Absolution – 11- Auch Junkies haben Familie

Paul mochte seine Familie. Selbst wenn er nicht wusste ob das Wort „Liebe“ für die Beziehung zutreffend war. Sie waren vertraute Fremde. Gute alte Freunde. Ehemalige WG-Partner, denen man keine Wünsche abschlägt. Auf deren Nöte man hört und reagiert. Aber Liebe? Das große Drama darüber, das Pauls Mutter die Familie verlassen hatte, zerstörte die Familie und schweißte sie zu gleichen Teilen auch nur fester zusammen. In ein merkwürdiges Gebilde von Einzelgängern, die sich alle paar Monate um einen Restaurant-Tisch versammelten und so taten, als wüssten sie private Dinge übereinander. So wie es in einer Kleinstadt der Fall sein sollte.

Eine Kleinstadt war auch nicht anders als eine Großstadt. Für einige Dinge gab es andere Worte, wenn auch für einzelne Ausdrücke kein Synonym, die Tatsache bieben jedoch dieselben: Menschen leben zusammen und jede Menschengruppe erfüllt ein gewisses Klischee. Was in der Stadt der „Nerd“ war, ist auf dem Land der „Klugscheißer“ oder „Besserwisser“ (oder banaler ausgedrückt: „Der ist komisch“), „Proleten“ wurden in der Kleinstadt/Dorf „Bauern“ genannt, usw. usf.

Ebenso wie man in der Stadt nur in gewissen Situationen mit „Nerds“ und „Proleten“ zu tun haben musste, musste man sich auf dem Land nicht den ganzen Tag mit „Bauern“ auseinandersetzen. Jeder ging seiner Wege.  Baute sich seinen eigenen Mikrokosmos aus Beziehungen auf. Außer. Außer deine Schwester war mit so einem „Bauern“ zusammen und drückte dir diese Weltsicht damit bei jeder Familienfeier auf die Augen. So wie es bei Paul der Fall war.

Hans war kein Landwirt und doch würde ihn jeder als einen „Bauern“ bezeichnen. Es war nicht das was er beruflich machte und es ging auch nicht darum, dass er wirklich des Öfteren  einen Traktor fuhr. Es ging um eine gewisse Geisteshaltung. Paul mochte das Wort „konservativ“ nicht mehr, denn es stand für alles und ebenso für nichts. Doch durch seine bloße Verwendung entstand ein gewisses Bild in den Köpfen der Leute, gerade wenn man über Landmenschen sprach. Dabei konnte ein Intellektueller ebenso konservativ sein wie ein Dosenbierstechender Fußball-Hooligan. Hans war in dem Bezug konservativ, dass er ein klares, sexistisches Frauen- und Familienbild vertrat und typisch bayrisch dachte, dass am eigenen Wesen die Welt genesen sollte; wenn doch nur jeder so wäre wie er. Kein Wunder dass Paul ihn verabscheute. Und es war ebenso kein Wunder, dass Hans Paul für eine Schwuchtel hielt.

„Liberal“ und „Liberace“ hatten für Hans den gleichen Wortstamm.

 

Bei jedem Familientreffen blitze und krachte es zwischen den Beiden, ohne dass sie die Worte und erst recht nicht die Stimme gegeneinander erhoben. Es war ein eindeutiges Nebeneinanderher-Reden. Ohne Anbiedern. Manchmal. An Pauls guten Tagen.

An den schlechten, wenn Paul die ganze Nacht auf seinem Drogen-Film durch onaniert hatte, hielt er einfach seinen Mund und ließ den Macho gewähren – und somit gewinnen. Es war schon schwer genug für Paul überhaupt die Augen aufzuhalten und nicht in perverser Absicht auf die noch nicht ausgereiften, immensen Möpse seiner 16 Jährigen Nichte zu glotzen (was er zwar nicht wollte, denn er fand sie – da ganz gesund im Geiste – überhaupt nicht anziehend, schließlich war sie seine Nichte verdammt noch mal, leider aber konnte er die Blicke auch nicht unterdrücken). Da brauchte er sich nicht auch noch mit dem Hinterwäldler auseinandersetzen, der glaubte dass alle nach seiner Pfeife tanzen müssten.

 

Auch dieses Mal hangelte sich das Kuchenverdauende, stockende Gespräch in der Familie, bestehend aus Pauls Vater, dessen neuer Frau, der erwähnte und beschriebene Hans, die Schwester Pauls und ihre Tochter, Pauls Nichte, welche überhaupt nichts zu keinem Thema sagte, von Thema zu Thema, bis man, über die verschlungenen und kuriosen Wege Zeitlöcher der Stille mit Sprache zu stopfen, zum Thema „Bundeswehr“ gekommen war. Paul war ja damals noch dort gewesen. Hatte seinem Land „gedient“, wofür Hans nur ein verächtliches Schnauben übrig hatte. Auch der Vater war nicht dort gewesen, fügte aber gleich hinzu dass er damit alles richtig gemacht hätte, Paul mit harter Hand dorthin zu leiten, da der sonst ja nichts auf die Reihe bekam. Darüber. War Paul. Verwundert. Wie der Vater ihm so in den Rücken fallen konnte. Gerade vor der ganzen Familie. Und vor Hans; idiotischer weise schien Paul doch vor Hans gut dastehen zu wollen. Manchmal will man die am Stärksten beeindrucken, die man am Meisten verabscheut.

 

Sie wäre ja gerne Polizistin geworden, erklärte Pauls Schwester, doch MUTTER hatte sie überredet erst eine vernünftige Ausbildung zu machen, deshalb war sie Arzthelferin in einer kleinen Praxis geworden. Nebenher hatte sie alle Prüfungen und Bescheinigungen  erledigt, um zur Polizei zu gehen, es fehlte nur noch die Sportprüfung, die an drei verschiedenen Tagen abgenommen werden musste. Und weil sie keine Möglichkeit sah frei zu bekommen und sie auch nicht ihrem Chef sagen konnte, weshalb sie freihaben wollte (da sie die Angst umtrieb, wenn sie bei der Prüfung versagen würde, würde ihr Arzt sie auch nicht mehr übernehmen, da er nun wusste, dass sie eigentlich weg wollte), ging sie nicht hin und vertat somit ihre Chance Polizistin zu werden. Ihren großen Lebenstraum.

