Deutschtürken

Rund 3 Millionen Türken leben in Deutschland. Davon sind 1,3 Millionen wahlberechtigt Und davon haben 63 Prozent Erdogan gewählt: Stand heute Vormittag. Alle Zahlen sind wie immer ohne Gewähr.

Wie sich das jetzt nun genau zusammensetzt, wann ein Türke eine doppelte Staatsbürgerschaft hat, warum diese Türken in der Türkei nicht als Deutschtürken angesehen werden, weshalb die da nur als Türken gelten (deshalb können sie dort den Journalisten „Deniz Yücel“ einfach so wegsperren, ohne dass die Bundesregierung irgendetwas dagegen unternehmen kann) und was da überhaupt und so genau los in der Türkei; dazu kann ich herzlich wenig sagen. Ich bin wie die wahrscheinlich meisten von euch auch nur halbinformiert durch unsere Medien, die natürlich selbst eine gewisse Position vertreten, wobei ich mich auch nicht wirklich mit dem Thema auseinander gesetzt habe.

Heute Morgen nach dem Referendum habe ich Artikel gelesen, so wie man heutzutage Bücher liest. Locker wischte ich die Informationen beiseite, manche vielen mir ins Gedächtnis. Erdogan kann also nun so gut wie alles machen was er will. Das Parlament hat keine großartigen Kontrollfunktionen und damit  keine Macht mehr, außer sich selbst aufzulösen – was sehr ironisch klingt.  Los wird man den Erdogan auch nicht mehr so schnell, irgendwas mit mindestens 15 Jahre bis lebenslänglich bleibt der „an der Macht“, dabei gilt in anderen Ländern 15 Jahre ohnehin schon als lebenslänglich. So sieht es wohl aus. Das ist ein Ding der Türken in der Türkei. Ihr Scheiß.

 

Mir bleiben als Deutscher nur die oben genannten Zahl zu interpretieren: Warum wählen so viele Deutschtürken bei uns Erdogan? Auch das kommt mir wie eine sehr ironische Sache vor, denn die Väter und Vorväter die aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind um mit uns dieses Land wieder erfolgreich aufzubauen, scheinen nicht ganz verstanden zu haben WARUM dieses Land aufgebaut werden musste. Ja, ja. Da scheint es so einen Despoten gegeben zu haben, der hat da Krieg gemacht, diese dummen Deutschen. Und 50 bis 60 Jahre später halten die gleichen Leute (nicht alle) und Teile ihrer Nachfahren einen Despoten mit „Präsidialsystem“ für eine geeignet Lösung für ihr Land um es Zukunftstauglich zu machen. Da. Muss einiges schief gegangen sein. Bei den Deutschtürken. Und bei den Deutschen selbst natürlich auch.

Man muss sich ja auch nicht wundern wenn man immer von „Gastarbeitern“ sprach und Parallelgesellschaften hochzog, dass sich die Leute in diesem Land nicht besonders gut integrierten. Klar muss man sich auch integrieren lassen wollen, „Willkommenskultur“ sah aber anders aus. Irgendwann, als die Bezeichnung „Gastarbeiter“ gescheitert war und die Nachkommen der Türken plötzlich Deutschtürken waren und hier nicht mehr weg wollten, sprach man dann von „Multikulti“, was so viel bedeutete, dass man die Parallelgesellschaften akzeptierte und man wenigstens den Versuch einer Integration startete – und als dass nicht innerhalb von ein paar  Jahren geklappt hat, sprach man sofort davon, dass „Multikulti“ gescheitert war. Gescheitert war man aber meiner singulären Meinung nach schon am Anfang, als man die Menschen hier wie Menschen zweiter Klasse behandelte. Eigentlich kein Wunder. Schließlich sind wir die Nachfahren der Nazis…

Natürlich sind die Deutschen nicht alleine an der Geschichte schuld, auch wenn sie sich plötzlich von „Kanaken“ umzingelt sahen. Die ganze deutsch/türkische Geschichte ist kompliziert und von Vorurteilen behaftet.

