Absolution 47 – Die Wahrheit über die Mi-Cock

„Wir konnten sie nicht in der Schlacht besiegen. Unsere tapfersten und mutigsten Krieger mussten ihr Leben lassen, doch sie konnten sie nur aufhalten. Uns Zeit verschaffen. Ein Sieg war unmöglich. Ein solcher Feind war uns noch nie begegnet. Andere skrupellose Königreiche, die unser Land wollten, jawohl. Doch solche Bestien? Ich weiß was du fragen willst, Paul. Wie sehen diese Bestien aus? Doch diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Und ich weiß, wie verrückt das klingt. Sie müssen doch Gesichter haben. Arme, Beine, eine Körpergröße, vielleicht einen Schwanz! Doch niemand kann es mit Genauigkeit sagen. Nur, dass sie für jeden der sie sieht, ein anderes Aussehen besitzen… Vielleicht macht genau das ihren Schrecken aus? Manche sehen riesige Spinnen, Insekten oder anderes Getier. Andere berichteten von Reptilien, die gebaut waren wie Menschen. Nur vollkommen nackt und… Glitschig. Wieder andere sahen ganz normale Menschen, nur mit pechschwarzer Haut und wulstigen Lippen. Krause Haare. Menschen wie du und ich… Nur… Schwarz…. Die einen erzählten von Feuerfontänen, welche sie spien. Andere sprachen nur von normalen Hieb- und Stichwaffen… Ich weiß nicht ob diese Berichte den eigenen Phantasien oder unzähligen Einzelerlebnissen entsprangen. Vielleicht war alles davon wahr. Vielleicht auch nichts… Ich kann nur sagen, dass wir keine Möglichkeit hatten, diesen Feind zu besiegen. Noch nie habe ich meinen Vater so hilflos gesehen. Er ist ein stolzer Mann, Paul. Jemand, der auf alles entweder eine Antwort weiß, oder zumindest jemanden findet, der sie ihm gibt. Solche Monster kannte nicht einmal er. Keiner von uns. Wir haben nicht einmal einen Namen für sie. Wir nennen sie Monster oder Dämonen. Es gibt keinen Ausdruck für sie, der ihnen gerecht werden würde. Was ist schon eine Bestie?“

„Hast du denn gar keinen von ihnen gesehen?“

„Ich… Ich will nicht darüber sprechen… Mit ein wenig Glück siehst du sie vielleicht nie. Mit ein wenig Glück haben wir dich ganz umsonst hierhergeholt.“

„Und ohne dieses Glück?“

„Ich muss dir nun wirklich von Thorfinn erzählen. Thorfinn war der Sohn von Klove. Sie Beide gehörten unserem Stand von Weisen an. Dabei musst du wissen. Unser Volk teilte sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch in drei verschiedene Stände. Wir lebten in Einklang miteinander. Jeder diente dem anderen, doch keiner hätte ohne den anderen überleben können. Jeder hatte in seinem Stand eine genaue Aufgabe, die er zu erfüllen hatte. In diese Aufgaben wurde man hineingeboren. Ehelichungen zwischen den Ständen waren verboten.“
„Wieso?“

„Weil es sich nicht gehört, wenn die Tochter eines Weisen einen Arbeiter heiratet.“

 „Wieso?“

„Ich… Verstehe deine Frage nicht? Es ist so.“

„Und wieso ist es jetzt nicht mehr so?“

„Da unser Volk in dieser Form nicht mehr existiert. Was hier angekommen ist, sind nur noch die Scherben unseres Volkes. Jetzt sind wir alle gleich. Bis wir wieder einen Ort zum Leben gefunden haben, in der sich die Stände neu errichten können. Vor der Flucht gab es für jedes Problem eine Lösung, in Form einer Person. Wie ich schon sagte. Jeder hatte eine Aufgabe. Ein Mi-Cock ohne Aufgabe gibt es nicht. Alles war genau aufgeteilt.“

„Es gab die Weisen, die Arbeiter. Und wer war der dritte Stand?“

„Die Feuerwächter. Sie lebten in den Bergen…“

„Ich hätte jetzt den Adel erwartet. Die Herrscher.“

„Das sind die Weisen. Wer sollte denn sonst befehlen, außer den Weisen? Worüber lachst du?“

 „Ach… Unsere Völker sind sich unterschiedlicher als du dir vielleicht vorstellen magst.“

„Wieso? Erzähl mir von deinem Volk! Ich will alles wissen! Bitte erzähl mir von dir!“

„Öhm… Ach… Erzähl mir zuerst von Thorfinn. Ehrlich gesagt kann ich dir nicht genau sagen, wieviel Zeit mir bei euch bleibt. Ich weiß nicht wie ich es beeinflussen kann, hier zu sein oder gehen zu müssen. Ehrlich gesagt wollte ich bisher immer nur wieder weg… Ich verstehe ohnehin nicht wie das Alles funktioniert.“

„Es ist Magie.“

„Nun. Das ist eine etwas dürftige Erklärung. Denn selbst wenn es so etwas wie Magie gäbe, muss sie nach irgendwelchen Gesetzen funktionieren. Selbst Zauberei hat einen Ursprung, der mit irgendwelchen Umständen verbunden sein muss.“

„Magie ist wie die Sonne. Sie ist immer schon dagewesen.“

„Oh… Glaub mir… Die Sonne ist von meinem Volk gut erforscht worden.“

„Ihr wart auf der SONNE?“

„Ne. Ne, ne. Wir haben sie beobachtet. Den Mond haben wir besucht… Du musst wissen, dass mein… VOLK, ähm die Fähigkeit hat die Erde zu verlassen.“

„Den Mond! Magie!“

„Nein… Es ist… Eine besondere Form von Magie. Vereinfacht gesagt gibt es mehrere Orte wie die Welt in der wir leben. Du hast eine davon gesehen. Ich auf jeden Fall. Als ich deine Kugel berührt habe, sah ich eine weitere Welt, du natürlich auch.“

„Die große Kugel?“
„Genau. Die Sonne ist so etwas ähnliches.“
„Wir müssen sie finden.“

„Wen? Die Sonne?“

„Nein, die anderen Kugeln!“

„Ich… Verstehe nicht…“

„Wir müssen sechs Kugeln finden. Diese hier, ist nur eine davon.“

„Es gibt noch fünf… Wo sind sie?“

„Deswegen haben wir dich gerufen. Du musst mir helfen die Kugeln zu finden!“

„Wie soll ich denn?… Ich hab keine Ahnung wie ich diese Dinger finden könnte.“

„Ist dir irgendetwas aufgefallen als du hierhergekommen bist? Ist dir irgendein Ort besonders vertraut?“
„…“

„Irgendwas?!“

„Tja… Ganz ehrlich… Mir ist nichts aufgefallen.“

„Du wirst es sicher noch verstehen…“

„Was hat das mit dieser Thorfinn-Geschichte zu tun? Und was bringt es alle 6 von diesem Kugeln zu besitzen.“

„Wenn wir alle 6 Kugeln haben, können wir die Dämonen besiegen.“

„Und wie?“

„Das weiß ich nicht. Das hat Klove uns nicht verraten.“

„Wo ist Klove? Ist er bei Thorfinn?“
„Sie sind Beide gestorben. Klove wurde gefressen.“

„Das ist übel. Und Thorfinn?“

„Ich… Ich weiß es nicht… Er ist in ein Licht gegangen.“

„Der Logik aller Filme nach lebt er also noch…“

„Film?“

„So nennen wir unsere Überlieferungen. Wir erzählen sie uns zu unserer Unterhaltung.“

„Thorfinn sollte das Medium sein, durch das wir die Pforte in deine Welt öffnen. Klove wusste wie groß die Bedrohung ist. Er hat sogar seinen eigenen Sohn geopfert… Ban… Paul. Nachdem was ich gesehen habe, glaube ich nicht an ein Überleben von Thorfinn…“

