttelt den Kopf hin und her. Wie ein Tier. Um wieder zu Sinnen zu kommen. Dabei erspäht er die verängstigten Kinder der Familie Mischaa unter deren Hütte kauern. Panisch flehen ihre Augen zu Paul hinüber. Große, schwarze, ängstliche Augen. Dicke, ehrliche Kinder-Tränen.

„Haut ab! Versteckt euch im Dschungel! Raus aus dem Dorf!“ Die Älteste der Mischaa-Kinder ist die erste die aus ihrer Schockstarre erwacht und auf Pauls winkende Handzeichen ihre jüngeren Geschwister in den Dschungel scheucht.

„Die KUGEL!“ brüllt Ylva von der anderen Seite. Sie steht schon wieder auf.

„Wo verdammt?!“

„Sie ist vergraben! Unter dem Dorfplatz!“ Sie muss den Platz meinen, an dem die Gemeinschaftstreffen der Dorfgemeinde abgehalten werden. Fast hätte Paul noch ein „Warum?!“ zu ihr hinübergeworfen, nur ist ihm klar, dass das jetzt auch schon keine Rolle mehr spielt.

Paul springt auf die Beine, brüllt: „Los! Los! Los!“ Und sie rennen die letzten 100 Meter bis zum zentralen Platz im Dorf. Ein Blick über die Schultern zeigt ihm, dass der Drache mit irgendetwas beschäftigt zu sein scheint. Wertvolle Sekunden machen sich breit. Ylva und Paul kommen am Festplatz und plötzlich erscheint Paul der eigentlich kleine Zeremonienplatz als eine riesige Ebene.

Noch einmal die Frage: „Wo verdammt?“

Ylvas und Pauls Augen treffen sich. „In der Mitte! Da wo das Feuer gemacht wird!“

„Na super….“
Paul rennt auf die kalten, verkohlten Holzstücke zu. Genau in deren Mitte und wirft so schnell er kann die schwarz verrußten Überbleibsel zur Seite. Das war der leichte Teil. Der schwierige ist es, den Boden zu öffnen. „Ein Königreich für eine Schaufel“, flucht Paul in sich hinein. Hinter seinem Rücken donnern schon wieder Explosionen durch den Boden. Zwar ein gutes Stück weit hinter ihnen. Aber doch. Ylva und Paul buddeln den trockenen Teil der Erde weg. Dann wird es lehmig und richtig schwierig. Ihre Finger bohren sich in den Erdboden. Fingernägel splittern und brechen. Paul schnappt sich ein Stück Holz und schlägt auf den Boden ein.

„Wie tief müssen wir?“
Ylva schüttelt nur ahnungslos den Kopf. Sie weint dabei. Paul gräbt verbissen weiter. Trotz seiner verletzten Schulter. Aus den Augenwinkeln bemerkt er einen Schatten heranhuschen, doch er reagiert nicht darauf. Als Ylva von starken Armen umschlossen wird, sieht Paul dann doch auf. Der Schweiß rinnt ihm in Sturzbächen über sein Gesicht. Er schüttelt sich um ihn nicht in seine Augen zu bekommen. Es ist Murdock, der Ylva in den Arm genommen hat. Ylvas Vater. Eine Nanosekunde lang wundert sich Paul darüber, wie ähnlich Murdock dem alten Gott des Krieges ähnelt, bis auf die langen Haare.

„Was macht ihr hier? Ich habe euch gesucht! Die anderen sind alle…“ Bellt er seine Tochter an.

„Kugel…“ bringt sie nur hervor. Murdock lässt seine Tochter los und packt Paul an seiner heilen Schulter an: „Warum setzt du deine Kräfte nicht ein! Los Junge!“

Pauls Kopf wankt überrascht ein Stück von dem Übermenschengroßen fort: „Kräfte?!“

„Deine KRÄFTE!“

Die Männer sehen sich an. Im Hintergrund schießen immer wieder und wieder Feuergeschosse in die Lunge dieses Planeten. Die Erde bebt.