Wie blöd man nur sein kann, war Hansens Kommentar. „Da hätte ich doch einfach KRANK gemacht!“

„Ich habe NIE krank gemacht! Ich arbeite seit 25 Jahren und war NIE krank!“

„Typisch Frau. Das ist doch bescheuert! Sich so eine Chance entgegen zu lassen! Typisch hysterisches Huhn!“

„Das verstehe ich jetzt aber auch nicht“, schlug Pauls und ihr Vater in die gleiche Kerbe, „Du warst doch früher beim Sport bei mir! Ich kannte doch die Polizisten hier in der Gegend! Ich hätte dir doch eine Bescheinigung ausschreiben lassen können! Hättest du doch was gesagt!“

„Ich war damals 20. Sport habe ich bei dir bis 14 gemacht – was hätte das BRINGEN sollen!“

Hans, ganz besoffen an sich selbst, auch wenn er nur Kaffee trank: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Da sieht mal deine Tochter was passiert, wenn man nichts wagt!“

„Da verstehe ich dich wirklich nicht“, blaffte der Vater noch hinterher. „Da hätte ich doch eine Lösung für dich gefunden.“

„Das war beim Bundesgrenzschutz in Kaufbeuren! Das ist hundert Kilometer entfernt! Als wären sie zu dir in die Sportschule gekommen!“

„Ja der Ronnie…“

„Ach hör mir auf mit dem Ronnie… Und dann habe ich ja SIE bekommen und dann war es eh vorbei mit meinem Traum…“

Und Paul saß einfach nur besiegt da und konnte nicht fassen wie man auf einem aufgegebenen Lebenstraum so herum trampeln konnte, sagte aber nichts. Auch weil er irritiert war, wie seine Schwester noch ihrer Tochter eine verbale Ohrfeige mitgab, nur um den Druck von sich selbst zu nehmen. Wer wusste schon, wie oft das geschah… Paul verstand zu keinem Moment, warum seine Schwester mit so einem Idioten wie Hans zusammen war, der sie nur herunterputzte. Und er verstand auch nicht, wie sein Vater sich so aufspielen konnte, nachdem er die Kindheit Pauls und seiner Schwester lieber damit verbrachte in Gläser, als in die Wünschen und Bedürfnisse seiner Kinder zu schauen. Er war doch nie dagewesen. Wie konnte er sich jetzt darüber wundern, dass ihn keiner um Hilfe fragen wollte?

Und wie immer. Wollte Paul nur noch heim zu seiner idealen Realität. Zu seinen Vorstellungen von Katha und Sarah. Die er unbedingt auch wieder im echten Leben sehen musste.  Auch seinen Chris und seinen Fettsack vermisste er.

 

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Das Südufer-Festival 2017 in Friedberg – Rückblick

Was im Jahr 2017 vollkommen normal ist, war in meiner Jugend unmöglich: Heute kann man jedes Wochenende im Sommer auf ein anderes Festival gehen. Ja. Es gibt inzwischen sogar Festivals, auf die man auf zwei Wochenenden hintereinander gehen kann. Schließlich war man eh die ganze Woche da. Diese Vergnügungssucht der Europäer ist eine ziemlich einzigartige Entwicklung, wo man jetzt leicht den Moralischen spielen kann. Belassen wir es bei der Erkenntnis, dass es „früher“ nur zwei, drei Festivals in Deutschland gab, die den Namen auch verdienten (gerade was das Organisatorische angeht), heute ist das komplett anders. Dass dabei die Exklusivität verloren geht und man sich nicht mehr besonders besonders fühlen muss wenn auf ein Festival geht, ist eh klar. Aber. Ich halte das auch für etwas Gutes. Dieses Elitending ist ja auch immer ein wenig seltsam und baut auch ganz strange Strukturen auf, so wie der Irrglaube, wie man sich auf einem Festival verhalten muss.

Da muss dann unbedingt gesoffen und gekifft werden wie ein Loch. Da muss dann Flunkyball und was weiß ich gespielt werden. Da muss Dosenbier getrunken, billige Wurst gegrillt und Körperlich derbe gestunken werden; wie auch immer: Festivals gelten mit ihren Verhaltensregeln denen sich die Besucher dort auferlegen, fast schon wie wirede Sekten. Und weil ich mich schon immer für etwas Besseres hielt, bin ich froh dass die Proletisierung auf den kleinen Festivals noch nicht so weit fortgeschritten ist. Der Trend geht zur Nachhaltigkeit und weg von den Träumen des Prekariats, in seinem eigenen Müll ungeschützt aber anonym zu vögeln. Und wenn man richtig Bock hat es sich mal außerordentlich würdelos zu geben, geht das auch auf so einem Festival wie am Friedberger Südufer. Denn wenn man will, geht das überall. Der saublöde Gruppenzwang ist dann aber weg.

Das „Südufer Festival“ ist nicht nur ein kleines Festival. Im ersten Jahr  würde ich es sogar als ein „Familien-Festival“ bezeichnen. Alles sehr gesittet und auf einem vernünftigen, freundlichen Spaß-Niveau.

Ich war nur am Samstag und das Publikum bestand vornehmlich aus Jugendlichen und deren Onkeln und Tanten, die ohne Bedenken ihre kleinen Kinder mitbringen konnten, die dann selig im Kinderspielplatz Sandburgen bauten. Ich gebe ja zu: Das klingt jetzt schon Hardcore-Konservativ. So schlimm war es dann aber auch nicht. Es war einfach ein schöner Tag am Badesee, an dem sich keiner die Hände schmutzig machte. Okay. Das klingt immer noch ziemlich schlimm. Ist es aber nicht. Die Frage ist halt was man will. Und wie wir so da saßen. Das kalte Bier in unseren Henkelbechern. Und sahen. Wie sich die frischen Jugendlichen ohne Zorn amüsierten, badeten, chillten. Während die ersten Älteren am Techno-Floor zu Tanzen begannen (heute würde man wohl Electro-Floor sagen). Im spirituell schönen Sommer-Licht. Da. Da war die Welt schon ziemlich in Ordnung.