„War auch nur eine Vermutung…“

„Also? Hilfst du uns? Hilfst du dieser ganzen Welt zu überleben? Wenn du eine Belohnung benötigst ich… Ich habe natürlich bemerkt wie du mich ansiehst, und…“

„NEIN! Nein, nein… Ich weiß nicht… Du bist außerordentlich hübsch und… Ich… Ich… Weißt du… Jetzt… Jetzt wo das Ganze irgendwie real geworden ist… Also vorher, bevor ich die Kugel berührt habe… Da… Versteh mich nicht falsch. Du bist unglaublich geil… Aber jetzt… Nicht so… Nicht in der Realität…“

„Bin ich denn nicht nur eine weitere Frau für dich? Eine Wilde?“

„Ja… Und nein… Das warst du. Also du nicht echt für mich warst… Jetzt… Jetzt bist du für mich zu einem Menschen geworden… Ich weiß das klingt bescheuert…“
„Ist es wegen deiner Freundin? Wegen Techno?“

„Was?“

„Du meintest du liebst Techno.“

„Äh nein. Das ist. Das ist Musik. Doch da ist jemand. In meiner Welt… Egal… Weißt du. Irgendwie ist jetzt alles anders. Das alles hier“ Banyardis Arme machen eine ausholende Geste. „Ist plötzlich Wirklichkeit geworden… Du… Du hast mich überzeugt.“

„Also hilfst du mir?“

„Ja… Nur… Wie?“

„Das ist fantastisch! Wir müssen die Kugel finden, die hier im Dorf ist!“

„Hier im Dorf? Ich dachte wir begeben uns auf eine Reise oder so…“

„Das sind wir schon. Wir sind schon auf der Reise die Kugeln zu finden. Oder warum glaubst du ist ein Volk, dass so stark ist in der Gefangenschaft deiner Ureinwohner? Was denkst du warum wir hier sind?“

„Ihr… Ihr habt euch gefangen nehmen lassen?“ „War das denn nicht vom ersten Augenblick an offensichtlich?“

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Absolution 45 – Fantasy ist ein Witz

15

„Was hast du gesprochen?“

„Ach scheiße…“

„Was du gerade zu mir gesprochen hast?“

Paul lacht Ylva über Banyardis Mund in ihr Gesicht: „Bin ich doch wieder hier. Ich glaub´s ja nicht.“

Ylva sieht ihn mit großen Augen an. Sie flüstert: „Wusste ich es doch…“
Wieder steht Paul im Körper des Wilden Banyardi im Urwald und wieder redet er mit Ylva, dem weiblichen Superwesen jeglicher Männerphantasien. Was für ein Zufall. Selbstverständlich schickt ihn seine Phantasie zu dieser heißen Mieze zurück und nicht zu den anderen Dschungelbewohnern. Was haben die ihm auch schon zu bieten? Nur hat Paul jetzt keine Lust mehr.

„Jetzt ist Schluss, YL-VA!“ grinste Paul sowohl amüsiert als auch genervt die Mi-Cock-Prinzessin an. „Ich hab keinen Bock mehr auf den ganzen Scheiß.“

„Banyardi! Was war der letzte Satz, den ich zu dir gesagt habe?“

Darauf zuckt er mit den Schultern. „Davon abgesehen, dass es mir total Wurst ist was Banyardi gerade gesagt hat, weiß ich es nicht. Okay?

„O… Was?“ Ylva macht erschrocken einen Schritt zurück. Doch. Ihre Augen bleiben neugierig. Sie ist weder so überrascht wie Paul es erwartet hätte, noch scheint sie Angst vor dem Wechsel in Banyardis Kopf zu empfinden.

„Ich wusste das in dir zwei Seelen leben“, mit dem Satz macht sie wieder zwei Schritte an Banyardi heran. „Ich wusste, dass die Zeremonie etwas gebracht hat. Nur das du… Und hier… Und erst jetzt…“

Paul schiebt Ylva sacht drei Schritte von sich weg. Sie war eindeutig zu nah gekommen, was sich für Paul noch immer sehr unangenehm anfühlt. Außerdem hat er jetzt eine Freundin.

„Ja, ja“, winkt Paul ab. „Zeremonie. Ma-Fag. Mi-cock. Blahblahblah. Gute Frau. Ich brauche all das nicht mehr. Ehrlich gesagt, denke ich, dass ich das nie gebraucht habe. Kein Plan was mein Unterbewusstsein das ausgeheckt hat.“

„Du verstehst nicht!“ Ylva will sich wieder auf Paul zu bewegen. Sie lässt es nach einer Sekunde des Zögerns. „Wir haben dich gerufen.“

„Natürlich habt ihr mich gerufen! Euch gibt’s ja auch alle gar nicht. Euch gibt es nur in meinem Kopf. Der denkt aber, dass er euch braucht. Das ist aber Bullshit. Ihr seid alle nur Projektionen meines…“ Paul muss schlucken. „Wahnsinns… Durch dich geile Sau kom-pen-SIERE ich nur irgendwas in meinem Kopf. Das ist jetzt aber vorbei. Ich bin jetzt nicht mehr alleine.“

„Wer bist du? Erzähl mir nur wer du bist! Sag mir ob du der bist, den wir gerufen haben?“
„Mann das war noch Zeiten als ich mir druff einen runterholen konnte und meine RUHE hatte… Wie soll denn das in Zukunft laufen? Ihr macht mir JEDES Mal meinen Film kaputt…“
„Wer glaubst du, dass du bist? Gerade warst du noch ganz anders. Gerade haben wir noch über den Dschungel gesprochen und…“

„Ich habe keine Ahnung von. DSCHUNGEL. Ich lebe im verdammten 21 Jahrhundert. In einem Haus (Paul formt mit zwei Finger ein Strichhäuschen in die Luft) und gehe ar-beiten. Kennt ihr ja nicht… Ich liebe TECHNO auch wenn jeder Idiot heutzutage ELECTRO dazu sagt. Ist komisch. Ich weiß. Ist aber so.“

„Wer ist diese Techno?“
Paul lässt den Kopf überzeichnet sinken: „Echt jetzt?“
„Wie ist ein Name? Dein richtiger Name?“
„Paul. Mein Name ist Paul.“

„Und du kommst aus einer anderen Zeit?“

„Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich vom gleichen Planeten komme wie ihr Wilden.“
„Paul, hör mir zu.“ Ylva geht wieder auf ihn zu, ergreift seine beiden Hände und blickt ihm von unten tief in seine Augen. „WIR haben dich gerufen, weil wir deine Hilfe brauchen. Die Mi-Cock sind der Grund weshalb du hier bist. Noch bevor die Monster uns überfallen haben, noch vor unserer Flucht, haben wir eine Zeremonie abgehalten um jemanden wie dich zu holen. Wir dachten, du würdest in den Körper von Thorfinn eintauchen… Der arme Thorfinn… Er…“

„Nichts davon ist wahr“, Paul reißt grob seine Hände aus Ylvas Griff. „Ist dir außerdem schon mal aufgefallen das es in jeglicher Unterhaltungsgeschichte immer einen ERLÖSER geben muss? Von Star Wars über Matrix bist zu Herr der Ringe. Das ist so DÄMLICH und unkreativ. Das ist alles Bullshit!“

„Was?“

„Das ist alles UN-SINN!“

„Bitte sei nicht so laut. Die Ma-Fag werden auf uns aufmerksam…“

„Na wenn schon?! Es GIBT keine Ma-Fag! Verstehst du? Ach… Wie solltest du das auch verstehen?…“
„Banyardi… Paul… Wir haben dich gerufen, damit du mir helfen kannst sie zu finden.“

„Was zu finden denn?“ Paul breitet seine Arme aus.“ „Was zum Teufel glaubt ihr denn hier finden zu können?“

Eine Hand legt sich auf Pauls kräftige Banyardi Schulter. Unwirsch dreht Paul sich um und wischt sie weg. Erschrocken taumelt Maya zurück. „Mein Sohn, was ist geschehen?“ Paul hält inne. Maya zu Sehen verändert etwas in ihm. Banyardis Gefühle zu seiner Mutter stürzen über ihn herein. Sofort bereut er es seine Mutter so brüsk behandelt zu haben. „Mutter… Ich… Ich wollte nicht… Ich wusste nicht…“ Und sofort sah er in ihren Augen, dass es gut war. Maya würde es ihm nicht allzu lange verübeln, aus der Rolle gefallen zu sein. Hierfür. Traf ihn keine Schuld.