„Er… Er hat sie noch nicht… Entdeckt!“ Dieses Mal ist es Ylva die ihren Vater am Unterarm packt. Murdock blinzelt. Danach nickt er. „Dann muss es wohl so sein.“ Er greift hinter seinen Rücken und holt einen kleinen Dolch hervor, welchen er Paul reicht: „Grab damit.“ Verdutzt nimmt Paul den schweren, metallenen Dolch in seine rechte Hand. In der Welt der Ma-Fag gibt es kein bearbeitetes Metall in dieser Qualität. Paul lacht kurz auf. Schüttelt seinen Kopf und meint: „Ich will gar nicht wissen wo du den die ganze Zeit versteckt gehabt hast.“ Er beginnt zu graben. Mit dem Dolch ist es einfach die Erde aufzureißen. Schnell entsteht ein breites Loch, dass von Murdocks Schaufelgroßen Händen in Windeseile vergrößert wird. Hoffnung kommt in Paul auf; vielleicht können sie es wirklich schaffen. Und. Ist es absurd zu glauben, dass wenn man in seinen Träumen stirbt, man auch wirklich stirbt?

Murdock hebt wirbelt herum. „Sie sind da?“ Ylva schreit vor Schreck auf, so dass auch Paul nicht anders kann al sich umzusehen. „Verdammte Reptilienmenschen“, knurrt Murdock. Er steht auf. Und seine ganze Körperspannung zeigt an: Er ist zu allem bereit. Murdocks nordischer Körper glänzt wie ein einziges großes Muskel in der südländischen Sonne. Seine kalte Entschlossenheit in den Augen gibt Paul das Gefühl, als wäre dieser Krieger, nur für diesen Moment geboren worden. Paul hat viele Filme gesehen. Viele verrückte Kameraperspektiven. Viele Maskeraden, die kleine Männer groß, und Trottel cool erschienen ließen. Nur so eine Aura wie die, die von diesem Mann ausgeht, hat er noch nie erlebt. Das Einzige was Paul nicht versteht, weshalb der tapfere Mi-Cock-Anführer von „Reptilienmenschen“ spricht. Die Männer haben doch eindeutig Vogelköpfe. Wie muskulöse ägyptische Götter sehen die Truppe von etwa 20 Feinden an. „Horus“-Monster, wohin er sieht.

„Grab.“ Knurrt Murdock zu Paul hinunter. Und obwohl Paul sofort wild und schnell damit fortfährt die zentrale Feuerstelle der Ma-Fag umzugraben, denkt er in seinem Innersten, dass das „Grab“ von dem Murdock gerade sprach, ihr aller sein würde. Paul sieht nicht, wie Murdock sich in Bewegung setzt.

Absolution 49,5 – Alles wieder auf Anfang?

„Also alles wieder auf Anfang…“

„Kommst du noch mit zu mir?“
„Ins Bosporus? Klar… Warum?“

„Das Übliche.“

„Das Übliche“ bestand wie zu erwarten aus dem Einatmen von Kokain. Obwohl er relativ oft mit dem Fettsack kokste, kamen sich die Beiden in der dadurch erweckten Geistesfassung selten näher. Selten war Paul so gefühlskalt wie auf Kokain. Und immer. Immer wurde der Fettsack auf dem Zeug geil. Seine Finger tappten dann geheimnisvollen Mustern folgend über sein Smartphone. Schrieb er seiner Frau? Wo war die überhaupt? Hatte die irgendwer noch einmal gesehen? Gab es die noch? Oder schrieb er vielleicht Sarah? Oder sonst wem? Und warum musste der Fettsack die Frau vom Baader so krass anpacken? So richtig tief sein. So richtig tief… Was lief hier eigentlich im Genauen? Jedoch. Es interessierte Paul in dem Ausmaß, in dem es ihm egal war. Sein Mund öffnete sich ein paar Mal in dem Versuch seine Fragen zu formulieren – er ließ es dann doch lieber wieder sein.  Das Kokain verschluckte seine Gedanken. Auch schon egal. Er konzentrierte sich lieber darauf Katha eine Whatsapp mit vielen küssenden Smileys zu schicken. Und auf die nächste Line.

Vitali und Vladimir. Die beiden Klitschko-Stuntdoubles. Waren gar nicht erst mit Hinaufgekommen. Dafür war Bobby noch aufgetaucht. Und es wurde geredet. Über die Aktion von geradeeben. Und sonst eh irgendwie alles. Eine Szene wie auf Valium.

Bobby beglückwünschte Paul zu seiner Beziehung zu Katha. Was Paul peinlich war. Während der Fettsack Paul schon wieder davor warnte, dass Frauen einen nur kontrollieren wollen. Frauen seien nur da, um hart gefickt zu werden. Das ist nun mal so. Und Paul dachte an Sarah. Und er dachte an Chris. Und an eine Fensterscheibe, die eingeschlagen wurde.