Was ist eigentlich mit mir selbst? Tja, wie allseits bekannt ist komme ich aus einer Kleinstadt und bin in den 80ger aufgewachsen, was alleine schon selbsterklärend dafür steht, dass ich kaum Türken kenne und kaum welche zu meinen Freunden zählen. Die gibt es hier schon auch, ich habe auch 3 in meiner Facebook-Freundesliste und bin mit einem wirklich echt befreundet, doch hier gibt es einfach keinen Platz um mit den Leuten zusammen zu kommen – und sind wir ehrlich: Wer will das eigentlich? Zwar gibt es immer ein paar Ausreißer die zwischen den Klischees leben (und inzwischen neue gebildet haben) die man dann ja auch kennenlernt und mag, aber wer hat schon Lust sich mit den Großeltern und Eltern solcher Leute auseinander zu setzen?

Jetzt aber die Hände über dem Kopf zusammen zu schlagen und fragen: Wie kann das nur sein, ist auch lächerlich. Irgendwo ist es sogar sehr verständlich, dass es so ist. Ist es sehr erklärbar, warum Leute hier gegen die Demokratie stimme: Weil sie bei ihnen nicht angekommen ist. Weil Demokratie Mitsprache-Recht ist. Auch wenn das oft mit Wohlstand vertauscht wird. Da ist es doch ganz logisch wie man sich verhält, wenn man von Beidem abgeschnitten fühlt.

Ohnehin scheint kaum einer mehr zu wählen weil er für etwas ist oder um was zu unterstützen. Wir leben in einer globalen  DAGEGEN-Kultur. Warum ist das so?

Auf der #PulseofEurope Demonstration

Es soll ja Leute geben, Leute wie mich, die auf einer Demo stehen und sich plötzlich fragen: Bin ich hier eigentlich richtig? Stehe ich überhaupt für das Gleiche, wofür die Typen hier herumstehen? Europa… Europa war für mich doch immer dieses Bürokratie-Monster, das mit mir nichts zu tun hat. Wenigstens war das vor ein paar Jahren so gewesen. Vor der „Flüchtlingskrise“ (komisches Wort in dem Zusammenhang: „Krise“. „Krisen“ enden. Die Flüchtlinge vor Krieg und Armut wird es aber immer geben…). Vor der „AFD“. Vor „Pegida“. Vor dem „IS“. Vor dem neuen kalten Krieg. Heute ist  vieles ganz anders und Dinge die man als selbstverständlich angesehen hat, sind es einfach nicht mehr. Die Sicherheit ist weg.  Nicht nur die innere Sicherheit; die innerste Sicherheit der Menschen ist beschädigt.

Lustig ist: VOR der Krise haben Freunde von mir noch behauptet, dass sie auf ein bisschen Wohlstand verzichten würden, wenn es dadurch den Armen der Welt ein wenig besser gehen würde. Und ein Jahr später nahmen ihnen die Flüchtlinge ihren Wohlstand weg. Wirklich? Wie arm sind wir denn jetzt? Vielleicht doch eher, moralisch arm während wir immer reicher werden?

„Wohlstand“ ist ein Wort, das ich sehr eng mit Europa verbinde. Nicht dass ich überall hin reisen kann, ohne Grenzen zu fürchten. Das ist eine Sache, die andere Leute glücklicher macht als mich. Nein. Ich, WIR sind so reich, dass wir uns auf einem realistischen Level über ein Bedingungsloses Grundeinkommen unterhalten können. Zwar glaube ich nicht, dass dieses Bedingungslose Grundeinkommen umgesetzt wird. Doch wir könnten es uns leisten.