„Ich muss um Verzeihung bitten Mutter. Der Rat hat mich gebeten mit Ylva zu reden.“

„Welcher Rat mein Sohn?“

„Ähm. Kamyor hat mich gebeten.“

Absolution 38 – Tätersuche

Dreizehn schlaflose, wirre Stunden später stand Paul verplant im Lidl und konnte sich nicht entscheiden, welche Tiefkühlpizza besser zu seinem Charakter passte: Eine No-Name oder „Doktor Oetker“. Unvermittelt spielte sein  Smartphone „Human after all“ von Daft Punk ab. Pauls Reaktion darauf war ein Seufzen und Fummeln in seinen Taschen nach dem Telefon. Es war heute in der Arbeit schon hart genug gewesen. Irgendwie hatte er sich durchgemogelt, ohne allzu viel Aufsehen zu erregen. Wie so oft. Er hatte Dienst nach Vorschrift abgespult, mit dem Motto: Lieber heftiger ranklotzen, dann stellt auch niemand irgendwelche dummen Fragen. Sich nur nicht gehen lassen, konzentriert bei der Arbeit bleiben. Die ersten Stunden waren wie immer die beschissensten gewesen. Hatte man die aber mal hinter sich, klappte auch der Rest des Tages. Nur nicht der Stimme im Kopf nachgeben, dass man doch voll im Arsch sei und einfach heimgehen sollte; die Variationen der Ausreden um früher zu gehen sind unendlich und wurden mit den Wochen dennoch immer dämlicher. Er konnte nicht schon wieder einfach abhauen. Also einfach durchziehen. Um danach zuhause ins Bett fallen zu können. Und nun doch wieder Daft Punk… Der Fettsack rief an. Natürlich.

„Servus. Dicker, bist du fertig mit der Arbeit?“

„Ich bin MEHR als fertig… Ich bin Hundemüde und…“ begann Paul zu lamentieren.

„Du bist IMMER Hundemüde! Du musst sofort vorbeikommen! Hast du das Bild nicht bekommen?“

„Doch, klar. Heftige Sache… Aber ich bin so im Arsch…“
„Ausreden gibt´s da jetzt nicht. Kriegsrat. Du musst rüberkommen. Heute! Müdigkeit vortäuschen zählt nicht!“
„Wieso denn vortäuschen?…“
Pause.

Dann der Fettsack: „Dicker. Ich brauch dich.“

„Oh fuck… Ja. Ich bring noch meinen Scheiß heim. Bin Einkaufen.“

Eine halbe Stunde später saß Paul tatsächlich auf dem Sofa im Bosporus. Er war total durch. Und beeindruckt. Wie der Fettsack den „Junkie“-Schriftzug so schnell von der Scheibe bekommen hatte.

„Mitm Golfschläger.“ War die Antwort. „Erschien mir als schnellste und beste Lösung… Diese Wichser!“

Paul (langsam im Kopf): „Mitm Golfschläger?“

Boris, den alle Bobby nennen, drehte sich abschätzig zu Paul um und erklärte es ihm schmunzelnd: „Du Trottel. Er hat die Scheibe eingeschlagen.“

Paul mochte Bobby. Zwar war er einer dieser „falschen Freunde“, mit denen sich der Fettsack umgab. Einer von den Typen, mit denen er nichts gemeinsam hat, außer die Sucht nach Drogen und Partys. Trotzdem mochte Paul Bobby. Vor ein paar Jahren waren sie sogar einmal sehr gute Freunde gewesen. Dann aber, hatte das Leben so gespielt.

Paul total überfordert: „Wo hast du denn GOLFSCHLÄGER her?“

Fettsack: „Ist doch egal! Mann!“ Er zog vor lauter Wut die Bong schlürfend durch. Schüttelte kurz den Kopf und lies den Rauch wieder aus seinen Lungen qualmen. „Die mach ich fertig!“

„Und wen?“ fragte Paul, der immer noch irritiert über das Golfer-Geheimnis seines Freundes war und nuckelte an seinem Spezi.

„Irgendwelche NEIDER!“ raunte der Fettsack.

„Joa“, nickte Bobby. „Ist ne Theorie. Verdammter Kleinstadt-Scheiß. Die gönnen es halt niemandem seinen Erfolg auszuleben. Weil die nichts auf die Reihe bekommen als über andere zu lästern.“

Die anderen Zwei nickten.

„Ich hab dir das aber schon dutzende Male gesagt: Du musst dich mehr unters normale Volk mischen. Die zerreißen sich doch hinten rum das Maul über dich. Du glaubst gar nicht wie oft ich auf dich angesprochen werde, was denn jetzt wieder bei dir los war“, fuhr Bobby fort und stopfte sich neben zu einen Topf für die Bong.

„Scheiß drauf… Ich hab keinen Bock unter Leute zu gehen…“ grummelte der Fettsack.

Paul sah müde Bobby dabei zu, wie er den Topf durch die Bong sog. Dann lachte Bobby: „Unter Leute… Unter Leuten… Klingt nach Juli Zeh. Hast du das gelesen?“

Paul: „Hä?“

Bobby: „Na UNTER LEUTEN! Das Buch von Juli Zeh!“
„Was? Ne… SPIELTRIEB hab ich mal gelesen. Fand ich aber… Poh… Sehr unglaubwürdig geschrieben.“
„Die hatte doch noch… Die hatte doch noch… Mensch…“ Bobby rang mit seinem bekifften Selbst, „So´n anderes Buch… Irgendwie mit Staatlicher Überwachung oder so. Internet… Weiß nicht mehr… (Pause) Das war aber gut.“
Paul: „Ja… Puh…“

Fettsack: „WAS JUCKT MICH FUCKIN JULI ZEH, MANN!“

Bobby, total bekifft: „Das nenn ich mal ne Kritik. Voll korrekte Message, Diggi.“

„Mann! Fuck!“ fluchte der Fettsack. „Ich will wissen welcher Psycho, das scheiß JUNKIE auf meine Scheibe gesprayt hat!“

„Ach gesprayt… Deswegen Golfschläger… Da hätte es Terpentin aber auch getan. Geht ganz easy wieder ab“, merkte Paul an.

Fettsack: „Auch schon egal. Mir war danach… Scheiß auf die Scheibe… Wichtiger ist, WER das war. Gar keine Ideen?“

Paul: „Hast du irgendwen abblitzen lassen? Gibt´s irgendwer der sich von dir beschissen fühlt?“

„ICH HAB NIEMANDEN BESCHISSEN! Was ich hier Geld für den Scheiß raushaue! Da bin IMMER ICH der Beschissene! Ich zahle IMMER MEHR für korrektes Zeug. Aber meistens dann doch wieder nur MIST den sie mir verticken wollen!“

„Könnten wir beim Thema bleiben? Irgendwelche Feinde?“, Paul riss sich zusammen und wollte die Unterhaltung voranbringen. Sonst würde er hier nie wieder wegkommen.

„Ich hab keine Feinde…“
Mit einem schiefen Blick auf Bobby, der inzwischen einfach nur platt im Kanapee hing wie ein Boxer in den Seilen. „Oder ehemaligen Freunde?“

Blitzgescheit und plötzlich sehr wach sah Bobby Paul an und machte: „Hm.“
„Ganz ehrlich. Kein Plan“, der Fettsack resignierte ein wenig.