„Am besten in den Arsch. Damit sie wissen wo der Hammer hängt.“ Dabei drehte sich der vom Koks wie ein Irrer schwitzende Fettsack einen Long-Paper-Joint. Paul und Bobby sahen sich zweifelnd an. Und ohne dass sie es aussprechen mussten, wunderten sie sich darüber, was aus ihrem Freund Fettsack geworden ist. Aus diesem Typen. Der immer so gerne gelacht hat.

Dann begann Bobby coole Scheiße zu erzählen.

Und Katha.

Schickte Paul ein GIF zu. In dem zwei Katzen miteinander kuscheln.

Absolution 47 – Die Wahrheit über die Mi-Cock

„Wir konnten sie nicht in der Schlacht besiegen. Unsere tapfersten und mutigsten Krieger mussten ihr Leben lassen, doch sie konnten sie nur aufhalten. Uns Zeit verschaffen. Ein Sieg war unmöglich. Ein solcher Feind war uns noch nie begegnet. Andere skrupellose Königreiche, die unser Land wollten, jawohl. Doch solche Bestien? Ich weiß was du fragen willst, Paul. Wie sehen diese Bestien aus? Doch diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Und ich weiß, wie verrückt das klingt. Sie müssen doch Gesichter haben. Arme, Beine, eine Körpergröße, vielleicht einen Schwanz! Doch niemand kann es mit Genauigkeit sagen. Nur, dass sie für jeden der sie sieht, ein anderes Aussehen besitzen… Vielleicht macht genau das ihren Schrecken aus? Manche sehen riesige Spinnen, Insekten oder anderes Getier. Andere berichteten von Reptilien, die gebaut waren wie Menschen. Nur vollkommen nackt und… Glitschig. Wieder andere sahen ganz normale Menschen, nur mit pechschwarzer Haut und wulstigen Lippen. Krause Haare. Menschen wie du und ich… Nur… Schwarz…. Die einen erzählten von Feuerfontänen, welche sie spien. Andere sprachen nur von normalen Hieb- und Stichwaffen… Ich weiß nicht ob diese Berichte den eigenen Phantasien oder unzähligen Einzelerlebnissen entsprangen. Vielleicht war alles davon wahr. Vielleicht auch nichts… Ich kann nur sagen, dass wir keine Möglichkeit hatten, diesen Feind zu besiegen. Noch nie habe ich meinen Vater so hilflos gesehen. Er ist ein stolzer Mann, Paul. Jemand, der auf alles entweder eine Antwort weiß, oder zumindest jemanden findet, der sie ihm gibt. Solche Monster kannte nicht einmal er. Keiner von uns. Wir haben nicht einmal einen Namen für sie. Wir nennen sie Monster oder Dämonen. Es gibt keinen Ausdruck für sie, der ihnen gerecht werden würde. Was ist schon eine Bestie?“

„Hast du denn gar keinen von ihnen gesehen?“

„Ich… Ich will nicht darüber sprechen… Mit ein wenig Glück siehst du sie vielleicht nie. Mit ein wenig Glück haben wir dich ganz umsonst hierhergeholt.“

„Und ohne dieses Glück?“

„Ich muss dir nun wirklich von Thorfinn erzählen. Thorfinn war der Sohn von Klove. Sie Beide gehörten unserem Stand von Weisen an. Dabei musst du wissen. Unser Volk teilte sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch in drei verschiedene Stände. Wir lebten in Einklang miteinander. Jeder diente dem anderen, doch keiner hätte ohne den anderen überleben können. Jeder hatte in seinem Stand eine genaue Aufgabe, die er zu erfüllen hatte. In diese Aufgaben wurde man hineingeboren. Ehelichungen zwischen den Ständen waren verboten.“
„Wieso?“

„Weil es sich nicht gehört, wenn die Tochter eines Weisen einen Arbeiter heiratet.“

 „Wieso?“

„Ich… Verstehe deine Frage nicht? Es ist so.“

„Und wieso ist es jetzt nicht mehr so?“

„Da unser Volk in dieser Form nicht mehr existiert. Was hier angekommen ist, sind nur noch die Scherben unseres Volkes. Jetzt sind wir alle gleich. Bis wir wieder einen Ort zum Leben gefunden haben, in der sich die Stände neu errichten können. Vor der Flucht gab es für jedes Problem eine Lösung, in Form einer Person. Wie ich schon sagte. Jeder hatte eine Aufgabe. Ein Mi-Cock ohne Aufgabe gibt es nicht. Alles war genau aufgeteilt.“