Diese Wahrheit ist dabei rein aus der Retroperspektive gewonnen. Weil. Ich mag das tatsächlich gar nicht so. Diese verdammte Hitze. Und dieses Leute-Kennenlernen. Selbst bin ich ja auch ein ziemlicher Idiot. Am Ende des Tages jedoch war alles gut. Man gab neuen Bekannten gerne die Hand und versprach sich ein Wiedersehen. Und nickte im Nachhause-Gehen den Tag freundschaftlich hinterher. Das hat Spaß gemacht. Wo lernt man auch sonst Leute kennen, die einen bereitwillig in ihrem angrenzenden Schrebergarten mit Gartenhäuschen zum Grillen aufnehmen, die einem einen Dübel von dem von  uns selbst mitgebrachten Gras anbieten, die ihr Bier an uns verschenken, uns dabei erzählen wie toll und einzigartig es war bei den Anfängen von Techno mit dabei gewesen zu sein, und können dann, nachdem man diese Menschen und ihre Post-Hippie-Attitüde schon komplett super gefunden hat, auf die Frage was sie arbeiten antworten können: Ich baue Panzer. Hä? 😀 Leopard 2. Wie geil ist das denn? So sind wir Bayern.

Die Bands? Wie die Bands eigentlich waren? Sorry Leute. Bin noch total verpennt. Habe sehr viel Schlaf nachholen müssen. Die Bands  (vornehmlich eine) waren besser als erwartet. Die „Nihils“ mit ihrer Pop-Electro-Art gefielen mir sehr gut. Erinnerten mich an die „Foals“. Und das ist nicht allzu schlecht. Wenn die Nihil-Jungs mal einen Hit schreiben, ist das restliche Programm von ihnen ein gutes Rahmen-Programm dafür.

Schluss machte „Lola Marsh“ an der Hauptbühne. Die vielleicht gar nicht schlecht waren. Mit ihrer Super-Sau-Blöden-Attitüde jedoch komplett albern und unerträglich auftraten. Bei so einer Band ist es sogar ein Fehler so viele Klicks auf You-Tube zu haben. Selbst wenn sie vom Sound her sicherlich sehr gut in die heile Kinder-Welt des „Südufer-Festivals“ passten.

Dann doch lieber wieder rüber zu den Druffis. Denn ohne Druffis geht es wohl nicht. Muss das denn jetzt? Was soll das denn hier? Mach doch mal langsam. Man muss doch nicht überall… Und jetzt halt doch bitte mal mein Bier. Ich will ein Foto machen.

 

Die See-Stage lag wortwörtlich im See. Der Sound war okay. Nicht wichtig. Im Moment gerade richtig. Durchdrehen wollte ja eh keiner. Sei es beim Set von Aril Brikha. Oder bei den Jungs von Auto.Matic-Music. Die so sehr ihr Label geworden sind. Dass sie schon gar keine Namen mehr auf den Time-Table drucken. Obwohl die für Auto.Matic überraschend gut auflegten. Der Aril gefiel mir sogar noch besser. Da schmofte man dann herum. Mit den Alten und jenen, die es gerne wären. Erzählte sich Geschichten. Lachte sich an. Und ließ die Vergangenheit einen netten Onkel sein, an dem sich die Gegenwart zum Glück nicht mehr messen musste. Wie das ganze „Südufer-Festival“, gerade weil es das erste Mal überhaupt veranstaltet wurde, keinen Maßstab hatte. Es war einfach ein chilliger Tag mit Freunden. Nichts Legendäres. Nichts Unvergessliches. Doch wenn man in ein paar Wochen oder einem Jahr daran zurück denkt, erinnert man sich an einen schönen Tag. Was will man mehr?

Die Kleinstadt-Familie (Absolution)

Eine Kleinstadt ist auch nicht anders als eine Großstadt. Für manche Dinge gibt es andere Worte, wenn auch für einzelne Ausdrücke kein Synonym, die Tatsache bleiben jedoch dieselben: Menschen leben zusammen und jede Menschengruppe erfüllt ein gewisses Klischee. Was in der Stadt der „Nerd“ ist, ist auf dem Land der „Klugscheißer“ oder „Besserwisser“ (oder banaler ausgedrückt: „Der ist komisch“), „Proleten“ werden in der Kleinstadt/Dorf „Bauern“ genannt, usw. usf.

Ebenso wie du in der Stadt nur in gewissen Situationen mit „Nerds“ und „Proleten“ zu tun haben musst, musst du dich auf dem Land nicht den ganzen Tag mit „Bauern“ auseinandersetzen. Jeder geht seiner Wege.  Baut sich seinen eigenen Mikrokosmos aus Beziehungen auf. Außer. Außer deine Schwester ist mit so einem „Bauern“ zusammen und drückt dir diese Weltsicht damit bei jeder Familienfeier auf die Augen, wie es bei Paul der Fall war.

Hans war kein Landwirt und doch würde ihn jeder als einen „Bauern“ bezeichnen. Es ist nicht das was er beruflich macht und es geht auch nicht darum, dass er wirklich des Öfteren  einen Traktor fährt. Hier geht es um eine gewisse Geisteshaltung. Paul mag das Wort „konservativ“ nicht mehr, denn es steht für alles und ebenso für nichts, doch durch seine bloße Verwendung entsteht ein gewisses Bild in den Köpfen der Leute, gerade wenn man über Landmenschen spricht. Dabei kann ein Intellektueller ebenso konservativ sein wie ein Dosenbierstechender Fußball-Hooligan. Hans ist in dem Bezug konservativ, dass er ein klares, sexistisches Frauen- und Familienbild vertritt und typisch bayrisch denkt, dass am eigenen Wesen die Welt genesen sollte; wenn doch nur jeder so wäre wie er. Kein Wunder dass Paul ihn verabscheute. Und es war ebenso kein Wunder, dass Hans Paul für eine Schwuchtel hielt.

„Liberal“ und „Liberace“ haben für Hans den gleichen Wortstamm.

