Absolution – 23 – Liebe in Gedanken

„Ach Paul… Seltsam das Vertrauen für manche Menschen oft nur eine Einbahnstraße ist…”

„Wie kommst du denn…“

„Das ist doch wohl offensichtlich Dicker… Rede doch mal mit Katha!“

Paul war müde. Es war ein langer Tag. Eine lange Nacht. Und ein langer Tag. Mit diesem GZSZ-Kram kam er gerade gar nicht klar. Katha mag mich wirklich? Wie könnte man jemanden wie ihn überhaupt mögen? Chris nahm ihn auf den Arm. Warum auch nicht? Der wollte doch nur von der Sarah-Geschichte ablenken.

„Wie auch immer. Was geht zwischen Sarah und deinem Freund Fettsack?“ Paul beantwortete diese Frage mit einer genauso hilflosen Geste wie er sich fühlte. Im Augenblick konnte er weder Informationen verarbeiten, noch austeilen. Paul war unbrauchbar. Außer in seiner Funktion als Zuhörer.

Chris: „Der Fettsack ist ja verheiratet… Kein Plan wie der so drauf ist… Und ehrlich gesagt könnte ich nicht mal sagen wie Sarah so drauf ist…“

„Bei denen läuft bestimmt nichts…“

„Ach Paul. Weißt du was dein Problem ist?“ Chris beantwortete die Frage selbst. „Du bist zwar nicht ganz auf den Kopf gefallen. Bist aber katastrophal naiv was Menschen angeht.“ Pause. „Na ja, dafür mag ich dich ja.“

„Du. Chris. Im Ernst. Ich bin total fertig… Lass uns n andermal drüber reden.“

„Klar.“

Es folgte die typische Menschenunwürdige Szene, in der der Gast auf dem Boden sitzend seine Schuhe anzog. Was wie immer eine Ewigkeit zu lange dauerte. Dann stand der ganze Chris fertig angezogen und ausgerüstet vor seinem Freund. „Ja. Lass uns noch mal darüber reden“, erklärte Chris, „Aber mit dem Fettsack… Da muss eine Lösung her.“

„Findet sich bestimmt. Immer.“

„Ich lass mir schon was einfallen.“

Die Tür klackte hinter Chris in das Schloss und hinterließ Paul in einer stumpfen, ausweglosen Stille.

9.

Paul brachte die Woche hinter sich, wie Millionen anderer Menschen auch. Er war ein Rädchen im Getriebe. Hielt es am Laufen. In der Arbeit zeigte er sich nützlich. Abends fiel er früh und müde ins Bett. Nur um am nächsten Tag weiterhin seinen Dienst an der Gesellschaft leisten zu können. Es war nicht leicht bis unmöglich seine Gedanken zu sammeln. Der Gedanke an Katha und das was Chris gesagt hatte, trieb ihm gleichermaßen Furcht und Schmetterlinge in den Bauch. Die Frau verunsicherte ihn, wie sie ihn beflügelte. Obwohl er gar keine richtige, reale Beziehung mit ihr wollte. Schließlich hatte er in seinen Drogenträumen schon die perfekte Beziehung mit ihr. Die Realität würde Konflikte bereithalten. Da Menschen für ihn wie tektonische Platten waren, die sich aneinander reiben. Um sich am Ende am Anderen vorbei zu schieben.

Paul dachte, dass seine Drogenträume eine besondere Spinnerei seien. Ein abnormes Verhalten, dass nur er kannte. Dabei machen Menschen so etwas jeden Tag. Sie denken sich Beziehungen zu Menschen aus, die sie gar nicht oder kaum kennen. Man kennt sich vom Sehen aus der Straßenbahn, der Schule oder sogar aus einem echten sozialen Biotop, in dem Gespräche geführt werden. Dabei bleibt nur diese Distanz zwischen Menschen vorhanden, die für manche so leicht und für einige doch niemals zu überwinden ist. Natürlich war seine Verhaltensweise ein außergewöhnliches Extrem. Doch sich mit Menschen „etwas vorstellen zu können“, ist das Normalste der Welt. In jeder Freundschaft zwischen Mann und Frau gibt es diesen Punkt, diesen Nerv, der nie berührt und selten besprochen wird, da er das Ende der Freundschaft markieren würde. So eiern Männer und Frauen um diesen G-Punkt herum, währenddessen sie ihr Leben in Gedanken führen. Paul würde die Frage stellen, was falsch daran sei.

