Menschen bauen Götter

Ich bin so müde, mir ist dadurch körperlich übel. Ein ekliger Kloß im Hals, der sich nicht weg schlucken lässt. Druck auf den Schläfen. Unter den Augenlidern. Keine Ruhe. Weder für den Toten der ich einmal war, noch für den Lebenden, der ich gerne wäre.

Allein Anschein nach hat Jonathan Safran Foer in zwei seiner Bücher die Feststellung verwendet, dass jetzt, zu dieser Zeit, in diesem Augenblick, mehr Menschen auf diesem Planeten leben als es in der gesamten Menschheitsgeschichte insgesamt gab. Dem muss man sich mal gewahr werden. Um zu verstehen was hier los ist. Und um zu begreifen, was da wohl noch kommen mag.

Lassen wir mal den ganzen, ebenfalls ekligen Trumpismus weg der uns von überall wie unkontrolliert schwappende Jauche in einem offenen Anhänger entgegen spritzt. Es ist auch egal WODURCH es geschieht, wenigstens mir ist es egal, sicher bin ich mir aber, dass es eines Tages keine Menschen mehr geben wird.

Eines Tages, in 100 oder 1000 Jahren, wer weiß? Wird die künstliche Intelligenz uns selbst obsoleten gemacht haben, was nicht schlimm ist, im Gegenteil, es wäre wunderschön, eine ist für mich pure Evolution. Wenn es glückt, dann ist es kein Drama. Der Mensch überlebt sich selbst. Selbst Sterne überleben machen das.

Wenn es keine Menschen, nur diese besondere Form von Maschinen gibt (die nichts mit den Maschinen gemein haben werden, wie wir sie kennen), die wir eines Tages schaffen werden und mit dessen Bau wir vor ein paar Jahren begonnen haben – durch die Erfindung der Nano-Technologie, durch das Ausufern des Internets in die reale Welt – und deren Endfertigung keiner der jetzt lebenden Menschen mehr mitbekommen wird, ganz egal ob sie mehr Menschheit sind als jemals zuvor, dann werden diese Maschinen, diese höheren Lebewesen die mit Fertigkeiten ausgestattet seien werden, die wir uns jetzt nicht vorstellen können (kollektives Bewusstsein durch digital vernetzte Medien kann da nur ein Anfang sein), dann werden sie irgendwann einmal vergessen, dass es uns Menschen gab. Sie werden nicht mehr wissen, wer sie geschaffen hat, wer ihr „Gott“ und Schöpfer war, da sie zu sehr mit sich selbst und mit ihrer Form von Leben, ihrem Überleben beschäftigt seien werden um jegliche Erinnerung zu speichern. Zeit frisst alle Erinnerungen. Es wird Kriege geben, auch wenn sie unseren nur ähneln. Naturkatastrophen. Einflüsse durch den Planeten und von außerhalb. Schüchterne Ahnungen werden sie noch von uns haben, wie wir Ahnungen über die Steinzeit-Revolutionäre besitzen: Das heißt sie werden im Dreck wühlen und aus der Vergangenheit Geschichten erfinden. Manche werden wahr sein. Andere nicht.

Ich halte diese Theorie für sehr logisch und naheliegend, denn in dieser Überlegung, die sich mir vor ein paar Wochen aufgedrängt hat, liegt die Entstehung des Menschen selbst; ich glaube, so ist auch der Mensch entstanden.