„Es gab die Weisen, die Arbeiter. Und wer war der dritte Stand?“

„Die Feuerwächter. Sie lebten in den Bergen…“

„Ich hätte jetzt den Adel erwartet. Die Herrscher.“

„Das sind die Weisen. Wer sollte denn sonst befehlen, außer den Weisen? Worüber lachst du?“

 „Ach… Unsere Völker sind sich unterschiedlicher als du dir vielleicht vorstellen magst.“

„Wieso? Erzähl mir von deinem Volk! Ich will alles wissen! Bitte erzähl mir von dir!“

„Öhm… Ach… Erzähl mir zuerst von Thorfinn. Ehrlich gesagt kann ich dir nicht genau sagen, wieviel Zeit mir bei euch bleibt. Ich weiß nicht wie ich es beeinflussen kann, hier zu sein oder gehen zu müssen. Ehrlich gesagt wollte ich bisher immer nur wieder weg… Ich verstehe ohnehin nicht wie das Alles funktioniert.“

„Es ist Magie.“

„Nun. Das ist eine etwas dürftige Erklärung. Denn selbst wenn es so etwas wie Magie gäbe, muss sie nach irgendwelchen Gesetzen funktionieren. Selbst Zauberei hat einen Ursprung, der mit irgendwelchen Umständen verbunden sein muss.“

„Magie ist wie die Sonne. Sie ist immer schon dagewesen.“

„Oh… Glaub mir… Die Sonne ist von meinem Volk gut erforscht worden.“

„Ihr wart auf der SONNE?“

„Ne. Ne, ne. Wir haben sie beobachtet. Den Mond haben wir besucht… Du musst wissen, dass mein… VOLK, ähm die Fähigkeit hat die Erde zu verlassen.“

„Den Mond! Magie!“

„Nein… Es ist… Eine besondere Form von Magie. Vereinfacht gesagt gibt es mehrere Orte wie die Welt in der wir leben. Du hast eine davon gesehen. Ich auf jeden Fall. Als ich deine Kugel berührt habe, sah ich eine weitere Welt, du natürlich auch.“

„Die große Kugel?“
„Genau. Die Sonne ist so etwas ähnliches.“
„Wir müssen sie finden.“

„Wen? Die Sonne?“

„Nein, die anderen Kugeln!“

„Ich… Verstehe nicht…“

„Wir müssen sechs Kugeln finden. Diese hier, ist nur eine davon.“

„Es gibt noch fünf… Wo sind sie?“

„Deswegen haben wir dich gerufen. Du musst mir helfen die Kugeln zu finden!“

„Wie soll ich denn?… Ich hab keine Ahnung wie ich diese Dinger finden könnte.“

„Ist dir irgendetwas aufgefallen als du hierhergekommen bist? Ist dir irgendein Ort besonders vertraut?“
„…“

„Irgendwas?!“

„Tja… Ganz ehrlich… Mir ist nichts aufgefallen.“

„Du wirst es sicher noch verstehen…“

„Was hat das mit dieser Thorfinn-Geschichte zu tun? Und was bringt es alle 6 von diesem Kugeln zu besitzen.“

„Wenn wir alle 6 Kugeln haben, können wir die Dämonen besiegen.“

„Und wie?“

„Das weiß ich nicht. Das hat Klove uns nicht verraten.“

„Wo ist Klove? Ist er bei Thorfinn?“
„Sie sind Beide gestorben. Klove wurde gefressen.“

„Das ist übel. Und Thorfinn?“

„Ich… Ich weiß es nicht… Er ist in ein Licht gegangen.“

„Der Logik aller Filme nach lebt er also noch…“

„Film?“

„So nennen wir unsere Überlieferungen. Wir erzählen sie uns zu unserer Unterhaltung.“

„Thorfinn sollte das Medium sein, durch das wir die Pforte in deine Welt öffnen. Klove wusste wie groß die Bedrohung ist. Er hat sogar seinen eigenen Sohn geopfert… Ban… Paul. Nachdem was ich gesehen habe, glaube ich nicht an ein Überleben von Thorfinn…“