Am Ende hatte er es doch geschafft seine Reise in sein Traumland bis auf das Wochenende hinaus zu schieben. Direkt nach der Arbeit bereitete er seine ganz persönliche Tee-Zeremonie vor, die darin bestand die Drogen und seinen Arbeitsplatz vorzubereiten. Lächelnd dachte er beim „Hacken“ an „Total Recall“, wie Arnold Schwarzenegger in die Maschine gespannt wurde, die ihn im Geiste zum Mars brachte. Bis der Zuschauer am Ende des Filmes nicht mehr sicher sein konnte, ob der Protagonist nicht vielleicht wirklich dort gewesen war. Paul startete seinen Rechner. Schaltete sein Handy aus. Atmete sein Traummittel ein.

Am Anfang war er sich nicht sicher, was geschehen würde. Er war sogar ein wenig aufgeregt; anders aufgeregt, als es ihn die Droge von Natur aus sein ließ. Diese Irritation vom letzten Wochenende war über die Tage immer unwichtiger geworden. Andere Probleme hatten sich in den Vordergrund gedrängt. Arbeitstechnische Probleme. Alltag. Und Katha. Aber die Wachheit ohne Verwirrtheit die er jetzt spürte (die Verwirrtheit würde erst in den nächsten Stunden einsetzen) knüpfte bewusst an das Feeling an, welches er letzte Woche gehabt hatte. Gleich würde die Droge die Alltagsprobleme hinfort spülen, wie ein Wasserschlauch der den achtlos fallengelassenen Unrat von den Plätzen und Trottoirs  der Partyhauptstädte spült. Paul war noch nicht in der „richtigen Stimmung“. Sein Gehirn musste erst die richtigen Impulse ausschütten. Zur Einstimmung sah er sich Pornos aus. Sie blieben seine Eintrittskarte. Auch wenn ihn langsam das Gefühl beschlich, dass da mehr war… Mehr als er sich vielleicht eingestehen konnte.

Er wählte Videos von blonden Frauen, um sich wieder an die Blonde von letzter Woche zu erinnern. An die Frau, für die er getötet hatte. An die Frau, für die sein Freund Paco getötet wurde. Er gab die Namen wie „Sandra Russo“, „Silvia Sainth“ und „Gina Blue“ in das Suchfeld ein. Frauen also, die zwar blond waren, sich aber nicht besonders ähnlich sahen. Die aber dennoch mehr vereinte als die Haarfarbe. Es war die Aura die Paul in ihnen sah. Diesen Touch von Würde und majestätischer Weiblichkeit. Paul hatte keine Ahnung mehr wie die Frau in seinem Traum ausgesehen hatte. Irgendwie war sie eine Mischung aus anbetungswürdigen, weiblichen Attributen. Die Essenz von unterschiedlichen Idealen. Nur leider. Öffnete sein Verstand nicht von sich aus die Pforte in sein Unterbewusstsein. Er kam. Nicht voran.

Mehr Drogen mussten eingeatmet werden. Mehr Zeit musste verstreichen. Selbst wenn es erst Nachmittag war. Pauls Herzschlag hatte es eilig.

Dann polterte es an Pauls Tür.

Vor Schreck hielt Paul die Luft an. Sein Herz blieb stehen. Sein ganzer nackter Körper fror ein. Denn es polterte nicht an Pauls Haustür. Es polterte an seiner Balkontüre. Pauls Wohnung befand sich im ersten Stock. Das. War creepy.

 

 

 

 

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Absolution – 21 – Die Anarchie in Gedanken

8.