„Mit dem Neid. Mit dem hast du wahrscheinlich recht“, auch Bobby riss sich jetzt zusammen. „Doch wen interessiert das denn überhaupt? Scheiß doch auf die ganzen Deppen, die einem ehrlichen Händler und Großverdiener seinen Erfolg streitig machen wollen.“

Paul: „Stimmt doch. Wenn´s die einzige Aktion in der Richtung bleibt, dann verbuch das unter Neider. Und ganz ehrlich. Könnte schlimmer sein.“

„Es könnte aber auch noch schlimmer werden“, grollte der Fettsack.

„Da hast du Recht“, nickte Paul und trank sein Spezi leer. Er nahm sich vor einmal mit Chris zu reden. Nein. Er musste mit Chris reden. Ansonsten fiel ihm kein Verdächtiger ein. Doch das konnte er dem Fettsack nicht sagen.

„Was sagt eigentlich deine Frau dazu?“ erkundigte sich Paul.

 

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Absolution 37 – Der Anfang vom Ende

Kapitel 13

„Puh“, puhte Paul. Zurück in der realen Welt, rieb er sich erst einmal die roten, wunden Augen. Schlief er? Hatte er geschlafen?…

Die Wände seiner Wohnung waren kalt und steril.

Was war diese andere Welt? Wahnvorstellung? Traum? Wirklichkeit? Zeitvertreib?… Einfach nur ein Ausweg seines Verstandes sich vor einer Realität zu retten, mit der er schon lange nicht mehr klarkam? Spielte es überhaupt eine Rolle? Was juckten ihn diese blöden Kinder. Immerhin schmerzte ihm nach diesem Trip keine Stelle seines Körpers. Er war weder wundgelegen, noch wundonaniert. Seine Rückmuskulatur vom falschen Sitzen nicht verzogen. Tatsächlich hatten seine „Kurztrips“ in die Welt des Dschungelvolkes die ganze Idee seiner einsamen Sessions über den Haufen geworfen. Es zog sich weder Pornografie rein, noch hatte er seine Triebabfuhr. Er wusste nicht einmal, ob die Drogen überhaupt noch wirkten; okay, ohne die Drogen gäbe es auch keine Reisen. Schließlich musste er immer „drauf sein“ sein, um in der anderen Welt „drin zu sein“. Merkwürdig blieb, dass er sich in der anderen Welt immer mehr wie in der Wirklichkeit gab… Er war nicht mehr der, der die Geschichte formte und alle Figuren beherrschte. Er entschied nicht mehr wie es weitergehen würde, noch wie sich die Leute zu verhalten hatten. Irgendwie… Wurde sein Wahn von dem von ihn erdachten Figuren demokratisiert… Was passiert da? Dennoch war nicht abzustreiten, dass ihn diese „Reise ins Ich“, dieser Fantasy-Trip ebenso süchtig machte, wie seine Selbst-Sex-Sessions zuvor… Paul hatte viel über sie nachgedacht, über diese Porno-Träume. Warum er es tun musste, weshalb er diese Form der Selbstbeherrschung brauchte… Und so irre es war: Es ergab Sinn. Es machte einfach Sinn vor den Leiden der Tatsächlichkeiten in eine bessere Welt zu fliehen, in der er der omnipotente König aller Möglichkeiten und Lebensformen war. Aber dass jetzt… Irgendwie… Fehlten ihm seine Sexträume. Und doch… Vielleicht war dieser Fantasy-Kram einfach nur ein Ausweg, den ihm sein Verstand aus seinem selbsterwählten Dilemma der Einsamkeit zeigen wollte. Möglich, dass dieses Fantasy-Zeug eine unterbewusst logische Fortsetzung seines Dilemmas war. Ob es sich hierbei nun um einen Ausweg oder eine Verschlimmerung der Situation handelt, konnte er bei Gott nicht feststellen. Wie auch immer.

Er seufzte abermals. In seinem Zimmer roch es nach Lösungsmittel. Vielleicht. War es auch nur der Geschmack in seinem eigenen Mund.

Wasser. Hilft. Immer.

Er fühlte sich gar nicht verspannt wie sonst, als er sich ziellos in seinen 4 Wänden umsah. Nur müde. Ja. Müde war er. Was eine gute Sache war. Schlaf ist und bleibt die einzige Form von Erlösung…

Ein Lichtschein an der Wand erregte seine Aufmerksamkeit. Hatte er den Kühlschrank aufgelassen? Paul verdrehte seinen zähen Körper in die Richtung des Geräts. Er konnte sich gar nicht… Auf war das Ding trotzdem. Das Kühlschranklicht war die einzige fremde Lichtquelle im Raum, bis auf den PC-Bildschirm, der unterkühlt sein trauriges Licht an die sterilen Wände warf. Das Surren des Kühlaggregats als das einzige Geräusch im Raum. Viel lauter als der schnaufende Ventilator seines Rechners.

Mit leicht verspannten, knacksenden Gliedern ging Paul hinüber zu seinem Kühlschrank, in seine Küche, bei der zu allem Überfluss auch noch die Türe auf war und theoretisch die Nachbarn hineinsehen konnten. Paul schloss den surrenden Kühlschrank.

Pauls innere Stimme: „Hm. Das Gehirn speichert nicht jeden unsinnigen Kram, den wir Menschen machen. Sonst würden wir verrückt werden.“ Irgendwo hatte er das mal gelesen. Wahrscheinlich im Internet. Klang trotzdem logisch. Neben dem Kühlschrank standen zwei Flaschen Wasser, von denen er zwar auch nicht wusste wann er sie dort hingestellt hatte (Paul stellte nie 2 geschlossene Flaschen nebeneinander irgendwohin), nur war ihm dieser Umstand egal. Er nahm einen tiefen Schluck, schnappte nach Luft und fasste in dem fürs erste Mal das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen. Ist nicht so besonders gut zu viel Chemie in einem trockenen Mund zu haben. Nicht das ihm auch noch vom Speed die Zähne abfaulen.

Seine Beine fühlten sich weich an. Wie aus Gummi. Jeden Schritt den er hinüber in sein Bad machte, ist vorsichtig gewählt und exorbitant leise, so als ob er an jemanden vorbeischleichen müsste. Eine unbewusste Reaktion auf die absolute Stille, die ihn umgab. Er verfiel oft in dieses Nächtliche Schleichen durch seine Wohnungen und hatte sich selbst daran gewöhnt. Auch aus den Nachbarwohnungen war kein Geräusch zu hören. Es war schon zu spät. Zu dunkel. Zu sehr Schlafenszeit. Das einzige Geräusch schien das Rauschen des Mondes zu sein, wie er dort oben über das Firmament glitt.

 

Die Überraschung die im Bad auf ihr wartete, registrierte er sofort. Nicht jedes Detail springt einem auf Speed gleich ins Auge. Je nach Draufheitsgrad kann man schon mal Details übersehen, wie Handwerker auf dem Balkon oder andere, vergleichbare Dinge, die gerade nicht im Aufmerksamkeitsfokus des Druffis liegen. „Spontan“ ist man selten auf Drogen. Doch was im Fokus liegt und einen gewissen Erwartungsgehalt besitzt, wird mit höchster Disziplin vom Verstand erfasst und verarbeitet. Das war bei dem Post-It-Zettel nicht der Fall, der mittig auf seinem Badezimmerspiegel klebte. Paul bemerkte ihn aber sofort. Seine Reaktion war: Totale Verwirrung. Seine ganze Körpersprache, sein ganzes Gesicht wurde zu einem einzigen: „Hääähhh? What the…?“ Er kniff seine Augen zusammen um mit seinen von den Drogen geweiteten Pupillen etwas erkennen zu können, riss den Klebezettel von seinem Spiegel und konnte darauf seine eigene, krakelige Schrift dechiffrieren, die ihm mitteilte: „Katha ficken.“ Paul. War baff. Wann hatte er?… Und warum? Er ließ den Zettel sinken und blickte sich selbst mehr als ratlos in dem Spiegel an. Sie sahen sich in die Augen. Er und der andere. Dieser Fremde, der ebenfalls so überrascht war wie er selbst.