 

Bei jedem Familientreffen blitze und krachte es zwischen den Beiden, ohne dass sie die Worte und erst recht nicht die Stimme gegeneinander erhoben. Es war ein eindeutiges Nebeneinanderher-Reden. Ohne Anbiedern. Manchmal. An Pauls guten Tagen.

An den schlechten, wenn Paul die ganze Nacht auf seinem Drogen-Film durch onaniert hatte, hielt er einfach seinen Mund und ließ den Macho gewähren – und somit gewinnen. Es war schon schwer genug für Paul überhaupt die Augen aufzuhalten und nicht in perverser Absicht auf die noch nicht ausgereiften, immensen Möpse seiner 16 Jährigen Nichte zu glotzen (was er zwar nicht wollte, denn er fand sie – da ganz gesund im Geiste – überhaupt nicht anziehend, schließlich war sie seine Nichte verdammt noch mal, leider aber konnte er die Blicke auch nicht unterdrücken). Da brauchte er sich nicht auch noch mit dem Hinterwäldler auseinandersetzen, der glaubte dass alle nach seiner Pfeife tanzen müssten.

 

Das letzte Mal hangelte sich das Kuchenverdauende, stockende Gespräch in der Familie, bestehend aus Pauls Vater, dessen neuer Frau, der erwähnte und beschriebene Hans, die Schwester Pauls und ihre Tochter, Pauls Nichte, welche überhaupt nichts zu keinem Thema sagte, von Thema zu Thema, bis man, über die verschlungenen und kuriosen Wege Zeitlöcher der Stille mit Sprache zu stopfen, zum Thema „Bundeswehr“ gekommen war. Paul war ja damals noch dort gewesen. Hatte seinem Land „gedient“, wofür Hans nur ein verächtliches Schnauben übrig hatte. Auch der Vater war nicht dort gewesen, fügte aber gleich hinzu dass er damit alles richtig gemacht hätte, Paul mit harter Hand dorthin zu leiten, da der sonst ja nichts auf die Reihe bekam. Darüber. War Paul. Verwundert. Wie der Vater ihm so in den Rücken fallen konnte. Gerade vor der ganzen Familie. Und vor Hans; idiotischer weise schien Paul doch vor Hans gut dastehen zu wollen. Manchmal will man die am Stärksten beeindrucken, die man am Meisten verabscheut.

 

Sie wäre ja gerne Polizistin geworden, erklärte Pauls Schwester, doch MUTTER hatte sie überredet erst eine vernünftige Ausbildung zu machen, deshalb war sie Arzthelferin in einer kleinen Praxis geworden. Nebenher hatte sie alle Prüfungen und Bescheinigungen  erledigt, um zur Polizei zu gehen, es fehlte nur noch die Sportprüfung, die an drei verschiedenen Tagen abgenommen werden musste. Und weil sie keine Möglichkeit sah frei zu bekommen und sie auch nicht ihrem Chef sagen konnte, weshalb sie freihaben wollte (da sie die Angst umtrieb, wenn sie bei der Prüfung versagen würde, würde ihr Arzt sie auch nicht mehr übernehmen, da er nun wusste, dass sie eigentlich weg wollte), ging sie nicht hin und vertat somit ihre Chance Polizistin zu werden. Ihren großen Lebenstraum.

Wie blöd man nur sein kann, war Hansens Kommentar. „Da hätte ich doch einfach KRANK gemacht!“

„Ich habe NIE krank gemacht! Ich arbeite seit 25 Jahren und war NIE krank!“

„Typisch Frau. Das ist doch bescheuert! Sich so eine Chance entgegen zu lassen! Typisch hysterisches Huhn!“

„Das verstehe ich jetzt aber auch nicht“, schlug Pauls und ihr Vater in die gleiche Kerbe, „Du warst doch früher beim Sport bei mir! Ich kannte doch die Polizisten hier in der Gegend! Ich hätte dir doch eine Bescheinigung ausschreiben lassen können! Hättest du doch was gesagt!“

„Ich war damals 20. Sport habe ich bei dir bis 14 gemacht – was hätte das BRINGEN sollen!“

Hans, ganz besoffen an sich selbst, auch wenn er nur Kaffee trank: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Da sieht mal deine Tochter was passiert, wenn man nichts wagt!“

„Da verstehe ich dich wirklich nicht“, blaffte der Vater noch hinterher. „Da hätte ich doch eine Lösung für dich gefunden.“

„Das war beim Bundesgrenzschutz in Kaufbeuren! Das ist hundert Kilometer entfernt! Als wären sie zu dir in die Sportschule gekommen!“

„Ja der Ronnie…“

„Ach hör mir auf mit dem Ronnie… Und dann habe ich ja SIE bekommen und dann war es eh vorbei mit meinem Traum…“

Und Paul saß einfach nur besiegt da und konnte nicht fassen wie man auf einem aufgegebenen Lebenstraum so herum trampeln konnte, sagte aber nichts. Auch weil er irritiert war, wie seine Schwester noch ihrer Tochter eine verbale Ohrfeige mitgab, nur um den Druck von sich selbst zu nehmen. Wer wusste schon, wie oft das geschah… Paul verstand zu keinem Moment, warum seine Schwester mit so einem Idioten wie Hans zusammen war, der sie nur herunterputzte. Und er verstand auch nicht, wie sein Vater sich so aufspielen konnte, nachdem er die Kindheit Pauls und seiner Schwester lieber damit verbrachte in Gläser, als in die Wünschen und Bedürfnisse seiner Kinder zu schauen. Er war doch nie dagewesen. Wie konnte er sich jetzt darüber wundern, dass ihn keiner um Hilfe fragen wollte?

Und wie immer. Wollte Paul nur noch heim zu seiner idealen Realität. Und zu seinen Drogen.

Falsche Familienmitglieder

Warum sterben dieses Jahr so viele Stars? Lemmy Kilmister. Prince. David Bowie. Muhammed Ali. Götz George. Der verdammte, einzigartige Muhammed Ali. Onkel Buds Spencer.