Als Paul am nächsten Tag in seinen von Schweiß durchnässten Bettlaken erwachte, stand diese eine Frage vor ihm, total wie der brennende Busch aus der Bibel, imposant wie dieser Monolith aus „2001“: „Warum hast du sie nicht vergewaltigt?“ Paul. Fragte sich selbst nicht wie und wann er eingeschlafen war. Genauso wenig wie er wissen wollte, wann er den PC ausgeschaltet hatte und in sein Bett ging. Diese banale Vergangenheit voller Ursachen und Wirkungen war ihm unwichtig. Obwohl er sich normalerweise in diesen Nächten an das huschige Prozedere des Ortswechsels wenigstens schemenhaft erinnern konnte… Im gewohnten Regelfall war die größte Verwunderung nach dem Erwachen, dass er überhaupt eingeschlafen war. Denn die wichtigste und schlimmste Nebenwirkung seiner Lieblingsdroge war die ewige Schlaflosigkeit. Wie viele Tage hatte er in seinem Leben damit verbracht, sich selbst in den Schlaf zu treiben? Es müssen Wochen echter Lebenszeit gewesen sein, in denen er versucht hatte sich und die Droge zu überlisten, bis er langsam zu fallen begann und sein Bewusstsein endlich verstummte. Gestern. Vorhin. War er einfach so eingeschlafen. Und das nicht einmal durch den erlösenden sexuellen Höhepunkt, der als einziger die Fähigkeit besaß seine inneren Lichter wie ein Magier auszuknipsen. Es war „einfach so“ passiert.

Paul wendete sein feuchtes Kissen, das sich unter dem Bettbezug durch seine nächtlichen Aktionen schon längst karamellgelb verfärbt hatte, und starrte in die von seinem Kopf aufgewühlte Dunkelheit seines Schlafzimmers. „Wieso habe ich sie mir nicht… GENOMMEN?“ Hätte er es getan, wäre es kein Verbrechen gewesen. Nur eine Phantasie. Nichts weiter. Und an Phantasien war nichts Schlechtes. Die Gedanken sind frei. Ebenso, wie die Geilheit. Es wäre weiß Gott nicht das erste Mal gewesen, dass er sich eine Frau in seinen Träumen NAHM. Und in diesem Träumen hatte es ihnen später immer gefallen. Mehr oder weniger. Dafür hat man ja auch Phantasien. Um das ausleben zu können, was einem die Wirklichkeit nicht nur verwehrt; da es in Wirklichkeit nicht nur moralisch falsch, sondern gar ein Verbrechen ist. Paul war nie ein  Verbrecher. Nur ein Süchtiger. Was zählt schon ein Verbrechen in Gedanken, dass man nie ausführt? Von dem man sich nicht einmal träumen lassen würde, es in die tatsächliche Tat umzusetzen? Genau. Gar nichts. Natürlich durfte man nie mit irgendjemanden darüber sprechen. Nein. Das durfte man nicht. Man konnte ja auch zu niemand sagen, dass man manchmal gerne seinen Chef oder seine Frau töten könnte. Das sind nur Emotionen. Neandertaler-Regungen. Die nichts mit der zivilisierten Welt, die wir kennen, lieben und achten, zu tun hat. In unseren gesellschaftlichen Umgängen miteinander sind wir an das Gesetzbuch gebunden. An Konventionen. Die das Zusammenleben ermöglichen. Diese Errungenschaft macht uns zu gleichen Teilen frei, als auch unfrei. Sie schützt uns vor Übergriffen und verschiebt die Freiheit der Anarchie in unsere Träume. Und warum zum Himmel besaß er dann in seinem Traum von gestern Abend nicht die Wut sich diese Frau zu nehmen? Er hatte getötet für sie. Sein bester Freund war dafür gestorben. Sie war der Preis dafür. Sie war der Mittelpunkt des Schwarzen Loches seiner Phantasien. Sie war die Singularität, um die sich all seine sexuellen Wünsche drehten. Wer war sie? Und wie konnte sie sich seiner mentalen Gier entwinden?

Wäre sein Traum wie ein Konzert seiner Lieblingsband von dem er phantasierte, dann hatte er sich vorgestellt wie es ist am Morgen aufzuwachen, in die Arbeit zu gehen, dort alle möglichen Dingen zu tun erledigen, um sich danach  weiterhin vorzustellen wie es ist danach nachhause zu kommen, zu duschen, in sein Auto zu steigen, zu parken, vor dem Konzert Freunde zu treffen, sich anzustellen, Bier zu holen, um dann Schlussendlich das Konzert gar nicht zu besuchen. Die ganze Vorstellung machte keinen Sinn. Wie ein Flugzeug das nicht fliegen kann. Wie ein Fußballspiel ohne Ball. Das war im Prinzip nicht dramatisch. Nur unlogisch. Und Paul schob es auf die Drogen, die ihn wohl verwirrt hatten. Vielleicht war er auch zu lange wach geblieben. Da kann so etwas schon einmal passieren. Auch. Wenn es noch nie passiert war… Irgendetwas Unbekanntes schien in ihm zu sein. Etwas. Was ihm im Weg stand. Dass er nicht erklären konnte… Eine unbekannte Kraft hatte ihn von seinem imaginierten Lustgewinn abgehalten.