„Katha ficken?“ seine eigene Stimme erschreckte ihn. Ebenso wie Paul sein eigenes Spiegelbild nicht geheuer war. Das war es ihm nie, wenn er Drogen genommen hatte. Sich nur nicht zu lange selbst in die Augen schauen. Schnell inspizierte er noch einmal das Post-It. Das war seine Handschrift. Keine Frage. Nicht schöngeschrieben. Aber trotzdem. Wann und… Warum? Hatte er das aufgeschrieben und an seinen beschissenen Spiegel geklebt? Damit er es selbst finden würde? Warum musste er sich überhaupt daran erinnern? War es denn nicht offensichtlich das er… Was von Katha WOLLTE? Weshalb sollte er ZUR ERINNERUNG so einen blöden Zettel ausfüllen? Was wollte er selbst sich damit sagen? Wieder sah er sein dumm guckendes Ich im Spiegel an. Die Vulgarität seiner Notiz verdutzte ich noch mehr. „Ficken“ zu denken war kein Problem für ihn. Aber als AUFGESCHRIEBENE Notiz? Das passte nicht zu ihm. Was ist denn hier los?

„Cool bleiben.“ Sagte er sich in Gedanken. „Das ist jetzt ein wenig strange. Okay. Aber… Könnte schlimmer sein. Man sollte vielleicht nicht zu viele Drogen nehmen, wenn man eh ein wenig durch ist. Und der Schlafmangel! Denk an den Schlafmangel! Ja genau! Den darf man nie außeracht lassen. Der führt oft zu einigem Irrsinn. Gut das du mich daran erinnerst… Klar. Kein Problem… Mit wem rede ich überhaupt?“

Das wurde ihm jetzt doch ein wenig zu irr… „Hör auf mit dir selbst zu reden! Gute Idee! Ahhh!… Halts Maul!“ Paul zerknüllte den Zettel, machte schwunghaft das Licht aus, ging durch das Wohnzimmer wieder hinüber in sein Schlafzimmer und warf sich nackt in die Laken. „Einfach. Ruhe. Jetzt. Niemand sagt was!“

So lag er da. In der Stille. Eine Minute lang. Zwei Minuten. Dann gingen die Gedanken wieder von vorne los. Sich in der Dunkelheit von irren Drogen-Gedanken überrennen lassen, die sich dann im Kreise drehen, bis sie plötzlich zu einem Strudel aus Wahnsinn werden, in der er sich immer wieder die gleichen Fragen stellte, bis er auf irgendeine Lösung kam, die er dann dank der Drogen wieder sofort vergessen würde, und das alles wieder von vorne beginnen würde, wie in schon viel zu vielen Nächten, ne, auf den Scheiß hatte er jetzt keinen Bock. Zu oft war er in absoluter Dunkelheit dagelegen und hatte sich selbst verrückt gemacht und jeden möglichen Unsinn eingeredet, bis er am Ende gar nicht mehr wusste, was wahr ist und was er sich ausgedacht hatte; Dunkelheit und Drogen: Ganz schlechte Idee. Er war viel zu unkonzentriert um jetzt klar zu bleiben… Reize! Er brauchte Reize. Irgendwas, was ihn ablenken würde. Das Handy! Natürlich! Alle sehen auf ihr Handy um sich abzulenken! Guter Plan, dann würde er diesen blöden Zettel gleich vergessen haben. Irgendein Quatsch auf Instagram würde ihn bestimmt unterhalten. Was sollte das auch mit dem Zettel? Ist doch eh egal. Ist doch nicht schlimm. Manchmal, ist man halt ein wenig durch. Passiert. Und das nicht zum ersten Mal. Wahrscheinlich auch nicht zum letzten…

Er ertastete neben seinem Bett das am Ladegerät angesteckte Smartphone, stöpselte es ab, machte es an (das Licht war hell, erschreckend hell und doch sehr angenehm in der Dunkelheit seiner Drogenparanoia) und sah sofort, dass der Fettsack ihm vor etwa drei Stunden eine Whatsapp-Nachricht geschickt hatte. Es war ein Foto, unter dem stand: „Weißt du irgendwas darüber?“ Paul kniff wieder die Augen zusammen. Das Handy war schon verdammt grell in dieser absoluten Dunkelheit. Aber er kannte das was auf dem Bild war. Das Foto zeigte… Wenn er das richtig sah und sein Kopf das Bild richtig zusammenfügte. Eine Außenaufnahme des Bosporus. Dem kleinen Club vom Fettsack. Die ehemalige Dönerbude. Auf dem Handyfoto war es eindeutig Nacht. Im Gebäude war es dunkel. Nur hatte von außen jatte irgendwer mit rosa Sprühfarbe: „Junkie“ auf die Scheibe gesprüht. Ja. Also. Irgendwer hatte an Fettsackshaus „Junkie“ geschrieben. Alter Falter! Harte Suppe… Was für ein Scheißdreck… Ob er darüber irgendwas wusste? Woher sollte Paul?… Wie in alles in der Welt?… Was zum Henker?… Warum sollte gerade er? Der Fettsack dachte doch nicht etwa?

Paul. Begriff. Nichts.

Er knippste das Zimmerlicht an. Warf das Handy in die Laken und holte sich aus dem Kühlschrank ein kaltes Bier. Er köpfte es und setzte sich vor dem Kühlschrank auf dem Boden. Ganz ruhig bleiben.

Absolution 36 – Der Fehler im Bild

Verfolgt von den misstrauischen Blicken der Einwohner spazieren Banyardi und Ylva durch das Dorf. Die Sonne gleitet dabei langsam auf die andere Seite des Planeten.

Ylva: „Ich weiß nicht ob das eine gute Idee ist mich so offen zu zeigen… Die Ma-Fag sehen mich sehr böse an.“ Ylva fühlt sich sichtbar unwohl und ist verunsichert. Ebenso wie die Ma-Fag selbst. Zwei Arten wilder Tiere treffen aufeinander, ohne abschätzen zu können, wer der natürlich stärkere von beiden ist. Am liebsten hätte Paul einfach schützend seinen Arm um Ylva gelegt. Auch für ihn ist es ein seltsames Gefühl, wenn auch von ganz anderer Art. Banyardis und seine Kräfte scheinen sich vereint zu haben. Er strotzt geradezu vor Selbstvertrauen, ohne seine intellektuelle Beherrschung zu verlieren. Er würde sich… Ylva gewachsen fühlen…

„Sie sehen nicht dich an. Sie sehen das, wofür du für sie stehst.“
„Und worum handelt es sich dabei? Um eine Gefangene? Um eine Sklavin? Um die Beute? Die Tochter des Anführers der Mi-Cock?“

„Sie sehen dich nicht als Person. Für sie bist du ein Symbol. Ein Symbol für etwas, was sie nicht kennen und nicht einschätzen können. Wir sind ein sehr zurückgezogenes und dadurch auch sehr friedliches Volk. Veränderungen sind wir nicht gewohnt. Alles was uns als neu erscheint, macht uns… Nicht gleich Angst. Nein, das wäre Unsinn so etwas zu sagen. Wir sind nicht schwach. Die Ungewissheit macht uns viel mehr vorsichtig.“

„Aber wir sind doch nicht euer Feind!“

„Solange wir die Feinde nicht gesehen haben, bist du ein Symbol für diese Feinde, denn ohne jene, wärst du nicht hier. Eure Anwesenheit bringt uns in Gefahr, auch wenn ihr nicht die Gefahr seid. Also erzähl mir von diesen… Wie habt ihr sie genannt? Bestien?“

„Dämonen. Es sind Dämonen, die uns heimsuchen.“ Ihr Blick geht bei den Worten einen halben Meter vor ihren zierlichen Füßen her.