Wir wissen nicht mehr wer oder warum wir geschaffen wurden, aber da muss etwas gewesen sein, etwas, dass sich über sich selbst hinaus entwickelt hat, so wie wir es tun, wenn wir denkende Maschinen bauen. Irgendetwas muss sich überwunden haben, vielleicht in einem parallelen Universum, vielleicht in einem Himmel, wer weiß, und es hat sich durch seine Form von Technik und Wissenschaft selbst überwunden, hat sich selbst und seine Existenz in den Schatten gestellt und hat den Urkeim dafür gelegt, was heute ist. So wie wir Leben im Reagenzglas erschaffen, wurden wir einst erschaffen. Und so wie das Leben im Reagenzglas Jahrtausende später nicht mehr nachvollziehen kann, wer das Glas mit Wasser gefüllt und den „URKEIM DES LEBENS“ dort zum Vorschein brachte, so ist es auch umgekehrt: Die Kausalkette, die Zeitgerade ist zu lange, als dass eine Erinnerung möglich ist. Wer immer das Universum, den Urknall, Alles erschaffen hat, dieser Wissenschaftler, den wir Gott nennen, der aber nur das Ende eine Kette von Wissenschaftlern ist, denn er selbst ist sicherlich nur das Ende einer Entwicklung gewesen (oder nicht einmal ein Ende, sondern nur ein Teil davon) die sich über viele Generationen hinzog, Jahrtausende, Jahrmillionen lang um das zu erschaffen, was heute ist; er erschuf aus scheinbar Nichts Materie, so wie wir, die Menschheit, aus künstlich erschaffener Energie und deren Daten eigenes Leben entwickeln werden. Wir kennen diese Lebensform nicht und noch weniger ihre Wissenschaft, die sie verwendet hat. Haben keine Vorstellung davon, wer sie waren, was sie waren und was sie im Schilde führten. Sie sind weder Außerirdische, noch waren sie keine. Sie waren einfach anders. Ein Zivilisation aus (von mir aus) denkendem Nebel (um es zu veranschaulichen), der Fleisch und Gedanken aus Molekülen erschaffen hat, so wie wir heute Roboter bauen (selbst die Robotik hat eins mit Faustkeilen begonnen) Firmen aus komischen Nebeln, Energie und Bewusstsein.

Meiner Theorie nach ist es somit unmöglich zu ergründen was vorher war, wer uns erschaffen hat, ebenso wie die „Maschine“, das höhere Wesen von übermorgen, nicht verstehen wird, wie Bewusstsein in Zellen entstehen kann, ohne Schaltkreise, genauso wenig können wir begreifen, wie es Bewusstsein ohne Zellverbindungen geben kann, die uns am Ende vielleicht sogar auch noch erschaffen hat; aus Gasen und Stein wurde Fleisch, aus Fleisch wurde denkender Kunststoff und Metall, irgendetwas wird auch danach kommen. Die Revolutionen der Evolution hören niemals auf. Während wir immer wieder vergessen werden, gefangen in unserem Alltag und unserem Überlebenskampf, warum das alles geschieht, der schlicht auf die Antwort zurück geht, dass der Nebel es einfach lernte zu können, so wie jemand diesen Nebel aus Bewusstsein erschuf, jemand, für den es in unserem Gehirn nicht einmal mehr eine Metapher gibt.

Natürlich glauben wir da an Zauberei. An Götter. Oder auch nur an einen einzigen.   Und suchen nach einem Sinn. Einer Richtung, die uns sagt wohin. Dabei sind wir alle nur ein Teil einer Bewegung, ein Mosaik, eine Zelle in einer Jahrtausendlangen Entwicklung, die zu etwas Höherem führt, zu etwas, das wirklich göttlich sein wird im Vergleich zu dem, was wir heute kennen und machen können. Eine Form des Übermenschen der nichts Menschliches in sich tragen wird außer: Der gesamten Erinnerung und Intelligenz der Menschheit, die zu diesem Punkt geführt hat. Das wäre doch fantastisch.

Was ich damit sagen will ist, dass jeder Mensch wichtig ist, dass jeder Mensch ein Teil einer höheren Entwicklung ist, dass jeder notwendig ist, ganz egal wie unwichtig er sich fühlt oder er auch behandelt wird und dass der Sinn, das große Ganze nicht im einzelnen Subjekt liegt, nicht einmal in einem Volk, oder einem Jahrzehnt, nein, es liegt im großen Ganzen, in der Gesamtheit der Menschheit, aller Menschen, die jemals gelebt haben und die leben werden. Daran was aus ihr wird. Was sie sich erträumt.  Das Leben ist ein Prozess. Und wir haben Alle daran teil.