Paul zuckte in seinem Bett liegend mit seinen Schultern. Auf Drogen kann man halt auch sehr gut perplex sein.

Fünfundzwanzig Minuten später schellte sein Wecker. Kurzzeitig hatte er noch versucht an Katha zu denken. Doch in seinem Kopf hatte sich nur immer wieder das Bild der Pornodarstellerin „Lexi Belle“ geschlichen, als sie noch jung war. Die auf eine weltfremde Art Katha ähnlich sah. Paul konnte sich nicht mehr auf „die Echte“ konzentrieren. Aber das war jetzt auch schon egal.

Absolution – 19 – Die Frauen und das Monster

Pauls Augen erkennen  durch den von Pacos Lust zur Seite geschobenen Lendenschurz, dass dieser ähnlich denkt wie er. Mit aufrechter Brust und großer Erektion gehen die Mannknaben um den Wasserfall herum nach unten zu den Frauen. Auf dem Weg dorthin  zeigt sich, dass in Wahrheit nur zwei der fünf Frauen blond sind. Ihr Sonnenhaar hatte die anderen Frauen nur überstrahlt, die rote, brünette und schwarze Haare tragen. Die ganze pornotypische Farbpalette. Mit einem kreischenden Aufschrei der Überraschung zollen die Frauen den beiden Jägern Respekt. Selten. Fühlte sich Paul so männlich wie in diesem Moment. Wie er mit nackter, harter Pracht den Frauen entgegen schreitet, während die Damen sich wie kleine Häschen hinter Bäumen und Büschen, und sogar in das Gewässer am Fuße des Wasserfalls flüchten. Von Paul nimmt ein unanständiges, ungeheures Gefühl der Macht Besitz, zu dem im  Vergleich das Erlegen des Dschungelschweins eine lächerliche Lappalie war. Nur Eine. Eine bleibt stolz stehen. Nur mit ihren Händen versucht sie ihre üppige Scham zu verdecken. Ihr Blick beeindruckt Paul. Er ist stark und gerade aus. Sie identifiziert die Männer als das, was sie erachtet. Als Eindringlinge die hier nichts verloren haben.  Diese da ist kein Häschen. Sie ist ein Tiger.

„Gramon!“ schreit sie. „Verteidige uns!“

Kaum hat die Herrin gesprochen, tritt ein vierarmiger Riese aus den Büschen hervor, der mit dem Rücken zu der Szene unter einem Baum gestanden hatte, so als ob er sich von der Nacktbaderei züchtig abgewendet hätte. Seine Haut ist bräunlich. Aus seinem Mund starren trockene Fangzähne. Die Muskeln seiner Oberarme sind dicker als die Oberschenkel Pacos und Pauls zusammen. Dazu misst er eine Kopfhöhe mehr als Paul. Sein Körper ist definiert wie die eines „Mister Universum“.  Die Bestie schnauft wild – und lächelt. Ein Monster mit Verstand. Mit eiskalten Augen. Er sieht aus wie ein verdammter Endgegner aus „Mortal Kombat“. „Gramon“ scheint kein Tier zu sein. Er ist viel mehr als das.  Der Anblick dieses Wesens ist für Paul so überraschend und erschreckend, dass ihn das Gefühl überkommt, dass sich der Raum um die Bestie zu krümmen scheint: Das kann doch jetzt nicht wahr sein… Ihr Lendenschurze senken sich. Sie umklammern ihre plumpen Speere. Paco. Nickt ihm zu. Es ist ein Moment vollkommener Klarheit. Niemand. Nicht die Frauen. Nicht die Jäger. Noch das Monster. Sagt etwas. Die Karten liegen auf dem Tisch. Worte können nichts mehr ändern.