Seiner Vermutung nach hat diese Häufung mit der Popularisierung bestimmter Teile der Gesellschaft zu tun. Populäre Gesellschaftschichten gab es schon immer. Am Anfang der Stammesführer. Dann Könige. Prinzen. Später wurden sogar Frauen wichtig. Es handelte sich dabei nur immer um einen eingegrenzten Bereich. Eine Elite. Und heute, ach was, seit Jahrzehnten, dank dem Kino, Radio, dank dem Fernsehen gibt es immer mehr populäre Menschen in unserer Wahrnehmung. Einen König und einen Promi unterscheidet bei nüchterner Betrachtung nicht viel: Beide leben und handeln durch die Aura, die ihnen andere zusprechen. Jeder ist nur ein Mensch, dessen Macht ihm andere zusprechen und ihn deswegen achten. Ein König ist auch nur ein Mensch. Und nicht einmal Brad Pitt wer Besonderes. Und da wir in einer popularisierten Gesellschaft leben die irgendwann ihren Anfang nahm und in welcher theoretisch jeder berühmt werden kann, ist es kein Wunder das man schließlich an einen Punkt gelangt, an denen die Stars von Gestern beginnen reihenhaft weg zu sterben. So ist das, wenn man inflationär mit dem Begriff, vor allem mit dem Gefühl für  „große Menschen“ umgeht.

Lemmy war der Fuck-Off-Rebel. Prince und David Bowie standen für die Befreiung der Sexualität durch Musik. Götz George war der, der die „Scheiße“ aus Duisburg Salonfähig machte. Ali war der erste schwarze Superstar. Und Buds Spencer war… Der HELD unserer Kindheit. Was zum Teufel das auch  bedeuten soll.

Auf eine gewisse Art waren sie alle Vorbilder. Prototypen dafür, was wir sein wollten. Nicht jeder im Einzelnen. Keiner war ein Held. Zusammengenommen jedoch waren sie DIE Helden, die unsere Gesellschaft einschneidend geprägt haben. In einer Zeit wie unserer, in denen es keine realen Vorbilder mehr für Menschen gibt, waren sie wenigstens die Hologramme davon. Man darf ja auch nicht vergessen, dass kaum einer von uns diese Leute wirklich gekannt hat. Sie standen einfach nur für etwas – und das reichte schon. Sie waren jemand für uns, mit Visionen aufgeladenen Leuchttürme unserer Wünsche.  Ja, im Prinzip waren sie eigentlich nur Wunschvorstellungen für uns, wie zuvor Sagenhelden oder andere Leute, die es in Wahrheit gar nicht geben musste. Mit Bedeutungen aufgeladene Monolithen der Austauschbarkeit.

 

Er ist traurig bei jeder einzelnen Todesnachricht. Egal ob Lemmy, Prince oder Bowie. Er fühlt jeden dieser Tode wie den Verlust eines Familienmitglieds. Diese Stars waren immer für ihn da gewesen. Diese Helden hatten ihn immer umgeben. Sie hatten sich nie beschwert wenn er launisch oder wütend war. Sie hatten ihm immer das Richtige eingeflüstert, zu jeder Lebenslage. Nicht so wie seine echten Freunde und Verwandte.

Fakt ist doch, dass er öfter Götz George dabei zugesehen hatte wie man Menschen behandelt, als seinem großen Bruder. Es stimmt auch, dass er mehr Zeit dabei verbrachte hatte als Kind Buds Spencer bei seinen zweifelhaften Abenteuern zuzusehen, als mit seinem eigenen Großvater zu verbringen. Und sein Großvater war weit weniger gewalttätig als dieser aggressiver Italiener, der zwar in sich zu ruhen schien, doch viele Leute zusammenschlug.  Und sein Großvater war im Krieg gewesen. Er hatte häufiger mit Prince und David Bowie über den Wolken geschwebt, als mit seinen Freunden. Und mit Lemmy konnte man so wunderbar krass rebellieren.

Ja. Jede einzelne Todesnachricht hatte ihn mehr geschockt als die Beerdigungen aller seiner Großeltern. Seine Großeltern waren alle nur irgendwelche Menschen gewesen. Sie lebten und starben – für nichts. Für was hatte dagegen ein Lemmy Kilmister gelebt! Oder der unglaubliche Muhammed Ali!

 

Er weiß nichts von meiner Meinung, dass wir Menschen nur so wahrnehmen, wie wir sie mit Wert aufladen. Welche Macht wir ihnen zugestehen. Und würde ich ihm die Frage stellen, weshalb er nicht seinen Großvater mit diesen Werten bedacht hat, würde er mich nur verwirrt ansehen. Was hat das Eine denn mit dem Anderen zu tun?

Schon in seiner Kindheit hat er sich von seiner Familie abgewandt und eine neue gefunden. In diesem Punkt kommt das „Superstar“-System einer Sekte gleich.

Meine Mutter ist schuld.

Paul verlor seine Mutter in seinen Jugendjahren und auch wenn er sich das niemals eingestehen würde, so hatte ihn das sehr geprägt.

Er verlor sie nicht auf einen Schlag. Es gab nicht „das Ereignis“. Sie verwelkte über die Jahre vor seinen Augen, ohne dass das Kind welches er war, begreifen konnte was damals vor sich ging.

Mutter liebte ihn. Vielleicht nicht mehr oder weniger als seine beiden Geschwister und er stellte auch keine Vergleiche an, wen Mutter mehr liebte. Aber sie liebte ihn. War immer für ihn da und wenn man im Nachhinein verstand wie sehr abgekoppelt diese Frau von der Realität war, war es auch kein Wunder, wie „anders“ sie sich als andere Mütter verhielt.

Später, als die Frau lange fort war, weggesperrt in einer Einrichtung mit 24 Stunden Umsorgung, erinnerten sich er und seine Geschwister nur daran, was ihre Mutter ihnen alles vorenthalten hatte, was ihnen im Vergleich zu anderen Kindern gefehlt hatte.