„Handelt es sich dabei umso grüne Muskelpakete? Um Orks? Werden sie von einem riesigen Auge angeführt?“

„Von einem riesigen…. Auge? Nein. Das sind nicht die Dämonen, von denen ich spreche… Kennt ihr etwa ein riesiges Auge als Heerführer?“ Paul ist überrascht, wie sehr sie auf seinen Spruch einsteigt. Ironie ist in dieser Welt allem Anschein nach nicht weit verbreitet. Nicht dass die Nordfrau schon einmal etwas von Elben gehört haben könnte. Es war schon immer ein typischer Fehler Pauls, Frauen gegenüber Witze zu machen, die sie nicht verstehen können.

„Nur Gerüchte… Ähm… Es sind auch keine lebenden Untoten, die aus dem ewigen Eis gekommen sind und den Winter mit sich bringen? Weiße Wanderer oder so?

„Nein…“
„Hm… (zu sich selbst) Gibt’s denn sonst noch etwas relevantes?“

„Ich kann dir nicht folgen…“

„Äh ja. Erzähl mir lieber von eurem Volk.“

„Wir sind ein Volk von Seefahrern. Wir sind weit gesegelt um bis zu euch zu gelangen. Die Dämonen haben uns gejagt.“

„Haben die Dämonen auch Schiffe? Bauen Dämonen Schiffe?“ Paul lächelt während des ganzen Gesprächs. Er weiß gar nicht was los ist. Das Ganze ist aber auch allzu lächerlich. Warum zum Henker muss sich sein Verstand gerade eine Fantasy-Geschichte ausdenken?

„Einige Schiffe scheinen sie erbeutet zu haben. Viele Dämonen können fliegen. Doch ihr Anführer… Ich glaube, dass er ihr Anführer war. Kam zu uns mit einem Schiff. Ein schwarzes, von innen her brennendes Schiff.“
„Von innen her brennend? Respekt…“

 

Die Zwei drehen immer wieder eine neue Runde durch das kleine Dorf der Ma-Fag, von denen sie inzwischen gar nicht mehr beachtet werden. Schnell haben sie sich an den gerade noch ungewohnten Anblick gewohnt. Die Mütter und Großmütter lassen sogar noch ihre Kinder zum Spielen nach draußen, die tobend und lachend herumtollen, während dem die Sonne hinter den gigantischen Urwaldbäumen versinkt. Ylva lächelt zu dem Anblick der Sprösslinge. „Schöne Kinder habe die Ma-Fag. So süß und lebhaft…“

Banyardis und Ylvas Weg bleibt bei der ganzen Zeit der gleiche. Vorbei an den Ställen der Nutztiere, die sich die Ma-Fag halten. Vorbei an dem Platz der Riten. Hinüber zum großen Lagerfeuer, dass selbstverständlich auch heute heiß lodert. Bis nach hinten zu der Wohnsiedung, die von Wachtürmen in Bäumen umstellt sind. Dann wieder auf der anderen Seite zurück in Richtung der Ställe. Der frühe Abend mit der dazu verbundenen Dunkelheit schafft ein angenehmes Klima. Es ist. Fast schon zu schön hier.

„Wundert es dich eigentlich gar nicht, dass ihr, ein Volk, das so weit gesegelt ist, die gleiche Sprache spricht, wie unser Dschungelvolk?“

Ylva sieht ihn abschätzend an. Könnte das eine Falle sein die Paul ihm stellen will?

„Welche… Welche Sprache sollten wir denn sonst sprechen, wenn nicht diese?…“

Sie bleibt stehen, neigt den Kopf ein wenig zur Seite: „Bist du wirklich der gleiche Mann, der Grammon erschlagen hat? Der gleiche Mann, der mich vorgestern besucht hat? Du wirkst so…“

„Anders? Nun. Vielleicht muss ein Mann sich verändern um ein Volk zu verstehen, dass er nicht kennt. Vielleicht muss man ein anderer werden, um andere zu begreifen.“

„Das ist es nicht was ich meine… Du siehst aus wie er… Aber…“

„Ich bin hier um euch zu helfen. Wirklich. Und es wäre eine Lüge, würde ich behaupten, dass ich damit nicht auch uns helfen will.“

„Dann hört uns zu! Kämpft mit uns! Schließt euch uns an! Nur gemeinsam können wir…“ Ylva nimmt Banyardi/Pauls Hand bei ihrem Aufruf und sieht ihn mit Augen an, in denen ein Mann versinken kann. „Vielleicht nicht gerade siegen… Aber Überleben! Wir wollen doch alle das Gleiche! Frieden!“

„Es ist nur schwer für uns, wenn wir die Bedrohung nie gesehen haben.“
„Das ist doch dumm! Ihr müsst uns glauben!“

„Das ist nicht dumm. Das ist nur natürlich! Wir…“

Eine Gruppe der Ma-Fag Kinder rennt lachend auf die Beiden zu. Mit großen Augen, jedoch heiter, rennen sie auf die Frau mit den gelben Haaren und der weißen Haut zu. Kinder kennen keine Berührungsängste. Sie umringen Ylva und versuchen ehrfürchtig, doch rasend neugierig, mit nur einem Hauch angeborener Kinderangst vor Fremden, die blonde Frau zu berühren. Ylva lacht und lässt es zu. Sie strahlt beim Anblick der Kinder über ihr ganzes Gesicht. Und die Kinder. Sie Lachen zurück. Ylva geht auf die Knie, macht Späße mit den Kleinen, während Paul die Szene beobachtet.  Paul ist sich nicht sicher: Ist das Show? Will sie sich bei den Mi-Cock beliebt machen? Vermenschlichen?

Die stolze Nordfrau nimmt eines der Kinder auf ihre Arme, drückt es an ihren großen Busen. Und fängt für alle, für die Kinder, für Banyardi und sicherlich auch für sich selbst, vollkommen unerwartet an zu weinen. Ylva drückt das Kind wie irr an sich und heult laut jammernd los. Nicht wie eine tapfere Frau, die sie nur vorgibt zu sein, sondern wie eine Mutter, Tante oder Freundin, die alles verloren hat; da fällt es Paul wie Schuppen von den Augen. Wie hatte er das übersehen können?

„Kinder…“, murmelt er vor sich hin. „Es sind die Kinder…“

Ylva weinende Augen treffen verwundert auf die Seine. „Ihr habt keine… Ihr nennt euch ein ganzes Volk. Aber ihr habt keine Kinder bei euch! Was ist euren Kindern passiert?“

Ylva lässt den erschrockenen Jungen wieder auf den Boden hinab, wo sie vollkommen in sich zusammenbricht und in einen stillen Heulkrampf verfällt.

Absolution 33 – Eine Welt ohne Schauspieler

Eine dreiviertel Stunde, eine Flasche „Fritz Kola“ und 0,6 Gramm eher mäßiges Pep später, befindet sich Paul wieder im Körper Banyardis. Was die letzte Zeit mit einer starken psychischen Anstrengung verbunden war, gelang ihm nun, ohne dass er es forcieren musste. Er musste es nicht einmal wollen. Der Übergang vollzog sich ähnlich des Einschlafens, denn wie zu Beginne eines Traumes konnte sich Paul nicht an den Moment des Wechsels in einen anderen Bewusstseinszustand erinnern. Es war wie durch eine offene Tür ins Paradies zu treten, nach dem er sich nach dem ganzen Wirrwarr mit Katha außerordentlich sehnte. Plötzlich war die „andere Welt“, wie Paul sie unterbewusst schon bezeichnete, jene geworden, in der er sich sicherer und behüteter fühlte, als in seinem tatsächlichen Leben. Die Fronten waren ebenso geklärt, wie die Ziele. Warum konnte es im normalen Leben nicht genauso sein? Warum konnte er nicht einfach Kathas Held sein? Und warum wusste er nicht einmal für sich, ob er das überhaupt wollte?