„What the fuck…“, murmelte der reale Paul in seiner Mietswohnung vor sich hin.  Was ist denn HIER los? Unvermittelt versuchte er das Spiel, den Film mit seinen Händen  zu stoppen, doch da war kein Joypad der seine Befehle entgegennahm. Die Hände gehen ins Leere. Das Alles. War nur in seinem Kopf. Aber… „Was zum…“

Paul war total perplex. SOLCHE Visionen hatte er noch nie gehabt… Vielleicht… Lag es… An der Dosis… Wahrscheinlich war er nur zu NÜCHTERN. Die Wirkung des Speeds musste nachgelassen haben. Wie sonst könnte aus seinem geilen Film so ein Fantasy-Quark geworden sein? Und er MOCHTE NICHT einmal Herr der Ringe… Fantasy ist doch die überhaupt  dümmste Form von Unterhaltung. Er wälzte seinen mit kaltem Schweiß überzogenem Körper von seiner Sitzgelegenheit hinab, hinüber zu seinem Wohnzimmertisch, wo das wie nach einer Explosion verteilte Pep  auf dem Glastisch lag. Seine Finger drehten ein gelbes Stück Notizpapier zu einer Röhre. Danach zog er einen dicke Prügel, eine grobkörnige Line, von dem Bild seiner Nichten und Neffen, das unter der Glasplatte seines Tisches lag. Die beiden Kinder lächeln ihr eingefrorenes Lächeln. Er stürze ein Glas stilles Wasser hinterher. Wie er merkte, dass die Hälfte der Droge aus seiner Nase bröselte, hielt er sich den Riechkolben zu und sog mit Lungengewalt die trockene Chemie so tief und fest in sich hinein, wie er nur konnte. Ein kurzes Würgen (das so heftig war, dass er aufstehen musste und dann bis auf sein T-Shirt nackt im Raum stand) und ein Glas Wasser später, war auch dieses Problem gelöst. Es konnte weiter gehen.

Und es war schon weiter gegangen.

Der Kampf gegen die Bestie ist im vollen Gange.  Die gute Nachricht ist: Die Bestie blutet bereits. Der untere, rechte Arm hängt schwer zerfetzt herab. Auch der obere linke ist schwer in Mitleidschaft gezogen. Noch besser. Der obere linke Arm behindert den sich darunter befindlichen Arm. Das sieht gut aus. Die Jungs schlagen sich wacker. Die schlechte Nachricht ist: Auch Paco und Paul haben mit Verletzungen zu kämpfen. Sie…

Der reale Paul auf seinem Sessel in seiner Wohnung sagt sich: Momentchen Mal. Muss das denn hier weitergehen? Könnte er denn nicht einfach in ein anderes, in ein erotischeres Abenteuer abtauchen? Was soll dieser ganze Unsinn? Dennoch wollte er wissen, wie es weiter geht… Und immerhin gab es dort auch noch die Frauen… Mal sehen wohin ihn das noch führen würde… Er könnte ja einfach ein neues Filmchen starten und sich damit von dieser Geschichte befreien. Sowie er aber seinen durch die Drogen polternden Herzschlag an seiner Kehle spürte, wusste er, dass er wissen musste, wie die Geschichte ausging.

Wieder tauchte er in sich hinab.

Fast trifft ihn das Beil aus der rechten Klaue am Kopf. So gerade noch, mit mehr Glück als Verstand konnte er noch abtauchen. Ein Reflex, der ihm das Leben rettet. Wo kommt überhaupt das Beil her? Paco nutzt den Angriff dazu, um „Gramon“ in den Rücken zu fallen. Mit aller Kraft stößt er seinen Speer so hart und tief in dessen Rücken, dass die Frauen aufkreischen. Das hat gesessen! Auch „Gramon“ stöhnt auf. Die Bestie bäumt sich schmerzverzerrt auf, nicht aber ohne noch dem auf dem Boden liegenden Paul einen Tritt gegen den Hals zu versetzen. Ob dies von der Bestie nun geplant war oder nicht ist Paul egal. Eine brutal schmerzende Sekunde lang glaubt er, dass der Vierarmige ihm den Kehlkopf zertrümmert hat. Die Schmerzen lassen Paul fast ersticken.