Mutter liebte ihre Kinder und wollte sie vor allem beschützen. Für sie waren ihre Kinder immer ihre Babys und sie ließ sie, auch wenn andere Eltern dies vom Gedanken her ähnlich praktizieren, nie erwachsenwerden. Sie wollte die Kinder vor allem schützen, was sie vergiften könnte. „Gift“ war sowohl die Ernährung, als der unsittliche Umgang mit den Geschlechtern und davor versuchte sie Paul und seine Schwestern zu behüten, einerseits durch Aufklärung, andererseits durch die blanke Abwesenheit davon. Sie konnte stundenlang über die Giftigkeit von Zucker referieren, den Zusatzstoffen im Essen, der Monsterdroge „Coca Cola“ oder der heilenden Wirkung von Dinkelkorn (sie blieb zeitlebens ein Dinkelfan und war davon überzeugt, das Dinkel Krebs heilen konnte), nur von den Vorzügen oder auch Gefahren der Sexualität   erzählte sie nie. Sie erzog ihre Kinder in einer Reformhaus-Gesundheitsblase, der sich mit katholisch religiösem Eifer für die Monogamie aussprach, was sicherlich auch daran lag, dass ihre Ehe sich langsam als ein einziges Desaster darstellte.

Am Ende wollen Kinder, ganz egal ob sie 7 oder 37 Jahre zählen, genau das haben, was ihnen in der Kindheit verwehrt blieb. Und so sprachen Paul und seine Schwestern Jahre, Jahrzehnte später, nur über das, was ihnen versagt blieb, am Meisten blieb der Entzug von Zucker in Gedächtnis. Zucker, Süßigkeiten, das gab es für sie nicht. Und es wurde fast schon ein Klassiker das Paul auf fast jeder Familien-Feier die Geschichte von dem „Lutscher“ erzählte.

Mutter hatte ihm einen „Lutscher“ geschenkt. Einen von diesen biologischen Dingern, ohne Farbstoff, mit reichlich wenig Zucker und noch weniger Geschmack. Kein Riesen-Lolli oder etwas dergleichen. Ein ganz normaler Lutscher. Paul durfte ihn eine Minute lang genießen, dann stellte sie ihn ein Glas. MORGEN dürfte er daran weiterlecken. Sie gab Wasser in das Glas um ihn „frisch“ zuhalten und am nächsten Tag – wir können es uns denken – war der Lutscher verschwunden. Der kleine Paul war am Boden zerstört. Auch wenn er sich daran nicht erinnern konnte, wie sehr er nach dem „Verschwinden“ des Lutschers geweint hatte, so vergaß er doch nie die Geschichte an sich. Die Geschichte darüber, wie er von seiner Mutter um einen weiteren Genuss betrogen wurde.

 

Seine Mutter glaubte, durch den Entzug von Giften die Kinder auf die Zukunft vorbereiten zu können, doch sie verstand nicht, dass sich Kinder, dass sich Jugendliche hin und wieder die Finger verbrennen, sich immer wieder Gefahren aussetzen müssen, um komplette erwachsene Menschen zu werden. Seine ältere Schwester Claudia, die ein paar Jahre jünger war als sein Bruder Kurt, wurde durch den „Schutz“ der Mutter nicht auf die harten Tatsachen der Liebe vorbereitet.

Claudia ging in den 80ger Jahren, den Jahren von Pauls Kindheit, auf eine Klosterschule, und die Nonnen fühlten sich auf dieser gymnasialen Klosterschule nicht verpflichtet im Biologie-Unterricht ihre Schützlinge über die sexuellen Tatsächlichkeiten aufzuklären. Es lag nicht nur an den Nonnen, auch am Zeitgeist selbst, der in einer Kleinstadt (einem großen Dorf mit angeschlossener Kloster mit Behinderteneinrichtung) auch in den späten 80gern eines noch nicht wiedervereinten Deutschlands vorherrschte, dass man auf die sexuelle Aufklärung nicht so viel Wert legte, auch wenn das „Video-Heim-System“ und der „Playboy“ sich Mühe gaben, wenigstens in irgendeiner Form ihren Beitrag zu leisten. Es war eine naive Zeit, in der entweder gar nicht über die Sexualität gesprochen wurde (wie in unserer Familie) oder nur über die Romantik von Hollywood-Filmen, in denen „Dirty Dancing“ wirklich schon als „dirty“ empfunden wurden. Claudia war eine unterzuckerte Prinzessin, die sich unter dem Liebesakt zwar vorstellen konnte was dort geschah, die Realität aber kam für sie mehr einer Vergewaltigung gleich, die mit ihren Schrecken an die Hochzeitsnacht einer arrangierten Zwangsehe erinnerte, in der der Mann schon fast sein ganzes Leben hinter sich gebracht hat und die „Frau“ ein kleines Dummchen von 13 Jahren ist, das nicht erahnen konnte welche Schrecken ihr die Wirklichkeit über „gemachte Liebe“ beibringen würde. Und auch wenn viele Faktoren dazu beitrugen, dass Claudia nicht verstand wie schmerzhaft es sein konnte, einfach so „durch gefickt“ zu werden, blieb die Wut immer bei ihrer Mutter zurück. Mutter. Die sich selbst als Heilige empfand die über den Dingen stand und damit  ihr Umfeld in den Dreck warf…

 

Ein weiterer verworfener Text für den Roman… Der Stil hat mir nicht gefallen… 

 

 

Otto Normalversager

Um 4 Uhr in der Früh piept der Wecker. Seine Hand saust routiniert auf die „Off“-Taste. Das Ding hat nur ein einziges Mal gepiept. Er will nicht dass seine Frau ebenfalls aufwacht. Das Aufwachen ist er geübt.

Am Abend zuvor hatten sie noch gestritten gehabt. Es war nichts Wichtiges gewesen, kein Grundsatzthema, sondern einer dieser Grundsatzstreits, die mit der Grundsätzlichkeit des Zusammenlebens zu tun haben; es ging wie immer um das gemeinsame Kind, die Tochter, mit ihrer unheilbaren Lungenkrankheit, um die richtige lebensverlängernde Therapie, und ob sich die Familie diese leisten kann oder leisten können muss. Der Streit handelte wie so oft um Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Prozentzahlen, die ihnen fremde Ärzte im vertrauten Tonfall nahgebracht haben. Und trotz der ganzen Streiterei war Mama und Papa die ganze Zeit über klar, dass es für die Liebe keiner Prozentrechnung bedarf.

Eine Tochter ist eine Tochter ist eine Tochter.