Kaum war er in Banyardis muskulösem, wildem Körper angekommen, fühlte er sich endlich bei sich selbst angekommen. Die Verwandlung „in“ Banyardi war wie ein Upgrade zum Superhelden. Banyardi kennt keine Zweifel. Keine Furcht. Banyardi ist ein Fels. Ein Mann wie ein Nietzsche Zitat, dessen „Formel meines Glücks“ lautete: „Ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel.“

Banyardi würde sich die Frauen so nehmen wie er wollte. Er würde sich auch niemals lächerlich machen. Niemals wanken. Niemals zweifeln. Banyardi stand über der Meinung der anderen. Seine Welt war einfach und deswegen voller Hoffnung.

 

Die Welt der Ma-Fag liegt schon in der Dämmerung. Der Krieger ist auf dem Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock. Erschüttert über dieser Erkenntnis öffnet er dumpf seinen Mund und bleibt stehen, denn: Noch nie wusste Paul, was Banyardi vorhatte und woher er kam. Bisher war Paul immer einfach nur in die Welt der Ma-Fag eingetaucht, ohne auch nur im mindesten zu wissen, was sein Auftrag ist. Er war einfach nur immer dagewesen. Mitten im Geschehen. Jetzt ist sich Paul bewusst, indessen Banyardi seinen Weg fortsetzt, dass er auf den Weg zu den gefangenen Frauen der Mi-Cock ist, die von den männlichen Gefangenen separiert worden waren. Und. Banyardi hatte bereits eine weitere Begegnung mit Ylva geführt. Die blonde Frau vom Wasserfall, die den Jungen mit so stolzem Blick Paroli geboten hat. Die Tochter Murdocks.

Wie findet man Vertrauen zu einer Person, die man gefangen hält? Über die man verfügen und richten könnte, wie es einem beliebt? Die Ältesten hatten entschieden: Durch Menschlichkeit – und Schwäche. Menschlichkeit signalisierte der Mann, der vor ihren Augen ihren Beschützer, wenn das Biest nicht sogar ihr Freund war, getötet hatte, in dem er sich auf die gleiche Stufe stellte, wie die Gefangene. Er ermahnte die Wärter der Gefangenen sie gut zu behandeln und sprach davon, dass auch die Ma-Fag eines Tages Geflüchtete sein könnten, sollten die Mi-Cock recht behalten. Würden die Wachen es denn nicht auch wollen, dass ihren Frauen kein Leid zugefügt werden würde? Würden sie selbst denn nicht Obdach bei Fremden finden wollen, würden sie vertrieben werden? Und was wäre wenn es tatsächlich diesen einen großen Feind gäbe, gegen den sie alle zusammenstehen mussten, ganz egal aus welchem Teil der Welt die künftigen Alliierten kommen würden? Das müssten sich die Wachen doch einmal klarmachen!

 

Tatsächlich war das alles nur Show für die Gefangenen, denn noch niemals hatte ein Bübchen wie Banyardi den tapferen Kriegern der Mi-Cock überhaupt irgendetwas zu sagen gehabt. Bei den Mi-Cock gab es eine klare Rangordnung, die an das Alter geknüpft war, nicht an Erfolge. Was für Erfolge außer der Jagd könnte so ein Wald-Volk schon vorweisen könne?  So nickten die Krieger nur müde und sahen erschöpft vor lauter Langeweile in den Urwald. Sollte er doch reden, der Kleine.

Noch viel schlimmer als das Schauspiel der Wachen war der Beginn dieser ganzen Szene, die sich Masiyo ausgedacht hatte. Sie sollte als Türöffner zum Vertrauen der Gefangen benutzt werden. In diesem Szenario stürzte sich Masiyo als Vergewaltiger auf die eingesperrten Weiber, vor welchem Banyardi die Frauen retten sollte. Dadurch würde Banyardi als tapferer Held und Retter der Frauen ihre Gunst erwerben. Jedoch geriet die Aktion genau zu der Farce die eintreten musste, wenn sich zwei Ureinwohner vornehmen, Theater zu spielen, ohne jemals auch nur ein Schauspiel gesehen zu haben, nein, ohne überhaupt zu wissen, was Theater ist. In der Welt der Ma-Fag gibt es zwar gewissen Riten und Feste, die sich jedoch ausschließlich an den Jahres- und Mondzeiten, sowie an den Brunftzeiten der Tiere orientieren. Das Wort „Schauspieler“ gibt es un Dorf nicht. Wozu auch? Die Ma-Fag sind ehrliche Leute, denen es gar nicht in den Sinn kommt dem Gegenüber etwas vorzuspielen. Schließlich kennt im Ma-Fag-Dorf jeder jeden und es ist geradezu lächerlich seinem Nachbarn, der ohnehin alles über einen weiß, eine große Lügengeschichte vorzuspielen. Gerade deshalb empfand Masiyo seine Geschichte auch als so genial: In seiner Welt hatte er etwas erfunden, was es bei den Ma-Fag nicht gab. Das „So tun, als ob“. Schließlich kannten die Mi-Cock die Ma-Fag nicht, wie sollten sie also zwischen Wahrheit und dem Schauspiel unterscheiden können? Eine geniale Idee für einen Dorflehrer, der niemals das Dorf verlassen hatte. Masiyo ist wahrlich ein großer Geist. Ein Visionär, der etwas erdacht hatte, was kein Ma-Fag vorher auch nur denken konnte. Der Plan MUSSTE einfach funktionieren.

 

Das traurige Ende der Geschichte war ein absolut überzogenes, grauenvolles Schauspiel von Masiyo und Banyardi, dessen Lächerlichkeit seines Gleichens suchte. Alles daran improvisiert. Nichts war einstudiert (auf den Gedanken vorher zu üben, wären die beiden Wilden nie im Leben gekommen). So ging schief was schiefgehen konnte. Das Timing stimmte nicht. Der Mut zu Aktion fehlte total. Dass sie sich nicht versprochen und damit gänzlich verraten hatten, war schon alles. Hätten sie wenigstens die Wachen in ihre Idee eingeweiht doch die lagen einfach nur gelangweilt in der Sonne und verzogen keine Miene, als Banyardi theatralisch und mit großen Worten (und wenig Kraftaufwand) den Erektionslosen Masiyo von Ylva riss. Masiyos Gesicht war bei der ganzen Geschichte rot wie eine Tomate ob der Peinlichkeit, Ylva überhaupt so nahe zu kommen. Noch nie hatte der alte Dorflehrer eine andere Frau berührt als seine eigene. Schon gar nicht so eins junges und pralles Weib wie Ylva. So gab der „Vergewaltiger“ nach dem Eingreifen des Heldens auch sofort auf und trollte sich. Nicht in Hast, Furcht oder mit sonstigen großen Gesten: Er ging einfach davon, als hätte er gerade ein Bier von einer Bar geholt. Nach dem Motto: „Meine Aufgabe ist erledigt. Ich geh dann mal nachhause.“  Die ganze Szene war furchtbar unglaubwürdig und Banyardi hatte kurz das Gefühl, das Ylva und die Frauen es sich verkneifen müssten laut los zu lachen, als Masiyo – wenn auch nicht gleich pfeifend – vollkommen gechillt seines Weges ging.

Paul stöhnte im Kopf Banyardis peinlich berührt auf, als ihm diese Farce gewahr wurde. Absolut lächerlich.