„Gramon“ wirbelt herum und packt Paco blitzschnell mit seinem gesunden linken Arm. Mit dieser Wendigkeit und Geschwindigkeit hatte Paco nicht gerechnet. Nie hätte er gedacht, dass das Monster ihn nach dieser Attacke noch so schnell und leicht erwischen könnte. Er ist  unvorsichtig gewesen. Und er ist sich darüber im Klaren, dass er damit sein Leben verwirkt hat. „Gramon“ hebt das Beil mit seiner rechten, gesunden Hand. Nun ist es an Paul seinen alten Freund zu retten. Nur er ist noch dazu in der Lage einzugreifen, seinem Freund zur Seite zu stehen. Ebenso wie er es schon in tausenden Filmen gesehen hat. Der Hauptdarsteller ist in einer schier ausweglosen Situation. Er ist an ein Auto gekettet, dass auf einen Abhang zurast. Er führt einen Kampf gegen eine Übermacht, die er nicht gewinnen kann. Oder aber ein Gewehrlauf ist auf ihn gerichtet: Der Abzug wurde schon betätigt. Die Kugel fliegt dampfend in Zeitlupe aus der Mündung. Im Hintergrund hören wir einen dumpfen Knall. Doch da ist der tapfere Freund mit dem „niemand mehr gerechnet hat“, der den Held in letzter Sekunde rettet und alles wieder ins Lot bringt. Nur. Der Tritt gegen den Hals hat Paul nicht nur weites gehend kampfunfähig gemacht, sondern ihn auch noch zu weit vom „Gramon“ und seinem Freund Paco  fortgeschleudert, als dass er noch eingreifen könnte. So lässt „Gramon“ mit aller Kraft sein Beil auf seinen Freund Paco fallen und trifft ihn tief in die linke Schulter. Paco brüllt vor Schmerzen auf, während die Bestie das Beil unter einer Blutfontäne schon wieder aus seinem Freund heraus reißt. Pacos glorreicher linker Arm, mit der Hand, mit der Paul und er eins Bruderschaft geschlossen hatten, fällt samt Schulterblatt unbedacht zu Boden. Lapidar, geräuschlos, wie ein Kissen, dass von einem Sofa fällt. Der nächste Beilhieb trifft Paco mitten im Schädel, womit das Schreien endgültig beendet ist. Die Frauen: Jubilieren. Das Beil bleibt in Pacos Kopf stecken. So als ob sein Freund versuchen würde, wenigstens damit ein paar Sekunden für Paul zu ergaunern. Paul. Kann nicht glauben was gerade passiert ist. Und doch schafft er es auf die Beine zu kommen. Seinen Speer zu nehmen. Und das Monster damit im Hals zu treffen. Ein Glücksstoß. Nicht mehr. Und auch nicht weniger. „Gramon“ bricht in sich zusammen, als sich die Schlagader öffnet. Paul geht auf die Knie. Neben ihm sackt die Bestie in sich zusammen.

Wie konnte das nur passieren?

Absolution – 16 – Das erste Mal in der Traumwelt

6.

Dieses Mal war es anders. Während ansonsten die Frau im Mittelpunkt stand, das Lustobjekt und die heilige Maria in einem, die Eroberung, die Beute… Der Sinn von alldem… Dieses Mal fand er sich in einem Bambuswald wieder. Er wusste nichts über Bambus an sich. Nur, dass es keiner dieser freistehenden Bambusse aus japanisch/chinesischen Filmen war, sondern sehr engstehender, scheinbar undurchdringlicher Bambus, Dschungel wie er ihn  aus diesen Klaus Kinski/Werner Herzog-Filmen kannte, von denen er auch nur die Trailer oder Youtube-Kritiken kannte… Es war wie in diesem einem ganz besonderen Film aus seiner Kindheit, sein Vater hatte ihn auf VHS gehabt… SMARAGDWALD. So war der Titel gewesen. Auch wenn er sich nicht mehr daran erinnern konnte, dort sehr viel Bambus gesehen zu haben… Dieser Wald. Dieser Amazonasdschungel fühlte sich jedoch ebenso an, wie „der Smaragdwald“ im alten, schweren, großen Röhrenfernseher seiner Familie ausgesehen hatte. Nur war es NICHT der Smaragdwald in seiner Vision, und er war auch nicht dieser blonde, amerikanische Hauptdarsteller, der als Kind von Eingeborenen entführt wurde um in dieser pseudotypischen Geschichte als Teil des Stammes aufzuwachsen und sich dann gegen seinen wahren Vater aufzulehnen. Nein. Er war Teil dieses Stamms. Und er war es schon von Geburt an hier – er war immer hier gewesen. In einer Welt, fern ab jeder Zeitrechnung, versteckt, vor der so genannten industriellen Zivilisation. Wobei… Er konnte sich dumpf (sehr dumpf) daran erinnern, dass der Smaragdwald auf einer wahren Geschichte beruhte – was sogar NOCH besser für seine Vision war.