Papa und Mama sind sich in ihrer Sorge fremdgeworden. Sie berühren sich kaum mehr umeinander. Nur noch in ihren Blicken. In ihrem Kummer. Das Höchste sind traurige Umarmungen, die Kraft geben sollen und sie dabei doch, fast ab dem Moment wo sie sich voneinander trennen, auseinander stoßen, in die Einsamkeit des guten Willens.

Er fährt sich zuerst mit der Zahnbürste durch den Mund und dann mit der Bahn zur Arbeit.

Im Betrieb ist schon wieder die Hölle los. Kurt ist krank, schon wieder. Kurt ist eigentlich immer krank. In den letzten 8 Jahren geschlagene 4 Jahre, und die Chefs lachen schon darüber, dass man den eigentlich gar nicht brauchen würde, die anderen würden ja seine Arbeit ohnehin mitmachen. Die aber, die diese Arbeit machen müssen, wissen, dass sie diesen ewig kranken Kurt brauchen. Dass sie es nicht mehr lange durchhalten. Dass der Druck irgendwann einmal einfach zu groß wird. Woher konnten sie damals auch erahnen, dass der Typ dessen Arbeit sie sich auf die Schultern legten, jeder viertel Jahr wieder ein viertel Jahr fehlen würde?

Unser Mann arbeitet auf zwei Etagen gleichzeitig. Unten hebt er mit seiner ganzen Kraft die gepressten Metallplatten aus der Presse, während er oben, eine Etage höher, die Reinigung des Kessels überwacht und gleichzeitig den Papierkram macht. „Geht nicht, gibt´s nicht“. Man muss nur ein System haben. Und leider – verdammt noch mal – funktioniert das System auch. Unser Held weiß nur nicht, wie lange er noch funktionieren wird. Die Maschinen nutzen sich nicht ab. Sie werden gewartet. Er nicht… Keiner wartet ihn – alles wartet auf ihn.

Neben seinen drei Aufgaben gibt er noch den Lehrlingen Ratschläge, weißt seine anderen Gesellen an, erledigt Betriebsbedingte Telefonate – und reißt Witze. Im Sog der Arbeit merkt er den Stress gar nicht mehr, der macht sich erst bemerkbar, wenn er später zuhause bei der Frau ist und einfach nicht mehr kann. Nichts mehr. Dann sitzt er einfach nur da und starrt in die Leere, während ihn seine Frau ausschimpft, weshalb er denn so DUMM ist so hart zu arbeiten.

Sie versteht es nicht. Sie ist nicht dort. Sie weiß gar nichts.

Pausen macht man dann wenn man Zeit hat. Der Kaffee wird im Stehen getrunken. Der Muffin aus kohlrabenschwarzen Händen gegessen. Und seit er nicht mehr Raucht hat er nicht mehr Zeit für sich (wie er erst dachte, als er das mit den Zigaretten ließ), sondern noch weniger, denn da war plötzlich noch mehr Zeit um zu Arbeiten.

Manchmal sind die Pausen schlimmer als die Arbeit, denn kaum sitzt er länger als 10 Minuten, kommt er kaum mehr hoch; „Niemals anhalten“, denkt er sich dann, und weiß, dass er nicht müde geworden wäre, hätte er keine Pause gemacht, denn die Pausen erinnern den Körper daran, dass er keine Maschine ist und fordern den logischen Tribut ein.

Seine Hände sind Landkarten seines Tuns. Sie sind von weißen, braunen, violetten Striemen und von unförmigen, vertrockneten Seen gleicher Couleur überzogen, Grüße von Metallsplittern und Verbrennungen, von anorganischen Küssen, die sich tief in seine Haut gebohrt haben. Er hat große Hände. Menschen die mit ihren Händen arbeiten, haben große Hände.

Die Überstunden sind schon so etwas wie Routine. Und er hasst sich dafür, dass er sie so wahrnimmt und nicht mehr nur als Ausnahme. Irgendwie braucht er sie auch um seine Familie über die Runden zu bekommen, wohlwissend, dass er viel weniger für ausbezahlte Überstunden bekommt, als dass sie es wertgewesen wären sie zu verdienen.

Im Winter sieht er manchmal Wochenlang keine Sonne, denn er kommt zu früh zur Arbeit und geht zu spät, um die Lebensspenderin am Himmel zu finden. Er arbeitet „unter Tage“, auf zwei fast Fensterlosen Stockwerken über der Erde. Sein Keller ist der erste Stock.

Und als er dann endlich um 7 Uhr abends in die Bahn steigt, ganz wirr und kaputt, gar nicht fähig die Informationen von Spiegel Online aus seinem Handy zu lesen, sind da plötzlich diese jugendlichen Nazis, die sich im gleichen Abteil über einen hermachen, der wie ein Asylant aussieht.

„Scheiße“, denkt er sich, „jetzt hört aber auf…“ So einen Mist kann er jetzt gar nicht gebrauchen. Er ist müde. Zerschunden. Will nur zu seiner Tochter. Zu seiner Frau. Und will wissen wie ihre heutige Untersuchung im Detail abgelaufen ist.

Im ersten Moment blickt er weg. Und es hilft. Dann setzt es die erste Ohrfeige, die jungen Superdeutschen machen sich über „Abdul“ her (wie sie ihn nennen) und bei der nächsten Haltestelle steigt unser Held aus und zieht draußen sein Handy hervor: Um die Polizei zu rufen.

Dazu kommt es aber nicht.

Hinter ihm stürmt sowohl der rechte Mob, wie der angegriffene Abdul aus der Bahn, das Kamerateam von RTL 3 im Schlepptau. Das Ganze war eine inszenierte Geschichte, wegen dieser die „Journalisten“ wissen wollen, warum der große starke Mann nichts unternommen hätte, weshalb er keine Zivilcourage gezeigt hatte. Wie könne das denn sein?! Schließlich sei er doch ein großer und starker Kerl!

Unser Held sieht die jungen Typen um die 20 an, die einem wirklichem 9-to-5-Job nachgehen, der im Wesentlichen darin besteht Kaffee zu trinken und sich im Büro überlegen, wie sie die Gesellschaft „enttarnen“ können. Unglaublich klug und belesen kommen sie sich vor. In ihren teuren Klamotten und mit ihren wichtigen I-Phones.