„War auch nur eine Vermutung…“

„Also? Hilfst du uns? Hilfst du dieser ganzen Welt zu überleben? Wenn du eine Belohnung benötigst ich… Ich habe natürlich bemerkt wie du mich ansiehst, und…“

„NEIN! Nein, nein… Ich weiß nicht… Du bist außerordentlich hübsch und… Ich… Ich… Weißt du… Jetzt… Jetzt wo das Ganze irgendwie real geworden ist… Also vorher, bevor ich die Kugel berührt habe… Da… Versteh mich nicht falsch. Du bist unglaublich geil… Aber jetzt… Nicht so… Nicht in der Realität…“

„Bin ich denn nicht nur eine weitere Frau für dich? Eine Wilde?“

„Ja… Und nein… Das warst du. Also du nicht echt für mich warst… Jetzt… Jetzt bist du für mich zu einem Menschen geworden… Ich weiß das klingt bescheuert…“
„Ist es wegen deiner Freundin? Wegen Techno?“

„Was?“

„Du meintest du liebst Techno.“

„Äh nein. Das ist. Das ist Musik. Doch da ist jemand. In meiner Welt… Egal… Weißt du. Irgendwie ist jetzt alles anders. Das alles hier“ Banyardis Arme machen eine ausholende Geste. „Ist plötzlich Wirklichkeit geworden… Du… Du hast mich überzeugt.“

„Also hilfst du mir?“

„Ja… Nur… Wie?“

„Das ist fantastisch! Wir müssen die Kugel finden, die hier im Dorf ist!“

„Hier im Dorf? Ich dachte wir begeben uns auf eine Reise oder so…“

„Das sind wir schon. Wir sind schon auf der Reise die Kugeln zu finden. Oder warum glaubst du ist ein Volk, dass so stark ist in der Gefangenschaft deiner Ureinwohner? Was denkst du warum wir hier sind?“

„Ihr… Ihr habt euch gefangen nehmen lassen?“ „War das denn nicht vom ersten Augenblick an offensichtlich?“

Absolution 45 – Fantasy ist ein Witz

15

„Was hast du gesprochen?“

„Ach scheiße…“

„Was du gerade zu mir gesprochen hast?“

Paul lacht Ylva über Banyardis Mund in ihr Gesicht: „Bin ich doch wieder hier. Ich glaub´s ja nicht.“

Ylva sieht ihn mit großen Augen an. Sie flüstert: „Wusste ich es doch…“
Wieder steht Paul im Körper des Wilden Banyardi im Urwald und wieder redet er mit Ylva, dem weiblichen Superwesen jeglicher Männerphantasien. Was für ein Zufall. Selbstverständlich schickt ihn seine Phantasie zu dieser heißen Mieze zurück und nicht zu den anderen Dschungelbewohnern. Was haben die ihm auch schon zu bieten? Nur hat Paul jetzt keine Lust mehr.

„Jetzt ist Schluss, YL-VA!“ grinste Paul sowohl amüsiert als auch genervt die Mi-Cock-Prinzessin an. „Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß.“

„Banyardi! Was war der letzte Satz, den ich zu dir gesagt habe?“

Darauf zuckt er mit den Schultern. „Davon abgesehen, dass es mir total Wurst ist was Banyardi gerade gesagt hat, weiß ich es nicht. Okay?

„O… Was?“ Ylva macht erschrocken einen Schritt zurück. Doch. Ihre Augen bleiben neugierig. Sie ist weder so überrascht wie Paul es erwartet hätte, noch scheint sie Angst vor dem Wechsel in Banyardis Kopf zu empfinden.

„Ich wusste das in dir zwei Seelen leben“, mit dem Satz macht sie wieder zwei Schritte an Banyardi heran. „Ich wusste, dass die Zeremonie etwas gebracht hat. Nur das du… Und hier… Und erst jetzt…“

Paul schiebt Ylva sacht drei Schritte von sich weg. Sie war eindeutig zu nah gekommen, was sich für Paul noch immer sehr unangenehm anfühlt. Außerdem hat er jetzt eine Freundin.