 

Die Luft war heiß und feucht. Er schwitzte. So wie er auf seinem Sofa in sein Leder schwitzte. Sein echter Körper war da, wie im Schatten seiner selbst war er noch zu spüren, ähnlich wie in den Erzählungen von Menschen, die eine Nah-Tod-Erfahrung erlebt hatten. Aber der reale Körper war nicht mehr wichtig. Er war abgelegt worden. Wie eine zweite Haut. Ein Kleidungsstück. Ein Mantel, den man an einer Garderobe für Geld der Obhut anderen überlässt.

Seine Vision konnte sich nicht entscheiden, ob es Tag oder Nacht in war. Es war dunkel und schummrig, während es gleichzeitig auch hell und erleuchtet zu sein schien. Und er war nicht alleine.

 

Vor ihm ging sein bester Freund, den er von Kindesbeinen an kannte. Sein Name war Paco. Und das war  die Größte und bemerkenswerteste Neuheit, die er jemals in einer seiner bisher immer sexuellen Visionen gehabt hatte: Er war nicht der einzige Mann dort. Bisher gab es dort Männer ohne Gesichter, ohne Biografie, schemenhafte Hüllen, die im Prinzip nur wortlose Doppelgänger und Willenserfüller seiner selbst waren, Kopien, die nicht fähig waren zu sprechen. Paco dagegen war keine Erweiterung seines Selbst. Paco war nicht nur ein Mensch. Er war sein bester Freund. Paco war sein Vorbild. Der Junge, der er selbst immer sein wollte. Das Vorbild, dass Paul im echten Leben nie gefunden hatte.

Es waren keine körperliche Unterschiede, die sie voneinander trennten. Das Leben am Amazonas hatte ihre Körper schlank und athletisch geschnitzt. Ihre Körper waren sehnig, jung und straff.  Raubkatzen gleich. Es war der Respekt den Paco auf ihn ausstrahlte (und er war sich sicher, dass es „Respekt“ war und kein „Neid“, da er in seinem Innersten wusste, dass sie den Begriff NEID hier nicht kannten und nicht verstehen könnten), einzig und alleine durch dessen unerschütterliche Souveränität. Durch das Gelingen all seiner Absichten. Paco war ein Anführer. Das Schicksal hatte  ihm das in die Wiege gelegt.

 

Auch wenn sie Wilde waren, sahen sie nicht so aus wie typische Amazonas-Wilde. Sie sahen schon ein wenig so aus wie Hollywood-Schauspieler, die Indios spielen, nicht wie Indios an sich. Deshalb hatten sie auch keine bemalten Gesichter oder seltsame Frisuren (ihre Haare waren geschoren, jedoch nicht auf eine wilde oder kämpferische Art). Sie fühlten sich an wie zwei normale Europäische Jungs um die 16 bis siebzehn Jahren. Der Jugend ist es gleich auf welchem Kontinent, in welcher Umgebung man sich aufhält. Junge Männer sind junge Männer. Die glauben, dass ihnen die Welt zu Füßen liegt.

Das Licht ändert sich nach und nach. Es wird dunkler. Sie bewerten den Umstand, dass die große Göttin Sonne schon so früh ihren Wagen über den Himmel fährt, kritisch. Ihre Speere sind lang und dünn. Spitz wie Reißzähne walisischer Fürsten. Sie wiegen nicht viel in ihren starken Händen. Ihre Körper sind gestählt vom ständigen Überlebenskampf. Sowohl Paco als auch er sind erfüllt von der stillen, warmen Euphorie frei und auf der Jagd zu sein. Würden sie den Vergleich kennen, könnten sie sich wie Götter fühlen. In dem Gefühl einer Unantastbarkeit, gepaart mit den fokussierten und zu ihrer zweiten Haut gewordenen Bewegungen der elementaren Stille ihrer Fortbewegungen, schleichen sie durch den Dschungel. Jäger und keine Gejagten. Männer. Und keine Insekten. In diesem Moment kennen sie weder Durst noch Hunger. Noch Hast oder Gier.