Und unser Held, betroffen über die Situation („Ich habe wirklich falsch gehandelt!“) ist dennoch zu müde, zu erledigt und zu k.o. um sich wirklich zu ärgern. Er fragt die Jungs nur: „Was wisst ihr denn von Courage?“

Und geht nachhause. Heim. Wo das Glück. Und die Trauer wohnt.

Mohrenkopfsemmel

Ich würde die Situation als „komisch“ bezeichnen.

Vor einer Stunde bin ich bei dem neuen Liebhaber meiner Schwester angekommen. Ihre Kinder sitzen uns gegenüber, er rechts neben mir, wir spielen „Mäxle“ und uns damit gegenseitig den Würfelbecher in die Hand.

Es ist jetzt ein gutes halbes Jahr vergangen seitdem meine Schwester mit diesem Kerl ihren damaligen Mann und meinen Noch-Schwager betrogen hat, und ich sehe den Typen heute zum ersten Mal. Anlass meines Besuches bei ihm zuhause (in dem Haus, in dem auch meine Schwester jetzt lebt) ist der Geburtstag meiner Nichte. Sie sitzt mir gegenüber.

Komisch ist die Situation für mich deswegen, da ich nicht genau weiß wie ich mich verhalten soll. Schließlich kenne und brauch ich den Typen nicht. Wieso auch? Er hat eine Familie zerstört, auch wenn dafür zugegebenermaßen mehr gehört als ein Mann alleine.

Da ich ein nervig reflektierter Mensch sein kann, weiß ich nicht wie ich mich fühlen soll. Soll ich mich nett geben? Oder mürrisch? Würde ich denn wollen, dass ich diesen Kerl mag? Würde ich denn selbst gerne von ihm gemocht werden? Schließlich steht das Moralische zwischen, meine Moral, die mir (antrainiert durch zu viele amerikanische Filme in meiner Kindheit/Jugend) ständig von innen gegen die Schädeldecke pocht und darüber lamentiert, dass man bestimmte Sachen nicht macht. Hier: Trotz des Wissens dass eine Frau verheiratet ist und Kinder hat, versuchen mit ihr etwas anzufangen.

Für mich geht das gar nicht. Wohl auch deswegen, da ich auch schon einmal der Gehörnte war.

Der Würfelbecher wird herumgegeben und der Lover meiner Schwester macht Witzchen um die Kinder zum Lachen zu bringen. Es freut mich dass sie lachen; ich weiß dennoch nicht ob ich das gut finden soll. Dieser Familien-Stunt, diese Parodie einer Familie, irritiert mich zusehends. Und wie das so ist mit den Beobachtern von solchen Situationen, bin ich nicht gerade gesprächig, werfe nur hin und wieder ein paar Brocken hin.

Der Jüngste am Tisch, der kleine Timmi, gerade einmal 9 Jahre alt, benimmt sich wie die Axt im Walde, rülpst herum und pöbelt seine Schwester von der Seite an, dass sie ganz schön große Brüste bekommen hätte, die schon hängen würden. Mich will er mit „meiner Glatze“ aufziehen und dem Lover-Bauern wirft er einfach so Spielkarten ins Gesicht. Absolut Respektlos. Meine Schwester, die früher in der Ehe noch so aufbrausend und herrisch war, nimmt das gelassen wie eine Hindu-Kuh hin. Sie schwebt in ihrer Heile-Welt-Luftblase und idealisiert den Jungen im Kopf wohl zum Opfer der Ehelichen Umstände, weshalb sie ihm einige Privilegien einräumt. Sicherlich ist der Knabe Opfer, was jedoch auch kein Grund ist um ihm alles durchgehen zu lassen und ihn zu verziehen.

Das Spiel ist lustig, wir Lachen viel. Und dabei gar nicht so oft gezwungen wie ich es in Erinnerung habe. Einmal sage ich aus dem Spaß heraus: „Ja leck mich am Arsch, wie kann man so viel Glück haben?“, wofür ich indirekt von dem Kerl getadelt werde, da doch Kinder im Raum sind.

Der Typ verunsichert mich. Er ist so etwas, was man einen „gestandenen Mann“ nennen würde. Er ist ein wirklicher Bauer, handwerklich sehr begabt und sehr direkt im Umgang; ich habe einen kleinen Minderwertigkeitskomplex gegenüber solchen Kerlen mit fundierten Handwerklichen Wissen und Geschick, ganz egal wie ungebildet sie auch sonst sind. Ich bin kein Superhandwerker, und das bedrückt mich. Ganz klare Kindheitsneurose: Ja Vater! Ich war niemals der Sohn den du dir gewünscht hast!

Daher meine Verunsicherung.

Aber das ist mein Ding.

Also lasse ich mich indirekt über mein Schandmaul tadeln, bis mir bewusst wird wie GROTESK das Ganze doch ist, sich von einem Kerl darüber belehren lassen zu müssen, dass man ANSTÄNDIG vor Kinder zu sprechen hat, der doch in Wahrheit die UNANSTÄNDIGKEIT in Person ist, da er die Ehefrau eines anderen bumst und dann mit deren Kindern auf heile Welt macht, beim „Mäxle“ spielen –  wie Doppelmoralisch ist das denn bitteschön? In was für einer Welt lebt der denn überhaupt?

Am Ende des Abends bekommt Timmi von Mama noch einen Mohrenkopfsemmel gemacht. Ich wusste gar nicht was das ist: Dazu wird ein Semmel aufgeschnitten und echter Mohrenkopf hineingelegt.

Ich: „Das passt doch gar nicht zusammen.“
Und meine Schwester darauf nur so: „Ja geht so. Ihm schmeckt das. Andere essen das aus Gewohnheit gern.“

Und Timmi sagt trotzig: „Es hat zusammenzupassen. Weil es mir schmeckt.“

Das Statement zum Abend: Es hat zusammenzupassen.

Ich verabschiede mich. Wundere mich nur noch im Hinausgehen darüber, dass alle Kerle meiner Schwester die gleiche Frisur haben.