Absolution – 29 – Wie der Donner eines aufziehenden Gewitters eine Grundschule zum Schweigen bringt

Kamyor, der Stammesführer der Ma-Fag, erhebt sich. Seine Gefolgschaft verstummt wie ein einzelner Mund. „Wir können die Mi-Cock weder bei uns aufnehmen, noch können wir ihnen vertrauen. Töten, werden wir sie nicht. Wer weiß ob sie Recht behalten und dann sind es eines Tages wir, die Ma-Fag, die sich anderen Ortes Schutz suchen müssen; wie könnten wir dies vor dem Wald, vor dem Tages- und des Nachtgestirnen rechtfertigen?“ Der alte Mann beginnt zu seinen Wortgewordenen Überlegungen den Rat der Männer zu Umkreisen, so wie es schon unzählige Stammesführer vor ihm getan hatten, und es vielleicht nie wieder geschehen würde. „Wir müssen auf der Hut sein. Wir müssen Späher aussehenden, die nach diesen… Wie hat er sie genannt? Monster? Seltsam, dass das Volk der Mi-Cock keinen Namen für ihre Peiniger hat, die sie doch aus ihrer Heimat vertrieben haben sollen… Wir müssen diese Monster finden, bevor sie uns finden, um dann angemessen zu reagieren. Wir haben einen Vorteil, den diese Wesen nicht haben, denn wir wissen, dass jemand, wenn auch nicht WAS kommen wird. Deswegen sollten wir uns weiter mit Murdock und den seinen unterhalten, um mehr über unseren Feind zu erfahren. Seien es diese (er spricht das Wort verächtlich aus) MONSTER… Oder seien es in Wahrheit die Ma-Fag selbst. Sollte es“, fährt er mit einem beißend Ton denen gegenüber fort, die ihn für einen schwachen Führer halten mögen, „keine Monster geben, werden wir die Mi-Cock vertreiben – und weiter von unseren Spähern beobachten lassen. Sollten sie eine Finte vorbereiten, wird der Wald uns schützen. Denn ja. Dieses Volk mag uns an Kraft überlegen sein. Doch im Gegensatz zu uns, den stolzen Ma-Fag, wissen sie nicht den Wald zu lesen, was Banyardi und Paco bewiesen haben… Wir leben hier! Und! Wir sind im Vorteil! (Ruhiger) Was die Frauen betrifft, die überaus reifen und wohlgenährten Frauen der Mi-Cock, so werden wir sie – vorerst! – wie unsere Gäste behandeln. Wer weiß ob wir die starken Arme der Mi-Cock noch benötigen werden… Behandelt sie alle wie unsere Gäste! Nicht wie unsere Eroberung! Doch zuerst. In allen Belangen! Kommt unser Volk!“

Die Ma-Fag nicken. So soll man es schreiben. Und so soll es sein.

Kamyor holt mit einer Geste Masiyo zu sich heran. Sie tauschen Worte. Blicke. Ihre Schultern nicken. So wie es in diesem Stamm üblich ist, wenn sich zwei Männer verstehen. Dann winkt Masiyo, der Dorflehrer, Banyardi zu sich heran, während Kamyor die Ma-Fag zu Bett schickt.

Lass uns ein paar Schritte gehen“, lächelt der Gebildete dem jungen Mann zu. Banyardi schrenkt die Ehre, mit dem Ältesten und dem Lehrer scheinbar ein Geheimnis zu haben, das Schlucken ein.

In diesem Dschungel gibt es keine Berge, keine Erhebungen, die die Gruppe von drei Männern erklimmen könnte, um, wie in einem Film, gedankenverloren, jedoch konzentriert, auf das Dorf, dass sie beschützen wollen, hinab blicken könnten. Es gibt auch keinen See, zu dem sie und um den sie spazieren könnten, in welchem sie sich voller Kriegsromantik am Anblick des Mondes suhlen könnten. Tatsächlich gehen die Männer auch zu keiner Glaubensstätte, an welcher sie sich ungestört fühlen würden, deren Winkel und Ecken jedoch mehr als genug Verstecke für lauschende Ohren besitzen könnte. Die Drei gehen einfach ein Stück in den Dschungel. Nahe genug hinein in die grüne Lunge ihrer Welt, um nicht gehört oder beobachtet zu werden. Doch weit genug von den Kreaturen entfernt, vor denen sich jeder Menschen und auch die Ma-Fag in der Nacht in Acht nehmen müssen. Die Monster mögen dort draußen sein oder nicht. Die hungrigen und zur Verteidigung bereiten Tiere sind es auf jedem Fall.

Hier ist es gut“, spricht der Dorflehrer in die Dunkelheit, worauf Kamyor nickt, was die anderen Beiden nur schemenhaft erkennen können. Der Älteste legt seine knochige Hand kalt auf Banyardis starke Schulter. „Für dich Banyardi habe ich einen Spezialgedanken. Denn du sollst dich mit dem blonden Mädchen anfreunden… Ich habe sie in den letzten Tagen beobachten lassen und ich bin mir sicher, dass ihr Vater auf sie hören wird.“

Sie ist also die Tochter von Murdock…“ flüstert Banyardi erkennend vor sich hin.

Natürlich ist sie dass“, raunt Masiyo Fleming an. „Wir haben doch gestern darüber gesprochen!“

Vorsicht! Denkt es da in Paul Fleming/Banyardi. Zwar teilen wir einen Körper in dieser Welt, doch ich weiß nicht, was die letzten Tagen geschehen ist… Wieso nur habe ich keinen Zugang auf Banyardis Erinnerungen?…

Aber wieso ich?“, bringt Paul verwirrt hervor. „Gerade sie hat doch gesehen wie ich ihren Beschützer getötet habe! Wäre es nicht klüger gerade mich als Kundschafter von den Mi-Cock weg zu schicken?“

Leise“, ermahnt Kamyor den Jungen mit den zwei Seelen. „Wir haben dich genau deswegen ausgewählt. Weil sie gesehen hat, dass du dazu fähig bist zu kämpfen und zu töten… Die Mi-Cock sind ein körperlich überraschend starkes Volk.“

Auch wenn sie in Gefangenschaft und mit weniger Nahrung diese Kraft verlieren werden“, wirft Masiyo ein.

Möglich“, fährt Kamyor fort. „Dennoch scheinen sie im Herzen Krieger zu sein. Und Krieger verstehen oft nicht die Kunst der Verhandlung. Jedoch auch nicht der Intrige… Sie hat Respekt vor dir… Denn sie sehen dich auf einer Ebene mit ihnen… Da bin ich mir sicher… Kümmer dich um sie.“

Bei den Worten: „Kümmer dich um sie“ kam Paul, der echte, verschwitzte, wenig glamouröse und gar nicht kriegerische Paul Fleming zu seinem sexuellen Höhepunkt. Er war wieder in seiner Wohnung. Wieder alleine. Wieder. Ein Niemand. Unter Niemanden.

Nach einem Blick auf die Uhr – lächerliche 13 Stunden waren vergangen seit er nach hause gekommen war – und einem tiefen Schluck aus der Wasserflasche, blickte er, wie Menschen es in diesen Tages unbewusst machen, auf sein Handy.

Katha hatte ihm eine Nachricht geschrieben, in welcher sie sich für DIESEN Abend verabreden wollte; und Paul hatte darauf mit „Ja gerne“, geantwortet. Wenigstens stand das hier so. Auf seinem Display. Wobei sich Paul nicht daran erinnern konnte… Er war doch ständig in der Welt der Mi-Cock und Ma-Fag gewesen… Oder etwa nicht?… Wahrscheinlich… War er… Kurz wach gewesen… Und hatte vergessen, wie er sich mit Katha verabredet hatte… Vor gerade einmal 2 Stunden…

Wie konnte er so etwas vergessen?

Pauls Kreislauf klappte zusammen. So wie der Donner eines aufziehenden Gewitters, eine Grundschule zum Schweigen bringt.