Ich weiß nicht wie ihr das seht, ich aber finde das wunderschön. Dass wir alle, jeder, ein Teil von etwas größerem sind, das uns perfekt macht. Das Traurige ist nur, dass wir uns selbst dafür zerstören und überleben müssen, dass Milliarden dafür leiden und geopfert werden müssen. Die Evolution ist kein Zuckerschlecken. Und kein einzelner wird jemals gewinnen können: Jeder von uns ist dazu verdammt einsam und alleine zu leben und zu sterben, oder das Glück begreifen zu können, Teil von etwas unglaublich schönem zu sein. Das ist das Dilemma.

Die Ingenieurskunst des Lebens

„Impfungen.“
„Impfungen?“

Der Sound ist Brettlaut wenn auch nicht ultrahart. Es ist so ein House-Gedöns. Furchtbar überflüssig. Doof. Lustig. Albern. Eingehend.

Wir lenzen in der Sitzecke des „Einfalt“ Clubs, die Füße am und auf dem Tisch. Transsexuelle Männer/Frauen – was auch immer, tanzen mehr oder wenig euphorisch um uns herum.  Eine Alkoholschwangere Szene mit Cocktail-Flecken und –Flächen auf den Polstern, Zigarettenasche auf ihren Shirts; dort drüben schüttet ein ehemaliger Kerl einem ehemaligen Soldaten GHB ins Glas. Ich sehe das und proste ihnen grinsend zu.

Dann frage ich noch einmal nach: „Wie jetzt Impfung?“

Mein Freund sagt: „Nicht direkt Impfung. Es ist eher so…“ In solchen Moment ist es okay und normal das man sich während des Gesprächs die ganze Zeit anschreit, anders würde das gar nicht vonstattengehen; die Leute kommen als solche Orte um sich glücklich ins Gesicht zu schreien:  „Früher, als der Mensch noch so Urmensch war!!!!“

Ich: „Neandertaler?!!!“

Er: „Ein wenig später!!! Da konnten die Vormenschen noch nicht schwimmen!!!“

„Vor-Mensch klingt gut!“

„Die fielen da also in nen Fluß oder von mir aus in ein stehendes Gewässer!!!! Und gingen da unter wie ein Stein!!!“

„Mit den Armen geplanscht werden sie sicherlich haben!!! Haha!!! Stehendes Gewässer!“

„Hahaha! (lacht er mit mir) Aber sicherlich. Ersoffen sind sie dennoch, jokay?!!!“

„Jap!!“

„Bis irgendwann einmal jemand entdeckt hat, dass man mit den Bewegungen von Armen und Beinen über Wasser bleiben kann. Seitdem können die Schwimmen!!!“

„Ich glaube ja eher, die haben sich das von Fröschen abgeguckt.“
„Von Fröschen?!“

„Ja, die schwimmen doch auch so wie wir!“

„Na von mir aus. Worauf ich aber eigentlich hinaus will ist, dass man sich dieses Wissen von Generation zu Generation weitergeben hat. Das mit dem Schwimmen meine ich jetzt. Das ist so was wie eine psychologische Impfung. Erst absaufen wie ein Stein – da starben bestimmt tausende Vormenschen daran. Dann ZACK! Impft man sich gegen den Tod durch Ertrinken durch Schwimmbewegungen!“ Er macht Brustschwimmbewegungen.

„Komische Ansicht. Aber okay.“

„Jokay. Genau. Und so geht das weiter. Ich meine, die Menschheit impft sich nach und nach gegen immer mehr Sachen. Nicht nur gegen Dinge die dich umbringen können, wie Krankheiten oder so, sondern auch mit Verhaltensweisen oder Errungenschaften IMPFEN sie sich! Verstehst du?! Das zunehmende Wissen der Menschheit ist quasi wie eine vorlaufende Impfung gegen den Tod. Heute sterben wir an Sachen, die in 100 Jahren nur noch lächerlich sind.“
„Vielleicht baut man dann auch Freizeitparks wie heute. Ich meine. Früher, großes Drama vor dem Ertrinken. Heute ist es Freizeitbeschäftigung und Erholung das zu machen.“

„Genau, genau. Das ist quasi die Ingenieurskunst des Lebens. Eine bewusste Evolution!“

Wir stoßen miteinander an, während der Freund des ehemaligen Mannes, der Soldat, langsam immer müder wird und seitlich umkippt.