„Ja, ja“, winkt Paul ab. „Zeremonie. Ma-Fag. Mi-cock. Blahblahblah. Gute Frau. Ich brauche all das nicht mehr. Ehrlich gesagt, denke ich, dass ich das nie gebraucht habe. Kein Plan was mein Unterbewusstsein das ausgeheckt hat.“

„Du verstehst nicht!“ Ylva will sich wieder auf Paul zu bewegen. Sie lässt es nach einer Sekunde des Zögerns. „Wir haben dich gerufen.“

„Natürlich habt ihr mich gerufen! Euch gibt’s ja auch alle gar nicht. Euch gibt es nur in meinem Kopf. Der denkt aber, dass er euch braucht. Das ist aber Bullshit. Ihr seid alle nur Projektionen meines…“ Paul muss schlucken. „Wahnsinns… Durch dich geile Sau kom-pen-SIERE ich nur irgendwas in meinem Kopf. Das ist jetzt aber vorbei. Ich bin jetzt nicht mehr alleine.“

„Wer bist du? Erzähl mir nur wer du bist! Sag mir ob du der bist, den wir gerufen haben?“
„Mann das war noch Zeiten als ich mir druff einen runterholen konnte und meine RUHE hatte… Wie soll denn das in Zukunft laufen? Ihr macht mir JEDES Mal meinen Film kaputt…“
„Wer glaubst du, dass du bist? Gerade warst du noch ganz anders. Gerade haben wir noch über den Dschungel gesprochen und…“

„Ich habe keine Ahnung von. DSCHUNGEL. Ich lebe im verdammten 21 Jahrhundert. In einem Haus (Paul formt mit zwei Finger ein Strichhäuschen in die Luft) und gehe ar-beiten. Kennt ihr ja nicht… Ich liebe TECHNO auch wenn jeder Idiot heutzutage ELECTRO dazu sagt. Ist komisch. Ich weiß. Ist aber so.“

„Wer ist diese Techno?“
Paul lässt den Kopf überzeichnet sinken: „Echt jetzt?“
„Wie ist ein Name? Dein richtiger Name?“
„Paul. Mein Name ist Paul.“

„Und du kommst aus einer anderen Zeit?“

„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich vom gleichen Planeten komme wie ihr Wilden.“
„Paul, hör mir zu.“ Ylva geht wieder auf ihn zu, ergreift seine beiden Hände und blickt ihm von unten tief in seine Augen. „WIR haben dich gerufen, weil wir deine Hilfe brauchen. Die Mi-Cock sind der Grund weshalb du hier bist. Noch bevor die Monster uns überfallen haben, noch vor unserer Flucht, haben wir eine Zeremonie abgehalten um jemanden wie dich zu holen. Wir dachten, du würdest in den Körper von Thorfinn eintauchen… Der arme Thorfinn… Er…“

„Nichts davon ist wahr“, Paul reißt grob seine Hände aus Ylvas Griff. „Ist dir außerdem schon mal aufgefallen das es in jeglicher Unterhaltungsgeschichte immer einen ERLÖSER geben muss? Von Star Wars über Matrix bist zu Herr der Ringe. Das ist so DÄMLICH und unkreativ. Das ist alles Bullshit!“

„Was?“

„Das ist alles UN-SINN!“

„Bitte sei nicht so laut. Die Ma-Fag werden auf uns aufmerksam…“

„Na wenn schon?! Es GIBT keine Ma-Fag! Verstehst du? Ach… Wie solltest du das auch verstehen?…“
„Banyardi… Paul… Wir haben dich gerufen, damit du mir helfen kannst sie zu finden.“

„Was zu finden denn?“ Paul breitet seine Arme aus.“ „Was zum Teufel glaubt ihr denn hier finden zu können?“

Eine Hand legt sich auf Pauls kräftige Banyardi Schulter. Unwirsch dreht Paul sich um und wischt sie weg. Erschrocken taumelt Maya zurück. „Mein Sohn, was ist geschehen?“ Paul hält inne. Maya zu Sehen verändert etwas in ihm. Banyardis Gefühle zu seiner Mutter stürzen über ihn herein. Sofort bereut er es seine Mutter so brüsk behandelt zu haben. „Mutter… Ich… Ich wollte nicht… Ich wusste nicht…“ Und sofort sah er in ihren Augen, dass es gut war. Maya würde es ihm nicht allzu lange verübeln, aus der Rolle gefallen zu sein. Hierfür. Traf ihn keine Schuld.

„Ich muss um Verzeihung bitten Mutter. Der Rat hat mich gebeten mit Ylva zu reden.“

„Welcher Rat mein Sohn?“

„Ähm. Kamyor hat mich gebeten.“