Und wenn man „Wohlstand“ vor „Frieden“ bringt, sagt das eigentlich schon alles aus. Verdammt geht es uns gut heutzutage. Dass hier sin die fetten Jahre. Sie sind noch nicht vorbei. Die „Freiheit“ dagegen ist etwas, dass wir gerade im Begriff sind zu opfern, für „Frieden“ und „Wohlstand“; wir opfern unsere persönliche „Freiheit“ sogar in einem so hohen Maß, dass sich schon die Frage aufdrängt, was „Frieden“ und „Wohlstand“ in dem Zusammenhang noch bedeuten… Denn nichts von unseren Privilegien ist selbstverständlich. Millionen sind dafür gestorben.

Da steht man dann plötzlich mit 2 Hundert anderen vor dem Augsburger Rathaus und demonstriert für Europa. Wofür? Für den Status-quo? Ja genau, für den Status-quo. Das muss man sich einmal überlegen, wie konservativ dass eigentlich ist. Aber es ist richtig. Und man hebt sein Fähnchen in den Wind, welches man dort vorne an dem kleinen Stand bekommen hat. Es zeigt 12 gelbe Sterne auf einem satten, einem deftig selbstzufriedenem Blau…

Niemand behauptet, Europa wäre perfekt. Niemand würde verneinen, dass das Europa in dem wir leben, nicht nur vom Terror, sondern viel mehr vom Kapitalismus bedroht ist. Europa wird sich nicht durch den Terror zerstören lassen – da steht man zusammen. Aber nicht wenige munkeln, dass die Konzerne die Staaten schon längst geschluckt haben…

Vielleicht hätte man früher auf die Straße gehen sollen. Wahrscheinlich hätte man früher zusammen stehen müssen, doch die Zeiten müssen erst richtig alarmierend werden, bevor man sich aufmacht. Dass die europäischen Staaten für sich in Nationalistisches Denken zurückfallen würden, ist kein Wunder. Die Menschen haben Angst vor Neuerungen. Die Menschen haben Angst vor Veränderungen. Die Menschen fürchten die Fremden. Ich auch. Deswegen ist es gar nicht so konservativ zu Europa und brüderlichen Werten zu stehen. Es ist sogar sehr mutig. Denn Europa verändert sich mit der Zeit. Und vielen Menschen geht und ging dass zu schnell. Sie fühlten sich abgehängt, entmündigt und bekamen plötzlich Angst vor der Zukunft, hatten Angst davor zu ENDEN wie die Spanier, Italiener und Griechen, deren Jugend jetzt schon als VERLOREN gilt. Ja. Europa ist eine Maschine die knirscht und kracht. Und die viele Verlierer produziert. Und gerade wegen dieser Verlierer muss Europa wieder europäischer werden. Was die Gleichheit und die Sozialleistungen angeht… Man muss auch ein wenig von seinem Reichtum abgeben können, ohne in Panik zu geraten… Und wir denken gleich nur an „die Faulen“ und „die Schmarotzer“… Dass ist etwas was wir uns nicht einreden lassen dürfen.

Ich weiß gar nicht ob ich das hier wirklich denke, während ich auf dem Rathausplatz stehe und mir die Kinder der Demonstranten etwas von ihrer Zukunft erzählen, die wir doch bitte bewahren sollen (Sätze, die ihre Eltern ihnen eingeflüstert haben, die sie selbst gar nicht verstehen), oder ob es nur der verblendete Traum der Leute hier ist, die die Vergangenheit heller und die Zukunft schöner zeichnen, als die vergangenen Tage es jemals waren und einmal sein könnten. Alles ist voller Kitsch. Politischem Kitsch. Humanitärem Kitsch. Irgendwie glaube ich nicht daran. Aber… Ich würde auch ganz gerne daran glauben. Sowie ich die „Europa-Hymne“ gerne mitsingen würde, in die einige hier einsteigen, während sie aus den Boxen dröhnt; aber ich kann nicht. Ich würde mir dabei nur lächerlich vorkommen…

EUROPA… Dass ist doch nur ein Traum. Eine Phantasmagorie. Eine Fata Morgana, die in Wahrheit ganz anders aussieht, als wir sie uns hier herbeisehnen. Und doch leben wir in diesem merkwürdigen Traum, der auf der einen Seite korrupte, bestechlich und ausgehöhlt ist, während er auf der anderen Seite all das bietet, was ich in den Gesichtern der Leute hier ablesen kann: „Frieden“, „Freiheit“ und „Wohlstand“.