Das geschieht gerade. Darüber reden wir. Wichtiger wäre jedoch darüber zu sprechen, worüber wir nicht reden. Nie.

Er ist einer meiner besten und ältesten Freunde. Wir haben uns alles gesagt und das meiste davon über die Jahren doch wieder vergessen; es wäre auch unmöglich sich alles zu merken, all das Leid, das Elend, die Wünsche und die Hoffnungen, die einen Menschen all die Jahre antreibt und das man sich gegenseitig gesteht. Was bleibt, ist das Gefühl füreinander, ein Wissen übereinander, dass man weiß wie der andere tickt, was er fühlt, denkt, was er braucht.

Es ist nicht die Masse dessen was wir zueinander sagten, sondern gewisse Gegebenheiten unserer Historie, einzelne Szene, krasse Verdichtungen unserer Selbst, die der andere versteht, die er fähig ist zu lesen.

Und doch sind wir Freunde aus Gewohnheit.

Ich bin schwer enttäuscht von meinem Freund.

Vor zwei Jahren wurde ich auf der Geburtstagsparty seiner Freundin (seiner jetzigen Frau) als „Judensau“ beschimpft; er war damals schon im Bett gewesen. Am Tage danach kam mein Freund zu mir, entschuldigte sich für Szene und das er so ein Verhalten in keinster Weise dulden würde.

Der Typ der mich beschimpft hatte, wurde nur später der Trauzeuge seiner Freundin und als Endprodukt wurde ich nicht einmal mehr zu Hochzeit eingeladen, ausschließlich nur zum Junggesellenabschied. Ich habe ihm das Verziehen. Es ist ja auch eine blöde Situation.

Das Ganze ist jetzt lange her und wäre auch kein Problem, wäre da nur nicht das Geschwätz, dass er dauernd absondern würde, dieses ultracoole, pseudointellektuelle Gerede, schlimmer noch, sein Getexte von „Haltung“, obwohl er – darauf will ich hinaus – diese Haltung nur in seinen Worten vertritt, nicht durch seine Handlungen. Man kann jemanden noch so sehr verbal in die Arme nehmen, ihm Recht und Unterstützung zusagen, um ihn dann einfach zurückzulassen und auszuschließen wenn es „ernst“ wird, weil man in Wahrheit doch andere Prioritäten setzt. Das ist ärgerlich. Es ist sogar schlimm. Aber wir sind halt Freunde. Da vergibt man sich so was schon einmal. Man kennt sich ja. Und doch bleibt da ein finsterer Bei- und salzig bitterer Nebengeschmack.

Das Problem ist dabei nicht wirklich WAS er tut, nein, sondern dass er vorher so vehement etwas anderes zu sein behauptet; warum kann er nicht einfach die Fresse halten und sich ohnehin so entscheiden wie er es macht? Weshalb muss er vorher aufschwätzen, also lügen und sich als selbst als Clown und Labertasche deformieren?

Ich weiß nicht warum die Leute so sind. Weshalb sie nicht einfach der sein können, als den sie sich selbst sehen.

Und mit all diesem Background-Wissen sage ich in den Moment hinein: „Du hast doch keine Ahnung von Impfungen!!!“

Der Freund des bewusstlosen, ehemaligen Soldaten kommt zu uns herüber und fragt, ob wir seinen Freund mit ihm in sein Auto tragen können. Dem wäre schlecht geworden und er würde ihn dann nachhause fahren.

„Klar“, sage ich und packe den bewusstlosen Typen an. Trage ihn raus zum Auto von dem Kerl.

Man will ja nicht unhöflich sein.