Ja. Es ist merkwürdig für den Erhalt des Status-Quo zu demonstrieren. Das ist wie für die eigene Selbstzufriedenheit auf die Straße zu gehen. Und doch kann ich nichts Falsches daran feststellen. Denn ich würde Leuten denen es nicht so gut geht wie uns, das Gleiche gönnen. Ganz egal ob sie in Italien, Griechenland oder in Nord-Afrika leben. Oder in der Zukunft.

Plötzlich sind wir wieder alle Christen?

Kaum auszuhalten sind diese Religionsdebatten, die einem jetzt von überall aufs Auge gedrückt werden. Die Menschen haben Angst vor Überfremdung, das kann man verstehen, vor anderen Kulturen auch, ja. Doch ebenso wenig wie ich als Europäer Angst vor dem Islam haben muss, muss ich mich jetzt auch nicht von den Christen vollquatschen lassen, dass wir doch alle hier Christen sind und man jetzt im Glauben zusammenhalten muss: Gegen die Anderen die da kommen.

Ne.

In dieser lächerlichen Debatte wird gerne vergessen, dass seit Jahren die Leute massenweise aus den christlichen Kirchen austreten und jetzt über die Flüchtlingshysterie versucht wird, durch die Angst vor den Moslems sie da wieder hineinzubekommen.

Demokrat oder Europäer zu sein heißt aber nicht zwangsläufig Christ sein zu müssen, es kann auch heißen diesen ganzen Religionsquatsch überwunden zu haben und davon einfach nur gelangweilt, sowie  im besten Fall tolerant gegenüber den Gläubigen, zu sein. Warum wir keine Angst vor dem Islam haben? Weil wir das Christentum als Staatsreligion überwunden haben, wieso sollten wir nicht den Islam ebenso überwinden und als das tolerieren was er ist? Nämlich jedem seine eigene Entscheidung was er denkt, glaubt, fühlt oder macht, solange es nicht gegen unsere freiheitlichen Werte verstößt.

Da stellt es einem wirklich die Zehennägel auf wenn so Originale wie Margot Käßmann daherkommen und behaupten, dass der beste Schutz vor Angst über die Islamisierung ein regelmäßiger Kirchenbesuch ist. Das würde ich vielleicht auch sagen wenn ich für den Verein arbeite.

Wenn dann aber auch noch die Kanzlerin zu christlichen Werten rät (derselbe Artikel oben im Link) ist das schon ziemlich heikel. Denn die ruft hoffentlich nicht vorher im Vatikan an, bevor sie wichtige Entscheidungen für „ihr Volk“ trifft (okay, wichtige Entscheidungen trifft die Merkel eh erst wenn alles fast zu spät ist, ihr wisst schon was ich meine).

Es reicht schon ein guter Mensch zu sein, der auch so handelt. Kirchensteuer und anderen  Firlefanz bedarf es dazu nicht.

Es geht nicht um CHRISTLICHE WERTE. Obwohl ich gegen die gar nichts habe. Es geht darum, was sich die Menschen aus dieser Leitreligion aufgebaut haben, dieses gilt es zu leben und zu verteidigen. Und europäische Werte zu verteidigen heißt in diesem Fall auch, fremde Menschen ganz gleich welcher Religion die Hilfe brauchen nicht einfach ihrem Schicksal zu überlassen, wenn sie vor unserer Haustüre stehen. Damit verteidigen wir unsere Werte: In dem wir sie rein lassen. Klingt ironisch. Ist aber so. Denn das ist es was uns ausmacht. Und dazu muss ich nicht sonntags in die Kirche gehen, sondern mein Herz öffnen.